1. Von Tag zu Tag wurden nun die Leiden Jerusalems schrecklicher, da das Unglück die Empörer immer mehr erbitterte und die Hungersnot, die im Volke bereits so grässlich wütete, auch sie selbst wegzuraffen begann. Kein Wunder, dass bald in der Stadt ganze Haufen von Leichen sich auftürmten, die einen entsetzlichen Anblick darboten, pestartigen Geruch verbreiteten und den Kämpfenden sogar bei ihren Ausfällen hinderlich waren; mussten doch die letzteren, wie wenn sie in der Schlacht durch ein fürchterliches Blutbad sich Bahn gebrochen hätten, im Vordringen über Leichen hinwegschreiten. Aber weder Schauder noch Mitgefühl ergriff die Frevler, wenn sie dieselben mit Füssen traten, noch sahen Bie in dieser Beschimpfung der Toten ein schlimmes Vorzeichen ihres eigenen Unterganges, sondern mit vom Brudermord befleckten Händen stürzten sie zum Kampf gegen die Fremden hinaus, als hätten sie — fast könnte es so scheinen — Gott dem Herrn Vorwürfe darüber machen wollen, dass er mit seinem Strafgericht so lange zögere. Denn Hoffnung auf Sieg war es schon nicht ■UNIVERSITY OE CALlf-ÖRNIA mehr, was ihnen den Mut zur Fortsetzung des Krieges gab, sondern Verzweiflung. Die Römer ihrerseits vollendeten, wiewohl die Herbeischaffung des erforderlichen Bauholzes ihnen viele Mühe verursachte, die Wälle in einundzwanzig Tagen, wobei sie, wie schon oben bemerkt, das an die Stadt anstossende Gelände bis auf neunzig Stadien im Umkreis völlig kahl machten. Wahrhaft kläglich war die Gegend anzuschauen: sie, die zuvor im reichen Schmuck von Bäumen und Lustgärten geprangt hatte, war jetzt allenthalben verwüstet und des Holzes beraubt. Kein Fremder, der das alte Judaea und die herrlichen Vorstädte Jerusalems gesehen, hätte beim Anblick der damaligen Verödung mit seinen Thränen und Seufzern über die gewaltige Veränderung zurückhalten können. Denn jede Spur von Schönheit hatte der Krieg vernichtet, und wenn jemand, der früher die Örtlichkeit gekannt, plötzlich daselbst erschienen wäre, er würde sie nicht wieder erkannt, sondern die Stadt, die vor ihm lag, gesucht haben.
2. Die Vollendung der Wälle gab übrigens den Römern nicht geringeren Anlass zu Besorgnissen wie den Juden. Letztere nämlich mussten, wenn es ihnen nicht wiederum gelang, dieselben in Brand zu setzen, der baldigen Eroberung der Stadt gewärtig sein; die Römer dagegen hatten, wenn auch diese Werke vernichtet wurden, keine Aussicht mehr, Jerusalem in ihre Gewalt zu bekommen, einmal wegen des gänzlichen Mangels an Baumaterial, dann aber auch weil die Soldaten von den harten Strapazea geschwächt und durch die sich häufenden Unfälle entmutigt waren. Dazu kam, dass die in der Stadt herrschende Not bei den Römern fast noch grössere Niedergeschlagenheit erzeugte wie bei den Bewohnern selbst, die nicht nur trotz ihrer entsetzlichen Leiden unnachgiebiger denn je geworden waren, sondern auch immer wieder die Hoffnungen der Römer vereitelten, indem sie gegen die Wälle durch List, gegen die Maschinen durch die Festigkeit ihrer Mauern, im Handgemenge durch ihre Tollkühnheit Vorteil über Vorteil errangen. Und dann die Hauptsache: da die Römer nun erkannt hatten, dass die Juden eine Seelenstärke besassen, die sie über Bürgerzwist, Hunger, Krieg und so viele andere Drangsale sich hinwegsetzen liess, kamen sie zu der Ansicht, dass die Kampflust ihrer Gegner ebenso unüberwindlich sei wie deren Ausdauer im Unglück, und legten sich demgemäss die Frage vor, was solche Menschen, vom Glück begünstigt, nicht unternehmen würden, da schon das Missgeschick sie immer trotziger mache. Diese Erwägungen veranlassten die Römer denn auch, an den Dämmen noch stärkere Wachtposten als früher aufzustellen.
3. Die Mannschaft des Joannes in der Antonia aber sah sich nun ebenfalls für die Zukunft vor, wenn etwa die Mauer durchbrochen werden sollte, und machte, noch ehe die Widder in Wirksamkeit traten, einen Angriff auf die Werke. Doch gelang ihnen das Unternehmen diesmal nicht: sie brachen zwar mit Fackeln hervor, zogen sich aber, bevor sie die Wälle erreicht hatten, um eine Hoffnung ärmer wieder zurück. Vor allem entbehrte ihr Plan offenbar eines einheitlichen Zusammenwirkens, da sie in kleineren Haufen, die keine Fühlung miteinander hatten, und ängstlich zaudernd, kurz gar nicht in der sonstigen Art der Juden ihren Ausfall machten; es mangelte eben an allem, was sie sonst kennzeichnete, an Kühnheit, raschem Vorgehen, festgeschlossenem Angriff und an der Kunst, den Rücken zu decken. Zudem mussten sie, während ihr eigener Anlauf die frühere Energie vermissen liess, die Römer in einer stärkeren Stellung als gewöhnlich sehen; dieselben hatten nämlich mit ihren Leibern und Rüstungen die Dämme so vollständig gedeckt, dass nirgends eine Lücke zu bemerken war, wo man Feuer hätte anlegen können, und jeder einzelne war fest entschlossen, lieber zu sterben als seinen Posten aufzugeben. Alle ihre Hoffnungen waren ja, wenn diese Werke ebenfalls in Flammen aufgingen, zunichte gemacht, und dann empörte sich auch das Ehrgefühl der Soldaten bei dem Gedanken, dass immer List über Tapferkeit, Tollheit über Kriegskunst, Masse über Erfahrung, Juden über Römer den Sieg davon tragen sollten. Die Geschütze, in deren Bereich die Angreifer sich befanden, wirkten übrigens kräftig mit: fiel dann einer derselben, so hielt er seinen Hintermann auf, und die mit weiterem Vordringen verbundene Gefahr nahm ihnen allen Mut. So wandten sich denn von denen, die auf Schussweite herangekommen waren, die einen, ehe sie handgemein wurden, aus Schrecken über die wohlgeordnete, dichtgedrängte Feindesschar zur Flucht, während andere von Wurfspeeren verwundet sich zurückgezogen; schliesslich kehrten alle, indem sie sich gegenseitig Feiglinge schalten, unverrichteter Sache wieder um. Dieser Angriffsversuch fand am Neumond des Monats Panemos statt. Kaum waren nun die Juden vertrieben, als die Römer ihre Sturmböcke heranbrachten, obwohl sie von der Antonia aus mit Felsstücken, Feuerbränden, eisernen und allen möglichen anderen Geschossen, welche die Not den Juden in die Hand gab, beworfen wurden. Die letzteren suchten nämlich, so grosses Vertrauen sie auch auf die Mauern setzten und so geringschätzig sie von den Maschinen der Römer dachten, deren Annäherung doch zu verhindern. Die Römer dagegen schrieben den Eifer, mit dem ihre Gegner die Antonia vor den Stössen der Maschinen zu schützen trachteten, der Schwäche der Mauer zu und arbeiteten in der Hoffnung, die Fundamente möchten schadhaft sein, auch ihrerseits mit äusserster Anstrengung; dennoch wollten die getroffenen Stellen nicht nachgeben. Wiewohl nun die Römer anhaltend beschossen wurden, liessen sie sich doch durch die Gefahr, die ihnen von oben drohte, nicht im mindesten abschrecken, sondern fuhren fort, die Sturmböcke kräftig wirken zu lassen. Da sie aber immer noch im Nachteil waren und namentlich durch die Steinwürfe empfindlichen Verlust erlitten, so bildeten einige von ihnen mit ihren Schilden ein Schutzdach über sich, untergruben mit Händen und Hebeln die Fundamente und brachen endlich mit unsäglicher Mühe vier Quadern heraus. Unterdessen war es dunkel geworden, und auf beiden Seiten ruhte nun der Kampf. In der Nacht aber fiel die von den Sturmböcken erschütterte Mauer an der Stelle, wo Joannes gegen die früheren Wälle einen unterirdischen Gang gegraben hatte, auf einmal zusammen, indem die Mine einsank.
4. Dieses Ereignis bewirkte hinsichtlich der beiderseitigen Ermutigung das Gegenteil von dem, was man hätte erwarten sollen. Die Juden nämlich, welche der plötzliche Einsturz, gegen den sie keine Vorkehrungen getroffen hatten, eigentlich hätte verzagt machen sollen, waren gutes Mutes, weil doch’ die Antonia selber stehen geblieben war; den Römern aber verdarb die unverhoffte Freude über den Zusammenbruch der Mauer sogleich wieder der Anblick einer zweiten, welche die Leute des Joannes hinter der eingestürzten errichtet hatten. Diese neue Mauer war zwar, wie es schien, leichter zu erstürmen als die erste, einmal weil die Trümmer der letzteren den Aufstieg erleichterten, und dann auch weil man annahm, dass sie weit schwächer wie die Antonia sei und als Gelegenheitsbau rasch zerstört werden könne; gleichwohl wagte sich niemand hinauf, weil die ersten, die sie zu ersteigen versucht haben würden, dem sicheren Verderben entgegengingen.
5. Titus versammelte nun in der Überzeugung, dass die Kampfesfreudigkeit der Krieger vornehmlich durch hoffnungerweckenden Zuspruch gehoben werde, und dass Ermunterungen und Versprechungen oft die Gefahren vergessen, ja manchmal den Tod verachten lehrten, die tapfersten seiner Leute, um ihren Mut zu erproben, und sprach also zu ihnen: „Kameraden! Eine Aufmunterung zu gefahrlosen Unternehmungen bedeutet nicht nur eine Beschimpfung derer, an die sie gerichtet wird, sondern zieht auch dem, von welchem sie ausgeht, den Vorwurf unmännlicher Gesinnung zu. Angefeuert werden muss der Mensch, meine ich, nur zu gefährlichen Unternehmungen, da die anderen ein jeder wohl aus eignem Antrieb vollführen wird. Darum will ich selbst es schlankweg zugeben: die Ersteigung der Mauer ist schwierig, und nur das weiter ausführen, dass mit Schwierigkeiten zu kämpfen gerade dem ziemt, der nach dem Ruhm der Tapferkeit strebt, dass der Heldentod etwas Herrliches ist, und dass die wackere That denen, die sie zuerst wagen, nicht unbelohnt bleiben wird. Zunächst nun soll euren Mut eben das anfeuern, was manchen vielleicht abschrecken würde, ich meine die Beharrlichkeit der Juden und ihre zähe Ausdauer im Unglück. Es wäre doch eine Schande, wenn ihr als Römer und als meine Soldaten, die ihr im Frieden Krieg führen gelernt habt und im Kriege gewöhnt seid zu siegen, an Kraft oder Mut euch von den Juden übertreffen liesset, und zwar jetzt, da ihr den Sieg beinahe in der Hand habt und des göttlichen Beistandes euch erfreut. Unsere Unfälle sind ja nur Folgen des verzweifelten Mutes der Juden; ihre Leiden dagegen werden durch eure Tapferkeit und das Eingreifen der Gottheit vergrössert. Denn Bürgerkrieg, Hungersnot, Belagernng, Einsturz von Mauern ohne Zuthun der Maschinen — was bedeutet das anders als Gottes Zorn über sie, Gottes Hilfe mit uns? Uns wird man doch hoffentlich nicht nachsagen, dass wir Schwächeren unterlegen wären und dazu noch den Beistand Gottes von der Hand gewiesen hätten! Wenn die Juden, denen eine Niederlage darum nicht besonders schimpflich vorkommt, weil sie sich schon wiederholt in den Zustand der Knechtschaft haben fügen müssen, dennoch, um nicht wiederum in denselben zu geraten, den Tod verachten und ein über das anderemal mitten in unsere Scharen herein Ausfälle machen, nicht in der Hoffnung auf Sieg, sondern lediglich um ihre Tapferkeit zu beweisen — wäre es da nicht schändlich, wenn wir, die Beherrscher fast aller Länder und des Meeres, für die es schon eine Schmach bedeutet, wenn sie nicht in jedem Falle den Sieg erringen, mit so gewaltiger Streitmacht ruhig dasitzen und warten wollten, bis Hunger und Elend mit unseren Feinden aufgeräumt haben, ohne auch nur einmal einen recht kräftigen Schlag gegen sie zu versuchen, da wir doch mit einem kleinen Einsatz alles gewinnen können? Ersteigen wir die Antonia, so haben wir die Stadt: denn wenn auch mit denen da drinnen noch ein leichter Kampf sich entspinnen sollte, was ich übrigens nicht glaube, so verbürgt uns doch die hohe Lage unserer Stellung, vermöge deren wir den Feind werden erdrücken können, einen raschen und vollständigen Sieg. Ich will jetzt nicht den Tod in der Schlacht preisen und die Unsterblichkeit derer, die im heissen Kampfe fallen; wünschen aber möchte ich den anders Gesinnten den friedlichen Tod auf dem Krankenbett, wo mit dem Leibe zugleich auch die Seele dem Grabe verfallt. Denn wer wüsste nicht, dass die Seelen der Tapferen, die im Schlachtgetümmel durchs Schwert vom Leibe befreit worden sind, das reinste Element, der Äther, aufnimmt und in Gestirne versetzt, von wo sie als gute Geister und gnädige Heroen ihren Nachkommen erscheinen, während die in kranken Körpern dahinsiechenden, wenn sie auch noch so rein wären von Sünden und Befleckung, die Nacht der Unterwelt verhüllt, wo tiefe Vergessenheit sie umfangt und Leib, Leben und Gedächtnis ihnen auf einmal genommen wird? Hat überhaupt das Schicksal dem Menschen den unvermeidlichen Tod bestimmt, und ist das Schwert ein weit erträglicherer Diener dieses Schicksals als irgend welche Krankheit: wäre es da nicht unedel, wenn wir einem guten Zweck zu opfern uns weigerten, was wir ja doch dem Schicksal einmal opfern müssen? Meine Worte beruhten übrigens bisher auf der Voraussetzung, dass die, welche den Angriff wagen, nicht lebendig davonkommen würden; nun muss aber auch der andere Fall erwogen werden, dass es nämlich tapferen Männern gelingen kann, sich selbst aus der grössten Gefahr zu Josephus, JUdiacher Krieg. 36 retten. Die Trümmer sind ja zunächst nicht schwer zu ersteigen; ist das aber einmal geschehen, so wird der Neubau mit Leichtigkeit zerstört werden können. Geht ihr also in grösserer Anzahl mit frischem Mut an die Sache heran, so werdet ihr euch gegenseitig aufmuntern und unterstützen, und es wird dann euer entschlossenes Vorgehen gar schnell den Dünkel der Feinde brechen. Vielleicht wird euch sogar das Gelingen des Unternehmens keinen Tropfen Blut kosten, wofern ihr es nur richtig angreift. Natürlich werden sie euch während des Hinaufsteigen s mit aller Kraft abzuwehren suchen; habt ihr aber einmal, sei es mit List, sei es mit Gewalt, das Ziel erreicht, so werden sie euch keinen Widerstand mehr leisten, selbst wenn ihr anfänglich nur zu wenigen sein solltet. Ich meinerseits werde es als Ehrensache betrachten, denjenigen von euch, der zuerst die Mauer ersteigt, durch entsprechende Belohnungen zum Gegenstand des Neides zu machen: bleibt er am Leben, so soll er über die, die jetzt seinesgleichen sind, befehlen; aber auch das Andenken der Gefallenen werde ich aufs glänzendste ehren.“
6. Während dieser Ansprache des Titus schreckte das Heer noch immer vor der Grösse der Gefahr zurück; nur einer von denen, die in den Kohorten dienten, ein geborener SyrerJNamens Sabinus, bewies sich als tapferer und unerschrockener Krieger, obwohl man ihn, wenn man ihn nur so ansah, seinem Äusseren nach kaum für einen rechten Soldaten hätte halten sollen. Er war nämlich schwarz von Hautfarbe, dabei hagerund sehnig; aber in dem schmächtigen, für die Fülle seiner Kraft viel zu winzigen Körper wohnte eine echte Helden seele. Dieser Mann also erhob sich vor allen anderen und sprach: „Willig opfere ich mich dir, Caesar, und der erste will ich sein, der die Mauer ersteigt; nur wünsche ich mir zu meinem Mut und guten Willen noch dein Glück hinzu. Sollte es mir aber nicht vergönnt sein, meinen Anschlag durchzuführen, so wisse, dass der Misserfolg mir nicht unerwartet kam, sondern dass ich aus freiem Entschluss den Tod für dich gewählt habe/* Als er so gesprochen, hielt er mit der Linken den Schild über seinen Kopf, zog mit der Rechten das Schwert und ging — etwa um die sechste Stunde des Tages — auf die Mauer zu. Von den übrigen folgten ihm nur elf Mann, die es ihm an Tapferkeit gleichthun wollten; er aber stürmte, wie von einer höheren Macht getrieben, allen voran. Die Posten auf der Mauer warfen mit Speeren nach ihnen, überschütteten sie auf allen Seiten mit einem Hagel von Geschossen und wälzten ungeheure [Stein blocke auf sie herab, welche einige von den elfen mit fortrissen. Sabinus jedoch warf sich mutig den Geschossen entgegen, und obwohl er unter dem Pfeilregen fast verschwand, hielt er nicht eher ein, als bis er oben auf der Mauer angelangt war und die Feinde vertrieben hatte. Die Juden nämlich wandten sich voll Schrecken über seine Kraft und Geistesgegenwart zur Flucht; auch glaubten sie nicht anders, als dass noch mehrere mit ihm die Höhe erklommen hätten. Aber hier war wieder ein Fall, wo man dem Schicksal grollen möchte, weil es so neidisch ist auf die Tapferkeit und ausserordentliche Heldenthaten stets zu vereiteln sucht. Denn als dieser wackere Mann sein Unternehmen zu Ende geführt hatte, glitt er aus, strauchelte über einen Stein und fiel vornüber mit hörbarem Geräusch auf denselben hin. Die Juden machten nun wieder kehrt, und da sie ihn verlassen am Boden liegen sahen, setzten sie ihm von allen Seiten mit Geschossen zu. Er aber stemmte sich aufs Knie und verteidigte sich noch eine Zeitlang mit vorgehaltenem Schild, wobei er mehreren von denen, die ihm nahe kamen, Hiebe beibrachte; endlich jedoch liess er, über und über mit Wunden bedeckt, die Rechte sinken und gab, unter Pfeilen fast vergraben, den Geist auf. Um seiner Tapferkeit willen hätte man dem' Braven wohl ein besseres Los wünschen können; freilich war sein Beginnen derart, dass er dabei fallen musste. Von den elfen töteten die Juden noch drei, die gleichfalls bereits die Höhe erstiegen hatten, durch Stein würfe, während die übrigen acht, allerdings verwundet, geborgen und ins Lager geschafft werden konnten. Das geschah am dritten des Monats Panemos.
7. Zwei Tage nachher thaten sich einige der auf den Dämmen postierten Wachmannschaften, zwanzig an der Zahl, zusammen und rückten, nachdem sie zuvor auch noch den Adlerträger der fünften Legion, zwei Mann aus den Reiterschwadronen und einen Trompeter für ihr Unternehmen gewonnen, um die neunte Stunde der Nacht in aller Stille über die Trümmer auf die Antonia los, töteten die vordersten Posten, welche im Schlafe lagen, besetzten die Mauer und liessen den Trompeter das Signal blasen. Daraufhin erhoben sich sogleich die übrigen Wachtposten und flohen davon, ohne sich nach der Zahl der Angreifer umzusehen; denn der Schreck und das Trompetensignal hatten in ihnen den Wahn erregt, die Feinde seien in Masse heraufgeklettert Der Caesar hatte nicht sobald das Signal vernommen, als er das Heer in Eile sich waffnen liess und mit den Offizieren an der Spitze einer auserlesenen Schar zuerst die Burg hinanstieg. Da nun die Juden sich in den Tempel zurückzogen, drangen die Römer ebenfalls ein, und zwar durch den unterirdischen Gang, den Joannes gegen die Wälle der Römer geführt hatte. Die Empörer aber wehrten sich, obwohl sie in zwei feindliche Parteien unter Joannes und Simon gespalten waren, dennoch gegen die Römer gemeinschaftlich mit einem Aufwand von Kraft und Mut, der nicht grösser hätte sein können; denn sie sahen wohl ein, dass mit der Besetzung des Heiligtums durch die Römer das Schicksal der Stadt besiegelt sein würde, wie umgekehrt die Römer darin den Anfang ihres Sieges erblickten. So entspann sich denn an den Thoren ein harter Kampf, indem die Römer sich den Eingang zu erzwingen und damit, den Tempel in Besitz zu nehmen, die Juden hingegen die Römer in die Antonia hineinzudrängen suchten. Von Schusswaffen und Wurfspeeren konnte man beiderseits keinen Gebrauch machen; vielmehr musste Mann gegen Mann mit dem Schwert kämpfen. Bald war auch in der Hitze des Gefechtes nicht mehr zu unterscheiden, auf welcher Seite der einzelne stritt, da die Krieger eine einzige wirre Masse bildeten, im Gedränge sich gegeneinander verschoben und den Zuruf ihrer Kameraden wegen des allgemeinen Getöses nicht verstehen konnten. Hüben wie drüben floss viel Blut, und die Kämpfenden zertraten den Gefallenen Glieder und Rüstungen. Je nachdem nun die Wagschale bei einem der streitenden Teile stieg oder sank, erscholl das aufmunternde Geschrei der im Vorteil Befindlichen oder das Klagegeheul der Weichenden. Übrigens war weder Raum zur Flucht noch zur Verfolgung da, und so wogte der Kampf unter steigender Verwirrung unentschieden hin und her. Wer ganz nach vorn geschoben wurde, musste entweder töten oder sich töten lassen, da an Flucht nicht zu denken war; denn die Nachrückenden drängten ihre eigenen Leute immer weiter vorwärts und liessen nicht den kleinsten Zwischenraum zwischen den Streitenden. Endlich gewann der wilde Mut der Juden über die kriegskundigen Römer die Oberhand, und der Kampf neigte sich auf allen Punkten dem Ende zu, nachdem er von der neunten Stunde der Nacht bis zur siebenten des Tages gedauert hatte. Auf seiten der Juden war die ganze Streitmacht, die im Hinblick auf die drohende Eroberung der Stadt sich zur grössten Tapferkeit an gespornt fühlte, im Gefecht gewesen, bei den Römern aber nur ein Teil des Heeres, da die Legionen, auf welche die Kämpfenden ihre Hoffnung setzten, die Burg noch nicht erstiegen hatten. Aus diesem Grunde begnügten sich auch die Römer vorläufig mit der Besetzung der Antonia.
8. Als nun der Centurio Julianus, ein Bithynier von nicht unedler Abkunft und, was Kriegserfahrung, Körperstärke und Geistesgegenwart betraf, der ausgezeichnetste Mann, den ich in jenem Kriege kennen lernte, die Römer weichen und sich nur noch schwach verteidigen sah, sprang er von der Antonia her, wo er an Titus’ Seite stand, vor und trieb die schon siegreichen Juden in eine Ecke des inneren Tempelhofes zurück. Die ganze Masse der Feinde floh vor ihm, da seine Starke und Kühnheit ihnen übermenschlich vorkam. Er aber fuhr mitten unter den Zersprengten von einer Seite zur anderen und stiess nieder, was ihm in die Quere kam — ein Anblick ebenso erstaunlich [für den Caesar wie schaudererregend für die übrigen. Doch auch ihn verfolgte das Schicksal, dem kein Sterblicher entrinnen kann. Gleich den übrigen Soldaten trug er Schuhe, die mit scharfen Nägeln dicht beschlagen waren; indem er nun über das Pflaster dahinrannte, glitt er aus und fiel rücklings nieder. Das laute Klirren seiner Rüstung gab den Fliehenden das Zeichen zur Umkehr. Sogleich erhoben die Römer auf der Antonia aus Besorgnis für den Mann ein lautes Geschrei; die Juden aber umringten ihn in dichten Haufen und stiessen*von allen Seiten mit Speeren und Schwertern auf ihn los. Manchen Stoss fing er mit dem Schilde auf und versuchte zu wiederholten Malen, sich zu erheben; aber immer wieder wurde er von der Überzahl der auf ihn Einhauenden zu Boden geschlagen. Doch selbst als er dalag, verwundete er noch viele seiner Gegner mit dem Schwert. Es währte nämlich geraume Zeit, bis er getötet wurde, weiUer den Nacken einzog und alle [tödlich verwundbaren Stellen durch Helm und Panzer gedeckt waren; erstmals man ihm die Glieder abgehauen hatte und*niemand~ilim Hilfe zu bringen wagte, erlag er. Inniges Mitgefühl empfand der Caesar, als er diesen heldenmütigen Mann vor den Augen so vieler" Krieger niedermachen sah - Er selbst wäre ihm gern beigesprungen, doch die örtlich keit machte es ihm unmöglich; die aber, welche es hätten thun sollen, lähmte der Schreck. Endlich wurde Julianus, der fast allen seinen Mördern Wunden beigebracht hatte, nach hartem Todeskampf mit Mühe vollends umgebracht und hinterliess nicht nur bei den Römern und dem Caesar, sondern auch bei seinen Feinden ein ruhmreiches Andenken. Die letzteren rissen nun den Leichnam an sich, schlugen die Römer abermals zurück und beschränkten sie auf die Antonia. Es hatten sich auf seiten der Juden in diesem Gefecht besonders hervorgethan: Alexas und Gyphthaeus von der Schar des Joannes; von der des Simon: Malachias, Judas, des Merton Sohn, und Jakobus, des Sosas Sohn, der Anführer der Idumäer; von den Zeloten endlich zwei Brüder Simon und Judas, die Söhne des Ari.
1. Der Caesar gab nun seinen Soldaten Befehl, die Grundmauern der Antonia zu zerstören, um dem ganzen Heere den Zugang zum Tempel zu erleichtern. Da er übrigens an diesem Tage — es war der siebzehnte des Monats Panemos — erfahren hatte, dass das Opfer, welches tagtäglich der Gottheit dargebracht wurde, aus Mangel an Männern zum grossen Leidwesen des Volkes eingestellt worden sei, bescbied er den Josephus zu sich und trug ihm auf, dem Joannes ähnlich wie früher vorzustellen, er möge, wenn gar so schlimme Kampflust ihn beseele, mit einer beliebigen Anzahl Streiter hervortreten, ohne die Stadt und den Tempel mit sich ins Verderben zu reissen, und endlich auf hören, das Heiligtum zu beflecken und gegen Gott zu freveln. Es solle ihm indes freistehen, den unterbrochenen Opferdienst durch irgendwelche Juden, die er dazu bestimmen möge, wieder aufnehmen zu lassen. Josephus stellte sich so auf, dass er nicht von Joannes allein, sondern auch von der Menge gehört werden konnte, verkündete das, was Titus ihm aufgetragen, in hebräischer Sprache und fügte noch die inständige Bitte hinzu, sie möchten doch die Vater* Stadt schonen, das Feuer, das gleichsam den Tempel schon belecke, abwehren und Gott die täglichen Opfer wieder darbringen. Diese Worte nahm das Volk mit trauervollem Schweigen entgegen; der Tyrann aber überhäufte Josephus mit Schmähungen und Flüchen und erklärte schliesslich, er fürchte die Eroberung nun und nimmer, denn die Stadt stehe unter Gottes Schutz. Als Antwort rief ihm Josephus mit lauter Stimme zu: „Freilich, du hast ja diese Stadt der Gottheit rein bewahrt, und das Heiligtum ist immer noch unbefleckt; gegen den, auf dessen Beistand du pochst, hast du natürlich nicht das mindeste verbrochen, und er empfängt von dir die hergebrachten Opferspenden! Wenn jemand dir, ruchloser Mensch, dein tägliches Brot wegnimmt, so siehst du in ihm deinen Feind; und nun wähnst du an dem Gott, dem du seinen uralten Dienst geraubt, einen Bundesgenossen im Kampfe zu haben, und willst deine Frevel den Römern zur Last legen, die noch heute unsere Gesetze achten und darauf dringen, dass die von dir abgesch afften Opfer der Gottheit wieder dargebracht werden? Wer sollte da nicht über die unnatürliche Veränderung, die sich in der Stadt vollzogen hat, jammern und wehklagen? Freunde und Feinde suchen wieder gut zu machen, was du gegen Gott gefrevelt, während du selber, ein Jude, der unter dem Gesetz aufgewachsen ist, schlimmer gegen das Gesetz wütest, als ein Feind dies vermöchte. Aber auch noch im letzten Augenblick von seinem sündhaften Wandel sich bekehren, ist keine Schande, Joannes, und zu dem Entschluss, die Stadt zu retten, sollte dich das schöne Beispiel unseres Königs Jechonias reizen, der seinerzeit, als der Babylonier gegen ihn mit Heeresmacht heranzog, freiwillig die Stadt verließs und sich mit seiner Familie in selbstgewählte Kriegsgefangenschaft begab, um nicht diese ehrwürdige Statte den Feinden überantworten und das Gotteshaus einäschern lassen zu müssen. Darum wird er auch bei allen Juden in einem heiligen Liede gefeiert, und sein Gedächtnis, von Jahrhundert zu Jahrhundert sich erneuernd, bleibt unsterblich bis auf die spätesten Geschlechter. Ein herrliches Vorbild fürwahr, Joannes, selbst wenn Gefahr mit dessen Nachahmung verbunden sein sollte Nun verbürge ich dir aber auch noch Begnadigung von seiten der Römer. Bedenke, dass ich als Landsmann zu dir rede und als Jude dir diese Zusicherung gebe, und du musst darauf achten, von wem und in welchem Sinne dir ein Rat erteilt wird! Traun, ich werde nie in meinem Leben so ganz Kriegsgefangener sein, dass ich mein Volk verleugnete und mein Vaterland vergässe! Schon wieder aber tobst du gegen mich und überhäufst mich mit deinen Schmähungen! Nein, ich verdiene noch Härteres, weil ich dem Schicksal zum Trotz noch mit Ermahnungen komme und Menschen, die von Gott verworfen sind, mit Gewalt retten will! Wer kennt nicht die Schriften der alten Propheten und den Orakelspruch wider diese unglückliche Stadt, dessen Erfüllung jetzt bevorsteht? Dann, weissagten sie, werde Jerusalem zu Grunde gehen, wenn jemand anfange, das Blut seiner Volksgenossen zu vergiessen. Ist nun nicht die Stadt und der ganze Tempel voll von Leichen derer, die ihr ermordet habt? Gott also, Gott selbst führt mit den Römern das Feuer heran, das den Tempel läutern soll, und vertilgt die mit so schändlichen Greueln belastete Stadt!“
2. So sprach Josephus unter Weinen und Wehklagen und vermochte endlich vor Schluchzen nicht weiter zu reden. Die Römer hatten Mitleid mit seinem Schmerz und achteten seinen guten Willen; Joannes und seine Spiessgesellen aber zeigten sich nur um so erbitterter gegen die Körner und brannten vor Verlangen, sich der Person des Josepbus zu bemächtigen. Viele vornehme Juden jedoch wurden durch seine Kede gerührt, und während einige von ihnen, obwohl sie nun ihr eigenes Verderben wie das der Stadt vor Augen sahen, an Ort und Stelle blieben, erspähten andere eine günstige Gelegenheit zu gefahrloser Flucht und gingen zu den Römern über. Unter den letzteren befanden sich die Hohepriester JoBephus und Jesus, deren Väter gleichfalls diesem Stande angehörten, ferner drei Söhne eines gewissen Ismael, der zu Kyrene enthauptet worden war, vier Söhne von Matthias und ein Sohn jenes anderen Matthias, der, nachdem sein Vater und seine drei Brüder von Simon, dem Sohne des Gioras, ermordet worden waren, allein, wie oben erzählt, mit dem Leben davongekommen war. Zugleich mit den Hohepriestern flohen auch noch viele andere Vornehmen zu den Körnern. Der Caesar nahm sie nicht nur von vornherein freundlich auf, sondern liess sie sogar, weil er wusste, dass sie sich unter einem Volk von fremden Sitten nicht behaglich fühlen würden, nach Gophna ziehen, wo sie vorläufig bleiben sollten; sobald der Krieg ihn weniger in Anspruch nähme, wolle er einem jeden sein Vermögen zurückerstatten. Wohlgemut und in aller Sicherheit begaben sie sich in das ihnen angewiesene Städtchen. Da sie aber nun nicht mehr zu sehen waren, streuten die Empörer — natürlich in der Absicht, die übrigen von der Flucht abzuschrecken — abermals das Gerücht aus, die Überläufer seien von den Feinden niedergemacht worden. Eine Zeitlang war denn auch diese List, wie bereits früher, von Erfolg begleitet, da die Leute in der That durch Furcht sich abhalten liessen, zu den Römern überzugehen.
3. Später aber, als Titus die Männer aus Gophna zurückkommen und in Begleitung des Josephus vor den Augen des Volkes rings um die Mauer gehen liess, flohen die Juden abermals in Menge zu den Römern. Zu einer grossen Schar vereinigt, stellten sie sich nun alle vor der römischen Linie auf und flehten unter Seufzern und Thränen die Empörer an, sie möchten die ganze Stadt den Römern öffnen und ihr Vaterland noch einmal retten, oder doch wenigstens den Tempel gänzlich räumen und ihn dem Volke erhalten; denn nur im äussersten Notfall würden die Römer es wagen, das Heiligtum in Brand zu stecken. Das aber versetzte die Empörer in noch grössere Wut: sie erwiderten die Vorstellungen der Überläufer mit groben Schmähungen und pflanzten über den heiligen Thoren die Skorpionen, Katapulten und Ballisten auf, sodass der Tempel selbst wie eine Festung aussah, während die geweihten Räume, die ihn umgaben, wegen der Menge der daselbst aufgehäuften Leichen einem Totenacker glichen. Im Heiligtum wie im Allerheiligsten trieben sie sich, die Hände noch dampfend vom Blut ihrer ermordeten Mitbürger, bewaffnet umher und begingen derartige Greuelthaten, dass die Römer einen gewaltigen Abscheu vor den Juden empfanden, die so gegen ihre eigenen Heiligtümer frevelten — einen Abscheu, wie ihn die Juden nicht stärker hätten hegen können, wenn die Römer mit gleicher Brutalität gegen sie selbst vorgegangen wären. Denn nicht einmal unter den gemeinen Soldaten fand sich einer, der nicht mit Ehrfurcht und heiligem Schauer und mit dem Wunsche, dass die Räuber vor dem Eintritt unheilbaren Unglücks noch anderen Sinnes werden möchten, zum Tempel emporgeblickt hätte.
4. Im überwallenden Drange seines Gefühls rief nun der Caesar nochmals der Rotte des Joannes die vorwurfsvollen Worte zu: „Habt nicht ihr, verruchte Frevler, jenes Gitter um das Heiligtum gezogen? Habt nicht ihr an demselben jene Säulen errichtet, auf denen in griechischer und römischer Sprache das Verbot, die Schranke zu überschreiten, eingegraben steht? Und haben nicht wir euch gestattet, den Übertreter dieser Vorschrift, selbst wenn es ein Römer war, mit dem Tode zu bestrafen? Jetzt aber tretet ihr Bösewichte in jenen Raumen auf Leichen herum und besudelt den Tempel mit dem Blute von Fremden wie von Einheimischen! Ich rufe die Götter meines Landes und den, der früher einmal auf diese Stadt gnädig herabsah (denn jetzt, glaube ich, thut er’s nimmer), ich rufe mein Heer, die bei mir weilenden Juden und euch selbst zu Zeugen auf, dass ich euch nicht zwang, diese Stätte zu entweihen; und wenn ihr einen anderen Kampfplatz wählen wollt, so wird kein Römer das Heiligtum betreten oder schänden. Den Tempel erhalte ich euch selbst gegen euren Willen.“
5. Als Josephus ihnen dies aus dem Munde des Caesars verkündete, trugen die Räuber und der Tyrann in dem Wahn, dass nicht Wohlwollen, sondern Feigheit die Worte eingegeben habe, übermütigen Hohn zur Schau. Da erkannte Titus, dass diese Menschen weder Mitleid mit sich selbst fühlten noch irgendwelche Sorge um den Tempel hegten, und ging demgemäss, wiewohl ungern, wieder zu kriegerischen Massregeln über. Ihnen mit der ganzen Streitmacht zu Leibe zu rücken, war freilich, weil der Tempelraum dieselbe nicht fassen konnte, unmöglich; er wählte daher aus jeder Centurie die dreissig tapfersten Soldaten aus, wies je tausend einem Tribun zu, unterstellte diese wieder dem Oberkommando des Cerealis und gab Befehl, um die neunte Stunde der Nacht die Wachen zu überfallen. Auch er selbst warf sich in die Rüstung, entschlossen, den Kampf mitzumachen; seine Freunde aber suchten, unterstützt von den Offizieren, ihn unter Hinweis auf die Grösse der Gefahr zurückzuhalten. Er werde, der Sache mehr nützen, meinten sie, wenn er ruhig auf der Antonia bleibe und den Soldaten gegenüber das Amt des Kampfrichters versehe, als wenn er hinabsteige und im Schlachtgetümmel voranschreite; unter den Augen ihres Feldherrn würden ja alle sich als wackere Streiter erweisen. Diesen Vorstellungen gab Titus nach und erklärte den Soldaten, nur darum wolle er Zurückbleiben, damit er ihr Verhalten beurteilen könne, und damit kein Tapferer mit Belohnungen, kein Feiger mit Strafen übergangen werde; denn er, der die Macht habe, zu strafen und zu belohnen, müsse sich selbst davon überzeugen, wie sie die Sache angreifen würden. So entliess er denn um die angegebene Stunde die zur Ausführung des Anschlages bestimmte Mannschaft und begab sich selbst auf die Warte der Antonia, wo er der Entwicklung des Kampfes mit Spannung entgegensah.
6. Die Wachen lagen übrigens nicht, wie die Angreifer gehofft hatten, im Schlafe, sondern sprangen mit lautem Geschrei auf und begannen unverzüglich das Handgemenge. Auf den Hilferuf der Vorposten stürzten dann auch die übrigen in dichten Haufen aus dem Innern hervor. Den Anprall der ersten hielten die Börner aus; die nachfolgenden Juden aber warfen sich auf ihre eigenen Leute, und viele wurden von ihren Kameraden als Feind« behandelt. Am Schlachtruf einander zu erkennen, war wegen des beiderseitigen verworrenen Geschreis nicht möglich, und den Gebrauch der Augen verhinderte die Nacht, abgesehen davon, dass die einen ihre Wut, andere die Furcht blind machte. Deshalb hieb man ohne weiteres drauf los, mochte es treffen, wen es wollte. Die Römer, welche ihre Schilde dicht aneinander schlossen und in geordneten Abteilungen vorgingen, litten durch diese Verwirrung weniger; denn jeder von ihnen kannte sein Losungswort. Die Juden aber, die sich immer wieder zerstreuten und •planlos bald vordrangen, bald zurückwichen, hielten sich nicht selten gegenseitig für Feinde, und mancher empfing in der Dunkelheit den fliehenden Freund wie einen angreifenden Römer. Auf diese Weise wurden mehr Juden von ihren eigenen Landsleuten wie von den Feinden verwundet, bis endlich der Tag graute und die Kämpfer einander zu erkennen vermochten: Da erst schieden sie sich in Gefechtskolonnen, und Angriff wie Verteidigung erfolgte nach den Regeln der Taktik. Auf beiden Seiten ward nun mit gleicher Ausdauer und Zähigkeit gestritten: bei den Römern, die sich von Titus beobachtet wussten, wetteiferte Mann mit Mann, Abteilung mit Abteilung, und jeder hoffte, dieser Tag werde ihm, wenn er tapfer kämpfe, eine Beförderung bringen; die Juden anderseits fühlten sich nicht nur durch die Sorge um ihr eigenes Leben und das Heiligtum, sondern auch durch die Gegenwart des Tyrannen aufgestachelt, der sie bald durch Zuspruch, bald durch Geisseih iebe und Drohungen anfeuerte. So kam es, dass der Kampf fast auf ein und denselben Punkt beschränkt blieb und nur selten auf kleinere Strecken sich verschob; denn keiner der streitenden Teile hatte Raum zur Flucht oder zur Verfolgung. Bei jeder Wendung des Gefechtes erscholl der lärmende Zuruf der Römer auf der Antonia, die ihren Kameraden zujubelten, wenn sie im Vorteil waren, oder auch sie ermunterten, standzuhalten, wenn sie sich wandten. Es war wie ein Schaugefecht; denn kein Zwischenfall des Kampfes entging dem Caesar und seiner Umgebung. Endlich trennten sich die Streitenden, die den Kampf in der neunten Stunde der Nacht begonnen hatten, nach der fünften des Tages; keiner der beiden Teile hatte den anderen zum Weichen gebracht, und so blieb der Ausgang des Treffens zweifelhaft. Von den Römern hatten sich viele im Kampf hervorgethan; auf seiten der Juden von der Schar Simons: Judas, des Merton, und Simon, des Josias Sohn, von den Idumäern: Jakobus, des Sosas, und Simon, des Kathlas Sohn, von den Leuten des Joannes: Gyphthaeus und Alexas, von den Zeloten Simon, der Sohn des Ari.
7. Unterdessen hatte der übrige Teil des Römerheeres nach siebentägiger Arbeit die Grundmauern der Antonia zerstört und einen breiten Weg zum Tempel hinauf geebnet. Auf diese Weise der ersten Ringmauer nahe gekommen, begannen die Legionen Wälle zu bauen, einen gegenüber der nordwestlichen Ecke des inneren Vorhofes, den zweiten in der Nähe der nördlichen Galerie zwischen den beiden Thoren, den dritten an der westlichen Halle des äusseren Vorhofes, den vierten aussen bei der nördlichen Halle. Der Bau dieser Werke war jedoch mit grosser Mühe und vielen Schwierigkeiten verknüpft, und dabei mussten sie noch das Baumaterial aus einer Entfernung bis zu hundert Stadien herbeis ch affen. Zuweilen litten auch die Römer, wenn sie in dem Gefühl ihrer Überlegenheit die nötige Vorsicht vergassen, durch feindliche Hinterhalte, während anderseits die Juden immer tollkühner sich benahmen. Manche Reiter zum Beispiel liessen, wenn sie auszogen, um Holz oder Futter zu holen, so lange sie damit beschäftigt waren, ihre Pferde losgezäumt weiden, welche dann von den scharenweise hervorbrechenden Juden abgefangen wurden. Da der Fall sich öfter wiederholte, glaubte der Caesar, dass, wie es auch wirklich zutraf, mehr die Nachlässigkeit seiner eigenen Krieger als die Tapferkeit der Juden an diesen Verlusten schuld sei, und beschloss daher, durch strenges Einschreiten die Leute zu besserer Bewachung ihrer Pferde anzuhalten. Als nun wieder einer der Soldaten so beraubt worden war, liess er ihn hinrichten und bewirkte durch dieses abschreckende Beispiel, dass die übrigen ihre Pferde in Obacht nahmen: sie liessen sie von da an nicht mehr frei weiden, sondern ritten zu jenen Verrichtungen aus, als wären sie mit den Tieren fest verwachsen. In der oben erwähnten W eise belagerten also die Legionen den Tempel durch Aufwerfen von Wällen.
8. Einen Tag nach der Besetzung der-Antonia durch die Römer rotteten sich die Empörer, vom Hunger gedrängt, den sie mit dem Ertrag ihrer Räubereien nicht mehr zu stillen vermochten, in Masse zusammen und machten um die elfte Stunde des Tages einen Ausfall auf die römische Vorpostenkette am ölberg. Sie gedachten dieselbe mit leichter Mühe zu durchbrechen da sie die Soldaten unvorbereitet und mit der Pflege ihres Körpers beschäftigt anzutreffen wähnten. Die Römer aber hatten ihre Annäherung rechtzeitig bemerkt und liefen von den nahen Posten schnell zusammen, um ihnen das Übersteigen des Walles und den gewaltsamen Durchbruch zu verwehren. Es entspann sich nun ein hitziges Gefecht, in welchem beiderseits manche kühne That vollbracht wurde: die Römer suchten ihre Kraft und Geschicklichkeit, die Juden ihr wildes Ungestüm und ihre schrankenlose Wut zur Geltung zu bringen. Jene stachelte das Ehrgefühl, diese die Not. Diesmal die Juden, die schon wie in einem Netz gefangen sassen, entschlüpfen zu lassen, dünkte den Römern die grösste 8chande; die Juden hingegen hatten nur dann Aussicht auf Rettung, wenn sie die Ringmauer mit Gewalt durchbrachen. Bei dieser Gelegenh eit zeichnete sich besonders ein Reiter Namens Pedanius aus. Als nämlich die Juden sich schon zur Flucht wandten und in das Thal hinabgedrängt wurden, sprengte derselbe in scharfem Galopp von der Seite herbei, fasste einen der fliehenden Feinde, einen kräftig gebauten und gut bewaffneten Jüngling, an der Ferse und jagte mit ihm davon — so tief hatte er sich von seinem in vollem Lauf befindlichen Pferde herab gebeugt und damit nicht nur die gewaltige Kraft seiner Arme und seines übrigen Körpers, sondern auch seine hohe Gewandtheit im Reiten bekundet. Wie wenn er ein Kleinod geraubt hätte, brachte er den Gefangenen zum Caesar. Dieser zollte der Kraft des Mannes, der das Kunststück fertig gebracht hatte, seine Bewunderung; den Jüngling aber liess er wegen seiner Teilnahme an dem Angriff auf die Mauer hinrichten. Alsdann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den Kämpfen um den Tempel und dem Bau der Wälle zu.
9. Da nun die Juden in den Gefechten fortgesetzt schwere Verluste erlitten, und da die immer höher steigende Kriegsnot bereits an die Thore des Tempels pochte, schnitten die Belagerten, wie man bei einem brandigen Körper zu thun pflegt, die schon angesteckten Glieder ab, um die Ausbreitung der Krankheit zu verhüten — das heisst, sie zündeten die nordwestliche Tempelhalle an der Stelle, wo sie mit der Antonia zusammenhing, an und rissen sie noch auf eine weitere Strecke von zwanzig Ellen ein. Die Juden waren es also, die zuerst mit eigenen Händen den Feuerbrand an die heiligen Gebäude legten. Zwei Tage nachher, am vierundzwanzigsten des obengenannten Monats, äscherten die Römer die daneben befindliche Halle ein, und als die Flammen bereits fünfzehn Ellen weit um sich gegriffen hatten, deckten die Juden das Dach ab und zerstörten, ohne dem Feuer irgendwie Einhalt zu thun, alles, was zwischen ihnen und der Antonia lag, wiewohl sie die Einäscherung hätten verhindern können. Ruhig sahen sie dem Feuer zu und liessen es seine Verheerungen anrichten, soweit dies für sie von Nutzen war. Mittlerweile hörten übrigens die Gefechte in der Nähe des Tempels nicht auf, sondern es fanden dort beständig Scharmützel zwischen kleineren Abteilungen statt.
10. In diesen Tagen trat aus der Mitte der Juden ein Mann Namens Jonathas, klein von Gestalt und unansehnlich, seiner Herkunft und auch seinen übrigen Verhältnissen nach unbedeutend, bei dem Grabmal des Hohepriesters Joannes hervor, erging sich in übermütigen Reden gegen die Römer und forderte den Tapfersten von ihnen zum Zweikampf heraus. Die meisten der dort aufgestellten Soldaten hielten ihn nicht der Beachtung wert; manche fürchten sich auch wohl vor ihm; anderen kam der vernünftige Gedanke, mit einem, der den Tod suche, dürfe man sich in keinen Kampf einlassen, weil Verzweifelnde masslos ungestüm seien und vor der Gottheit keine Ehrfurcht mehr hätten. Dann aber verrate es auch weniger Mut als Tollkühnkühnheit, sein Leben im Kampfe mit Menschen zu wagen, deren Besiegung keinen Ruhm einbringe und Josephus, Jüdischer Krieg. von denen besiegt zu werden nicht bloss schimpflich, sondern auch gefährlich sei. Geraume Zeit hindurch trat niemand hervor; als aber der Jude, ein grosser Prahlhans und Römerfresser, seinen Gegnern in scharfen Spottreden Feigheit vorwarf, sprang einer aus den Reiterschwadronen mit Namen Pedanius, empört über sein Geschwätz und seine Anmassung, vielleicht auch in unbesonnener Geringschätzung des Knirpses, auf ihn zu. Bei dem nun folgenden Zweikampf liess den Pedanius, obwohl er im allgemeinen dem Juden überlegen war, sein Glück im Stich, sodass er zu Boden fiel. Jonathas sprang herzu und tötete ihn; dann trat er auf den Leichnam, schwenkte mit der Rechten das blutige Schwert, mit der Linken den Schild, und verhöhnte, indem er dem Heere gegenüber frohlockte und mit dem Fall des Kriegers prahlte, die zuschauenden Römer, bis ihn mitten in seinem Tanzen und thörichten Prahlen der Centurio Priscus mit einem Pfeil durchbohrte. Daraufhin erhoben die Juden wie die Römer, freilich aus verschiedenen Beweggründen, ein lautes Geschrei; Jonathas aber sank, indem er sich vor Schmerzen krümmte, auf den Leichnam seines Gegners hin — ein deutlicher Beweis, wie schnell im Kriege dem unverdienten Glück die Demütigung auf dem Fusse folgt.
1. Mittlerweile fuhren die Empörer nicht nur mit der offenen Bekämpfung der auf den Wällen aufgestellten Mannschaften fort, sondern setzten auch wieder einmal, und zwar am siebenundzwanzigsten des genannten Monats, eine Kriegslist ins Werk. Sie füllten nämlich die Zwischenräume zwischen dem Gebälk und dem Dache der westlichen Halle mit trockenem Holz, Erdharz und Pech nnd zogen sich dann, scheinbar ermattet, zurück. Eine Anzahl Römer setzten nun unvorsichtigerweise in ihrem Eifer den Weichenden nach und erkletterten mit Hilfe von Leitern die Halle; die besonneneren dagegen, denen der unvermutete Abzug der Juden verdächtig vorkam, blieben zurück. Kaum aber war die Halle mit den eindringenden Römern gefüllt, als die Juden sie der ganzen Ausdehnung nach in Brand steckten. Plötzlich loderten nun an allen Seiten die Flammen empor und versetzten die ausser Gefahr befindlichen Römer in Schrecken, die vom Brande überraschten aber in helle Verzweiflung. Rings von Feuer umgeben, stürzten sich die letzteren teils in die hinter ihnen liegende Stadt, teils mitten in den Schwarm der Feinde hinab; viele auch versuchten sich durch einen kühnen Sprung zu den Ihrigen zu retten, brachen aber die Glieder. Den meisten schnitten so die Flammen jeden Ausweg zur Flucht ab, und wenn manche dem Feuer dadurch zuvorkamen, dass sie sich selbst entleibten, so fielen doch schliesslich auch die, welche bereits eines anderen Todes gestorben waren, dem alles verzehrenden Brande zum Opfer. So aufgebracht nun der Caesar über die Unglücklichen war, da sie ohne Befehl die Hallen erstiegen hatten, so fühlte er doch auch wieder Mitleid mit ihnen, zumal da niemand ihnen beizuspringen vermochte. Immerhin war es für die dem Verderben Geweihten ein Trost, dass sie den Schmerz dessen sahen, für den sie ihr Leben dahingaben; denn sie konnten deutlich wahrnehmen, wie er sich zu nähern versuchte, ihnen zurief und seine Umgebung aufforderte, nach Kräften Hilfe zu leisten. Diese Zurufe des Feldherm und seine wehmütige Stimmung nahm jeder wie eine glänzende Bestattung auf und ging so mit Freuden in den Tod. Einigen wenigen gelang es übrigens, dem Feuer dadurch zu entgehen, dass sie sich auf die breite Wandmauer der Halle zurückzogen; hier aber wurden sie von den Juden umzingelt und, nachdem sie längere Zeit kräftigen Widerstand geleistet hatten, endlich allesamt niedergemacht.
2. Der letzte, welcher fiel, war ein junger Mann Namens Longus, dessen That einen verklärenden Schimmer über diesen schaurigen Vorfall ausbreitet; und wenn auch alle Umgekommenen sich eines ruhmvollen Andenkens würdig erwiesen, so benahm doch er sich offenbar am tapfersten. Die Juden nämlich hatten ihn, teils weil seine Körperstärke ihnen Bewunderung einflösste, teils weil sie anders ihn nicht ums Leben bringen konnten, aufgefordert, herabzusteigen und sich ihnen zu ergeben, während auf der anderen Seite sein Bruder Cornelius ihn beschwor, ihrer Soldatenehre und den römischen Waffen doch eine solche Schmach nicht anzuthun. Dieser Bitte gab er nach, holte im Angesicht beider Heere mit dem Schwerte aus und versetzte sich selbst den Todesstoss. Ein anderer aus der vom Feuer umringten Römerschar, Sertorius mit Namen, rettete sich durch eine List. Er rief nämlich seinem Zeltkameraden Lucius mit lauter Stimme zu: „Ich setze dich zum Erben meines Vermögens ein, wenn du näher kommst und mich auffängst!“ Lucius lief bereitwillig herzu, und während der, welcher auf ihn herabsprang, mit dem Leben davonkam, ward Lucius selbst so heftig gegen das Steinpflaster geschmettert, dass er auf der Stelle tot blieb. Der ganze Vorfall nahm den Römern zwar für den Augenblick allen Mut, machte sie aber zugleich für die Zukunft vorsichtiger, indem er sie die hinterlistigen Anschläge der Juden vereiteln lehrte, durch welche sie bisher — hauptsächlich weil sie die Örtlichkeit und den Charakter ihrer Gegner nicht genau kannten — so manche Schlappe erlitten hatten. Die Halle brannte übrigens bis zu dem Turm nieder, den Joannes im Kampfe gegen Simon über den aus dem Xystos herausführenden Thoren erbaut und nach sich selbst benannt hatte. Was noch stand, rissen die Juden vollends ein, die Leichen der gefallenen Römer mit den Trümmern deckend. Tags darauf liessen die Römer auch die ganze nördliche Halle bis zur östlichen in Flammen aufgehen also bis zu der Stelle, wo die beiden Hallen hoch über dem Kedronthal einen Winkel miteinander bildeten. So sah es damals in der Umgebung des Tempels aus.
3. In der Stadt forderte unterdessen die Hungersnot zahllose Opfer und erzeugte unsägliches Elend. Wo in einem Hause auch nur ein Schatten von Nahrungsmitteln sich zeigte, da entbrannte ein förmlicher Kampf die besten Freunde wurden handgemein miteinander und suchten sich die armseligsten Brocken zur Fristung ihres Daseins zu entreissen. Selbst den Sterbenden glaubte man nicht, dass sie keinen Bissen mehr hätten, und die Räuber durchsuchten demgemäss alle, die in den letzten Zügen lagen, ob sich nicht einer vielleicht nur sterbend stelle und doch noch irgend eine Speise in den Falten seiner Kleider verborgen halte. Mit vor Gier weit aufgerissenem Munde rannten sie wie tolle Hunde unstät umher, schlugen, wo sie hinstürmten, gleich Betrunkenen die Thüren ein und sprangen in der Verzweiflung wohl zwei- oder dreimal in einer Stunde in dasselbe Haus. Alles brachte die Not ihnen zwischen die Zähne: Dinge, welche nicht einmal die unflätigsten Tiere vertragen können, lasen sie auf und scheuten sich nicht, sie zu verzehren. An Gürtel sogar und Schuhe machten sie sich endlich heran und kauten sie wie auch das Leder, das sie von den Schilden rissen. Manchem diente ein Überrest alten Heues zur Speise; denn von Fleischfasern, die der eine oder andere sammelte, verkaufte man das kleinste Gewicht zu vier Attiken. Doch was brauche ich die unverschämte Gier zu schildern, mit der der Hunger über leblose Gegenstände herfiel? Ich bin im Begriff, eine That zu berichten, dergleichen weder bei den Griechen noch bei den Barbaren je verübt ward — schauderhaft zu sagen, unglaublich zu hören. Gern würde ich, um nicht bei der Nachwelt in den Ruf eines abenteuerlichen Lügners zu kommen, diesen Vorfall verschwiegen haben, hätte ich nicht unzählige Zeugen unter meinen Zeitgenossen. Übrigens würde ich auch meiner Vaterstadt einen schlechten Dienst erweisen, wenn ich nicht einmal im Wort wiedergeben wollte, was über sie in Wirklichkeit erging-
4. Eine Frau aus dem Lande jenseits des Jordan, Maria mit Namen, die Tochter Eleazars aus dem Dorfe Bethezob (das Wort bedeutet: Hyssop-Haus), hervorragend durch Geburt und Reichtum, war mit der übrigen Menge nach Jerusalem geflohen, wo sie die Belagerung mit durchmachte. Ihr sonstiges Vermögen, das sie aus Peraea nach Jerusalem mitgebracht, hatten ihr die Tyrannen bereits weggenommen, und die ihr noch verbliebenen Kleinodien sowie etwaige Nahrungsmittel, die ausfindig zu machen waren, raubten ihr deren Spiessgesellen, die Tag für Tag in ihr Haus stürzten. Grosse Erbitterung bemächtigte sich infolgedessen der Frau, und oft suchte sie durch Schmähungen und Verwünschungen die Räuber gegen sich aufzubringen. Als aber keiner sie aus Zorn oder Mitleid tötete, und sie es müde war, immer nur Nahrung für andere zu suchen, ganz abgesehen davon, dass alles Suchen jetzt auch keinen Erfolg mehr hatte, ging ihr der Hunger durch Mark und Bein, und noch heftiger als der Hunger entbrannte ihr Zorn. Da hörte sie nur noch auf die Stimme der Erbitterung und der Not, und sie schritt zum Unnatürlichen, ergriff ihr Kind, einen Säugling, und sprach: „Unglückliches Knäblein! Unter Krieg, Hunger und Aufruhr — für wen soll ich dich da erhalten? Bei den Römern harret unser die Knechtschaft, falls sie uns überhaupt am Leben lassen; vor der Knechtschaft aber ist schon der Hunger da, und die Empörer sind grausamer als beides. Wohlan denn, werde mir Speise, den Tyrannen ein Rachegeist, den Lebenden eine Fabel! Das allein fehlt noch, um das Elend der Juden voll zu machen!“ Mit diesen Worten schlachtet sie ihr Kind, brät es und verzehrt die eine Hälfte; die andere bedeckt und verwahrt sie. Im nu aber sind jetzt die Empörer wieder da und drohen ihr, 58B wie sie den fluchwürdigen Bratengeruch einsaugen, mit augenblicklicher Ermordung, wenn sie nicht zeige, was sie zubereitet habe. Daraufhin deckt sie mit den Worten: „Da habe ich für euch noch ein schönes Stück verspart“ die Reste ihres Kindes auf. Schauder und Entsetzen ergriff die Räuber, und sie standen bei diesem Anblick wie festgewurzelt. Maria aber fuhr fort: „Das ist mein leibliches Kind, das mein Werk. Esset, denn auch ich habe gegessen; seid nicht weichherziger als ein Weib, nicht gefühlvoller als eine Mutter! Seid ihr aber zu gewissenhaft, und graut euch vor meinem Schlachtopfer — gut, so soll der Rest mir verbleiben, wie ich auch die andere Hälfte verzehrt habe.“ Zitternd schlichen die Empörer hinaus; das war ihnen denn doch zu viel, und so liessen sie, wiewohl ungern, der Mutter das scheussliche Mahl. Alsbald verbreitete sich das Gerücht von diesem Greuel in der ganzen Stadt, und jedermann schauderte, wenn er sich die That vorstellte, als hätte er sie selbst verübt. Die Hungernden aber drängten sich fortan zum Tode und priesen die Vorangegangenen glücklich, dass sie solchen Jammer nicht mehr gesehen und gehört hätten.
5. Schnell war die Kunde von diesem Vorfall auch zu den Römern gelangt. Manche wollten ihn nicht glauben; andere fühlten Mitleid; die meisten aber hassten jetzt das Volk nur noch mehr. Der Caesar seinerseits rechtfertigte sich deswegen vor Gott und sprach: „Frieden, Selbständigkeit und Verzeihung für alles, dessen sie sich erdreistet, habe ich den Juden angeboten; sie aber haben statt Eintracht Zwietracht, statt Frieden Krieg, statt Sättigung und Wohlstand Hunger erkoren, mit eigner Hand an das Heiligtum, das wir erhalten wollten, den Feuer brand gelegt, und sie tragen auch die Verantwortung für dieses grässliche Mahl. Bedecken aber will ich jetzt den Greuel des Kinderfrasses mit den Trümmern ihrer Hauptstadt, und nicht soll fürder die Sonne über einer Stadt mehr scheinen, in der Mütter sich also nähren. Eher noch als die Mütter freilich hätten die Väter eine solche Speise verdient, weil sie nach so grenzenlosem Jammer noch unter den Waffen bleiben.“ Während er so redete, überzeugte er sich mehr und mehr von der völligen Verzweiflung der Empörer; jetzt, meinte er, nachdem sie dies alles durchgemacht, würden sie ihre Gesinnung wohl nicht mehr ändern, während, wenn sie es nicht wirklich erlebt hätten, ihre Umkehr wahrscheinlich gewesen wäre.
1. Als die beiden Legionen am achten des Monats Loos die Wälle vollendet hatten, liess der Caesar die Sturmböcke gegen die westliche Galerie des inneren Tempelhofes heranbringen. Schon ehe dies geschah, hatte übrigens der stärkste Widder trotz sechstägigen unausgesetzten Stossens nicht das mindeste gegen die Mauerwand ausrichten können, und so widerstanden die Quadern wegen ihrer Grösse und der Festigkeit ihres Gefüges auch jetzt den neu hinzugekommenen Maschinen. Andere untergruben mittlerweile die Fundamente des nördlichen Thores und brachen nach angestrengter Arbeit die vordersten Steine los, während das Thor selbst, von den inneren Quadern gehalten, stehen blieb. Nunmehr verzweifelten die Römer an der Wirksamkeit ihrer Maschinen und Hebel, und legten deshalb Leitern an die Halle an. Die Juden gaben sich keine Mühe, sie dabei zu stören; kaum aber waren die Römer oben augelangt, als sie sich ihnen entgegenwarfen und sie teils rücklings von der Mauer hinunterstiessen, teils gegen die Brüstung drängten und niedermachten. Viele auch wurden, als sie eben die Leitern verliessen und sich mit ihren Schilden noch nicht gedeckt hatten, durchbohrt, während andere dadurch verunglückten, dass die Juden einige der Leitern, die mit Bewaffneten dicht besetzt waren, von oben her umwarfen. Auch die Juden verloren übrigens eine Menge Leute. Ganz besonders kämpften die Träger der Feldzeichen um diese auf Leben und Tod, da sie deren Verlust für die ärgste Schande hielten. Schliesslich jedoch bemächtigten sich die Juden auch der Feldzeichen und hieben alles nieder, was heraufgestiegen war, soda88 die übrigen Römer, entsetzt über das Schicksal der Umgekommenen, sich zurückzogen. Auf seiten der Römer fiel kein Mann, der nicht seine volle Pflicht und Schuldigkeit gethan hätte; unter den Empörern zeichneten sich wieder dieselben durch Tapferkeit aus, die sich schon in den früheren Gefechten hervorgethan hatten, und ausser ihnen noch Eleazar, der Neffe des Tyrannen Simon. Als nun der Caesar erkannte, dass die Schonung fremder Heiligtümer seinen Soldaten nur Tod und Verderben bringe, befahl er, Feuer an die Thore zu legen.
2. Eben um diese Zeit gingen Ananus von Ammaus, der blutdürstigste unter den Spiessgesellen des Simon, und Archelaus, der Sohn des Magadatus, zu ihm über; sie hofften auf Gnade, weil sie die Juden zu einer Zeit verlassen hatten, wo diese im Vorteil waren. Ihre Pfiffigkeit aber kam dem Caesar verächtlich vor, und da er ausserdem erfuhr, wie grausam sie sich gegen die Juden benommen hätten, zeigte er nicht übel Lust, sie beide hinrichten zu lassen. Nur die Not, sagte er, habe sie hergetrieben; da sie also nicht aus freien Stücken zu ihm kämen, hätten sie keinen Anspruch auf Begnadigung, zumal sie aus der von ihnen selbst in Brand gesteckten Vaterstadt entsprungen seien. Gleichwohl opferte er seinen Zorn dem einmal gegebenen Wort und entliess die Männer, ohne sie indes in der Behandlung den übrigen gleichzustellen. Unterdessen hatten die Soldaten bereits Feuer an die Thore gelegt, und das überall schmelzende Silber eröffnete den Flammen den Zugang zu dem hölzernen Gebälk, von wo sie prasselnd hervorbrachen und die Hallen ergriffen. Als aber die Juden ringsum den Brand auf lodern sahen, da entsank ihnen mit der Leibeskraft auch der Mut; vor lauter Schrecken getraute sich niemand Widerstand zu leisten, sondern wie gelähmt standen sie da und sahen zu. So niederschlagend übrigens der Brand auf sie einwirkte, so dachten sie doch nicht im entferntesten daran, behufs Rettung dessen, was noch übrig war, ihren Sinn zu ändern; vielmehr zeigten sie sich, als sei die Einäscherung des Tempels nunmehr beschlossene Sache, nur um so erbitterter gegen die Römer. Den ganzen Tag und die folgende Nacht hindurch wütete das Feuer; denn die Römer konnten die Hallen nur einzeln und nicht alle zugleich in Brand setzen.
3. Tags darauf beorderte Titus einen Teil des Heeres zum Löschen und liess zugleich bei den Thoren einen regelrechten Weg anlegen, um den Legionen den Aufstieg zu erleichtern. Dann beschied er die Offiziere zu sich, von denen zunächst die sechs vornehmsten zusammentraten, nämlich Tiberius Alexander, der Oberbefehlshaber der gesamten Streitkräfte, Sextus Cerealis, der Anführer der fünften, Larcius Lepidus, der Anführer der zehnten, Titus Phrygius, der der fünfzehnten Legion, ferner Liternius Fronto, der Präfekt der beiden alexandrinischen Legionen, und Marcus Antonius Julianus, der Landpfleger von Judaea. An diese schlossen sich die übrigen Statthalter und Kriegstribunen an, und Titus hielt nun mit ihnen allen Kriegsrat wegen des Tempels. Die einen meinten, man solle dem Kriegsrecht freien Lauf lassen; denn so lange der Tempel, dieser Sammelpunkt aller Juden, noch stehe, würden sie niemals aufhören, an Empörung zu denken. Andere äusserten ihre Ansicht dahin, dass man, wenn die Juden den Tempel räumten und niemand mehr zu seiner Verteidigung das Schwert ziehe, ihn erhalten, wenn sie dagegen bei ihrem Widerstand beharrten, ihn verbrennen solle; denn dann sei er eben eine Festung und kein Tempel. Auch würden im letzteren Falle nicht die Römer sich einer Gottlosigkeit schuldig machen, sondern lediglich die, welche sie dazu genötigt hätten. Titus aber hielt dafür, man solle, selbst wenn die Juden vom Tempel herab sich wehren würden, seine Rache nicht an leblosen Dingen statt an Menschen auslassen und unter keinen Umstanden ein so herrliches Bauwerk den Flammen preisgeben. Denn der Schaden treffe im Grunde ja doch die Römer, wie umgekehrt der Tempel, wenn er erhalten bleibe, eine Zierde des Reiches sein werde. Dieser Ansicht traten Fronto, Alexander und Cerealis aufs entschiedenste bei. Darauf entliess der Caesar die Versammlung und befahl den Offizieren, ihren Truppen Ruhe zu gönnen, damit sie in den kommenden Gefechten desto kräftiger losschlagen könnten; nur aus den Kohorten las er eine bestimmte Anzahl Leute aus, die den Weg durch die Trümmer bahnen und das Feuer löschen sollten.
4. An jenem Tage wagten die Juden vor Ermattung und Bestürzung keinen Angriff; am folgenden aber sammelten sie ihre Streitkräfte und machten mit frischem Mut um die zweite Stunde durch das östliche Thor einen Ausfall gegen die Wachen des äusseren Tempelhofes. Diese setzten dem Angriff nachdrücklichen Widerstand entgegen, und indem sie sich vorn mit ihren Schilden deckten, standen sie dichtgedrängt wie eine Mauer. Gleichwohl erkannte man, dass sie nicht lange würden standhalten können, da die Angreifer ihnen an Zahl wie an Tollkühnheit überlegen waren. Der Caesar jedoch, der von der Antonia aus zusah, kam der ungünstigen Wendung des Gefechtes zuvor und eilte den Seinigen mit einer auserlesenen Reiterschar zu Hilfe. Deren Angriff hielten die Juden nicht aus, sondern sie flohen, nachdem die vordersten gefallen waren, grösstenteils davon. Sobald aber die Römer abgezogen waren, machten sie kehrt und fielen ihnen in den Rücken; daraufhin wandten sich nun auch die Römer wieder um und schlugen ihre Gegner abermals in die Flucht, sodass um die fünfte Stunde des Tages alle überwältigt und in das Innere des Tempels ein geschlossen waren.
5. Titus zog sich hierauf in die Antonia zurück, entschlossen, am folgenden Tage in aller Frühe mit seiner ganzen Heeresmacht anzugreifen und den Tempel zu umzingeln. Über diesen jedoch hatte Gott schon längst das Feuer verhängt, und es war endlich im Laufe der Zeiten der Unglückstag — der zehnte des Monats Loos — gekommen, an dem auch der frühere Tempel vom Babylonierkönig eingeäschert worden war; nur waren es diesmal die Einheimischen selbst, durch deren Veranlassung und Schuld er den Flammen zum Opfer fiel. Kaum nämlich hatte Titus sich entfernt, als die Empörer nach kurzer East abermals gegen die Römer ausrückten. Hierbei kam es zum Handgemenge zwischen der Besatzung des Tempels und denjenigen Mannschaften, die das Feuer in den Gebäuden des inneren Vorhofes löschen sollten. Als nun die letzteren den zurückweichenden Juden nachsetzten und bis zum Tempelgebäude vorgedrungen waren, ergriff einer der Soldaten, ohne einen Befehl dazu abzu warten oder die schweren Folgen seiner That zu bedenken, wie auf höheren Antrieb einen Feuerbrand und schleuderte ihn, von einem Kameraden emporgehoben, durch das goldene Fenster, wo man von Norden her in die den Tempel umgebenden Gemächer eintrat, ins Innere. Sowie die Flammen aufloderten, erhoben die Juden, entsprechend der Grosse des Unglücks, ein gewaltiges Geschrei und rannten, ohne der Gefahr zu achten oder ihre Kräfte zu schonen, von allen Seiten herbei, um dem Feuer zu wehren: denn es drohte unterzugehen, was sie bisher vor dem äussersten zu bewahren gesucht hatten.
6. Ein Eilbote meldete es dem Titus. Schnell sprang dieser von seinem Lager im Zelt, wo er eben vom Kampfe ausruhte, auf und lief, wie er war, zum Tempel hin, um dem Brande Einhalt zu thun — ihm nach die sämtlichen Offiziere und die durch den Wirrwarr erschreckten Legionen. Wie bei der ungeordneten Bewegung einer solchen Menschenmenge leicht erklärlich, entstand nun ein fürchterliches, mit betäubendem Lärm untermischtes Getümmel. Der Caesar wollte durch Schreien und Handbewegungen den Kämpfenden zu verstehen geben, man solle löschen; sie aber hörten sein Rufen nicht, da es von dem noch lauteren Geschrei der anderen übertönt wurde, und die Zeichen, die er mit der Hand gab, beachteten sie nicht, weil sie teils von der Aufregung des Kampfes, teils von ihrer Erbitterung völlig eingenommen waren. Keine gütlichen Vorstellungen, keine Drohungen vermochten den stürmischen Andrang der Legionen aufzuhalten: die Wut allein führte das Kommando. An den Eingängen kam es zu einem so schrecklichen Gedränge, dass viele von ihren Kameraden zertreten wurden; viele auch gerieten auf die noch glühenden und rauchenden Trümmer der Hallen und teilten so das Schicksal der Besiegten. In die Nähe des Tempels gekommen, stellten sie sich, als hörten sie nicht einmal die Befehle des Feldherrn, und schrien ihren Vordermännern zu, sie sollten Feuer in den Tempel werfen. Die Empörer hatten übrigens die Hoffnung, den Brand noch eindämmen zu können, völlig aufgegeben; denn allenthalben wurden sie niedergemetzelt oder in die Flucht getrieben. Auch ganze Haufen von Bürgern, lauter schwache, wehrlose Leute, fielen, wo der Feind sie traf, dem Schwert zum Opfer. Besonders um den Altar her türmten sich die Toten in Masse auf: stromweise floss das Blut an seinen Stufen, und dumpf rollten die Leichen derer, die oben auf ihm ermordet wurden, an seinen Wänden herunter.
7. Als nun der Caesar dem Ungestüm seiner wie rasend gewordenen Soldaten nicht mehr zu wehren vermochte und die Flammen immer weiter um sich griffen, betrat er mit den Offizieren das Allerheiligste und beschaute, was darin war. Alles fand er weit erhaben über den Ruf, den es bei den Fremden genosß, und ganz entsprechend der fast prahlerisch hohen Meinung, welche die Einheimischen davon hatten. Da übrigens das Feuer bis in die innersten Räume noch nicht vorgedrungen war, sondern nur erst die an den Tempel anstossenden Gemächer verzehrte, glaubte er, und zwar mit Recht, das Werk selbst könne noch gerettet werden. Er sprang also hervor und suchte nicht nur persönlich die Soldaten zum Löschen anzuhalten, sondern befahl auch dem seiner Leibwache angehörenden Centurio Liberalis, die Widerspenstigen durch Stock Schläge zu zwingen. Aber Erbitterung, Judenhass und die allgemeine Kampfwut erwiesen sich stärker als die Rücksicht auf den Caesar und die Furcht vor seiner Strafgewalt. Die meisten freilich feuerte die Aussicht auf Raub an, da sie der festen Überzeugung waren, es müsse, weil sie aussen alles von Gold gefertigt sahen, das Innere erst recht von Schätzen aller Art strotzen. Während nun der Caesar heraussprang, um die Soldaten zurückzuhalten, hatte schon einer von denen, die ins Innere ein gedrungen waren, im Dunkel Feuer unter die Thürangeln gelegt, und da jetzt auch von innen plötzlich die Flamme hervorschoss, zogen sich die Offiziere mit dem Caesar zurück, und niemand gab sich mehr die Mühe, die aussen um das Heiligtum streifenden Soldaten von weiterer Brandlegung abzuhalten. Auf diese Weise ging der Tempel gegen den Willen des Titus in Flammen auf.
8. So sehr man nun auch den Untergang eines Werkes beklagen muss, welches von allen, die wir durch eigene Anschauung oder vom Hörensagen kennen lernten, ebensowohl hinsichtlich seiner Pracht und Grösse im allgemeinen, wie inbetreff der Kostbarkeit seiner einzelnen Bestandteile und besonders der hehren Bedeutung des Allerheiligsten das staunenswerteste war, so mag man doch noch reichen Trost finden in dem Gedanken an das Geschick, dem, wie nichts Lebendiges, so auch kein Werk von Menschenhand und keine Gegend der Erde entrinnen kann. Merkwürdig ist die Genauigkeit, mit der dasselbe die Zeitläufte einhielt. Es bestimmte nämlich, wie schon gesagt, zur Zerstörung sogar denselben Monat und denselben Tag, an welchem der Tempel einstmals von den Babyloniern in Asche gelegt worden war. Von seiner ersten Erbauung durch den König Solomon bis zu der in unseren Tagen erfolgten Zerstörung, die in das zweite Regierungsjahr des Vespasianus fiel, rechnet man tausendeinhundertunddreissig Jahre, sieben Monate und fünfzehn Tage, und von der zweiten Erbauung, für die im zweiten Jahre der Regierung des Cyrus der Prophet Aggaeus seine Stimme erhob, bis zur Zerstörung unter Vespasianus sechshundertneununddreissig Jahre und fünfundvierzig Tage.
1. Während der Tempel brannte, raubten die Soldaten, was ihnen unter die Hände kam, und hieben die Juden, die sie antrafen, zu hunderten nieder. Kein Erbarmen hatten sie mit dem Alter, keine Achtung vor der Würde. Kinder und Greise, Laien und Priester ohne Unterschied erlagen dem Schwerte des Feindes, und unter den Angehörigen aller Volksklassen wütete die Kriegsfurie, ganz gleich, ob die Leute um Gnade flehten oder sich zur Wehr setzten. Mit dem Prasseln der allenthalben hervorbrechenden Flammen mischte sich das Stöhnen der zu Boden Geschmetterten. Wenn man die Höhe des Hügels und die Grösse des brennenden Lewinsky in seiner Schrift: Beiträge zur Kenntnis der religionsphilosophischen Anschauungen des Flavins Josephus (S. 28 ff.) dargethan. Riesenbaues in Betracht zog, hätte man glauben können, die ganze Stadt stehe in Flammen; grausiger aber und gellender lässt sich nichts denken als das Geschrei, das über dem Ganzen tobte. Denn während die römischen Legionen, die in geschlossenem Zuge vordrangen, ihre Jubelrufe anstimmten, erscholl gleichzeitig das Geheul der von Feuer und Schwert umringten Empörer, und von oben tönte darein die Wehklage des verlassenen Volkes, das sich in der Angst zu den Feinden flüchtete und sein Geschick bejammerte. Mit dem Geschrei derer auf dem Hügel verband sich dann weiter das der Volksmenge in der Stadt, wo viele der Unglücklichen, denen der Hunger schon das Mark ausgepresst und den Mund verschlossen hatte, beim Anblick des Tempelbrandes den Rest ihrer Kräfte zu einem kläglichen Gewimmer zusammenrafften: und zu alledem der Wiederhall von Peraea und den umliegenden Bergen, der das Getöse noch entsetzlicher machte. Fürchterlicher jedoch als das ganze Kampfgewühl war das wirkliche Schicksal der Besiegten. Der Tempelberg schien von Grund aus zu glühen, da er rings in Feuer gehüllt war; aber noch voller als die Flammenbäche schienen die Blutströme zu fliessen, und fast zahlreicher als die Mörder waren die Gemordeten. Nirgends sah man mehr vor Leichen den Boden; über ganze Berge von Toten stürmten die Soldaten den Fliehenden nach. Die Räuberschar durchbrach mit Mühe die römischen Kolonnen und schlug sich in den äusseren Vorhof und von da in die Stadt durch, während der Rest des Volkes in die äussere Halle floh. Einige Priester rissen zunächst die Spiesse auf dem Tempel samt dem Blei, in welches dieselben eingelassen waren, herunter und schleuderten sie gegen die Römer; als sie aber damit nichts ausrichteten und das Feuer über sie hereinbrach, zogen sie sich auf die acht Ellen breite Tempel wand zurück, wo sie einstweilen blieben. Zwei andere vornehme Juden jedoch, die sich vor die Wahl gestellt sahen, entweder zu den Römern überzugehen und so ihr Leben zu retten, oder aber auszuharren, wollten lieber das Schicksal der übrigen teilen, stürzten sich in die Flammen und verbrannten mit dem Tempel. Es waren Meir, des Beigas, und Josephus, des Dalaeus Sohn.
2. Da nun die Römer der Ansicht waren, dass nach der Einäscherung des Tempels die Schonung der umliegenden Gebäulichkeiten keinen Sinn mehr habe, steckten sie alles übrige vollends in Brand, nämlich die Reste der Hallen und die sämtlichen Thore mit Ausnahme von zweien, des östlichen und des südlichen, die sie indes später gleichfalls zerstörten. Hierauf verbrannten sie auch die Schatzkammern, in denen ungeheure Summen baren Geldes, grosse Mengen Kleiderstoffe und andere Kostbarkeiten, mit einem Wort die gesamten Schätze der Juden aufgehäuft waren, da die Reichen dort ihr Vermögen untergebracht hatten. Alsdann ging es an die noch unversehrte Halle des äusseren Tempelhofes, in welche sich Weiber, Kinder und ein zahlreicher gemischter Volkshaufe, etwa sechstausend Köpfe stark, geflüchtet hatten. Bevor jedoch der Caesar inbetreff dieser Leute sich schlüssig machte oder die Offiziere einen Befehl dazu erteilten, zündeten die Soldaten in ihrer Wut die Halle an, worauf die einen mitten in den Flammen umkamen, die anderen, indem sie sich daraus hervorstürzten; von der ganzen Menge ward auch nicht eine Seele gerettet Die Schuld an ihrem Untergang trug übrigens ein falscher Prophet, der an jenem Tage den Bewohnern der Stadt vorgelogen hatte, Gott heisse sie zum Tempel hinaufsteigen, wo sie dieZeichen ihrer Rettung schauen würden. Die Tyrannen hatten nämlich damals eine Anzahl solcher Propheten unter das Volk gesteckt, um demselben zu verkünden, es solle der Hilfe Gottes gewärtig sein — einmal damit die Leute weniger daran dächten, zu den Römern über-Josephus, Jüdischer Krieg. 3b UNIVERSITY OE C!/- LIFO R N I/'v zugehen, und dann auch damit die, welche sich über die Furcht vor den Wachen hinwegsetzten, doch wenigstens durch Hoffnung zum Bleiben bewogen würden. Im Unglück lässt sich ja der Mensch so leicht bereden, und wenn gar ein Betrüger kommt und ihm Befreiung von dem drückenden Elend vorspiegelt, geht der Leiden de ganz in Hoffnung auf.
3. So wurde das beklagenswerte Volk damals von Betrügern beschwätzt, die sich als von Gott gesandt ausgaben; den klaren, die künftige Verwüstung andeutenden Vorzeichen dagegen schenkten die Unglücklichen nicht Beachtung noch Glauben, sondern sie überhörten, als wären sie betäubt und hätten weder Augen noch Verstand, die lauten Warnungsstimmen Gottes — so zum Beispiel, als ein schwertähnliches Gestirn über der Stadt stand und ein Komet ein ganzes Jahr lang am Himmel blieb, und ferner, als gerade vor dem Aufstand und den ersten kriegerischen Bewegungen, da das Volk beim Fest der ungesäuerten Brote am achten des Monats Xanthikos versammelt war, um die neunte Stunde ein so starkes Licht den Altar und den Tempel umstrahlte, dass man hätte glauben sollen, es sei heller Tag, eine Erscheinung, die fast eine halbe Stunde anhielt. Die Unkundigen freilich sahen darin ein gutes Vorzeichen; von den Schriftgelehrten aber wurde es sogleich auf das, was nachher ein traf, gedeutet. An ebendemselben Feste warf eine Kuh, die der Hohepriester als Schlachtopfer zum Altar führte, mitten im Tempel ein Lamm. Sodann sah man das östliche Thor des inneren Vorhofes, das doch von Erz und ungeheuer schwer war, sodass zwanzig Mann es nur mit Mühe abends schliessen konnten, und das von eisenbeschlagenen Querbalken gehalten ward und Riegel hatte, welche tief in die aus einem einzigen Steinblock gearbeitete Schwelle eingelassen wurden, um Mitternacht sich plötzlich von selbst öffnen. Die Tempelwächter meldeten es eiligst ihrem Hauptmann, der sich unverzüglich hinauf begab. aber kaum imstande war, das Thor schliessen zu lassen. Abermals legten die Laien diesem Vorfall eine günstige Bedeutung bei: Gott, meinten sie, öffne ihnen die Thür des Heils. Die Schriftgelehrten aber ersahen daraus, dass es mit der Sicherheit des Tempels zu Ende gehe und dass das Thor den Feinden zulieb sich öffnen werde; man habe es also mit einem Vorzeichen der Verwüstung zu thun. Wenige Tage nach dem Fest, am einundzwanzigsten des Monats Artemisios, zeigte sich eine gespensterhafte, kaum glaubliche Erscheinung. Was ich erzählen will, könnte man für ein Märchen halten, wäre es nicht auch von Augenzeugen berichtet und von dem Unglück gefolgt worden, das nach derartigen Zeichen einzutreten pflegt Vor Sonnenuntergang nämlich sah man über der ganzen Gegend in der Luft Wagen und bewaffnete Scharen durch die Wolken dahineilen und Städte umkreisen. Weiterhin vernahmen am sogenannten Pfingstfest ihrer Versicherung gemäss die Priester, als sie in der Nacht, wie ihr Dienst es mit sich brachte, in den inneren Vorhof traten, zuerst ein Getöse und Rauschen, und später auch den vielstimmigen Ruf: „Lasset uns von hinnen ziehen!“ Noch unheimlicher ist folgendes: Ein gewisser Jesus, des Ananus Sohn, ein ungebildeter Landmann, kam vier Jahre vor dem Ausbruch des Krieges, als die Stadt sich noch tiefen Friedens und grossen Wohlstandes erfreute, zu dem Fest, an dem der Sitte gemäss alle Juden Gott zu Ehren Laubhütten in der Nähe des Tempels errichten, und fing da plötzlich an zu rufen: „Eine Stimme vom Aufgang, eine Stimme vom Niedergang, eine Stimme von den vier Winden; eine Stimme über Jerusalem und den Tempel, eine Stimme über Bräutigame und Bräute, eine Stimme über das ganze Volk!“ Tag und Nacht rief er dies, in allen Gassen der Stadt umherlaufend. Einige vornehme Bürger, die sich über das Unglücksgeschrei ärgerten, ergriffen den Menschen und züchtigten ihn mit harten Schlägen. Er aber fuhr, ohne etwas zu seiner Entschuldigung oder gegen seine Peiniger vorzubringen, immer nur fort, seine früheren Worte zu wiederholen. Mit Recht glaubten daher die Vorsteher, es möchte dem Benehmen des Menschen ein höherer Antrieb zu Grunde liegen, und führten ihn vor den römischen Landpfleger, wo er, bis auf die Knochen durch Geisselhiebe zerfleischt, weder um Gnade bat noch Thränen vergoss, sondern im kläglichsten Tone jeden Hieb nur mit dem Ruf erwiderte: „Wehe Jerusalem!“ Als Albinus — so hiess der Landpfleger — ihn fragte, wer und woher er sei und weshalb er also rufe, gab er auch hierauf keine Antwort, sondern fuhr mit seinem Klagegeschrei über die Stadt fort, bis Albinus, von seinem Wahnsinn überzeugt, ihn laufen Hess. Die ganze Zeit hindurch bis zum Ausbruch des Krieges verkehrte er mit keinem seiner Mitbürger, noch sah man ihn mit jemand reden — sondern Tag für Tag klagte er, wie wenn er ein Gebet hersage: „Wehe, wehe Jerusalem!“ Er fluchte keinem, der ihn schlug (was täglich vorkam), noch dankte er dem, der ihm zu essen gab: für niemand hatte er eine andere Antwort, als jene Unglücksprophezeiung. Besonders laut aber liess er seinen Ruf an Festtagen erschallen, und obwohl er dies sieben Jahre und fünf Monate lang fortsetzte, wurde seine Stimme weder heiser noch matt, bis er endlich bei der Belagerung seine Weissagung in Erfüllung gehen sah und mit seinen Wehklagen aufhörte. Während er nämlich eines Tages mit dem gellenden Ruf: „Wehe der Stadt, dem Volke und dem Tempel“ die Mauer umging, und schliesslich hinzusetzte: „Wehe auch mir“, traf ihn ein aus einer Wurfmaschine geschleuderter Stein und machte seinem Leben ein Ende; mit dem Klageruf auf den Lippen verschied er.
4. Bedenkt man das alles, so findet man, dass Gott für die Menschen sorgt und ihnen auf mancherlei Weise zu erkennen giebt, was zu ihrem Heile dient, dass aber nur Thorheit und selbstverschuldetes Elend sie ins Verderben stürzt. So hatten auch die Juden nach der Zerstörung der Antonia den Tempel viereckig gemacht, obwohl in ihren heiligen Büchern geschrieben stand: dann solle die Sadt und der Tempel erobert werden, wenn der letztere ein Viereck würde. Was sie jedoch am meisten zum Kriege getrieben hatte, war ein zweideutiger Orakelspruch, der sich gleichfalls in ihren heiligen Schriften fand, dass nämlich um diese Zeit einer aus ihrem Lande die Weltherrschaft erlangen werde. Dies bezogen sie auf einen ihres Stammes, und auch viele ihrer Weisen irrten sich in der Auslegung des Spruches. Das Orakel aber wies auf die Herrscherwürde des Vespasianus hin, der in Judaea zum Imperator ausgerufen wurde. Doch es ist den Menschen nicht möglich, dem Schicksal zu entrinnen, selbst wenn sie es voraussehen. Die Juden deuteten eben manche der Vorzeichen nach ihren Wünschen, über andere wieder setzten sie sich leichtsinnig hinweg, bis endlich der Fall ihrer Hauptstadt und ihr eigenes Verderben sie von ihrem Unverstand überzeugten.
1. Als die Empörer in die Stadt geflohen waren und der Tempel mit allen seinen Nebengebäuden in Flammen stand, brachten die Römer ihre Feldzeichen in die geweihten Räume, pflanzten sie gegenüber dem östlichen Thore auf, opferten ihnen daselbst und begrüssten unter lauten Jubelrufen Titus als Imperator. Mit Beute waren alle Soldaten so beladen, dass!in Syrien das Pfund Gold um die Hälfte seines Wertes im Preise sank. Während nun die Priester sich noch immer auf der Tempelmauer verborgen hielten, bat ein vom Durst gepeinigter Knabe die römischen Posten um Gnade und klagte ihnen seine Not. Aus Mitleid mit seiner Jugend und seiner schlimmen Lage sagten sie ihm denn auch Schonung zu, worauf er herabkam und nicht nur selbst seinen Durst löschte, sondern auch ein mitgebrachtes Gefäss mit Wasser füllte und sich eiligst wieder zu den Seinigen hinaufflüchtete. Die Wachen konnten ihn nicht mehr erwischen und überhäuften ihn wegen seiner Wortbrüchigkeit mit Schmähungen. Der Knabe aber entgegnete, er habe keineswegs vertragswidrig gehandelt, denn er habe sie um Gnade gebeten, nicht um bei ihnen zu bleiben, sondern nur um hinabsteigen und Wasser holen zu können; beides habe er gethan und somit offenbar sein Wort gehalten. Die hintergangenen Soldaten wunderten sich über seine Schlauheit, zumal der Knabe noch sehr jung war. Am fünften Tage kamen übrigens die Priester, von Hunger getrieben, herab und wurden von den Wachen vor Titus geführt, den sie um Schonung ihres Lebens anflehten. Er aber erklärte ihnen, die Zeit der Gnade sei für sie vorüber, und da auch der Tempel, um dessetwillen er wohl Grund gehabt hätte, ihnen das Leben zu schenken, dahin sei, so zieme es ihnen als Priestern, mit dem Tempel unterzugehen. Demzufolge liess er sie sämtlich hinrichten.
2. Jetzt endlich liessen die Tyrannen und deren Spiessgesellen, da sie sich auf allen Seiten von den Römern bedrängt und durch die Ringmauer auch jeden Weg zur Flucht abgeschnitten sahen, den Caesar um eine Unterredung bitten. Titus, der von Natur menschenfreundlich gesinnt war, hatte den lebhaften Wunsch, wenigstens die Stadt noch zu retten, zumal da auch seine Freunde in der Voraussetzung, dass die Räuber jetzt nachgiebig geworden seien, ihm dazu rieten. Er stellte sich daher am westlichen Rande des äusseren Vorhofes auf, wo oberhalb des Xystos ein Thor angebracht war und eine Brücke die obere Stadt mit dem Tempel verband; diese Brücke lag jetzt zwischen den Tyrannen und dem Caesar in der Mitte. Um die Hauptpersonen stand auf beiden Seiten die Menge dichtgedrängt: um Simon und Joannes die Juden in ängstlicher Spannung wegen der erhofften Begnadigung, um den Caesar die Römer, begierig, seinen Spruch zu hören. Titus befahl nun den Soldaten, ihre Erbitterung zu bezähmen und mit dem Schiessen einzuhalten, liess einen Dolmetscher neben sich antreten und begann zum Zeichen, dass er der Sieger sei, also zu reden: „Seid ihr nun, Verwegene, endlich der Leiden eures Vaterlandes satt, nachdem ihr, ohne unsere Macht und eure Schwäche zu bedenken, in unvernünftiger Wut und Tollheit das Volk, die Stadt und den Tempel zu Grunde gerichtet habt? Ganz recht geschähe es euch, wenn auch ihr noch zu Grunde ginget, die ihr, seitdem Pompejus euch unterjochte, unablässig auf Empörung hingearbeitet und endlich den offenen Krieg gegen die Römer begonnen habt! Auf was baut ihr denn eigentlich? Auf eure Menge? Seht, ein sehr kleiner Teil der römischen Heeresmacht ist mit euch fertig geworden! Auf die Treue von Bundesgenossen? Aber welches Volk ausserhalb unseres Reiches sollte denn die Juden den Römern vorziehen? Auf eure Körperkraft? Ihr wisset doch, dass selbst die Germanen unsere Sklaven sind! Auf die Festigkeit eurer Mauern? Welch mächtigeres Bollwerk aber giebt es wie den Ocean? Und doch huldigen die Britannen trotzdieser Schutzwehr den Waffen der Römer! Auf euren ausdauernden Mut und die Pfiffigkeit eurer Anführer? Es kann euch doch nicht unbekannt sein, dass selbst die Karthager uns unterlagen! Somit hat euch nichts anderes gegen die Römer in Wehr und Waffen gebracht, als deren Milde. Wir gaben euch das Land in Besitz, wir setzten über euch Könige aus eurem eignen Stamme, wir achteten eure heimischen Gesetze und liessen euch nicht allein zu Hause, sondern auch unter Fremden nach eurem Gutdünken leben; ja noch mehr, wir gestatteten euch, für euren Gottesdienst Steuern zu erheben und Gaben zu sammeln, rügten nicht deren freiwillige Spendung und suchten nicht zu hindern, dass ihr, die Feinde, reicher wurdet als wir selbst, und mit unserem Gel de gegen uns euch rüstetet Ihr aber wurdet durch den Genuss so bedeutender Vergünstigungen übermütig, wandtet euch gegen die, welche sie euch gewährten, und bespritztet nach Art unzähmbarer Schlangen mit eurem Gift die, welche euch schmeichelten. Es mag euch noch hingehen, dass ihr die Trägheit Neros verächtlich fandet; aber während ihr zuvor, freilich nur in schlechter Absicht, wie zerbrochene und abgerissene Glieder eines Körpers euch wenigstens ruhig verhieltet habt ihr, als die Krankheit des Reiches zunahm, euch in eurem wahren Wesen gezeigt und euch mit unverschämten Plänen und masslosen Gelüsten getragen. Da kam mein Vater ins Land, nicht um euch für das, was ihr dem Cestius angethan, zu bestrafen, sondern nur um euch eine Warnung zu erteilen. Denn wäre er zur Vernichtung eurer Nation dagewesen, so hätte er ja die Wurzel angreifen und sogleich diese Stadt zerstören müssen; aber er that es nicht, sondern verwüstete nur Galilaea und dessen Nachbargebiete, um euch Zeit zur Besinnung zu lassen. Doch seine Menschenfreundlichkeit hieltet ihr für Schwäche, und unsere Sanftmut liess eure Frechheit nur noch grösser werden. Nach Neros Hingang vollends benahmt ihr euch, wie nur die Bosheit sich benehmen kann: unsere inneren Wirren machten euch Mut, und als ich mit meinem Vater nach Aegypten abgezogen war, nütztet ihr die gute Gelegenheit zu Kriegsrüstungen aus und scheutet euch nicht, diejenigen auf dem Herrscherthron zu belästigen, die ihr zuvor als mildgesinnte Feldherren kennen gelernt hattet. Und als dann das Reich sich in den Schutz unseres Hauses begab, alles in ihm wieder beruhigt war und die fernsten Völkerschaften Gesandte abordneten, um uns zu beglückwünschen: da waren wiederum nur die Juden unsere Feinde. Gesandtschaften gingen von euch über den Euphrat, um dort den Aufruhr zu predigen; neue Ringmauern wurden gebaut; Aufstand, Tyrannen zwist, Bürgerkrieg brach aus — lauter Dinge, die nur bei so schlechten Menschen Vorkommen können, wie ihr seid. Nun erschien ich selbst vor der Stadt mit traurigen Aufträgen, die mein Vater mir nur ungern erteilt hatte; ich hörte, das Volk sei friedlich gesinnt, und freute mich. Vor dem Beginn des Krieges forderte ich euch auf, von ihm abzustehen; nachdem er lange gewährt, bewies ich Schonung, be* gnadigte die Überläufer, hielt den Flüchtlingen mein Wort, erbarmte mich der vielen Gefangenen, verhängte die härtesten Strafen über ihre Bedränger, führte nur gezwungen meine Maschinen gegen eure Mauern heran, hielt die Mordlust meiner Soldaten im Zaum und bot euch nach jedem Siege, als wäre ich der Besiegte gewesen, Frieden an. Als ich dann dem Tempel nahegekommen war, vergass ich wiederum aus freien Stücken, das Kriegsrecht anzuwenden, bat euch, euer eignes Heiligtum vor Zerstörung zu bewahren, bewilligte euch freien Abzug und Schonung eures Lebens oder auch, wenn ihr es so wolltet, Gelegenheit zum Kampf an einem anderen Orte — aber an alles das habt ihr euch nicht gekehrt; den Tempel habt ihr mit eignen Händen in Brand gesteckt: und nun, ihr Ruchlosen, lasset ihr mich zu Unterhandlungen rufen? Was könnt ihr denn noch retten, das auch nur im entferntesten dem Untergegangenen gleichkäme? Und was kann euch an eurer eignen Erhaltung liegen, nachdem der Tempel zerstört ist? Aber trotzdem steht ihr noch mit den Waffen da und wollt in der äussersten Not nicht einmal den Anschein erwecken, als brauchtet ihr Gnade. Ihr Unseligen! worauf pocht ihr nun noch? Eure Nation ist tot, der Tempel dahin, mein die Stadt, in meiner Hand euer Leben — und trotz alledem setzt ihr noch einen Heldenruhm darein, euch gegen den Tod zu wehren? Doch ich will mit eurer Verblendung nicht hadern: werft ihr die Waffen weg und ergebt euch, so schenke ich euch das Leben; wie ein milder Hausvater werde ich dann nur die Unverbesserlichen strafen, die übrigen aber mir retten.“
3. Darauf entgegneten die Empörer: Gnade könnten sie von ihm nicht annehmen, denn sie hätten geschworen, dies nun und nimmer zu thun. Dagegen bäten sie um freien Abzug mit Weibern und Kindern durch die Ringmauer; sie würden dann in die Wüste ziehen und ihm die Stadt überlassen. Empört darüber, dass sie, die Überwundenen, ihm noch wie Sieger Bedingungen verschreiben wollten, liess Titus ihnen verkünden: Kein Überläufer solle sich mehr zeigen, und keiner auf Gnade rechnen, denn er werde niemand verschonen. Sie sollten sich vielmehr mit aller Macht wehren und sich zu retten suchen, wie sie könnten; er werde jetzt nur noch nach Kriegsbrauch verfahren. Alsdann befahl er seinen Soldaten, die Stadt in Brand zu stecken und zu plündern. Jenen Tag warteten sie noch; am folgenden aber legten sie das Archiv, den Stadtteil Akra, das Rathaus und den Bezirk Ophla in Asche, wobei sich das Feuer bis zum Palast der Helena verbreitete, der mitten in der Akra stand. Auch die Gassen und Häuser, die mit Leichen von Verhungerten angefüllt waren, gingen in Flammen auf.
4. An diesem Tage erschienen die Söhne und die Brüder des Königs Izates samt vielen vornehmen Bürgern vor dem Caesar und baten um Gnade. Wiewohl nun Titus gegen alle noch übrigen Juden aufs äusserste erbittert war, konnte er doch seinen Charakter nicht verleugnen und nahm die Flehenden auf. Einstweilen liess er sie alle bewachen; die Söhne und die anderen Verwandten des Königs aber führte er später gefesselt nach Rom, wo sie ihm als Geiseln dienen sollten.
1. Die Aufrührer griffen nun den Königspalast an, wohin um seiner Festigkeit willen viele Juden ihre Schätze gebracht hatten, vertrieben die Römer daraus, mordeten die ganze dort versammelte Volksmenge, gegen achttausendvierhundert Menschen, und raubten das Geld. Zwei von den Römern nahmen sie lebendig gefangen, einen Reiter und einen Fusssoldaten. Den letzteren machten sie auf der Stelle nieder und schleppten ihn durch die Stadt, als wollten sie sich in dem Leichnam dieses einen Mannes an allen Römern rächen; der Reiter dagegen, der ihnen einen guten Rat bezüglich ihrer Rettung zu geben versprach, ward vor Simon geführt. Als er aber hier nichts zu sagen wusste, übergab man ihn einem der Anführer, Ardalas mit Namen, zur Hinrichtung. Dieser fesselte ihm die Hände auf dem Rücken, verband ihm die Augen und brachte ihn an eine den Feinden sichtbare Stelle, um ihn zu enthaupten. Wahrend aber der Jude das Schwert zog, entfloh der Gefangene eilends zu den Römern. Weil er nun den Händen der Feinde entronnen war, konnte Titus es nicht über sich bringen, ihm das Leben zu nehmen; da er es aber für schimpflich hielt, wenn ein römischer Soldat sich lebendig gefangen nehmen lasse, nahm er ihm die Waffen ab und stiess ihn aus dem Heere aus, was für einen Mann von Ehre härter ist als die Todesstrafe.
2. Tags darauf verjagten die Römer das Raubgesindel aus der unteren Stadt und steckten alles bis zum Siloa in Brand. Obgleich sie übrigens die Freude hatten, die Stadt von den Flammen verzehrt zu sehen, entging ihnen doch die Beute, da die Empörer alles rein ausgeleert und sich mit dem Raub in die obere Stadt zurückgezogen hatten. Denn trotz des allgemeinen Elends empfanden die letzteren nicht die mindeste Reue, sondern ergingen sich noch in Prahlereien, als hätten sie ihre Sache gut gemacht Angesichts der brennenden Stadt erklärten sie, wohlgemut und mit lachender Miene den Tod erwarten zu wollen, da das Volk gemordet, der Tempel in Asche gelegt, die Stadt am brennen und den Feinden nichts mehr übrig gelassen sei. Josephus aber ward auch jetzt, trotzdem es bereits zum äussersten gekommen war, nicht müde, sie um Erhaltung des Restes der Stadt zu bitten; allein so ernstlich er ihnen ihre Grausamkeit und Gottlosigkeit vorhielt, und so dringend er ihnen zu ihrer eigenen Rettung riet: er trug doch nichts als Hohn davon. Da sie nun einerseits um ihres Eides willen sich den Römern nicht ergeben mochten, anderseits aber wie in einer Falle gefangen sassen und deshalb entsprechenden Widerstand nicht leisten konnten, gingen sie, weil das Morden ihnen zur zweiten Natur geworden war, einzeln vor die Stadt hinaus und lauerten in den Trümmern denjenigen Juden auf, die zu den Römern t,i\H¥l IHQTOf ( II! OUNI/ überzugehen beabsichtigten. In der That fingen sie auch viele auf, die, von Hunger entkräftet, nicht zu fliehen vermochten, brachten sie sämtlich ums Leben und warfen ihre Leichen den Hunden vor. Jede Todesart kam übrigens den Ärmsten leichter vor als Verhungern, weshalb sie nicht nur zu den Römern flohen, obwohl sie dort keine Gnade mehr zu erwarten hatten, sondern auch willig von den mordgierigen Empörern sich fangen liessen. So fand sich denn bald in der ganzen Stadt kein Plätzchen mehr, das nicht voll von Opfern des Hungers oder des Aufruhrs gelegen hätte.
3. Ihre letzte Hoffnung setzten nun die Tyrannen und deren Anhang von Banditen noch auf die unterirdischen Gänge, in denen sie vor Entdeckung sicher zu sein glaubten; wenn nach der gänzlichen Eroberung der Stadt die Römer abgezogen wären, gedachten sie aus den Gängen hervorzukommen und zu fliehen. Das war indes nur ein schöner Traum: vor Gott und den Römern sich verborgen zu halten, sollte ihnen nicht beschieden sein. Im Vertrauen auf diese unterirdischen Gelasse steckten sie fortan noch mehr von der Stadt in Brand als die Römer; wollten dann die Bewohner der brennenden Gebäude in die Minen fliehen, so stiessen sie dieselben ohne weiteres nieder nnd plünderten sie, und wenn sie bei einem etwas Essbares fanden, verschlangen sie es gierig, auch wenn es mit Blut befleckt war. Ja, dem Raube zulieb bekriegten sie sich untereinander selbst, und wäre nicht die Eroberung dazwischen gekommen, so hätten sie, glaube ich, in ihrer tierischen Verrohung selbst die Leichen angefressen.
1. Da die obere Stadt wegen ihrer Lage auf einem Abhang ohne Dämme nicht einzunehmen war, beorderte der Caesar am zwanzigsten des Monats Loos die einzelnen Abteilungen seines Heeres zur Schanzarbeit Schwierig war die Herbeischaffung von Holz; denn die ganze Umgebung der Stadt war, wie oben gesagt, beim Bau der früheren Wälle bis auf eine Entfernung von hundert Stadien völlig davon entblösst worden. Die vier Legionen errichteten nun ihre Werke an der Westseite der Stadt gegenüber dem Königspalast, während die Hilfstruppen und die übrige Menge in der Nähe des Xystos, der Brücke und des Turmes arbeiteten, den Simon im Kampfe mit Joannes als Stützpunkt für seine Unternehmungen gebaut und nach sich selbst benannt hatte.
2. In diesen Tagen traten die Anführer der Idumäer heimlich zusammen, berieten darüber, ob sie sich ergeben sollten, und schickten fünf der Ihrigen mit der Bitte um Begnadigung zu Titus. In der Hoffnung, die Tyrannen würden nach dem Abzug der Idumäer, von denen so viel im Kampfe abhing, endlich ebenfalls nachgeben, sagte ihnen der Caesar nach langem Zögern auch wirklich Schonung zu und sandte die Männer zurück. Simon aber, der von dem geplanten Abmarsch Wind bekommen hatte, liess sogleich die fünf, die zu Titus gegangen waren, töten, die Anführer, unter denen Jakobus, des Sosas Sohn, der vornehmste war, ergreifen und ins Gefängnis werfen und die Idumäer, die, ihrer Führer beraubt, sich nicht mehr zu helfen wussten, aufs schärfste bewachen, indem er die Posten auf der Mauer verstärkte. Gleichwohl waren die letzteren nicht imstande, der Ausreisserei Einhalt zu thun; so viele auch ermordet wurden: die, welchen die Flucht gelang, waren doch noch zahlreicher. Die Römer nahmen sie samt und sonders auf: nicht nur, dass der Caesar in seiner Milde die früheren Anordnungen ausser acht liess, auch die Soldaten enthielten sich des Mordens, teils aus Übersättigung, teils aus Gewinnsucht. Während sie nämlich die einzeln ankommenden Bürger laufen liessen, verkauften sie die übrigen samt Weib und Kind in die Sklaverei, und zwar wegen der Menge der Gefangenen und der geringen Anzahl der Käufer zu Spottpreisen. Obwohl übrigens Titus hatte verkündigen lassen, dass kein Überläufer allein kommen dürfe (sie sollten nämlich ihre Familien mitbringen), gewährte er doch auch solchen Flüchtlingen Aufnahme; zugleich aber liess er durch geeignete Männer diejenigen aus ihnen aussondern, die den Tod verdienten. Eine ungeheure Menge wurde in die Sklaverei verkauft; von den eigentlichen Bürgern dagegen wurden über vierzigtausend begnadigt, und der Caesar liess sie ziehen, wohin es ihnen beliebte.
3. Um ebendieselbe Zeit kam auch ein Priester mit Namen Jesus, der Sohn des Thebuthi, nachdem der Caesar ihm für den Fall, dass er etliche der heiligen Kleinodien ausliefern würde, unter einem Eidschwur Schonung zugesagt hatte, hervor und holte aus der Tempelmauer zwei Leuchter, ähnlich den im Tempel selbst auf bewahrten, Tische, Mischgefasse und Schalen, alles massiv von lauterem Golde; zugleich übergab er die Vorhänge, die hohepriesterlichen Gewänder mit den Steinen und viele andere beim Gottesdienst verwendete Geräte. Auch der Schatzmeister des Tempels, Phineas, ward ergriffen und zeigte die Gewänder und Gürtel der Priester, einen reichen Vorrat von Purpur- und Scharlachstoff, der für die etwaige Ausbesserung des Vorhanges in Bereitschaft gehalten wurde, ferner viel Zimmt und Kassia und eine Menge anderer Wohlgerüche, von denen man ein Gemisch jeden Tag Gott zu Ehren anzündete. Ebenso lieferte er noch eine bedeutende Anzahl weiterer Kleinodien und heiligen Zierates aus und verschaffte sich dadurch, obwohl er erst nach harter Gegenwehr gefangen worden war, die Vergünstigung, dass er gleich anderen Überläufern gut behandelt wurde.
4. Als nun nach achtzehntägiger Arbeit am siebenten des Monats Gorpiaios die Wälle vollendet waren, rückten die Römer mit den Maschinen heran. Viele der Empörer gaben jetzt die Stadt verloren und zogen sich an der Mauer in die Akra zurück; andere schlüpften in die unterirdischen Gänge; eine beträchtliche Schar aber verteilte sich auf der Mauer und suchte die mit den Sturmböcken sich nähernden Feinde abzu wehren. Doch auch mit ihnen wurden die Römer infolge ihrer Überzahl und Kraft, zumeist aber weil sie mit frischem Mut gegen Verzagte und Erschöpfte kämpften, gar bald fertig. Kaum nämlich war ein Stück der Mauer eingestossen und ein Teil der Türme durch die Gewalt der Sturmböcke zum Wanken gebracht* als ihre Verteidiger sich spornstreichs davonmachten. Auch der Tyrannen bemächtigte sich jetzt eine Angst, die zu der Gefahr in gar keinem Verhältnis stand; denn noch ehe die Feinde herüber waren, standen sie schon wie vom Schrecken gelähmt und wussten nicht, ob sie fliehen oder bleiben sollten. Da sah man die einst so hochfahrenden Menschen, die mit ihren Schandthaten sich gebrüstet hatten, demütig zitternd und so verändert, dass sie bei all ihrer Schlechtigkeit doch Mitleid erwecken mussten. Sie wollten nun zwar einen Angriff auf die Ringmauer machen, sich durch die Postenkette durchschlagen und so das Freie gewinnen; als sie aber ihre Getreuen, die sämtlich geflohen waren, wohin die Not sie trieb, nirgends mehr erblickten, und obendrein noch einige Eilboten meldeten, die ganze westliche Mauer sei zerstört, andere, die Römer seien schon eingedrungen, wieder andere, sie seien auf der Suche nach ihnen schon ganz nahe, und schliesslich etliche, deren Augen die Furcht täuschte, sogar versicherten, sie sähen die Feinde bereits auf den Türmen — da fielen sie auf ihr Angesicht, jammerten über ihre Verblendung und vermochten, als wären ihnen die Sehnen durchschnitten, sich nicht mehr vom Fleck zu rühren. Jetzt offenbarte sich so recht die Macht Gottes über die Ruchlosen und das Glück der Römer. Die Tyrannen nämlich vergassen ihre Sicherheit und stiegen von den Türmen herab, wo sie niemals durch Gewalt, sondern nur durch Hunger hätten bezwungen werden können; die Römer aber, denen die schwächeren Mauern so viel zu schaffen gemacht hatten, gewannen die, gegen welche kein Belagerungswerkzeug etwas ausgerichtet hätte, durch die Gunst des Glückes; denn die oben beschriebenen drei Türme würden jeder Maschine getrotzt haben.
5. Nachdem die Empörer diese Türme verlassen hatten oder vielmehr von Gott daraus vertrieben waren, flohen sie schleunigst in die Schlucht unterhalb des Siloa und warfen sich, als sie von ihrem Schrecken sich ein wenig erholt hatten, gegen den dortigen Teil der Ringmauer. Ihre Kühnheit aber hielt mit der Not schon nicht mehr gleichen Schritt, denn Angst und Elend hatten ihre Kraft gebrochen. So wurden sie denn von den Wachen alsbald zurückgeschlagen, stoben auseinander und versteckten sich in den unterirdischen Gängen. Unterdessen hatten die Römer die Mauern besetzt, die Feldzeichen auf den Türmen aufgepflanzt und unter freudigem Händeklatschen den Siegesgesang angestimmt, da das Ende des Krieges ihnen viel leichter geworden war, als sein Anfang erhoffen liess. Es kam ihnen selbst unglaublich vor, dass sie ohne Schwertstreich die letzte Mauer erstiegen hatten, und sie wussten nicht, was sie denken sollten, als sie keinen Feind erblickten. Mit gezücktem Schwert strömten sie nun in die Gassen, stiessen jeden nieder, der ihnen in den Weg kam, und verbrannten die Häuser, in welche sich Juden geflüchtet hatten, samt allem, was darin war. Sie plünderten viel; oft aber, wenn sie der Beute wegen in ein Haus eingedrungen waren, fanden sie ganze Familien tot und die Dächer mit Leichen von Verhungerten gefüllt — ein Anblick, über den sie sich derart entsetzten, dass sie mit leeren Händen wieder herauskamen. So tiefes Mitleid sie übrigens mit den also Umgekommenen empfanden, so erstreckte sich dasselbe doch nicht auf die Lebenden: niederstossend, was ihnen in den Weg kam, versperrten sie die engen Gassen mit lauter Toten und überschwemmten die Stadt mit Strömen von Blut, sodass manche Feuersbrunst durch Blut gelöscht ward. Gegen Abend stellten sie das Morden ein; der Brand aber wütete die ganze Nacht hindurch fort. Am achten Gorpiaios ging die Sonne über den rauchenden Trümmern Jerusalems auf, einer Stadt, die während ihrer Belagerung von so vielen Drangsalen heimgesucht wurde, dass sie, hätte sie seit ihrer Gründung ebenso viel Glück genossen, in der That beneidenswert gewesen wäre; aber durch nichts anderes hatte sie so grosses Unglück verdient, als dadurch, dass sie ein Geschlecht erzeugte wie das, welches sie ins Verderben stürzte.
1. Als Titus in die obere Stadt einzog, bewunderte er ausser ihrer Festigkeit im allgemeinen ganz besonders die der Türme, welche die Tyrannen in ihrem Wahnsinn verlassen hatten, und indem er die Höhe der massiven Bauten, die Grösse der einzelnen Steinblöcke und die Genauigkeit der Zusammenfügung sowie ihre gewaltige Länge und Breite betrachtete, rief er aus: „Mit Gottes Hilfe haben wir gekämpft! Er war es, der die Juden von diesen Bollwerken vertrieb — denn was vermöchten Menschenhände oder Maschinen gegen solche Türme?“ Noch über vieles derartige besprach er sich mit seinen Freunden. Alsdann gab er den Gefangenen der Tyrannen, die man in den Turmverliessen gefunden hatte, die Freiheit und befahl, den noch erhaltenen Teil der Stadt vollends zu zerstören und die Mauern zu schleifen; die drei Türme aber liess er als Denkmale seines Glückes, das ihm selbst uneinnehmbare Bollwerke bezwingen half, stehen.
2. Da die Krieger nun des Mordens müde waren und doch immer noch eine erhebliche Menge Juden zum Vorschein kamen, befahl der Caesar, nur die Bewaffneten und Widerspenstigen zu töten, die übrigen dagegen lebendig gefangen zu nehmen. Gleichwohl machten die Soldaten ausser den von Titus Bezeichneten auch noch die Alten und Schwachen nieder; diejenigen aber, welche im blühenden Alter standen und noch verwendbar waren, trieben sie auf den Tempel berg und schlossen sie daselbst in den Weibervorhof ein. Zum Wächter über sie bestellte der Caesar einen seiner Freigelassenen, während sein Freund Fronto jedem das verdiente Schicksal zusprechen sollte. Dieser liess die Empörer und Räuber, die sich alle gegenseitig zur Anzeige brachten, hinrichten; die schönsten und grössten Jünglinge aber las er aus, um sie für den Triumphzug aufzubewahren. Von den übrigen Gefangenen schickte Titus die mehr als siebzehn Jahre alten in die Bergwerke Aegyptens; die meisten jedoch verschenkte er in die Provinzen, wo sie bei den Schauspielen entweder durchs Schwert oder durch wilde Tiere umkommen sollten. ' Was unter siebzehn Jahren war, wurde verkauft. Während der Tage übrigens, da Fronto die Auswahl traf, starben noch elftausend den Hungertod, teils weil die Wächter ihnen aus Hass keine Lebensmittel verabreichten, teils weil sie die dargebotene Nahruug verschmähten. Freilich mangelte es auch für eine solche Menge an Getreide.
3. Die Gesamtzahl der in diesem Kriege gefangenen Juden belief sich auf siebenundneun zigtausend; ums Leben kamen während der Dauer der Belagerung eine Million und hunderttausend. Die meisten waren geborene Juden, aber nicht aus Jerusalem. Denn aus dem ganzen Lande war das Volk zum Feste der ungesäuerten Brote in die Hauptstadt zusammengeströmt, und da es hier ganz unversehens von der Belagerung überrascht wurde, war bei dem engen Zusammenwohnen der Ausbruch der Pest und später auch der noch verderblicheren Hungersnot unvermeidlich. Dass aber die Stadt eine solche Menschenmenge fassen konnte, ergiebt sich aus einer zu Ce8tiuB, Zeiten stattgehabten Zählung. Um nämlich dem Nero, der vom jüdischen Volke sehr geringschätzig dachte, den blühenden Zustand Jerusalems zu beweisen, beauftragte Cestius die Hohepriester, womöglich die Bevölkerung zu zählen. Da nun gerade das Paschafest einfiel, an welchem von der neunten bis zur elften Stunde Opfer dargebracht werden und um jedes Opfer sich eine Gesellschaft von zehn, oft wohl auch zwanzig Männern sammelt (einer allein darf nämlich das Opfermahl nicht verzehren), ermittelte man durch Zählung zweihundertsechsunfünfzigtausendfünfhundert Opfertiere. Nehmen wir aber auf jedes Opfermahl auch nur zehn Teilnehmer, so kommen zwei i Bezüglich des Schicksals der Christen zu Jerusalem erfahren wir bei Eusebius (Hist, eccles. III,), dass sie vor der Belagerung nach Pella geflohen waren. Million und siebenhunderttausend und zwar lauter reine und geweihte Personen heraus; denn Aussätzige, Samenflüssige, in der monatlichen Reinigung begriffene Weiber und anderweitig Verunreinigte durften an diesem Opfer nicht teilnehmen, ebensowenig Nichtjuden, die etwa zum Gottesdienst sich eingefunden hatten.
4. Die Hauptmasse der Festteilnehmer war demnach von auswärts zusammengeströmt, und so hatte denn das Schicksal es gerade damals gefügt, dass das ganze Volk wie in ein Gefängnis eingeschlossen war und das feindliche Heer eine mit Menschen vollgepfropfte Stadt umzingelte. Darum war auch die Menge der Umgekommenen grösser als bei irgend einer anderen Drangsal, die je von Menschen oder von Gott über eine Stadt herauf beschworen wurde. Von denen nun, die jetzt noch zum Vorschein kamen, töteten die Römer einen Teil, andere machten sie zu Gefangenen; die in den unterirdischen Gängen aber suchten sie auf und stiessen, nachdem sie die Erde durchbrochen hatten, alle nieder, die ihnen unter die Hände kamen. Auch in diesen Gängen fand man übrigens noch mehr wie zweitausend Tote, die teils sich selbst, teils einander das Leben genommen hatten, zumeist aber dem Hunger erlegen waren. Den eindringenden Soldaten wehte infolgedessen ein schrecklicher Leichengeruch entgegen, sodass viele von ihnen sich schleunigst wieder zurückzogen; andere, welche die Habgier trotzdem hineintrieb, mussten über Haufen von Leichen hinwegschreiten. In der That stiess man in den Gängen auf eine Menge Kostbarkeiten, und die Gewinnsucht hielt jedes Mittel, in deren Besitz zu gelangen, für erlaubt. Weiterhin zog man viele Gefangenen der Tyrannen heraus; denn selbst im letzten Augenblick noch verharrten diese in ihrer Grausamkeit. Dafür strafte sie Gott aber auch beide, wie sie’s verdienten. Joannes, der samt seinen Brüdern in den unterirdischen Gängen Hunger litt, hielt endlich doch bei den Römern um die so oft verschmähte Gnade an; Simon dagegen ergab sich, nachdem er mit der entsetzlichsten Not gerungen hatte, auf die unten näher zu beschreibende Weise. Er wurde als Schlachtopfer für den Triumph auf bewahrt, Joannes aber zu lebenslänglicher Einkerkerung bestimmt. Die Römer steckten nun auch noch die entferntesten Stadtteile in Brand und machten die Mauern dem Erdboden gleich.
1. So fiel Jerusalem im zweiten Jahre der Regierung des Vespasianus, am achten des Monats Gorpiaios. Fünfmal war es früher erobert, einmal auch zerstört worden. Der aegyptische König Asochaeus nämlich, dann Antiochus, später Pompejus und nach ihm Sosius in Gemeinschaft mit Herodes eroberten die Stadt; doch liessen sie sie stehen. Vor ihnen aber hatte der Babylönierkönig sie eingenommen und zerstört, vierzehnhundertachtundsechzig Jahre und sechs Monate nach ihrer Gründung. Der erste Erbauer Jerusalems war ein chananaeischer Herrscher, dessen Name in der Landessprache „gerechter König“ bedeutet. Das war er in der That, und darum diente er zuerst dem Herrn als Priester, wie er auch zuerst das Heiligtum gründete und die Stadt, die früher Solyma hiess, Hierosolyma nannte. Später vertrieb der jüdische König David die Chananäer aus der Stadt und bevölkerte sie mit seinen Stammesgenossen; vierhundertsiebenundsiebzig Jahre und sechs Monate nach ihm ward sie dann von den Babyloniern zerstört. Von David, dem ersten jüdischen König in Jerusalem, bis zur Zerstörung durch Titus verflossen elf hundertneunundsiebzig, von der ersten Gründung bis zur letzten Eroberung zweitausendeinhundertsiebenundsiebzig Jahre. Weder das hohe Alter der Stadt, noch ihr ungeheurer Reichtum, noch die Verbreitung des ihr zugehörigen Volkes über die ganze Erde, noch der grosse Ruf des in ihr gepflegten Gottesdienstes vermochte sie vor dem Untergang zu bewahren. Dies war das Ende der Belagerung Jerusalems.
Deutsche Fassung: Übersetzung von Heinrich Clementz (1859–1946), Halle a. d. S., Otto Hendel, 1900 – gemeinfrei (Übersetzer vor über 70 Jahren gestorben). Text aus dem Digitalisat des Internet Archive (Texterkennung, automatisch bereinigt; gelegentliche Erkennungsfehler und die alte Rechtschreibung bleiben; ohne die Anmerkungen des Übersetzers und das Namenregister). Englische Fassung: William Whiston (1737) aus dem Project Gutenberg. · Titelbild schlicht selbst gestaltet