1. So war denn Titus, nachdem er auf die angegebene Weise die Wüste zwischen Aegypten und Syrien durchzogen hatte, in Caesarea angelangt, wo er vor allem sein Heer in Ordnung zu bringen gedachte. Übrigens hatte bereits zu der Zeit, da er in Alexandria seinem Vater die neue, von Gott ihnen verliehene Herrschaft befestigen half, der Aufruhr in Jerusalem frisches Leben bekommen und drei Parteien erzeugt, von welchen die eine der anderen feindlich gegenüberstand, was man eigentlich noch ein Glück im Unglück und ein Werk der Gerechtigkeit nennen darf. Die Willkürherrschaft, mit der die Zeloten das Volk drangsalierten und die den eigentlichen Anfang der Zerstörung Jerusalems bildete, ist ja ihrem Ursprung nach und in ihrem verderblichen Fortschreiten oben ausführlich geschildert worden. Nicht mit Unrecht kann man dieselbe als Aufruhr im Aufruhr bezeichnen, der wie ein tollwütiges Tier in Ermangelung der Nahrung von aussen bereits gegen das eigene Fleisch zu wüten begann.
2. Simons Sohn Eleazar nämlich, derselbe, der gleich anfangs die Zeloten veranlasst hatte, sich vom Volke zu trennen und den Tempel zu besetzen, stiftete scheinbar aus Entrüstung über die unaufhörlichen Greuelthaten des immer noch mordgierigen Joannes, in Wirklichkeit aber weil er sich dem später aufgekommenen Tyrannen nicht unterordnen wollte, aus Begier nach der obersten Gewalt und blosser Herrsucht eine neue Partei, indem er aus den Reihen der Machthaber Judas, den Sohn des Chelkias, und Simon, den Sohn des Ezron, an sich zog, denen noch ein anderer, nicht unbedeutender Mann, Ezekias, der Sohn des Chobar, beitrat. Jeder von diesen hatte auch noch einen ziemlichen Anhang unter den Zeloten. Sie besetzten nun den inneren Tempelraum und pflanzten über den geweihten Thoren im Angesicht des Allerheiligsteii ihre Waffen auf. Mit Lebensmitteln reichlich versehen, waren sie wohlgemut; denn die Opfergaben überhoben diese Menschen, die nichts für unerlaubt hielten, aller Not Nur ihre geringe Anzahl machte ihnen Sorge; sie verhielten sich daher, nachdem sie ihre Waffen dort niedergelegt hatten, zunächst ruhig. Was übrigens Joannes mit seiner zahlreicheren Mannschaft vor ihnen voraus hatte, büsste er durch die Ungunst seiner Stellung wieder ein; denn da die Feinde sich über seinem Haupte befanden, musste jeder Angriff auf sie mit Verlusten verbunden sein. Seine zornige Aufregung aber liess ihn nicht ruhen, und obwohl er mehr Schaden erlitt, als er dem Eleazar und dessen Anhängern zufügen konnte, nahmen die Feindseligkeiten kein Ende; auf beiden Seiten gab es beständige Ausfälle, und ohne Unterlass flogen die Geschosse hin und her, sodass der Tempel bald keine Stelle mehr aufwies, die nicht mit dem Blute der Gefallenen befleckt gewesen wäre.
3. Aber auch Simon, des Gioras Sohn, jener Tyrann, den das Volk in seiner Verzweiflung zu Hilfe gerufen und der ausser der oberen Stadt auch einen grossen Teil der unteren in seiner Gewalt hatte, setzte nun dem Joannes und dessen Leuten, weil sie schon von oben bedrängt wurden, noch nachdrücklicher zu. Freilich musste er ebenso von unten herauf gegen Joannes ankämpfen, wie dieser gegen die höher stehende dritte Partei, und natürlich war Joannes um soviel gegen die letztere im Nachteil, als er vor Simon durch seine höhere Stellung voraus hatte; seine eigenen Verluste hielten sich daher mit denen, die er seinen Gegnern beibrachte, so ziemlich im Gleichgewicht. Die Angriffe von unten schlug er bequem mit der blanken Waffe ab, und gegen die Schüsse vom Tempel her wehrte er sich mit Maschinen; denn es standen ihm eine Anzahl Katapulten und sonstige Wurfmaschinen zu Gebot, mit denen er freilich nicht nur seine Feinde sich vom Halse hielt, sondern auch viele Opfernden tötete. Obwohl nämlich die Anhänger Eleazars in ihrer Raserei sich jede Art von Gottlosigkeit erlaubten, liessen sie doch diejenigen, welche opfern wollten, in den Tempel ein, wobei sie die Einheimischen mit argwöhnischer Vorsicht, die Fremden dagegen sorgloser durchsuchten. Hatten aber diese Leute beim Eintritt die Grausamkeit der Besatzung durch Bitten besänftigt, so wurden sie nichtsdestoweniger vom Aufruhr dahingerafft; denn die Geschosse der Maschinen flogen infolge der grossen Kraft, mit der sie geschleudert wurden, bis an den Altar und den Tempel und trafen Priester wie Opfernde. So sanken viele, die von den Enden der Erde zu dem hochberühmten, allen Menschen heiligen Ort gepilgert waren, noch vor ihren Opfertieren zu Boden und netzten den Altar, den sämtliche Griechen und Barbaren verehren, mit ihrem Blute. Leichen von Einheimischen und Fremden, von Priestern und Laien lagen hier durcheinander aufgehäuft, und ihr Blut bildete in den heiligen Bäumen einen förmlichen See. Hast du dergleichen, unseligste der Städte, von den Körnern erfahren müssen? Nein, sie kamen nur, um die Greuel deiner eigenen Kinder zu sühnen! Denn Gottes Stadt warst du nicht mehr und konntest es nicht bleiben, nachdem du das Grab deiner eigenen Bewohner geworden warst und den Tempel zum Beerdigungsplatz für die Opfer des Bürgerkrieges gemacht hattest. Vielleicht, dass du einmal wieder bessere Tage siehst, wenn du den Gott, der dich zerstörte, versöhnt hast! Doch das Gesetz der Geschichtschreibung will die Äusserungen des Schmerzes zurückgedrängt wissen; denn nicht heisst es jetzt ein Klagelied um die Heimat anstimmen, sondern den Gang der Ereignisse schildern. Ich fahre daher in der Geschichte des Aufstandes fort.
4. So waren denn die inneren Feinde der Stadt in drei unter sich feindliche Lager gespalten. Eleazar mit seinem Anhang, in dessen Gewahrsam die heiligen Erstlingsfrüchte sich befanden, tobte gegen Joannes; dessen Bande raubte die Bürger aus und lag mit Simon im Streit, und auch ihn musste die Stadt für den Kampf wider die Gegen aufrührer mit Proviant versehen. So oft nun Joannes von beiden Seiten angegriffen wurde, teilte er seine Leute, stellte sie in entgegengesetzten Richtungen auf und beschoss die aus der Stadt Anstürmenden von den Hallen herab, während er sich gegen die- Speerwürfe vom Tempel her mit seinen Maschinen verteidigte. Liessen ihn die Angreifer da oben einmal freier aufatmen, wenn, wie so oft, Trunkenheit und Ermattung dieselben in Unthätigkeit versetzte, so machte er mit stärkeren Streitkräften desto kühnere Ausfälle gegen Simon und steckte, soweit er diesen in die Stadt hinuntertrieb, stets die mit Getreide und allerhand sonstigem Vorrat gefüllten Häuser in Brand. Zog aber Joannes sich wieder zurück, so that der ihm nachsetzende Simon das gleiche, als ob sie geflissentlich den Römern zulieb alles, was die Stadt für die Zeit der Belagerung angesammelt hatte, vernichten und den Nerv ihrer eigenen Macht durchschneiden wollten. Die Folge davon war, dass alles in der Umgebung des Tempels eingeäschert wurde, sowie dass mitten in der Stadt ein öder, als förmliches Schlachtfeld tauglicher Raum zwischen den kämpfenden Parteien entstand und sämtliches Getreide, das auf Jahre hinaus für eine Belagerung gereicht haben würde, bis auf weniges in Flammen aufging. Natürlich mussten dann die Bewohner der Stadt schliesslich dem Hunger erliegen, was schlechterdings unmöglich gewesen wäre, wenn sie nicht selbst dieses Schicksal sich bereitet hätten.
5. Während auf diese Weise innere Feinde und zusammengelaufenes Gesindel die Stadt in allen ihren ihren Teilen bedrängten, wurde die mitten dazwischen befindliche Bürgerschaft wie ein grosser Leib zerfleischt. Greise und Weiber beteten aus Verzweiflung über das Elend Jerusalems für die Römer und warteten sehnsüchtig auf den Krieg von aussen, um von den inneren Übeln erlöst zu werden. Furcht und Schrecken war über die eigentlichen Bewohner gekommen, und dabei waren sie nicht nur aller Mittel und Wege zur Verbesserung ihrer Lage beraubt, sondern hatten auch nicht die geringste Aussicht mehr auf friedlichen Vergleich oder auf Flucht, so sehr sie nach letzterer verlangen mochten. Denn alles war mit Wachen besetzt, und wenn auch die Anführer der Banditen im übrigen einander befehdeten: die Freunde einer Verständigung mit den Römern und die als Überläufer Verdächtigten mordeten sie wie gemeinsame Feinde, sodass das einzige, worin sie übereinstimmten, die Niedermetzelung derer war, die länger zu leben verdient hatten. Tag und Nacht erscholl ohne Unterlass das laute Geschrei der Kämpfenden; noch grauenvoller aber war das stille Seufzen der Trauernden. Schlag auf Schlag zwar lieferte das Unglück immer neuen Stoff zu Wehklagen; aber das Entsetzen schloss den Mund für lautes Jammern, und die Angst unterdrückte jede Äusserung der Gefühle. Um so mehr wurden die Ärmsten von verhaltenem Kummer gequält. Keine Rücksicht kannte man mehr für lebende Angehörige, und den Toten liess man kein Begräbnis mehr an gedeihen — so sehr hatte die Verzweiflung sie alle ergriffen. Wer am Aufstand nicht teilnahm, war in völligen Stumpfsinn versunken; sah doch jeder nichts anderes als seinen baldigen Untergang vor Augen. Auf Haufen von Toten stehend kämpften die Empörer, und als saugten sie Wahnsinn aus den Leichen zu ihren Füssen, geberdeten sie sich nur um so wilder; stets neues Verderben gegeneinander ersinnend und jeden Beschluss unbarmherzig ins Werk setzend, liessen sie keine Art von Misshandlung und Grausamkeit ungeschehen. Joannes wollte sogar das heilige Holz zum Bau von Kriegsmaschinen verwenden. Das Volk und die Priester hatten nämlich früher einmal beschlossen, den Tempel unten zu stützen und ihn um zwanzig Ellen zu erhöhen; mit vieler Mühe und ungeheuren Kosten hatte der König Agrippa sodann vom Libanon Bauholz herbeischaffen lassen, und zwar lauter schöngewachsene und wegen ihrer Grösse sehenswerte Stämme. Da nun der Krieg das Werk unterbrochen hatte, liess Joannes das Holz zerschneiden, um Türme davon zu bauen, für deren Höhe er in anbetracht des Umstandes, dass sie gegen die vom Tempel herab Kämpfenden zur Verwendung kommen sollten, die Länge der Stämme gerade passend fand. Die Türme gedachte er hinter der Mauer gegenüber der westlichen Galerie zu errichten, wo dies auch allein möglich war, weil die anderen Teile des Tempels wegen der Treppen zu weit zurückstanden.
6. Durch diese im Frevel gegen Gott erbauten Werke hoffte Joannes seine Feinde bewältigen zu können. Der Herr aber vereitelte seine Bemühung, indem er, ehe auch nur einer der Türme dastand, die Körner herbeiführte. Unterdessen nämlich war Titus, nachdem er einen Teil seines Heeres an sich gezogen und einen anderen brieflich beordert hatte, vor Jerusalem zu ihm zu stossen, von Caesarea aufgebrochen. Zur Verfügung stand ihm ausser den drei Legionen, welche zuvor mit seinem Vater Judaea verheert hatten, noch die zwölfte, die früher unter Cestius geschlagen worden war, übrigens aber durch Tapferkeit sich auszeichnete und jetzt im Andenken an jene Schlappe um so freudiger in den Kampf eilte, um dieselbe wieder gut zu machen. Die fünfte Legion hatte Befehl erhalten, über Ammaus zu ihm zu stossen, die zehnte, über Jericho nach Jerusalem zu marschieren. Er selbst rückte an der Spitze der übrigen Truppen aus, an welche die sämtlich verstärkten Hilfsheere der Könige und ausserdem noch viele Bundesgenossen aus Syrien sich anschlossen. Übrigens war auch die Mannschaft, welche Vespasianus aus den vier Legionen ausgewählt und mit Mucianus nach Italien geschickt hatte, diesen aus den von Titus mitgebrachten Streitkräften wieder ersetzt worden. Die letzteren bestanden aus zweitausend Mann Kern truppen von dem Heere zu Alexandria sowie weiteren dreitausend Mann von den Besatzungen am Euphrat. Im Gefolge des Titus befand sich auch sein als ergeben und einsichtsvoll aufs beste bewährter Freund Tiberius Alexander, der vordem Statthalter von Aegypten gewesen war, jetzt aber eine der höchsten Befehlshaberstellen im Heer innehatte. Er war dieser Ehre gewürdigt worden, weil er zuerst dem neu emporgekommenen Herrscherhause gehuldigt und mit leuchtender Treue sein eigenes Geschick an dessen noch dunkle Zukunft gekettet hatte. Durch Alter und Erfahrung sich auszeichnend, begleitete er jetzt den Titus als Ratgeber in den Angelegenheiten des Krieges.
1. Den Zug des Titus in Feindesland eröffneten die königlichen und die sämtlichen übrigen Hilfstruppen. Ihnen folgten die Strassenbauer und Lagerabstecker, dann das Gepäck der Offiziere; hinter der wohlbewaffneten Bedeckung des letzteren der Feldherr selbst inmitten von Lanzenträgern und sonstiger auserlesener Mannschaft. Hierauf kam die zu den einzelnen Legionen gehörige Reiterei, welche vor den Maschinen herritt. Auf letztere folgten die Tribunen mit den Kerntruppen und die Befehlshaber der Kohorten, weiterhin unter Vorantritt der Trompeter die Feldzeichen mit dem Adler in der Mitte, und dann erst kam die Hauptmasse des Heeres in sechs Mann hohen Reihen. An jede Legion schloss sich deren Tross an, von welchem das Gepäck geführt wurde. Ganz zuletzt marschierten die Söldner samt der sie überwachenden Nachhut. In dieser bei den Römern gebräuchlichen Ordnung zog Titus mit seinem Heere zunächst durch das Samariterland bis nach Gophna, das schon früher von seinem Vater erobert und mit einer Besatzung versehen worden war. Hier brachte er eine Nacht zu, rückte gegen Morgen weiter und schlug nach eintägigem Marsch auf einem von den Juden in ihrer Muttersprache „Dornenthal“ genannten Platze bei dem Dorfe Gabathsaul (das heisst „Saulsberg“) etwa dreissig Stadien von Jerusalem entfernt sein Lager auf. Von dort machte er sich dann mit ungefähr sechshundert auserlesenen Reitern auf den Weg, um die Festungswerke von Jerusalem auszukundschaften und die Stimmung der Juden daraufhin zu erforschen, ob sie nicht vielleicht* ohne es zum Kampf kommen zu lassen, bei seinem Anblick sich aus Furcht ergeben würden. Er hatte nämlich in Erfahrung gebracht, dass, wie es ja auch thatsächlich der Fall war, die von Empörern und Räubern tyrannisierte Bürgerschaft sich nach Frieden sehne und nur darum sich nicht zu rühren wage, weil sie zu einer Auflehnung gegen die Bedrücker zu schwach sei.
2. So lange er nun geradeaus auf der zur Mauer führenden Landstrasse hinritt, zeigte sich niemand vor den Thoren. Als er aber bei dem Psephinusturm vom Wege abbog und seine Reiterschar einen Seitenpfad einschlagen lies9, stürzten plötzlich unzählige Feinde an den sogenannten Frauentürmen durch das dem Denkmal der Helena gegenüberliegende Thor heraus, durchbrachen die Linie der Reiter, warfen sich den noch auf dem Hauptwege befindlichen entgegen, hinderten sie, sich an diejenigen anzuschliessen, welche die Schwenkung bereits gemacht hatten, und schnitten so den Titus mit wenigen seiner Begleiter ab. Weiter vorzudringen, war ihm unmöglich; denn von der Mauer an war alles zu Nutzpflanzungen eingerichtet und deshalb mit Gräben durchzogen sowie von querliegenden Gärten mit zahlreichen Zäunen eingenommen. Aber auch den Rückweg zu den Seinigen sah er sich durch die Menge der zwischen letzteren und ihm selbst befindlichen Feinde versperrt. Schliesslich ergriffen seine Leute, die keine Ahnung von der Gefahr des Prinzen hatten und der Meinung waren, auch er wolle mit ihnen umkehren, die Flucht. Nun ward es ihm freilich klar, dass seine Rettung nur noch an seiner persönlichen Tapferkeit hänge. Er wendet also sein Ross, ruft seinen Begleitern zu, ihm zu folgen, und stürzt sich mitten unter die Feinde, um sich den Rückweg zu den Seinigen zu erzwingen. Da konnte man so recht erkennen, wie Gottes Vorsehung auch die Wechselfälle des Krieges und die den Fürsten drohenden Gefahren beeinflusst; denn so viele Pfeile auch gegen Titus anschwirrten, der weder Helm noch Panzer trug (er war ja, wie oben erwähnt, nicht als Krieger, sondern als Kundschafter ausgeritten): kein einziges Geschoss berührte seinen Körper, sondern alle flogen, wie wenn sie absichtlich ihr Ziel verfehlt hätten, wirkungslos an ihm vorbei. Mit dem Schwert bahnte er sich nun durch die von der Seite auf ihn eindringenden Juden eine Gasse und jagte, indem er eine Menge derer, die sich ihm entgegenwarfen, niederritt, hoch zu Ross über die am Boden liegenden Feinde dahin. Beim Anblick dieser Kühnheit des Caesars erhoben seine Gegner ein gewaltiges Geschrei und feuerten sich gegenseitig durch Zurufe an, auf ihn loszugehen; aber wo er sein Pferd hinlenkte, da stob alles in wilder Flucht auseinander. Seine gleich ihm gefährdeten Begleiter hatten sich, wiewohl sie hinten und an den Seiten von den feindlichen Geschossen vielfach getroffen wurden, dicht an ihn angeschlossen; denn sie alle sahen ein, dass sie nur dann noch auf Rettung hoffen durften, wenn sie dem Feldherrn, bevor er umzingelt wurde, einen Ausweg eröffnen halfen. Dabei fielen zwei von den letzten in der Schar: der eine wurde zu Pferde umringt und mit Speerwürfen getötet, der andere, nachdem er abgesprungen war; des letzteren Pferd führten die Juden als Beute fort. Mit den übrigen aber entkam Titus glücklich ins Lager. Bei den Juden weckte der Erfolg dieses ersten Zusammenstosses mit den Römern thörichte Hoffnungen, und die augenblickliche Gunst des Glückes fiösste ihnen für später gewaltige Zuversicht ein.
3. Tags darauf brach der Caesar, nachdem in der Nacht die von Ammaus heranziehende Legion sich mit ihm vereinigt hatte, auf und rückte bis zu dem „Skopos“ genannten Platze vor. Von hier aus erblickte man Jerusalem und den glänzenden Riesenbau des Tempels, weshalb diese im Norden an die Stadt sich lehnende Hochebene sehr passend Skopos genannt wird. Sieben Stadien von der Stadt entfernt liess Titus für die zwei Legionen ein gemeinsames Lager schlagen, für die fünfte aber eines drei Stadien weiter rückwärts; denn weil die Soldaten der letzteren von dem nächtlichen Marsch noch ermüdet waren, glaubte er ihnen eine geschützte Örtlichkeit anweisen zu müssen, damit sie desto unbesorgter an den Verschanzungen arbeiten könnten. Kaum hatten sie den Bau des Lagers begonnen, als auch schon die zehnte Legion von Jericho her sich einfand, wo sie eine Abteilung Schwerbewaffneter zurückgelassen hatte, um diesen bereits von Vespasianus eroberten Zugang zu bewachen. Sie erhielt Befehl, sechs Stadien von Jerusalem auf dem sogenannten ölberg sich zu lagern, welcher der Stadt ostwärts gegenüberliegt und von ihr durch eine tiefe Thalschlucht mit Namen Kedron getrennt wird.
4. Jetzt erst machte den gegenseitigen Reibereien der Parteien, die sich in der Stadt ohne Unterlass hefehdeten, der plötzlich und mit Macht von aussen hereinbrechende Krieg ein Ende. Mit Schrecken erblickten die Empörer das dreifache Lager der Römer und begannen nunmehr, freilich nicht aus edlen Beweggründen, die Eintracht zu pflegen. „Worauf warten wir denn noch,“ sprachen sie zu einander, „und warum dulden wir es, dass man uns durch feste Werke den Atem benimmt? In aller Ruhe verschanzt sich der Feind uns gegenüber; wir aber sitzen hinter unsern Mauern, sehen ihm zu, als wenn seine Werke uns zu Nutz und Frommen gereichten, legen die Hände in den Schoss und lassen unsere Rüstungen verstauben. Tapfer sind wir fürwahr, aber nur gegen uns selbst, und den Römern wird unsere Zwietracht die Stadt ohne Schwertstreich in die Hände liefern.“ Durch derartige Reden ermutigten sie sich gegenseitig, griffen dann vereint zu den Waffen und machten einen plötzlichen Ausfall gegen die zehnte Legion. Unter betäubendem Geschrei stürmten sie durch das Thal und fielen über die mit Schanzarbeiten beschäftigten Römer her. Da diese sich behufs A usführung der Arbeiten in kleinere Trupps geteilt und aus dem gleichen Grunde fast durchgehends ihre Waffen abgelegt hatten (sie meinten nämlich, die Juden würden entweder nicht Mut genug zu einem Ausfall haben oder aber, selbst wenn sie Lust dazu verspürten, durch ihre Parteistreitigkeiten von dem Unternehmen abgehalten werden), gerieten sie infolge des plötzlichen Angriffs in Unordnung. Ein Teil liess die Arbeit im Stich und zog sich sogleich zurück; viele liefen nach ihren Waffen, wurden aber, ehe sie sich den Feinden entgegenstellen konnten, niedergemacht. Den Juden anderseits schlossen sich, durch den Sieg der ersten ermutigt, immer neue Kämpfer an, und da nun einmal das Glück sie begünstigte, kamen sie sich selbst sowohl als auch den Feinden viel zahlreicher vor, wie sie in Wirklichkeit waren. Soldaten, die an eine bestimmte Schlachtordnung gewöhnt sind und in geschlossenen Gliedern zu kämpfen verstehen, verlieren, sobald Unordnung einreisst, am ehesten die Fassung; so wichen auch jetzt die für diesmal überrumpelten Römer vor dem Angriff zurück. Machten sie nun, wenn die Juden sie eingeholt hatten, auf der Flucht kehrt, so hielten die Verfolger jedesmal in ihrem Lauf inne und brachten den etwas unvorsichtig daherstürmenden Feinden manche Wunde bei. Als aber die Menge der Angreifer immer grösser wurde, nahm auch die Verwirrung bei den Römern zu, und sie wurden schliesslich ganz von ihrem Lager abgedrängt. Die gesamte Legion schien verloren zu sein. Schnell aber eilte nun Titus, der inzwischen benachrichtigt worden war, ihr zu Hilfe. Unter heftigen Vorwürfen wegen ihrer Feigheit zwingt er die Fliehenden zur Umkehr, fallt selbst mit seinen Kerntruppen den Juden in die Flanke, bringt ihnen schwere Verluste an Toten und noch grössere an Verwundeten bei, schlägt sie dann sämtlich in die Flucht und drängt sie in die Thalschlucht zusammen. Kaum jedoch hatten die Verfolgten, die auf dem abschüssigen Terrain hart mitgenommen worden waren, sich durchgeschlagen, als sie sich den Römern abermals entgegenstellten und über die Schlucht hinüber kämpften. Bis zum Mittag wurde auf diese Art weitergefochten. Als aber die Sonne sich etwas gegen Abend neigte, liess Titus nur die Mannschaft, mit der er zu Hilfe gekommen war, und andere von den Kohorten ihre Stellung den Juden gegenüber für den Fall, dass diese einen neuen Angriff versuchen sollten, beibehalten; den übrigen Teil der Legion dagegen schickte er wieder zur Schanzarbeit auf die Spitze des Berges.
5. Hierin erblickten die Juden eine Flucht der Römer, und da ein von ihnen auf der Mauer aufgestellter Kundschafter durch Schütteln seines Kleides das nämliche andeutete, brach eine ganz frische Schar mit solchem Ungestüm hervor, dass ihr Lauf dem der wildesten Tiere glich. Wirklich hielt auch keiner der in Schlachtordnung stehenden Feinde ihren Anprall aus, sondern als hätte grobes Geschütz sie getroffen, so wurde die Linie der Römer durchbrochen, und alles floh den Berg hinan. Nur Titus mit einigen wenigen hielt in der Mitte des Abhanges stand. Sein Gefolge, welches aus Achtung vor dem Feldherrn trotz der Gefahr bei ihm ausharrte, forderte ihn dringend auf, den Juden, die den Tod suchten, aus dem Wege zu gehen und nicht für diejenigen sein Leben aufs Spiel zu setzen, die ihn zu schützen verpflichtet seien. Er möge doch seine hohe Stellung in Betracht ziehen, als Leiter des Krieges und dereinst auch des römischen Weltreiches nicht den Dienst eines gemeinen Soldaten thun und seine Person, an der alles hänge, keiner so augenscheinlichen Gefahr preisgeben. Er aber schien das alles nicht zu hören, leistete vielmehr denen, die ihm entgegen die Höhe erstiegen, kräftigen Widerstand, hieb die mit Gewalt anstürmenden Juden nieder, warf sich an dem steilen Abhang auf die dichte Masse der Feinde und drängte sie dadurch zurück. Diesen verursachte die Entschlossenheit und der kühne Mut des Feldherrn nicht geringen Schrecken; gleichwohl zogen sie sich auch jetzt noch nicht in die Stadt zurück, sondern schwenkten auf beiden Seiten ab, um den weiter oben Fliehenden nachzusetzen. Titus jedoch machte ihren Angriff dadurch unwirksam, dass er ihnen in die Flanke fiel. Unterdessen aber waren die Schanzarbeiter auf dem Berge, als sie ihre Kameraden unten fliehen sahen, wieder von Angst und Bestürzung ergriffen worden, und es löste sich nun die ganze Legion auf, weil alles den Anlauf der Juden für unwiderstehlich hielt und auch den Caesar selbst auf der Flucht wähnte; denn hätte er standgehalten, meinten sie, so würden die übrigen wohl nicht davongelaufen sein. Wie von panischem Schrecken erfasst, stoben sie nach allen Richtungen auseinander, bis endlich einige den Feldherrn mitten im Kampfgewühl erblickten und voll Angst um ihn seine gefährliche Lage der ganzen Legion durch lautes Geschrei anzeigten. Bcham brachte nun alle zur Umkehr, und indem sie sich Jo8ephu«, Jüdischer Krieg:. 31 JN/BPISlTf Of C (\LIPC5 RNIia gegenseitig wegen der Flucht, noch mehr aber darüber Vorwürfe machten, dass sie den Caesar im Stiche gelassen, warfen sie sich mit aller Kraft auf die Juden und drängten dieselben, nachdem sie einmal angefangen hatten zu weichen, vollends in das Thal hinab. Noch während des Rückzugs zwar kämpften die Juden; die Römer aber waren durch ihre höhere Stellung im Vorteil und trieben alles in die Schlucht zusammen. Mittlerweile setzte Titus denen zu, die ihn angegriffen hatten, und schickte die Legion wieder an die Sch anzarbeiten, um allein mit den Truppen, die zuvor unter ihm im Gefecht gewesen waren, den Feind abzuwehren. Um nun, wie es sich gehört, ohne aus Schmeichelei zu übertreiben oder aus Neid zu verkleinern, die Wahrheit zu sagen: der Caesar allein hat zweimal die bedrohte Legion gerettet und sie in den Stand gesetzt, ihr Lager unbehelligt zu verschanzen.
1. Während nun der äussere Krieg für kurze Zeit ruhte, erwachte der Parteihader im Innern aufs neue. Vor der Thür stand das Fest der ungesäuerten Brote, der vierzehnte des Monats Xanthikos, auf welchen die Juden den Anfang ihrer Befreiung von der aegyptischen Knechtschaft setzen. Eleazars Anhänger öffneten daher die Thore und liessen das Volk, das seine Andacht verrichten wollte, in den Tempel ein. Joannes aber missbrauchte das Fest, um einen hinterlistigen Anschlag ins Werk zu setzen. Er versah nämlich diejenigen seiner Leute, welche weniger bekannt und obendrein grösstenteils auch noch unrein waren, insgeheim mit Waffen und liess sie mit der übrigen Menge das Heiligtum betreten in der Absicht, sich desselben zu be- mächtigen. Kaum waren sie drinnen, als sie ihre Oberkleider abwarfen und sich plötzlich in voller Rüstung zeigten. Alsbald entstand nun im Tempel die grösste Bestürzung und Verwirrung, indem das bei den Parteikämpfen unbeteiligte Volk den Angriff gegen alle ohne Unterschied, die Zeloten aber nur gegen ihre Leute gerichtet glaubten. Die letzteren sprangen daher, ohne sich um die Bewachung der Thore weiter zu kümmern oder sich in ein Gefecht einzulassen, von den Mauerzinnen herab und flüchteten in die unterirdischen Gänge des Tempels; das Volk dagegen, das sich zitternd um Altar und Tempel drängte, ward zertreten oder mit Knitteln und Schwertern erschlagen. Eine Menge ruhiger Bürger fiel bei dieser Gelegenheit der Rachsucht und dem persönlichen Hass ihrer Feinde zum Opfer, von denen sie wie Anhänger der Gegenpartei ermordet wurden. Wer früher einmal einen dieser Aufrührer vor den Kopf gestossen hatte, galt jetzt, wenn sein Feind ihn erkannte, als Zelot und musste auf qualvolle Weise sein Leben enden. Nachdem die Böse wichte so an den Unschuldigen ihre Wut ersättigt hatten, bewilligten sie den Schuldigen Waffenstillstand und liessen sie, als sie aus den unterirdischen Gängen hervorkamen, frei ausgehen. Sie selbst waren damit in den Besitz des inneren Tempels und seiner sämtlichen Vorräte gelangt und fassten nun um so mehr Mut zum Kampfe gegen Simon. Auf diese Weise entstanden aus den bisherigen drei Parteien von Empörern deren zwei.
2. Unterdessen hatte Titus sich entschlossen, sein Lager vom Skopos weg und näher an die Stadt heran zu rücken. Er stellte daher eine auserlesene Streitmacht von Reiterei und Fussvolk in der Stärke, wie sie ihm erforderlich schien, zum Schutz gegen etwaige Ausfälle der Juden auf und gab dem gesamten übrigen Heere den Befehl, allen Zwischenraum bis zur Mauer zu ebnen. Sämtliche Zäune und sonstigen Einfriedigungen, mit denen die Bewohner Jerusalems ihre Gemüse- und Obstgärten umgeben hatten, wurden nun ausgerissen, alle fruchttragenden Bäume im ganzen Umkreis abgehauen und die Vertiefungen und Bodeneinschnitte damit ausgefüllt; die felsigen Vorsprünge aber wurden mittels eiserner Werkzeuge beseitigt. So ebneten sie die ganze Strecke vom Skopos bis zum Grabmal des Herodes in der Nähe des Schlangenteiches.
3. In diesen Tagen legten die Juden den Römern auf folgende Weise einen Hinterhalt. Die verwegensten der Empörer begaben sich an den sogenannten Frauentürmen aus der Stadt, gerade so, als wären sie von den friedliebenden Bürgern hinausgejagt worden. Wie aus Furcht vor einem Angriff der Römer drängten sie sich dicht zusammen und suchten sich einer hinter dem andern zu verbergen. Genossen von ihnen, dem Anschein nach gewöhnliche Bürger, standen währenddessen vereinzelt auf der Mauer, schrien nach Frieden, baten um Schonung und riefen die Römer unter dem Versprechen herbei, ihnen die Thore öffnen zu wollen. Zugleich warfen sie nach ihren Leuten draussen mit Steinen, wie wenn sie dieselben vom Thore wegzujagen beabsichtigten. Diese hingegen stellten sich, als wollten sie den Eingang erzwingen, verlegten sich dann wieder bei den anderen aufs Bitten, liefen ein über das anderemal auf die Römer zu, kehrten aber immer wieder wie aus Furcht zurück. Bei den Soldaten fand diese List auch wirklich Glauben, und da sie ebenso überzeugt waren, dass sie die einen schon zum Strafvollzüge in der Hand hätten, wie dass die anderen ihnen die Stadt öffnen würden, gingen sie sogleich ans Werk. Dem Titus aber kam der Umstand, dass man ihn so ganz unerwartet herbeirief, verdächtig vor; hatte er doch erst tags zuvor die Juden durch Josephus zur Übergabe auffordern lassen, ohne irgendwelche Geneigtheit zu finden. Er befahl daher den Soldaten, an Ort und Stelle zu bleiben. Einige indes von denen, die ganz vorn bei den Arbeiten beschäftigt waren, hatten bereits in aller Eile die Waffen ergriffen und ihren Lauf nach den Thoren hin genommen. Die anscheinend aus der Stadt Vertriebenen wichen zunächst vor ihnen zurück; sowie aber die Soldaten zwischen den Türmen des Thores sich befanden, stürmten die anderen vorwärts, umzingelten sie und griffen sie von hinten an. Gleichzeitig überschütteten die auf der Mauer stehenden Juden sie mit einem Hagel von Steinen und allerhand sonstigen Geschossen, sodass eine beträchtliche Anzahl Römer fielen und die übrigen grösstenteils verwundet wurden. Einerseits nämlich war es wegen der von hinten andringenden Feinde sehr schwierig für sie, von der Mauer wegzukommen, und anderseits trieb sie die Scham über den Ungehorsam, den sie gegen ihre Führer sich erlaubt hatten, sowie die Furcht vor Strafe an, den einmal begangenen Fehler nun auch zu Ende zu führen. Deshalb hielten sie mit grösster Zähigkeit im Kampfe aus, und es gelang ihnen denn auch schliesslich, nachdem die Juden ihnen eine Menge Wunden beigebracht, dafür aber ebenso viele erhalten hatten, die sie umzingelnden Feinde zurückzuschlagen. Noch auf dem Rückweg wurden sie bis zum Grabmal der Helena von den Juden mit Geschossen verfolgt.
4. Hierauf liessen die Juden in gemeiner Weise ihren Übermut wegen der gelungenen Überlistung aus, verhöhnten die Römer, dass sie sich hatten täuschen lassen, sprangen, ihre Schilde zusammenschlagend, herum und jauchzten vor Freude. Die Soldaten aber erwartete nichts anderes als drohende Worte der Centurionen und der Zorn des Caesars, der also anhub: „Die Juden, welche nur blinde Verzweiflung in den Kampf führt und die dabei doch alles mit Überlegung und Umsicht angreifen, Fallen und Hinterhalte legen, sehen sich um ihres Gehorsams und ihres treuen, kameradschaftlichen Zusammenhaltens willen vom Glück begünstigt; die Römer hingegen, die infolge ihrer Mannszucht und ihres Gehorsams gegen die Anführer sonst das Glück beständig auf ihrer Seite haben, kommen jetzt durch die entgegengesetzten Eigenschaften zu Fall und werden besiegt, weil sie ihren Thatendrang nicht zu zügeln verstehen und, was das schlimmste ist, ohne Führung in Gegenwart des Caesars zu kämpfen wagen. Fürwahr, tief werden die Kriegsgesetze aufseufzen, und nicht minder mein Vater, wenn er diese Niederlage erfahrt, er, der in Kriegen ergraut, niemals eine solche Schlappe erlitt! Jene Gesetze aber bestrafen auch das geringste Vergehen gegen die Kriegszucht mit dem Tode. Und jetzt mussten sie sogar eine ganze Heeresabteilung Reih und Glied verlassen sehen! Augenblicklich sollen die Verwegenen erfahren, dass bei den Römern selbst der Sieg keinen Ruhm bringt, wenn er im Ungehorsam gegen höheren Befehl errungen wurde!“ Diesen an die Offiziere gerichteten Worten nach hatte es den Anschein, als wollte er gegen alle beteiligten Soldaten die Strenge des Gesetzes walten lassen. Den Schuldigen selbst entschwand auch bereits der Mut, da sie den verdienten Tod vor Augen sahen. Die Legionen aber umringten den Feldherrn und baten ihn flehentlich um Gnade für ihre Kameraden, sowie dass er die unbesonnene That einiger wenigen um des Gehorsams der grossen Mehrheit willen vergeben möge; denn sicherlich würden diese den eben begangenen Fehler in Zukunft durch Tapferkeit wieder gut zu machen suchen.
5. Den Bitten willfahrte der Caesar um so lieber, als dies auch in seinem eigenen Interesse lag; denn die Bestrafung des Einzelnen, glaubte er, müsse nach dessen That, die einer ganzen Menge dagegen nach der Zweckmässigkeit beurteilt werden. Er verzieh also den Soldaten, nachdem er sie eindringlich ermahnt hatte, künftig vorsichtiger zu sein, und überlegte, wie er die Juden für ihre Hinterlist züchtigen könne. Als sodann nach vier Tagen der ganze Raum bis zur Mauer geebnet war, liess er, um das Gepäck und den übrigen Teil des Heeres sicher heranzubringen, den Kern seiner Truppen in siebenfacher Linie von Norden nach Westen zu längs der Mauer aufmarschieren. Ganz vorn stand das Fussvolk, hinter demselben die Reiterei, und zwar jede dieser Truppengattungen in dreifacher Linie; die siebente Reihe bildeten die inmitten beider Heeresteile aufgestellten Bogenschützen. Nachdem durch diese Anordnung den Juden weitere Ausfälle unmöglich gemacht waren, konnte das Lastvieh der drei Legionen und der Tross in Sicherheit vorbeiziehen. Titus selbst lagerte etwa zwei Stadien vor der Mauer, bei einer Ecke derselben gegenüber dem Psephinusturm, wo der Abschnitt der Ringmauer, der nach Norden sah, westwärts ausbog. Der übrige Teil seiner Streitmacht bezog ein Lager bei dem sogenannten Hippikusturm J ebenfalls zwei Stadien von der Stadt entfernt. Die zehnte Legion jedoch verblieb in ihrer Stellung auf dem ölberge.
1. Drei Mauern bildeten den Festungsgürtel der Stadt, soweit nicht unzugängliche Schluchten sie umgaben; denn an solchen Stellen hatte sie nur eine einfache Ringmauer. Sie selbst war auf zwei einander gegenüberliegenden Hügeln erbaut, zwischen denen ein Thaleinschnitt sich hinzog, in welchen die beiderseitigen Häuserreihen einmündeten. Von den Hügeln war der, welcher die obere Stadt trug, viel höher und mehr in die Länge gestreckt. Wegen seiner Festigkeit ward er von dem Könige David, dem Vater Solomons, des ersten Erbauers des Tempels, „Burg“ genannt; bei uns heisst er der obere Markt. Der andere Hügel dagegen, Akra mit Namen, auf welchem die untere Stadt stand, ist nach zwei Seiten gekrümmt Ihm gegenüber lag ein dritter Hügel, von Natur niedriger als Akra und früher von ersterem durch ein breites Thal getrennt. In späterer Zeit jedoch, als die Asamonäer regierten, füllten diese das Thal aus, um die Stadt mit dem Tempel zu verbinden; weiterhin trugen sie die Höhe von Akra ab und machten den Hügel dadurch so niedrig, dass der Tempel auch ihn überragte. Das Thal, welches, wie schon gesagt, den Hügel der oberen Stadt von dem der unteren trennt~und Tyropoion heisst, erstreckt sich bis zum Siloa hinab; mit diesem Namen bezeichnen wir eine dort rinnende, süsse und wasserreiche Quelle. Aussen waren die beiden Hügel der Stadt von tiefen Schluchten umgeben und wegen der steilen Abhänge auf beiden Seiten nirgends zugänglich.
2. Von den drei Mauern war die älteste schon wegen der Schluchten und des über ihnen sich erhebenden Hügels, auf dem sie gebaut war, schwer einzunehmen; ihre natürliche Festigkeit aber war noch bedeutend dadurch verstärkt worden, dass David und Solomon sowie auch die Könige nach ihnen in der Ausführung dieses Werkes sich gegenseitig zu über bieten gesucht hatten. Im Norden bei dem sogenannten Hippikusturm beginnend, lief sie zum Xystos, schloss sich dann an das Rathaus an und endigte an der westlichen Halle des Heiligtums. Auf der anderen westlichen Seite begann sie bei ebendemselben Turm, erstreckt sich an einem Platz mit Namen Bethso vorbei bis zum Essenerthor, wandte sich dann nach Süden der Siloaquelle zu, bog hierauf wieder ostwärts an den Fischteich Solomons, lief von da bis zu einem Platze Ophla und schloss sich endlich an die östliche Halle des Tempelbezirkes an. Die zweite Mauer begann bei dem Thor Gennath, das noch zur ersten Mauer gehörte, umzog die Nordseite von Akra und erstreckte sich bis zur Burg Antonia. Die dritte nahm ihren Anfang wiederum bei dem Hippikusturm, von wo sie zunächst in nördlicher Richtung bis zum Psephinusturm lief, dann gegenüber dem Grabmal der Helena, der Königin von Adiabene und Mutter des Königs Izates, nach den Königshöhlen sich wandte und bei dem Eckturm an dem sogenannten Walkersdenkmal umbog; hernach schloss sie sich an die alte Mauer an und endigte im Thal Kedron. Diese dritte Mauer hatte Agrippa um den neugebauten Stadtteil gezogen, welcher zuvor ganz schutzlos gewesen war. Infolge Anwachsens der Bevölkerung nämlich hatte sich Jerusalem allmählich über die Mauern hinaus vergrössert, und nachdem man bereits den nördlichen Abhang des Tempelberges in den Bereich der Stadt gezogen, musste man bald noch weiter gehen und auch den vierten Hügel überbauen, der Bezetha heiöst. Dieser lag der Antonia gegenüber und war von ihr durch einen tiefen Graben getrennt, den man absichtlich gezogen hatte, damit nicht die unteren Bauwerke der Burg infolge ihres Zusammenhanges mit dem Hügel zu leicht zugänglich und in ihrer Höhe allzusehr beeinträchtigt würden; denn die Tiefe des Grabens bewirkte natürlich eine bedeutende Vergrösserung der Türme. Der Name Bezetha, den der neu angebaute Stadtteil in der Landessprache erhielt, lässt sich im Griechischen mit Kainopolis wiedergeben. Weil nun auch die Bewohner von Bezetha eines Schutzes bedurften, begann der Vater des jetzt lebenden Königs, der gleichfalls Agrippa hiess, mit dem Bau der vorhin erwähnten Mauer; hernach aber fürchtete er, die Grossartigkeit des Werkes könnte ihn beim Caesar Claudius in den Verdacht bringen, als ob er Abfall und Empörung plane, und hörte deshalb auf zu bauen, nachdem er nur die Fundamente gelegt hatte. Hätte er aber die Mauer, wie sie begonnen wurde, vollendet, so würde die Stadt wohl uneinnehmbar geworden sein. Denn die Mauer war aus zwanzig Ellen langen uud zehn Ellen breiten Steinblöcken zusammengefügt, die man mit eisernen Werkzeugen so leicht nicht hätte untergraben noch mit Maschinen erschüttern können; sie selbst war zehn Ellen breit, und ihre Höhe würde die Breite zweifellos überstiegen haben, wenn der Eifer dessen, der das Werk begonnen, nicht auf Hindernisse gestossen wäre. Später gewann sie trotz eifriger Anstrengungen der Juden die Höhe von nur zwanzig Ellen, und da noch Brustwehren von zwei und Zinnen von drei Ellen hinzukamen, belief sich die Gesamthöhe auf fünfundzwanzig Ellen.
3. Überragt wurde die Mauer von zwanzig Ellen breiten und ebenso hohen Türmen, welche viereckig und wie die Mauer selbst massiv gebaut waren; die Art der Zusammenfügung und die Schönheit der Steine gab den zum Tempel verwendeten nichts nach. Über dem zwanzig Ellen hohen, massiven Grundstock der Türme befanden 49 i sich prächtige Gemächer, und über diesen noch Söllerräume mit Behältern zur Aufnahme des Regenwassere, zu denen eine beträchtliche Anzahl breiter Treppen hinaufführte. Solcher Türme hatte die dritte Mauer neunzig; der Zwischenraum zwischen je zwei Türmen belief sich auf zweihundert Ellen. Auf der mittleren Mauer waren vierzehn, auf der alten sechzig Türme verteilt. Der Umfang der ganzen Stadt betrug dreiunddreissig Stadien. War nun die dritte Mauer an sich schon bewundernswert, so erst recht der an ihrer nordwestlichen Ecke befindliche Psephinusturm, in dessen Nähe Titus lagerte. Zu einer Höhe von siebzig Eilen emporragend, gewährte er bei Sonnenaufgang die Fernsicht nach Arabien und den äussersten Teilen des Hebräerlandes bis zum Meere. Er war achteckig. Diesem Turm gegenüber waren vom König Herodes der Hippikus und nahe dabei noch zwei weitere Türme auf der alten Mauer errichtet worden, welche an Grösse, Schönheit und Festigkeit in der Welt ihresgleichen nicht hatten; denn mit diesen hervorragenden Werken wollte er nicht nur seinen angeborenen Sinn für grossartige Unternehmungen und seinen Eifer für die Stadt beweisen, sondern auch den Gefühlen seines Herzens eine Huldigung darbringen, indem er den drei liebsten Personen, deren Namen er den Türmen beilegte, seinem Bruder, seinem Freunde und seiner Gattin damit ein Denkmal setzte. Letztere hatte er, wie oben erwähnt, aus Eifersucht umbringen lassen; die beiden anderen waren ihm durch den Krieg, wo sie heldenmütig gekämpft hatten, entrissen worden. Der Hippikus, so genannt nach seinem Freunde, war viereckig, fünfundzwanzig Ellen breit und lang, dreissig Ellen hoch und durchweg massiv. Über diesem aus lauter Felsquadern zusammengefügten Grundstock befand sich zur Aufnahme des Regen wassers ein zwanzig Ellen tiefer Behälter und oberhalb des letzteren noch ein fünfundzwanzig Ellen hohes, in verschiedenartige Gemächer eingeteiltes Wohngebäude. Das Ganze war von zwei Ellen hohen Türmchen und drei Ellen hohen Brustwehren gekrönt, sodass die Gesamthöhe des Turmes an achtzig Ellen betrug. Der zweite Turm, den er seinem Bruder zu Ehren Phasael benannte, war vierzig Ellen lang und breit, und dter massive Unterbau gleichfalls vierzig Ellen hoch. Über dem letzteren lief ringsherum eine zehn Ellen hohe, durch Brustwehren und Vorsprünge geschützte Galerie, und inmitten derselben erhob sich ein weiterer Turm, der in Prunkgemächer abgeteilt und sogar mit einem Baderaum versehen war, sodass der Turm ganz das Ansehen eines Königsschlosses hatte. Seine Spitze war noch reicher als die des vorhin beschriebenen mit Zinnen und Türmchen verziert. Im ganzen betrug seine Höhe an neunzig Ellen. Seiner äusseren Gestalt nach glich er dem Leuch türm auf Pharos vor Alexandria, den er jedoch an Umfang ganz bedeutend übertraf. Damals musste er dem Tyrannen Simon als Zwingburg dienen. Der dritte Turm, Mariamne (so hatte die Königin geheissen), war bis zur Höhe.von zwanzig Ellen massiv; seine Länge und Breite betrug gleichfalls je zwanzig Ellen. Die oben befindlichen Wohnräume waren noch kostbarer und mannigfaltiger eingerichtet wie die der anderen Türme, da der König es für passend gehalten hatte, das nach einer Frau benannte Bauwerk mehr auszuschmücken als die, welche die Namen männlicher Personen trugen; dafür übertrafen die letzteren den Mariamne türm an Festigkeit. Die Gesamthöhe des dritten Turmes betrug fünfundfünfzig Ellen
4. Die schon an sich bedeutende Grösse dieser Türme wurde durch ihren Standort noch um vieles gehoben; denn die alte Mauer, auf der sie standen, war ja ihrerseits wieder auf einem hohen Hügel erbaut und ragte über ihn wie ein höherer Gipfel etwa dreissig Ellen empor, sodass die auf ihr befindlichen Türme noch weit grösser erscheinen mussten. Staunenswert war auch die Grösse ihrer Quadern. Denn nicht aus gewöhnlichen Steinen oder aus Felsstücken, die von einem Arbeiter getragen werden konnten, waren sie erbaut, sondern aus behauenen Blöcken weissen Marmors, von denen jeder zwanzig Ellen lang, zehn Ellen breit und fünf Ellen hoch war. Diese Blöcke hatte man so geschickt übereinander gefügt, dass es schien, als sei jeder der Türme wie eine einzige Felsmasse aus der Erde hervorgewachsen und dann erst von Künstlerhand geformt und gerichtet worden — so wenig waren die Fugen des Mauerwerkes zu sehen. An die drei Türme, welche nördlich standen, schloss sich nach innen zu der Palast des Königs an, dessen prunkvolle Ausstattung jeder Beschreibung spottete und alles bislang Dagewesene in den Schatten stellte. Er war von einer dreissig Ellen hohen Ringmauer umgeben, die in gleichen Zwischenräumen reichverzierte Türme trug, und hatte kolossale Speisesäle mit Ruhepolstern für hunderte von Gästen. Ohnegleichen war die Mannigfaltigkeit der seltenen, aus aller Herren Länder herbeigeschafften und hier verwendeten Steine, und die Saaldecken bildeten hinsichtlich der Länge der Balken und Pracht der Verzierungen wahre Wunderwerke. Gemächer hatte der Palast in Menge und in tausendfacher Abwechselung der Formen, alle vollständig eingerichtet, die meisten Zimmergeräte von Silber und Gold; ferner eine grosse Anzahl ineinander verschlungener kreisförmiger Galerien, jede mit verschiedener Anordnung der Säulen. Die unter freiem Himmel liegenden Teile des Palastes prangten überall im Grünen. Da gab es vielgestaltige Parkanlagen mit langen, si durchschneidenden Spazierwegen; nahe dabei tiefe Wasserbecken, und an vielen Stellen Teiche mit zahlreichen ehernen Kunstwerken, durch welche das Wasser ausströmte; an den künstlichen Seen eine Menge Türmchen für zahme Tauben. Doch es ist nicht möglich, diesen herrlichen Palast in allen seinen Einzelheiten gebührend zu schildern, diesen Palast, dessen Verwüstung noch jetzt peinliche ErinDerungen weckt. Denn nicht die Römer waren es, die dies alles niederbrannten, sondern die inneren Feinde verübten den Greuel, wie oben gesagt, gleich zu Beginn des Aufstandes. An der Antonia brach das Feuer aus, ergriff dann den Königspalast und verzehrte endlich auch noch den Oberbau der drei Türme.
1. Der Tempel war, wie schon bemerkt, auf dem Rücken eines stark befestigten Hügels erbaut Anfangs hatte der Gipfelraum des letzteren kaum für das eigentliche Tempelgebäude und den Altar gereicht, da der Hügel auf allen Seiten steil und abschüssig war. Nachdem aber König Solomon, der erste Erbauer des Tempels, den östlichen Teil mit einer Böschungsmauer umgeben hatte, wurde auf dem Erdaufwurf eine Säulenhalle, damals die einzige, errichtet; an den übrigen Seiten dagegen stand der Tempel noch frei. In den folgenden Jahrhunderten erbreiterte das Volk durch fortgesetzte Anschüttungen die ebene Fläche auf dem Hügel; dann durchbrach man auch die nördliche Mauer und nahm noch so viel Raum hinzu, als nachher die Einfriedigung des ganzen Tempelbezirkes umschloss. Nachdem nun der Hügel von seinem Fuss an mit einer dreifachen Terrasse unterbaut und so ein alle Erwartungen übersteigendes Werk zu Ende geführt war — während einer Reihe von Jahrhunderten hatt§ dazu der gesamte Tempelschatz, in welchen die aus der ganzen Welt Gott dargebrachten Opfergaben flössen, verwendet werden müssen —, umgab man sowohl den oberen als den unteren Kaum des Heiligtums mit einer Ringmauer, deren niedrigster Teil auf einem dreihundert Ellen hohen und stellenweise sogar noch höheren Unterbau ruhte. Doch war nicht die ganze Tiefe dieses Fundamentes sichtbar; denn grösstenteils hatte man die Vertiefungen ausgefüllt, um sie mit den Gassen der Stadt auf gleiche Höhe zu bringen. Die zu dem Unterbau verwendeten Felsstücke hatten eine Grösse von je vierzig Ellen. Die reichlich vorhandenen Geldmittel und der Wetteifer des Volkes förderten übrigens das Unternehmen in kaum glaublicher Weise, sodass es möglich wurde, durch Beharrlichkeit mit der Zeit ein Werk fertig zu stellen, dessen Vollendung man früher nie zu erhoffen gewagt hatte.
2. Würdig solcher Fundamente waren aber auch die auf ihnen errichteten Bauten. Sämtliche Hallen waren doppelt und ruhten auf fünfundzwanzig Ellen hohen Säulen, die aus dem weissesten Marmor bestanden und ein Getäfel von Cedernholz trugen. Die Kostbarkeit des Materials, seine schöne Bearbeitung und harmonische Zusammenfügung gewährten einen unvergesslichen Anblick, und doch hatte weder der Pinsel des Malers noch der Meissei des Bildhauers das Werk von aussen geschmückt. Die Breite der Hallen betrug dreissig Ellen, und der ganze Umfang derselben, die Antonia mit eingerechnet, sechs Stadien. Der gesamte nicht überdachte Raum war mit Mosaik von allerhand Steinen gepflastert. Ging man über diesen Hof, so kam man an ein den zweiten Tempelraum umschliessendes, drei Ellen hohes Steingitter von sehr gefälliger Arbeit. An ihm waren in gleichen Abständen Säulen angebracht, welche das Gesetz der Reinigkeit teils in griechischer, teils in römischer Sprache verkündeten, dass nämlich kein Fremder das Heiligtum betreten dürfe; denn so hiess dieser zweite Raum des Tempels, zu dem man auf vierzehn Stufen aus dem ersten hinanstieg. Die Fläche des Heiligtums bildete ein Viereck und war mit einer besonderen Mauer umgeben. Die äussere Höhe dieser Mauer, welche eigentlich vierzig Ellen betrug, wurde zum Teil durch die Treppe verdeckt. Innen dagegen erschien die Mauer nur fünfundzwanzig Ellen hoch; denn da sie an einen höheren, mit Treppen versehenen Raum angebaut und in ihrem unteren Abschnitt durch den Hügel verdeckt war, konnte man sie hier nicht in ihrer ganzen Höhe sehen. Zwischen der obersten, vierzehnten Treppenstufe und der Mauer befand sich übrigens noch ein ganz ebener Raum von zehn Ellen. Von hier aus führten sodann weitere fünfstufige Treppen zu den Thoren, deren zusammen acht gegen Süden und Norden, nämlich vier nach jeder dieser beiden Richtungen, und zwei gegen Osten sahen. Letzteres hatte seinen guten Grund; denn da man nach dieser Himmelsgegend für die Frauen einen eigenen Platz, wo sie ihre Andacht verrichten konnten, umfriedigt hatte, so war auch ein zweites Thor erforderlich, welches dem ersten gegenüber die Mauer durchbrach. Auch von den anderen Himmelsgegenden, nämlich von Süden und von Norden, führte je ein Thor in den Vorhof der Frauen. Durch die anderen Thore einzutreten, war den Frauen nicht gestattet; ja sie durften, auch wenn sie durch das ihrige hineingelangt waren, die Umfriedigung nicht überschreiten. Dieser Platz stand übrigens einheimischen wie fremden jüdischen Frauen ohne Unterschied zur Verrichtung ihrer Andacht offen. Die Westseite hatte kein Thor, sondern es lief hier die Mauer ununterbrochen fort. Die Hallen, welche zwischen den Thoren an der inneren Seite der Mauer angebracht waren und zu den Schatzkammern führten, ruhten auf überaus schönen und grossen Säulen. Sie bildeten nur eine einfache Reihe, standen aber, abgesehen von der Grösse, denen des unteren Hofes in keiner Beziehung nach.
3. Neun der Thore waren einschliesslich ihrer Pfosten und Oberschwellen über und über mit Gold und U MJVBR S IT Y F CA L IrFO R N I A Silber bekleidet; eines, das Aussenthor des eigentlichen Tempels, war sogar von korinthischem Erz und übertraf die versilberten und vergoldeten ganz bedeutend an Wert. Jedes Thor hatte zwei je dreissig Ellen hohe und fünfzehn Ellen breite Flügel. Gleich hinter dem Eingang erweiterte sich der Raum nach beiden Seiten hin mittels turmartiger Nischen von dreissig Ellen Breite und über vierzig Ellen Höhe, deren jede auf zwei im Umfang zwölf Ellen messenden Säulen ruhte. Alle Thore hatten gleiche Grösse; nur dasjenige, welches oberhalb des korinthischen Thores aus dem Vorhof der Frauen von Osten her ins Heiligtum sich öffnete und dem Thor des Tempelgebäudes gegenüberlag, war bedeutend grösser. Es hatte nämlich eine Höhe von fünfzig Ellen und Thüren von vierzig Eilen Breite, auch viel reicheren Schmuck und ganz massive Gold- und Silberbekleidung. Diese Metallbeschläge hatte an den neun Thoren Alexander, der Vater des Tiberius, anbringen lassen. Fünfzehn Stufen führten von der Mauer, welche den Vorhof der Frauen begrenzte, zu dem grösseren Thore, fünf Stufen weniger als zu den anderen Thoren.
4. Zum Tempelhause selbst, welches inmitten des geweihten Heiligtums stand, stieg man auf zwölf Stufen hinan. Die Front des Gebäudes war gleich hoch und breit, nämlich hundert Ellen, das Hintergebäude aber um vierzig Ellen schmäler, da der Vorderbau rechts und links flügelförmig zwanzig Ellen weit über dasselbe hinausragte. Das vordere Thor des Heiligtums, siebzig Ellen hoch und fünfundzwanzig breit, hatte keine Thüren; denn es sollte ein Sinnbild des unabsehbaren, offenen Himmels sein. Seine Vorderseite war überall vergoldet, und wenn man hindurchsah, hatte man den vollen Anblick des eigentlichen Tempelhauses, welches zugleich das höchste Bauwerk des Tempels war. Auch um die nach einwärts schauende Öffnung des Thores strahlte alles von Gold. Der innere Tempelraum zerfiel also in zwei Abteilungen; offen aber war nur die vordere, die in ununterbrochener Höhe neunzig, in der Länge fünfzig und in der Breite etwa zwanzig Ellen mass. Das Thor, welches in diese Abteilung führte, war, wie gesagt, durchweg vergoldet, samt der ganzen dasselbe umgebenden Wand; über ihm befanden sich goldene Rebzweige, von welchen mannsgrosse Trauben herabhingen. Die andere der beiden Abteilungen des Tempelgebäudes war niedriger als die vordere, und es führten in sie fünfundfünfzig Ellen hohe und sechzehn Ellen breite goldene Thüren. Vor den letzteren wallte ein gleich langer babylonischer Vorhang herab, bunt gestickt aus Hyacinth, Byssus, Scharlach und Purpur, wunderschön gewoben mit sehenswerter Mischung der Stoffe. Er sollte ein Bild des Weltalls sein; der Scharlach nämlich sollte das Feuer, der Byssus die Erde, der Hyacinth die Luft, der Purpur das Meer andeuten, zwei der Stoffe durch ihre Farbe, Byssus und Purpur durch ihren Ursprung, indem jenen die Erde, diesen das Meer erzeugt. Die Stickerei zeigte den Anblick des ganzen Himmels mit Ausnahme der Bilder des Tierkreises.
5. Durch diesen Eingang also gelangte man in den niedrigeren Teil des Tempel gebäudes. Dieser war sechzig Ellen hoch, ebenso lang und zwanzig Ellen breit. Seiner Länge nach zerfiel er wieder in zwei Räume. Die vordere Abteilung, deren Länge auf vierzig Ellen bemessen war, enthielt drei bewunderungswürdige, weltberühmte Kunstwerke: den Leuchter, den Tisch und das Rauchfass. Die sieben Lampen, welche sich von dem Leuchter abzweigten, bedeuteten die sieben Planeten, die zwölf Brote auf dem Tisch den Tierkreis und das Jahr; das Rauchfass aber, welches mit dreizehn verschiedenen Sorten Räucherwerk aus dem Meere, der unbewohnten Wüste und der bewohnten Erde gefüllt wurde, zeigte an, dass alles von Gott komme und für Gott da sei. Die innerste Abteilung des Tempels endlich hatte zwanzig Ellen im Geviert und war von dem vorderen Raume wiederum durch einen Vorhang getrennt. In ihr befand sich einfach gar nichts; von niemand durfte sie betreten, verletzt oder gesehen werden; sie hiess das Allerheiligste. Rechts und links stiessen an die niedrigere Tempelabteilung viele durcheinander gehende dreistöckige Wohnungen, welche beiderseits vom Thore aus zugänglich waren. Der obere Teil des Tempelhauses hatte keine derartigen Anbauten mehr und war daher schmäler. Seine Höhe betrug gegen vierzig Ellen; auch war er einfacher gearbeitet als der untere. Rechnet man diese vierzig Ellen zu den sechzig vom Boden aus, so ergiebt sich eine Gesamthöhe von hundert Ellen.
6. Der äussere Anblick des Tempels bot alles dar, was Auge und Herz entzücken konnte. Auf allen Seiten mit schweren goldenen Platten bekleidet, schimmerte er bei Sonnenaufgang im hellsten Feuerglanz und blendete das Auge gleich den Strahlen des Tagesgestirns. Fremden, die nach Jerusalem pilgerten, erschien er von fern wie ein schneebedeckter Hügel; denn wo er nicht vergoldet war, leuchtete er in blendender Weisse. Seine Spitze starrte von scharfen goldenen Spiessen, damit er nicht von Vögeln, die sich auf ihn niederliessen, verunreinigt würde. Von den zu seinem Bau verwendeten Quadern waren manche fünfund vierzig Ellen lang, fünf Ellen hoch und sechs Ellen breit. Vor ihm stand der fünfzehn Ellen hohe, fünfzig Ellen lange und breite Altar, viereckig von Gestalt und an seinen Ecken mit hornartigen Vorsprüngen versehen; von Süden her führte ein sanft ansteigender Weg zu ihm hinauf. Er war ohne Anwendung eines eisernen Werkzeuges gebaut; überhaupt hatte Eisen ihn nie berührt. Rings um Tempel und Altar lief ein zierlich gearbeitetes, etwa eine Elle hohes Gitter von schönem Gestein, welches das gewöhnliche Volk von den Priestern schied. Samenflüssigen und Aussätzigen war die ganze Stadt verboten, Weibern während ihrer monatlichen Reinigung der Tempel; letztere durften übrigens, auch wenn sie rein waren, die oben bezeichnete Grenze nicht überschreiten. Männer, die nicht völlig rein waren, mussten dem inneren Hofe fembleiben, desgleichen Priester, bei denen dies der Fall war.
7. Geborene Priester, die wegen eines körperlichen Gebrechens den heiligen Dienst nicht versehen durften, befanden sich dennoch innerhalb des Gitters bei den körperlich Untadeligen und erhielten auch die ihnen kraft ihrer Abstammung zustehenden Opferteile, trugen aber gewöhnliche Kleidung; denn nur der Dienstthuende durfte das heilige Gewand anlegen. Zur Opferstätte und zum Tempel traten nur makellose Priester, in Byssus gekleidet und, was die Hauptsache war, ohne Wein genossen zu haben — aus Ehrfurcht vor dem Dienst, damit sie bei ihren Verrichtungen keinen Fehler begingen. Der Hohepriester ging mit ihnen hinauf, aber nicht immer, sondern nur an den Sabbaten, den Neumonden und wenn ein herkömmliches Fest oder eine Zusammenkunft des ganzen Volkes das Jahr über gefeiert wurde. Wenn er Dienst that, trug er zuunterst einen Gürtel, der die Lenden bis zur Scham bedeckte, ferner einen Leibrock aus Leinen und darüber ein bis an die Knöchel reichendes, hyacinthblaues, den ganzen Körper umwallendes Oberkleid, das mit Fransen besetzt war. An den Fransen hingen goldene Glöckchen und Granatäpfel abwechselnd, jene eine Sinnbild des Donners, diese des Blitzes. Die Binde, welche das Oberkleid an die Brust befestigte, war aus fünf Streifen bunt gewirkt, nämlich aus Gold, Purpur, Scharlach, Byssus und Hyacinth, also denselben Stoffen, aus denen, wie oben gesagt, auch die Vorhänge des Tempels gewoben waren. Über diesem Gewand trug er noch ein in denselben Farben gesticktes ßchulterkleid, bei welchem jedoch der Goldstoff vorherrschend war. Der Schnitt dieses Kleidungsstückes glich einem Panzerhemd. Zusammengehalten wurde es von zwei goldenen Spangen, in welche die schönsten und grössten Sardonyxe mit den eingravierten Namen der Stämme des Volkes gefasst waren. An der vorderen Seite hingen zwölf Steine herab, je drei in vier Reihen geordnet, nämlich ein Karneol, Topas, Smaragd, ein Rubin, Jaspis, Sapphir, ein Achat, Amethyst, Bernstein* ein Onyx, Beryll, Chrysolith. Auf jedem dieser Steine stand wieder ein Stammesname. Den Kopf deckte eine Tiara aus Byssus mit Hyacinth durchwoben. Um dieselbe schlang sich ein goldener Reif, der mit den heiligen Buchstaben beschrieben war; unter letzteren versteht man vier bestimmte Laute. Dieses Gewand trug er übrigens nicht für gewöhnlich — da legte er ein geringeres an —, sondern nur wenn er in das Allerheiligste ging. Das geschah aber bloss einmal im Jahr, nämlich an dem Tage, da altem Brauche gemäss sämtliche Juden Gott zu Ehren fasten. Über die Stadt, den Tempel und die darauf bezüglichen Gesetze und Gebräuche werde ich indes an anderem Orte mich ausführlicher verbreiten; denn gar vieles bleibt noch davon zu sagen übrig.
8. Was nun die Antonia betrifft, so lag dieselbe in dem Winkel, den zwei der Hallen des äusseren Tempelraumes, die westliche und die nördliche, miteinander bildeten. Gebaut war sie über einem fünfzig Ellen hohen, auf allen Seiten abschüssigen Felsen. Sie war ein Werk des Königs Herodes, durch das er seine Prachtliebe in hohem Grade bekundete. Zunächst nämlich war der Fels von seinem Fusse an mit geglätteten Steinplatten belegt, einmal des schönen Aussehens wegen, und dann auch damit jeder, der hinaufzuklettern oder hinabzusteigen versuchen sollte, davon abglitte. Vor dem eigentlichen Burggebäude erhob sich sodann eine drei Ellen hohe Mauer, 'innerhalb deren die Antonia selbst noch um vierzig Ellen anstieg. Das Innere hatte die Räumlichkeiten und die Einrichtung eines Palastes; denn es war in Gemächer jeder Art und Bestimmung geteilt, in Hallen, Bäder und geräumige Kasernenhöfe, sodass die Burg, was Ausstattung mit allen Bequemlichkeiten anging, den Eindruck einer Stadt, in Bezug auf Pracht den eines Königspalastes machte. Das Ganze sah wie ein Turm aus, war aber an den Ecken wieder mit vier Türmen besetzt, von denen zwei je fünfzig, die beiden anderen, nämlich der südliche und östliche, je siebzig Ellen hoch waren, sodass man von ihnen auä den ganzen Tempelraum überschauen konnte. Wo die Burg an die Tempelhallen grenzte, führte je eine Treppe in diese |hinunter, auf welchen die Wachmannschaften der stets in der Antonia liegenden römischen Legion herabstiegen, um, in den Hallen verteilt, an Festtagen das Volk zu überwachen, damit es keine aufrührerischen Bewegungen anstelle. Wie der Tempel eine Zwingburg für die Stadt so war dies für den Tempel die Antonia. In letzterer lag auch die Besatzung für alle drei; ausserdem hatte die obere (Stadt noch eine eigene Festung, den Palast des Herodes. Der, wie bereits bemerkt, von der Antonia getrennte Hügel Bezetha war der höchste von den Hügeln und mit einem Teil der Neustadt verbunden. Er allein nahm auch, wenn man von Norden kam, die Aussicht auf den Tempel weg. Da ich übrigens von der Stadt und den Mauern unten noch eingehender zu reden gedenke, so möge es für jetzt bei dem Gesagten sein Bewenden haben.
1. Von den streitbaren Empörern in der Stadt bildeten, die Idumäer ungerechnet, zehntausend den Anhang Simons, und diese zehntausend standen unter fünfzig Anführern, über welche Simon selbst als Oberbefehlshaber gebot Die Idumäer, welche zu ihm hielten, zählten fünftausend Mann unter zehn Führern, von denen Jakobus, der Sohn des Sosas, und Simon, der Sohn des Kathlas, unstreitig die hervorragendsten waren. Joannes anderseits, der den Tempel besetzt hielt, hatte sechstausend Schwerbewaffnete unter zwanzig Anführern. An ihn hatten sich bekanntlich nach Beilegung des früheren Streites auch die Zeloten an geschlossen, welche, zweitausendvierhundert Mann stark, unter ihren ehemaligen Befehlshabern Eleazar und Simon, dem Sohne des Ari, standen. Die zwei Hauptparteien befehdeten sich übrigens noch immer, und das Volk musste dabei, wie oben bemerkt, den Kampfpreis hergeben, indem diejenigen Bürger, die das frevelhafte Treiben nicht mitmachen wollten, von beiden ausgeplündert wurden. Simon hatte die obere Stadt und;die grosse Mauer bis zum Kedron sowie von der alten Mauer den Teil inne, der sich bei der Siloaquelle nach Osten wendet und bis zum Palast des Monobazus läuft. Dieser Monobazus, nebenbei gesagt, war König der jenseits des Euphrat wohnenden Adiabener. Ferner gehörten zu Simons Machtbereich die erwähnte Quelle selbst, dann Akra (das ist die untere Stadt) und der Bezirk bis zum Palast der Helena, der Mutter des Monobazus. Joannes dagegen gebot über den Tempel und einen beträchtlichen Teil der Umgebung desselben, sowie über Ophla und das Kedronthal. Durch Einäscherung der zwischen ihren beiderseitigen Gebieten belegenen Stadtteile hatten die Parteihäupter sich für ihre Kämpfe wider einander Raum verschafft. Denn selbst als die Römer bereits vor den Mauern Jerusalems lagerten, liessen sie die Waffen nicht ruhen, und kaum dass sie nach dem ersten Ausfall etwas klüger geworden waren, so fielen sie auch schon wieder in die vorige Krankheit zurück, entzweiten sich miteinander, bekämpften sich gegenseitig und thaten alles, was die Belagerer nur wünschen mochten. Fürwahr, kein schlimmeres Leid hatten sie von den Römern zu erdulden, als sie selbst einander zufügten, und keine neue Drangsal hätte die Stadt nach diesen Vorgängen mehr treffen können; denn schon vor ihrem Fall war sie von grösserem Unheil heimgesucht worden, sodass die Eroberer ihren Zustand nur verbesserten. Mit anderen Worten: wie der Bürgerkrieg der Stadt, so machten die Römer dem Bürgerkrieg ein Ende, der noch viel stärker als die Mauern sich erwies. Alle Trübsal kann man demnach mit gutem Grund den Einheimischen, alles Gerechte den Römern zuschreiben. Doch es bilde sich jeder sein Urteil an der Hand der Thatsachen.
2. Während in Jerusalem die Dinge so standen, umritt Titus mit einer auserlesenen Reiterschar die Stadt und suchte eine Stelle zu erspähen, wo sich ein Angriff auf die Mauern ausführen Hesse. Überall aber fand er Schwierigkeiten; denn von den Schluchten aus war ohnebin eine Annäherung nicht möglich, und an den anderen Seiten kam ihm die äussere Mauer für die Maschinen zu mächtig vor. Endlich beschloss er, einen Angriff bei dem Grabmal des Hohepriesters Joannes zu versuchen. An dieser Stelle nämlich war der äussere Festungsgürtel niedriger und der zweite nicht zusammenhängend, da man die Umwallungsarbeiten an dem weniger dicht bevölkerten Teile der Neustadt vernachlässigt hatte. Von hier aus war es deswegen auch leicht, die dritte Mauer zu erreichen, nach deren Erstürmung er die obere Stadt und dann durch die Antonia den Tempel zu nehmen gedachte. Während dieses Rittes um die Stadt geschah es nun, dass einer seiner Freunde, Nikanor mit Namen, als er in Begleitung des Josephus sich der Mauer näherte, um den auf derselben stehenden Juden, denen er wohlbekannt war, Friedensvorschläge zu machen, an der linken Schulter durch einen Pfeilschuss verwundet wurde. Hieraus ersah der Caesar den trotzigen Sinn der Belagerten; liessen sie doch nicht einmal diejenigen unbehelligt, die zu ihrem eigenen Besten mit ihnen in Verbindung treten wollten. Er betrieb daher die Belagerung von jetzt ab nur noch eifriger, erlaubte den Legionen, die Umgebung der Stadt zu verwüsten, und gab Befehl, Material zur Errichtung von Wällen zu sammeln. Alsdann beorderte er das Heer in drei Abteilungen zur Arbeit und stellte in den Zwischenräumen der Wälle die Schleuderer und Bogenschützen, in der Front aber die Skorpionen, Katapulten und Ballisten auf, um dadurch etwaigen Ausfällen der Feinde gegen die Werke wie auch den Angriffen von der Mauer her wirksam begegnen zu können. Während nun die nähere Umgebung der Stadt durch schleuniges Fällen der Bäume abgeholzt und die Stämme zu den Wällen zusammengetragen wurden, mit deren Errichtung sich das ganze Heer eifrigst beschäftigte, blieben auch die Juden keineswegs unthätig. Das Volk, das unter lauter Raub Der Skorpion war eine etwas kleinere Abart der Katapulte. und Mord lebte, fasste eben jetzt wieder Mut; denn es hoffte, wenn seine Bedränger vom Kampfe mit den äusseren Feinden ganz in Anspruch genommen wären, freier aufatmen und für den Fall, dass die Römer siegen sollten, an den Schuldigen sich rächen zu können.
3. Joannes aber blieb aus Furcht vor Simon in seiner Stellung, so sehr auch seine Leute den Feinden vor der Stadt entgegenzurücken verlangten. [Simon dagegen ruhte schon aus dem Grunde nicht, weil er sich näher an den Belagerungsarbeiten befand, sondern stellte die dem Cestius abgenomraenen und die von der Besatzung der Antonia erbeuteten Wurfmaschinen an verschiedenen Punkten der Mauer auf. Ihr Besitz war jedoch den Juden von keinem besonderen Nutzen, weil sie nicht damit umzugehen verstanden, und nur einige wenige, welche die Bedienung von Überläufern erlernt hatten, versuchten ihre Kunst an den Maschinen, freilich ungeschickt genug. Dagegen beunruhigten sie die Schanzarbeiter durch Steinwürfe und Pfeilschüsse, machten in wohlgeordneten Haufen Ausfälle und lieferten den Römern manches Scharmützel. Die Arbeiter indes fanden gegen die Geschosse an dem über Pfähle ausgespannten Flechtwerk, gegen die Ausfälle jan ihren eigenen Kriegsmaschinen hinreichenden Schutz. Alle Legionen nämlich waren in dieser jBeziehung aufs beste ausgerüstet; besonders die zehnte besass ungewöhnlich starke Skorpionen und grosse Bailisten, mit denen sie ebensowohl den Ausfällen die Spitze bieten, als auch die auf [der Mauer stehenden Juden [verscheuchen konnte. Schleuderten doch die Maschinen talentschwere Felsstücke, welche zwei Stadien weit und selbst noch weiter flogen, sodass nicht nur die Feinde in den vordersten Reihen, sondern auch ihre Hintermänner davor zurückwichen. Anfangs zwar wussten die Juden sich vor den Steingeschossen zu sichern; denn abgesehen davon, dass dieselben sich durch ihr Schwirren vorher ankündigten, konnten sie auch infolge ihrer Helligkeit — sie waren weiss — schon von fern gesehen werden. Jedesmal nun, wenn die Maschine geladen wurde und der Stein fortflog, zeigten die auf den Türmen postierten Wächter dies an, indem sie in der Landessprache riefen: „Das Geschoss kommt!“ Sogleich wichen dann die, gegen welche es seine Richtung nahm, auseinander und warfen sich hin. Gebrauchte man diese Vorsicht, so fiel das Felsstück meist unwirksam zur Erde. Bald aber kamen die Römer auf den Gedanken, die Steine zu schwärzen, und da sie nun nicht mehr im voraus erkennbar waren, traf jeder einzelne Schuss und streckte eine Anzahl Juden zugleich nieder. Trotz des Schadens indes, den die Belagerten erlitten, liessen sie die Römer beim Bau der Wälle nicht in Ruhe, sondern suchten sie Tag und Nacht durch allerlei listige und kühne Unternehmungen daran zu hindern.
4. Als die Werke vollendet waren, massen die Baumeister den Abstand bis zur Mauer, indem sie ein an einer Schnur befestigtes Blei von den Wällen dorthin warfen; bei anderem Verfahren nämlich wären sie von oben beschossen worden. Hierbei ergab sich, dass die Mauer von den Sturmböcken erreicht werden konnte, und so schaffte man denn die letzteren heran. Zugleich liess Titus, um zu verhindern, dass die Widder von den Juden unwirksam gemacht würden, die Wurfmaschinen in grösserer Nähe der Mauer aufstellen und gab dann Befehl, mit den Stössen zu beginnen. Als nun auf einmal von drei Stellen her ein furchtbares Krachen in der Stadt erdröhnte, schrien die Bewohner vor Schrecken auf, und auch der Empörer bemächtigte sich eine gewaltige Angst. Jetzt endlich, da sie sich von gemeinsamer Gefahr bedroht sahen, dachten die beiden Parteien daran, sich auch gemeinsam zu verteidigen, und laut riefen sich die Entzweiten zu, sie arbeiteten ja eigentlich nur den Feinden in die Hände, während sie, selbst wenn Gott ihnen keine dauernde Eintracht verleihen würde, doch wenigstens für den Augenblick Frieden schliessen Josephu*, Geschichte des Jüdischen Krieges. und gegen die Römer Zusammenhalten müssten. In der That liess nun Simon denen im Tempel durch einen Herold Sicherheit verbürgen, wenn sie sich zur Mauer begeben wollten, und Joannes ging, wiewohl misstrauisch, darauf ein. Hass und Zwietracht schien vergessen; wie ein Mann standen sie zusammen, besetzten die Mauer, schleuderten von hier aus eine Menge Feuerbrände gegen die Maschinen und beschossen die Bedienungsmannschaften der Sturmböcke ohne Unterlass mit Pfeilen. Die Keckeren stürzten truppweise hervor, zerrissen die Schutzdächer der Schanzarbeiter und fielen über die letzeren her, wobei sie, freilich weniger ihrer taktischen Überlegenheit als ihrer Tollkühnheit zufolge, meist siegreich blieben. Der Caesar aber ward nicht müde, den Arbeitern beizustehen, indem er mit Hilfe der zu beiden Seiten der Werke aufgestellten Reiter und Bogenschützen die Brandwerfer abwehrte, die von den Türmen herab schiessenden Juden vertrieb und den Sturmböcken freien Spielraum verschaffte. Die Mauer gab indes den Stössen nicht nach, nur dass der Widder der fünfzehnten Legion die Ecke eines Turmes ein wenig verrückte; die Mauer selbst aber blieb unversehrt, da sie durch den weit vorragenden Turm, der nicht leicht etwas von der Umwallung mit sich reissen konnte, nicht besonders gefährdet war*
5. Für kurze Zeit enthielten sich nun die Juden weiterer Ausfälle. Als sie aber eines Tages bemerkten,, wie die Römer — die der Meinung waren, Furcht und Ermattung habe ihre Gegner veranlasst, sich ruhig zu halten — bei den Arbeiten und auf den einzelnen Lagerplätzen sich zerstreut hatten, brachen sie durch ein verdecktes Thor in der Nähe des Hippikusturmes in grosser Menge hervor, steckten die Werke in Brand und schickten sich an, die Lagerverschanzungen des Feindes zu berennen* Auf ihr Geschrei schlossen sich die näher befindlichen Römer alsbald zusammen, und auch die entfernteren eilten herbei. Aber die Tollkühnheit der Juden war schneller als die Taktik der Römer, und nachdem sie die ersten, die ihnen begegneten, in die Flucht geschlagen hatten, warfen sie sich auf die anderen, die sich eben sammelten. Bei den Maschinen entspann sich nun ein furchtbarer Kampf: die Juden thaten alles, sie anzuzünden, die Römer hingegen suchten dies mit äusserster Anstrengung zu verhindern. Hüben wie drüben ertönte verworrenes Geschrei, und eine Menge derer, die in den vordersten Reihen stritten, fiel unter dem Schwert ihrer Gegner. Endlich aber gewannen die Juden infolge ihrer Tollkühnheit die Oberhand: das Feuer ergriff die Werke, und alle Römer würden wohl mitsamt den Maschinen verbrannt sein, hätten nicht die meisten der alexandrinischen Kerntruppen mit einer ihnen selbst nachher unbegreiflichen Kraftanstrengung, durch welche sie in diesem Kampfe die berühmtesten ihrer Kameraden übertrafen, so lange stand geh alten, bis der Caesar sich an der Spitze seiner tapfersten Reiter den Feinden entgegen geworfen hatte. Zwölf der vordersten macht er eigenhändig nieder; ihr Schicksal bringt die übrige Menge zum Weichen; er verfolgt sie, treibt alle in die Stadt zurück und bewahrt so die Werke vor der völligen Einäscherung. In diesem Gefecht ward auch ein Jude lebendig gefangen genommen, den Titus vor der Mauer ans Kreuz schlagen liess, um durch den abschreckenden Anblick die übrigen zum Nachgeben zu bewegen. Ferner wurde nach dem Rückzug der Idumäeranführer Joannes, während er von der Mauer herab mit einem befreundeten Soldaten sprach, von einem arabischen Bogenschützen in die Brust geschossen und starb auf der Stelle — zum grossen Leidwesen der Juden nicht minder wie der Empörer: denn sr war ein durch persönliche Tapferkeit und Einsicht ausgezeichneter Mann gewesen.
1. In der folgenden Nacht befiel die Körner ein plötzlicher Schrecken. Einer der fünfzig Ellen hohen Türme nämlich, welche Titus auf den Wällen hatte errichten lassen, um die letzteren gegen Angriffe von der Mauer her zu schützen, stürzte um Mitternacht von selbst wieder ein. Das hierbei entstehende fürchterliche Getöse versetzte das ganze Heer in Bestürzung: alles eilte in dem Glauben, es sei ein feindlicher Angriff erfolgt, zu den Waffen. Masslose Verwirrung herrschte bei den einzelnen Legionen, und da niemand die Sache aufklären konnte, meinten sie in ihrer Ratlosigkeit bald dies, bald jenes. Schliesslich, als kein Feind sich blicken liess, graute es ihnen sogar vor sich selber, sodass jeder seinen Nebenmann ängstlich nach der Losung fragte, wie wenn sich Juden ins Lager eingeschlichen hätten. Panischer Schrecken schien sie alle ergriffen zu haben, bis endlich Titus das Geschehene erfuhr und den Sachverhalt bekannt machen liess; gleichwohl waren sie nur schwer zu beruhigen.
2. Die Juden ihrerseits hielten allen sonstigen Angriffen gegenüber wacker stand; grossen Schaden aber verursachten ihnen die Türme, von deren Höhe aus sie mit leichteren Maschinen beschossen und mit einem Hagel von Speeren, Pfeilen und Steinen überschüttet wurden. Sie selbst dagegen vermochten die Türme weder zu erreichen, weil dieselben sehr hoch waren, noch sie zu nehmen, da sie einerseits ihrer Wucht halber nicht leicht umgestürzt, anderseits wegen ihres Beschlages von Eisen nicht in Brand gesteckt werden konnten. Gingen aber die Juden ausser Schussweite zurück, so waren sie den Angriffen der Widder gegenüber völlig machtlos, die durch ihr unaufhörliches Stossen allmählich doch etwas ausrichteten. Schon fing die Mauer an, dem Nikon — so nannten die Juden selbst den grössten Sturmbock wegen seiner unwiderstehlichen Kraft — nachzugeben; die Belagerten aber waren von den vielen Gefechten und den Nachtwachen, die sie fern von der eigentlichen Stadt hatten bestehen müssen, längst ermattet, hatten auch, sei es aus Leichtsinn, sei es aus gänzlichem Mangel an Überlegung, die Bewachung der Mauer angesichts der beiden anderen, die ihnen ausserdem noch zu Gebote standen, für überflüssig gehalten und sich grösstenteils entmutigt zurückgezogen. So kletterten denn die Römer, während sämtliche Wachtposten sich hinter die zweite Mauer flüchteten, an der vom Nikon beschädigten Stelle in die Höhe, und sobald die ersten hinüber waren, öffneten sie die Thore und liessen das ganze Heer einziehen. Am fünfzehnten Tage der Belagerung — es war der siebente des Monats Artemisios — gelangten die Römer in den Besitz der ersten Mauer; eine grosse Strecke derselben rissen sie nieder, ebenso den nördlichen Teil der Stadt, wie dies früher auch Cestius gethan hatte.
3. Titus verlegte nun sein Lager hinter die erste Mauer an das sogenannte „Lager der Assyrier“, nachdem er zuvor das ganze Terrain bis zum Kedron besetzt hatte, und da er jetzt nur noch um Schussweite von der zweiten Mauer entfernt war, schritt er alsbald zum Angriff. Die Juden, die sich auf der Mauer verteilt hatten, leisteten hartnäckigen Widerstand, und zwar die Leute des Joannes von der Antonia, der nördlichen Tempelhalle und dem Grabmal des Königs Alexander aus; Simons Truppen dagegen besetzten den Eingang bei dem Grabmal des Joannes und verteidigten die Strecke bis zu dem Thor, an welchem die Wasserleitung zum Hippikusturm hinlief. Zu wiederholten Malen stürzten sie nun aus den Thoren hervor und gerieten mit den Feinden aneinander, wurden aber immer wieder hinter die Mauern zurückgedräDgt; denn da sie in der römischen Kriegskunst nicht bewandert waren, zogen sie beim Handgemenge stets den kürzeren, während sie im Mauergefecht die Oberhand behielten. Führte bei den Römern Kraft und Erfahrung das Schwert, so that dies auf seiten der Juden jene Tollkühnheit, die der Angst entspringt, sowie die diesem Volke eigene Ausdauer im Unglück; dazu kam bei den Juden noch die Hoffnung auf Rettung, wie bei den Römern die auf raschen Sieg. Weder hier noch dort machte sich Ermattung geltend, sondern ohne Unterlass erfolgten Angriffe, Mauergefechte, Ausfälle kleinerer Scharen den ganzen Tag über, und keine Art von Kampf blieb unversucht. Kaum war die Sonne aufgegangen, so begannen die Feindseligkeiten, und erst die Dunkelheit machte denselben ein Ende. Schlaflos aber war die Nacht für beide Teile und unheimlicher als der Tag: für die Juden, weil sie jeden Augenblick die Erstürmung der Mauer, für die Römer, weil sie beständig einen Angriff auf ihr Lager befürchten mussten. Beiderseits brachte man deshalb die Nacht unter den Waffen zu, und gleich beim Morgengrauen stand man wieder kampfgerüstet da. Bei den Juden stritt man sich, wer, um den Führern zu gefallen, zuerst der Gefahr entgegengehen dürfe; am.meisten geachtet und gefürchtet war übrigens Simon, an dem seine Untergebenen so sehr hingen, dass auf seinen Befehl jeder mit der grössten Bereitwilligkeit Hand an sich selbst gelegt haben würde. Was anderseits die Römer zur Tapferkeit anspornte, war ausser der Gewohnheit, stets zu siegen und nie besiegt zu werden, der unausgesetzte Heeresdienst, die beständige Übung in den Waffen und die Grösse des Reiches, vor allem aber die Person des Titus, der überall zugegen und allen zur Seite war. Unter den Augen des Feldherrn, der stets mitkämpfte, schlaff zu werden, zog den Ruf der Schande nach sich; wer aber wacker stritt, dem war er, der Zeuge, auch zugleich als Belohner nahe, und dem Caesar auch nur als tapfer bekannt zu werden, bedeutete schon Gewinn. Das war der Grund, weshalb viele Soldaten gar oft einen ihre Kräfte übersteigenden Kampfesmut bewiesen. Als zum Beispiel in jenen Tagen eine starke Abteilung Juden sich vor der Mauer in Schlachtordnung aufgestellt hatte und die beiden Heere erst noch aus der Ferne' einander beschossen, sprengte ein Reiter Namens Longinus aus den Reihen der Römer hervor mitten in den feindlichen Heerhaufen, trieb ihn durch sein stürmisches Anrennen auseinander und tötete die zwei tapfersten Juden, indem er dem «inen, der sich ihm entgegen warf, einen Stoss ins Gesicht versetzte, den anderen mit der aus der Wunde des ersten gezogenen Lanze, als er sich eben zur Flucht wandte, von der Seite durchbohrte; hierauf eilte er mitten aus dem Haufen der Feinde siegreich zu den Seinigen zurück. Das war nun freilich eine ganz besondere Heldenthat, und gar viele suchten es ihm an Tapferkeit gleichzuthun. Die Juden aber machten sich nichts aus dem Verlust, den sie erlitten hatten; ihr Sinnen und Trachten war vielmehr nur darauf gerichtet, wie sie ihren Gegnern Schaden zufügen könnten. Der Tod schien ihnen eine Kleinigkeit, wenn es ihnen nur gelang, zugleich einen Feind mit ins Verderben zu reissen. Dem Caesar dagegen lag an der Sicherheit seiner Soldaten ebenso viel, als am Sieg: unvorsichtiges Drauflosgehen nannte er Raserei, und Tapferkeit erkannte er nur da an, wo man mit Bedacht und, ohne selbst Schaden zu nehmen, vorging. Er ermahnte daher seine Leute aufs dringendste, sie sollten sich tapfer zeigen, ohne der Gefahr blindlings entgegenzurennen.
4. Es ward nun unter persönlicher Leitung des Feldherrn der Sturmbock an den mittleren Turm der nördlichen Mauer herangebracht, in welchem ein verschlagener Jude Namens Kastor mit zehn Gleichgesinnten auf der Lauer lag, nachdem die übrigen vor den Bogenschützen geflohen waren. Eine Zeitlang Josepbus, Jüdischer Krieg. 33 Joseph as, Geschichte des Jüdischen Krieges. blieben die Juden, unter den Brustwehren kauernd, ruhig liegen; als aber der Turm zu zittern anfing, erhoben sie sich an verschiedenen Stellen. Kastor selbst streckte wie einer, der um Gnade fleht, die Hände aus, rief nach dem Caesar und bat mit kläglicher Stimme um Erbarmen. Treuherzig schenkte Titus ihm Glauben und gab sich der Hoffnung hin, die Juden seien jetzt im Begriff, ihren Sinn zu ändern; er liess also den Widder einhalten, untersagte den Bogenschützen, weiter auf die Flehenden zu schiessen, und forderte Kastor auf, sein Begehren auszusprechen. Als dieser erklärte, er wolle herabkommen und sich ergeben, entgegnete Titus, er wünsche ihm Glück zu seinem vernünftigen Entschluss und würde sich freuen, wenn alle so gesinnt wären; gern würde er dann der Stadt die Hand zur Versöhnung bieten. Fünf von den zehn schlossen sich hierauf an Kastors heuchlerische Bitte an; die übrigen aber schrien, sie würden niemals Knechte der Römer werden, so lange sie als freie Männer sterben könnten. Während sie sich nun geraume Zeit herumzankten, ward der Angriff ausgesetzt. Unterdessen liess Kastor dem Simon sagen, sie möchten sich in aller Ruhe über die dringendsten Angelegenheiten beraten'; er wolle den römischen Feldherrn noch eine gute Weile zum besten haben. Gleichzeitig suchte er dem Anschein nach auch die Widerspenstigen zur Ergebung zu bereden. Sie aber erhoben wie voll Entrüstung die gezückten Schwerter über die Brustwehr, durchstiessen sich die Schilde und sanken, als wenn sie selbst durchbohrt wären, zu Boden. Staunen ergriff den Caesar und seine Umgebung über die Entschlossenheit dieser Männer, und da sie von unten aus den Hergang nicht genau sehen konnten, bewunderten sie dieselben wegen ihres Stark mutes und bedauerten sie zugleich wegen ihres Schicksals. Auf einmal schoss jemand den Kastor neben die Nase; der Getroffene zog den Pfeil heraus, zeigte ihn dem Titus und beklagte sich über ungerechte Behandlung. Der Caesar gab dem, der geschossen hatte, einen Verweis und beauftragte den neben ihm stehenden Josephus, hinzugehen und dem Kastor die Hand zu reichen. Josephus aber weigerte sich, weil die Bittenden doch nichts gutes im Schilde führten, und hielt auch seine Freunde, die hineilen wollten, davon ab. Hierauf erbot sich ein Überläufer mit Namen Aeneas, hinzugehen, und da Kastor auch noch rief, es möchte jemand das Geld, das er bei sich habe, in Empfang nehmen, lief Aeneas um so eifriger auf den Turm zu und hielt den Mantel hin. Kastor jedoch ergriff ein Felsstück und warf es auf ihn hinab; den Aeneas indes traf er nicht, verwundete aber einen anderen Soldaten, der mit herangekommen war. Als der Caesar diesen Betrug bedachte, überzeugte er sich, dass Mitleid im Kriege nur schädlich sei, während ein harter Sinn unter der Hinterlist weniger zu leiden habe; voll Zorn über die Verhöhnung liess er daher den Sturmbock mit noch grösserer Gewalt gegen die Mauer anprallen. Sowie aber der Turm unter den Stössen der Maschine wich, steckten Kastor und seine Gefährten ihn in Brand und sprangen durch die Flammen in den unter ihm befindlichen geheimen Gang, wodurch sie abermals den Römern eine hohe Meinung von ihrem Starkmut beibrachten; denn diese glaubten nicht anders, als dass ihre Gegner sich ins Feuer gestürzt hätten.
1. An dieser Stelle gewann der Caesar die zweite Mauer, fünf Tage nach Einnahme der ersten. Als die Juden sie verlassen hatten, zog er mit tausend Reitern und der auserlesenen Mannschaft, die seine persönliche Bedeckung bildete, da ein, wo der Wollmarkt, die Sch miede werk Stätten und der Kleidermarkt der Neustadt sich befanden und die Gassen in schiefer ss* 516 Josephus, Oe*ehichte des Jüdischen Krieges. Richtung auf die Mauer zuliefen. Hätte er nun sogleich entweder einen grösseren Teil der Mauer eingerissen oder den eroberten Stadtteil nach Kriegsbrauch zerstört, so wäre meiner Meinung nach sein Sieg durch keinen Verlust getrübt worden. In der Hoffnung jedoch, durch* Unterlassung einer harten Massregel, zu welcher er die Macht in Händen hatte, den Sinn der Juden erweichen zu können, liess er den Eingang nicht so breit hersteilen, wie es für einen etwaigen Rückzug zweckmässig gewesen wäre; denn wenn er ihnen eine besondere Vergünstigung zuteil werden liesse, so würden sie, meinte er, ihm doch wohl keinen Hinterhalt legen. Ja, er verbot sogar nach dem Einzug, irgend einen der gefangenen Juden zu töten oder die Häuser in Brand zu stecken; zugleich gab er den Aufrührern anheim, auf eigne Faust den Kampf fortzusetzen, wenn nur das Volk dabei keinen Schaden litte, und versprach dem letzteren, ihm seine gesamte Habe wieder zustellen zu wollen. Es lag ihm nämlich sehr viel daran, für sich selbst die Stadt und für diese den Tempel zu retten. Das Volk fand er denn auch ohne weiteres geneigt, auf seine Vorschläge einzugehen; die kriegslustigen Juden dagegen fassten seine Menschenfreundlichkeit als Schwäche auf und glaubten, Titus habe solche Anerbietungen nur gemacht* weil er sich nicht stark genug fühle, die ganze Stadt in seine Gewalt zu bringen. Den Bürgern drohten sie mit Tod, wenn einer von ihnen auch nur den Gedanken an Übergabe hegen würde, und wer etwas von Frieden verlauten liess, den stiessen sie nieder. Alsbald griffen sie auch wirklich die einziehenden Römer an, indem sie sich teils in den Gassen ihnen entgegenwarfen, teils von den Häusern herab ihnen zusetzten; andere machten durch die oberen Thore Ausfälle auf die noch ausserhalb der Mauer befindlichen Römer und versetzten dadurch die auf ihr postierten Wachmannschaften in solchen Schrecken, dass sie eilends von den Türmen hinabsprangen und ins Lager zurückliefen. Während nun (Irinnen die auf allen Seiten von Feinden umringten, draussen die für ihre verlassenen Kameraden besorgten Soldaten ein lautes Geschrei erhoben, wurden die Juden immer zahlreicher, und da sie ausserdem durch ihre genaue Bekanntschaft mit den Gassen bedeutend im Vorteil waren, verwundeten sie eine Menge ihrer Gegner und drängten sie unaufhaltsam zurück. Notgedrungen leisteten die Römer Widerstand, weil sie durch die enge Maueröffnung nicht in grösseren Massen fliehen konnten, und fast schien es um alle, die in die Stadt eingezogen waren, geschehen zu sein. Da aber kam Titus ihnen zu Hilfe: rasch verteilte er die Bogenschützen an den Strassenenden, stürzte sich selbst ins ärgste Gedränge und trieb die Feinde durch einen Hagel von Geschossen zurück. An seiner Seite focht Domitius Sabinus, der auch in diesem Gefecht sich als tapferer Krieger bewährte. Unaufhörlich liess nun der Caesar die Bogenschützen ihre Pfeile abschiessen und verhinderte dadurch die Annäherung der Juden, bis seine sämtlichen Soldaten, den Rückzug bewerkstelligt hatten.
2. So wurden die Römer, nachdem sie schon die zweite Mauer genommen hatten, wieder zurück geworfen. Den kriegerisch gesinnten Juden aber schwoll nun der Kamm, und ihre Erfolge machten sie übermütig. Die Römer, meinten sie, würden wohl jetzt nicht mehr wagen, die Stadt zu betreten, und ebensowenig imstande sein, zu siegen, wenn es wieder zum Kampf kommen sollte. Gott verfinsterte ihnen eben um ihrer Frevel willen den Verstand, dass sie weder sahen, wie die verjagten Truppen nur einen kleinen Teil des römischen Heeres bildeten, noch die sie beschleichende Hungersnot bemerkten. Sie selbst freilich konnten ja noch vom Elend des Volkes sich sättigen und das Blut der Einwohner trinken! Die Gutgesinnten aber litten schon seit geraumer Zeit Mangel, und viele starben dahin, weil es ihnen an den notwendigsten Lebensmitteln gebrach. In der Vernichtung des Volkes indes erblickten die Empörer nur eine Erleichterung für 9ich selbst: denn lediglich diejenigen erachteten sie der Erhaltung wert, die vom Frieden nichts wissen und nur leben wollten, um die Römer zu bekämpfen; wurde die anders gesinnte Menge aufgerieben, so freuten sie sich, wie von einer drückenden Last befreit. In dieser Weise benahmen sie sich gegen die Bewohner der Stadt; die Römer aber schlugen sie, wenn dieselben wieder einzu- dringen versuchten, mit gewaffneter Hand zurück und deckten die Bresche mit ihren Leibern. Drei Tage lang hielten sie so unter zäher Gegenwehr stand; am vierten aber ward ihnen der heldenmütige Angriff des Titus zu stark: sie wurden geworfen und wichen in ihre frühere Stellung zurück. Titus war nun wieder Herr der Mauer geworden, deren ganzen nördlichen Teil er sogleich schleifen liess; in die Türme der südlichen Strecke dagegen legte er Besatzungstruppen und richtete alsdann seine Gedanken auf die Erstürmung der dritten Mauer.
1. Einstweilen jedoch beschloss er, mit der Belagerung etwas einzuhalten und den Aufrührern Bedenkzeit zu geben, um zu sehen, ob sie nicht im Hinblick auf die Schleifung der zweiten Mauer oder, da die Räubereien ihnen wohl keinen genügenden Unterhalt auf längere Zeit mehr verschaffen konnten, aus Furcht vor der Hungersnot sich etwas nachgiebiger zeigen würden. Die Pause benutzte er zu einem notwendigen Geschäft. Da nämlich der Termin bevorstand, an welchem den Mannschaften der Sold verabfolgt werden musste, befahl er den Offizieren, das Heer an einen den Feind sichtbaren Ort ausrücken zu lassen und jedem Soldaten seine Löhnung auszuzahlen. Die Truppen zogen nun, wie üblich, mit entblössten Schwertern und in voller Rüstung einher; die Reiter führten ausserdem ihre aufgeputzten Pferde am Zügel. Weithin glitzerte die Umgebung der Stadt von Silber und Gold, und so entzückend der Anblick für die Römer war, so schrecklich war er für ihre Feinde. Die alte Mauer in ihrer ganzen Ausdehnung sowie die Nordseite des Tempels waren mit Zuschauern dicht besetzt; selbst die Dächer der Häuser sah man voll Neugieriger und kein Plätzchen gab es in der Stadt, das nicht schwarz von Menschen wimmelte. Gewaltige Angst überfiel jetzt auch die trotzigsten Juden, als sie die ganze Heeresmacht an einem Orte versammelt und dazu die Schönheit der Waffen, die vortreffliche Ordnung unter den Soldaten sahen, und es hätten bei diesem Anblick, wie mir scheint, die Empörer anderen Sinnes werden müssen, wenn sie nicht um der allzugrossen Frevel willen, die sie am Volke verübt, eine Begnadigung seitens der Römer für unmöglich gehalten hätten. Da ihnen nämlich, wenn sie die Feindseligkeiten einstellten, ihrer Meinung nach nur der Verbrechertod bevorstand, so zogen sie den im Kampfe denn doch bei weitem vor. Auch forderte ja eben die Macht des Verhängnisses, dass die Unschuldigen samt den Schuldigen zu Grunde gehen sollten, und mit den Aufrührern die ganze Stadt.
2. Vier Tage brauchten die Römer,. um an alle Legionen den Sold auszuzahlen. Am fünften lies Titus, als die Juden noch immer nicht mit Friedensvorschlägen herausrücken wollten, sein Heer sich in zwei Abteilungen trennen, von denen die eine der Antonia gegenüber, die andere bei dem Grabmal des Joannes Wälle aufwerfen sollte. Von letzterem Punkte aus gedachte er die obere Gelde etwa 50—60 Pfennige: der Centurio erhielt das doppelte, der Reiter das dreifache. Stadt, von der Antonia her den Tempel zu nehmen; denn so lange er das Heiligtum nicht eroberte, war an ungefährdeten Besitz der Stadt nicht zu denken. An diesen beiden Stellen also führten die Legionen je einen Wall auf. Denen nun, die in der Nähe des Grabmal» arbeiteten, suchten die Idumäer und die wohlbewaffnete Mannschaft des Simon, denen bei der Antonia die Leute des Joannes und die Rotte der Zeloten durch Ausfälle Schwierigkeiten zu machen. Hierbei waren die Juden nicht nur, was den Gebrauch der Handwaffen betraf, durch ihren höheren Standort im Vorteil, sondern auch dadurch ihren Gegnern überlegen, dass sie inzwischen mit den Maschinen umzugehen gelernt hatten; denn die tägliche Übung steigerte allmählich ihre Geschicklichkeit. Sie hatten dreihundert Skorpionen und vierzig Ballisten, mit denen sie die Römer beim Bau der Wälle empfindlich störten. Der Caesar aber, der sich der Erkenntnis nicht verschliessen konnte, dass die Erhaltung der Stadt einen Gewinn, ihr Untergang einen Verlust für ihn bedeute, liess, während er die Belagerung betrieb, auch die andere Aufgabe nicht ausser acht, nämlich die Juden zur Sinnesänderung zu bewegen. Rat und That gingen bei ihm Hand in Hand, und da er wusste, dass man [mit Worten oft mehr auszurichten imstande sei alsfc mit Waffengewalt, ermahnte er nicht nur selbst die Belagerten, die schon halb eroberte Stadt durch Übergabe zu retten, sondern sandte auch in der Hoffnung, ein Landsmann möchte vielleicht grössere» Entgegenkommen bei ihnen finden, Men Josephus ab, um ihnen in ihrer Muttersprache Vorstellungen machen zu lassen.
3. Josephus umging die Mauer, suchte einen Ort auf, wo er ausser Schussweite und doch deutlich vernehmbar war, und legte ihnen dringend ans Herz, sie möchten doch ihrer selbst und des Volkes, wie auch der Vaterstadt und des Tempels schonen und gegen die» alles nicht gleichgiltiger sei wie die Fremden. Während die Römer, die doch anderen Glaubens seien, die Heiligtümer ihrer Feinde achteten und bis jetzt ihre Hände davon zurückgehalten hätten, setzten diejenigen, welche unter dem Schutze dieser Heiligtümer aufgewachsen seien und im Falle ihrer Erhaltung die alleinigen Besitzer derselben bleiben würden, alles daran, sie zu Grunde zu richten. Wie sie sähen, seien die stärksten Mauern bereits gefallen, und übrig sei nur noch eine, deren Schwäche im Vergleich zu den schon eroberten sich nicht leugnen lasse. Auch kännten sie ja die Macht der Römer als unwiderstehlich, und römische Oberherrschaft sei ihnen ebenfalls nichts neues. Wenn ein Befreiungskrieg ein ruhmvolles Unternehmen sei, so hätten sie denselben gleich anfangs führen sollen; wenn sie aber, nachdem sie einmal unterworfen seien und die Fremdherrschaft sich so lange hätten gefallen lassen, noch das Joch abschütteln wollten, so heisse das nicht nach Freiheit, sondern nach schmählichem Untergang verlangen. Unbedeutenderen Oberherren könne man allenfalls die Huldigung verweigern, nicht aber denen, die den Erdkreis in ihrer Gewalt hätten. Denn was für Länder seien es, die noch nicht unter der Botmässigkeit der Römer ständen? Doch nur die, welche wegen ihrer Hitze oder Kälte keinen Wert für sie haben könnten. Überall sei das Glück ihr Begleiter gewesen, und Gott, der die Weltherrschaft bei den einzelnen Nationen umgehen lasse, sei nun einmal auf Italiens Seite. Übrigens gelte ein schon bei den Tieren feststehendes Gesetz auch für die Menschen, dass man nämlich dem Stärkeren nachgeben müsse, und dass diejenigen Sieger seien, die die kräftigsten Waffen besässen. Deshalb hätten auch die Vorfahren der Juden, die an Körperkraft, Seelen stärke und sonstigen Verteidigungsmitteln ihren Nachkommen weit überlegen gewesen seien, den Römern sich gefügt, was sie gewiss nicht über sich gebracht haben würden, wenn sie nicht ein gesehen hätten, dass Gott mit denselben gewesen sei. Was ihnen, den Belagerten, denn den Mut zum Widerstand gebe? Der grösste Teil der Stadt sei doch schon erobert, und sie da drinneu würden, auch wenn die Mauern stehen blieben, schlimmer dran sein wie Kriegsgefangene. Zudem sei die in der Stadt herrschende Hungersnot, die vorderhand noch erst das Volk bedränge, in kurzem aber auch die streitbare Mannschaft aufreiben werde, den Römern kein Geheimnis mehr. Wenn diese also auch von der Belagerung Abstand nähmen und aufhörten, mit dem Schwert in der Hand in die Stadt einzudringen, so sitze doch ein unbezwingbarer innerer Feind den Juden auf dem Nacken, der mit jeder Stunde an Stärke gewinne. Denn gegen den Hunger könnten sie sich doch wohl nicht mit den Waffen wehren. Oder seien sie vielleicht die einzigen, die auf solche Weise dieser Plage beizukommen verständen? Sie thäten daher, fuhr Josephus fort, wohl daran, ihren Sinn zu ändern, ehe der Schaden unheilbar werde, und auf ihre Rettung bedacht zu sein, so lange es noch Zeit sei. Die Römer würden ihnen das Geschehene sicher nicht nachtragen, wenn sie ihren Starrsinn nur nicht aufs äusserste trieben; es liege nämlich in deren Art, als Sieger Milde zu beweisen und ihren Vorteil höher anzuschlagen wie die Befriedigung ihrer Rache. Diesen Vorteil wahrten sie aber nicht, wenn sie eine menschenleere Stadt, auch nicht, wenn sie ein entvölkertes Land in Besitz nähmen. Darum lasse der Caesar auch jetzt noch den Belagerten seine Gnade anbieten. Müsse er aber die Stadt mit Gewalt nehmen, nachdem sie in der äussersten Not seinen gütlichen Vorstellungen kein Gehör geschenkt habe, so werde er niemand verschonen. Ejass übrigens bald auch die dritte Mauer fallen werde, dafür bürge die Erstürmung der beiden ersten, und selbst wenn dieses Bollwerk uneinnehmbar wäre, so müsse doch der Hunger gegen die Juden und für die Römer streiten.
4. Während Josephus diese Worte an sie richtete, verspotteten ihn viele von der Mauer herab; andere schimpften, ja einige schossen sogar auf ihn. Da er sie nun selbst mit solchen klaren Erwägungen nicht zu überzeugen vermochte, ging er auf die Geschichte seines Volkes über und rief: „0 ihr Unglücklichen, die ihr «urer wahren Helfer vergesst, mit euren Fäusten und Waffen wollt ihr die Römer bekämpfen? Wen haben wir denn jemals auf diese Weise besiegt? War nicht stets Gott der Herr, der die Juden ins Dasein rief, auch ihr Rächer, wenn ihnen Unrecht geschah? Schaut zurück auf die Vergangenheit, damit ihr seht, auf wen ihr euch im Kampfe verlassen müsst und welch erhabenen Bundesgenossen ihr beleidigt habt. Ruft euch ins Gedächtnis die Wunderthaten zur Zeit eurer Väter; erinnert euch, wie viele Feinde einstmals diese heilige Stätte vernichtet hat! Mich schaudert zwar, wenn ich die Thaten Gottes vor unwürdigen Ohren erzählen soll: aber höret gleichwohl zu, damit ihr erkennt, dass ihr nicht nur gegen die Römer, sondern auch gegen Gott ankämpft. Der König von Aegypten, Nechao, sonst auch Pharao genannt, zog seiner Zeit mit tausenden von Streitern in unser Land und raubte die Fürstin Sarra, die Stammmutter unseres Volkes. Was that nun ihr Gatte Abram, unser Ahnherr? Hat er sich an dem Frevler mit den Waffen gerächt? Nein — sondern obwohl er dreihundertachtzehn Vasallen hatte, deren jeder über eine Unzahl Reisige gebot, hielt er sich trotzdem für verlassen, wenn Gott ihm nicht beistand; er hob also seine reinen Hände empor zu dem Orte, den ihr jetzt entweiht, und gewann sich die Hilfe des nie besiegten Kampfgenossen. Wurde darauf nicht gleich am zweiten Abend die Fürstin unberührt ihrem Gatten zurückgesandt, während der Aegyptier, nachdem er an der von euch mit Brudermord befleckten Stätte angebetet, geschreckt durch nächtliche Traumgesichte, davonfloh und die gottgeliebten Hebräer mit Gold und Silber beschenkte? 1 Soll ich schweigen oder reden von der Übersiedelung unserer Väter nach Aegypten, wo sie vierhundert Jahre lang vergewaltigt und von fremden Königen unterdrückt wurden, aber, anstatt sich, wie sie konnten, mit den Waffen in der Hand zu wehren, ihre Sache Gott befahlen? Wer weiss nicht, wie hierauf Aegypten von allerhand Getier wimmelte und von allen möglichen Krankheiten heimgesucht ward, wie das Land seine Fruchtbarkeit, der Nil sein Wasser verlor, und zehn Plagen aufeinander folgten, um deretwillen unsere Väter mit sicherem Geleit entlassen wurden, ohne Blutvergiessen, ohne Gefahr, bloss weil Gott diejenigen führte, die sein Heiligtum pflegten? Und als von den Assyriern unsere heilige Lade geraubt wurde, seufzte da nicht das ganze Palaestinerland, x der Götze Dagon und das ganze Volk derer, die sie weggeschleppt hatten? Faulige Geschwüre entstanden an ihren Schamteilen, und mit den Speisen gingen die Eingeweide von ihnen; darum brachten dieselben Hände, die sie geraubt, unter Cymbel- und Paukenschall sie wieder zurück und sühnten das Heiligtum mit zahllosen Opfern. Gott war es, der unseren Väter diese Genugthuung verschaffte, weil sie, ohne zum Schwert zu greifen, ihm die Entscheidung anheirastellten. Fiel etwa der Assyrierkönig Senacherim, als er mit den Völkerscharen von ganz Asien diese Stadt umzingelt hatte, durch Menschenhände? Keineswegs — denn diese ruhten vom Kampf und waren zum Gebet ausgestreckt; aber der Engel Gottes schlug in einer einzigen Nacht das zahllose Heer, und als der Assyrier sich mit Tagesanbruch erhob, fand er hundertfünfundachtzigtausend Tote und floh mit dem Rest seines Heeres vor den unbewaffneten Hebräern, die ihn noch nicht einmal verfolgten. Bekannt ist euch ja auch wohl die Gefangenschaft in Babylon, wo das Volk siebzig Jahre lang fern von der Heimat leben musste und niemals daran dachte, seine Befreiung zu erzwingen, bis Cyrus Gott zu Ehren sie ihm freiwillig anbot und unter seinem Schutz das Heiligtum des Bundesgottes wiederhergestellt wurde. Überhaupt lässt sich kein Fall anführen, in welchem unsere Väter mit dem Schwert allein etwas ausgerichtet hätten oder ohne Waffen, wenn sie ihre Sache Gott anheimstellten, unterlegen wären. Blieben sie ruhig zu Hause, so siegten sie nach dem Ratschluss des göttlichen Richters; zogen sie zum Kampf aus, so wurden sie stets geschlagen. Zum Beispiel als der Babylonierkönig diese Stadt belagerte und unser König Sedekias trotz der Warnung des Propheten Jeremias sich in eine Schlacht einliess, da geriet Sedekias selber in Gefangenschaft und sah die Stadt samt dem Tempel der Zerstörung anheimfallen. Und doch, wie viel gerechter war jener König als eure Führer, wie viel besser sein Volk als ihr! Denn weder König noch Volk trachteten dem Jeremias nach dem Leben, als dieser mit lauter Stimme verkündete, sie seien um ihrer Sünden willen bei Gott in Ungnade gefallen und würden, wenn sie die Stadt nicht übergäben, in die Gefangenschaft geschleppt werden. Ihr dagegen — von den Freveln, die ihr da drinnen begeht, will ich gar nicht reden, da mir Worte fehlen, sie zu schildern — schmäht mich, der ich euch heilsamen Rat erteilen will, und wertet nach mir im Unmut darüber, dass ich euch an eure Sünden erinnere, und möget nicht einmal reden hören von dem, was ihr doch Tag um Tag verübt. Nun aber weiter! Als Antiochus Epiphanes, der Frevel über Frevel gegen die Gottheit begangen, die Stadt bedrängte, machten unsere Vorfahren in Wehr und Waffen einen Ausfall, und was geschah? Sie selbst wurden in der Schlacht niedergemetzelt, Jerusalem von den Feinden geplündert, und das Heiligtum für die Dauer von drei Jahren und sechs Monaten der Verödung preisgegeben. Doch wozu bedarf es weiterer Beispiele? Um nun auf die Römer zu kommen, wer ist schuld, dass sie gegen dieses Land zu Felde zogen? War es nicht die Gottlosigkeit seiner Bewohner? Und was gab den ersten Anlass zur Unterjochung Judaeas? War es nicht ein Bürgerkrieg unserer Vorfahren, als der Wahnsinn von Aristobulus und Hyrkanus und die zwischen ihnen herrschende Feindschaft den Pompejus gegen Jerusalem heranführte und Gott das Volk, das der Freiheit nicht mehr wert war, den Römern unterwarf? Nach dreimonatlicher Belagerung ergaben sie sich, und doch hatten sie nicht in dem Masse, wie ihr, gegen das Gesetz und den Tempel sich vergangen; auch besassen sie weit bedeutendere Mittel zur Kriegführung. Wohlbekannt ist uns ja ferner das Ende von Aristobuls Sohn Antigonue, unter dessen Regierung der Herr das sündige Volk abermals mit Knechtung heimsuchte: Antipaters Sohn Herodes führte Sosius, Sosius die Streitmacht der Römer herbei, welche Jerusalem umzingelte und sechs Monate lang belagerte, bis seine Bewohner zur Strafe für ibro Schandthaten bezwungen wurden und die Stadt der Plünderung anheirafiel. Wie ihr seht, war das Volk zu keiner Zeit auf Waffengewalt angewiesen; liess es sich aber auf Kriegführen ein, so blieb die Unterjochungnicht aus. Es sollten also diejenigen, welche die heilige Stätte besetzt halten, meiner Meinung nach die Entscheidung Gott dem Herrn anheimstellen und, indem sie den Richter im Himmel für ihre Sache zu gewinnen suchen, auf Anwendung menschlicher Gewalt völlig verzichten. Welche von den Vorschriften aber, an deren Erfüllung der Gesetzgeber einen Segen geknüpft hat, habt ihr befolgt? Oder vielmehr, muss ich fragen, was habt ihr unterlassen von dem, was er mit einem Fluch belastete? Wie viel gottloser seid ihr als eure Väter, die doch schneller als ihr zu Fall kamen! Heimliche Sünden, wie Diebstahl, Hinterlist und Ehebruch, sind euch schon zu gering; Raub und Mord betreibt ihr um die Wette und bahnt euch neue, nie betretene Wege der Bosheit. Der Tempel ist ein Schlupfwinkel jeglichen Gelichters geworden, und Hände von Eingeborenen haben die gottgeweihte Stätte verunreinigt, welche selbst die Römer von fern verehrten, indem sie unseren Gesetzen zulieb manche ihrer eigenen Sitten aufgaben. Und trotz, alledem erwartet ihr noch Hilfe von dem, gegen welchen ihr also gefrevelt habt? Aber auch zugegeben, ihr wäret ebenso fromme Beter und flehtet mit ebenso reinen Händen um göttlichen Beistand, wie einst unser König, als er sich Hilfe gegen die Assyrier erbat und Gott jenes gewaltige Heer in einr Nacht zu Boden schlug — ist dehn das Beginnen der Römer dem der Assyrier zu vergleichen, sodass ihr euch auf eine ähnliche Hilfe Hoffnung machen könntet? Hat nicht Sedekias von den Assyriern die Verschonung der Stadt mit Geld erkauft, und sind sie nicht dennoch eidbrüchig herangekommen, den Tempel zu verbrennen? Die Römer hingegen fordern lediglich den herkömmlichen Tribut,. den unsere Väter den ihrigen stets entrichteten. Haben sie diese Forderung durchgesetzt, so wollen sie weder die Stadt zerstören, noch das Heiligtum antasten; vielmehr geben sie uns alles übrige, unsere Familien, den Besitz unseres Vermögens, frei und schirmen die heiligen Gesetze. Nur Wahnsinn kann erwarten, dass Gott sich gegen Gerechte ebenso erzeigen werde wie gegen Ungerechte. Ohnehin weiss er ja schnell zu helfen, wenn es not thut. Die Assyrier hat er in der ersten Nacht, da sie vor Jerusalem lagerten, zerschmettert; wenn er daher unser Geschlecht der Freiheit oder die Römer der Bestrafung wert erachtete, so würde er wohl, [wie einst über die Assyrier, auf der Stelle auch über die Römer hereingebrochen sein, als Pompejus seine Hand an das Volk legte, als später Sosius heranrückte, als Vespasianus Galilaea verheerte, und endlich in diesen Tagen, als Titus sich der Stadt näherte. Allein (Pompejus) Magnus und Sosius blieben nicht bloss ungeschlagen, sondern sie nahmen auch die Stadt in siegreichem Ansturm, und Vespasianus legte in dem Kriege mit uns den Grund zu seiner jetzigen Herrscherwürde. Und nun dem Titus vollends fliessen ergiebiger selbst die Quellen, die ehedem für euch kein Wasser gaben. Vor seiner Ankunft waren ja, wie ihr wisst, die Siloaquelle und alle Quellen ausserhalb der Stadt versiegt, sodass man das Wasser mass weise kaufen musste; jetzt aber strömen diese Quellen zum Vorteil eurer Feinde so reichlich, dass sie nicht nur für die Römer selbst und deren Vieh sondern auch noch für die Gärten Wasser in hinreichender Menge spenden. Übrigens kennt ihr dieses Wunderzeichen schon von iner früheren Eroberung her, nämlich aus der Zeit, da der vorerwähnte Babylonier die Stadt einnahm und den Tempel verbrannte, während doch die damaligen Bewohner Jerusalems keine derartigen Gottlosigkeiten begangen hatten, wie ihr. Ich muss daher annehmen, die Gottheit sei aus dem Allerheiligsten geflohen und stehe jetzt auf seiten derer, die ihr bekämpft. -Wenn nun schon ein ehrbarer Mensch ein lasterhaftes Haus fliehen und seine Bewohner verabscheuen wird: glaubt ihr dann, dass Gott euch in eurem Sündenleben nahe bleiben werde, er, der alles, auch das Verborgene, sieht und das Verschwiegene hört? Und was sucht man denn noch bei euch zu verschweigen und zu verbergen? Ist ja doch alles selbst den Feinden schon zu Ohren gekommen! Ihr prahlt mit eurer Gesetzesübertretung, wetteifert tagtäglich, wer der schlechteste ist, und tragt eure Schandthaten zur Schau, als wären es Tugenden. Aber trotz alledem steht euch noch ein Weg zur Bettung offen, wenn ihr ihn nur betreten wollt, und die Gottheit verzeiht denen gern, die geständig sind und Reue an den Tag legen. Verstockte! werft eure Rüstungen weg, habt Mitleid mit unserer schon halb zerstörten Vaterstadt; wendet euch um und schaut, welche Pracht, welche Stadt, welchen Tempel, wie vieler Völker Geschenke ihr preiszugeben im Begriffe steht! Wer möchte an das alles den Feuerbrand legen, wer es verschwinden lassen wollen? Was verdiente mehr als dies, der Vernichtung entrissen zu werden, ihr Unerbittlichen, gefühlloser als Steine?! Und wenn ihr dafür kein Auge habt, so erbarmt euch doch eurer Familien! Stelle jeder sich seine Kinder, sein Weib, seine Eltern vor, die binnen kurzem der Hunger oder das Schwert dahinraffen wird! Ich weiss wohl, auch mir schwebt eine Mutter, ein Weib, eine nicht unangesehene Familie und ein altberühmtes Geschlecht in Gefahr: vielleicht glaubt ihr, dass ich um deretwillen also rate. Keineswegs! Tötet sie, nehmt mein eigenes Blut als Preis für eure Rettung; denn auch ich bin zu sterben bereit, wenn ich durch meinen Tod bewirken kann, dass ihr euch eines bessern besinnt!* 4
1. Trotz dieser eindringlichen Worte indes, die Josephus seinen Landsleuten unter Thränen zurief, vermochte er die Empörer weder zur Nachgiebigkeit zu bewegen, noch ihnen die Überzeugung beizubringen, dass sie im Falle der Ergebung sich für sicher halten könnten; unter dem Volke dagegen entstand eine Bewegung zu gunsten der Übergabe. Einige verkauften ihren Grundbesitz zu Spottpreisen, andere ihre kostbaren Kleinodien, verschluckten die dafür gelösten Goldstücke, damit sie nicht von den Räubern entdeckt würden, und liefen zu. den Römern über. Ging dann das Gold wieder von ihnen so waren sie für die notwendigsten Bedürfnisse versehen; denn Titus liess die meisten nach beliebigen Orten im Lande ziehen. Hierdurch ward die Lust, zum Feinde überzulaufen, nur noch grösser, weil man so dem Jammer in der Stadt entging, ohne in die Sklaverei der Römer zu geraten. Die Leute des Joannes aber wie die des Simon suchten die Flucht der Juden aus der Stadt mit grösserem Eifer zu verhindern, als die Einfalle seitens der Römer, und auf wen auch nur ein Schatten von Verdacht fiel, der wurde ohne weiteres niedergestossen.
2. Für die Wohlhabenden war übrigens das Verbleiben in der Stadt ebenso verderblich wie die Flucht; denn unter dem Vorwand der Ausreisserei wurde mancher um seines Vermögens willen umgebracht. Mit der Hungersnot stieg auch die Wut der Aufrührer, und beide Plagen wurden von Tag zu Tag entsetzlicher, öffentlich Joeephus, Jüdischer Krieg. 34 war nirgends mehr Getreide zu sehen; sie drangen daher in die Häuser ein und durchsuchten sie. Fand sich etwas, so misshandelten sie die Bewohner, weil sie den Besitz abgeleugnet, fand sich nichts, so folterten sie dieselben, weil sie das Getreide mit so grosser Sorgfalt versteckt hätten. Ob Lebensmittel vorhanden seien oder nicht, schloss man aus dem körperlichen Zustand der Unglücklichen. Wer noch wohlgenährt aussah, von dem nahm man an, dass er Speisen vorrätig habe; die Ausgemergelten dagegen Hess man laufen, weil man es für überflüssig hielt, Leute zu töten, die doch bald Hungers sterben würden. Viele der reicheren Bürger gaben heimlich ihr ganzes Vermögen dahin für ein einziges Mass Weizen, ärmere für ein Mass Gerste; alsdann schlossen sie sich in die verborgensten Winkel der Häuser ein und verzehrten in ihrem Heisshunger das Getreide ungemahlen oder buken es, wie die Not und die Angst es ihnen eben gestattete. Ein Tisch ward nirgends mehr gedeckt, sondern noch roh zog man die Speisen aus dem Feuer und verschlang sie gierig.
3. Mitleiderregend war die Nahrung, und be weinenswert der Anblick: die Stärkeren hatten Überfluss, den Schwachen blieb nur die Wehklage. Über alle Gefühle setzt sich der Hunger hinweg, keines aber ertötet er so völlig wie das Mitleid: denn worauf man sonst noch Rücksicht nehmen zu müssen glaubt, das lässt man im Hunger ausser acht So rissen hier die Weiber den Männern, Kinder den Vätern und, was das jammervollste war, Mütter ihren Säuglingen die Speisen aus dem Munde; während die Lieblinge in ihren Armen verschmachteten, scheuten sie sich nicht, ihnen den letzten Tropfen Milch wegzunehmen. Aber selbst bei dieser Art, den Hunger zu stillen, entgingen sie dem Späherauge der Empörer nicht, die überall lauerten, um auch das noch ihnen zu rauben. Sowie sie ein Haus verschlossen sahen, galt ihnen dies als Zeichen, dass die Bewohner etwas verzehrten; plötzlich zertrümmerten sie dann die Thüren, stürzten hinein und rissen ihnen die Speisen beinahe aus der Kehle. Greise, welche ihr Stück Brot mit den Zähnen festhielten, wurden geschlagen, Weiber an den Haaren herumgezerrt, wenn sie etwas, das sie in den Händen hatten, zu verbergen trachteten. Weder Alt noch Jung konnte auf Mitleid rechnen: selbst ganz kleine Kinder, welche an ihren Bissen hingen, wurden ergriffen und zu Boden geschleudert. Verschlang aber jemand, um den Räubern zuvorzukommen, das, was ihm genommen werden sollte, so verfuhren sie mit ihm noch grausamer, gleich als wären sie ihres Rechtes verlustig gegangen. Foltern schrecklicher Art ersannen sie, um Nahrungsmittel aufzuspüren: sie verstopften den Unglücklichen die Öffnungen der Scham mit Erbsen und stiessen ihnen spitze Stäbe ins Gesäss. Schauderhafte Qualen musste mancher erdulden, nur damit er ein Brot verrate oder eine Hand voll verstecktes Mehl anzeige. Die Peiniger selbst aber litten durchaus keinen Mangel — freilich wäre ihr Beginnen weniger grausam gewesen, wenn die Not sie dazu getrieben hätte —, sondern sie bezweckten nichts anderes, als ihre Wut zu sättigen und sich für die kommenden Tage mit einem Vorrat von Lebensmitteln zu versehen. Trafen sie jemand, der bei Nacht sich bis in die Nähe der römischen Posten geschlichen hatte, um wildwachsendes Gemüse und Kräuter zu sammeln, so nahmen sie ihm, wenn er eben den Feinden entkommen zu sein glaubte, alles wieder ab, und mochte er auch noch so flehentlich bitten und bei dem hehren Namen Gottes sie beschwören, ihm doch wenigstens einen Teil von dem zu lassen, was er mit Lebensgefahr geholt, so vergönnten sie ihm gleichwohl nicht das mindeste; ja der Geplünderte konnte von Glück reden, wenn er nicht noch obendrein ermordet wurde.
4. Solche Misshandlungen mussten sich die ärmeren Leute von den Spiessgesellen der Tyrannen gefallen lassen; die angesehenen und reichen dagegen wurden vor die letzteren selbst geführt und teils auf falsche Anklagen hin wegen geheimer Umtriebe, teils unter dem Vorwand getötet, dass sie die Stadt den Römern hätten verraten wollen. In der Regel liess man einen Angeber auftreten, der sie fälschlich beschuldigte, sie seien willens gewesen, zum Feinde überzugehen. War der Angeklagte dann von Simon ausgeplündert, so wurde er zu Joannes geschickt, und die von Joannes Beraubten nahm Simon in Empfang. So tranken sie sich gegenseitig gleichsam das Blut ihrer Mitbürger zu und teilten sich in die Leichen der Unglücklichen. Wegen der obersten Gewalt lagen sie miteinander im Streit, in der Verübung von Schandthaten aber waren sie einmütig. Wer den anderen an der Misshandlung seiner Mitbürger nicht teilnehmen liess, galt als selbstsüchtiger Schurke, und wer nicht teilnehmen durfte, bedauerte die Entziehung der Gelegenheit zu Grausamkeiten wie den Verlust eines besonders wertvollen Gutes.
5. Die Frevelthaten der Tyrannen im einzelnen zu schildern, ist unmöglich; darum kurz gesagt: keine Stadt hat je ähnliches auszustehen gehabt, und kein Geschlecht, so lange die Welt steht, war erfinderischer in Werken der Bosheit. Zuletzt fluchten sie auch noch dem Volke der Hebräer, um gegen Fremde weniger ruchlos zu erscheinen, und gaben damit selbst zu, dass sie, wie es ja auch wirklich der Fall war, Sklaven, zusammengelaufenes Gesindel und der Abschaum des Volkes seien. Sie waren es, welche die Stadt zerstörten: sie nötigten die Römer gegen deren Willen, dem traurigen Siege den Namen zu leihen, und schleppten sozusagen das zögernde Feuer in den Tempel hinein. Ohne Schmerz, ohne Thräne sahen sie ihn von der oberen Stadt aus in Flammen aufgehen; bei den Römern freilich fanden diese Gefühle Raum. Doch wir werden darauf unten bei der Erzählung der Begebenheiten selber zurückkommen.
1. Unterdessen liess Titus den Bau der Wälle beschleunigen, wiewohl seine Leute von der Mauer her viel zu leiden hatten. Zugleich sandte er Reiterabteilungen aus, um den Juden aufzulauern, welche auf der Suche nach Nahrungsmitteln in die Schluchten hinabgestiegen waren. Es befanden sich darunter wohl auch manche streitbare Männer, denen das Geraubte nicht mehr langen wollte; meist aber waren es arme Leute aus den niederen Volksschichten, welche nur die Sorge um ihre Angehörigen abhielt, zu den Römern überzugehen. Denn wenn sie mit Weib und Kind fliehen wollten, hatten sie keine Aussicht, der Wachsamkeit der Empörer zu entgehen; die Ihrigen aber in der Gewalt der Räuber zurückzulassen, konnten sie sich nicht entschlossen, weil dieselben dann voraussichtlich um ihrer, der Entflohenen, willen, würden ermordet werden. Den Mut, die Stadt zu verlassen, flösste ihnen der Hunger ein; waren sie nun unbemerkt hinausgelangt, so drohte ihnen nur noch die Gefahr, den Feinden in die Hände zu fallen. Wurden sie ergriffen, so wehrten sie sich unwillkürlich aus Angst vor der Hinrichtung; nachdem sie aber einmal Widerstand geleistet hatten, schien es ihnen zu spät, um Gnade zu bitten. Sie mussten nun zunächt die Geisselung und alle möglichen Foltern über sich ergehen lassen und wurden dann angesichts der Mauer gekreuzigt. Titus hatte zwar Mitleid mit ihrem Schicksal, zumal da jeden Tag fünfhundert, manchmal auch noch mehr Gefangene eingebracht wurden, hielt es aber anderseits für gefährlich, diese mit Gewalt bezwungenen Juden frei ausgehen zu lassen; denn hätte man eine solche Menge bewachen wollen, so wären sie gar leicht eine Wache ihrer Wächter geworden. Der Hauptgrund aber, weshalb er die Hinrichtung der Gefangenen zuliess, war die Hoffnung, der Anblick werde die Belagerten zur Nachgiebigkeit bewegen, da diese ein gleiches Schicksal zu gewärtigen hatten, wenn sie sich nicht ergaben. Die Soldaten nagelten nun in ihrer gewaltigen Erbitterung die Gefangenen zum Hohn in den verschiedensten Körperlagen an, und da ihrer gar so viele waren, gebrach es bald an Raum für die Kreuze und an Kreuzen für die Leiber.
2. Weit entfernt jedoch, auf dieses grauenhafte Schauspiel hin ihren Sinn zu ändern, benutzten die Aufrührer dasselbe vielmehr dazu, auch das übrige Volk umzustimmen. Sie schleppten die Angehörigen der Überläufer und die Bürger, welche auf Übergabe drangen, zur Mauer und zeigten ihnen, was diejenigen zu erdulden hatten, die zum Feinde geflohen waren; zugleich behaupteten sie, die Gekreuzigten seien als Schutzflehende, nicht als Kriegsgefangene so behandelt worden. Das hielt manchen, der sich mit dem Gedanken an Flucht getragen hatte, in der Stadt zurück, bis der wahre Sachverhalt bekannt wurde. Einige jedoch liefen trotzdem sogleich davon und ihrem sicheren Verderben entgegen, da sie den Tod von Feindeshand im Vergleich mit dem durch Hunger für eine Wohlthat hielten. Vielen Gefangenen liess übrigens Titus die Hände abhauen, schickte sie, damit sie nicht für Überläufer gälten und ihr jammervoller Zustand ihnen Glauben verschaffe, zu Joannes und Simon zurück und liess den beiden Tyrannen vorstellen, sie möchten doch nun endlich einhalten und ihn nicht zur Verwüstung der Stadt zwingen, vielmehr noch im letzten Augenblick in sich gehen und nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch ihre herrliche Vaterstadt und den Tempel retten, an dem fortan niemand ausser ihnen ein Eigentumsrecht haben solle. Inzwischen umritt er die Wälle und feuerte die Schanzarbeiter an, um darzuthun, dass seinen Drohungen die Ausführung binnen kurzem folgen werde. Die Antwort der auf der Mauer befindlichen Juden aber bestand darin, dass sie den Caesar und dessen Vater beschimpften. Der Tod, riefen sie, den sie für nichts achteten, sei ihnen viel lieber als die Knechtschaft; den Römern aber würden sie nach Möglichkeit Schaden zufügen, so lange noch Atem in ihnen sei. An der Vaterstadt liege ihnen nicht das mindeste, da sie ja doch, wie Titus sage, zu Grunde gehen müssten, und Gott habe noch einen besseren Tempel als diesen, nämlich die Welt. Doch auch der Tempel Jerusalems werde von dem, dessen Wohnung er sei, gerettet werden; mit ihm ira Bunde verlachten sie jede Drohung, hinter der die That zurückbleibe: denn der Ausgang stehe bei Gott. Solcherlei Äusserungen, mit Sch mäh Worten vermischt, riefen sie dem Caesar zu.
3. Um diese Zeit fand sich auch Antiochus Epiphanes an der Spitze einer stattlichen Schar Schwerbewaffneter und mit einer Leibwache, der sogenannten macedonischen Truppe, vor Jerusalem ein. Es waren lauter gleich alterige, schlankgewachsene Leute, kaum über die Knabenjahre hinaus, auf macedonische Art ausgerüstet und geschult, woher sie auch ihre Benennung hatten; die meisten jedoch blieben hinter dem Ruhm ihres Volkes zurück. Von allen Königen, die der römischen Oberherrschaft unterstanden, war der Kommagener wohl der glücklichste, ehe sich sein Schicksal wandte; aber auch an ihm bewahrheitete sich noch in seinem Greisenalter der Satz, dass niemand vor seinem Tode glücklich zu preisen sei. Sein Sohn nun, welcher damals zu einer Zeit erschien, wo der Vater noch auf dem Gipfel seines Glückes stand, gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass die Römer mit dem Sturm auf die Mauer zögerten; er selbst nämlich war ein gewandter Krieger, von Natur waghalsig und mit einer so gewaltigen Körperkraft ausgerüstet, dass seine Tollkühnheit selten ihr Ziel verfehlte. Titus lächelte und entgegnete nur: „Unsere Aufgabe sei auch die eurige“ Da stürmte Antiochus, wie er war, mit seinen Macedoniern gegen die Mauer an. Er für seine Pereon wusste dabei freilich infolge seiner Starke und Gewandtheit den Geschossen der Juden auszuweichen, während seine eigenen Pfeile stets trafen; seine jungen Krieger aber wurden bis auf ein kleines Häuflein aufgerieben. Diese wenigen harrten übrigens, um ihrem Versprechen nicht untreu zu werden, um die Wette im Kampfe aus und traten endlich, vielfach verwundet, den Rückzug an. Sie hatten gelernt, dass auch geborene Macedonier, wenn sie siegen wollen, Alexanders Glück nicht entbehren können.
4. Mit Mühe und nach siebzehntägiger unausgesetzter Arbeit vollendeten die Römer am neunundzwanzigsten des Monats Artemisios den Bau der Wälle, den sie am zwölften desselben Monats begonnen hatten. Vier Hauptwälle hatten sie angelegt Der eine, der Antonia gegenüber, war von der fünften Legion mitten durch den sogenannten Struthionteich, ein anderer etwa zwanzig Ellen weiter entfernt von der zwölften Legion aufgeführt worden. Die zehnte Legion hatte in bedeutendem Abstand von diesen Wällen im Norden bei dem sogenannten Amygdalonteich ihr Werk errichtet; dreissig Ellen weiter an dem Grabmal des Hohepriesters Joannes befanden sich dann die Schanzarbeiten der fünfzehnten Legion. Schon wurden die Maschinen herbeigeschafFt Joannes aber liess unterdessen von innen her in dem Zwischenraum zwischen der Antonia und den Wällen einen unterirdischen Gang graben und diesen wie auch zugleich damit die Werke selbst durch Pfahle stützen. Dann brachte er mit Pech und Asphalt bestrichenes Holz hinein und liess es anzünden. Als nun die Pfähle von unten herauf verbrannt waren, fiel der Gang ein, und die Verschanzungen stürzten mit heftigem Krachen nach. Zuerst erhob sich nur ein dichter, mit 6taub untermischter Qualm, da das Feuer durch den Schutt halb erstickt war; als aber das zusammengesunkene Holz verkohlt war, brach die Flamme lichterloh hervor. Dieses unvorhergesehene Ereignis versetzte die Römer in Schrecken, und die List, mit der er es ersonnen war, raubte ihnen völlig den Mut. Schon hatten sie geglaubt, dem Siege nahe zu sein; das soeben Geschehene aber kühlte auch die Erwartungen, die sie auf die Zukunft setzten, bedeutend ab. Dem Feuer Einhalt zu thun hielten sie für zwecklos; denn wenn es auch gelöscht wurde: die Dämme blieben doch versunken.
5. Zwei Tage später griff Simon mit den Seinigen auch die anderen Wälle an, wo die Römer bereits die Sturmböcke herangerückt hatten und mit ihnen die Mauer erschütterten. Ein gewisser Tephthaeus aus der Stadt Garsis in Galilaea, ferner Megassar, ein Kammerdiener der Mariamne, und ein Adiabener, des Nabataeus Sohn, nach einem körperlichen Gebrechen Chageiras — d. i. der Lahme — zubenannt, ergriffen Fackeln und stürmten auf die Maschinen los. Tollkühnere Männer und gefürchtetere als sie hatte die Stadt in diesem Kriege nicht aufzuweisen; denn gerade als wenn sie Kameraden entgegenzögen und nicht vielmehr einer dichtgedrängten Feindesschar, zeigten sie weder Furcht noch Bedenken, noch gaben sie ihren Plan auf, sondern mitten durch die Reihen der Feinde drangen sie vor, um die Maschinen in Brand zu stecken. Ein Hagel von Geschossen empfing sie, und von allen Seiten wurden sie mit dem Schwert angegriffen; gleichwohl zogen sie sich nicht eher aus ihrer gefährlichen Stellung zurück, als bis das Feuer die Geschütze ergriffen hatte. Als nun die Flamme emporschlug, liefen die Römer aus den einzelnen Lagern zur Hilfe herbei; die Juden aber drängten sie von der Mauer weg und gerieten mit denen, die den Brand löschen wollten, ins Handgemenge, wobei sie ihr eigenes Leben nicht im mindesten schonten. Wenn die Römer ihre Sturmböcke, während das Flechtwerk über denselben schon brannte, aus dem Feuer zogen, suchten die Juden mitten in den Flammen sich der Maschinen zu bemächtigen und liessen sie selbst dann nicht los, wenn sie glühendes Eisen anfassen mussten. Von den Geschützen sprang das Feuer auf die Wälle über, bevor die Hilfsmannschaft dies verhindern konnte. Schliesslich gaben die Römer, als rings um sie her der Brand wütetete, jede Hoffnung auf Erhaltung ihrer Werke auf und zogen sich ins Lager zurück. Die Juden aber, durch Zuzug aus der Stadt mehr und mehr verstärkt und durch ihren Erfolg kühn gemacht, stürmten nun mit einem Ungestüm, das keine Grenzen zu kennen schien, vorwärts und waren alsbald bei den Lagerverschanzungen angelangt, wo sie mit den Wachen handgemein wurden. Vor dem Lager steht nämlich bei den Römern ein Wachtposten, der regelmässig abgelöst 'wird, und es ist strenges Gesetz bei ihnen, dass, wer aus irgend einem Grunde seinen Posten verlässt, mit dem Tode bestraft wird. Die Wachen, welche lieber als tapfere Soldaten sterben wie als Verbrecher hingerichtet sein wollten, hielten stand; viele von denen aber, die geflohen waren, schämten sich, als sie ihre Kameraden in Not sahen, und machten wieder kehrt. Auf der Umwallung des Lagers pflanzten sie nun schnell die Skorpionen auf und hielten damit den aus der Stadt hervorgebrochenen Haufen ab, der zu seiner Sicherheit und zu seinem Schutze keinerlei Vorsichtsmassregeln getroffen hatte. Die Juden nämlich banden mit jedem an, der ihnen in den Weg kam, und warfen nicht selten die Feinde durch die Last ihrer Leiber um, mit denen sie unvorsichtiger Weise in deren Speere gerannt waren. Weniger durch wohlüberlegtes als durch keckes Handeln waren sie somit den Hörnern voraus, und die letzteren gingen den Juden mehr darum aus dem Wege, weil diese so tollkühn waren, als weil sie besonderen Schaden von ihnen erlitten hätten.
6. Schon aber war der Caesar von der Antonia her, wohin er sich begeben hatte, um einen Platz für andere Dämme auszusuchen, wieder bei den Seinen eingetroffen und machte ihnen strenge Vorwürfe darüber, dass sie, im Besitz der feindlichen Mauern, ihre eigenen Werke preisgäben und nun selbst die Rolle der Belagerten spielen müssten, nachdem sie die Juden wie aus einem Gefängnis gegen sich losgelassen hätten. Dann fiel er mit seinen Kern truppen den Feinden in die Flanke. Obwohl nun die Juden schon von der Front her hart bedrängt wurden, wandten sie sich doch auch gegen Titus und wehrten sich tapfer. Bald entstand ein wirres Durcheinander in den beiderseitigen Schlachtreihen: der Staub blendete die Augen, das Geschrei übertäubte die Ohren, und hüben wie drüben vermochte man den Freund vom Feinde nicht mehr zu unterscheiden. Während aber die Juden jetzt weniger im Gefühl ihrer Stärke als aus Verzweiflung standhielten, spornte dagegen die Römer der Gedanke an Ruhm und Waffenehre sowie die Rücksicht auf den Caesar an, der allen voran der Gefahr ins Auge sah. Im Übermass ihrer Erbitterung, glaube ich, würden sie wohl schliesslich die ganze Schar der Juden niedergemacht haben, hätten diese sich nicht, ohne den Ausgang des Treffens abzuwarten, in die Stadt zurückgezogen. Das Einsinken der Dämme hatte übrigens die Römer völlig mutlos gemacht, da sie die Arbeit vieler Tage in einer Stunde vernichtet sahen, und viele verzweifelten nunmehr daran, mit den gewöhnlichen Maschinen die Stadt erobern zu können.
1. Titus hielt nun Kriegsrat Die hitzigeren Offiziere waren der Meinung, man solle mit der ganzen Streitmacht auf einmal die Mauern zu erstürmen suchen. Denn bis jetzt seien die Juden nur mit einzelnen Teilen des Heeres handgemein geworden; wenn man aber in Masse gegen sie vorrücke, würden sie wohl den Anprall nicht aushalten können, da der Geschosshagel sie völlig zermalmen müsse. Von den Besonneneren dagegen rieten die einen, abermals Dämme zu bauen, die anderen, ohne dergleichen Werke die Belagerung fortzusetzen, lediglich das Verlassen der Stadt seitens der Einwohner und die Einfuhr von Lebensmitteln in dieselbe zu verhindern und so die Feinde dem Hunger zu überlassen, ohne dass man sich weiter mit ihnen schlage: denn mit der Verzweiflung sei nicht zu kämpfen: Durchs Schwert zu fallen sei der Wunsch der Juden; geschehe das aber nicht, so warte ihrer ein schrecklicheres Los. Titus selbst hielt es nicht für ehrenvoll, mit einem so grossen Heere ganz müssig zu liegen, anderseits aber auch für unnötig, mit Leuten zu kämpfen, die einander selbst den Untergang bereiteten. Neue Wälle aufzuführen erklärte er wegen Mangel an Bauholz für ein schwieriges Stück Arbeit, sämtliche Ausgänge zu sperren für noch schwieriger. Denn mit dem Heere die Stadt völlig zu umzingeln, sei wegen der Grösse Jerusalems und der ungünstigen Terrain Verhältnisse nicht leicht, auch mit Rücksicht auf die Ausfälle der Juden gefährlich. Übrigens würden die Belagerten, wenn man auch alle bekannten Ausgänge bewache, im Drange der Not und, gestützt auf ihre Kenntnis der Örtlichkeit, geheime ersinnen. Werde nun auf verborgenen Wegen Proviant in die Stadt geschafft, so müsse die Belagerung sich dadurch bedeutend in die Länge ziehen, und er furchte, dass, je mehr Zeit verstreiche, desto weniger Ruhm mit dem Siege verbunden sein möchte. Auf die Dauer könne man freilich alles zu Ende führen, aber der Ruhm sei wesentlich durch rasches Handeln bedingt. Um nun Schnelligkeit mit Sicherheit zu vereinigen, müsse man die ganze Stadt mit einer Ringmauer umschliessen; nur so sei man imstande, alle Auswege zu sperren, und es müssten dann die Juden entweder in völliger Verzweiflung Jerusalem übergeben oder, ohne dass die Römer ein Glied zu rühren brauchten, der Hungersnot zum Opfer fallen. Selbstverständlich werde er in diesem Falle auch nicht die Hände in den Schoss legen, sondern sich den Bau neuer Wälle angelegen sein lassen, da er dann einen viel schwächeren Widerstand zu erwarten habe. Halte indes jemand dieses Werk für zu gross und zu schwer ausführbar, so solle er bedenken, da98 kleine Unternehmungen sich für die Römer nicht schickten, und etwas Bedeutendes ohne Anstrengung zu vollenden keinem leicht sei, ausser der Gottheit allein.
2. Mit diesen Darlegungen überzeugte er die Offiziere und gab sogleich Befehl, den Truppenteilen ihre Arbeit anzuweisen. Ein wunderbarer Eifer ergriff nun die Soldaten, und nachdem die einzelnen Strecken der Ringmauer verteilt waren, arbeiteten nicht nur die Legionen, sondern in denselben auch die Kohorten miteinander um die Wette. Der Gemeine suchte dem Decurio, der Decurio dem Centurio, und dieser dem Tribun zu gegefallen; der Ehrgeiz der Tribunen strebte dann wieder nach dem Beifall der Legaten, und den Wetteifer der letzteren belohnte der Caesar. Titus machte nämlich oftmals des Tages die Runde, um das Werk zu besichtigen. Von dem Lager der Assyrier aus, wo er sein Hauptquartier hatte, führte er die Mauer in die untere Neustadt, von hier über den Kedron an den ölberg, und liess sie dann nach Süden hin den Berg bis zum Peristereonfels sowie den nahegelegenen Hügel umfassen, i D. i. Taubenfels. Für denselben hält man die Prophetengräber oder..das sogenannte kleine Labyrinth an der südlichen Vorkuppe des Ölberges. der sich über dem Thal bei der Siloaquelle erhebt; von da an gab er ihr eine westliche Richtung und liess sie in eben dieses Thal sich senken. Alsdann erstreckte sie sich bei dem Grabmal des Hohepriesters Ananus aufwärts und schloss den Berg ein, wo einst Pompejus gelagert hatte, zog sich hierauf gegen Norden an einem Dorf Erbsenhausen vorbei, umfasste weiterhin das Grabmal des Herodes und endigte nach Osten zu bei dem Lager des Feldherrn, wo sie auch ihren Anfang genommen hatte. Die ganze Umwallungslinie hatte eine Länge von neununddreissig Stadien; aussen waren dreizehn Wachtkastelle an sie angebaut, deren Umfang zusammengerechnet zehn Stadien betrug. In drei Tagen war der Bau errichtet und damit ein Werk, für welches Monate nicht zu viel gewesen wären, in unglaublich kurzer Zeit vollendet worden. Nachdem nun der Feldherr mit dieser Ringmauer die Stadt eingeschlossen und Truppen in die einzelnen Wachtkastelle gelegt hatte, machte er selbst in der ersten Nachtwache die Runde, um nachzusehen; die zweite übertrug er dem Alexander, und die dritte fiel den Führern der Legionen zu. Die Wachmannschaften ihrerseits losten die Schlafstunden aus und begingen dann die ganze Nacht hindurch die Zwischenräume zwischen den einzelnen Kastellen.
3. Mit der Möglichkeit, aus der Stadt zu entkommen, war nun den Juden jegliche Aussicht auf Rettung abgeschnitten, und die Hungersnot, die immer schrecklicher wurde, raffte das Volk häuser- und familienweise dahin. Die Dächer lagen voll entkräfteter Weiber und Kinder, die Gassen voll toter Greise. Knaben und Jünglinge, krankhaft angeschwollen, wankten wie Gespenster über die öffentlichen Plätze und sanken zu Boden, wo einen die Hungerseuche ergriff. Ihre Ad gehörigen zu bestatten vermochten die Entkräfteten nicht mehr; die noch Rüstigeren aber scheuten sich davor wegen der Menge der Toten und der Ungewissheit ihres eigenen Schicksals. Viele starben auf den Leichen, die sie beerdigen wollten, viele auch schleppten sich, noch ehe das Verhängnis sie ereilte, zu den Grabstätten. Keine Thräne, keine Wehklage begleitete dieses entsetzliche Elend: alles Gefühl hatte der Hunger ertötet. Mit trockenen Augen und weitgeöffnetem Munde starrten die langsam Dahinsterbenden auf die, welche vor ihnen zur Ruhe gekommen waren. Tiefes Schweigen, wie eine bange Todesnacht, lag über der Stadt Fürchterlicher aber als alles dies waren die Räuber: gleich Totengräbern drangen sie in die Häuser ein, plünderten die Leichen, rissen ihnen die Verhüllung weg und gingen unter wüstem Gelächter hinaus oder erprobten die Spitzen ihrer Dolche an den entseelten Körpern; ja, sie durchbohrten sogar manchmal solche, die hingefallen waren, aber noch lebten, um die Schärfe des Mordstahls zu prüfen. Andere dagegen, die sich den Gnadenstoss von ihnen erbaten, überliessen sie voll übermütigen Hohnes dem Hunger. Sämtliche Sterbenden blickten starren Auges zum Tempel hinauf, wo sie die Empörer lebend zurückliessen. Anfangs sorgten diese noch dafür, dass die Toten auf öffentliche Kosten begraben wurden, weil sie den Geruch nicht ertragen konnten; später aber, als der Leichen gar zu viele wurden, warf man sie einfach von den Mauern in die Schluchten hinab.
4. Als Titus auf einem seiner Rundgänge diese Schluchten mit Toten gefüllt und die Menge Jauche sah, die aus den verwesenden Leichen floss, breitete er seufzend seine Hände aus und rief Gott zum Zeugen an, dass dies nicht sein Werk sei. So sah es in der Stadt aus. Die Römer hingegen waren, da jetzt auch die Aufrührer, von Zaghaftigkeit und den Qualen des Hungers ergriffen, keine Ausfälle mehr machten, frohlieh und wohlgemut; denn sie hatten an Getreide und anderen notwendigen Lebensmitteln, die ihnen aus Syrien und den benachbarten Provinzen zugeführt wurden, durchaus keinen Mangel. Viele stellten sich in der Nähe der Mauer auf, zeigten geflissentlich ihren reichen Vorrat an Speisen und reizten durch ihren Überfluss den Hunger der Feinde noch mehr. Da aber all dieser Jammer die Empörer nicht nachgiebig machte, fing Titus aus Mitleid mit dem Reste der Bürgerschaft und um wenigstens das, was noch übrig war, vom Untergang zu retten, wieder an Wälle zu errichten, so schwer sich auch das Bauholz beschaffen liess. Für die früheren Werke nämlich waren bereits alle Bäume im Umkreis der Stadt gefällt worden, und die Soldaten mussten nun anderes Holz aus einer Entfernung bis zu neunzig Stadien herbeiholen. Allein der Antonia gegenüber warfen sie sodann vier Dämme auf, weit grösser als die früheren; der Caesar aber ritt von einer Legion zur anderen und trieb die Arbeiter zur Eile an, um so den Räubern zu zeigen, dass sie in seiner Hand seien. Sie allein indes fühlten keine Reue wegen ihrer Frevelthaten; es war, als hätten sie ihre Seelen von den Leibern getrennt und gebrauchten beide, wie wenn sie nicht ihnen gehörten. Kein besseres Gefühl rührte ihre Seele, keinen Schmerz empfand ihr Körper: wie Hunde zerfleischten sie das tote Volk, und mit den Kranken füllten sie noch die Gefängnisse.
1. Simon liess sogar den Matthias, mit dessen Hilfe er sich der Stadt bemächtigt hatte, eines qualvollen Todes sterben. Matthias, des Boethos Sohn, einer von den Hohepriestern, der beim Volke sehr angesehen war und dessen Vertrauen in hohem Grade besass, hatte, als die Zeloten im Bunde mit Joannes die Bürgerschaft Jerusalems drangsalierten, die letztere überredet, Simon als Retter aufzunehmen, ohne ihm vorher Bedingungen zu stellen oder sich schlimmer Dinge von ihm zu versehen. Kaum jedoch war Simon eingezogen und Herr der Stadt geworden, als er den, der für ihn eingetreten war, genau wie die anderen zu seinen Feinden rechnete, wie wenn er jenen Schritt nur aus Dummheit gethan hätte. Damals also wurde er vor Simon geführt, als Römerfreund angeklagt und von dem Tyrannen, der ihm nicht einmal das Wort zur Verteidigung gestattete, samt dreien seiner Söhne zum Tode verurteilt; der vierte war schon vorher zu Titus entkommen. Und als er Simon flehentlich bat, ihn zum Dank dafür, dass er ihm die Stadt geöffnet, vor seinen Söhnen hinrichten zu lassen, gab dieser sogar Befehl, ihn zuletzt zum Tode zu führen. So ward er denn auf den Leichen seiner Kinder, die man vor seinen Augen ermordet hatte, hin geschlachtet, und zwar nachdem er an einen für die Römer sichtbaren Ort geführt worden war. Letzteres nämlich hatte Simon dem grausamsten seiner Spiessgesellen, Ananus, dem Sohne des Bamados, aufgetragen, der dann noch die höhnische Frage an Matthias richtete: ob nun diejenigen, zu denen er habe entlaufen wollen, ihm helfen würden? Die Leichen verbot Simon zu beerdigen. Nach ihnen wurde ein Priester Ananias, der Sohn des Masambalos, ein angesehener Mann, ferner der Ratsschreiber Aristeus von Ammaus und fünfzehn andere hervorragende Männer aus dem Volke hingerichtet. Den Vater des Josephus aber hielt man noch immer in strengem Gewahrsam und liess aus Furcht vor Verrat öffentlich bekannt machen, dass niemand aus der Bürgerschaft ihn sprechen oder besuchen dürfe. Wer seinem Unwillen darüber Ausdruck gab, wurde ohne weiteres niedergestossen.
2. Auf diese Ereignisse hin berief ein gewisser Judas,, des Judas Sohn, einer von Simons Unterbefehlshabern r dem dieser auch die Bewachung eines Turmes anvertraut hatte, zum Teil vielleicht aus Mitleid mit den grausam Ermordeten, hauptsächlich jedoch aus Sorge um sein eigenes Leben, die zehn zuverlässigsten seiner Untergebenen zu sich und sprach zu ihnen: „Wie lange noch wollen wir solche Greuel dulden? Oder welche Hoffnung auf Rettung haben wir, wenn wir diesem Bösewicht treu bleiben? Kämpft nicht schon der Hunger wider uns? Sind nicht die Römer nahezu in der Stadt? Und wie treulos benimmt sich Simon gegen die, die ihm Gutes gethanl Müssen wir nicht bei ihm in steter Angst vor der Hinrichtung leben, während wir auf das Wort der Römer bauen können? Wohlan denn, übergeben wir ihnen die Mauer und retten wir uns selbst und die Stadt! Dem Simon geschieht kein Unrecht, wenn er bald in Verzweiflung gerät und seine Schandthaten büssen muss.“ Nachdem er durch solche Vorstellungen die zehn für seinen Plan gewonnen hatte, sandte er gegen Morgen die übrige ihm unterstellte Mannschaft an verschiedene Plätze weg, damit nichts von dem Anschlag verraten würde, und rief selbst um die dritte Stunde von dem Turm aus die Römer herbei. Von diesen nahmen die einen den Antrag verächtlich auf, andere hegten Misstrauen, und die meisten mochten aus dem Grunde nichts davon wissen, weil sie ja doch binnen kurzem ohne Gefahr die Stadt in ihre Gewalt zu bekommen gedachten. Als aber Titus mit seinen Schwerbewaffneten sich eben der Mauer nähern wollte, kam Simon, der von der Sache Kenntnis erlangt hatte, ihm zuvor, besetzte in aller Eile den Turm und liess die Männer ergreifen, sie vor den Augen der Römer niedermachen und ihre verstümmelten Leichen die Mauer hinabwerfen.
3. Um jene Zeit wurde Josephus, der mit seinen Ermahnungen nicht nachliess, bei einem Rundgang um die Mauer von einem Steinwurf am Kopfe getroffen, sodass er augenblicklich betäubt zu Boden sank. Auf seinen Fall hin stürzten die Juden heraus und würden ihn wohl in die Stadt geschleppt haben, wenn der Caesar nicht schleunigst Leute zu seinem Schutz abgesandt hätte. Während diese sich mit den Juden herumschlugen, wurde Josephus fast ohne alles Bewusstsein von dem, was vorging, weggetragen; die Empörer aber erhoben in der Meinung, den Mann aus dem Wege geräumt zu haben, nach dessen Tod sie so sehr verlangten, ein lautes Freuden geschrei. Alsbald verbreitete sich die Nachricht in der Stadt und rief bei den noch übrigen Bewohnern grosse Niedergeschlagenheit hervor, weil sie in der That den für tot hielten, auf dessen Einfluss hin sie zu den Römern überzugehen wagen konnten. Als die Mutter des Josephus im Gefängnis den Tod ihres Sohnes erfuhr, äusserte sie ihren Wächtern gegenüber, die aus Jotapata waren, sie glaube es gern, denn sie habe ja auch bei Lebzeiten des Josephus seiner nie froh werden können; zu ihren Dienerinnen aber sagte sie insgeheim unter Wehklagen, das habe sie also davon, dass sie Mutter so vieler Kinder geworden sei, nämlich den Sohn nicht einmal begraben zu dürfen, von dem sie einst bestattet zu werden gehofft habe. Doch es sollte die falsche Kunde ihr keinen langen Kummer und den Räubern keine lange Freude bereiten. Josephus nämlich, der sich rasch von seinem Unfall erholt hatte, erschien vor der Mauer und rief seinen Gegnern zu, gar bald würden sie ihm für seine Verwundung Genugthuung geben müssen; das Volk hingegen forderte er abermals auf, sich zu ergeben. Sein Anblick flösste den Bürgern wieder Zuversicht, den Empörern aber Schrecken ein.
4. Manche Überläufer sprangen in der Not geradezu von der Mauer hinab; andere stürmten, als wollten sie kämpfen, mit Steinen in der Hand hervor und flohen dann zu den Römern. Hier aber traf sie ein traurigeres Los, wie die in der Stadt: die Sättigung, die sie bei den Römern fanden, führte ihren Tod rascher herbei als der Hunger, dem sie bis dahin ausgesetzt waren. Denn wenn sie bei den Feinden anlangten, waren sie infolge des Mangels, den sie gelitten, aufgedunsen und wie wassersüchtig; überluden sie sich dann gierig den leeren Magen, so zerbarsten sie, und nur die kamen mit dem Leben davon, welche, durch Erfahrung gewitzigt, ihren Heisshunger bezwangen und dem Körper, der an Speise nicht mehr gewöhnt war, dieselbe allmählich zuführten. Der also Geretteten aber wartete eine andere Plage. Bei den Syrern nämlich ertappte man einen Überläufer, der aus seinem Kot Goldstücke auslas. Solche pflegten die Juden ja, wie oben erzählt, zu verschlingen, ehe sie sich hinaus wagten, da die Empörer alle durchsuchten; und es war eine Menge Gold in der Stadt: man kaufte um zwölf Attiken, was sonst fünfundzwanzig galt. Da nun die List bei einem, der sie angewandt, entdeckt war, durchlief alsbald sämtliche Lagerplätze das Gerücht, die Überläufer seien, wenn sie ankämen, ganz mit Gold gefüllt. Viele Araber und auch Syrer schnitten infolgedessen den um Gnade Flehenden die Bäuche auf, um sie nach Gold zu durchsuchen. Keine schlimmere Misshandlung ist wohl den Juden widerfahren: in einer einzigen Nacht wurde gegen zweitausend Überläufern der Leib aufgeschlitzt.
5. Als der Caesar diese Greuelthat erfuhr, hatte er nicht übel Lust, die Schuldigen mit Reiterei umzingeln und durch Lanzenstiche töten zu lassen. Nur die grosse Anzahl derselben hielt ihn davon ab; denn derer, die er hätte strafen müssen, waren viel mehr als der auf jene Weise Ermordeten. Er beschied daher die Anführer der Hilfstruppen und der Legionen — denn auch römische Soldaten wurden der Teilnahme an der Unthat bezichtigt — zu sich und fragte sie voll Entrüstung, ob es denn wirklich unter seinen eigenen Kriegern welche gebe, die solche Schändlichkeiten um eines unsicheren Gewinnes willen verüben könnten, und ob sie sich nicht ihrer aus Gold und Silber gefertigten Waffen schämten. Die Araber und Syrer aber fuhr er an: „Also wollt ihr in einem Kriege, der euch persönlich gar nichts angeht, zuerst eure Leidenschaften eigenmächtig befriedigen und dann eure grausame Mordlust und euren Judenhass den Römern anhängen? Denn leider haben sich ja auch einige meiner eigenen Soldaten an eurem schändlichen Treiben beteiligt!“ Hierauf drohte er den fremden Truppen mit Hinrichtung, wenn noch einmal jemand bei einer solchen Greuelthat betroffen würde; den Legionen aber gab er Befehl, die Verdächtigen zu ermitteln und ihm vorzuführen. Die Geldgier indes achtet, wie es scheint, keiner Strafe; ein entsetzliches Verlangen nach Gewinn ist dem Menschen angeboren, und keine Leidenschaft treibt ihn so unaufhaltsam ins Verderben, wie die Habsucht, während doch sonst die Begierden ihre Grenzen haben und durch Furcht im Zaum gehalten werden können. Freilich war dabei auch Gottes Hand im Spiele, der das ganze Volk verworfen hatte und ihm jedes Rettungsmittel zum Verderben ausschlagen liess. Was der Caesar unter Drohungen verboten hatte, das beging man jetzt heimlich an den Überläufern: die Barbaren fingen die Flüchtlinge ab, ehe sie von allen erblickt werden konnten, und stiessen sie nieder; dann spähten sie umher, ob nicht ein Römer zusehe, schnitten die Unglücklichen auf und holten aus deren Einge weiden den scheusslichen Gewinn. Nur bei einigen wenigen übrigens fand sich Gold vor; die meisten wurden um einer trügerischen Hoffnung willen ermordet. Immerhin brachte ihr trauriges Schicksal viele andere, die überzugehen im Sinne hatten, von ihrem Vorhaben wieder ab.
6. Unterdessen verlegte sich Joannes, als beim Volke LiÄ! IlSITY <3$ C II! OlliA nichts mehr zu holen war, auf die Beraubung des Tempels. Eine Menge der in demselben befindlichen Weihgeschenke, gottesdienstlichen Gerate, Mischgefasse, Schüsseln und Tische liess er einschmelzen; nicht einmal der von Augustus und seiner Gemahlin gestifteten Weinkrüge schonte er. Die römischen Caesaren hatten den Tempel stets in Ehren gehalten und seinen Schmuck vermehrt; jetzt aber raubte ein geborener Jude die Geschenke der Ausländer. Gottgeweihte Gegenstände, sagte er zu seiner Umgebung, dürfe man ohne Bedenken zu Ehren der Gottheit verwenden, und es sei nicht mehr wie recht, dass die, welche für das Heiligtum kämpften, auch von ihm lebten. Deshalb holte er auch das im inneren Tempel befindliche heilige öl und den heiligen Wein, den die Priester auf bewahrten, um ihn über die Brandopfer zu giessen, hervor und verteilte beides unter seine Leute, welche jeder mehr als ein Hin davon versalbten und vertranken. Zu verschweigen, was mein Gefühl mir eingiebt, kann ich nicht über mich bringen: wenn die Römer das Verbrechergesindel nicht alsbald vernichtet hätten, so wäre die Stadt, glaube ich, von der Erde verschlungen oder von einer Sintflut überschwemmt l oder, wie Sodoma, vom Feuer des Himmels verzehrt worden; denn sie barg ein viel gottloseres Geschlecht, 'als dasjenige war, über welches jene Strafgerichte hereinbrachen. Fürwahr, der Wahnsinn dieser Frevler stürzte das ganze Volk ins Verderben.
7. Wozu aber soll ich die Drangsale einzeln aufzählen? Versicherte doch Mannaeus, des Lazarus Sohn, der um diese Zeit zu Titus floh, dass durch ein einziges Thor, welches er zu bewachen hatte, von dem Tage an, da das Lager vor J der Stadt errichtet worden war, also vom vierzehnten desJMonats Xanthikos bis zum Neumond des PanemoB hundertfünfzehntausendachthundertundachtzig Leichen hinausgetragen worden seien — «ine wahrhaft erschreckliche Anzahl. Übrigens hatte er nicht als Befehlshaber der Thorwache nebenbei, sondern kraft besonderen amtlichen Auftrags die Toten gezählt, weil er aus der Stadtkasse den Beerdigungslohn auszahlen musste. Die anderen wurden von ihren Angehörigen begraben; das Begräbnis aber bestand darin, dass man die Leichen aus der Stadt trug und hinabstürzte. Viele angesehene Überläufer, die nach ihm kamen, gaben die Gesamtzahl der Leichen von Armen, welche zu den Thoren hinausgeworfen wurden, auf sechshunderttausend an; die Zahl der übrigen sei nicht zu ermitteln gewesen. Als die Kraft der Leute nicht mehr ausreichte, um die Armen vors Thor zu tragen, habe man, sagten sie weiter, die Leichen in die grösseren Häuser zusammen geschleppt und daselbst eingeschlossen. Das Mass Weizen sei um ein Talent verkauft worden, und als man hernach wegen der Einschliessung der Stadt auch kein Gemüse mehr habe sammeln können, sei die Not bei manchen so hoch gestiegen, dass sie die Kloaken und alten Rindermist durchstöbert hätten, um irgend etwas Essbares daraus zu sammeln; was man sonst nur mit Ekel habe; sehen können, sei damals Nahrungsmittel geworden. Die Römer fühlten Erbarmen, als sie dies hörten; die Empörer aber, die alles mit eigenen Augen schauten, blieben ungerührt und starren Sinnes, bis die Not auch sie* ergriff. Das Verhängnis, das bereits über der Stadt wie über ihren eigenen Häuptern schwebte, hatte sie gänzlich verstockt gemacht.
Deutsche Fassung: Übersetzung von Heinrich Clementz (1859–1946), Halle a. d. S., Otto Hendel, 1900 – gemeinfrei (Übersetzer vor über 70 Jahren gestorben). Text aus dem Digitalisat des Internet Archive (Texterkennung, automatisch bereinigt; gelegentliche Erkennungsfehler und die alte Rechtschreibung bleiben; ohne die Anmerkungen des Übersetzers und das Namenregister). Englische Fassung: William Whiston (1737) aus dem Project Gutenberg. · Titelbild schlicht selbst gestaltet