1. Da das Heer jetzt nichts mehr zu morden und zu rauben hatte, und die Erbitterung sich vergeblich nach einem Gegenstand umsah, an dem sie sich hätte sättigen können (aus blossem Mitgefühl nämlich würden die Soldaten wohl an keinem vorübergegangen sein), befahl der Caesar, die ganze Stadt und den Tempel zu schleifen. Nur die Türme Phasael, Hippikus und Mariamne, welche die anderen überragten, sowie die westliche Strecke der Ringmauer sollten stehen bleiben: letztere, um ein festes Lager für die künftige Besatzung bilden zu helfen, die Türme aber, um der Nachwelt Zeugnis zu geben, wie herrlich und wie stark befestigt die Stadt war, die der römischen Tapferkeit erlag. Alle übrigen Teile der Stadtmauer machten die Sieger so völlig dem Erdboden gleich, dass fremde Ankömmlinge kaum hätten glauben sollen, die Stätte sei jemals bewohnt gewesen. Ein so trauriges Ende nahm die prächtige, weltberühmte Stadt Jerusalem infolge des Wahnsinns der Empörer.
2. Als Besatzung beschloss der Caesar die zehnte Legion sowie einige Reiterschwadronen und kleinere Abteilungen Fussvolk zurückzulassen. Nachdem er nunmehr mit allen kriegerischen Operationen zu Ende war, verlangte es ihn, dem gesamten Heere wegen der glänzenden Erfolge seine Anerkennung auszusprechen und denen, die sich hervorgethan, die verdienten Belohnungen zuzuteilen. Zu diesem Zweck liess er inmitten des früheren Lagers eine grosse Tribüne errichten, bestieg dieselbe mit den höheren Offizieren und hielt, weithin vernehmlich, an das versammelte Heer folgende Ansprache: „Dank, vielen Dank sage ich euch für die gute Gesinnung, die ihr mir gegenüber an den Tag legtet, und die sich bis jetzt stets gleich geblieben ist. Des weiteren lobe ich euren Gehorsam, den ihr während des ganzen Krieges trotz vieler und schwerer Gefahren neben grosser persönlicher Tapferkeit bewiesen habt, um auch eurerseits dazu beizutragen, dass die Herrschaft eures Vaterlandes ausgebreitet werde, und um der Welt zu zeigen, dass weder ein an Zahl überlegener Gegner, noch starke Festungswerke, noch grosse Städte, noch unsinnige Tollkühnheit und tierische Wildheit den römischen Waffen trotzen können, selbst wenn die Feinde hin und wieder vom Glück begünstigt werden. Wir haben nun den langwierigen Krieg so rühmlich zu Ende geführt, wie wir es bei seinem Beginn nur wünschen konnten. Aber nooh rühmlicher und ehrenvoller ist es für euch, dass der Herrscher und Lenker des römischen Reiches, den ihr erwählt und in die Heimat vorausgeschickt habt, weit und breit mit Jubel begrüsst wird, dass man allenthalben eurem Beschlüsse zustimmt und euch, den Wählern, dafür Dank weiss. Euch allen zolle ich darum meine Bewunderung und Achtung; weiss ich doch, dass bei keinem von euch der gute Wille hinter dem Erreichbaren zurückgeblieben ist. Denen aber, die, mit grösserer Körperkraft ausgerüstet, sich im Kampfe besonders ausgezeichnet, ihr Leben mit Heldenthaten geschmückt und den Ruhm meines Heeres durch siegreiche Unternehmungen erhöht haben, will ich jetzt die entsprechenden Preise und Belohnungen verleihen, und keiner, der mehr als andere zu leisten sich bemühte, soll der gebührenden Anerkennung verlustig gehen. Gar sehr nämlich liegt mir dies am Herzen, wie ich denn überhaupt viel lieber das wackere Verhalten meiner Kriegsgefährten belohne, als ihre Fehler bestrafe.“
3. Sogleich befahl er alsdann den damit beauftragten Personen, diejenigen zu verlesen, die während des Krieges irgend eine glänzende That vollbracht hatten. Wie sie nun an ihm vorüberzogen, redete er sie Mann für Mann mit Namen an, lobte sie und zeigte eine Freude, wie wenn die einzelnen Heldenthaten von ihm selbst verrichtet worden wären. Zugleich bedachte er sie mit goldenen Kränzen, goldenen Halsketten, grossen goldenen Speeren, oder schenkte ihnen silberne Feldzeichen, und liess jeden in einen höheren Bang aufrücken. Auch verteilte er aus der Kriegsbeute noch Gold, Silber, kostbare Kleidungsstücke und andere Gegenstände in Hülle und Fülle. Als er in dieser Weise ihnen allen die verdiente Auszeichnung zuerkannt hatte, sprach er einen Segenswunsch über das Heer, stieg unter dem Jubel der Menge von der Tribüne herab und liess die Siegesopfer darbringen. Vor den Altären stand schon eine Masse von Stieren bereit; diese wurden jetzt geschlachtet, ihr Fleisch verteilt und dem Heere dadurch ein reichliches Mahl verschafft. Er selbst schmauste mit den Offizieren drei Tage lang und entliess sodann die fremden Truppen, wohin es ihnen beliebte. Der zehnten Legion übertrug er die Bewachung von Jerusalem, anstatt sie wieder über den Euphrat zu schicken, wo sie früher gestanden hatte. Die zwölfte Legion dagegen, der er nicht vergessen konnte, dass sie einst unter Cestius vor den Juden zurück ge wichen war, verwies er gänzlich aus Syrien, wo sie ehedem in Raphanaea gelegen hatte, und schickte sie nach Melitene, einer Landschaft am Euphrat auf der Grenze zwischen Arme- nien und Kappadocien. Zwei Legionen, die fünfte und fünfzehnte, wollte er bis zu seiner Ankunft in Aegypten bei sich behalten. Hierauf zog er mit seiner Streitmacht nach Caesarea am Meer, wo er auch die unermessliche Beute unterbringen und die Kriegsgefangenen bewachen liess. Die Abfahrt nach Italien nämlich verhinderte der Winter.
1. Um die Zeit, da der Caesar Titus die Belagerung Jerusalems eben am eifrigsten betrieb, bestieg Vespasianus in Alexandria ein Kauffahrteischiff und setzte nach Rhodus über. Von hier fuhr er auf Dreiruderern weiter, besuchte sämtliche Städte, an denen sein Weg ihn vorbeiführte, und ward überall mit Glück- und Segenswünschen empfangen. Alsdann setzte er von Ionien nach Griechenland und weiterhin von Kerkyra nach dem Japygischen Vorgebirge über, von wo er seine fernere Reise vollends zu Land ausführte. Unterdessen brach Titus von Caesarea am Meer auf und begab sich nach Caesarea Philippi, wo er längere Zeit verweilte und mancherlei Spiele aufführen liess. Eine Menge Kriegsgefangener fand dabei den Tod, indem sie entweder den wilden Tieren vorgeworfen oder gezwungen wurden, haufenweise miteinander zu kämpfen. Hier war es auch, wo Titus die Gefangennahme Simons, des Sohnes des Gioras, erfuhr, die sich folgendennassen zutrug. Simon hatte bekanntlich während der Belagerung Jerusalems die obere Stadt inne. Als aber das Römerheer innerhalb der Mauern war und die ganze Stadt verwüstete, nahm er seine vertrautesten Freunde samt einigen Steinhauern sowie die nötigen eisernen Werkzeuge für die letzteren und Proviant, der für mehrere Tage reichen konnte, mit und begab sich in Begleitung dieser Männer in eines der finsteren Gelasse. So lange nun der alte Gang fortlief, folgten sie demselben; als sie aber auf festes Erdreich stiessen, gruben sie weiter in der Hoffnung, bei fernerem Vordringen an einer sicheren Stelle hervorschlüpfen und sich auf diese Weise retten zu können. Beim wirklichen Versuch indes mussten sie sich gar bald von der Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen überzeugen; denn die Arbeiter waren unter grossen Anstrengungen nur wenige Schritte vorwärts gekommen, als die Lebensmittel, so sparsam man auch mit ihnen umgegangen war, auszugehen drohten. Da zog Simon, um die Römer durch Erregung von Schrecken zu täuschen, einen weissen Leibrock an, befestigte darüber ein purpurnes Obergewand und stieg an derselben Stelle, wo früher der Tempel gestanden hatte, aus der Erde empor. Zuerst ward es den Soldaten, die ihn sahen, gruselig, und sie blieben stehen; dann aber traten sie näher und riefen ihn mit „Wer da“ an. Simon gab ihnen hierauf keine Antwort, sondern ersuchte sie, den Feldherrn zu holen. Eiligst liefen sie zu Terentius Rufus, der auch sogleich erschien; er war nämlich als Befehlshaber des Heeres zurückgeblieben. Als er nun von Simon den ganzen Sachverhalt erfuhr, liess er ihn fesseln und bewachen und teilte dem Caesar mit, auf welche Weise man seiner habhaft geworden. So gab Gott den Simon zur Strafe für die Tyrannisierung seiner Mitbürger, gegen die er so schrecklich gewütet hatte, seinen Todfeinden in die Hand, und zwar sollte er nicht mit Gewalt von ihnen bezwungen werden, sondern freiwillig sich ihnen zur Bestrafung stellen und so dasselbe thun müssen, um dessetwillen er so viele auf die falsche Anklage hin, dass sie es mit den Römern hielten, grausam hatte ermorden lassen. Denn wie die Bosheit dem Zorne Gottes nicht entfliehen kann, so ist auch seine Gerechtigkeit nicht kraftlos, sondern ereilt im Laufe der Zeit stets diejenigen, die sich gegen sie vergangen haben, und sucht die Bösen mit einer Strafe heim, die um so empfindlicher ist, als sie derselben schon entronnen zu sein glauben, weil sie nicht augenblicklich der That folgte. Das erfuhr auch Simon, als er der Rache der Römer anheimfiel. Sein Auftauchen aus dem Schoss der Erde bewirkte übrigens, dass in jenen Tagen auch die anderen Aufrührer noch massenhaft in den unterirdischen Gängen entdeckt wurden. Als Titus nun nach Caesarea am Meer zurück gekehrt war, führte man ihm den Tyrannen gefesselt vor, wonach er befahl, ihn für den Triumph aufzubewahren, den er in Rom zu feiern gedachte.
1. Während seines dortigen Aufenthaltes beging er aufs glänzendste den Geburtstag seines Bruders und liess ihm zu Ehren wieder eine Menge gefangener Juden töten; mehr als zweitausendfünfhundert betrug die Zahl derer, die teils in den Tiergefechten, teils auf dem Scheiterhaufen, teils in den Kämpfen miteinander zu Grunde gingen. Aber trotz all dieser und unzähliger sonstiger Todesarten, denen die Juden erlagen, schien den Römern die Strafe für die Empörer noch nicht schwer genug. Hierauf begab sich der Caesar nach Berytus, einer römischen Kolonie in Phoenicien, wo er längere Zeit verweilte und, um den Geburtstag seines Vaters zu feiern, für prächtige Spiele und sonstigen Pomp den denkbar grössten Aufwand machte. Auch hier musste auf die gleiche Weise wie früher wieder eine Menge Gefangener das Leben lassen.
2. Um diese Zeit gerieten auch die Juden zu Antiochia, die bisher von kriegerischen Drangsalen verschont geblieben waren, in schlimmen Verdacht und schwere Lebensgefahr. Der dortigen Bürgerschaft nämlich hatte sich eine gewaltige Erregung bemächtigt, teils infolge von Beschuldigungen, die in jüngster Zeit gegen die Juden erhoben worden waren, teils auch wegen einiger älteren Vorfälle. Letztere muss ich ganz kurz schildern, um die Erzählung der späteren Begebenheiten verständlich zu machen.
3. Das jüdische Volk lebt bekanntlich unter den Bewohnern der verschiedenen Länder über die ganze Erde zerstreut; am meisten aber ist es in der seinem Stammlande benachbarten Provinz Syrien und hier wieder vorzugsweise in Antiochia wegen der Grösse dieser Stadt mit der übrigen Bevölkerung vermischt. Auch war ihnen ja von den Königen nach Antiochus daselbst freie Niederlassung zugestanden worden. Dieser Antiochus, mit dem Beinamen Epiphanes, hatte Jerusalem zerstört und den Tempel geplündert; seine Nachfolger auf dem Thron aber hatten alle ehernen Weihgeschenke den Juden zu Antiochia gegeben, sie in deren Synagoge gestiftet und ihnen dieselben bürgerlichen Rechte wie den Griechen verliehen. Auch die späteren Könige behandelten sie in gleicher Weise, und da sich infolgedessen ihre Zahl beträchtlich vermehrte, verschönerten sie ihr Heiligtum durch kunstvolle und prächtige Geschenke und zogen eine Menge Griechen zu ihrem Glauben herüber, wodurch sie diese gewissennassen zu einem Bestandteil ihrer eigenen Gemeinde machten. Um die Zeit der Kriegserklärung nun, als Vespasianus neuerdings in Syrien gelandet war und allenthalben die Flamme des Judenhasses mächtig emporschlug, trat ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Namens Antiochus, der um seines Vaters, des Vorstehers der antiochenischen i S. II, 18,. Judenschaft, willen hohes Ansehen genoss, im Theater vor der dort versammelten Bürgerschaft auf und klagte seinen eigenen Vater und die übrigen Juden an, als gingen sie mit dem Plan um, in einer bestimmten Nacht die ganze Stadt in Brand zu stecken. Zugleich lieferte er einige fremde Juden als angebliche Teilhaber der Verschwörung in die Hände der Antiochener. Diese vermochten sich vor Zorn darüber nicht zu halten und liessen unverzüglich für die Ausgelieferten im Theater einen Scheiterhaufen errichten, auf dem dieselben denn auch samt und sonders verbrannt wurden. Alsdann schickten sich die Griechen an, über ihre jüdischen Mitbürger herzufallen; sie glaubten eben, ihre Vaterstadt um so sicherer retten zu können, je schneller sie an ihnen Rache nähmen. Antiochus fachte ihre Erbitterung noch weiter an, und um von seiner Sinnesänderung und von seinem Hass gegen die jüdischen Religionsgebräuche einen Beweis zu geben, opferte er nicht nur selbst nach griechischer Sitte, sondern machte auch den Vorschlag, die übrigen gleichfalls dazu zu nötigen; an der Weigerung werde man dann die Verschwörer erkennen. Die Antiochener machten auch wirklich die Probe, aber nur wenige Juden liessen sich darauf ein; die Widerspenstigen wurden hingerichtet. Antiochus erhielt nun vom römischen Statthalter Soldaten, mit deren Hilfe er seine Mitbürger aufs schlimmste bedrängte. Er verbot ihnen, am Sabbat zu feiern, zwang sie, alle werktäglichen Arbeiten an demselben zu verrichten, und wusste seinen harten Massregeln solchen Nachdruck zu geben, dass nicht nur in Antiochia, sondern nach dem Vorgang dieser Stadt auch anderwärts die Feier des Sabbats eine Zeitlang auf hörte.
4. Bald nachdem die Juden zu Antiochia dieses Leid erduldet, traf sie ein zweiter Unglücksfall, zu dessen näherem Verständnis eben die vorstehende Erzählung beitragen sollte. Es begab sich nämlich, dass der viereckige Markt, das Rathaus, das Archiv und der Königspalast abbrannten; nur mit äuss erster Anstrengung JosephuB, Jüdischer Krieg. 40 konnte man ein Übergreifen des Feuers auf die ganze Stadt verhüten. Antiochus bezichtigte nun die Juden der Brandstiftung, und selbst wenn die Antiochener nicht schon vorher so schlecht auf sie zu sprechen gewesen wären, hätte doch diese Verleumdung in der ersten Aufregung über das Unglück wirken müssen. Dadurch aber, dass Antiochus sich auch noch auf. den früheren Vorfall berief, wusste er seine Angaben erst recht glaublich zu machen, sodass die Antiochener, als hätten sie mit eigenen Augen die Juden den Feuerbrand schleudern sehen, sich wie rasend auf die Verleumdeten stürzen wollten. Nur mit Mühe gelang es dem Legaten Cnejus Collega, ihre Aufregung zu beschwichtigen, indem er verlangte, dass man ihn über das Geschehene zunächst nach Rom berichten lassen solle; Caesennius Paetus nämlich, den Vespasianus zum Statthalter von Syrien ernannt und bereits dorthin geschickt hatte, war noch nicht angekommen. Durch genaue Untersuchung ermittelte übrigens Collega den wahren Sachverhalt: von den Juden, die Antiochus beschuldigt hatte, war keiner mit dabeigewesen, sondern der ganze Brand stellte sich als das Werk einiger ruchlosen Menschen heraus, die in hohem Grade verschuldet waren und geglaubt hatten, man werde, wenn sie das Rathaus und die städtischen Urkunden durch Feuer vernichteten, keine Anforderung mehr an sie stellen können. So lange aber die Untersuchung noch im Gange war, schwebten die Juden hinsichtlich der Zukunft in angstvoller Erwartung.
1. Als dem Caesar Titus gemeldet ward, wie sehr sein Vater von allen Städten Italiens erwartet worden sei und wie besonders Rom ihm den herzlichsten und glänzendsten Empfang bereitet habe, erfüllte ihn diese willkommene Zerstreuung seiner Besorgnisse mit denkbar innigster Freude. Denn selbst als Vespasianus noch in weiter Ferne war, schlugen ihm bereits alle Herzen in Italien entgegen, wie wenn er schon da wäre: die blosse Erwartung erzeugte — so gross war das Verlangen nach ihm — schon den Eindruck seiner wirklichen Ankunft, und dabei war die allgemeine Zuneigung durchaus frei von jedem Zwang. Der Senat, eingedenk des Unheils, das der rasche Wechsel in der Besetzung des Thrones zur Folge gehabt, wünschte sich Glück, einen durch ehrwürdiges Alter und den Vollglanz kriegerischer Thaten ausgezeichneten Imperator zu erhalten. von dem man überzeugt sein konnte, dass er seine hohe Stellung nur zum Besten seiner Unterthanen benutzen würde. Das Volk aber, durch die inneren Wirren fast aufgerieben, sah seiner Ankunft mit noch grösserem Verlangen entgegen, weil es nicht nur sichere Befreiung von seinen bisherigen Leiden, sondern auch geordnete Verhältnisse und Wohlstand vertrauensvoll erwartete. Das Heer vollends schaute mit besonderer Zuversicht auf ihn; kannte es doch am besten die Bedeutung der von ihm so glücklich beendeten Kriege. Zudem bekundeten die Soldaten, die die Unfähigkeit und Feigheit der anderen Imperatoren zur Genüge erfahren hatten, den lebhaften Wunsch, so manche frühere Schmach zu tilgen, weshalb sie ihn als den Mann ersehnten, der allein ihre Macht und Ehre wiederherstellen könne. Da somit alle Klassen der Bevölkerung das grösste Wohlwollen für ihn an den Tag legten, konnten die angesehenen Männer der Stadt es nicht über sich bringen, ihn in Rom zu erwarten, sondern eilten ihm bis weit vor die Stadt entgegen. Aber auch den anderen Bürgern war jeder Aufschub der Begegnung unerträglich; sie strömten daher in grossen Scharen hinaus, und da ihnen das Gehen lieber und leichter als das Bleiben war, überkam die Stadt zum erstenmal ein angenehmes Gefühl der Entvölkerung — denn die Zahl derer, die ihm entgegenzogen, überwog die der Zurückbleibenden um ein bedeutendes. Als nun endlich sein Herannahen gemeldet wurde und die Vorausgeeilten die grosse Leutseligkeit rühmten, mit der er jedermann beglücke, da wollte die gesamte übrige Bevölkerung ihn am Wege empfangen, und wo er vorüberkam, begeisterte sein freundliches Wesen und der milde Ausdruck seines Antlitzes die Menge zu den verschiedensten Zurufen, die ihn als Wohlthäter, Retter und allein würdigen Beherrscher Roms bezeichn eten. Vor lauter Kränzen und Räucherwerk sah übrigens die Stadt fast wie ein Tempel aus. Nur mit Mühe konnte der Gefeierte durch die Masse des ihn umdrängenden Volkes hindurch in den Palast gelangen, wo er sogleich den Hausgöttern Dankopfer für seine glückliche Ankunft darbrachte. Das Volk aber machte sich unterdessen an die Schmausereien: nach Stämmen, Geschlechtern und Nachbarschaften liessen sich die Einwohner Roms zu den Mahlzeiten nieder und flehten unter Ausgiessung von Trankopfern die Gottheit an, dass sie Vespasianus selbst noch viele Jahre dem römischen Reiche erhalten und seinen Söhnen wie deren spätesten Nachkommen den Thron unbestritten bewahren möge. Seit diesem freudigen Empfange, den Rom dem Vespasianus bereitet hatte, nahm die Stadt ersichtlich an Wohlstand zu.
2. Geraume Zeit vorher, als Vespasianus noch in Alexandria weilte und Titus der Belagerung Jerusalems oblag, empörte sich ein grosser Teil der Germanen, mit denen die benachbarten Gallier gemeinsame Sache machten: vereint hegten sie grosse Hoffnung, das römische Joch von sich abschütteln zu können. Was die Germanen zum Abfall und zu kriegerischen Unternehmungen trieb, war zunächst ihr Volkscharakter, vermöge dessen sie, vernünftigen Ratschlägen unzugänglich, bei der geringsten Aussicht auf Erfolg sich blindlings in Gefahren stürzen; dann aber auch der Hass gegen ihre Zwingherren, weil sie wissen, dass ihr Volk noch von niemand ausser den Römern bezwungen worden ist. Zumeist jedoch machte die allgemeine Weltlage ihnen Mut. Da sie nämlich die römische Weltherrschaft infolge des häufigen Wechsels der Imperatoren innerlich erschüttert sahen und Kunde davon erhielten, wie alle Teile des gewaltigen Reiches in Verwirrung und Schwankung sich befänden, glaubten sie diese Verlegenheiten und Misshelligkeiten der Römer in geschickter Weise für sich ausbeuten zu können. Aufgereizt und mit solchen Hoffnungen erfüllt wurden sie von ihren Anführern Classicus und Vitellius, die offenbar schon lange den Aufruhr geplant hatten, aber erst jetzt, durch die Zeitumstände ermutigt, ihre Gedanken verlauten liessen und sich anschickten, mit den ohnehin dazu geneigten Völkerschaften den Versuch zu wagen. Schon hatten die meisten Stämme der Germanen sich dem Aufstand angeschlossen und die übrigen ihren baldigen Beitritt in Aussicht gestellt, als Vespasianus wie auf einen Wink der Vorsehung dem früheren Statthalter in Germanien, Petilius Cerealis, ein Schreiben zusandte, worin er ihm den Titel eines Konsuls verlieh und den Befehl erteilte, zur Übernahme der Verwaltung nach Britannien zu gehen. Auf der Reise nach seinem Bestimmungsort kam nun dem Cerealis die Kunde von dem Abfall der Germanen zu, und da dieselben sich bereits gesammelt hatten, überfiel er sie, brachte ihnen in förmlicher Schlacht schwere Verluste bei und zwang sie dadurch, ihr tolles Unternehmen aufzugeben und zu vernünftiger Überlegung zurückzukehren. Sie wären übrigens, auch wenn Cerealis nicht so schnell in ihrem Lande sich eingefunden hätte, für ihr Beginnen doch in kurzem gezüchtigt worden. Denn kaum war die Nachricht von ihrem Abfall nach Rom gelangt, als der Caesar Domitian us, ohne, wie ein anderer in seinem noch ganz jugendlichen Alter gethan haben würde, sich lange zu besinnen, seiner vom Vater ererbten Tapferkeit und einer für seine Jahre mächtig gereiften Kriegserfahrung gemäss ans Werk ging und sogleich gegen die Barbaren auf brach. Das blosse Gerücht von seinem Anrücken nahm ihnen völlig den Mut, und so unterwarfen sie sich ihm aus Angst und betrachteten es schon als Gewinn, dass sie, ohne besonderen Verlust erlitten zu haben, sich wieder unter das vorige Joch beugen durften. Nachdem Domitianus hierauf in Gallien solche Vorkehrungen getroffen, dass nicht so leicht wieder ein Aufstand daselbst ausbrechen konnte, zog er, ruhmbedeckt und ausgezeichnet durch Grossthaten, die zwar nicht von seinem Alter, wohl aber von dem Sohne eines solchen Vaters sich erwarten liessen, in Rom wieder ein.
3. Zugleich mit der Nachricht von dem oben erwähnten Aufstand der Germanen lief auch die von einer skythischen Empörung in Rom ein. Der volkreiche Skythenstamm der Sarmaten nämlich war unbemerkt über den Ister nach Moesien vorgedrungen, hatte dann mit grossem Ungestüm und, besonders furchtbar durch das völlig Unerwartete seines Angriffs, sich auf die Römer geworfen, einen grossen Teil der dortigen Besatzungstruppen niedergemacht, den Legaten Fontejus Agrippa nach kräftiger Gegenwehr getötet und das ganze den Römern unterworfene Land plündernd und verwüstend durchzogen. Als Vespasianus diese Vorgänge und die Verheerung Moesiens erfuhr, sandte er, M I \/CUSlTY '0f C - 1 1'rOH l um die Barmaten zu züchtigen, den Kubrius Gallus ab, dem es denn auch gelang, einen grossen Teil der Empörer auf dem Schlachtfeld zu töten, während die übrigen entsetzt in ihre Heimat flohen. Hiermit war der Krieg zu Ende, und der Feldherr sorgte nun auch für die künftige Sicherheit der Gegend, indem er sie mit zahlreicheren und stärkeren Besatzungen versah, sodass den Barbaren der Übergang über den Ister fortan ganz unmöglich wurde. So ward der Kampf in Moesien schnell entschieden.
1. Eine Zeitlang hielt sich also der Caesar Titus, wie oben erwähnt, in Berytus auf. Von dort besuchte er dann der Reihe nach die Städte Syriens und gab in jeder derselben prunkvolle Spiele, bei denen jüdische Kriegsgefangene durch ihren Tod die Schaulust befriedigen mussten. Auf dieser seiner Reise besichtigte er auch einen seiner natürlichen Beschaffenheit wegen gar merkwürdigen Fluss, der mitten zwischen Arkaea im Königreich des Agrippa und Raphanaea dahinströmt und eine wunderbare Eigenschaft besitzt. So lange er nämlich fliesst, ist er wasserreich und hat ein ziemlich starkes Gefälle; sechs volle Tage aber versiegt er von der Quelle an, sodass sein ganzes Bett trocken liegt. Dann strömt er am siebenten Tage, wie wenn keine Unterbrechung erfolgt wäre, wieder regelmässig und hält diese Ordnung stets genau ein, weshalb man ihn auch — nach dem heiligen siebenten Tage der Juden — Sabbatfluss genannt hat.
2. Als die Bewohner von Antiochia erfuhren, dass Titus sich der Stadt nähere, vermochten sie sich vor Freude nicht mehr innerhalb ihrer Mauern zu halten, sondern zogen ihm eilenden Fusses mehr als dreissig Stadien weit entgegen, und zwar strömten nicht nur die Männer, sondern auch eine Menge Weiber und Kinder zur Stadt hinaus. Wie sie ihn nun von fern erblickten, stellten sie sich zu beiden Seiten des Weges auf, streckten ihm zur Begrüssung die Hände entgegen und geleiteten ihn unter mancherlei freudigen Zurufen in die Stadt. In alle ihre Glückwünsche vergassen sie übrigens nicht die beharrliche Bitte einzuflechten, Titus möge die Juden aus der Stadt vertreiben lassen. Der Caesar aber ging darauf nicht ein, sondern hörte die Klagen stillschweigend an. Gleichwohl schwebten die Juden, da es ungewiss war, was er zu thun vorhatte, eine Zeitlang in peinlicher Angst. Titus hielt sich nämlich in Antiochia nicht auf, sondern reiste alsbald nach Zeugma am Euphrat weiter. Hier erwartete ihn eine Gesandtschaft des Partherkönigs Vologeses, die ihm aus Anlass seines Sieges über die Juden einen goldenen Kranz überreichte. Er nahm das Geschenk an, liess die Gesandten reichlich bewirten und kehrte dann wieder nach Antiochia zurück. Der inständigen Bitte des Stadtrates und der Bürgerschaft, in ihr Theater zu kommen, wo das versammelte Volk seiner harrte, gab er freundlichst nach; als sie ihm indes hartnäckig zusetzten und stürmisch die Vertreibung der Juden aus der Stadt verlangten, erteilte er ihnen die treffende Antwort: „Aber die Hauptstadt der Juden, in die man sie verweisen müsste, ist doch zerstört, und keinen Ort giebt es mehr, der sie aufnehmen würde“ Mit diesem Anliegen abgewiesen, brachten die Antiochener alsbald ein zweites vor: Titus möge die ehernen Tafeln, auf denen die Gerechtsame der Juden geschrieben standen, für ungiltig erklären. Aber auch diese Bitte gewährte er ihnen nicht, sondern liess alles bezüglich der Juden zu Antiochia beim alten. Hierauf reiste er nach Aegypten ab. Als er nun an Jerusalem vorüberkam und die traurige Verödung mit der einstigen Pracht der Stadt verglich, auch die Grösse der geschleiften Bauwerke sowie deren ehemalige Schönheit sich ins Gedächtnis rief, da empfand er inniges Mitleid mit dem Untergang der Stadt, und anstatt sich, wie mancher an seiner Stelle gethan haben würde, mit der Eroberung einer so gewaltigen Festung zu brüsten, verwünschte er vielmehr ein über das anderemal die Anstifter der Empörung, die das schreckliche Strafgericht über die Stadt herauf beschworen hatten, und bekundete dadurch, wie wenig es in seiner Absicht gelegen habe, seine Tapferkeit an der Vernichtung der Gestraften zu erweisen. Von den ungeheuren Reichtümern der Stadt wurde übrigens in den Trümmern noch ein gut Teil aufgefunden, und so viel auch die Römer schon herausgegraben hatten, die Angaben der Gefangenen führten doch immer wieder zu erneuter Entdeckung von Gold, Silber und anderen kostbaren Gegenständen, welche die Besitzer im Hinblick auf die ungewissen Wechselfälle des Krieges in der Erde verborgen hatten.
3. Titus setzte nun die beschlossene Reise nach Aegypten fort, durcheilte so schnell wie möglich die Wüste und langte in Alexandria an, von wo er nach Italien überzusetzen beabsichtigte. Zunächst entliess er die beiden Legionen, die ihn begleitet hatten, in ihre früheren Standquartiere, die fünfte nach Moesien, die fünfzehnte nach Pannonien; dann gab er Befehl, aus den Kriegsgefangenen die Anführer Simon und Joannes sowie weitere siebenhundert durch Grösse und Schönheit hervorragende Männer auszulesen und dieselben unverzüglich nach Italien zu befördern, weil er sie im Triumph aufzuführen gedachte. Seine eigene Überfahrt ging nach Wunsch von statten, und Rom rüstete sich, ihn ähnlich wie seinen Vater zu empfangen und ihm entgegenzugehen. Besonders ehrenvoll war es für Titus, dass sein Vater selbst ihm entgegenzog und ihn begrüsste, und der Bevölkerung gewährte es eine fast himmlische Freude, die drei hohen Häupter nun beisammen zu sehen. Wenige Tage darauf beschlossen die letzteren, den Triumph zur Feier ihrer Thaten gemeinsam zu begehen, obwohl der Senat jedem von ihnen einen besonderen Triumph bewilligt hatte. Weil nun der Tag, an dem die Feier des Siegesfestes Btattfinden sollte, vorher bekannt gemacht wurde, blieb von der äusserst zahlreichen Bevölkerung Roms auch nicht ein Mann zu Hause: jedes Plätzchen, wo man noch eben stehen konnte, war besetzt und nur so viel Raum übrig gelassen worden, als der Vorbeizug — wollte man überhaupt etwas sehen — unbedingt erforderlich machte.
4. Nachdem noch während der Nacht das gesamte Heer in Reih und Glied unter seinen Führern ausgerückt und vor den Thoren — nicht des oberen Palastes, sondern in der Nähe des Isistempels, wo die Imperatoren ihre Nachtruhe gehalten hatten — aufgestellt war, traten beim Beginn der Morgenröte Vespasianus und Titus lorbeerbekränzt und mit dem üblichen Purpurgewand bekleidet hervor und schritten nach der Halle der Octavia. Hier harrten der Senat, die obersten Beamten und die Vornehmsten aus dem Ritterstande ihrer Ankunft. Vor der Halle war eine Tribüne errichtet, auf welcher elfenbeinerne Sessel für sie bereit standen. Kaum hatten sie sich dorthin begeben und Platz genommen, als das Heer ein Jubelgeschrei erhob und laut die glänzenden Thaten der Gefeierten pries. Auch die Soldaten waren ohne Waffen, in seidenen Kleidern und mit Lorbeer bekränzt. Vespasianus nahm nun zunächst ihre Glückwünsche entgegen, machte jedoch bald durch ein Zeichen, das Schweigen gebot, den weiteren Herzensergiessungen ein Ende. Als hierauf allseitig tiefe Stille eingetreten war, erhob er sich, verhüllte sein Haupt fast ganz mit dem Gewand und sprach das herkömmliche Gebet; dasselbe that auch Titus. Nach dem Gebet hielt Vespasianus an sämtliche Anwesende insgemein eine kurze Ansprache und entliess sodann die Soldaten zu dem bei dieser Gelegenheit üblichen, von den Imperatoren ihnen bereiteten Mahle. Er selbst begab sich an das Thor, welches nach den Triumphzügen benannt ist, die der Sitte gemäss durch dasselbe ihren Weg nehmen. 'Hier stärkten sich die drei durch einen Imbiss, kleideten sich in die Triumphgewänder, brachten den Göttern, die bei dem Thore ihren Tempel haben, ein Opfer dar und liessen den Zug beginnen, der sich alsdann durch die Theater bewegte, damit das Volk ihn besser sehen könne.
5. Unmöglich ist es, die Menge der hierbei gezeigten.Sehenswürdigkeiten, die überwältigende Pracht der Kunstwerke, Luxusgegenstände und Naturseltenheiten, wie man sie nur immer ersinnen mag, gebührend zu schildern. Denn beinahe alles Bewundernswerte und Kostbare, das begüterte Menschen jemals einzeln in ihren Besitz gebracht haben und das bei jedem Volke wieder anderer Art ist, war an diesem Tage in kolossaler Menge beisammen, um einen Begriff von der Grösse des römischen Reiches zu geben. Silber, Gold und Elfenbein in den verschiedensten Formen und Bearbeitungen sah man nicht sowohl als Prunkstücke eines Festzuges, als vielmehr massenhaft wie in einem Strome daherfliessen. Gewänder, aus dem seltensten Purpur gewebt oder nach Art der babylonischen Kunst mit Bildwerken aufs feinste durchstickt, schimmernde Edelsteine in goldene Kronen gefügt oder in anderen Fassungen wurden in solchen Mengen vorbeigetragen, dass es als Irrtum ausgelegt werden musste, so etwas für selten zu halten. [Auch Götterbilder von erstaunlicher Grösse, sämtlich aus kostbaren Stoffen und mit hervorragender Kunstfertigkeit gearbeitet, wurden im Zuge mitgeführt, ebenso Tiere der verschiedensten Arten, jedes mit passendem Zierat geschmückt. Selbst die zahlreichen Träger aller dieser Kostbarkeiten erschienen in lauter purpurnen, goldgestickten Gewändern. Ganz herrlich und staunenerregend war ferner der reiche Schmuck derjenigen, die dazu bestimmt waren, den eigentlichen Festzug zu bilden. Ja, sogar die Schar der Gefangenen war nicht ungeschmückt, sondern die bunte Farbenpracht ihrer Kleidung entzog dem Auge den unheimlichen Anblick der Jammergestalten. Die grösste Bewunderung aber erregte der gewaltige Aufbau der tragbaren Schaugerüste; denn ihre Grösse rief überall, wo sie vorbeikamen, die Besorgnis wach, sie möchten zusammenbrechen. Viele derselben nämlich hatten drei, auch vier Stockwerke; dabei war ihre ganze Ausstattung von fast unbegreiflicher Schönheit. Manche waren mit goldgestickten Teppichen behängt, und an allen hatte man Kunstwerke aus Gold und Elfenbein angebracht. In unzähligen einzelnen Nachbildungen war der Krieg in seinen verschiedenen Erscheinungsformen aufs anschaulichste dargestellt. Da sah man gesegnete Fluren der Verwüstung anheimfallen, ganze Haufen von Feinden tot dahinsinken, andere fliehen, wieder andere in Gefangenschaft geraten; riesige Mauern unter den Stössen der Maschinen zusammen brechen; starke Festungen einnehmen, Ringmauern volkreicher Städte ersteigen, das Heer ins Innere derselben eindringen und alles mit Mord erfüllen; die flehenden Geberden der Wehrlosen; Feuerbrände in Heiligtümer geschleudert; Häuser, die über ihren Bewohnern einstürzten; endlich nach so vielen Zerstörungs- und Trauerscenen Wasserströme, die sich nicht über angebautes Erdreich oder zur Erquickung für Menschen und Tiere, sondern über ein noch allenthalben brennendes Land ergossen — denn alle diese Leiden hatten die Juden durch den von ihnen begonnenen Krieg sich zugezogen. Die künstlerische Ausführung und grossartige Pracht dieser Darstellungen führten die kriegerischen Ereignisse den damit Unbekannten so vor Augen, als wenn sie selbst dabei gewesen wären. Jedem Schaugerüst war der Befehlshaber der eroberten Stadt in dem Aufzug, wie man ihn gefangen genommen hatte, beigegeben. Alsdann folgten auch Schiffe in beträchtlicher Anzahl. Massenhaft wurden nunmehr die Beutestücke vorbeigetragen, unter denen besonders diejenigen Aufsehen erregten, die man 6S7 im Tempel zu Jerusalem genommen hatte: ein goldener Tisch im Gewicht von mehreren Talenten, und ein gleichfalls goldener Leuchter, aber von ganz anderer Gestalt, wie die sonst bei uns gebräuchlichen. Denn mitten aus dem Fussgestell erhob sich ein säulenartiger Schaft, von dem dünne, je in Form eines Dreizacks gegeneinander gestellte Äste ausliefen; an jedem der Ausläufer befand sich oben eine eherne Lampe, also sieben im ganzen, um die Heiligkeit dieser Zahl bei den Juden anzudeuten. Das Gesetz der Juden war das Beutestück, welches zuletzt zur Schau getragen wurde. Hierauf kamen noch eine Anzahl Männer mit Bildsäulen der Siegesgöttin, letztere sämtlich aus Gold und Elfenbein verfertigt. Endlich ritt dann Vespasianus selbst einher; Titus folgte ihm, und Domitianus ritt ihm zur Seite in prachtvollem Schmuck auf herrlichem Rosse.
6. Das Ziel des Festzuges war der Tempel des Jupiter Capitolinus, wo man halt machte. Es ist nämlich eine alte Sitte, dort zu warten, bis ein Bote den Tod des feindlichen Heerführers meldet. Dies war Simon, des Gioras Sohn, der mit den anderen Gefangenen im Triumph aufgeführt worden war. Jetzt wurde ihm ein Strick umgeworfen und er auf eine Höhe über dem Forum geschleppt, während seine Führer ihn zugleich geisselten. An dieser Stelle werden nach römischem Gesetz die verurteilten Verbrecher hingerichtet. Als nun sein Tod verkündet ward, erhob sich ein allgemeines Jubelgeschrei, und es begannen die Opfer, die unter den vorgeschriebenen Gebeten glücklich zu Ende geführt wurden, worauf die Imperatoren in den Palast zurückkehrten. Einige der Festteilnehmer zogen sie alsdann selbst zur Tafel; für die übrige Menge aber waren zu Hause üppige Mahlzeiten bereitet. Denn diesen Tag feierte die Stadt Rom als Dankfest für den siegreichen Feldzug, als das Ende der inneren Wirren und als den Anfang einer, wie man hoffte, glücklichen Zukunft.
7. Nach dem Triumph und der völligen Beruhigung des Reiches beschloss Vespasianus, der Friedensgöttin einen Tempel zu erbaueD, und vollendete in sehr kurzer Zeit ein Werk, das alle menschlichen Erwartungen übertraf. Er verwendete nämlich zu dem Bau nicht bloss die ungeheuren Mittel, die ihm sein eigener Reichtum an die Hand gab, sondern schmückte ihn auch mit älteren Meisterwerken der Malerei und Bildhauerkunst. In diesem Heiligtum sollte ja alles gesammelt und niedergelegt werden, zu dessen Besichtigung im einzelnen man sonst die ganze Welt hätte durchreisen müssen. Hierhin liess er auch die goldenen Prachtstücke aus dem Tempel zu Jerusalem bringen, weil diese Gegenstände in seinen Augen besonders wertvoll waren. Das Gesetz der Juden dagegen und die purpurnen Vorhänge des Allerheiligsten befahl er in seinen Palast zu schaffen und dort sorgfältig aufzubewahren.
1. Unterdessen war Lucilius Bassus mit einem Heere, das er von Cerealis Vitellianus übernommen hatte, als Legat nach Judaea gesandt worden, hatte das Kastell Herodium samt der Besatzung zur Übergabe gezwungen und zog nun die ganze, zum grossen Teil in kleinere Heerhaufen zersplitterte Streitmacht sowie die zehnte Legion an sich, um damit gegen Machaerus zu marschieren. Es war nämlich durchaus notwendig, diese Festung zu zerstören, da sie sonst ihrer Stärke wegen eine Menge Juden zum Abfall gereizt haben wurde, zumal schon die natürliche Beschaffenheit des Platzes geeignet war, einer Besatzung festes Vertrauen, den Angreifern aber Furcht und Zagen einzuflössen. Denn die natürliche Befestigung an sich wird durch einen felsigen Hügel gebildet, der zu beträchtlicher Höhe ansteigt und schon deshalb sich schwer einnehmen lässt; auch hat die Natur selbst dafür gesorgt, dass er so gut wie gar nicht zugänglich ist. Er ist nämlich auf allen Seiten von unabsehbar tiefen Schluchten umgeben, die man nicht einmal leicht durchqueren, geschweige denn mit Erde ausfüllen kann. Hat doch der westliche Thaleinschnitt, der bis zum Asphaltsee reicht, eine Längenausdehnung von sechzig Stadien, und dazu wird gerade nach dieser Seite hin Machaerus von der höchsten Bergkuppe überragt. Die Schluchten im Norden und Süden stehen zwar an Grösse der erstgenannten nach, machen aber gleichfalls einen Angriff auf die Festung unmöglich, und was den östlichen Einschnitt betrifft, so schliesst er bei einer Tiefe von nicht weniger als hundert Ellen sich sogleich wieder mit einem Machaerus gegenüberliegenden Höhenzug.
2. Der jüdische König Alexander war der erste, der die günstige Lage dieser Örtlichkeit erkannte und eine Festung daselbst errichtete, die jedoch später von Gabinius im Kriege mit Aristobulus geschleift wurde. Als Herodes König geworden war, schien ihm der Platz mehr als jeder andere besonderer Sorgfalt und möglichst starker Befestigung wert, hauptsächlich wegen der Nachbarschaft der Araber, gegen deren Land hin die Festung einen günstig gelegenen Punkt bildet. Demzufolge umgab er einen weiten Raum mit Mauern und Türmen und gründete daselbst eine Stadt, die man erst passieren musste, um in die eigentliche Burg zu gelangen. Gleichwohl versah er auch noch den oberen Gipfel selbst ringsum mit einer Mauer und errichtete in deren Ecken Türme von je hundertsechzig Ellen Höhe. Mitten in dem also befestigten Raum erbaute er dann einen Palast mit weitläufigen und prunkvollen Gemächern; auch legte er an den geeignetsten Stellen eine Reihe von Cisternen an, um das Wasser aufzufangen und die Umgebung reichlich damit zu versorgen, und suchte so, als wolle er sich mit der Natur in einen Wettstreit einlassen, die Uneinnehmbarkeit, die sie dem Platze verliehen, durch künstliche Befestigungen noch zu überbieten. Ferner versah er den Ort mit einer Menge von Geschossen und Kriegsmaschinen und bestrebte sich überhaupt, die Bewohner in jeder Beziehung so auszurüsten, dass sie selbst der langwierigsten Belagerung trotzen könnten.
3. Im Innern des Palastes wuchs einstmals eine Raute von erstaunlicher Grösse, denn sie gab einem Feigenbaum an Höhe und Umfang des Stammes nichts nach. Es hiess, sie stehe seit Herodes’ Zeiten, und sie wäre vielleicht noch lange dort geblieben, hätten nicht die Juden, als sie die Festung besetzten, den Baum umgehauen. Ferner giebt es in dem Thale, das im Norden an die Stadt stösst, einen Ort, der Baaras heisst und eine Wurzel gleichen Namens erzeugt. Diese Wurzel hat eine flammrote Farbe und schiesst zur Abendzeit Strahlen von sich. Nähert man sich ihr und will man sie anfassen, so ist es schwer, sie festzuhalten, da sie sich fortbewegt und nicht eher stehen bleibt, als bis man den Urin oder das monatliche Blut eines Weibes auf sie giesst. Aber selbst dann zieht die Berührung den sicheren Tod nach sich, wenn man die Wurzel nicht so trägt, dass sie von der Hand herabhängt. Man kann sie übrigens auch auf eine andere, ungefährliche Weise gewinnen, und zwar so: Nachdem man sie ringsum durch Graben dergestalt gelockert hat, dass nur noch ein kleiner Teil der Wurzel in der Erde steckt, bindet man einen Hund daran. Wenn nun das Tier dem, der es angebunden, schnell zu folgen strebt, wird sie leicht vollends herausgezogen. Der Hund aber stirbt auf der Stelle, gleichsam als stellvertretendes Opfer für den, der das Gewächs nehmen wollte. Jetzt hat übrigens der, in dessen Hand sie gerät, nichts mehr zu befürchten. Trotz der grossen Gefahr beim Einsammeln der Wurzel wird sie, um einer besonderen Eigenschaft willen, eifrig gesucht. Die sogenannten Dämonen nämlich, das heisst die Geister böser Menschen, welche in die Lebenden hineinfahren und alle, denen nicht geholfen wird, töten, werden durch jene Wurzel sogleich vertrieben, selbst wenn man sie nur in die Nähe der Kranken bringt. An diesem Ort fliessen auch mehrere warme Quellen von ganz verschiedenartigem Geschmack: die einen sind bitter, andere fast ganz süss. Weiter unten in der Ebene aber befinden sich zahlreiche Quellen kalten Wassers dicht beieinander, und noch merkwürdiger ist folgende Erscheinung: In der Nähe erblickt man eine Höhle von eben nicht bedeutender Tiefe, die durch einen überhängenden Felsen gedeckt ist. Oberhalb dieses Felsens ragen, nur wenig voneinander entfernt, zwei Erhöhungen wie weibliche Brüste hervor, und es entströmt der einen eine ganz kalte, der anderen eine sehr heisse Quelle; beide gemischt geben ein überaus angenehmes, heilkräftiges, besonders nervenstärkendes Bad. Ausserdem hat der Ort auch Schwefel- und Alaungruben.
4. Nachdem Bassus das Kastell von allen Seiten besichtigt hatte, beschloss er, durch Ausfüllung der östlichen Thalschlucht sich einen Zugang zu demselben zu verschaffen, und ging auch sogleich ans Werk, um baldmöglichst Wälle aufwerfen und sich mittels derselben die Belagerungsarbeiten erleichtern zu können. Die eingeschlossenen Juden trennten sich nun von den Fremden und zwangen dieselben, weil sie in ihnen ohne-Josephus, Jüdischer Krieg. 41 hin nur Gesindel erblickten, unten in der Stadt zu bleiben und hier den ersten feindlichen Anprall auszuhalten; das höher gelegene Kastell aber besetzten sie selbst, einmal weil es stark befestigt war, und dann auch aus Vorsorge für ihre eigene Rettung: sie hofften nämlich begnadigt zu werden, wenn sie den Römern die Burg übergäben. Zunächst jedoch wollten sie den Versuch machen, die Belagerung überhaupt zu vereiteln. Tag für Tag unternahmen sie deshalb kühne Ausfälle, bei denen sie mit den Römern, wo diese ihnen entgegentraten, handgemein wurden und ihrerseits zwar viele Leute verloren, aber doch auch den Römern keinen geringen Schaden zufügten. Was die einen oder anderen zum Sieg führte, war jedesmal die Ausnutzung einer günstigen Gelegenheit: die Juden behielten die Oberhand, wenn sie die Römer überrumpelten, diese dagegen, wenn sie von ihren Wällen aus den Angriff rechtzeitig bemerkt hatten und ihn in dichtgeschlossenen Reihen erwarteten. Mit solchen Plänkeleien sollte indes die Belagerung ihr Ende nicht erreichen; vielmehr wurden die Juden durch einen Zufall ganz unversehens zur Übergabe des Kastells gezwungen. Unter den Belagerten nämlich befand sich ein äusserst verwegener und tapferer Jüngling mit Namen Eleazar. Er hatte sich bei den Ausfällen stets hervorgethan, indem er die Menge anfeuerte, sich in den Kampf zu stürzen und die Römer an den Schanzarbeiten zu hindern; auch hatte er in den einzelnen Scharmützeln den Gegnern empfindliche Verluste beigebracht, seinen Kameraden, die sich mit ihm hinauswagten, den Angriff leicht gemacht und dann wieder ihnen den Rücken gedeckt, indem er als der letzte den Kampfplatz verliess. Eines Tages nun war das Gefecht bereits entschieden, und beiderseits hatte man den Rückzug angetreten — da blieb Eleazar, um die Feinde zu verhöhnen und weil er glaubte, es werde keiner von ihnen den Kampf wieder aufnehmen, draussen vor dem Thore stehen und fing mit den auf der Mauer befindlichen Juden ein Gespräch an, in welches er sich ganz vertiefte. Diesen günstigen Augenblick erspähte ein im römischen Heere dienender Aegyptier Namens Rufus, lief, ehe man sich dessen versah, plötzlich herzu, hob den in voller Rüstung dastehenden Jüngling auf und trug ihn, während die Zuschauer der Schrecken lähmte, ins Lager der Römer. Dort gab der Feldherr Befehl, ihn nackt auszuziehen und möglichst vor den Augen der Stadtbewohner zu geissein. Aufs tiefste erschütterte die Juden das Leiden des Jünglings; die ganze Stadt jammerte und wehklagte mit einer Heftigkeit, die eigentlich zu dem Unglück des einen Mannes in keinem Verhältnis stand. Als Bassus dies merkte, benutzte er die Stimmung der Belagerten zu einer Kriegslist; er suchte nämlich ihr Mitleid derart zu steigern, dass sie, um den Mann zu retten, die Festung übergeben möchten, und dieser Plan gelang ihm denn auch. Er liess also ein Kreuz aufrichten, als sollte Eleazar sogleich daran geschlagen werden. Kaum sahen dies die Juden in der Festung, als sie noch schmerzlicher bewegt wurden und unter Schluchzen ausriefen, solchen Jammer könne man nicht ertragen. Obendrein flehte nun auch noch Eleazar sie an, sie möchten ihn doch nicht die qualvollste aller Todesarten erdulden lassen, vielmehr sich selbst dadurch retten, dass sie der Kraft und dem Glück der Römer nachgäben, zumal da sonst schon alles unterjocht sei. Seine Vorstellungen brachen ihnen das Herz, und da sich auch viele Einwohner der Festung aufs Bitten verlegten (Eleazar gehörte nämlich einer weitverzweigten und zahlreichen Familie an), liessen sie sich gegen ihre eigentliche Gesinnung zum Mitleid bewegen und ordneten unverzüglich eine Gesandtschaft ab, die wegen Übergabe des Kastells unterhandeln und sich nur freien Abzug und die Loslassung Eleazars ausbedingen sollte. Die Römer und ihr Befehlshaber nahmen diesen Vorschlag an. Als aber die zahlreichen Bewohner der unteren Stadt von dem Sondervertrag der Juden hörten, beschlossen sie, in der Nacht heimlich davonzulaufen. Wie Josepbu?, Geschichte des Jüdischen Krieges. sie nun die Thore öffneten, kam durch die, welche den Vergleich geschlossen hatten, dem Bassus Nachricht darüber zu, sei es dass sie den Leuten ihre Rettung missgönnten, sei es dass sie befürchteten, es möchte ihnen selbst die Schuld für deren Entweichen aufgebürdet werden. Die tapfersten der Flüchtlinge schlugen sich übrigens durch und entkamen; von denen dagegen, die man noch im Innern der Stadt an traf, wurden an siebzehnhundert Männer niedergemacht und die Weiber nebst den Kindern in die Sklaverei verkauft. Den Vertrag mit den Juden aber, die ihm die Festung übergeben hatten, glaubte Bassus halten zu müssen; er liess sie demnach abziehen und gab ihnen den Eleazar frei.
5. Als er diesen Teil seiner Aufgabe erledigt hatte, rückte er in Eilmärschen nach einer Waldschlucht mit Namen Jardes, wo nach einer ihm zugegangenen Meldung eine Menge bei der Belagerung von Jerusalem und Machaerus entlaufener Juden sich gesammelt haben sollte. In der That fand er bei seiner Ankunft die Nachricht bestätigt Er umzingelte daher zunächst den ganzen Ort mit seiner Reiterei, welche den Juden, die sich etwa durchzuschlagen versuchen würden, die Flucht unmöglich machen sollte; von dem Fussvolk aber liess er den Wald, in den die Gegnei* sich geflüchtet hatten, umhauen. Infolge dieses Vorgehens sahen sich die Juden genötigt, eine verwegene That zu unternehmen, da sie sich durch einen tollkühnen Kampf vielleicht noch retten zu können hofften. Sie stürzten sich also in Masse unter lautem Geschrei hervor und warfen sich auf die sie umzingelnden Römer. Diese aber wichen nicht um Haaresbreite, und der Kampf zog sich bei der verzweifelten Kühnheit auf der einen und der zähen Ausdauer auf der anderen Seite ziemlich in die Länge. Sein Ende freilich gestaltete sich sehr ungleich: von den Römern nämlich waren im ganzen nur zwölf Mann gefallen und einige wenige verwundet; von den Juden dagegen entkam keiner aus dem Treffen, vielmehr wurden sie, dreitausend an der Zahl, samt und sonders niedergemacht, darunter auch ihr Anführer Judas, des Ari Sohn, von dem ich oben erwähnte, dass er bei der Belagerung Jerusalems eine jüdische Abteilung befehligt und sich durch einen der unterirdischen Gänge gerettet habe.
6. Um diese Zeit schickte Vespasianus an Bassus und an Liberius Maximus, der damals Landpfleger war, den schriftlichen Befehl, das gesamte Land der Juden zu verkaufen. Eine neue Stadt nämlich wollte er daselbst nicht gründen; doch behielt er sich das Ackerland als sein persönliches Eigentum vor. Nur achthundert ausgedienten Soldaten wies er im Bezirk von Ammaus, welches dreissig Stadien von Jerusalem entfernt liegt, Ländereien an. Allen Juden aber, wo sie auch wohnen mochten, legte er eine jährliche Kopfsteuer von zwei Drachmen auf, die sie für das Kapitolium, wie früher für den Tempel zu Jerusalem entrichten sollten. So traurig stand es damals um die jüdische Nation.
1. Schon waren vier Jahre seit der Thronbesteigung des Vespasianus verflossen, da traf den Kommagenerkönig Antiochus und dessen ganzes Haus ein schweres Unglück aus folgender Veranlassung. Caesennius Paetus, der damalige Statthalter von Syrien, schrieb — ob der Wahrheit gemäss oder aus Hass gegen Antiochus, ist nicht mit Bestimmtheit ermittelt worden — nach Rom, Antiochus und dessen Sohn Epiphanes gingen mit i 72 n. Ohr. dem Gedanken um, von den Römern abzufallen, und hätten zu diesem Zwecke bereits mit dem Partherkönig ein Bündnis geschlossen; man müsse sie deshalb überraschen, damit sie nicht etwa einen Vorsprung gewännen und schliesslich noch das ganze römische Reich in kriegerische Verwicklungen stürzten. Diese Anzeige konnte Vespasianus, nachdem sie ihm einmal erstattet war, natürlich nicht auf sich beruhen lassen, da die Nachbarschaft der beiden Könige energischere Vorbeugungsmassregeln erforderte, ßamosata nämlich, die Hauptstadt von Kommagene, liegt am Euphrat, und sie würde somit den Parthern, wenn diese etwas derartiges im Schilde führten, den Übergang recht leicht gemacht und einen sicheren Zufluchtsort geboten haben. Paetus fand also mit seiner Meldung Glauben und erhielt Vollmacht, die ihm zweckmässig scheinenden Anordnungen zu treffen. Er zögerte denn auch nicht, sondern fiel plötzlich, ohne dass Antiochus und die Seinen eine Ahnung davon hatten, mit der sechsten Legion sowie einigen Kohorten und Reiterschwadronen in Kommagene ein; es begleiteten ihn ausserdem die Könige Aristobulus von Chalkidike und Soemus von Emesa. Sie stiessen bei ihrem Vormarsch auf keinerlei Widerstand; denn niemand von den Eingeborenen getraute sich, die Hand zur Gegenwehr zu erheben. Als nun Antiochus die unerfreuliche Kunde vernahm, dachte er nicht im entferntesten daran, mit den Römern Krieg zu führen, sondern beschloss, so wie er war, seinem Königreich den Rücken zu kehren und sich mit Weib und Kind heimlich davonzumachen; auf diese Weise glaubte er sich in den Augen der Römer von jedem etwa auf ihm lastenden Verdacht reinigen zu können. Er zog also aus der Stadt nach einer hundertzwanzig Stadien entfernten Ebene und lagerte sieb daselbst.
2. Paetus entsandte sogleich, eine Abteilung seiner Truppen, um Samosata zu besetzen, was diese denn auch wirklich thaten; er selbst brach unterdessen mit dem Rest seines Heeres gegen Antiochus auf. Doch der König liess sich auch durch die Zwangslage, in die er jetzt geraten war, nicht bestimmen, etwas Kriegerisches gegen die Römer zu unternehmen, sondern harrte, sein Schicksal beklagend, der Dinge, die da kommen würden. Seinen jugendlichen, kriegskundigen und durch Körperkraft hervorragenden Söhnen Epiphanes und Kallinikos indes fiel es nicht ebenso leicht, sich dem Schicksal widerstandslos zu beugen: vielmehr rüsteten sie, sich, den Gegner zu empfangen. In einem heissen, vom Morgen bis zum Abend währenden Gefecht bewiesen sie ausgezeichnete persönliche Tapferkeit und zogen sich bei einbrechender Nacht zurück, ohne besonderen Verlust erlitten zu haben. Dem Antiochus aber schien es selbst nach dieser so günstig verlaufenen Schlacht nicht geraten, zu bleiben, weshalb er mit seiner Gattin und seinen Töchtern nach Cilicien floh. Durch diesen Schritt jedoch brach er den Mut seiner Soldaten, und da diese der Meinung waren, er habe den Thron aufgegeben, fielen sie von ihm ab und gingen zu den Römern über, ohne aus ihrer verzweifelten Stimmung ein Hehl zu machen. Epiphanes und seine Leute mussten sich deshalb, ehe die sämtlichen Kampfgenossen sie verliessen, vor dem Feinde zu retten suchen. Ganze zehn Reiter folgten ihm nun über den Euphrat und begaben sich, aus aller Gefahr erlöst, mit ihm zu dem Partherkönige Vologeses, von dem sie nicht etwa als Flüchtlinge über die Achsel angesehen, sondern, wie wenn sie noch in ihrer früheren glücklichen Lage sich befanden, höchst ehrenvoll behandelt wurden.
3. Als Antiochus nach Tarsus in Cilicien gekommen war, liess Paetus ihn durch einen Centurio ergreifen und sandte ihn gefesselt nach Rom. Vespasianus aber duldete es nicht, dass der König in diesem Aufzug zu ihm geführt würde, und wollte lieber die alte Freundschaft berücksichtigen, als ihm wegen der — übrigens nicht bewiesenen — Empörung unversöhnlichen Groll nach tragen. Er gab daher Befehl, ihm schon unterwegs die Fesseln abzunehmen, und liess ihn unter Verschiebung der Reise nach Rom in Lakedaemon bleiben; auch wies er ihm so bedeutende Geldeinkünfte an, dass er nicht bloss reichlich, sondern selbst königlich leben konnte. Als Epiphanes und sein Bruder, die bis dahin das Schlimmste für ihren Vater befürchtet hatten, dies erfuhren, fühlten sie sich von schwerer Sorgenlast befreit und gaben sich der Hoffnung hin, nun auch für sich selbst von Vespasianus Verzeihung zu erlangen, zumal Vologeses ihretwegen nach Rom geschrieben hatte. Denn wenn sie eB auch gewiss nicht schlecht hatten, so konnten sie doch ausserhalb des römischen Reiches nicht leben. In der That sicherte Vespasianus ihnen huldvollst Straflosigkeit zu, worauf sie sich nach Rom begaben, und als nicht lange nachher auch ihr; Vater mit ihnen zusammentraf, blieben sie daselbst und genossen alle möglichen Ehrenbezeugungen.
4. Das Volk der Alanen, das, wenn ich mich recht, entsinne, schon früher als ein in der Gegend des Tanais und des Maeotischen Sees wohnender Skythenstamm von mir erwähnt wurde, fasste um diese Zeit den Plan, einen Raubzug nach Medien und noch weiter hinaus zu unternehmen, und unterhandelte deshalb mit dem König der Hyrkaner; denn dieser ist Herr des Passes, den der König Alexander mittels eiserner Thore verschliessbar gemacht hatte. Als nun der Hyrkanerkönig ihnen den Durchzug gestattete, fielen sie in zahlreichen Horden über die nichts ahnenden Meder her und plünderten’ das stark bevölkerte, an Nutzvieh aller Art reiche Land völlig aus, ohne dass jemand ihnen Widerstand zu leisten wagte. Der König des Landes, Pakorus, floh entsetzt m in unzugängliche Wildnisse und gab ihnen alles preis, und nur mit Mühe gelang es ihm, durch Zahlung von hundert Talenten seine Gattin und seine Kebsweiber, die in Gefangenschaft geraten waren, wieder loszukaufen. Da die Alanen so in aller Bequemlichkeit und ganz ohne Schwertstreich ihre Raubsucht befriedigen konnten, drangen sie, alles verwüstend, bis nach Armenien vor, wo Teridates König war. Dieser rückte ihnen entgegen und lieferte ihnen ein Treffen, wäre aber beinahe lebendig gefangen worden. Ein Alane nämlich hatte aus der Ferne eine Schlinge über ihn geworfen und würde ihn fortgeschleppt haben, wenn es dem Könige nicht gelungen wäre, den Strick noch zeitig mit dem Schwert zu zerhauen und sich auf diese Weise zu retten. Durch den Kampf noch wilder geworden, verheerten nun die Barbaren das ganze Land und kehrten dann mit einer Menge Gefangener und der übrigen Beute, die sie in beiden Königreichen zusammengeraubt hatten, wieder in ihre Heimat zurück.
1. Nach dem Tode des Bassus übernahm Flavius Silva das Amt eines Landpflegers von Judaea. Er fand das ganze Land unterjocht mit Ausnahme einer einzigen Festung, die noch beim Abfall beharrte und gegen die er nun mit allen aus der Umgegend zusammengezogenen Truppen ausrückte. Diese Festung, Masada geheissen, wurde von Sikariern besetzt gehalten, an deren Spitze ein einflussreicher Mann Namens Eleazar stand, ein Nachkomme jenes Judas, der, wie früher erwähnt, zu der Zeit, da Quirinius als Schätzungsbeamter nach Judaea gesandt worden war, eine Menge Juden beredet hatte, sich die Schätzung nicht gefallen zu lassen. Auch jetzt hatten sich die Sikarier gegen alle verschworen, die sich den Körnern fügen wollten, und behandelten dieselben in jeder Beziehung als Feinde, indem sie ihnen die Habe raubten und fortschleppten und die Häuser in Brand steckten. Zwischen diesen Juden, meinten sie, und den Fremden sei ja doch kein Unterschied, da sie die so heiss umstrittene Freiheit verraten und eingestandenermassen die römische Knechtschaft erwählt hätten. Solche Reden waren aber nur der Deckmantel, hinter dem sie ihre Grausamkeit und Habgier zu verbergen trachteten, wie dies aus ihren Thaten deutlich bervorging. Denn die anderen Juden hatten ja ihren Abfall mitgeroacht und sich am Kampfe gegen die Römer beteiligt, bis den Bethörten die Unthaten der Sikarier noch drückender vorkamen wie das Joch der Römer. Wies man nun den Sikariern die Grundlosigkeit ihres Vorwandes nach, so setzten sie denen, die ihnen mit Fug und Recht ihre Bosheit vorwarfen, nur um so ärger zu. Um jene Zeit trieb überhaupt die Ruchlosigkeit ihre üppigsten Blühen, sodass es keine Schandthat gab, die damals nicht vollbracht worden wäre, und hätte man allen Scharfsinn aufgewendet, um neue zu erfinden, man würde wohl keine mehr entdeckt haben. Das private wie öffentliche Leben krankte in gleicher Weise an diesem Übel, und allenthalben setzte man einen förmlichen Wetteifer darein, sich gegenseitig in Freveln gegen Gott und Ungerechtigkeit gegen den Nächsten zu überbieten. Die Gewalthaber drangsalierten das gemeine Volk, und dieses hinwiederum suchte die Mächtigen zu verderben; jene gelüstete es nach tyrannischer Herrschaft, das Volk nach Gewaltthätigkeit und Beraubung der Reichen. Die Zügellosigkeit und das grausame Wüten gegen die eigenen Volksgenossen aber war gerade von den Sikariern ausgegangen, die den Verfolgten gegenüber keine Schmähung ungesprochen und keine That zu deren Verderben unversucht liessen. Doch auch sie erschienen noch gemässigt im Vergleich zu Joannes. Denn dieser mordete nicht nur alle Bürger, die ihm gute und nützliche Ratschläge erteilten, und behandelte sie wie die schlimmsten Feinde, sondern er stürzte auch sein Vaterland überhaupt in namenloses Unheil, wie es nur von einem Menschen ausgehen konnte, der schon die Ruchlosigkeit begangen hatte, sich gegen Gott zu empören. Seinen Tisch nämlich sah man mit verbotenen Speisen besetzt, und die altehrwürdigen Reinigungsvorschriften des Gesetzes beobachtete er nicht, sodass die Verletzung der Pflichten gegen den Einzelnen wie gegen die Gesamtheit bei einem Manne nicht wunder nehmen konnte, der so ganz in wahnwitzige Gottlosigkeit versunken war. Und dann Simon, des Gioras Sohn, verübte er nicht alle erdenklichen Schändlichkeiten? Oder gab es irgend eine Misshandlung, die er nicht an freigeborenen Juden begangen hätte, wiewohl er gerade ihnen seine Stellung als Gewaltherrscher verdankte? Ja, selbst freundschaftliche Beziehungen und Bande des Blutes, weit entfernt, ihre Mordgier zu dämpfen, machten sie vielmehr von Tag zu Tag noch verwegener Denn an Fremden sich vergreifen, gehörte, wie sie meinten, nur zu den gewöhnlichen, landläufigen Schlechtigkeiten: eine recht glänzende Rolle dagegen wollten sie durch grausames Wüten gegen ihre nächsten Angehörigen spielen. Nun kam auch noch die Raserei der Idumäer, die es dem wahnsinnigen Treiben der Tyrannen gleichzuthun suchte. Diese Schandbuben wagten es, die Hohepriester zu erdolchen, damit ja keine Spur von Gottesfurcht mehr erhalten bleibe; sie vernichteten auch vollends alles, was von bürgerlicher Ordnung noch übrig war, und brachten in jeder Hinsicht die ausgesprochenste Gesetzlosigkeit zur Geltung — ein Zustand, in dem die Sippe der sogenannten Zeloten gedieh, die diese ihre Bezeichnung durch entsprechende Thaten als zutreffend erwiesen. Denn jegliches Werk der Bosheit suchten sie nachzuahmen, und ihr Wetteifer erstreckte sich auf alles, was die Geschichte nur irgend von früheren Unthaten berichtet. Ihrer eigenen Vorstellung gemäss sollte freilich der Name, den sie sich beilegten, auf den Wetteifer im Guten hindeuten, und man kann dieses sonderbare Benehmen nur so erklären, dass sie entweder — unmenschlich wie sie waren — die von ihnen Misshandelten damit verhöhnen wollten, oder dass sie wirklich die grössten Schlechtigkeiten für gute Werke hielten. Darum fand aber auch jeder einzelne von ihnen das verdiente Ende, indem Gott über sie alle die gebührende Strafe verhängte: Qualen, wie die menschliche Natur sie nur immer zu ertragen fähig ist, brachen über sie herein, und auch das letzte aller Leiden, den Tod, mussten sie unter den vielfältigsten Peinigungen erdulden. Gleichwohl kann man sagen; es widerfuhr ihnen noch weniger, als sie ihren Frevelthaten gemäss verdient hatten; eine völlige Vergeltung war ja nicht möglich. Diejenigen aber, welche als Opfer ihrer Grausamkeit fielen, nach Gebühr zu beklagen, ist hier nicht angebracht, und ich wende mich daher wieder zu dem noch übrigen Teile meiner Erzählung.
2. Gegen Eleazar also und die Sikarier, die mit ihm Masada besetzt hielten, rückte der römische Heerführer an der Spitze seiner Streitmacht heran. Die ganze Umgegend unterwarf er ohne Mühe und legte in die passendsten Orte derselben Besatzungstruppen; die Festung selbst aber umgab er, damit den Belagerten die Flucht erschwert würde, mit einer Ringmauer und verteilte auf dieser die Wachtposten. Alsdann wählte er einen mit Rücksicht auf die Belagerung besonders zweckmässigen Lagerplatz, und zwar an dem Punkte, wo die Felsen des Kastells den nahegelegenen Berg berührten, obgleich eben dieser Ort die Herbeischaffung des nötigen Proviantes sehr schwierig machte; denn es mussten seitens der dazu beorderten Juden nicht nur die festen Nahrungsmittel aus weiter Ferne und unter grossen Strapazen herangebracht, sondern auch das Trinkwasser ins Lager geleitet werden, da in der Nähe des Platzes sich keine Quelle befand. Als nun Silva auf diese Weise die nötigen Vorbereitungen getroffen hatte, begann er mit den Belagerungsarbeiten, die wegen der Festigkeit des Kastells die grösste Aufmerksamkeit und Anstrengung erheischten. Die Burg ist nämlich folgendermassen beschaffen:
3. Einen Felsen von nicht unbedeutendem Umfang und beträchtlicher Höhe umgeben auf allen Seiten unabsehbar tiefe, abschüssige und für Menschen wie Tiere unbetretbare Schluchten, und nur an zwei Stellen gestattet der Fels einen freilich immer noch schwierigen Zugang von unten her. Der eine dieser Pfade erstreckt sich vom Asphaltsee aus gegen Osten, der andere, leichter zu begehende, gegen Westen. Den ersteren nennt man um seiner Schmalheit und seiner vielfachen Windungen willen den Schlangenpfad. Er bricht sich nämlich an den Vorsprüngen des Abhanges, kehrt zu wiederholten Malen gegen sich selbst zurück und zieht sich dann wieder ein wenig in die Länge, sodass er nur langsam dem Ziele sich nähert. Beschreitet man diesen Weg, so muss man sich stets abwechselnd mit einem Fusse fest anstemmen; denn gleitet man aus, so ist man unrettbar verloren, da zu beiden Seiten tiefe Schlünde gähnen, deren furchtbarer Anblick auch den Beherztesten zaghaft machen kann. Ist man nun auf diesem Pfade dreissig Stadien weit hinaufgestiegen, so hat man den Gipfel vor sich, der indes nicht etwa in eine schlanke Spitze ausläuft, sondern oben eine breite Fläche bildet. Auf ihr hatte zuerst der Hohepriester Jonathas eine Festung angelegt, die er Masada nannte. Später gab der König Herodes sich viele Mühe, dieselbe in guten Stand zu setzen. Er umzog nämlich den ganzen, sieben Stadien im Umfang messenden Gipfel mit einer zwölf Ellen hohen und acht Ellen breiten Ringmauer aus weissen Quadern und errichtete auf ihr siebenunddreissig je fünfzig Ellen hohe Türme, aus denen man in die Wohnungen gelangen konnte, welche an die innere Seite der Mauer in deren ganzer Länge angebaut waren. Die eigentliche Gipfelfläche aber liess der König, weil sie besonders fetten und jedes Ackerland in der Ebene an Fruchtbarkeit übertreffenden Boden hatte, zum Anbau frei, damit bei etwa eintretendem Mangel an Proviantzufuhr die Leute, die dem Kastell ihre Rettung anvertrauen würden, keine Not zu leiden brauchten. Auch einen Königspalast erbaute er an dem westlichen Zugang unterhalb der Gipfelmauer. Dieser Palast, dessen Front gegen Norden sah, hatte überaus hohe und starke Mauern sowie in den Ecken vier Türme von je sechzig Ellen Höhe. Die innere Ausstattung seiner Säle, Hallen und Bäder war mannigfaltig und prunkvoll, die Säulen überall aus einem Stein, die Wände und Zimmerböden mit Mosaik ausgelegt. Ferner hatte er an allen Stellen, wo Wohnhäuser lagen, nämlich oben, bei dem Palast und vor der Mauer, eine beträchtliche Anzahl grosser Cisternen in den Felsen hauen lassen, um dadurch der Besatzung einen ebenso reichen Wasservorrat zu verschaffen, als sie sonst durch Quellen würde erhalten haben. Vom Palast aus führte zur Gipfelhöhe ein in Stein gehauener, von aussen unsichtbarer Weg. Aber auch von den Pfaden, die man sah, konnte der Feind nur sehr schwer Gebrauch machen. Der östliche nämlich ist wegen seiner oben geschilderten Beschaffenheit nicht zu begehen; den westlichen aber hatte der König an der engsten Stelle durch einen grossen Turm geschützt, der nicht weniger wie tausend Ellen von der eigentlichen Festung entfernt war, und den man weder umgehen noch auch mit leichter Mühe nehmen konnte. Selbst den friedlichen Besuchern des Kastells war dadurch der Ein- und Ausgang erschwert. Auf diese Weise also hatten sich Natur und Kunst vereinigt, um die Festung gegen feindliche Angriffe sicher zu stellen.
4. Noch grössere Bewunderung musste die reiche Fülle der im Innern aufgespeicherten Vorräte erregen sowie die lange Zeitdauer, während der sie sich gehalten hatten. Es lag nämlich daselbst eine Unmasse Getreide, die auf Jahre hinaus reichen konnte; desgleichen war ein bedeutender Vorrat von Wein, öl, Datteln und allerlei Hülsenfrüchten in der Festung aufgehäuft. Als Eleazar mit seinen Sikariern sich des Platzes durch List bemächtigt hatte, fand er alles noch unverdorben und so frisch, als wäre es eben erst hineingelegt worden — und doch war seit der Aufspeicherung dieser Vorräte bis zur Eroberung des Kastells durch die Römer fast ein Jahrhundert verstrichen. Aber auch die Römer fanden den Rest der Früchte noch völlig geniessbar. Als den wahren Grund dieser Dauerhaftigkeit darf man wohl die Beschaffenheit der Luft annehmen, die wegen der hohen Lage der Festung von allen unreinen Dünsten, wie sie näher an der Erde vorzukommen pflegen, frei ist. Des weitern fand sich eine Menge von Herodes dort aufgestapelter Waffen aller Art vor, die für zehntausend Mann genügen konnten, sowie unbearbeitetes Eisen, Erz und Blei. Diese gewaltigen Zurüstungen hatten übrigens ihre guten Gründe. Soll doch Herodes die Festung als Zufluchtsort für sich selbst in Aussicht genommen haben, da er eine doppelte Gefahr argwöhnte: die eine von seiten des jüdischen Volkes, von dem er befürchtete, es möchte ihn stürzen und das frühere Königshaus wieder auf den Thron bringen; die grössere und bedenklichere aber von seiten der aegyptischen Königin Kleopatra. Letztere nämlich machte aus ihrer Gesinnung kein Hehl, lag vielmehr dem Antonius beständig an, er solle Herodes ermorden lassen und ihr das Königreich Judaea schenken. In der That musste man sich wundern, dass der bis zu sklavischer Unterwerfung in sie verliebte Antonius ihrem Begehren nicht bereits entsprochen hatte, zumal auf die Verweigerung der Gefälligkeit ohnehin niemand sich gefasst machte. Derartige Besorgnisse hatten den Herodes zur Befestigung Masadas bewogen, und nun traf es sich, dass er gerade in dieser Festung den Körnern das letzte Stück Arbeit im Kriege gegen die Juden hinterliess.
5. Als nun der römische Feldherr, wie schon erwähnt, den ganzen Ort von aussen mit einer Kingmauer umgeben und die sorgfältigsten Vorkehrungen getroffen hatte, dass niemand von der Besatzung entrinne, liess er die Belagerung ihren Anfang nehmen, obwohl er nur eine einzige Stelle gefunden hatte, die sich zur Errichtung von Wällen eignete. Hinter dem Turme nämlich, der den von Westen in den Palast und zum Gipfel führenden Weg beherrschte, befand sich eine felsige Anhöhe von bedeutender Breite, die auch ziemlich weit vorsprang, dabei aber dreihundert Ellen tiefer als Masada lag. Diese Anhöhe, die man den weissen Felsen nannte, liess Silva jetzt besetzen und dann von seinen Leuten Erde herbeischaffen. Alsbald erhob sich infolge eifriger Arbeit der zahlreichen Mannschaft ein fester Damm von hundert Ellen Höhe; noch aber schien die Aufschüttung nicht fest und hoch genug, um den Maschinen als Standort zu dienen, und es wurde daher oben auf ihr noch ein fünfzig Ellen breiter nnd ebenso hoher Oberbau aus grossen Stein blocken errichtet. Die Maschinen selbst besassen eine ähnliche Einrichtung, wie die früher von Vespasianus und dann auch von Titus zu Belagerungszwecken erfundenen; ausserdem aber wurde noch ein ganz mit Eisen beschlagener, sechzig Ellen hoher Turm aufgeführt, von dessen Brüstung aus die Römer mit zahlreichen Skorpionen und Bailisten die Verteidiger der Mauern zurück trieben und sie verhinderten, auch nur den Kopf emporzurecken. Ferner liess Silva einen gewaltigen Sturmbock anfertigen und damit unausgesetzt gegen die Mauer stossen, und obwohl dieselbe schier unzerstörbar war, gelang es ihm doch endlich, Bresche in sie zu legen. Schnell aber hatten die Sikarier drinnen eine zweite Mauer errichtet, der selbst die Maschinen nichts mehr sollten anliaben können. Damit sie nämlich durch ihre Weichheit die Gewalt der Stösse abzuschwächen imstande sei, gaben sie ihr folgende Einrichtung. Sie fügten grosse Balken mit den Enden der Länge nach aneinander und zwar so, dass zwei Reihen derselben in einem Abstand von Mauerbreite nebeneinander hinliefen; den mittleren Raum zwischen beiden Balkenlagen füllten sie dann mit Erde aus. Damit aber bei weiterer Anhöhung dieses Walles die Erde nicht nachgebe, verbanden sie die der Länge nach liegenden Balken durch andere, die sie der Quere nach anbrachten, sodass der ganze Bau Ähnlichkeit mit einem Blockhause hatte. Von jetzt an wurden die Stösse der Maschinen durch die weiche Masse, gegen die sie erfolgten, unwirksam gemacht; ja, der Bau setzte sich sogar durch die Erschütterung und ward infolgedessen nur noch fester. Als Silva dies bemerkte, glaubte er die Schanze vielleicht eher durch Feuer zerstören zu können und befahl deshalb den Soldaten, eine Menge brennender Fackeln dagegen zu schleudern. Wirklich fing denn auch die Mauer, die ja grösstenteils aus Holz bestand, alsbald Feuer und loderte, infolge ihrer lockeren Bauart bis zum Grund entzündet, in hellen Flammen auf. Nun aber erhob sich beim Beginn des Brandes ein Nordwind, der den Römern gefährlich wurde: er blies die Flamme von der Festung weg und trieb sie ihnen ins Gesicht. Fast verzweifelten sie deswegen an dem Erfolge, da sie die Einäscherung ihrer Maschinen befürchteten. Plötzlich jedoch drehte sich der Wind wie durch göttliche Fügung, schlug gegen Süden um und jagte, indem er zugleich stärker wehte, die Flammen gegen die Mauer zurück, die schon von oben bis unten brannte. Daran erkannten die Römer den Beistand der Gottheit und kehrten nunmehr frohen Mutes ins Lager zurück, entschlossen, am folgenden Tage zu stürmen. Einstweilen liessen sie die Nacht über alles sorgfältig bewachen, damit niemand aus der Festung entweichen könne.
6. An Flucht jedoch dachte Eleazar nicht im entferntesten, wie er dieselbe auch keinem anderen gestattet haben würde; vielmehr stellte er sich, da er die Mauer Joseph us, jüdischer Krieg. 4f '■Go glc jNivrKsnT or cautoknia vom Feuer zerstört sah und kein weiteres Mittel zur Kettung oder Verteidigung ausfindig machen konnte, die Behandlung vor Augen, welche die Weiber und Kinder von den Römern erfahren würden, wenn sie in deren Hände fielen, und kam so zu dem Entschluss, dass alle in den Tod gehen müssten. Weil er nun, wie die Dinge einmal standen, dies für das beste hielt, versammelte er die starkmütigsten seiner Gefährten und suchte sie mit folgenden Worten zur That zu entflammen:,;Schon lange sind wir, wackere Kameraden, entschlossen, weder den Römern noch sonst jemand unterthan zu sein ausser Gott allein, weil er der wahre und rechtmässige Gebieter der Menschen ist; jetzt aber ist der Augenblick gekommen, der uns mahnt, unsern hehren Entschluss durch die That zu bekräftigen. Entehren wir uns also nicht selbst dadurch, dass wir, die wir früher nicht einmal eine ungefährliche Knechtschaft zu ertragen vermochten, jetzt mit der Knechtschaft uns freiwillig die schrecklichsten Qualen zuziehen, die uns sicher bevorstehen, wenn wir in die Hände der Römer fallen. Denn wie wir die allerersten waren, die sich gegen ihr Joch aufgelehnt haben, so sind wir auch die letzten, die noch von ihnen bekämpft werden. Ich halte es für eine besondere Gnade Gottes, dass er uns in den Stand setzt, ehrenvoll als freie Leute unterzugehen, was anderen, die unversehens überwältigt wurden, nicht vergönnt war. Wir wissen ja schon zum voraus, dass wir morgen in Feindeshand geraten werden; aber noch haben wir die freie Wahl, mit unsem Lieben eines edlen Todeß zu sterben. Das können die Feinde nicht verhindern, so gern sie uns auch lebendig in ihre Gewalt bekommen möchten; anderseits aber sind wir auch nicht mehr imstande, sie im Kampfe zu besiegen. Gleich anfangs vielleicht, als unsere freiheitlichen Bestrebungen auf so grossen Widerstand bei unsern Landsleuten und auf noch grösseren von seiten unserer Feinde stiessen, hätten wir den Ratschluss Gottes mutmassen und erkennen sollen, dass er das einst ihm so teure Volk der Juden dem Verderben geweiht habe. Denn wäre er uns gnädig geblieben oder nur massig über uns erzürnt gewesen, so würde er wohl dem Untergang so vieler Menschen nicht ruhig zugeschaut und seine hochheilige Stadt nicht dem Feuer und der Zerstörungswut unserer Feinde preisgegeben haben. Und da getrauen wir uns noch zu hoffen, es könnte uns gelingen, allein von dem ganzen jüdischen Volke übrig zu bleiben und unsere Freiheit zu retten, als hätten wir gegen Gott den Herrn nicht gesündigt und an keinem Frevel uns beteiligt, während wir doch darin die Lehrmeister der anderen gewesen sind? Ihr seht also, wie Gott unsere eitlen Erwartungen Lügen straft, indem er eine Plage über uns kommen lässt, die unsere Hoffnungen völlig zu Schanden macht Denn was hat die Uneinnehmbarkeit dieser Festung uns hinsichtlich unserer Rettung genützt? Und hat nicht Gott selbst, obwohl wir einen reichen Vorrat an Proviant, eine Menge Waffen und allen sonstigen Bedarf in Überfluss besitzen, jede Hoffnung auf Rettung uns benommen? Nicht der Zufall war es ja, der das anfangs den Feinden zugewandte Feuer gegen die von uns errichtete Mauer Umschlägen liess, sondern der Zorn Gottes wegen der vielen Frevel, die wir in unserer Raserei gegen die eignen Landsleute begangen haben. Die Strafe dafür aber wollen wir nicht von unsern Todfeinden, den Römern, sondern von Gott durch unsere eigne Hand erleiden; denn sein Strafgericht ist das mildere. Ungeschändet sollen unsere Weiber sterben, frei von Sklavenketten unsere Kinder! Und sind sie uns im Tode voran gegangen, so wollen wir selbst einander den Liebesdienst erweisen — dann wird der Ruhm, die Freiheit hochgehalten zu haben, uns ein ehrenvolles Leichenbegängnis ersetzen! Zuvor aber wollen wir unsere Kostbarkeiten und die ganze Burg durch Feuer vernichten; denn ich bin sicher, dass die Römer sich ärgern werden, wenn sie uns nicht lebend fangen können und obendrein auch noch um die Beute kommen. Nur die Nahrungsmittel wollen wir ihnen übrig lassen, damit sie nach unserm Tode zum Zeugnis dienen, dass nicht der Hunger uns bezwang, sondern dass wir, wie von Anfang an, so auch jetzt noch entschlossen waren, den Tod der Knechtschaft vorzuziehen/*
7. So sprach El eazar; aber es waren noch lange nicht alle Anwesenden mit seinen Worten einverstanden. Einige zwar gingen mit wahrem Eifer daran, seinen Vorschlag ins Werk zu setzen; ja, sie zeigten sich beinahe hocherfreut, weil sie einen solchen Tod für ehrenvoll hielten. Die weichherzigeren seiner Leute dagegen ergriff Mitleid mit den Frauen und Kindern, und da auch ihnen selbst der sichere Untergang vor Augen stand, sahen sie einander unter Thränen an und gaben dadurch ihre Abneigung gegen den Plan Eleazars zu erkennen. Als nun dieser ihre verzagte Stimmung bemerkte und sich nicht verhehlen konnte, dass ihr Mut infolge jenes verzweifelten Ratschlages am zusammenbrechen sei, beschlich ihn die Furcht, sie möchten durch ihr Jammern und Weinen auch noch diejenigen rühren, die seine Worte mutigen Herzens angehört hatten. Er fuhr deshalb fort, sie zu ermuntern, und begann, während seine Gestalt sich hoch aufrichtete und flammende Begeisterung ihn durchdrang, eine schwungvolle Rede über die Unsterblichkeit der Seele, indem er mit erhobener Stimme, den Blick fest auf die Weinenden gerichtet, also sprach: „Wahrlich, gar sehr habe ich mich getauscht, indem ich wähnte, den Kampf für die Freiheit in Gemeinschaft mit wackeren Männern zu bestehen, die zu sterben entschlossen sind, wenn sie nicht mit Ehren leben können. Leider aber habt ihr, was Tapferkeit und Mut anlangt, vor jedem beliebigen Alltagsmenschen nichts voraus, da ihr den Tod selbst dann noch fürchtet, wenn er euch vom grössten Elend befreien soll, anstatt ihm unverzagt und, ohne dass es einer Aufforderung dazu bedürfte, ins Auge zu schauen. Ward uns doch stets von der ersten Regung unseres Bewusstseins an nach altehrwürdiger Überlieferung die Lehre eingeprägt, die ja auch unsere Ahnen durch ihre Thaten und Gesinnungen bekräftigten, dass nicht der Tod, sondern das Leben für die Menschen ein Unglück sei. Denn der Tod giebt den Seelen die Freiheit und eröffnet ihnen den Zugang zu dem reinen Orte, der ihre Heimat ist und wo kein Leid sie mehr treffen soll. So lange sie aber noch an den sterblichen Leib gefesselt und von seinen Gebrechen angesteckt sind, kann man sie in Wahrheit als tot bezeichnen; denn die Verbindung von Göttlichem mit Sterblichem ist etwas Unnatürliches. Freilich vermag die Seele auch Grosses zu vollbringen, während sie noch dem Körper innewohnt, indem sie ihn eben zum empfindenden Werkzeug ihrer selbst macht, unsichtbar ihn bewegend und über seine sterbliche Natur durch bedeutende Thaten ihn hervorhebend. Aber erst wenn sie, los von der sie zur Erde ziehenden lästigen Schwere, ihre wahre Heimat erreicht hat, erst dann wird sie einer seligen Wirksamkeit und allerseits ungehemmten Kraft teilhaftig und führt, wie Gott selbst, ein ewiges, dem menschlichen Auge unsichtbares Dasein. Allerdings kann sie auch, so lange sie noch im Körper sich befindet, nicht geschaut werden: ungesehen kommt sie, und niemand wird ihrer gewahr, wenn sie wiederum geht, und wiewohl sie selbst ihrer Natur nach unveränderlich ist, wird sie doch die Ursache aller Veränderungen des Körpers. Denn womit die Seele sich verbindet, das lebt und gedeiht; wovon sie sich aber trennt, das verwelkt und stirbt ab — so gross ist die Fülle der in ihr wohnenden Unsterblichkeit Der deutlichste Beweis für das Gesagte sei euch der Schlaf, in welchem die Seelen, ungestört vom Leibe, in sich selbst zurückgezogen der süssesten Ruhe gemessen, mit Gott, dem sie verwandt sind, verkehren, überall hinschweifen und vieles Zukünftige weissagen. Wie sollte man also den Tod furchten, wenn man die Ruhe im Schlafe liebt|? Und wäre es nicht ein Zeichen von Thorheit, wenn jemand die irdische Freiheit zu erringen suchte und doch die ewige sich missgönnte? Wir sollten daher schon auf Grund der Erziehung, die wir genossen haben, anderen ein Beispiel von Sterbensfreudigkeit geben. Haben wir aber auch noch Vorbilder aus der Fremde nötig, so lasst uns auf die Inder schauen, die Bich der Übung der Weisheit befleissigen. Diese edlen Männer ertragen das irdische Leben nur widerwillig als einen Frondienst, den sie der Natur schulden, und freuen sich, wenn die Seele aus den Banden des Körpers erlöst wird: ohne dass ein Leid sie drückt oder quält, nur aus Sehnsucht nach dem ewigen Leben, kündigen sie den anderen an, dass sie gesonnen sind, von der Welt zu scheiden. Niemand hindert sie daran, vielmehr preist jedermann sie glücklich und giebt ihnen Aufträge an verstorbene Verwandten mit — so fest und zuversichtlich glauben sie an eine Wiedervereinigung der Seelen. Nachdem sie nun jene Aufträge entgegengenommen, übergeben sie ihren Leib dem Feuer, um die Seelen in möglichster Reinheit vom Körper zu trennen, und sterben unter Lobgesängen. Ihre Lieben aber geleiten sie mit leichterem Herzen zum Tode, als andere Menschen ihre Mitbürger zu einer weiten Reise; sich selbst beweinen sie, jene preisen sie selig, weil sie schon in die Reihen der Unsterblichen aufgenommen sind. Müssen wir uns nun nicht schämen, dass wir uns zu der edlen Gesinnung der Inder nicht emporschwingen können und durch unsere Zaghaftigkeit das Gesetz unserer Väter, um das die ganze Welt uns beneidet, schmählich beschimpfen? Aber wenn man uns auch von jeher das gerade Gegenteil gelehrt hätte, nämlich dass das irdische Leben des Menschen höchstes Gut und der Tod ein Unglück sei, so mahnt uns doch unsere gegenwärtige Lage, ihn wohlgemut zu ertragen, da der Wille Gottes und die Notwendigkeit ihn gebieterisch verlangen. Schon lange nämlich hat Gott, wie mir scheint, bezüglich des gesamten Volkes der Juden diesen Ratschluss gefasst: wir sollen das Leben verlieren, weil er uns nicht mehr gnädig sein will. Euch selbst dürft ihr ja nicht die Schuld beimessen, noch es den Römern als Verdienst anrechnen, dass der Krieg gegen sie uns alle ins Verderben gestürzt hat. Denn nicht durch ihre Kraft ist solches geschehen, sondern eine höhere Macht hat es gefügt, dass sie sich als Sieger betrachten können. Waren es zum Beispiel vielleicht römische Waffen, durch welche die Juden zu Caesarea ums Leben kamen? Nein, sie dachten nicht im entferntesten an Abfall, und während sie den Sabbat feierten, fiel der Pöbel von Caesarea über sie her, metzelte sie samt Weibern und Kindern nieder, ohne dem geringsten Widerstand zu begegnen, und scheute sich dabei nicht einmal vor den Körnern selber, welche nur die Abtrünnigen, das heisst Leute unseres Schlages, für Feinde erklärt hatten. Doch man wird einwenden, die Bewohner von Caesarea hätten stets mit den Juden im Streit gelegen und, indem sie eine günstige Gelegenheit benutzten, nur einen alten Hass gestillt Nun denn, was sagen wir von den Juden zu Skythopolis? Den Griechen zu Gefallen ergriffen sie das Schwert gegen uns, anstatt mit uns, ihren Stammesgenossen, die Römer zu bekämpfen. Aber was hatten sie von dem Wohlwollen und der Freundlichkeit gegen ihre griechischen Mitbürger? Mitsamt ihren Familien wurden sie unbarmherzig hingeschlachtet; das war der Dank für ihre Hilfe. Was sie uns wehren wollten, den Griechen anzuthun, das geschah ihnen selbst, als hätte es so kommen müssen. Doch es würde zu weit führen, wollte ich alles im einzelnen hier Vorbringen: ihr wisst ja, dass es keine Stadt in Syrien giebt, die nicht ihre jüdischen Bewohner umgebracht hätte, wiewohl diese uns weit friedlicher gegenüberstanden als die Römer. So haben, um nur einiges anzuführen, die Damascener, ohne auch nur einen Schatten von Vorwand erdichten zu können, ihre Stadt durch ein scheussliches Blutbad befleckt, indem sie achtzehntausend Juden samt deren Weibern und Kindern ermordeten. Ferner wurden in Aegypten eine Unmenge Juden — sechzigtausend, wie man hört — zu Tode gemartert. Allerdings haben diese im fremden Lande, weil sie schutzlos ihren Feinden 664 J osephus, Geschichte des J üdischen Krieges. preisgegeben waren, solch jammervollen Tod gefunden; aber auch denen, die in ihrem eignen Lande gegen die Römer Krieg führten und überall die beste Gewähr für den Sieg gaben, ward dieser Sieg nicht zuteil. Waffen, Mauern, uneinnehmbare Festungen und ein Mut, der den Gefahren des Befreiungskampfes furchtlos die Stirn bot, bestärkten das ganze Volk in seinem Vorhaben, den Abfall zu wagen. Aber nachdem dies alles nur kurze Zeit vorgehalten und uns mit hochfliegenden Hoffnungen erfüllt hatte, stellte es sich in der Folge nur als Ursache noch viel grösseren Unglücks dar. Eine Festung nach der anderen wurde erobert und fiel den Feinden in die Hände, als wären sie nur deshalb so ausgerüstet gewesen, um den Sieg der Römer noch glänzender zu gestalten, und nicht vielmehr um denen, die sie erbaut hatten, zur Rettung zu verhelfen. Die in der Schlacht Gefallenen waren noch glücklich zu preisen, denn sie starben wenigstens mit dem Schwert in der Hand und ohne die Freiheit zu verraten. Wer aber wollte nicht die Menge derer bemitleiden, die in römische Gefangenschaft gerieten? Und wer möchte nicht mit Freuden in den Tod gehen, bevor ein gleiches Schicksal ihn ereilt? Von diesen Unglücklichen starben die einen auf der Folterbank, durch Feuer und Geisselhiebe zermartert; andere wurden, von wilden Tieren halb zerrissen, lebendig zu einem zweiten Mahle für die Bestien aufbewahrt — zum Gespött und zur Kurzweil ihrer Peiniger. Die Beklagenswertesten aber sind die, welche noch leben und den heissersehnten Tod nicht finden können. Und wo ist jene grosse Stadt, die Hauptstadt der jüdischen Nation, die durch so viele Ringmauern befestigt, durch so viele Burgen und gewaltige Türme geschützt war, die Stadt, welche kaum die Masse des Kriegsgerätes fasste und so viele Myriaden Männer in sich schloss, die für sie stritten? Wo ist sie hingekommen, die Stadt, die Gott der Herr gewürdigt hatte, in ihr zu wohnen? Vom tiefsten Grunde aus ist sie zerstört, und als einziges Denkzeichen von ihr blieb nur das Lager ihrer Verwüster übrig, das noch auf ihren Trümmern steht Elende Greise liegen bei der Asche des Tempels, und wenige Weiber, die für die schamlose Lust der Feinde aufbewahrt sind. Denkt einer an das alles, wie mag er da den Tag noch schauen wollen, selbst wenn er fortan in Sicherheit leben könnte? Und wer ist der Vaterlandsfeind, wer die Memme und der Feigling, dem es nicht leid thun würde, dass er auch nur bis heute hat leben müssen? Ach wären wir doch alle gestorben, bevor wir die heilige Stadt von Feindeshand zerstören und den geweihten Tempel so frevelhaft vernichten sahen! Freilich wurden wir durch die gewiss nicht unedle Hoffnung hingehalten, vielleicht noch einmal an dem Feind Hache dafür nehmen zu können; nun aber auch diese dahin ist und wir einsam der Not gegenüberstehen, wollen wir nicht zögern, mit Ehren zu sterben. Lasst uns Erbarmen haben mit uns selbst, Erbarmen mit unsern Frauen und Kindern, so lange es uns noch freisteht, solche Barmherzigkeit zu üben. Denn zum Tode sind wir geboren, und zum Tode haben wir auch unsere Kinder gezeugt: selbst die Glücklichsten können ihm nicht entgehen; Misshandlung aber und Sklaverei, und Zusehen müssen, wie Weiber und Kinder zur Schändung geschleppt werden, das sind keine Übel, welche etwa die Naturnotwendigkeit den Menschen auferlegt, sondern es widerfahrt ihnen solches nur um ihrer eignen Feigheit willen, weil sie nämlich, obwohl sie es könnten, nicht sterben wollen, ehe sie dies alles erleben. Wir dagegen sind im stolzen Vertrauen auf unsere Manneskraft von den Römern abgefallen und haben noch jüngst ihrer Aufforderung, uns zu ergeben, kein Gehör geschenkt Wem sollte es da nicht einleuchten, wie schwer ihre Rache uns treffen würde, wenn sie uns lebend in ihre Gewalt bekämen? Wehe alsdann den Jünglingen, deren Körperstärke gar viele Martern wird aushalten müssen! Wehe auch den Greisen, die ihres hohen Alters wegen die Qualen nicht mehr ertragen können! Da wird der eine sein Weib zur Schändung wegführen sehen, ein anderer die Stimme Beines Kindes hören, wie es nach dem Vater jammert, dem doch die Hände gebunden sind! Doch nein — so lange diese Hände noch frei sind und das Schwert zu halten vermögen, sollen sie uns den besten Dienst erweisen! Ungeknechtet von den Feinden wollen wir sterben, als freie Männer samt Weib und Kind aus dem Leben scheiden. Das befehlen uns die Gesetze, das erflehen von uns unsere Frauen und Kinder; in die Notwendigkeit aber, diesen Schritt zu thun, hat uns Gott versetzt, und das Gegenteil davon liegt im Wunsche der Römer: sie fürchten, es möchte einer aus uns vor dem Falle der Festung sterben. Eilen wir daher, ihnen statt der erhofften Freude, die unsere Gefangennehmung ihnen bereiten würde, den grausigen Anblick unserer Leichen und das Staunen über unsere Kühnheit zu hinterlassen!“
1. Als er nun noch mit seinen Ermahnungen fortfahren wollte, unterbrachen ihn alle, drängten, von unaufhaltsamem Ungestüm ergriffen, zur That und rannten, wie wenn ein böser Geist sie getrieben hätte, davon. Einer suchte dem anderen zuvorzukommen, und jeder glaubte sich dadurch besonders tapfer und entschlossen zu zeigen, dass er sich nicht unter den Letzten Anden liess — ein solch gieriges Verlangen hatte sich ihrer bemächtigt, ihre Weiber und Kinder sowie sich selbst untereinander zu morden. Auch erkaltete, wie man vielleicht hätte meinen können, dieser ihr Eifer nicht, als sie zur Ausführung schritten, sondern sie beharrten bei der unerbittlichen Gesinnung, die Eleazars Rede ihnen eingeflösst hatte. Freilich erlitten ihre freund- und verwandtschaftlichen Gefühle keine Einbusse; aber die Vernunft, die ihnen sagte, dass sie so am besten für ihre Lieben sorgten, behielt die Oberhand. Bo setzten sie denn, indem sie ihre Frauen liebevoll umarmten, ihre Kinder herzten und unter Thränen die letzten Küsse auf deren Lippen drückten, ihren Entschluss ins Werk, als stände ihnen eine fremde Hand zu Gebot; ihren Trost aber fanden sie bei diesem notgedrungenen Morden in dem Gedanken an die Misshandlungen, die ihre Angehörigen erdulden müssten, wenn sie in Feindeshand fallen würden. Schliesslich erwies sich keiner als zu schwach für das grausige Werk, sondern alle machten ihre Lieben der Reihe nach nieder. O der fürchterlichen Not, die es den Unglücklichen noch als das kleinste Übel erscheinen liess, mit eigener Hand ihre Frauen und Kinder hinzuschlachten! Unfähig, den Schmerz über ihre That zu ertragen, und in dem Gefühl, dass sie ein Unrecht an den Toten begehen würden, wenn sie dieselben auch nur ein kleines Weilchen überlebten, schleppten sie alsdann eiligst alles Wertvolle auf einen Haufen zusammen, steckten es in Brand und wählten hierauf zehn ihrer Genossen aus, welche die Mörder aller übrigen werden sollten. Hingestreckt an der Seite seines Weibes und seiner Kinder und die Arme über sie ausbreitend, bot nun jeder von ihnen aufs bereitwilligste seine Kehle den zehn dar, welche den traurigen Dienst vollzogen. Kaum aber hatten die letzteren ohne Zittern und Zagen ihre sämtlichen Gefährten Mann für Mann durchbohrt, als sie durchs Los die gleiche Entscheidung bezüglich ihrer selbst trafen: derjenige, auf den das Los fiel, sollte die anderen neun und endlich auch sich selbst umbringen; hegten sie doch alle das feste Vertrauen zueinander, dass jeder von ihnen der Ausführung des Beschlusses in thätiger wie leidender Hinsicht gleich freudig sich fügen werde. So unterzogen sich denn die neun dem Tode durchs Schwert; der eine aber, der zuletzt noch am Leben war, besichtigte nur noch den Haufen der Daliegenden, ob nicht etwa bei dem grossen Gemetzel einer übrig geblieben sei, der zum Sterben seiner Nachhilfe bedürfe, und als er sie alle wirklich tot fand, legte er 668 Josephus, Oeschichte des Jüdischen Krieges. Feuer an den Palast, durchbohrte dann sich selbst mit kräftiger Faust und sank neben seinen Unglücksgefährten nieder. Also starben sie in der Überzeugung, keine Seele übrig gelassen zu haben, die in die Gewalt der Römer geraten könnte. Eine bejahrte Frau jedoch sowie eine Verwandte Eleazars, letztere ein an Verstand und Bildung die meisten ihres Geschlechtes weit überagendes Weib, hatten sich, während die Gedanken der anderen von der Ermordung der Gefährten ganz in Anspruch genommen waren, heimlich nebst fünf Kindern in eine unterirdische Trinkwasserleitung verkrochen. Die Zahl der Toten, Weiber und Kinder mit eingerechnet, belief sich auf neunhundertsechzig. Diese Schreckensthat geschah am fünfzehnten des Monats Xanthikos.
2. Früh morgens nun setzten sich die Römer, die auf bewaffneten Widerstand rechneten, in Bereitschaft, verbanden ihren Wall und die Mauer durch Fallbrücken und betraten die Festung. Als sie jedoch keinen Feind erblickten, sondern überall eine unheimliche Leere, im Innern des Kastells Feuer, sonst aber tiefe Stille gewahrten, konnten sie sich nicht denken, was geschehen sei. Endlich stimmten sie, als sollten die Geschosse eben abfliegen, den Schlachtruf an, um dadurch den einen oder anderen von den Bewohnern hervorzulocken. Dieses Geschrei vernahmen die Weiber, krochen sogleich aus den unterirdischen Gängen heraus und berichteten den Hergang mit allen seinen Einzelheiten; besonders die eine der Frauen wusste alles, was gesprochen und gethan worden war, aufs genaueste zu erzählen. Die Römer indes schenkten ihr, weil sie die ungeheuerliche That nicht glauben wollten, nur wenig Aufmerksamkeit, sondern bahnten sich, indem sie den Brand zu löschen versuchten, einen Weg durch die Flammen und drangen in das Innere des Palastes ein. Als sie aber hier in Wirklichkeit die Menge der Gemordeten entdeckten, freuten sie sich nicht wie über den Untergang von Feinden, sondern zollten dem hochherzigen Entschluss und der unerschütterlichen Todesverachtung so vieler bei der That beteiligten Personen ihre volle Bewunderung.
1. Als Masada auf diese Weise erobert war, liess der römische Feldherr eine Besatzung in dem Kastell zurück und zog mit seinen Truppen nach Caesarea ab. Denn kein Feind war in Judaea übrig geblieben, sondern das Land war nunmehr durch den langen Krieg in seiner ganzen Ausdehnung völlig unteijocht Dagegen kamen jetzt viele der auswärtigen Juden, selbst solche, die sehr weit von ihrem Stammland entfernt wohnten, infolge des Aufstandes in eine missliche Lage. So mussten beispielsweise kurz nach dem Falle Masadas zu Alexandria in Aegypten eine Menge Juden das Leben lassen. Diejenigen aus der Sikarierrotte nämlich, denen die Flucht dorthin geglückt war, hatten nicht genug daran, dass sie mit heiler Haut davongekommen waren, sondern suchten aufs neue Unruhen zu stiften, indem sie viele von denen, die ihnen Aufnahme gewährt hatten, beredeten, sich für die Freiheit zu erheben, die Körner nicht für besser zu halten, als sich selbst, und keinen Herrn anzuerkennen ausser Gott Als nun ein Teil der vornehmeren Juden sich ihnen widersetzte, räumten sie die einen aus dem Wege, den anderen aber lagen sie mit ihren Aufwiegeleien jetzt erst recht an. Angesichts dieses wahnwitzigen Treibens glaubten die obersten Mitglieder des Rates es nicht mit ihrer Sicherheit vereinbaren zu können, wenn sie die Sikarier noch länger gewähren liessen. Sie beriefen daher die ganze Judenschaft zu einer Versammlung, deckten die An-Schläge der Verwegenen auf und schilderten sie als die Urheber alles den Juden bislang zugestossenen Unglücks. Jetzt aber, fuhren sie fort, da den Sikariern trotz der gelungenen Flucht keine Rettung winke (denn sowie sie von den Römern erkannt seien, würden sie wohl ihre baldige Hinrichtung zu gewärtigen haben), suchten sie in ihr verdientes Schicksal auch noch diejenigen mit hineinzuziehen, die sich niemals an ihren verbrecherischen Umtrieben beteiligt hätten. Die Vorsteher ermahnten darum das Volk, sich vor dem Unheil, das die Aufrührer stiften wollten, in acht zu nehmen und durch Auslieferung der Bösewichte sich den Römern gegenüber zu rechtfertigen. In richtiger Erkenntnis der grossen Gefahr, die ihnen drohte, nahmen sie sich denn auch ausnahmslos diese Vorstellungen zu Herzen, stürzten sich auf die Sikarier und machten sie dingfest. Sechshundert derselben wurden so auf der Stelle gefangen genommen; andere, die sich in das Innere Aegyptens und besonders nach Theben geflüchtet hatten, wurden bald darauf ergriffen und eingeliefert. Ihr Starrsinn und ihre Tollheit oder Seelenstärke — wie man’s nennen will — rief allgemeines Erstaunen wach. Denn alle erdenklichen Martern und Verstümmelungen, die man nur deshalb an ihrem Körper vollzog, damit sie den römischen Imperator als ihren Gebieter anerkennen sollten, vermochten nicht einen von ihnen zur Nachgiebigkeit zu bewegen oder ihm das geforderte Bekenntnis abzuzwingen; vielmehr verharrten sie in ihrer durch keine Not zu beugenden Gesinnung, als wenn ihr Leib gegen Folterung und Flammenqualen völlig abgestumpft wäre, ihre Seele aber sogar noch Freude darüber empfände. Die grösste Verwunderung jedoch erregten bei den Zuschauern die kleinen Knaben: denn auch von ihnen war keiner dahin zu bringen, dass er den Imperator seinen Herrn genannt hätte — so sehr überwog ihre gewaltige Kühnheit die Schwäche ihres Körpers.
2. Lupus, der damalige Statthalter zu Alexandria, berichtete schleunigst über diese Bewegung nach Rom, worauf Vespasianus, der überzeugt war, dass die Empörungssucht der Juden nie zur Ruhe kommen werde, und zugleich befürchtete, sie möchten sich wieder zu grösseren Scharen zusammenthun und dann auch andere zum Abfall verleiten, dem Lupus befahl, den jüdischen Tempel im sogenannten Distrikt des Onias zu zerstören. Dieser Tempel liegt in Aegypten und verdankt seine Erbauung wie seinen Namen folgender Veranlassung. Onias, der Sohn des Simon, einer der Hohepriester zu Jerusalem, war vor Antiochus, dem König von Syrien, als dieser die Juden mit Krieg überzog, nach Alexandria geflohen. Hier fand er wegen seines Zerwürfnisses mit Antiochus freundliche Aufnahme bei Ptolemaeus und versprach diesem dafür, er werde das ganze jüdische Volk auf seine Seite bringen, wenn der König seinen Worten Gehör schenken wolle. Ptolemaeus sicherte ihm thunlichste Unterstützung zu, und nun bat Onias um die Erlaubnis, irgendwo in Aegypten einen Tempel erbauen und einen Gottesdienst nach der Sitte seiner Väter einrichten zu dürfen. Dann nämlich, meinte er, würden die Juden gegen Antiochus, den Verwüster des Tempels zu Jerusalem, noch hartnäckiger kämpfen, gegen Ptolemaeus aber desto grössere Anhänglichkeit an den Tag legen und sich um der freien Religionsübung willen massenhaft in seinem Lande ansiedeln.
3. Diesen Ausführungen pflichtete der König bei und schenkte ihm einen Platz im Bezirke von Heliopolis, hundertachtzig Stadien von Memphis entfernt. Hier legte Onias zunächst Festungswerke an und erbaute alsdann den Tempel, jedoch nicht nach dem Muster des zu Jerusalem befindlichen, sondern in der Weise, dass er mehr einer Burg glich, die, aus grossen Quadern bestehend, sich etwa sechzig Ellen hoch erhob. Dem Altar dagegen gab er eine ähnliche Gestalt, wie sie der in der Heimat auf wies, und schmückte auch den Tempel mit ähnlichen Weihgeschenken. Nur bei dem Leuchter machte er eine Ausnahme. Er liess nämlich keinen stehenden Armleuchter verfertigen, sondern eine goldene Lampe, von welcher Strahlen ausgingen, und hängte dieselbe an einer goldenen Kette auf. Das ganze Heiligtum umgab er mit einer Backsteinmauer, die massiv steinerne Thore hatte. Der König schenkte ihm sodann noch ein weiteres ausgedehntes Grundstück, von dessen Ertrag die Priester ihr reichliches Auskommen haben und ausserdem die Aufwendungen für den Gottesdienst bestreiten sollten. Onias aber hatte bei diesem Beginnen keine lauteren Absichten, sondern liess sich von seinem Hass gegen die Juden zu Jerusalem leiten, denen er es nicht vergessen konnte, dass sie ihn zur Flucht genötigt hatten; und nun glaubte er, durch die Erbauung dieses Tempels eine Menge Juden von dort weglocken zu können. Es gab übrigens auch eine darauf bezügliche Weissagung, die schon vor mehr als sechshundert Jahren ergangen war: der Prophet Esaias nämlich hatte die Erbauung dieses Tempels in Aegypten durch einen jüdischen Mann vorhergesagt Auf die angegebene Weise also war der Tempel entstanden.
4. Kaum hatte nun Lupus, der Befehlshaber von Alexandria, den entsprechenden Bescheid aus Rom erhalten, als er in dem geweihten Bezirk erschien und den Tempel, aus dem er zuvor einige Weihgeschenke fortgenommen hatte, abschloss. Bald darauf aber starb er, und sein Nachfolger im Amte, Paulinus, nahm nicht nur unter harten Drohungen gegen die Priester, falls sie etwas verheimlichten, die sämtlichen Weihgeschenke aus dem Tempel weg und verbot nicht nur den Andächtigen, die heiligen Räume zu betreten, sondern verschloss auch die Thore und machte den Tempel völlig unzugänglich, sodass keine Spur von Gottesdienst an dem Orte mehr übrig blieb. Von der Erbauung des Tempels bis zu seiner Verschliessung waren dreihundertdreiund vierzig Jahre 1 verflossen.
1. Der Wahnsinn der Sikarier steckte übrigens, wie «ine Seuche, sogar Kyrene und dessen Nachbarstädte an. Dorthin nämlich hatte sich ein äusserst verruchter Mensch mit Namen Jonathas, seines Zeichens Weber, geflüchtet, der eine beträchtliche Schar besitzloser Leute an sich zog und sie in die Wüste führte, wo er ihnen Wunder und Erscheinungen zu zeigen versprach. Sein betrügerisches Treiben erregte nun zwar im allgemeinen wenig Aufmerksamkeit; gleichwohl sahen die vornehmsten Juden zu Kyrene sich veranlasst, seinen Auszug und sein Vorhaben dem Statthalter des Pentapolitanischen Libyen, Catullus, zu melden. Dieser sandte Reiterei und Fussvolk aus, die den unbewaffneten Haufen leicht überwältigten. Der grössere Teil fiel im Handgemenge; einige jedoch wurden lebendig gefangen genommen und vor Catullus geführt. Der Anstifter des ganzen Unternehmens, Jonathas, war allerdings für den Augenblick entkommen: lange und sorgfältige Nachforschungen im ganzen Lande aber führten schliesslich Joch zu seiner Verhaftung. Als er nun vor Catüllus gebracht wurde, verstand er die Sache so zu drehen und zu deuten, dass er selber straflos ausging; dagegen gab er dem Statthalter Anlass zu den ungerechtesten Handlungen, indem er lügenhafterweise die reicheren Juden beschuldigte, sie hätten ihm zu seinem Anschlag geraten.
2. Catullus griff diese Verleumdungen begierig auf und suchte der Sache durch hochtönende Worte eine besondere Wichtigkeit beizulegen, damit es den Anschein gewinne, als habe auch er eine Art von jüdischem Krieg beendigt. Noch schlimmer aber war es, dass er, der für seine Person jenem Geschwätz so leicht Glauben schenkte, den Sikariern auch noch Unterricht im Verleumden gab. So brachte Jonathas auf sein Geheiss i einen Juden Namens Alexander, dem Catullus schon lange feind war und seinen Hass bereits offen zu erkennen gegeben hatte, zur Anzeige und verwickelte auch Alexanders Gattin Berenike in die Beschuldigungen, worauf der Statthalter zunächst diese beiden hinrichten und sodann auch alle vermögenden Juden, dreitausend Mann auf einmal, umbringen liess. Er glaubte das ungefährdet thun zu können, weil er das Vermögen der Getöteten zu den Einkünften des Imperators schlug. •
3. Damit aber nicht anderswo die Juden seine Ungerechtigkeiten an den Tag bringen möchten, dehnte er sein Lügensystem 'noch weiter aus und beredete den Jonathas sowie einige von dessen Mitgefangenen, die angesehensten Juden in Alexandria und Born aufrührerischer Umtriebe zu bezichtigen. Unter denen, die auf diese Weise heimtückisch verklagt wurden, befand sich auch Josephus, der Verfasser des vorliegenden Geschichtswerkes. Dem Catullus aber sollte sein hinterlistiger Abschlag nicht 'gelingen. Denn*'als er, den Jonathas und.'dessen Genossen y in Fesseln mit [sich führenden der Meinung, es werde, weil die Verleumdungen in seinem Namen und durch ihn vorgebracht waren, von jeder weiteren Untersuchung Abstand genommen werden, in Kom anlangte, liess Vespasianus, dem die Sache verdächtig vorkam, den wirklichen Thatbestand genau erforschen und sprach, nachdem er sich von der Grundlosigkeit der gegen jene Männer erhobenen Beschuldigungen überzeugt hatte, dieselben auf Verwendung des Titus völlig frei. Über Jonathas hingegen verhängte er die verdiente Strafe: er wurde gegeisselt und dann lebendig verbrannt.
4. Der Milde der beiden Herrscher hatte Catullus es für jetzt zu danken, dass er nicht härter als mit einem Verweis bestraft wurde. Nicht lange nachher aber befiel ihn eine verwickelte, unheilbare Krankheit, und endlich fand er, nicht bloss am Leibe zermartert, sondern von noch viel schlimmeren Seelenqualen heimgesucht, einen® schmerzhaften Tod. Schreckbilder verfolgten ihn unablässig, und ein über das anderemal schrie er, er sehe die Schatten der von ihm Gemordeten neben seinem Lager stehen; er vermochte sich dann nicht mehr zu halten und sprang aus dem Bett, als nahe man ihm mit Folter und Feuer. Mehr und mehr nahm das Übel J zu: schliesslich faulten ihm die Eingeweide und fielen aus seinem Körper heraus, und so starb er — ein Beispiel, so deutlich wie irgend ein anderes, dass die göttliche Vorsehung den Bösewicht der verdienten Strafe anheimfallen lässt. B. Hiermit schliesse ich die Geschichte, welche ich meinem Versprechen gemäss mit aller Sorgfalt für diejenigen geschrieben habe, die zu erfahren wünschten, wie dieser Krieg der Römer gegen die Juden verlief. Über die Art der Darstellung sei das Urteil den Lesern anheimgestellt; was die Richtigkeit der Thatsachen anlangt, so habe ich, wie ich zuversichtlich behaupten darf, auf diese in der ganzen Schrift mein einziges Augenmerk gerichtet
Deutsche Fassung: Übersetzung von Heinrich Clementz (1859–1946), Halle a. d. S., Otto Hendel, 1900 – gemeinfrei (Übersetzer vor über 70 Jahren gestorben). Text aus dem Digitalisat des Internet Archive (Texterkennung, automatisch bereinigt; gelegentliche Erkennungsfehler und die alte Rechtschreibung bleiben; ohne die Anmerkungen des Übersetzers und das Namenregister). Englische Fassung: William Whiston (1737) aus dem Project Gutenberg. · Titelbild schlicht selbst gestaltet