Josephus – Der Jüdische Krieg

Buch 4 – Von der Belagerung Gamalas bis zur Ankunft des Titus vor Jerusalem

Kapitel 1 – Belagerung lind Einnahme von Gamala

1. Nachdem so die Taricheaten bezwungen waren, kehrten diejenigen Galiläer, die auch nach der Eroberung Jotapatas noch im Aufruhr gegen die Römer beharrt hatten, zum Gehorsam zurück, und die Sieger brachten nun sämtliche Festungen und Städte in ihre Gewalt mit Ausnahme von Gischala und der Besatzung des Berges Tabor. Zu letzterer hielt auch die Taricheae gegenüber jenseits des Sees gelegene Stadt Gamala, die ebenso wie Sogane und Seleukia Grenzstadt vom Gebiete Agrippas war. Sogane und Gamala gehörten zu Gaulanitis, ersteres zu dem sogenannten oberen, letzteres zu dem unteren; Seleukia dagegen lag am Semechonitischen See. Dieser ist dreissig Stadien breit und sechzig lang; seine Marschen erstrecken sich bis zur üppigen Landschaft Daphne, wo sich die Quellen befinden, die den sogenannten kleinen Jordan speisen und mit ihm unterhalb des Tempels des goldenen Kalbes in den grossen einmünden. Sogane und Seleukia nun hatte Agrippa zu Beginn der Empörung auf seine Seite gebracht; Gamala aber ergab sich nicht, weil es noch mehr wie Jotapata auf seine von Natur geschützte Lage trotzte. Von einem hohen Gebirgszuge nämlich läuft ein abschüssiger Felsgrat aus, der in der Mitte einen Höcker bildet. Letzterer zieht sich, nachdem er sich erhoben, eine Strecke weit in die Länge und fallt dann vorn ebenso steil ab als hinten, sodass das Ganze einem Kamel gleicht, von dem auch der Ort seinen Namen hat, nur dass die Einwohner diese Ableitung des Namens in der Aussprache nicht deutlich hervortreten lassen. An den Seiten und nach vorn zieht sich der Ort in unzugängliche Schluchten hinab, und nur nach hinten, wo Gamala mit dem Berge zusammenhängt, vermindert sich die Unzugänglichkeit ein wenig; doch hatten auch an dieser Seite die Einwohner durch Anlegung eines der Quere nach sich erstreckenden Grabens die Stadt abzuschneiden und schwerer zugänglich zu machen gesucht. An der abschüssigen Seitenwand des Höhenzuges hingebaut, standen die Häuser überaus dicht aneinander gedrängt, sodass es schien, als ob die Stadt in der Luft schwebe und wegen ihrer steilen Lage über sich selbst Zusammenstürzen wolle. Gamala sah gegen Süden. Ein gleichfalls südlich gelegener, zu bedeutender Höhe ansteigender Hügel diente der Stadt als Burg, von deren oberstem Teil aus eine mit keiner Mauer eingefasste jäh abschüssige Stelle sich in eine sehr tiefe Schlucht senkte. Innerhalb der Mauer und zwar am äussersten Ende der Stadt befand sich auch eine Quelle.

2. Diese schon infolge ihrer natürlichen Lage schwer einnehmbare Stadt hatte Josephus durch Gräben und unterirdische Gänge noch fester gemacht. Die Bewohner verliessen sich auf die Natur der Örtlichkeit noch mehr als die Jotapatener, hatten aber viel weniger streitbare Mannschaft und nahmen auch im Vertrauen auf die Festigkeit des Platzes keine Verstärkungen auf. Die Stadt war nämlich ihrer starken Festungswerke wegen voll von Flüchtlingen, weshalb sie sich auch gegen ein Belagerungsheer Agrippas sieben Monate lang gehalten hatte.

3. Vespasianus brach nun von Ammaus (das Wort bedeutet „warme Bäder“ — es befinden sich nämlich daselbst warme Heilquellen), wo er im Angesichte von Tiberias ein Lager errichtet hatte, auf und rückte vor Gamala. Eine vollständige Einschliessung freilich liess die Lage der Stadt nicht zu; doch stellte er an den Punkten, wo dies möglich war, Posten auf und ordnete die Besetzung des die Stadt beherrschenden Berges an. Nachdem die Legionen in gewohnter Weise auf demselben ein Lager gebaut hatten, begann er an der Hinterseite mit Aufführung der Dämme, ebenso im Osten, wo an dem höchsten Punkte der Stadt sich ein Turm befand, bei dem die fünfte und die zehnte Legion lagerten. Die fünfte arbeitete von hier aus gegen die Mitte der Stadt, während von der zehnten die Gräben und die natürlichen Vertiefungen ausgefüllt wurden. Da geschah es, dass einer der Schleuderer den König Agrippa, als dieser sich der Mauer näherte und mit den auf ihr stehenden Juden in betreff der Übergabe unterhandeln wollte, mit einem Stein am rechten Ellbogen traf. Alsbald scharten des Königs Freunde sich um ihn; die Römer aber verlegten sich aus Zorn über die Verletzung des Königs und aus Furcht für sich selbst jetzt nur noch eifriger auf die Belagerung. Sie glaubten nämlich, dass Leute, die gegen ihren eigenen Landsmann und wohlmeinenden Ratgeber so erbittert seien, in der Grausamkeit gegen Fremde und Feinde alles Mass überschreiten würden.

4. Als nun die Dämme durch die Menge der Hände und durch die Übung, welche die Römer in solchen Arbeiten hatten, schnell vollendet waren, brachten sie die Maschinen heran. Unterdessen hatten Ghares und Josephus, die angesehensten Männer der Stadt, ihre Bewaffneten zum Kampf geordnet. Die letzteren waren übrigens ziemlich mutlos, da sie, mit Wasser und sonstigen Lebensmitteln nicht hinreichend versehen, die Belagerung nicht lange aushalten zu können glaubten; die Führer aber munterten sie auf und liessen sie trotzdem an die Mauer heranrücken. Wirklich gelang es ihnen auch, diejenigen ihrer Gegner, welche die Maschinen aufstellen wollten, eine Zeitlang zurückzuschlagen; als sie aber mit Katapulten und Bailisten beschossen wurden, zogen sie sich alsbald wieder in die Stadt hinein. Nun liessen die Römer an drei Stellen Sturmböcke wirken und brachten auf diese Weise die Mauer zum Wanken. Unter lautem Trompetengeschmetter, Waffengeklirr und Schlachtgeschrei strömten sie sodann durch die Breschen in die Stadt ein und gerieten mit den innen befindlichen Gegnern ins Handgemenge. Gegen ihre ersten Anläufe hielten die Juden stand, hinderten die Römer am Vordringen und schlugen sie tapfer zurück; endlich aber mussten sie doch der Überzahl und dem von allen Seiten erfolgenden Angriff weichen und sich in die höher gelegenen Stadtteile zurückziehen. Als die Feinde ihnen auch hierher nachdrängten, machten sie wieder kehrt, stürzten sich auf die Römer und trieben diese gegen den steilen Abhang zusammen, wo sie auf engem und schwierigem Terrain sich nicht mehr zu helfen wussten und niedergemacht wurden. Andere flüchteten bei der Unmöglichkeit, sich gegen die höher stehenden Juden zu wehren oder sich durch die Reihen ihrer eigenen vorwärts stürmenden Leute durchzuschlagen, auf die Dächer der feindlichen Häuser, die vom Erdboden aus zu erreichen waren. Kaum aber waren die Dächer gefüllt, als sie unter der Last einbrachen, und sobald ein Haus zusammenstürzte, warf es viele der tiefer stehenden Gebäude um, wie diese hinwiederum die weiter unterhalb gelegenen. Das brachte einer Menge Römer den Tod; denn in ihrer Ratlosigkeit sprangen sie auf die Däener, auch wenn sie dieselben schon einsinken sahen. Viele wurden so unter den Trümmern begraben, viele auch auf der Flucht verstümmelt; die meisten aber kamen dadurch um, dass sie in den Staubwolken erstickten. Hierin glaubten die Gamalenser den Beistand Gottes zu erkennen, drangen nun, ihrer eigenen Verluste nicht achtend, um so heftiger auf die Römer ein und töteten sie, wie sie in den steifen Gassen ausglitten und zu Boden stürzten, alsbald durch Schüsse von oben her. Steine lieferten ihnen die Haustrümmer in Menge, und Waffen die erschlagenen Feinde; denn den Gefallenen rissen sie die Schwerter von der Seite und gebrauchten sie gegen die mit dem Tode ringenden Römer. Viele der letzteren übrigens töteten sich, als sie in Gefahr waren, von den Dächern zu fallen, dadurch, dass sie sich selbst hinabstürzten. Aber auch für die, welche die Flucht ergriffen hatten, war es nicht leicht, zu entkommen; denn da sie der Wege unkundig waren und in dem dichten Staube sich gegenseitig nicht erkannten, verirrten sie sich und fielen einer über den anderen hin.

5. Wer nur irgend einen Ausweg finden konnte, zog sich aus der Stadt zurück. Vespasianus aber blieb stets den Bedrängten zur Seite; denn inniges Mitleid ergriff ihn, als er die Stadt über seinen Soldaten Zusammenstürzen sah. Seiner eigenen Sicherheit nicht achtend, war er, ohne es selbst gewahr zu werden, beinahe bis zum höchsten Punkte der Stadt vorgedrungen, wo er mitten in der grössten Gefahr mit nur wenigen Begleitern sich plötzlich allein sah; sein Sohn Titus nämlich war, mit einer Sendung an Mucianus in Syrien betraut, damals gerade abwesend. Da nun der Feldherr es weder für sicher noch für ehrenvoll hielt, den Rückweg anzutreten, und zugleich der vielen Gefahren, die er von Jugend auf überstanden, sowie seiner dabei bewiesenen Tapferkeit gedachte, liess er, wie von göttlicher Begeisterung durchdrungen, die Leiber und Rüstungen der Seinigen sich gleichsam zu einer einzigen Masse zusammenschliessen, stemmte sich so den von oben herab wogenden feindlichen Scharen entgegen und hielt, ohne vor der Menge der Juden und ihrer Geschosse zu erschrecken, so lange stand, bis die Feinde, in seiner Geistesgegenwart etwas Übermenschliches erkennend, in ihrem Ungestüm nachliessen. Wie nun ihr Andrang schwächer wurde, zog er selbst sich Schritt vor Schritt zurück, doch ohne ihnenlen Rücken zu kehren, bis er sich ausserhalb der Mauer befand. Eine Menge Römer fielen in diesem Kampfe, darunter auch der Decurio Ebutius, ein Mann, der nicht nur in dem Treffen, wo er fiel, sondern auch schon früher bei jeder Gelegenheit sich wahrhaft heldenmütig bewiesen und den Juden grosse Verluste beigebracht hatte. Ein anderer Römer, der Centurio Gallus, wurde samt zehn seiner Soldaten im Kampfgewühl umzingelt; doch gelang es ihm, in ein Haus zu entschlüpfen. Hier vernahm er, wie die Bewohner bei der Abendmahlzeit über die Anschläge des Volkes gegen die Römer sowohl wie gegen ihn und seine Kameraden (er selbst nämlich und seine Leute waren geborene Syrer) sich besprachen. Er fiel deshalb in der Nacht über sie her, tötete sie alle und rettete sich dann mit seinen Soldaten zu den Römern.

6. Das römische Heer ward nun durch den Gedanken an seine Verluste und weil ihm bis dahin noch nirgends ein solches Unglück zugestossen war, sehr niedergeschlagen; noch mehr aber schämte es sich, den Feldherrn in der Gefahr allein gelassen zu haben. Vespasianus suchte es deshalb zu trösten, that jedoch seiner eigenen Person keine Erwähnung, um auch nicht den leisesten Tadel auszusprechen, sondern erklärte, man müsse gemeinsame 38S Unfälle mit festem Mut zu ertragen wissen und bedenken, wie es in der Natur des Krieges liege, dass kein Sieg ohne Blutvergiessen gewonnen werde. Habe das Glück auch einmal einen Schritt rückwärts gethan, so werde sich das doch wieder ändern, und nachdem sie tausende von Juden niedergemacht, hätten sie dem Geschick nun auch selbst ein kleines Opfer bringen müssen. Wie es niedrige Gesinnung verrate, wenn man sich im Glück masslos überhebe, so sei es anderseits unmännlich, sich durch Unglück allzusehr beugen zu lassen. Denn schnell wechsele das eine mit dem anderen, und der allein sei ein wackerer Mann, der auch bei Unfällen besonnen bleibe und die erlittenen Schläge frohen Mutes wieder gut zu machen suche. „Von dem, was soeben geschehen,“ fuhr er fort, „liegt der Grund weder darin, dass wir uns feige benommen hätten, noch in der Tapferkeit der Juden, sondern lediglich die Beschaffenheit des Terrains hat ihnen einen Vorteil und uns Verluste gebracht Hinsichtlich dieses Punktes aber könnte man euch vielleicht den Vorwurf machen, dass ihr in eurem Kampfeseifer zu weit gegangen seid. Denn nachdem die Juden in die höher gelegenen Stadtteile sich zurückgezogen, hättet ihr innehalten und nicht den von oben drohenden Gefahren euch aussetzen, sondern nur die untere Stadt behaupten und allmählich die Gegner zu einem regelrechten Kampf hervorlocken sollen, dessen Ausgang dann wohl nicht zweifelhaft gewesen wäre. Nun aber habt ihr, indem ihr gar zu sehr auf den Sieg erpicht wart, eure eigne Sicherheit ausser acht gelassen. Unbesonnenheit im Kampfe indes und hitziges Drauflosgehen ist nicht üblich bei den Römern, die alle Erfolge ihrer Kriegserfahrung und Taktik verdanken, sondern die Art von Barbaren und ganz besonders auch der Juden. Wir müssen daher auf die uns eigentümliche Tapferkeit zurückkommen und durch den Unfall, der uns freilich nicht hätte begegnen sollen, uns eher ermutigen als einschüchtern lassen. Den besten Trost aber suche ein jeder in seiner eignen Faust: dann wird es euch gelingen, die Gefallenen zu rächen und ihre Mörder zur Strafe zu ziehen. Was mich betrifft, so werde ich es stets halten wie vorhin, nämlich in jedem Kampf euch gegen die Feinde vorangehen und zuletzt das Schlachtfeld verlassen.“

7. Mit solchen Worten richtete er den gesunkenen Mut seines Heeres wieder auf. Auf der anderen Seite war die Freude der Gamalenser über den unerwartet grossen Sieg nur von kurzer Dauer; denn bereits fingen ihnen die Lebensmittel an auszugehen, und zudem mussten sie jetzt einsehen, dass ihnen nicht nur die Hoffnung auf gütlichen Vergleich, sondern auch die Flucht ganz und gär abgeschnitten sei, was sie völlig mutlos und niedergeschlagen machte. Gleichwohl thaten sie noch alles mögliche für ihre Rettung: die tapfersten von ihnen bewachten die Breschen, und die übrigen besetzten die noch stehenden Teile der Mauer. Als aber die Römer mit der Arbeit an den Dämmen fortfuhren und einen abermaligen Sturm versuchten, entflohen viele aus der Stadt, teils durch unzugängliche Schluchten, wo keine Wachtposten standen, teils durch die unterirdischen Gänge. Was dann noch aus Furcht vor Gefangenschaft zurückblieb, ward durch Hunger aufgerieben; denn alle Lebensmittel nahm man für die streitbare Mannschaft in Beschlag.

8. Trotz dieser grossen Drangsal aber blieben sie standhaft. Vespasianus unternahm nun als Nebenarbeit einen Zug gegen die Besatzung des Berges Tabor, der mitten zwischen der grossen Ebene und Skythopolis liegt. Er erhebt sich bis zur Höhe von dreissig Stadien und ist an der Nordseite kaum zu ersteigen. Auf seinem Gipfel dehnt sich eine ebene Fläche von sechsundzwanzig Stadien aus, die ganz von Festungswerken umgeben ist. Diese umfangreiche Ringmauer hatte Josephus in vierzig Tagen erbaut, und es war ihm dabei ausser dem übrigen Baubedarf auch Wasser von unten heraufgescbafft worden, weil man oben nur Regenwasser ' hatte. Hier war eine grosse Menge Juden zusammengeschart, gegen welche nun Vespasianus den Placidus mit sechshundert Reitern entsandte. Da es jedoch dieser • Truppenabteilung nicht möglich war, den Berg zu ersteigen, suchte Placidus die Leute dadurch herabzulocken, dass er ihnen einen gütlichen Vergleich und Begnadigung anbot. Sie kamen denn auch wirklich, aber nur um ihm gleichfalls eine Falle zu stellen. Denn wie Placidus nur deshalb so freundlich mit ihnen redete, um sie auf der Ebene überwältigen zu können, so gingen sie ihrerseits auf seinen Vorschlag scheinbar gutwillig ein, in der That aber um unversehens über ihn herzufallen. Die Hinterlist des Placidus indes trug den Sieg davon. Kaum nämlich hatten die Juden das Gefecht begonnen, als er zum Schein den Rückzug antrat und die Verfolger tief in die Ebene hineinzog. Dann aber liess er plötzlich seine Reiter gegen sie kehrt machen, schlug sie in die Flucht und machte die meisten von ihnen nieder, während er zugleich der übrigen Menge den Weg nach dem Berge abschnitt. Die letztere liess infolgedessen den Tabor im Stich und floh nach Jerusalem zu; die eigentlichen Bewohner aber nahmen einen Vergleich an und ergaben, da ihnen auch das Wasser ausgegangen war, sich selbst und den Berg dem Placidus.

9. Von den Bewohnern Gamalas waren inzwischen die kühneren heimlich entflohen, während die Schwachen vom Hunger aufgerieben wurden. Die streitbare Mannschaft aber hielt die Belagerung noch weiter aus, bis endlich am zweiundzwanzigsten des Monats Hyperberetaios drei Soldaten der fünfzehnten Legion um die Morgenwache an den höchsten, ihrem Lager gegenüberliegenden Turm sich heranschlichen und ihn in aller Stille untergruben, wobei infolge des nächtlichen Dunkels die auf dem Turm befindlichen Wachen weder ihre Annäherung, noch, als sie da waren, ihre Anwesenheit bemerkten. Josephus, jüdischer Krieg. 25 Go glc rniversity üi (yj.ieoiiniy Die Soldaten wälzten nun unter Vermeidung jeglichen Geräusches die fünf mächtigsten Quadern heraus und, sprangen dann schnell weg; plötzlich stürzte der Turm mit gewaltigem Krachen zusammen, die Wächter unter seinen Trümmern begrabend. Auf den anderen Posten. floh alles in grösster Bestürzung davon, und nun machten die Römer eine Menge Juden nieder, die sich durchzuschlagen versuchten; auch Josephus wurde, wie er eben durch die Mauerlücke entspringen wollte, von einem Geschoss ereilt und getötet. Unter den Einwohnern der Stadt aber entstand infolge des markerschütternden Getöses ein Durcheinanderrennen und eine Angst, als ob das ganze feindliche Heer schon eingedrungen wäre. An diesem Tage gab auch Chares, der gerade krank darniederlag, den Geist auf, und zwar trug der Schreckea nicht wenig zu dem tödlichen Ausgange der Krankheit bei. Die Römer waren übrigens durch ihren früheren Unfall gewitzigt worden und rückten erst am dreiundzwanzigsten des genannten Monats in die Stadt ein.

10. Unterdessen war auch Titus angekommen und drang, erbittert über den Schlag, den die Römer in seiner Abwesenheit erlitten hatten, mit zweihundert auserlesenen Reitern und einigem Fussvolk in aller Stille in die Stadt ein. Die Wachen jedoch merkten seine Annäherung und eilten mit lautem Geschrei zu den Waffen; auch wurde sein Einmarsch drinnen in. der Stadt schnell bekannt, worauf die einen ihre Kinder ergriffen und sie samt den Weibern unter Jammergeheul auf die Burg schleppten, andere sich dem Titus entgegenwarfen, der sie nacheinander niedermetzelte. Wem es aber nicht gelang, auf die Höhe der Burg zu entkommen, der geriet alsbald in der Verzweiflung unter die Posten der Römer. Ringsum vernahm man das Stöhnen der Sterbenden, und ström weise rann das Blut die Abhänge der Stadt hinunter. Gegen diejenigen Juden, welche sich auf die Burg geflüchtet hatten, führte nun Vespasianus, seinen Sohn unterstützend, die gesamte Streitmacht heran. Der rings von Felszacken eingefasste und schwer zu ersteigende Gipfel aber ragte in schwindelnde Höhe, wimmelte von Menschen und war zudem von tiefen Abgründen umgeben, sodass es den Juden nicht schwer fiel, die emporklimmenden Römer zu durchbohren und den anderen mit Geschossen und hinabgewälzten Steinen zuzusetzen, während sie selbst wegen der Höhe ihrer Stellung mit Pfeilen so gut wie gar nicht zu erreichen waren. Da erhob sich zu ihrem Verderben wie von Gott gesandt ein widriger Sturm, der die Geschosse der Römer gegen sie jagte, ihre eigenen aber ablenkte und in schiefer Richtung zur Tiefe gelangen liess. Weil sie nun bei der Heftigkeit des Sturmes auf dem steilen Rand, wo es ihnen an Stützpunkten fehlte, weder festen Fuss fassen noch auch die Heraufsteigenden sehen konnten, gelang es den Römern, die Höhe zu erklettern und die Juden zu umzingeln, noch ehe dieselben in der Lage waren, sich zur Wehr zu setzen oder um Schonung zu flehen. Vermehrt ward übrigens die Erbitterung der Römer noch durch das Andenken an ihre beim ersten Sturm gefallenen Kameraden. Schliesslich stürzten sich eine Menge Juden, die nicht mehr ein noch aus wussten, samt Weibern und Kindern in den Abgrund, der sich seitwärts von der Burg in eine ungeheure Tiefe senkte. Ja, die Wut der Eingeschlossenen gegen sich selbst erschien fast noch grösser als die der Römer; denn während von den letzteren viertausend Juden niedergemacht wurden, fand man mehr als fünftausend, die sich selbst in die Tiefe gestürzt hatten. Niemand kam mit dem Leben davon ausser zwei Frauen; beide waren Töchter der Schwester jenes Philippus, der den ausgezeichneten Heerführer des Königs Agrippa, Jakim, zum Vater hatte. Gerettet wurden sie dadurch, dass sie sich während der Erstürmung der Stadt vor der Wut der Römer versteckten; denn diese schonten selbst der Säuglinge nicht, von denen sie viele ergriffen und die S. II, 17,; 20,. Burg hinabschleuderten. So fiel Gamala am dreiundzwanzigsten des Monats Hyper beretaios; begonnen hatte die Empörung am vierundzwanzigsten des Monats Gorpiaios.

Kapitel 2 – Übergabe von Gischala

1. Das Städtchen Gischala war nun in Galilaea allein noch unbezwungen. Die Bevölkerung desselben war zwar friedlich gesinnt, da sie grösstenteils aus Ackerbauern und dergleichen Leuten bestand, die kein anderes Interesse als ihre Ernteaussichten kennen; zu ihrem Verderben aber hatte sich ein nicht unbedeutender Haufe Raubgesindel bei ihnen eingenistet, der auch einen Teil der Bürgerschaft mit dem Fieber der Empörung ansteckte. Der Mann, der diese Leute zum Abfall aufhetzte und zusammenscharte, war Joannes, der Sohn eines gewissen Levi, ein Mensch von betrügerischem und höchst zweideutigem Charakter, stets geneigt, sich mit weitgehenden Hoffnungen zu tragen, und dabei mit Fähigkeiten ausgerüstet, die ihn in den Stand setzten, dieselben zu verwirklichen; übrigens ein Freund von aufrührerischem Treiben, weil er, wie jedermann einsah, dadurch die Herrschaft zu erlangen gedachte. Seiner Führung also unterstanden die Rebellen in Gischala, deren Anwesenheit daran schuld war, dass die Bürgerschaft der Stad die sonst vielleicht wegen der Übergabe unterhandelt hätte, jetzt in kriegerischer Haltung den Anmarsch der Römer erwartete. Vespasianus sandte nun den Titus an der Spitze von tausend Reitern gegen sie aus, und nachdem er sodann die zehnte Legion nach Skythopolis verlegt hatte, trat er selbst mit den beiden übrigen Legionen den Rückmarsch nach Caesarea an, um ihnen eine Erholung von den beständigen Strapazen zu gewähren; die reichen Proviantvorräte dieser Städte würden, so hoffte er, die Leiber und den Mut seiner Soldaten zu den bevorstehenden Kämpfen wieder kräftigen. Denn er verhehlte sich nicht, dass vor Jerusalem noch ein tüchtiges Stück Arbeit seiner harre, da es die Königsstadt, das Herz des Landes und der Sammelplatz der aus den bisherigen Gefechten entkommenen Juden war. Die natürliche, durch künstliche Werke noch erhöhte Festigkeit der Stadt flösste ihm keine geringe Besorgnis ein, zumal er, auch abgesehen von den Festungswerken, die Einwohnerschaft wegen ihres Mutes und ihrer Kühnheit für schwer überwindlich hielt. Aus diesem Grunde bereitete er seine Soldaten wie Athleten zum Kampfe vor.

2. Als Titus mit seiner Reiterschar vor Gischala angelangt war, hätte er die Stadt ohne sonderliche Mühe durch Überrumpelung nehmen können. Da er aber wusste, dass bei einer gewaltsamen Einnahme die Soldaten das Volk in Masse niedermetzeln würden, und er nicht bloss des Mordens satt war, sondern auch Mitleid mit der Menge derer empfand, die dann unschuldig mit den Schuldigen umkommen müssten, zog er es vor, die Stadt durch Übergabe infolge eines Vertrages zu gewinnen. Er wandte sich daher an die in grosser Anzahl auf der Mauer stehenden Männer, die fast durchgehends zu der verworfenen Rebellenrotte gehörten, und erklärte ihnen, er begreife nicht, worauf sie sich eigentlich verliessen, dass sie, nachdem alle Städte gefallen, allein den Waffen der Römer noch Widerstand leisten wollten. Sie sähen doch, wie sogar weit festere Städte schon nach einem einzigen Sturm zerstört worden seien, und wie alle diejenigen sich ihres Besitzes in Sicherheit erfreuen dürften, die sich der Gnade der Römer anvertraut hätten. Diese biete er auch ihnen jetzt an, und es solle ihr übermütiges Benehmen ihnen vergeben und vergessen sein. Verzeihlich sei ja ihre Hoffnung auf Freiheit, keineswegs aber ihr starres Festhalten an dem, was sich nun einmal nicht ermöglichen lasse. Wollten sie nun seinen freundlichen Worten und seinem Anerbieten betreffs einer gütlichen Vereinbaruug kein Gehör schenken, so müsse er schonungslos die Waffen gegen sie gebrauchen, und sie würden dann erkennen, dass die Zerstörung solcher Mauern für die Belagerungsmaschinen der Römer ein Kinderspiel sei. Pochten sie also auf ihre Festungswerke, so zeigten sie eben, dass sie allein unter den Galiläern bei ihrer Wehrlosigkeit auch noch mit Einbildung geplagt seien.

3. Hierauf war es nicht nur keinem von der Bürgerschaft verstattet zu antworten, sondern es durfte nicht einmal jemand die Mauer besteigen; denn sie war ganz von den Räubern besetzt, und an den Thoren standen Wachen, damit niemand zu einer Unterhandlung hinausginge oder Reiter in die Stadt aufnähme. Nur Joannes ergriff das Wort und entgegnete, er sei mit den Vorschlägen einverstanden und werde die, welche sie nicht annehmen wollten, durch gute Worte oder mit Gewalt dazu vermögen. Er müsse aber diesen Tag — der ein Sabbat war — nach dem Gesetz der Juden feiern, da es ihnen an einem solchen ebensowenig gestattet sei, Friedensunterhandlungen zu führen, als die Waffen zu ergreifen. Auch den Römern könne es ja nicht unbekannt sein, dass die Juden an jedem siebenten Tage sich aller körperlichen Thätigkeit enthalten müssten. Wer aber einen anderen zur Übertretung dieses Gebotes nötigen wolle, begehe eine nicht minder grosse Sünde als der, welcher sich dazu nötigen lasse. Übrigens bringe dieser Aufschub dem Titus nicht den geringsten Schaden. Denn was könnte wohl jemand in der Nacht weiter unternehmen, als einen Fluchtversuch, den der römische Befehlshaber durch Umstellung der Stadt zu vereiteln vermöge? Wie es aber für die Juden von grossem Werte sei, keine Bestimmung ihrer väterlichen Gesetze zu übertreten, so zieme es anderseits dem, der ihnen unerwarteterweise den Frieden schenke, die Gesetze der also Begnadigten zu achten. Mit solchen Worten hinterging er den Titus; denn es war ihm nicht sowohl um den Sabbat, als um seine persönliche Sicherheit zu thun. Musste er doch fürchten, nach der Einnahme der Stadt alsbald im Stich gelassen zu werden, wogegen er in der Nacht durch die Flucht sein Leben retten zu können hoffte. Dass nun Titus nicht allein der listigen Bitte um Aufschub Gehör schenkte, sondern sogar sein Lager etwas weiter von der Stadt weg nach Kydyssa verlegte, war sicherlich eine Fügung Gottes, der den Joannes zum Verderben Jerusalems aufbewahren wollte. Dieses Kydyssa ist ein befestigter tyrischer Grenzflecken, der mit den Galiläern in steter Feindschaft und Fehde lag, übrigens stark bevölkert war und Festungswerke hatte, auf die er sich bei den Streitigkeiten mit jenem Volke wohl verlassen konnte.

4. In der Nacht nun, als er in der Umgebung der Stadt keine feindlichen Wachtposten mehr bemerkte, brach Joannes, die günstige Gelegenheit ergreifend, nicht nur mit seinen eigenen bewaffneten Anhängern, sondern auch mit einer Menge müssiger Leute und deren Familien auf und floh ajif Jerusalem zu. Doch nur zwanzig Stadien weit konnte er, der selbst von der Angst um seine Freiheit und sein Leben gehetzt wurde, den Haufen der Weiber und Kinder mitschleppen, und als er seinen Marsch fortsetzte, liess er sie im Stich. Schrecklich erscholl jetzt das Jammergeschrei der Verlassenen; denn je weiter sich die Ihrigen entfernten, desto näher wähnten sie die Feinde, und in der Meinung, die, welche sie zu Gefangenen machen würden, seien ihnen bereits auf der Ferse, gerieten sie in die äusserste Bestürzung und schauten sich bei jedem Geräusch, das ihr eigenes Rennen verursachte, um, als wären ihre Verfolger schon da. Viele verirrten sich in unwegsame Gegenden, viele auch wurden bei dem Eifer, einander zuvorzukommen, auf der Strasse zertreten. Kläglich kamen insbesondere die Weiber und Kinder um, von denen manche mit Aufbietung aller Kraft ihren Männern und Verwandten zuriefen und sie jammernd anflehten, doch auf sie zu warten. Aber mächtiger erwies sich der Be- fehl des Joannes, der die Männer anschrie, sie sollten auf ihre eigene Kettung bedacht sein und dahin fliehen, wo sie auch für die Zurückgelassenen, falls diese geraubt würden, an den Römern Rache nehmen könnten; Infolgedessen zerstreute sich die Menge der Flüchtlinge so rasch, als es die Kraft und Behendigkeit eines jeden gestattete.

5. Mit Tagesanbruch erschien Titus vor den Mauern Gischalas, um den Vertrag auszuführen. Alsbald öffneten die Bürger ihm die Thore, zogen ihm mit Weib und Kind entgegen und begrüssten ihn als ihren Wohlthäter, der die Stadt von den Bedrängern befreit habe. Zugleich meldeteten sie ihm die Flucht des Joannes, baten ihn auch, er möge sie selbst verschonen und nach dem Einzug in die Stadt die noch darin befindlichen Empörungsiustigen zur Strafe ziehen. Ohne zunächst auf diese Bitten des Volkes zu achten, schickte Titus unverzüglich eine Reiterschar zur Verfolgung des Joannes ab. Diesen selbst indes vermochten die Soldaten nicht einzuholen, weil er schon nach Jerusalem entkommen war; dagegen töteten sie ungefähr sechstausend von denen, die mit ihm geflohen waren, und trieben gegen dreitausend Weiber und Kinder, nachdem sie dieselben umzingelt hatten, zurück. Titus ärgerte sich zwar nicht wenig, dass er den Joannes nicht sogleich für den Betrug büssen lassen konnte; doch fand er für dieses Fehlschlagen seiner Rache in der Menge der Gefangenen und Getöteten hinlängliche Genugthuung und zog nun unter dem lauten Jubel der Bevölkerung in die Stadt ein. Alsdann gab er den Soldaten Befehl, nach Kriegsbrauch einen kleinen Teil der Mauer einzureissen. Die Aufwiegler in der Stadt aber suchte er mehr durch Drohungen als durch Strafen in Schranken zu halten; denn er fürchtete, es könnten bei einer Aussonderung der Schuldigen viele aus Privathass und Feindschaft Unschuldige zur Anzeige bringen, und hielt es daher für besser, die Schuldigen in steter Angst schweben zu lassen, als einen Unschuldigen mit ihnen zu Grunde zu richten. Die ersteren, so hoffte er, würden vielleicht aus Furcht vor Strafe und aus Dankbarkeit für die Verzeihung ihrer früheren Vergehen anderen Sinnes werden, während die Hinrichtung von Unschuldigen sich nicht mehr gut machen lasse. Doch versicherte er sich der Stadt durch eine Besatzung, mit der er ebensowohl die unruhigen Geister ein schüchtern, als den friedliebenden Bürgern neuen Mut machen wollte. So war denn nun ganz Galilaea bezwungen, nachdem es die Römer manchen Tropfen Schweiss gekostet hatte.

Kapitel 3 – Joannes von Gischala und die Zeloten

1. Als Joannes in Jerusalem einzog, strömte das gesamte Volk zu ihm hin, und um jeden der ihn begleitenden Flüchtlinge sammelten sich grosse Massen von Menschen, die sich nach den draussen im Lande vorgekommenen Unfällen erkundigten. Schon das heisere, abgebrochene Keuchen der Ankömmlinge verriet ihre Not. Gleichwohl brüsteten sie sich noch in ihrem Unglück und behaupteten, sie seien nicht vor den Römern geflohen, sondern nur gekommen, um sie von einem sicheren Orte aus zu bekämpfen; denn es sei ebenso unvernünftig wie nutzlos, für Gischala und dergleichen armselige Städtchen sein Leben aufs Spiel zu setzen, anstatt Waffen wie Kräfte zu schonen und für die Hauptstadt aufzusparen. Alsdann schilderten sie die Einnahme Gischalas, wobei denn doch viele auf den Gedanken kamen, dass das, was sie mit schön klingendem Worte Abzug nannten, in Wirklichkeit nichts als eine Flucht gewesen sei. Als man nun vollends das Los der Gefangenen erfuhr, ward das Volk in nicht geringe Bestürzung versetzt, denn es sah darin die deutlichen Vorzeichen seines eigenen Unterganges. Joannes liess sich übrigens das Schicksal der von ihm im Stiche Gelassenen nicht sonderlich an fechten, sondern ging bei den Leuten umher und suchte sie durch Hoffnungen, die er in ihnen wachrief, zum Kriege anzutreiben, indem er die Macht der Römer als schwach hinstellte, die seines Volkes dagegen herausstrich und mit leisem Spott über die Beschränktheit der unerfahrenen Menge bemerkte, die Römer, denen es bei den Dörfern Galilaeas schon so schlecht ergangen sei und die dort ihre Belagerungsmaschinen zu Schanden gestossen hätten, würden, selbst wenn sie Flügel nähmen, die Mauern Jerusalems niemals übersteigen können.

2. Durch derartige Reden liessen sich die jüngeren Leute grösstenteils bethören und für den Krieg begeistern; die besonnenen und älteren Männer dagegen sahen sämtlich das kommende Unheil voraus und betrauerten die Stadt, wie wenn sie bereits dahin wäre. So widerstreitend waren die Gefühle, die sich des Volkes bemächtigt hatten. Ehe es aber in Jerusalem zum Bürgerkriege kam, war das Volk draussen im Lande schon entzweit. Während nämlich Titus von Gischala nach Caesarea marschiert war, hatte Vespasianus sich von Caesarea nach Jamnia und Azot aufgemacht, die beiden Städte unterjocht, Besatzungen hineingelegt und mit einer grossen Menge Kriegsgefangener, die sich ihm ergeben hatten, den Rückweg angetreten. Da brachen in jeder Stadt Unruhen und Bürgerzwistigkeiten aus; kaum, dass die Leute vom Druck der Römer erleichtert auf atmeten, kehrten sie die Waffen gegeneinander, und alsbald lagen die Kriegslustigen in hartem Kampfe mit den Friedliebenden. Zunächst entbrannte der Streit in denjenigen Familien, die schon von früher her sich nicht recht vertrugen; dann befehdeten sich auch die Stämme, die zuvor in aller Freundschaft gelebt hatten, und da jeder sich zu seinen Gesinnungsgenossen schlug, standen sich in kurzem ganze Scharen feindlich gegenüber. Überall herrschte Hader und Zwietracht. Schliesslich gewannen die Empörungssüchtigen und Kriegslustigen infolge ihrer Jugend und Kühnheit über die älteren und verständigen Männer die Oberhand, und nachdem sich zunächst nur einzelne auf Räubereien gegen ihre Landsleute verlegt hatten, rotteten sie sich bald in förmlichen Banden zusammen, um die Landbevölkerung auszuplündern. Hierbei gaben sie an Grausamkeit und Willkür den Römern nicht das mindeste nach, sodass den von ihnen Misshandelten die Unterwerfung durch die Römer bei weitem erträglicher vorkam.

3. Die Besatzungen der Städte leisteten teils aus Verdruss über ihre bisherigen Unfälle, teils aus Hass gegen die Juden den Geplagten keine oder nur geringe Hilfe, bis endlich die Anführer der allerorts hausenden Räuberbanden, der Plünderung im Lande satt, sich zu einer Rotte der Bosheit zusammenscharten und zum Verderben Jerusalems in diese Stadt einbrachen, die damals einer einheitlichen Regierung entbehrte und altem Brauche gemäss alle Volksgenossen ohne besondere Vorsichtsm assregeln aufnahm; war man doch allgemein der Überzeugung, die Herbeiströmenden kämen nur in der guten Absicht, Hilfe zu bringen. Sie aber stürzten, auch abgesehen von den Unruhen, die sie erregten, die Stadt nachmals ins tiefste Elend; denn von der unnützen und müs8igen Menge wurden die Lebensmittel, die für die streitbare Mannschaft wohl hingereicht hätten, vorzeitig aufgebraucht und dadurch der vorhandenen Kriegsdrangsal noch Bürgerzwist und Hungersnot hinzügesellt.

4. Auch anderes Banditenvolk kam vom Lande in die Stadt herein, verband sich mit dem noch schlimmeren Gesindel, das schon drinnen war, und beging im Verein mit diesem die ärgsten Schandthaten. Raub und Diebstahl genügten ihrer Frechheit nicht mehr, sondern sie verstiegen sich sogar zu Mordthaten, und zwar verübten sie dieselben nicht etwa bei Nacht oder heimlich oder an gemeinen Leuten, sondern offen, am hellen Tage und bei den Vornehmsten anfangend. Zuerst nahmen sie einen der mächtigsten Männer der Stadt, Antipas, der aus königlichem Geschlecht stammte und dem der Staatsschatz anvertraut war, gefangen und kerkerten ihn ein* hierauf einen anderen vornehmen Mann Namens Levi und Sophas, den Sohn des Raguel, beide gleichfalls von königlichem Geblüt; endlich alle, die im Lande grosses Ansehen genossen. Gewaltige Bestürzung aber verbreitete sich im Volke, und als ob die Stadt schon vom Feind erobert wäre, dachte jeder nur] noch an seine eigene Sicherheit.

5. Blosse Gefangenschaft der also Ergriffenen genügte indes den Frevlern nicht; auch hielten sie es nicht für ratsam, so mächtige Männer längere Zeit in Haft zu halten, weil deren zahlreiche Familien wohl imstande waren, sie zu rächen. Zudem fürchteten sie, das Volk möchte über ihr gesetzwidriges Verfahren in Erregung geraten und sich wider sie erheben. Sie beschlossen daher, die Gefangenen aus dem Wege zu räumen, und beauftragten damit denjenigen ihrer Genossen, der am leichtesten sich zu Mordthaten bereit finden liess, nämlich einen gewissen Joannes, in der Landessprache „Sohn der Gazelle“ genannt. Dieser nahm zehn Bewaffnete mit sich ins Gefängnis und brachte mit deren Hilfe die Eingekerkerten ums Leben. Zur Rechtfertigung des schweren Verbrechens ersannen sie einen gewichtigen Vorwand: sie behaupteten nämlich, die Gefangenen hätten mit den Römern wegen der Übergabe Jerusalems unterhandelt und seien demgemäss nur deshalb getötet worden, weil sie an der gemeinsamen Freiheit Verrat begangen hätten. Ja, bald prahlten sie sogar noch mit ihrem Frevel, als wenn sie dadurch die Wohlthäter und Retter der Stadt geworden wären.

6. Während nun das Volk immer mutloser und zaghafter wurde, steigerte sich der Wahnsinn jener Ruchlosen in solchem Grade, dass sie sogar die Wahl der Oberpriester sich anmassten. Sie schafften die Vorrechte der Familien ab, aus denen nach bestimmter Reihenfolge diese Klassenhäupter ernannt wurden, und übertrugen die Würde an gewöhnliche Leute aus niederem Stande, um an ihnen Helfershelfer für ihre Schandthaten zu gewinnen; denn diese Menschen, die ganz ohne eigenes Verdienst zu so hohen Ehrenstellen gelangt waren, mussten selbstverständlich denen zu Willen sein, die ihnen dazu verholfen hatten. Die Vornehmen hetzten sie durch allerlei Kniffe und Ohrenbläsereien gegeneinander, und die Reibereien unter denen, die ihnen noch in den Weg treten konnten, nützten sie für ihre Zwecke aus, bis sie endlich, übersättigt von den Freveln gegen Menschen, ihre Frechheit auch gegen die Gottheit kehrten und mit befleckten Füssen das Allerheiligste zu betreten wagten.

7. Nun aber erhob sich wider sie das Volk, aufgereizt von dem ältesten der Hohepriester, Ananus, einem höchst verständigen Manne, der auch vielleicht die Stadt gerettet haben würde, wenn er den Händen der Mörder entronnen wäre. Die Frevler jedoch machten den Tempel Gottes zu einem Bollwerk gegen die unruhigen Bewegungen des Volkes, und das Heiligtum ward ihnen Zufluchtsort und Zwingburg. Schliesslich fügten sie zu ihren Greuelthaten auch noch Hohn hinzu, der schmerzlicher als jene empfunden wurde. Um nämlich zu versuchen, wie weit das Volk sich von ihnen einschüchtern lassen würde, und um zugleich ihre eigene Stärke zu erproben, wagten sie es, die Hohepriester durchs Los zu wählen, während doch, wie schon bemerkt, das Anrecht auf diese Würde durch Abstammung erworben wird. Zum Vorwand ihres Unterfangens musste ihnen eine alte Sitte dienen: denn auch in früheren Zeiten, behaupteten sie, sei die hohepriesterliche Würde durchs Los zugeteilt worden; in Wirklichkeit aber bezweckte ihr Vorhaben die Auflösung eines sehr bestimmt lautenden Gesetzes und war nichts weiter als ein Kunstgriff zur Stärkung ihrer Macht, indem sie eben die höchsten Stellen eigenmächtig besetzen wollten.

8. So beriefen sie denn einen der hohepriesterlichen Stämme, Eniachim genannt, und wählten einen Hohepriester durchs Los. Zufällig traf nun das Los einen Menschen, an dessen Person das Frevelhafte ihres Beginnens so recht offenkundig wurde, einen gewissen Phannias nämlich, den Sohn Samuels aus dem Dorfe Aphtha. Abgesehen davon, dass er überhaupt keinem hohepriesterlichen Geschlecht angehörte, war er auch so ungebildet, dass er nicht einmal wusste, was Hohepriestertum eigentlich sei. Wider seinen Willen schleppten sie ihn vom Lande herein, schmückten ihn, wie man auf der Bühne zu thun pflegt, mit einer fremden Maske, bekleideten ihn mit dem heiligen Gewand und unterwiesen ihn gelegentlich darin, was er zu besorgen habe. Ihnen freilich diente dieser ungeheuerliche Frevel nur zu Scherz und Spott; den anderen Priestern dagegen, die von fern zusahen, wie das Gesetz verhöhnt wurde, traten die Thränen in die Augen, und tief seufzten sie über die Verunglimpfung der heiligen Ämter.

9. Solche Frechheit ertrug das Volk nicht länger, und alles erhob sich nun zum Sturze der Tyrannei. Die angesehensten Männer, Gorion, des Josephus Sohn, und Symeon, der Sohn des Gamaliel, forderten sowohl die grosse Masse in den Versammlungen, als auch einzelne, die sie besuchten, auf, endlich einmal die Verderber der Freiheit zu bestrafen und das Heiligtum von den Bluthunden zu säubern. Auch die geachtetesten unter den Hohepriestern, Jesus, des Gamalas Sohn, und Ananus, des Ananus Sohn, warfen dem Volke seine Lässigkeit eindringlich in den Versammlungen vor und stachelten es gegen die Eiferer auf. So nämlich nannten sie sich, Zeloten. wie wenn sie für gute Zwecke eiferten, während ihr Wetteifer sich in Wirklichkeit doch nur auf Schlechtigkeiten bezog, in denen sie sich gegenseitig zu über bieten trachteten.

10. Als nun das Volk in grosser Menge zusammengekommen war und alles über die Besetzung des Heiligtums, die Räubereien und die Mordthaten sich entrüstet zeigte — ohne dass übrigens irgend jemand zur Rache schreiten wollte, weil man, und zwar mit Recht, die Zeloten für schwer überwindlich hielt — erhob sich mitten in der Versammlung Ananus, schaute mehrmals thränenden Auges zum Tempel hinauf und sprach: „Lieber wäre ich gestorben, als dass ich das Haus Gottes so voll greulicher Frevel und die nie betretenen heiligen Stätten von den Füssen der Mörderrotten befleckt sehen muss. Aber mit dem hohepriesterlichen Gewände angethan und den heiligsten der ehrwürdigen Namen tragend, lebe ich noch und lebe gern, ohne dass ich bis jetzt den meinem Greisen alter gebührenden rühmlichen Tod erlitten hätte. Bleibe ich freilich allein und wie in einer Wüste, so will ich auch allein meine Seele Gott zum Opfer bringen. Denn wozu soll ich inmitten eines Volkes leben, das kein Gefühl mehr für seine früheren Leiden Bat und bei dem sogar die Empfindung für die schweren Drangsale, von denen es in der Gegenwart heimgesucht wird, geschwunden ist? Plündert man euch, so bleibt ihr gleichgiltig, schlägt man euch, so schweigt ihr, und über die Gemordeten wagt niemand auch nur laut zu seufzen. Welch harte Tyrannei! Doch was tadle ich die Tyrannen? Sind Bie nicht durch euch und eure Langmut gross geworden? Habt nicht ihr, als sie noch wenig zahlreich waren, ihre ersten Zusammenrottungen ausser acht gelassen und durch euer Stillschweigen es verschuldet, dass sie zum grossen Haufen anwuchsen? Habt nicht ihr, indem ihr sie sich ruhig bewaffnen liesset, ihre Waffen gegen euch selbst gekehrt, anstatt ihre ersten Anläufe zurückzuschlagen, damals, als sie eure Verwandten mit Schmähungen angriffen? Durch eure Gleichgiltigkeit habt ihr die Frevler zu Räubereien ermutigt, und wenn Häuser verwüstet wurden, hattet ihr kein Wort dagegen! Darum konnten sie denn auch die Besitzer dieser Häuser wegführen, und niemand kam den Unglücklichen zu Hilfe, als sie mitten durch die Stadt geschleppt wurden, als man mit Fesseln diejenigen quälte, die ihr verraten hattet! Ich will nicht sagen, wie viele, wie hochangesehene Männer ohne Anklage, ohne Verhör so behandelt wurden. Niemand nahm sich der Gefesselten an: die Folge war, dass wir sie zuletzt noch hinmorden sehen mussten. Wir sahen zu, als wie aus einer Herde unvernünftiger Tiere immer wieder das beste Opfer herausgeholt wurde — aber niemand erhob seine Stimme, geschweige denn dass jemand die Hand gerührt hätte. Und nun duldet ihr, duldet ihr es, dass das Heiligtum mit Füssen getreten wird? Und wenn ihr auch jenen Ruchlosen eine Stufe nach der anderen zu ihren vermessenen Schritten selbst geebnet habt, seid ihr denn nicht wenigstens jetzt ihrer Übermacht müde? Sie würden doch sicherlich noch weiter gehen, wenn es etwas Grösseres als das Heiligtum zu verwüsten gäbe. In ihren Händen ist der festeste Punkt der Stadt — denn eine Burg oder Festung muss man jetzt den Tempel nennen. Da nun eine so gewaltige Tyrannei hinter diesen Mauern euch bedroht und ihr eure Feinde über euren Häuptern erblickt, was habt ihr im Sinn und womit wollt ihr euer Gemüt beruhigen? Wartet ihr etwa auf die Römer, dass sie ungern Heiligtümern zu Hilfe kommen? Steht es so schlimm mit unserer Stadt, und sind wir so tief im Elend versunken, dass die Feinde sich unser erbarmen sollen? Werdet ihr euch nicht erheben, ihr Beklagenswerten, euch gegen die Schläge, wie man ja selbst bei Tieren sehen kann, auf lehnen und an denen, die euch schlagen, Rache nehmen,? Wollt ihr euch nicht die einem jeden von euch zugefügten Unbilden ins Gedächtnis rufen und, indem ihr eurer Leiden gedenkt, den Mut zum Widerstande schärfen? Ist denn das edelste und natürlichste aller Gefühle, die Liebe zur Freiheit, völlig in euch ertötet? Sind wir etwa Sklaven naturen und Bedientenseelen geworden, als wäre es Unterwürfigkeit, was wir von unsern Vorfahren überkommen haben? Nein, sie haben viele und grosse Kriege für ihre Selbständigkeit geführt und sowohl der Macht der Aegyptier als der der Meder standgehalten, nur um nicht in Abhängigkeit zu geraten! Doch was brauche ich von unsern Ahnen zu sprechen? Eben der gegenwärtige Krieg mit den Römern, von dem ich übrigens jetzt nicht erörtern will, ob er zweckmässig und nützlich ist oder nicht, aus welchem Grunde wird er denn geführt? Doch wohl für die Freiheit! Wenn wir uns nun den Herren der Welt nicht fügen wollen, wie sollen wir da unsere eigenen Landsleute als Tyrannen über uns dulden? Wird man von auswärtigen Feinden unterjocht, so mag nian dafür die Ungunst des Schicksals verantwortlich machen; kriecht man aber vor seinen eigenen Mitbürgern und noch dazu vor den schlechtesten zu Kreuz, so ist dies ein Zeichen von Feigheit und Knechtessinn. Da ich übrigens gerade die Römer erwähnte, will ich euch nicht vorenthalten, was mir soeben während meiner Rede in den Sinn kam, nämlich dass wir, wenn uns auch die Römer, was ich nicht hoffen will, unterjochen sollten, jedenfalls nichts schlimmeres erdulden würden, als was diese unsere Mitbürger uns angethan haben. Oder ist es nicht zum weinen, dass, während wir von den Römern selbst Weihgeschenke im Tempel sehen, unsere eignen Landsleute dort ihren Raub auf häufen, nachdem sie den Adel der Hauptstadt ermordet und Männer aus dem Wege geräumt haben, die der Feind im Falle des Sieges geschont haben würde? Ist es ferner nicht bejammernswert, dass, während die Römer niemals die Schwelle der Ungeweihten überschritten und keinen unserer heiligen Gebräuche Josephua, Jüdischer Krieg. 26 verletzten, sondern in ehrfurchtsvollem Schauer nur von fern die Einfriedigung des Heiligtums zu betrachten wagten, Leute, die in diesem Lande geboren, in unserer Religion erzogen sind und sich Juden nennen, mitten im Allerheiligsten umherwandeln, da ihre Hände noch vom Blute ihrer Volksgenossen rauchen? Wer sollte da noch den von aussen kommenden Krieg und die im Vergleich zu unseren Landsleuten viel menschlicheren Feinde fürchten? Will man die Dinge beim rechten Namen nennen, so wird man finden, dass die Römer unsere Gesetze uns in dem Masse erhalten, wie unsere eignen Leute sie mit Füssen treten. Dass daher diese Feinde unserer Freiheit vernichtet werden müssen, und dass keine Strafe, die man erdenken mag, für ihre Schandthaten streng genug ist, diese Überzeugung, hoffe ich, habt ihr alle schon von Hause mit hierhergebracht, wie ihr wohl auch schon vor meiner Rede durch das, was ihr erlitten, gegen sie aufgebracht wart Nur erschrecken vielleicht die meisten vor ihrer Menge, ihrer Kühnheit und ihrer vorteilhaften Stellung. Aber wie an alledem eure Gleichgiltigkeit schuld ist, so wird durch längeres Zögern das alles nur noch schlimmer werden. Denn ihre Zahl erhält tagtäglich neuen Zuwachs, da alle Bösewichte zu ihnen als ihren Gesinnungsgenossen übergehen; ihre Kühnheit aber wird um so mehr entflammt, je weniger sie auf Hindernisse stösst; und was ihre Stellung über unsern Häuptern angeht, so werden sie dieselbe bald zur Anwendung von Waffengewalt benutzen, wenn wir ihnen Zeit dazu lassen. Rücken wir ihnen aber zu Leibe, so wird, glaubt es mir, ihr schlechtes Gewissen sie entmutigen, und den Vorteil ihrer örtlich höheren Stellung wird ihre innere Verfassung zu Schanden machen. Vielleicht auch, dass die beleidigte Gottheit ihre Geschosse wider sie selbst kehrt, und die Frevler durch ihre eignen Pfeile fallen. Fürwahr, sie werden uns kaum erblicken, so sind sie schon dahin. Ist nun auch Gefahr damit verbunden, so wird es dock anderseits reiche Ehren eintragen, an den heiligen Thoren. zu fallen und, wenn auch nicht für Weib und Kind, so doch für Gott und sein Heiligtum das Leben zu lassen. Ich selbst will mit Rat und That euch vorangehen: nichts, was ich für eure Sicherheit erdenken kann, wird euch mangeln, und ihr sollt sehen, dass ich auch meiner eignen Person nicht schonen werde.“

11. Mit solchen Worten suchte Ananus das Volk gegen die Zeloten aufzustacheln, obwohl er sich nicht verhehlen konnte, dass sie schon jetzt wegen ihrer grossen Zahl, jugendlichen Kraft und Entschlossenheit, besonders aber wegen des Bewusstseins ihrer bisherigen Thaten schwer zu bewältigen sein würden. Da sie nämlich für ihre Vergehen keine Verzeihung zu gewärtigen hatten, konnte man sich des äussersten Widerstandes von ihrer Seite versehen. Trotzdem war er gewillt, lieber alles zu wagen, als die Dinge in dieser Verwirrung zu lassen. Das Volk aber schrie, er solle sie gegen diejenigen führen, gegen die er sie zum Kampf aufgefordert habe, und es zeigte sich der eine immer bereitwilliger als der andere, der Gefahr zuerst die Stirn zu bieten.

12. Während aber Ananus die zum Kampfe Tauglichen auslas und ordnete, erfuhren die Zeloten den Anschlag; denn sie hatten Leute, die ihnen alles hinterbrachten, was beim Volke vorging. Voll Erbitterung stürzten sie darauf teils in geschlossenen Reihen, teils in kleineren Haufen aus dem Tempel hervor und machten schonungslos alles nieder, was ihnen in den Weg kam. Schnell sammelte Ananus das Volk, das den Zeloten zwar an Zahl überlegen war, an Bewaffnung aber und festgefügter Ordnung ihnen nachstand. Die beiderseitigen Mängel indes glich die hüben wie drüben herrschende Kampfeslust aus; die von der Stadt nämlich zeigten sich von einer Erbitterung durchdrungen, die stärker war als alle Waffen, während die vom Tempel eine Kühnheit besassen, die es mit jeder Überzahl aufnehmen zu wollen schien. Die einen glaubten in der Stadt nicht länger wohnen zu können, wenn sie dieselbe nicht von den Banditen säuberten; die Zeloten anderseits wussten wohl, dass im Fall ihrer Niederlage alle erdenklichen Strafen ihrer harrten. So gerieten sie denn in leidenschaftlichem Kampf aneinander und beschossen sich zuerst in der Stadt sowohl als vor dem Tempel mit Steinen und Wurfspeeren, die sie von fern schleuderten; sobald aber ein Teil sich zur Flucht gewandt hatte, griffen die Sieger zum Schwert. Gross war auf beiden Seiten die Zahl der Toten und Verwundeten. Wer vom Volke kampfunfähig wurde, den zogen seine Angehörigen ins Haus hinein; die verwundeten Zeloten dagegen begaben sich wieder in den Tempel zurück und netzten den heiligen Boden mit ihrem Blut, sodass man mit Recht sagen kann, ihr Blut allein habe das Heiligtum befleckt. Bei den Ausfallen gewannen nun zwar die Räuber im Gefecht stets die Oberhand; auf seiten des Volkes aber wuchs sowohl die Erbitterung als die Zahl der Kämpfer beständig an, und während man hier die Weichenden mit Vorwürfen überschüttete und die Nachdrängenden denen, welche fliehen wollten, den Rückweg abschnitten, wälzten sie sich mit der ganzen Wucht ihrer Masse gegen die Feinde. Diese vermochten dem Anprall nicht länger zu widerstehen und zogen sich allmählich in den Tempel zurück; die Leute des Ananus aber drangen zugleich mit ihnen ein. Gewaltige Bestürzung ergriff die Zeloten, als sie die erste Ringmauer verloren hatten, und nachdem sie in den inneren Raum geflohen waren, schlossen sie eiligst die Thore hinter sich. Ananus jedoch konnte sich nicht entschliessen, die heiligen Pforten zu stürmen, zumal da die Feinde von oben herab ihre Geschosse warfen; denn selbst für den Fall, dass ihm der Sieg beschieden sein sollte, hielt er es für sündhaft, das Volk ohne vorgängige Reinigung hineinzuführen. Er wählte daher aus der Menge etwa sechstausend Bewaffnete durchs Los und stellte sie als Wächter an den Hallen auf, bestimmte auch, dass andere sie ablösen und so der Reihe nach alle auf Wache ziehen sollten. Viele aus den Vornehmen jedoch wurden von den Befehlshabern dieser Verpflichtung enthoben und liessen ärmere Leute, die sie dafür bezahlten, anstatt ihrer selbst den Wachdienst versehen.

13. An dem Untergang aller dieser Menschen aber trug die Schuld jener Joannes, der, wie oben erwähnt, aus Gischala entflohen war, ein höchst verschmitzter Mann, der ein leidenschaftliches Verlangen nach Gewaltherrschaft in seiner Seele trug und schon längst Schlimmes gegen den Staat im Schilde führte. Damals begleitete er, volksfreundliche Gesinnung heuchelnd, den Ananus auf allen seinen Gängen, mochte der Hohepriester nun tagüber mit den Machthabern sich beraten oder nachts die Wachen besichtigen. Die erlauschten Geheimnisse hinterbrachte er dann den Zeloten, und jeder Anschlag des Volkes wurde, noch ehe er gehörig beraten war, durch ihn den Feinden bekannt. Um dabei keinen Verdacht zu erregen, benahm er sich übermässig zuvorkommend gegen Ananus und die Vorsteher des Volkes. Durch seine Liebedienerei aber erreichte er gerade das Gegenteil von dem, was er damit bezweckte; denn seine faden Schmeicheleien machten ihn nur um so verdächtiger, und dass er überall zugegen war, wo man seiner gar nicht begehrte, lieferte den Beweis, dass er Geheimnisse verriet. Man hatte nämlich gar bald weg, dass bei den Feinden die Beschlüsse des Volkes stets bekannt waren, und niemand traute man die Verräterei eher zu, als eben dem Joannes. Ihn aus dem Wege zu räumen war indes nicht leicht, da er durch seine Schlechtigkeit zu grossem Einfluss gelangt war und als den besseren Ständen angehörig bei vielen Männern Deckung fand, die in der Verwaltung Sitz und Stimme hatten. Man beschloss daher, sich seiner Treue durch einen Eid zu versichern. Ohne Anstand schwur nun Joannes, es mit dem Volke halten, keinen Beschluss und keine Massregel den Feinden verraten und zum Sturze derer, welche die Waffen ergreifen würden, mit Rat und That beitragen zu wollen. Ananus und die Seinen glaubten dem Eide und liessen ihn fortan arglos an ihren Beratungen teilnehmen. Ja, sie ordneten ihn sogar als Gesandten an die Zeloten ab, um über die Schlichtung des Streites zu unterhandeln; denn es lag ihnen ebenso viel daran, selber den Tempel nicht entheiligen zu müssen, als dass keiner ihrer Landsleute in ihm sein Leben verlöre.

14. Joannes aber ging, wie wenn er den Zeloten und nicht vielmehr ihren Gegnern Treue geschworen hätte, zu den ersteren hinein und erklärte, er habe zwar schon oft um ihretwillen Bich in Gefahr begeben, um sie von allem in Kenntnis zu setzen, was die Partei des Ananus insgeheim gegen sie im Schilde führe; jetzt aber werde er mit ihnen allen in die grösste Gefahr geraten, wenn Gott ihnen keine besondere Hilfe sende. Denn Ananus wolle nicht länger mehr zuwarten, sondern habe, nachdem er das Volk beschwätzt, Gesandte an Vespasianus geschickt, damit dieser in aller Eile heranrücke und sich der Stadt bemächtige. Ein Reinigungsopfer zum Angriff auf sie, die Zeloten, sei für den folgenden Tag angesagt, damit das Volk entweder unter dem Vorwand des Gottesdienstes eindringen oder auch unter Anwendung von Gewalt mit ihnen handgemein werden könne. Er wisse nicht, wie lange sie die Belagerung noch auszuhalten oder solcher Übermacht Widerstand zu leisten vermöchten. Dann setzte er hinzu, er sei durch göttliche Fügung in den Tempel geschickt worden, um wegen Beilegung der Zwistigkeiten zu verhandeln. Einen Vergleich nämlich trage ihnen Ananus jetzt an, aber nur um über sie herzufallen, wenn sie waffenlos ihm gegenüberständen. Sie müssten daher behufs Rettung ihres Lebens entweder die Belagerer um Gnade bitten oder irgendwelche Hilfe von auswärts sich zu verschaffen suchen. Diejenigen übrigens, welche sich im Falle des Unterliegens etwa mit der Hoffnung auf Verzeihung trügen, hätten wohl ihre eigenen Frevel vergessen oder glaubten vielleicht, die Reue der Übelthäter müsse nun auch notwendigerweise gleich eine versöhnliche Stimmung bei den Misshandelten zur Folge haben. Gar oft aber bleibe der Hass gegen die Beleidiger trotz all ihrer Reue bestehen, und die Erbitterung der Geschädigten werde vielfach, wenn sie die Macht erlangten, nur um so heftiger. Auf alle Fälle würden ihnen die Freunde und Angehörigen der Getöteten stets aufsässig bleiben wie auch die grosse Masse des Volkes, das über die Abschaffung der Gesetze und der ordentlichen Rechtspflege gewaltig ergrimmt sei, und wenn auch ein kleiner Teil des letzteren zum Mitleid neige, so verschwinde derselbe doch völlig unter der Menge derer, die auf Befriedigung ihrer Rache beständen.

Kapitel 4 – r Die Idumäer kommen, von den Zeloten gerufen, nach Jerusalem

1. Durch derartige verschmitzte Lügen setzte er alle Zeloten in Schrecken. Worin die Hilfe von auswärts bestehen sollte, wagte er zwar nicht gerade heraus zu sagen, doch hatte er offenbar die Idumäer im Sinne. Um nun die Anführer der Zeloten noch besonders aufzureizen, gab er eine lügenhafte Schilderung von der Grausamkeit des Ananus und sagte, auf sie seien ganz besonders seine Drohungen zugespitzt. Diese Anführer waren Eleazar, der Sohn des Simon, der sowohl im Erdenken zweckmässiger Pläne als in deren Ausführung das grösste Zutrauen genoss, und Zacharias, der Sohn des Phalek beide aus priesterlichem Geschlecht. Als diese Männer ausser den Drohungen, die ihnen allen galten, auch noch die eigens gegen ihre Person gerichteten vernahmen und obendrein erfuhren, wie die Partei des Ananus, um die höchste Gewalt an sich zu reissen, die Römer herbeirufen wolle (denn auch diese Lüge hatte Joannes hinzugefügt), waren sie eine Weile unschlüssig, was sie bei i S. II, 20,. der Kürze der ihnen noch zur Verfügung stehenden Zeit thun sollten. Sie glaubten nämlich, das Volk werde wohl bald zum Angriff gegen sie Vorgehen und durch rasche Ausführung seines Anschlages ihnen jeden Beistand von aussen her gänzlich abschneiden; so werde es mit ihnen bereits zum äussersten gekommen sein, ehe auch nur einer ihrer Bundesgenossen davon Kenntnis erlangen könne. Nichtsdestoweniger beschloss man, die Iduraäer herbeizurufen. Zu diesem Zweck schrieben sie einen kurzen Brief des Inhalts: Ananus hintergehe das Volk und wolle die Hauptstadt an die Römer verraten; sie selbst, die sich zur Rettung der bedrohten Freiheit von ihm losgesagt, würden im Tempel belagert; die Zeit in der ein Versuch zu ihrem Entsatz noch Erfolg verheisse, sei nur kurz; kämen also die Idumäer nicht schleunigst zu Hilfe, so würden sie, die Zeloten, dem Ananus und ihren übrigen Feinden, die Stadt aber den Römern in die Hände fallen. Eine ausführliche Darlegung des Sachverhaltes sollten die Boten den Führern der Idumäer mündlich geben. Für die Sendung wurden zwei der entschlossensten Männer vorgeschlagen, die in derartigen Verhandlungen erfahren, mit der nötigen Überredungsgabe ausgerüstet und, was ihnen noch mehr zu statten kam, ausgezeichnete Schnellläufer waren. Im Tempel wusste man übrigens, dass die Idumäer sich nicht lange würden bitten lassen. Denn sie sind ein ungestümes, zügelloses Volk, das stets auf der Lauer nach Unruhen liegt und am Aufruhr seine helle Freude hat; auch bedarf es nicht vieler guten Worte, um es unter die Waffen zu bringen, zumal sich dort alles zum Kampf wie zu einem Feste drängt. Eile war aber für die Botschaft erforderlich, und da die Abgesandten, die beide Ananias hiessen, den besten Willen dazu hatten, waren sie schnell bei den Führern der Idumäer angelangt.

2. Diese gerieten durch den Inhalt des Briefes und den mündlichen Bericht der Boten in gewaltige Erregung, rannten alsbald wie wütend im Volke umher und predigten den Krieg. Fast schneller als der Aufruf erfolgt war, versammelte sich die Menge, und alles ergriff die Waffen zur Befreiung der Hauptstadt, wie man sich ausdrückte. Fast zwanzigtausend Mann stark erschienen sie nun vor Jerusalem unter vier Anführern, nämlich Joannes und Jakobus, den Söhnen des Sosas, Simon, dem Sohne des Kathlas, und Phineas, dem Sohne des Klusoth.

3. Die Abreise der Boten war übrigens dem Ananus sowohl als den Wachen verborgen geblieben, keineswegs aber der Anmarsch derIdumäer. Letzteren vielmehr hatte der Hohepriester zuvor erfahren und deshalb die Thore schliessen und die Mauern mit Wachtposten besetzen lassen. Er beabsichtigte jedoch zunächst noch nicht, sie zu bekämpfen, sondern wollte sie vor der Anwendung von Waffengewalt durch gütliches Zureden zu gewinnen suchen. Zu diesem Behuf stellte sich Jesus, der älteste der Hohepriester nach Ananus, auf den Turm, der den Idumäern gegenüberlag, und sprach zu ihnen: „Bei den vielen und mannigfaltigen Drangsalen, von denen unsere Stadt heimgesucht wird, ist mir kein Zufall unverständlicher, als dass die Bösewichte stets wieder unerwartete Hilfe erhalten. Denn ihr seid ja den verworfensten Menschen gegen uns mit einer Bereitwilligkeit zu Hilfe geeilt, wie ihr sie wohl selbst in dem Falle nicht bewiesen haben würdet, wenn die Hauptstadt euch zum Beistand gegen Barbaren gerufen hätte. Sähe ich freilich, dass euer Heer den Leuten ähnlich ist, die euch herbeigewünscht haben, so könnte ich euren Eifer wohl verstehen; denn nichts stiftet Freundschaften so rasch als Übereinstimmung der Charaktere. Nun aber findet man, wenn man jene Menschen der Reihe nach prüft, einen jeden von ihnen tausendfachen Todes würdig; sind sie doch die Schandflecken und der Auswurf des ganzen Landes, sie, die zuerst ihr eignes Vermögen verschleudert und ihren Frevelmut an den Dörfern und Städten der Umgegend ausgelassen und dann auch noch heimlich in die heilige Stadt sich eingeschlichen haben — Räuber, die durch masslose Schandthaten sogar den heiligen Boden entweihen, und die man jetzt ohne Scheu im Heiligtum sich berauschen und mit der den Toten entrissenen Beute ihre unersättlichen Bäuche füllen sieht. Eure Scharen dagegen und euer Waffenschmuck bieten einen Anblick dar, wie er sich erwarten liess, wenn die Hauptstadt euch durch gemeinsamen Beschluss als Bundesgenossen gegen Fremde herbeigerufen hätte. Kann man es daher anders als einen Hohn des Schicksals nennen, wenn man ein ganzes Volk mit einer Horde von Bösewichten gemeinsame Sache machen sieht? Schon lange ist es mir ein Rätsel, was euch eigentlich so rasch in Bewegung gesetzt hat. Sicherlich ist es ein gewichtiger Grund, der euch für Räuber und gegen ein stammverwandtes Volk die Waffen ergreifen hiess. Wir hörten etwas von Römern und Verrat, denn soeben machten einige von euch Lärm darüber und erklärten, sie seien zur Befreiung der Hauptstadt gekommen. Mehr aber als über alle anderen Frechheiten dieser Ruchlosen müssen wir über die Erfindung dieser Lüge staunen. Natürlich, Männer von freiheitliebendem Charakter, die eben darum zum Kampf mit äusseren Feinden stets gerüstet sind, konnte man durch nichts anderes gegen uns in Harnisch bringen, als dadurch, dass man uns für Verräter an der ersehnten Freiheit ausgab. Ihr solltet aber doch bedenken, wer diese Verleumdung vorbringt und gegen wen sie gerichtet ist, und die Wahrheit nicht aus erdichtetem Gerede, sondern aus der allgemeinen Lage der Dinge entnehmen. Aus welcher Veranlassung sollten wir uns denn gerade jetzt den Römern verkaufen, da es uns ja freistand, entweder gleich anfangs überhaupt nicht abzufallen, oder nach dem Abfall sogleich wieder auf ihre Seite zu treten, so lange das Land ringsum noch unverwüstet war? Jetzt nämlich wäre es uns, selbst wenn wir wollten, nicht leicht, uns mit den Römern auszusöhnen, da die Unterjochung Galilaeas sie stolz gemacht hat und es für uns eine Schmach, ärger als der Tod, sein würde, wenn wir ihnen jetzt gute Worte gäben, nachdem sie uns auf den Leib gerückt sind. Ich für meine Person würde gewiss den Frieden dem Tode vorziehen; nachdem, aber der Krieg einmal begonnen hat und blutige Zusammen stösse erfolgt sind, möchte ich denn doch weit lieber eines rühmlichen Todes sterben, als in Kriegsgefangenschaft lebeA. Und wer soll denn insgeheim zu den Römern geschickt haben? Etwa nur wir, die Vorsteher des Volkes, oder auch das Volk selbst auf Grund eines gemeinsamen Beschlusses? Wenn wir, so nenne man doch die Freunde, die wir geschickt, die Diener, die bei dem Verrate mitgeholfen hätten! Wurde etwa einer derselben auf dem Hinwege aufgegriffen oder auf dem Rückwege gefangen? Ist man vielleicht einem Briefe anf die Spur gekommen? Und wie konnten wir so vielen Bürgern verborgen bleiben, unter deren Augen wir zu jeder Stunde aus- und eingeh en? Und dabei sollten die wenigen Leute da oben, die noch dazu belagert sind und nicht einmal aus dem Tempel in die Stadt gelangen können, Kenntnis von den Vorgängen erhalten haben, die sich im Lande draussen in aller Stille abspielten? Gewiss nicht! Vielmehr erst jetzt, seitdem sie merken, dass sie für ihre Frechheiten zur Rechenschaft gezogen werden sollen, haben sie davon erfahren; so lange sie aber nichts zu fürchten hatten, stand keiner von uns im Verdacht des Verrates. Schieben sie dagegen die Schuld auf das Volk, so war doch wohl die Beratung öffentlich, und es musste, da niemand von der Versammlung ausgeschlossen werden durfte, die Kunde davon als bestimmtes Gerücht schneller zu euch gelangt sein wie die förmliche Anzeige. Nun aber weiter: hätte man nicht auch Gesandte schicken müssen, um einen Vergleich zu schliessen? Man sage also, wer dazu ernannt wurde! Doch nein, das alles ist ja nur Spiegelfechterei von Leuten, die nicht gern sterben und die ihnen drohende Bestrafung hinausschieben möchten. Wenn es der Stadt je bestimmt sein sollte, durch Verrat zu fallen, so wäre zu dieser Schandthat niemand anders fähig als eben diese unsere Verleumder, deren Freveln nur noch ein einziger fehlt — die Verräterei. Ihr aber solltet, da ihr nun einmal mit den Waffen in der Hand euch eingefunden habt — das wäre das richtigste — der Hauptstadt euren Beistand leihen und die Tyrannen vertilgen helfen, die das Gesetz mit Füssen getreten haben und bei ihren Urteilssprüchen lediglich das Schwert entscheiden lassen. Haben sie doch vornehme Männer, gegen die niemand als Kläger aufgetreten war, mitten vom Markte weggeschleppt, im Kerker misshandelt und endlich, ohne ihrer flehenden Rufe zu achten, dahingeschlachtet. Ihr könnt, wenn anders ihr nicht als ausgesprochene Feinde die Stadt betreten wollt, die Beweise von dem, was ich soeben sagte, mit eignen Augen sehen: Häuser, die jene Ruchlosen leer geplündert, Weiber und Kinder der Gemordeten in schwarzen Trauerkleidern, Jammer und Wehklage in ganz Jerusalem! Denn es giebt kaum einen Menschen hier, der nicht von den räuberischen Anfällen dieser Gottlosen zu erzählen wüsste, die ihren Wahnsinn so weit trieben, dass sie ihr Banditenunwesen nicht nur vom Lande und den auswärtigen Städten herein in dieses Herz und Haupt der gesamten Nation, sondern auch aus der Stadt in den Tempel trugen. Der ist ihnen nun Festung, Zufluchtsort und Rüstkammer für ihre Anschläge wider uns geworden. Die Stätte, die in der ganzen Welt verehrt wird und selbst bei Fremden, die an den Grenzen der Erde wohnen und sie nur vom Hörensagen kennen, in hohem Ansehen steht, wird nun von diesen Menschen, den Kindern unseres eignen Landes, mit Füssen getreten. Und trotz ihrer verzweifelten Lage finden sie noch ihr Vergnügen daran, Völker gegen Völker, Städte gegen Städte aufzuhetzen und die Nation zum Zerfleischen ihrer eignen Eingeweide zu treiben. Statt dessen wäre es, wie schon gesagt, ehrenhaft und anständig von euch gehandelt, wenn ihr im Bunde mit uns die Frevler ausrotten und sie für den Betrug strafen würdet, den sie dadurch begingen, dass sie euch als Bundesgenossen zu rufen sich erfrechten, obwohl sie euch als Rächer hätten fürchten müssen. Glaubt ihr jedoch, die Aufforderung von seiten solcher Menschen nicht verächtlich ab weisen zu sollen, so steht es euch ja frei, nach Niederlegung der Waffen in euir Eigenschaft als Stammesgenossen in die Stadt einzuziehen und eine Stellung zu wählen, die zwischen der von Bundesgenossen und Feinden die Mitte hält, nämlich die als Schiedsrichter. Bedenket jedoch, wie sehr sie im Vorteil sein werden, wenn ihnen wegen so schwerer und offenkundiger Verbrechen eine förmliche gerichtliche Verhandlung vor euch zugestanden wins, während sie unschuldigen Männern noch nicht einmal das Wort zur Verteidigung geben wollten. Doch möge ihnen um eurer Gegenwart willen diese Vergünstigung gewährt sein! Wollt ihr aber ebensowenig an unserm Zorn Anteil nehmen als das Schiedsrichteramt versehen, so bleibt euch als drittes noch übrig, beide Parteien zu verlassen und so weder aus unserm Unglück Nutzen zu ziehen noch auf seiten derer zu verbleiben, die auf das Verderben der Stadt hinarbeiten. Habt ihr nämlich gar so dringenden Verdacht, dass jemand von uns Unterhandlungen mit den Römern anknüpfen wolle, so könnt ihr ja die Zugänge bewachen und, falls etwas von dem, dessen man uns beschuldigt, als wahr erfunden wird, dann kommen, Jerusalem besetzen und die des Verrates Überwiesenen zur Strafe ziehen; denn es ist doch wohl nicht denkbar, dass die Feinde euch, die ihr der Stadt so nahe wohnt, zuvorkommen sollten. Wenn euch aber keiner dieser Vorschläge annehmbar und billig erscheint, so wundert euch nicht, dass wir die Thore verriegelt halten, so lange ihr unter den Waffen steht.“

4. In dieser Weise redete Jesus. Die Menge der Idumäer aber achtete nicht auf seine Worte, sondern zeigte sich erbittert darüber, dass ihr Einzug in die Stadt nicht sogleich erfolgen konnte; auch wehrten sich die Anführer entschieden gegen die Ablegung der Waffen, da sie sich wie Kriegsgefangene vorkämen, wenn sie auf fremden Befehl dieselben von sich werfen würden. Einer der Führer, Simon, des Kathlas Sohn, stellte sich, • nachdem er mit. Mühe die lärmende Aufregung der Seinen beschwichtigt hatte, auf einen Platz, wo er von den Hohepriestern gehört werden konnte, und rief aus, er wundere sich nicht mehr, dass die Vorkämpfer der Freiheit im Tempel belagert würden, da man sogar vor dem Volk die gemeinsame Hauptstadt verschliesse und, während man sich zum Empfange der Römer rüste, denen man vielleicht die Thore bekränzen werde, mit den Idumäern sich von Türmen herab bespreche und ihnen zumut«, die Waffen fortzuwerfen, die sie für die Freiheit ergriffen hätten. „Während man nun,“ fuhr er fort, „den Stamme8genossen nicht einmal die Bewachung der Hauptstadt anvertrauen will, macht man sie dennoch zu Schiedsrichtern im Streit, und während man einige wenige Männer anklagt, weil sie ohne eigentlichen Urteilsspruch die Todesstrafe verhängt haben, bringt man Schande über das ganze Volk, indem man vor Landsleuten die Stadt verschliesst, die doch jedem Fremden zu gottesdienstlichen Zwecken offen steht Natürlich, w r ir sind ja gekommen, um gegen Landsleute mit Mord und Totschlag zu wüten, und nicht vielmehr herbeigeeilt, um euch im Unglück die Freiheit zu sichern! Das nämliche werden auch wohl die Belagerten euch zuleide gethan, und so glaubwürdigen Verdacht, vermute ich, werdet ihr auch gegen sie gehegt haben. Während ihr nun da drinnen diejenigen, die es gut mit dem Staate meinen, in Gewahrsam haltet, den Scharen der befreundetsten Volksstämme die Thore verriegelt und ihnen so entehrende Zumutungen macht, behauptet ihr, man tyrannisiere euch, und hängt den Namen Despoten denjenigen an, die von euch vergewaltigt werden. Wer mag solch heuchlerische Reden anhören, wenn die Thaten das gerade Gegenteil davon beweisen? Da fehlt ja nur noch, dass ihr sagt, die Idumäer schlössen euch von der Hauptstadt aus, während ihr ihnen die Heilig- tümer der Väter verwehrt. Das allein könnte man mit Recht den im Tempel Belagerten vorwerfen, dass sie, da sie einmal den Mut fanden, die Verräter zu bestrafen, welche ihr, deren Mitverschworene, ausgezeichnete und unbescholtene Männer nennt, nicht gleich mit euch den Anfang gemacht und damit dem Verrat das Haupt abgeschlagen haben. Aber wenn auch sie weichherziger waren, als sie hätten sein sollen: wir Idumäer werden das Haus Gottes beschützen, uns im Kampfe für das gemeinsame Vaterland an die Spitze stellen und gleichzeitig die von aussen anrückenden Feinde wie die Verräter da drinnen ab wehren. Hier vor den Mauern werden wir unter den Waffen bleiben, bis entweder die Römer eurer Anträge überdrüssig werden, oder ihr zur Sache der Freiheit euch bekehrt.“

5. Diesen Worten schrie der ganze Haufe der Idumäer Beifall zu. Jesus aber zog sich traurig zurück; denn er sah, dass die Idumäer nichts gutes im Sinne hatten, und dass die Stadt nun von zwei Seiten bedrängt war. Auch den Idumäern war übrigens nicht ganz wohl zu Mut. Anfangs nämlich hatten sie sich gewaltig über die Schmach entrüstet, die man ihnen durch Ausschliessung von der Stadt angethan, und die Partei der Zeloten für sehr mächtig gehalten; als sie aber merkten, dass diese sich nicht im mindesten zu ihrer Unterstützung regten, fingen sie an unschlüssig zu werden, und viele von ihnen bereuten schon, dass sie überhaupt gekommen waren. Die Scham jedoch, unverrichteter Sache abziehen zu müssen, erwies sich stärker als die Reue, und so blieben sie denn an Ort und Stelle vor der Mauer, so unbehaglich ihre Lage auch sein mochte. In der Nacht nämlich brach ein schreckliches Unwetter los: heftiger Sturm, gewaltige Regengüsse, unablässiges Blitzen mit furchtbaren Donnerschlägen und unheimliches Gebrüll der erschütterten Erde. Augenscheinlich war die Weltordnung zum Verderben der Menschen in Verwirrung geraten, und man musste darin die Vorzeichen eines schweren Unglücks erkennen.

6. Die Idumäer sowohl wie die in der Stadt bekamen von diesen Naturereignissen den gleichen Eindruck: die ersteren den, dass Gott über ihren Feldzug zürne und ihr bewaffnetes Vorgehen gegen die Haüptstadt nicht ungestraft lassen wolle, Ananus und seine Leute dagegen, dass ihnen der Sieg schon ohne Schlacht in die Hand gegeben sei, weil Gott für sie streite. Beide indes waren schlechte Propheten: sie weissagten den Feinden, was ihnen selbst widerfahren sollte. Die Idumäer nämlich schlossen sich dicht aneinander, um sich gegenseitig zu erwärmen, und bewirkten durch Zusammenfügen der Schilde über ihren Köpfen, dass sie von den Regengüssen weniger zu leiden hatten; die Zeloten aber, durch die ihren Bundesgenossen drohende Gefahr noch mehr als durch die eigene geängstigt, traten zusammen und überlegten, ob sie ihnen nicht irgendwie Hilfe leisten könnten. Die Heissblütigeren meinten, man solle mit Waffengewalt sich der Wachen bemächtigen, alsdann mitten in die Stadt eindringen und den Idumäern ohne weiteres die Thore öffnen; denn die Wachen würden wohl über den unvermuteten Angriff in Bestürzung geraten und davonlaufen, zumal die meisten schlecht bewaffnet und ohne Kriegserfahrung seien, und was die übrigen Bewohner der Stadt angehe, so würden sie, vom Unwetter in die Häuser getrieben, schwer zusammenzubringen sein. Aber wenn auch das Unternehmen mit Gefahr verknüpft sei, müssten sie sich doch eher allen erdenklichen Unbilden aussetzen, als dass sie so viele Menschen um ihretwillen elend umkommen liessen. Die Besonneneren dagegen rieten von Gewalt ab, da sie nicht nur die Abteilung, die sie beobachtete, verstärkt, sondern auch die Stadtmauer wegen der Idumäer sorgfältig bewacht sahen; auch glaubten sie, Ananus sei überall zugegen und mache stündlich die Runde bei den Posten. Das war auch wirklich in den früheren Nächten der Fall gewesen, gerade in jener Nacht aber unterlassen worden, nicht infolge der Sorglosigkeit des Ananus, sondern weil schon jetzt das Verhängnis in Wirksamkeit trat, das seinen und der zahlreichen Wachmannschaft Untergang beschlossen hatte. Denn das Verhängnis war es offenbar, das, als die Nacht vorrückte und der Sturm immer heftiger tobte, die Wächter auf der Halle in Schlaf versenkte, den Zeloten hingegen den Gedanken eingab, mit den im Heiligtum befindlichen Sägen die Querbalken der Thore zu durchsägen. Dass das Geräusch nicht gehört wurde, dazu half das Heulen des Sturmes und das anhaltende Rollen des Donners.

7. Unbemerkt schlichen sich also die Zeloten aus dem Tempel und öffneten, als sie bei der Mauer angelangt waren, mit Hilfe der erwähnten Sägen das den Idumäern zunächst gelegene Thor. Diese gerieten anfänglich in Schrecken, da sie sich von den Leuten des Ananus angegriffen glaubten, und schnell hatte jeder zu seiner Verteidigung die Hand am Schwerte; bald jedoch erkannten sie die Erschienenen und gingen mit ihnen hinein. Hätten sie sich nun sogleich auf die Stadt geworfen, so würden sie wohl, ohne auf Widerstand zu stossen, das ganze Volk bis auf den letzten Mann niedergemacht haben — so gross war ihre Erbitterung. Indes hatten sie zunächst nichts eiligeres zu thun, als die Zeloten von der Belagerung zu befreien, zumal auch die, welche sie eingelassen hatten, inständig baten, sie möchten doch diejenigen, um deretwillen sie gekommen, nicht in ihrer bedrängten Lage belassen und keine grössere Gefahr über sie herauf beschwören. Denn wenn nur erst die Wachmannschaften überwältigt seien, werde es ihnen nicht schwer fallen, auf die Stadt loszugehen; hätten sie aber die letztere einmal in Alarm versetzt, so könnten sie nicht mehr daran denken, die Besatzung zu bemeistern, da die Bürger, sobald sie den Stand der Dinge merkten, sich in Schlachtordnung aufstellen und die Zugänge zur Höhe verrammeln würden.

Kapitel 5 – Die vereinigten Idumäer und Zeloten richten ein schreckliches Blutbad an. Abzug der ersteren

1. Das leuchtete den Idumäern ein, und bo eilten sie denn durch die Stadt dem Tempel zu, wo die Zeloten ihrer Ankunft mit gespannter Erwartung entgegensahen. Kaum waren sie oben angelangt, als die Belagerten ermutigt aus dem inneren Tempel herausgingen, sich unter die Idumäer mischten und die Wachen angriffen. Einige der letzteren, die ganz vorn lagen, machten sie im Schlafe nieder; auf das Geschrei der Erwachten aber sprang die ganze Abteilung auf und griff bestürzt zu den Waffen, um sich zu wehren. So lange sie sich nun von den Zeloten allein angegriffen wähnten, fassten sie Mut in dem Gedanken, durch ihre Überzahl die Gegner bewältigen zu können; wie sie aber noch andere von aussen hereinströmen sahen, ward es ihnen klar, dass die Idumäer in die Stadt eingefallen seien. Alsbald warf jetzt der grössere Teil mit dem Mut auch die Waffen weg und verlegte sich aufs Jammern, und nur wenige von den jüngeren Leuten scharten sich dicht zusammen, warfen sich den Idumäern mit grosser Tapferkeit entgegen und schützten längere Zeit die unthätige Menge. Die letztere machte durch ihr Geschrei die übrigen Stadtbewohner auf das Unglück aufmerksam; aber auch von diesen wagte, als der Einfall der Idumäer bekannt wurde, niemand den anderen zu Hilfe zu eilen, sondern es ward nur deren Wehgeschrei in verstärktem Masse erwidert und namentlich von den Weibern ein lautes Geheul angestimmt, während die Wächter droben Mann für Mann in Lebensgefahr schwebten. Die Zeloten hingegen vereinigten ihren jubelnden Schlachtruf mit dem der Idumäer, und das Toben der Elemente machte dieses allgemeine Geschrei nur noch grausiger. Die Idumäer ihrerseits verschonten niemand, sondern grausam von Natur, wie sie waren, und erbittert darüber, dass das Unwetter sie so hart mitgenommen, liessen sie ohne Erbarmen das Schwert gegen diejenigen wüten, die sie ausgeschlossen hatten, und zwar nicht minder gegen die, welche um Gnade baten, als gegen solche, die sich zur Wehr setzten. Vielen auch rannten sie die Waffe in den Leib, obwohl dieselben sie an ihre Stammverwandtschaft erinnerten und sie anflehten, doch das gemeinsame Heiligtum scheuen zu wollen. Kein Ausweg zur Flucht zeigte sich den Unglücklichen, keine Hoffnung auf Rettung: in dichte Haufen zusammengedrängt, erlagen sie dem Schwert ihrer Gegner, und als diese in ihrer Mordlust ihnen immer mehr zusetzten und sie zuletzt an Stellen jagten, wo sie überhaupt nicht mehr weiter konnten, stürzten sie sich aus Verzweiflung in die Stadt hinab und starben auf diese Weise freiwillig eines, wie mir scheint, noch jammervolleren Todes als der war, dem sie entflohen. Den ganzen äusseren Tempelraum durchflossen Ströme von Blut, und als der Tag anbrach, zählte man achttausendfünfhundert Tote.

2. Noch aber war die Wut der Idumäer nicht gesättigt, sondern sie wandten sich jetzt gegen die Stadt, raubten sämtliche Häuser aus und stiessen nieder, was ihnen in die Quere kam. Doch bald dünkte es ihnen Zeitverlust, sich mit dem gemeinen Volk weiter herumzuschlagen; vielmehr suchten sie die Hohepriester aufzuspüren, und da sie in grossen Massen auf dieselben Jagd machten, waren sie binnen kurzem ihrer habhaft und brachten sie sogleich ums Leben. Einige stellten sich nun auf die Leichen und höhnten bald über die wohlwollende Gesinnung des Ananus gegen das Volk, bald über die Rede, die Jesus von der Mauer herab gehalten hatte. Ja, sie trieben ihren Frevelmut so weit, dass sie die entseelten Körper unbeerdigt beiseite warfen, während doch die Juden für das Begräbnis ihrer Toten so ängstlich besorgt sind, dass sie selbst die Leichen der zum Kreuzestod Verurteilten vor Sonnenuntergang abnehmen und bestatten. Ich irre wohl nicht, wenn ich sage: mit dem Tode des Ananus bereits nahm der Untergang der Stadt seinen Anfang, und von dem Tage an, da die Juden ihren Hohepriester, den Mann, der ihnen den Weg zur Rettung gewiesen, mitten in der Stadt hinschlachten sahen, war schon ihre Mauer zerstört, ihre Sache verloren. Denn Ananus war nicht nur ein ehrwürdiger und höchst rechtschaffener Mann, sondern liebte es auch trotz der hohen Stellung, die ihm seine Geburt, sein Amt und seine Würde verliehen, selbst mit den niedrigsten Leuten auf gleichem Fusse zu verkehren; zudem war er in hohem Grade freiheitliebend und ein Verehrer der Volksherrschaft. Stets setzte er seinen eigenen Vorteil dem gemeinen Wohle nach; den Frieden aber schätzte er über alles, da er die Unüberwindlichkeit der Römer kannte und voraussah, dass die Juden, wenn sie sich nicht vernünftigerweise mit ihnen aussöhnten, im Kriege unbedingt ihren Untergang finden müssten. Wäre nun Ananus am Leben geblieben, so würde eine solche Aussöhnung sicherlich zustande gekommen sein; denn als mächtiger Redner wusste er auf das Volk einzuwirken, und wenn er auch noch über diejenigen Meister geworden wäre, die ihm im Wege standen oder zum Kriege drängten, so hätten die Juden unter einem solchen Führer den Römern wohl noch viel zu schaffen gemacht. Aufs engste mit ihm verbunden war Jesus, der zwar ihm nicht gleichkam, jedoch die anderen an Bedeutung überragte. Gott aber hatte, wie mir scheint, den Untergang der entweihten Stadt beschlossen, und da er das Heiligtum durch Feuer reinigen wollte, nahm er diejenigen von der Erde hinweg, die sich desselben noch ann ahmen und es liebten. So sah man denn die Männer, die kurz zuvor noch, mit dem heiligen Gewand bekleidet, an der Spitze des in alle Himmelsgegenden verbreiteten Gottesdienstes gestanden hatten und von den aus der ganzen Welt nach Jerusalem strömenden Pilgern ehrfurchtsvoll begrüsst worden waren, jetzt nackt den Hunden und wilden Tieren zum Frasse hingeworfen. Die Tugend selbst, glaube ich, be- seufzte das Schicksal dieser Edlen und weklagte darüber, dass sie im Kampfe mit der Bosheit so schmählich unterliegen mussten. Ein solch trauriges Ende nahmen die Hohepriester Ananus und Jesus.

3. Kaum waren sie tot, als die Zeloten in Gemeinschaft mit den Scharen der Idumäer über das Volk wie über eine Herde unreiner Tiere herfielen und ihrer Mordlust freien Lauf liessen. Der gemeine Mann wurde, wo man seiner nur habhaft werden konnte, niedergehauen; die Vornehmen dagegen und die jüngeren Leute nahm man gefangen, fesselte sie und kerkerte sie ein in der Hoffnung, es möchten manche von ihnen, wenn die Hinrichtung aufgeschoben würde, übertreten. Keiner aber hörte auf die Anerbietungen der Gegner, und alle wollten lieber sterben als zum Schaden des Vaterlandes die Partei der Frevler ergreifen. Schrecklich waren die Martern, die sie für ihre Weigerung auszustehen hatten: man geisselte und folterte sie, und erst wenn ihr Körper die Qualen nicht mehr ertragen konnte, ward ihnen zögernd der Gnadenstoss zuteil. Wer tagüber in Gefangenschaft geriet, wurde nachts hingerichtet; die Leichen trug man hinaus und warf sie aufs freie Feld, um Platz für neue Gefangene zu gewinnen. Des Volkes aber bemächtigte sich ein solches Entsetzen, dass niemand einen ermordeten Verwandten offen zu beweinen oder zu bestatten wagte, sondern nur insgeheim, hinter verschlossenen Thüren rannen die Thränen, und wenn jemand einen Seufzer ausstossen wollte, sah er sich zuvor ängstlich um, ob ihn auch kein Feind höre: denn gar bald hätte der Trauernde das Schicksal des Betrauerten geteilt. Kam die Nacht heran, so nahm man ein wenig Erde und warf sie auf die Leichen; wer es am hellen Tage that, musste für tollkühn gelten. Zwölftausend der edelsten jungen Leute fanden auf diese Weise den Tod.

4. Übersättigt vom unablässigen Morden, spielten die Zeloten nun auch noch mit Gerichtssitzung und Urteilsspruch Komödie, und zwar ersahen sie sich als Opfer j i\i t via s iif?OF c ( ii einen der vornehmsten Männer, Zacharias, den Sohn des Baruch. Infolge seines Hasses gegen alles Schlechte und seiner besonders grossen Liebe zur Freiheit war er ihnen ein Dorn im Auge; dabei war er reich, und so eröffnete sich ihnen, wenn sie den Mann, der durch seinen Einfluss ihren Sturz herbeizuführen vermochte, aus dem Wege räumten, zugleich die angenehme Aussicht, sich seines Vermögens bemächtigen zu können. Sie beriefen also durch förmlichen Beschluss siebzig in Amt und Würden stehende Bürger als machtloses Scheingericht und klagten den Zacharias an, dass er die Stadt an die Römer habe verraten wollen und in dieser Absicht mit Vespasianus in Verbindung getreten sei. Die Anklage war übrigens weder durch Zeugenaussagen noch durch sonstige Beweise gestützt, sondern sie erklärten bloss, sie seien völlig davon überzeugt, und meinten nun, das genüge, um die Wahrheit der Beschuldigungen darzuthun. Als Zacharias sah, dass man ihn hinterlistigerweise nicht sowohl vor Gericht gestellt als vielmehr in einen Kerker gelockt habe und er rettungslos verloren sei, wollte er sein Leben nicht hergeben, ohne wenigstens frei von der Leber weg gesprochen zu haben. Er erhob sich also, spöttelte über die Zuversicht, mit der man die Anklage ins Werk gesetzt, und widerlegte kurz die gegen ihn vorgebrachten Beschuldigungen. Sodann aber richtete er das Wort an seine Ankläger, hielt ihnen ihr ganzes Sündenregister vor und erging sich in bitteren Wehklagen über die im Staatswesen herrschende Zerfahrenheit. Die Zeloten fielen ihm lärmend in die Rede, griffen aber nicht zum Schwert, sondern hielten noch an sich, einmal um die lächerliche Gerichtskomödie zu Ende zu spielen, und dann auch um die Richter auf die Probe zu stellen, ob sie trotz der ihnen selbst drohenden Gefahr das Recht nicht ausser acht lassen würden. Und in der That, die Siebzig erklärten den Angeklagten für nichtschuldig, bereit, lieber mit ihm zu sterben, als die Verantwortung für seinen Tod auf sich zu nehmen. Die Zeloten aber erhoben über die Freisprechung ein JIM I VERS 11t pf O'.IJFÖRNL gewaltiges Geschrei und machten aus ihrem Zorn gegen die Richter kein Hehl, weil diese nicht hatten verstehen wollen, dass es mit der ihnen eingeräumten Befugnis nicht so ernst gemeint war. Schliesslich fielen zwei der Frechsten über Zacharias her, stiessen ihn mitten im Tempel nieder und verhöhnten ihn noch, als er zu Boden sank, mit den Worten: „Da hast du auch unsere Stimme, auf dass die Freisprechung um so mehr gelte!“ Alsdann warfen sie ihn sogleich aus dem Tempel in die unter demselben befindliche Schlucht. Die Richter aber trieben sie mit flachen Schwerthieben aus der Tempelumfriedigung hinaus und nahmen nur deshalb von ihrer Ermordung Abstand, damit sie sich in der Stadt zerstreuen und überall die Nachricht von der Knechtung des Volkes verbreiten könnten.

5. Nun aber begannen die Idumäer zu bereuen, dass sie sich hatten herbeirufen lassen; denn solche Vorgänge widerten sie an. Überdies kam auch noch insgeheim einer der Zeloten zu ihnen, versammelte sie und stellte ihnen vor, was sie schon alles für Frevelthaten im Verein mit denen, die sie gerufen, verübt hätten; alsdann legte er ihnen eingehend den Zustand der Hauptstadt dar. Sie hätten, führte er aus, zu den Waffen gegriffen in der Meinung, die Hohepriester wollten die Hauptstadt an die Römer verraten, hätten jedoch keinen Beweis da- \ für gefunden und müssten nun die Beschützer derjenigen spielen, welche das Märchen vom Verrat aufgetischt hätten und jetzt wie Feinde und Tyrannen sich benähmen. Gleich von Anfang an hätten sie dies verhindern müssen; da sie aber einmal die Mitschuld an der Ermordung ihrer Stammesgenossen auf sich geladen hätten, sollten sie sich wenigstens entschlossen, ihren Freveln ein Ende zu machen, und nicht dableiben, um die Macht derer zu verstärken, die ihr eigenes Vaterland ins Verderben stürzten. Wenn auch einige von ihnen noch immer darüber ergrimmt seien, dass man ihnen die Thore verschlossen und den Einzug verwehrt habe, so müssten sie doch zugeben, dass die Schuldigen ihre Strafe erlitten hätten; denn Ananus habe sein Leben gelassen, und in einer einzigen Nacht sei fast das ganze Volk aufgerieben worden. Vielen ihrer eigenen Leute sei dies, wie er wohl merke, durchaus nicht nach dem Sinn; anderseits könne er sich nicht verhehlen, dass die Grausamkeit derer, die sie gerufen, alles Mass überschreite, da sie sich nicht einmal vor denen mehr scheuten, denen sie ihre Rettung zu danken hätten. Wagten sie doch vor den Augen ihrer Bundesgenossen die grössten Schandthaten zu begehen, und natürlich bleibe die Verantwortung dafür so lange auf den Idumäern sitzen, als niemand sie hindere und sich von ihrem Treiben lossage. Weil nun die Verräterei sich als Verleumdung herausgestellt habe, ein baldiges Eintreffen der Römer aber nicht zu erwarten und die Stadt von einer schwer bezwingbaren Macht geschützt sei, so möchten sie nach Hause zurückkehren und alles das, was sie in Gemeinschaft mit jenen Unholden und auf deren Vorspiegelungen hin Übles gethan, dadurch wieder gut zu machen suchen, dass sie für die Folge nichts mehr mit ihnen zu schaffen haben wollten.

Kapitel 6 – Die Schreckensherrschaft der Zeloten. Vespasianus dämpft die Angriffslust seiner Soldaten

1. Diesen Vorstellungen gaben die Idumäer nach und befreiten zunächst die eingekerkerten Bürger, etwa zweitausend an der Zahl, welche sogleich der Stadt den Rücken kehrten und sich zu Simon begaben, von dem weiter unten die Rede sein wird; hierauf verliessen sie Jerusalem und zogen heim. Ihr Abzug kam beiden Parteien unerwartet. Das Volk, das von ihrer Sinnesänderung keine Kenntnis hatte, fasste für kurze Zeit wieder Mut, da es seine Feinde völlig los zu sein glaubte; anderseits schwoll aber auch den Zeloten der Kamm, weil sie sich nicht sowohl von Bundesgenossen verlassen, als vielmehr von Leuten befreit fühlten, denen ihre Schandthaten missfielen und die sie davon abzubringen suchten. Jetzt kannte ihre Bosheit kein Zögern und keine Bedenklichkeit mehr, sondern mit Blitzesschnelle fassten sie ihre Pläne und setzten sie fast noch rascher ins Werk. Am meisten richtete sich ihr Blutdurst gegen tapfere und edle Männer: die letzteren suchten sie aus Neid zu verderben, die ersteren aus Furcht; denn erst dann hielten sie sich für sicher, wenn alle einflussreichen Bürger aus dem Wege geräumt waren. Ausser vielen anderen ward so auch ein gewisser Gorion umgebracht, ein Mann von hohem Ansehen und edler Abkunft, der der Volksherrschaft besonders zugethan und von einem Unabhängigkeitssinn wie nur irgend ein Jude durchdrungen war. Von seinen vorzüglichen Eigenschaften war es namentlich seine Freimütigkeit im Reden, die ihn zu Fall brachte. Ja, nicht einmal der Peraite Niger, der sich in den Kämpfen mit den Römern so sehr hervorgethan hatte, entging den Mörderhänden der Zeloten: laut rufend und seine Narben zeigend ward er mitten durch die Stadt geschleppt. Als man ihn zum Thor hinausgeführt hatte und er seinen Tod vor Augen sah, bat er, man möge ihm doch wenigstens ein Begräbnis zuteil werden lassen; seine Henker aber erklärten ihm drohend, bevor sie die Hinrichtung vollzogen, sie würden ihm die Erde, nach der er so sehr verlange, nicht vergönnen. Sterbend rief Niger die Rache der Römer, Pest, Hunger und Krieg auf sie herab und wünschte ihnen obendrein noch, dass sie einer durch des anderen Schwert verbluten möchten. Das alles hat Gott an den Frevlern erfüllt und seine Gerechtigkeit besonders dadurch offenbart, dass sie schon bald nachher untereinander in Zwist gerieten und ihren Wahnsinn gegenseitig zu kosten bekamen. Nigers Tod benahm ihnen übrigens jede Sorge bezüglich ihres eigenen Sturzes, und bereits gab es niemand mehr im Volke, für dessen Tötung man nicht irgend einen Vorwand ersonnen hätte. Denjenigen aus der Bürgerschaft, die sich mannhaft gegen die Zeloten zur Wehr gesetzt hatten, war ja schon lange der Garaus gemacht; wollte man nun auch die Ruhigen und Friedliebenden hinwegräumen, so musste man Beschuldigungen Vorbringen, wie sie sich gerade als zweckdienlich erwiesen. So ward denn der eine, der sich überhaupt nicht an sie anschloss, als hochmütig, der andere, der sich ihnen mit einem gewissen Selbstbewusstsein näherte, als Verächter, wer ihnen aber völlig zu Willen war, als Verräter verdächtigt. Für die grössten wie für die unbedeutendsten Vergehen gab es nur eine Strafe: den Tod, und nur wer den niedrigsten Volksschichten angehörte, sei es weil er unedel geboren, sei es weil er arm war, konnte auf Schonung rechnen.

2. Sämtliche Heerführer der Römer hielten die Zwietracht der Feinde für ein unverhofftes Glück und wollten daher unverzüglich gegen die Stadt aufbrechen. In diesem Sinne drangen sie auch in Vespasianus, für den, wie sie glaubten, jetzt alles gewonnen war. Die göttliche Vorsehung, njeinten sie, werde mit ihnen streiten, indem sie die Feinde gegeneinander das Schwert ziehen lasse; jedoch heisse es rasch handeln, denn die Juden würden entweder aus Überdruss am Bürgerkrieg oder aus Reue wohl bald wieder einig werden. Vespasianus aber entgegnete ihnen, sie zeigten kein sonderliches Verständnis für das jetzt einzuhaltende Verfahren, wenn sie trotz der damit verbundenen Gefahr wie im Theater ihre Ausrüstung und Geschicklichkeit zur Schau stellen wollten, anstatt nur darauf ihr Augenmerk zu richten, was vorteilhaft und gefahrlos zugleich sei. Denn wenn sie jetzt sogleich auf die Stadt losgingen, würden sie gerade dadurch bewirken, dass die Feinde sich miteinander aussöhnten und ihre noch ungebrochene Kraft gegen die Römer kehrten. Warteten sie aber noch zu, so würden sie es nach und nach mit einer immer kleineren Anzahl von Feinden zu thun haben, da der innere Hader dieselben aufreibe. Ein weit besserer Anführer als er, Vespasianus, sei Gott, der dem Römerheer ohne Anstrengung von seiner Seite die Juden in die Hände geben und einen gefahrlosen Sieg verschaffen wolle. Während nun die Feinde durch ihre eigne Hand umkämen und am ärgsten Übel, dem Bürgerkrieg, litten, zögen sie selbst, die Römer, es doch vor, diesen Wirren ruhig zuzuschauen, anstatt mit Menschen, die den Tod suchten und im Wahnsinn gegeneinander wüteten, sich in einen Kampf einzulassen. Sei aber jemand der Ansicht, ein Sieg ohne Kampf habe gar zu wenig Bedeutung, so solle er sich belehren lassen, dass es nützlicher sei, seinen Zweck in Ruhe zu erreichen, als das gefährliche Waffenglück zu versuchen. Denn mindestens ebenso viel Ruhm wie glänzende Waffen thaten bringe es, wenn man durch Selbstbeherrschung und Überlegung den Erfolg derselben erziele. In dem nämlichen Masse, wie die Feinde sich schwächten, werde däs Römerheer von seinen beständigen Strapazen sich erholen und an Kraft zunehmen. Ohnedem sei es ja jetzt nicht an der Zeit, sich auf einen glänzenden Sieg gefasst zu machen. Denn die Juden seien augenblicklich weder mit Anfertigung von Kriegsmaterial noch mit Errichtung von Festungswerken und Werbung von Hilfstruppen beschäftigt, und es sei somit ausgeschlossen, dass der Aufschub zum Nachteil derer ausschlage, die ihn veranlassten; vielmehr hätten die Gegner unter der Geissei des Bürgerkrieges und innerer Zwietracht täglich viel Schlimmeres auszustehen, als die Römer ihnen durch siegreiche Angriffe zufügen könnten. Schon die Rücksicht auf ihre Sicherheit verlange daher, dass man die, welche sich selbst aufzureiben im Begriffe ständen, ruhig dabei belasse; dann aber dürfe man auch den Ruhm des Sieges nicht dadurch schmälern, dass man ein innerlich zerrüttetes Volk an greife. Denn mit gutem Grund könne in diesem Falle den Römern der Vorwurf gemacht werden, sie verdankten ihren Sieg nicht sich selbst, sondern der Uneinigkeit der Feinde. J N [V&R S IIMf C /VUfÖRMI/i

3. Alle Offiziere gaben ihre Zustimmung zu diesen Worten kund, und gar bald zeigte es sich auch, wie richtig des Vespasianus Feldherrn blick gesehen hatte. Tag für Tag nämlich kamen nun bei den Römern eine Menge Überläufer an, die den Zeloten entwischt waren. Freilich war die Flucht ihnen nicht leicht geworden, da die letzteren alle Ausgänge mit Wachen besetzt hatten, welche jeden, der sich in irgend einer Weise als Überläufer verdächtig machte, ums Leben brachten. Doch wer Geld gab, wurde durchgelassen, und nur wer dies nicht that, war ein Verräter. So kam es, dass lediglich die Armen niedergemetzelt wurden, während die Reichen sich die Flucht erkauften. Alsbald lagen nun überall auf den Landstrassen Haufen von Leichen aufgetürmt, sodass viele, die ihr Heil in der Flucht hatten suchen wollen, lieber wieder den Untergang in der Stadt wählten, weil* die Hoffnung auf ein Begräbnis den Tod in der Vaterstadt weniger schrecklich erscheinen liess. Die Zeloten aber trieben die Unmenschlichkeit so weit, dass sie weder den in der Stadt noch den auf den Landstrassen Gefallenen ein Begräbnis vergönnten; vielmehr liessen sie, als hätten sie sich verschworen, zugleich mit den Gesetzen des Vaterlandes auch die der Natur zunichte zu machen und zu ihren Freveln gegen die Menschen hin auch noch die Gottheit zu entweihen, die Leichen an der Sonne verfaulen. Wer einen seiner Angehörigen bestattete, ward wie ein Überläufer mit dem Tode bestraft, und es musste gleich selbst das Begräbnis entbehren, wer es einem anderen zuteil werden lassen wollte. Kurz, keines der besseren Gefühle war in jenen Unglückstagen so gänzlich vernichtet, wie das Mitleid. Was Erbarmen hätte wecken sollen, diente jetzt nur dazu, die Ruchlosen zu erbittern; von den Lebenden ging ihr Grimm auf die Gemordeten, von den Toten wieder auf die Lebenden über; wer bei der unsäglich angstvollen Lage noch übrig blieb, pries die Umgekommenen selig, weil sie Ruhe gefunden, und wer im Gefängnis den Folterqualen ausgesetzt war, schätzte im Vergleich mit seinem Elend sogar diejenigen glücklich, die unbegraben umherlagen. Alle menschlichen Rechte wurden von den Schandbuben mit Füssen getreten, die göttlichen verhöhnt, die Sprüche der Propheten als betrügerisches Geschwätz verlacht. Denn gar vieles hatten die letzteren von Tugend und Laster vorhergesagt, und indem die Zeloten sich darüber hinwegsetzten, führten sie auch die den Untergang ihres Vaterlandes betreffenden Prophezeiungen jener Seher der Erfüllung entgegen. Es gab ja alte Aussprüche gottbegeisterter Männer, dass die Stadt dann dem Feinde verfallen und das Allerheiligste nach Kriegsbrauch in Flammen aufgehen werde, wenn einmal Aufruhr ausbreche und Bürgerhände den gottgeweihten Raum befleckten. Obwohl die Zeloten diesen Weissagungen gegenüber nicht gerade ungläubig sich verhielten, trugen sie doch selbst zu deren Erfüllung das ihrige bei.

Kapitel 7 – Tyrannei des Joannes. Greuelthaten in der Umgebung von Masada. Vespasianus erobert Gadara

1. Wir müssen jetzt auf Joannes zurückkommen, der, wie schon erwähnt, ein merkliches Gelüst, den Tyrannen zu spielen, bekundete. Er hielt es unter seiner Würde, nur derselben Ehre wie seine Genossen teilhaftig zu werden, zog daher bei verschiedenen Gelegenheiten einige der Schlechtesten an sich und machte sich so allmählich von seiner Partei unabhängig. Da er nun den Beschlüssen der anderen stets den Gehorsam versagte, seine eigenen aber in herrischem Ton als Befehle hinstellte, konnte es keinem Zweifel mehr unterliegen, dass er nach Alleinherrschaft strebte. Einige fügten sich ihm aus Furcht, andere aus Ergebenheit — er verstand es nämlich meisterlich, sich durch List und Trug einen Anhang zu verschaflen —, manche auch, weil sie es im Interesse ihrer eigenen Sicherheit für zweckmässig hielten, dass die Verantwortlichkeit für die bisherigen Frevelthaten statt von vielen von einem einzigen Manne getragen würde. Überdies führte die Entschlossenheit, die er sowohl im Handeln wie im Überlegen zeigte, ihm noch eine Menge weiterer Spiessgesellen zu. Immerhin aber blieb auch eine erkleckliche Anzahl Gegner übrig, die sich zum kleineren Teil von Missgunst leiten liessen, da sie es für drückend hielten, sich einem Manne unterzuordnen, dem sie bisher gleichgestanden hatten; bei den meisten jedoch war es Scheu vor der Herrschaft eines Einzigen, was sie ihm abgeneigt machte. Sie sahen nämlich voraus, dass sie ihn, wenn er einmal die Gewalt in Händen hätte, nicht leicht mehr stürzen könnten, und dass ihm dann ihre frühere Widersetzlichkeit nur als Vorwand für ein strenges Einschreiten gegen sie dienen würde; deshalb waren sie fest entschlossen, lieber im Kampf gegen ihn alles zu erdulden, als sich freiwillig knechten zu lassen und nach Sklavenart unterzugehen. Aus diesen Gründen kam es zu einer Trennung von Joannes, der seinerseits wie ein König über seine Parteigänger herrschte. Gegeneinander hatten sie überall Wachen ausgestellt; doch machten sie von den Waffen keinen Gebrauch, und wenn dies je geschah, so blieb es bei kleinen Scharmützeln. Um so heftiger aber bekämpften sie das Volk und wetteiferten miteinander, welche Partei demselben die grössere Beute abjagen könne. So war denn die Stadt jetzt von drei sehr schlimmen Übeln heiragesucht, Krieg, Tyrannei und Parteihader, von denen der Krieg dem Volke verhältnismässig noch am leichtesten vorkam. Unter diesen Umständen konnte es nicht ausbleiben, dass viele Bewohner Jerusalems ihren eigenen Landsleuten entliefen, zu den Fremden flohen und bei den Römern ihr Heil suchten, an dem sie unter ihren Volksgenossen verzweifeln mussten.

2. Noch eine vierte Plage übrigens brach zum Verderben des Volkes herein. Nicht weit von Jerusalem lag eine sehr starke Festung mit Namen Masada, die von den alten Königen sowohl zur Bergung ihrer Schätze in Kriegsgefahren als zu ihrer persönlichen Sicherheit erbaut worden war. Sie war in den Händen der sogenannten Sikarier, die bisher weiter ins Land gehende Raubzüge aus Furcht unterlassen und sich auf Ausplünderung der nächsten Umgebung, lediglich zur Beschaffung der notwendigsten Lebensmittel, beschränkt hatten. Jetzt aber, da sie erführen, dass die Streitmacht der Römer sich nicht rühre und die Juden zu Jerusalem infolge von Parteihader und Willkürherrschaft unter sich uneins geworden seien, verlegten sie sich auf keckere Wagestücke. Am Fest der ungesäuerten Brote, welches die Juden zum Andenken an ihre Befreiung aus der aegyptischen Knechtschaft und an die Heimkehr in ihr Stammland feiern, stiegen sie, unbemerkt von denen, die ihnen hätten hindernd in den Weg treten können, bei Nacht aus ihrem Schlupfwinkel herab und berannten ein Städtchen Namens Engaddi. Den wehrfähigen Teil der Einwohnerschaft hatten sie, ehe er auch nur zu den Waffen greifen und sich sammeln konnte, alsbald zerstreut und aus der Stadt gejagt; die Weiber und Kinder aber, die zur Flucht nicht stark genug waren, wurden, über siebenhundert an der Zahl, niedergemetzelt. Hierauf plünderten sie die Häuser rein aus, raubten die reifen Feldfrüchte und kehrten mit ihrer Beute nach Masada zurück. Auf gleiche Weise hausten sie in sämtlichen nahe bei der Festung gelegenen Dörfern sowie in der ganzen Umgegend, und von Tag zu Tag ward ihre Rotte durch bedeutenden Zufluss von allen Seiten verstärkt. Auch in den anderen Teilen Judaeas, die bisher in dieser Beziehung Ruhe gehabt hatten, regte sich das Räuberunwesen. Ist der edelste Teil eines Körpers entzündet, so erkranken zugleich mit ihm alle übrigen Glieder. Nicht anders war es auch hier. Die in der Hauptstadt herrschende Zwietracht und Zerrüttung liess die Bösewichte auf dem Lande bei ihren Räubereien straflos ausgehen; hatten sie nun die Dörfer ihrer Landsleute ausgeplündert, so zogen sie sich in die Wüste zurück, verbanden sich daselbst durch Eidschwüre, thaten sich zu Scharen zusammen, die zwar weniger zahlreich als Heerhaufen, jedoch stärker als Räuberbanden waren, und fielen dann über Heiligtümer und Städte her. Hier und da begab es sich wohl, dass sie von den Angegriffenen, wie es im Kriege denen zu geschehen pflegt, die unterlegen sind, übel zugerichtet wurden; dafür aber kamen sie in anderen Fällen der Rache der Gegner zuvor, indem sie nach Räuberart mit der Beute sich rasch davonmachten. So gab es bald keinen Teil Judaeas mehr, der nicht in das Verderben der Hauptstadt mit hineingezogen worden wäre.

3. Von alledem ward Vespasianus durch Überläufer in Kenntnis gesetzt. Denn obwohl die Empörer sämtliche Ausgänge bewachten und jeden, der sich aus irgend einem Grunde näherte, niederstiessen, gab es doch manche, die sich durchschlichen, zu den Römern entflohen und auf den Feldherrn ein zu wirken suchten, dass er der Stadt zu Hilfe eile und die Trümmer des Volkes rette, indem sie ihm vorstellten, wie die meisten wegen ihrer Anhänglichkeit an die Römer ermordet worden seien und die noch Lebenden um derselben Gesinnung willen in Todesgefahr schwebten. Aus Mitgefühl mit ihren Leiden brach er auch wirklich auf, dem Anschein nach, um Jerusalem zu belagern, in der That aber um es zu entsetzen. Zuvor jedoch musste er, was noch übrig war, bewältigen, um nichts in seinem Rücken zu lassen, was ihm bei der Belagerung hinderlich werden konnte. Er rückte daher zunächst vor Gadara, die wohlbefestigte Hauptstadt von Peraea, und zog am u -IVCRSIPGÖ-J il-01’ 'l vierten des Monats Dystros in sie ein. Es hatten nämlich die angesehensten Einwohner der Stadt teils aus Sehnsucht nach Frieden, teils aus Sorge um ihre Habe — Gadara zählte viele reiche Bürger — Gesandte in betreff der Übergabe an ihn geschickt, ohne dass die Erapörungslustigen etwas davon gemerkt hätten; letzteren kam die Sache vielmehr erst zu Ohren, als Vespasianus bereits ganz in der Nähe stand. Sie selbst freilich durften nicht hoffen, die Stadt halten zu können, einmal weil sie ihren Gegnern in der Stadt an Zahl nicht gewachsen waren, und dann auch weil sie die Römer schon fast vor den Thoren sahen. Sie beschlossen daher, zu fliehen. Doch hielten sie es für unrühmlich, dies ohne Blutvergiessen zu thun und ohne an den Schuldigen Rache genommen zu haben, und so bemächtigten sie sich eines gewissen Dolesos, welcher nicht nur infolge seiner Stellung und Herkunft der erste Mann der Stadt war, sondern auch für den Urheber der Gesandtschaft galt, töteten ihn und machten sich, nachdem sie zuvor noch ihre Wut an seinem Leichnam ausgelassen hatten, aus dem Staube. Als nun das Römerheer anrückte, empfingen die Gadarener den Vespasianus mit freudigen Zurufen und erhielten von ihm die Zusicherung seines Schutzes sowie eine Besatzung von Reiterei und Fussvolk zur Abwehr etwaiger Angriffe seitens der Flüchtlinge. Die Stadtmauer hatten sie, ohne erst die Aufforderung der Römer abzuwarten, niedergerissen, um dadurch, dass eie selbst sich jeden Widerstand unmöglich machten, ihre Friedensliebe aufs deutlichste zu bekunden.

4. Zur Verfolgung der Flüchtlinge, die Gadara verlassen hatten, sandte Vespasianus den Placidus mit fünfhundert Reitern und dreitausend Mann zu Fuss ab, während er selbst mit dem übrigen Heer nach Caesarea zurückkehrte. Als nun die Verfolgten auf einmal der ihnen nachsetzenden Reiter ansichtig wurden, drängten sie sich, ehe es zum Handgemenge kam, in ein Dorf Namens Bethennabris zusammen. Hier fanden sie eine % nicht unbedeutende Anzahl junger Leute, welche sie teils mit, teils ohne deren Einwilligung bewaffneten; alsdann machten sie unbesonnenerweise gegen die Truppen des Placidus einen Ausfall. Diese wichen beim ersten Angriff etwas zurück in der Absicht, ihre Gegner weiter von der Mauer wegzuziehen; kaum aber hatten sie die Juden an einen günstigen Ort gelockt, als sie dieselben umzingelten und mit Lanzen auf sie eindrangen. Denen, welche fliehen wollten, schnitten die Reiter den Weg ab, während unter dem kämpfenden Haufen das Fussvolk ein gewaltiges Blutbad anrichtete. So rannten die Juden in ihr Verderben, ohne etwas mehr als ihre Tollkühnheit bewiesen zu haben. Da nämlich die Römer dichtgeschlossene Reihen bildeten und hinter ihren Rüstungen wie von einer Mauer gedeckt standen, fanden die Juden ebenso wenig Gelegenheit, ihre Geschosse anzubringen, als es ihnen gelang, die feindlichen Linien zu durchbrechen. Dagegen wurden sie selbst entweder von den Römern durchbohrt oder liefen wie wilde Tiere in deren Schwerter hinein, und was nicht im Handgemenge fiel, ward von den Reitern zerstreut und niedergehauen.

5. Placidus nämlich war (insbesondere darauf bedacht ihnen den Rückweg nach dem Dorf abzuschneiden; er sprengte daher beständig mit seinen Reitern nach dieser Seite hin, liess aber dann plötzlich kehrt machen und die Juden mit einem Pfeilregen überschütten, wodurch die näher befindlichen dem sicheren Untergang verfielen und die entfernteren abgeschreckt wurden. Endlich gelang es den Tapfersten doch, sich bis zur Mauer durchzuschlagen. Die Wächter aber wussten nun nicht, was sie thun sollten. Die Gadarener einfach draussen zu lassen, konnten sie um ihrer eigenen Leute willen nicht über sich bringen; anderseits mussten sie, wenn sie ihnen Aufnahme gewährten, befürchten, mit ihnen zu Grunde zu gehen. Das letztere war denn auch wirklich der Fall. Während nun die Masse der Fliehenden sich an der Mauer staute, wären die römischen Reiter beinahe mit eingedrungen; doch gelang es den Juden noch eben, die Thore vor ihnen zu schliessen, sodass Placidus stürmen lassen musste. Bis zum Abend währte der Kampf; dann gelangten die Römer, die tapfer gefochten hatten, in den Besitz der Mauer und des Dorfes. Die wehrlose Bevölkerung wurde niedergemetzelt, während die streitbare Mannschaft davonfloh; hierauf plünderten die Soldaten die Häuser und steckten das Dorf in Brand. Die flüchtigen Juden rissen übrigens auch die Landbevölkerung mit sich fort und erfüllten ringsum alles mit Schrecken, indem sie ihre eigene Niederlage übertrieben und erzählten, das ganze Römerheer sei im Anmarsch begriffen. In dichten Scharen flohen sie nun auf Jericho zu, das allein ihnen noch Hoffnung auf Rettung gab, da es starke Mauern und eine zahlreiche Einwohnerschaft hatte. Placidus setzte ihnen im Vertrauen auf seine Reiter und sein bisheriges Kriegsglück bis zum Jordan nach und machte unterwegs alles nieder, was ihm in den Weg kam; dann trieb er die ganze Menge in der Nähe des Flusses, der von Regengüssen angeschwollen war und deshalb nicht durchwatet werden konnte, zusammen und stellte ihnen gegenüber seine Truppen in Schlachtordnung auf. Flucht war nun für die Juden unmöglich geworden, und so zwang sie denn die Not zum Kampfe: in langer Linie dehnten sie sich am Ufer aus und versuchten auf diese Weise dem Geschosshagel und dem Anprall der Reiterei standzuhalten. Die letztere indes hieb sie massenhaft nieder oder drängte sie in den Fluss hinein; fünfzehntausend Juden fielen so unter dem Schwert ihrer Gegner, und fast zahllos war die Menge derer, die mit Gewalt in den Jordan getrieben wurden. In Gefangenschaft gerieten über zweitausendzweihundert; ausserdem fiel eine reiche Beute an Eseln, Schafen, Kamelen und Rindvieh den Siegern in die Hände.

6. Den Juden kam diese Niederlage, die freilich hinter den bisherigen nicht zurückstand, doch noch grösser 2S* vor, als sie wirklich war; denn nicht nur troff die ganze Gegend, welche die Flüchtigen durchzogen hatten, von Blut, sondern es war auch der Jordan vor lauter Leichen nicht mehr zu passieren, und sogar den Asphaltsee bedeckten tote Körper, die massenhaft aus dem Flusse in ihn hinabgeschwemmt waren. Placidus anderseits verfolgte sein Glück, brach gegen die umliegenden Städtchen und Dörfer auf, eroberte Abila, Julias und Bethsimoth sowie die sämtlichen Ortschaften bis zum Asphaltsee und legte in jede derselben eine aus den tauglichsten Überläufern gebildete Besatzung. Hierauf liess er seine Soldaten Kähne besteigen und alles niedermachen, was sich auf den See geflüchtet hatte. Sonach war nun ganz Peraea mit Ausnahme von Machaerus teils freiwillig, teils mit Gewalt in den Besitz der Römer übergegangen.

Kapitel 8 – Vespasianus beschleunigt die Kriegführung. Beschreibung der Lage Jerichos sowie der grossen Ebene und des toten Meeres

1. Mittlerweile waren Nachrichten eingelaufen, dass in Gallien ein Aufstand ausgebrochen und Vindex mit den Häuptlingen der Eingeborenen von Nero abgefallen sei, wie in Einzelwerken des näheren zu lesen ist. Diese Meldungen veranlassten den Vespasianus, die Kriegführung zu beschleunigen; denn er sah bereits die künftigen Bürgerkämpfe und die gefahrvolle Lage des ganzen Reiches voraus und glaubte durch Herstellung friedlicher Zustände im Orient die Besorgnisse Italiens verringern zu können. Während der Dauer des Winters hatte er sich der eroberten Städtchen und Dörfer dadurch versichert, dass er Besatzungen hineinlegte und die ersteren der Verwaltung von Centurionen, die letzteren der von UWtVERSITY QF CALIFORNIA 4°*7 Decurionen unterstellte; auch hatte er viele der verwüsteten Ortschaften wieder auf bauen lassen. Mit dem Beginn des Frühlings aber brach er an der Spitze des grössten Teiles seiner Streitmacht von Caesarea nach Antipatris auf, wo er zwei Tage lang die Angelegenheiten der Stadt ordnete; am dritten zog er dann weiter und verwüstete die ganze Gegend ringsum mit Feuer und Schwert. Nach Unterjochung der Toparchie Thamna rückte er vor Lydda und Jamnia, nahm beide ein, versah sie mit Besatzungen, die aus geeigneten Bewohnern früher übergetretener Städte gebildet waren, und kam nach Ammaus. Hier schnitt er zunächst der Bevölkerung die Wege nach der Hauptstadt ab, errichtete ein festes Lager, in welchem er die fünfte Legion zurückliess, und marschierte mit dem übrigen Heere weiter in die Toparchie Bethleptepha. Diese sowie das angrenzende Gebiet verheerte er durch Brennen und Sengen, befestigte alsdann geeignete Punkte in Idumaea und nahm zwei Dörfer im Herzen dieser Landschaft, Betaris und Kaphartobas, ein, wo er über zehntausend Menschen niedermachte und mehr als tausend gefangen nahm. Die übrige Menge veijagte er und legte in die beiden Ortschaften einen ansehnlichen Teil seiner Truppen, welche das ganze umliegende Bergland verwüstend durchzogen. Er selbst kehrte mit dem Rest des Heeres nach Ammaus zurück, von wo er durch das Samariterland an Neapolis oder, wie es bei den Eingeborenen heisst, Mabortha vorbei nach Korea hinabmarschierte. In Korea liess er am zweiten des Monats Daisios ein Lager schlagen und langte tags darauf vor Jericho an; hier stiess Trajanus einer seiner Heerführer, mit Truppen zu ihm, die er nach Unterjochung der jenseits des Jordan gelegenen Landesteile aus Peraea hergebracht hatte.

2. Die Bewohner Jerichos hatten sich grösstenteils, ohne das Erscheinen der Römer abzuwarten, auf das Jerusalem gegenüberliegende Gebirge geflüchtet und die Stadt fast leer gelassen; die Zurückgebliebenen, die übrigens auch noch ziemlich zahlreich waren, verfielen dem Schwerte der Römer. Jericho liegt in einer Ebene und ist von einem kahlen, unfruchtbaren Höhenzug überragt, der sich in bedeutender Länge gegen Norden bis in die Gegend von Skythopolis, gegen Süden bis an das frühere Sodomitergebiet und die Ufer des toten Meeres erstreckt — ein durchweg rauher und wegen seiner Unfruchtbarkeit gänzlich unbewohnter Landstrich. Ihm gegenüber zieht sich den Jordan entlang ein anderes Gebirge, das bei Julias und noch weiter nördlich beginnt und in südlicher Richtung bis Somorrha, Nachbarstadt von Petra in Arabien, läuft. Zu diesem Gebirge gehört auch der sogenannte Eisenberg, welcher der Länge nach bis zum Moabiterland sich hinstreckt. Die Mittellandschaft zwischen den beiden Bergketten heisst die grosse Ebene, die von dem Dorfe Ginnabris bis zum Asphaltsee reicht. Ihre Länge beträgt zweihundertdreissig, ihre Breite hundertzwanzig Stadien. Sie wird in der Mitte vom Jordan durchschnitten und hat zwei Seen von entgegengesetzter Beschaffenheit, den Asphaltsee und den See Tiberias; das Wasser des ersteren nämlich ist salzig und dem Pflanzen wuchs schädlich, das des letzteren süss und befruchtend. Zur Sommerzeit ist die Ebene wie ausgebrannt und weist eine Luft auf, die infolge der übermässigen Hitze sehr nachteilig auf die Gesundheit ein wirkt; denn ausser dem Jordan hat sie nicht die Spur von Wasser, weshalb auch die Palmen an den Ufern dieses Flusses ansehnlich und üppig, die weiter davon entfernten dagegen kümmerlich entwickelt sind.

3. In der Nähe von Jericho befindet sich eine starke, der Bewässerung der Fluren äusserst dienliche Quelle, die dicht bei der alten Stadt hervorsprudelt, der ersten, die Jesus, der Sohn des Nave, als Heerführer der Hebräer im Lande der Chananäer mit dem Schwert eroberte. Diese Quelle soll vor Zeiten nicht nur die Erd-und Baumfrüchte, sondern auch die Leibesfrucht der Weiber vernichtet und überhaupt allem Lebenden Tod und Verderben gebracht haben, von dem Propheten Elissaeus aber, dem Schüler und Nachfolger des Elias, gereinigt und überaus heilkräftig und befruchtend gemacht worden sein. Aus Dankbarkeit für die gastliche Aufnahme, die er bei den Bewohnern Jerichos gefunden und die ausserordentlich freundliche Gesinnung, die sie ihm entgegenbrachten, bedachte er sie und das Land mit einem für alle Zeiten bleibenden Geschenk. Er begab sich nämlich zur Quelle hin, warf ein irdenes Gefass mit Salz in das strömende Wasser, erhob seine Hechte gen Himmel und flehte, indem er ein sühnendes Trankopfer in die Quelle goss, dass ihre Beschaffenheit gemildert und süssere Adern in ihr geöffnet würden, sowie dass der Himmel gedeihlichere Lüfte mit dem Wasser mischen und so den Umwohnern Fruchtbarkeit des Bodens und Kindersegen verleihen, auch ihnen das Wasser nicht entziehen möge, so lange sie gerecht blieben. Durch dieses Gebet, dem er mancherlei Ceremonien, wie seine Kunst sie ihn lehrte, vorausschickte, wandelte er die Quelle um, und das Wasser, das zuvor die Ursache von Kinderlosigkeit und Hungersnot gewesen war, bewirkte von nun an Kindersegen und Überfluss. Denn es hat, wenn es zur Berieselung benutzt wird, eine solche Kraft, dass es selbst bei nur leichter Benetzung des Bodens denselben fruchtbarer macht als anderes Wasser, das bis zur Sättigung des Erdreichs stehen bleibt; dadurch erklärt es sich auch, dass es bei sparsamem Verbrauch sich recht nutzbringend erweist, während es bei reichlicherer Verwendung nur wenig Vorteil darbietet. Aus dem gleichen Grunde bewässert die Quelle eine grössere Bodenfläche wie irgend eine andere; durchläuft sie doch eine Ebene von siebzig Stadien Länge und zwanzig Stadien Breite, in welcher sie die herrlichsten, dicht bei einander liegenden Prunkgärten speist. Der von ihr versorgten Palmen giebt es mancherlei Arten, die nach Geschmack und Benennung verschieden sind. Die fetteren werden getreten und liefern so eine Menge Honig, welcher dem Bienenhonig, der sich übrigens dort auch findet, nicht viel nachgiebt. Ferner wächst daselbst der Opobalsam, das köstlichste Erzeugnis des Landes, sowie die Henna und der Myrobalanus. Mit Recht kann man deshalb diesen Landstrich, in welchem die seltensten und kostbarsten Erzeugnisse der Natur in so reicher Fülle gedeihen, einen gottgesegneten nennen. Auch was die sonstigen Fruchtarten angeht, kann nicht leicht eine andere Gegend der Erde mit ihm verglichen werden — so reichlich giebt der Boden zurück, was man hineingelegt hat. Es scheint mir dies von der Wärme der Luft und der vorzüglichen Beschaffenheit des Wassers herzukommen, indem jene die Pflanzen hervorlockt und ihr üppiges Wachstum befördert, die Feuchtigkeit aber dieselben starke Wurzeln schlagen lässt und ihnen im Sommer Kraft verleiht. In letzterer Jahreszeit ist die Gegend so drückend heiss, dass nicht leicht jemand ins Freie hinausgeht. Das Wasser, welches man vor Sonnenaufgang schöpft und dann der Luft aussetzt, wird sehr kalt und nimmt eine der umgebenden Luft entgegengesetzte Temperatur an; im Winter dagegen erwärmt es sich und ist dann zum Baden sehr geeignet. Auch ist die Luft in dieser Jahreszeit dort so mild, dass die Eingeborenen sich in Leinwand kleiden, während es im übrigen Judaea schneit Von Jerusalem ist Jericho hundertfünfzig, vom Jordan sechzig Stadien entfernt Die Gegend bis Jerusalem ist öde und felsig, der Strich bis zum Jordan und zum Asphaltsee zwar ebener, aber gleichfalls wüst und unfruchtbar. Damit glaube ich über die gesegnete Lage Jerichos genug gesagt zu haben.

4. Eine genauere Beschreibung verdient noch die natürliche Beschaffenheit des Asphaltsees. Sein Wasser ist, wie schon bemerkt, bitter und der Vegetation nicht zuträglich, dabei so leicht, dass es selbst die schwersten Gegenstände, die man hinein wirft, trägt und man bei aller Anstrengung nicht leicht unterzutauchen vermag. So liess auch Vespasianus, als er an den See kam, um ihn zu besichtigten, einige des Schwimmens unkundige Personen mit auf dem Kücken gebundenen Händen in die Tiefe werfen, und siehe, sie alle trieben, wie von einem Wind in die Höhe gehoben, auf der Oberfläche umher. Merkwürdig ist ferner der Farbenwechsel des Sees; dreimal am Tage nämlich ändert er seine Oberfläche und wirft die Sonnenstrahlen in buntem Schillern zurück. An vielen Stellen stösst er schwarze Asphaltklumpen aus, die, an Gestalt und Grösse kopflosen Stieren vergleichbar, auf dem Wasser schwimmen. Die Arbeiter auf dem See nähern Bich denselben, ergreifen die zusammenhängenden Massen und ziehen sie in die Kähne; haben sie die letzteren gefüllt, so wird es ihnen nicht leicht, die Klumpen loszumachen, da sie infolge ihrer Zähigkeit an dem Fahrzeug kleben bleiben, bis sie durch monatliches Blut von Weibern oder durch Harn davon getrennt werden: denn diese Flüssigkeiten allein vermögen den Asphalt zu lösen. Der harzige Stoff findet nicht nur beim Schiffbau Verwendung, sondern dient auch zu Heilzwecken und wird deshalb vielen Arzneien beigemischt. Die Länge des Sees, die sich bis Zoar in Arabien erstreckt, beträgt fünfhundertachtzig, die Breite hundertfünfzig Stadien. An seine Ufer stösst das Sodomiterland, einst ein glückliches Fleckchen Erde, da es fruchtbare Gefilde und wohlhabende Städte aufwies, jetzt aber völlig vom Feuer zerstört. Es soll wegen der GotN losigkeit seiner Bewohner durch Blitze in Brand gesetzt worden sein. Noch heute finden sich die Spuren des vom Himmel gesandten Feuers, und es sind im See die schattenhaften Umrisse von fünf Städten zu sehen. Auch erzeugt sich stets von neuem Asche in gewissen Früchten, welche an Farbe essbaren ähnlich sind; pflückt man sie aber mit der Hand, so lösen sie sich in Staub und Asche auf. So werden die Sagen über das Land der Sodomiter durch den Augenschein bestätigt.

Kapitel 9 – Vespasianus verschiebt auf die Nachricht vom Tode Neros den Angriff auf Jerusalem. Simon, des Gioras Sohn, zieht in die Hauptstadt ein

1. Um nun Jerusalem von allen Seiten einzuschliessen, errichtete Vespasianus sowohl in Jericho als in Adida ein Lager und legte in beide Städte eine aus Römern und Bundesgenossen gemischte Besatzung. Zugleich sandte er den Lucius Annius mit einer Reitertruppe und einer starken Abteilung Fussvolk nach Gerasa. Dieser nahm die Stadt im Sturm, tötete alle junge Mannschaft, soweit sie nicht rechtzeitig geflohen war, tausend an der Zahl, machte ihre Angehörigen zu Kriegsgefangenen und überliess die Habe der Einwohner seinen Soldaten zur Plünderung. Nachdem er sodann noch die Häuser in Brand gesteckt hatte, ging er auf die umliegenden Dörfer los. Wer dazu imstande war, suchte sein Heil in der Flucht; die Schwächeren kamen um; alles übrige ging in Flammen auf. Das ganze Bergland wie die Ebene befanden sich nun im Kriegszustand, und es waren somit den Bewohnern Jerusalems sämtliche Auswege abgeschnitten. Die, welche im Sinne hatten, zu den Feinden überzugehen, sahen sich von den Zeloten bewacht; die anderen aber, die sich noch nicht für die Römer begeistern konnten, wurden durch das Heer in Schrecken gehalten, das jetzt von allen Seiten die Stadt einschloss.

2. Als Vespasianus nach Caesarea zurückgekehrt war und sich eben anschickte, mit seiner ganzen Heeresmacht gegen Jerusalem aufzubrechen, ward ihm die Ermordung Neros gemeldet. Wie dieser Imperator, der dreizehn Jahre und acht Tage regierte, den Thron dadurch beschimpfte, dass er den verruchtesten Menschen, Nymphidius und Tigellinus, und den unwürdigsten Freigelassenen die Regierungsgeschäfte überliess; wie diese sich dann gegen ihn verschworen, er aber, von allen seinen Leibwächtern verlassen, mit nur vier ihm treugebliebenen Freigelassenen entfloh und in einer Vorstadt Roms sich selbst entleibte; wie diejenigen, die ihn gestürzt, kurz nachher dafür büssen mussten; welchen Ausgang der gallische Krieg nahm, und wie Galba, zum Imperator ernannt, aus Hispanien zurückkehrte, bald aber, von seinen Soldaten schmutziger Gesinnung bezichtigt, mitten auf dem Forum zu Rom meuchlings ermordet und Otho zum Imperator ausgerufen wurde; Othos Feldzug gegen die Heerführer des Vitellius und seinen Sturz; dann die Empörungen unter Vitellius und den Kampf um das Kapitolium; endlich wie Antonius Primus und Mucianus nach Vernichtung des Vitellius und der germanischen Legionen den Bürgerkrieg beendeten — das alles ins einzelne zu schildern, wird mir erlassen sein, da es überall sattsam bekannt und von vielen griechischen wie römischen Schriftstellern bereits aufgezeichnet ist. Um des Zusammenhanges der Begebenheiten willen und um den Faden der Geschichte nicht zu zerreissen, habe ich die Hauptpunkte übersichtlich angegeben. — Vespasianus verschob nun zunächst den Feldzug nach Jerusalem; denn er war in gespannter Erwartung, wem nach Nero die Herrschaft zufallen würde. Auch hernach, als er hörte, dass Galba Imperator geworden, wollte er nicht ans Werk gehen, ehe er von letzterem einen Auftrag dazu erhalten hätte. Er sandte daher seinen Sohn Titus zu Galbä, um ihn beglückwünschen und Verhaltungsmassregeln betreffs der Juden entgegennehmen zu lassen. In der nämlichen Absicht schiffte sich mit Titus auch der König Agrippa nach Rom ein. Aber während sie auf Kriegsschiffen der Küste von Achaja entlang fuhren (denn es war Winter), war Galba schon ermordet worden; nur sieben Monate und sieben Tage hatte er den Thron innegehabt. Nach ihm kam Otho zur Regierung, und zwar bemächtigte er sich der Herrschaft mit Gewalt. Während nun Agrippa, ohne sich den Regierungswechsel sonderlich anfechten zu lassen, nach Rom weiterzureisen beschloss, segelte Titus wie auf göttlichen Antrieb von Griechenland nach Syrien und kam alsbald bei seinem Vater in Caesarea an. In ängstlicher Spannung wegen der Lage des römischen Reiches, das ihrer Meinung nach wie ein Schiff im Sturm schwankte, schenkten nun die beiden dem Kriege gegen die Juden weniger Beachtung und hielten, besorgt um ihr eigenes Vaterland, einen Angriff auf die Fremden zur Zeit für unthunlich.

3. Statt dessen aber brach ein anderer Krieg über Jerusalem herein. Ein junger Mann aus Gerasa, Simon, des Gioras Sohn, der dem in der Hauptstadt bereits allgewaltigen Joannes zwar an Verschlagenheit nachstand, an Körperkraft und Waghalsigkeit dagegen ihn übertraf und um letzterer Eigenschaft willen vom Hohepriester Ananus aus der Toparchie Akrabatene, wo er den Herrscher spielte, vertrieben worden war, hatte sich an die Räuber angeschlossen, die Masada besetzt hielten. Anfangs zwar hatten sie ihm misstraut und ihm nur gestattet, samt den Weibern, die er mitbrachte, den unteren Teil der Festung zu bewohnen, während sie selbst den höher gelegenen einnahmen. Bald jedoch durfte er, weil er sich als echter Spiessgeselle erwies und sich allmählich Zutrauen erworben hatte, an ihren Raubzügen teilnehmen und half nun die Umgegend von Masada verwüsten, vermochte aber die Banditen nicht zu grösseren Unternehmungen zu bewegen. An die Festung gewöhnt, wie sie waren, trugen sie nämlich Bedenken, sich von diesem ihrem Schlupfwinkel weit zu entfernen. Simon indes wollte höher hinaus: sein Ziel war die Tyrann enherrschaft. Sobald er daher den Tod des Ananus erfahren hatte, trennte er sich von ihnen, schlug sich ins Gebirge, liess durch Herolde den Sklaven Freiheit, den Freien Belohnungen versprechen und scharte so die Schlechten aus der ganzen Gegend um seine Person.

4. Bald hatte er eine starke Bande beisammen und plünderte nun zunächst die Dörfer im Gebirge aus; als er aber immer grösseren Zuwachs erhielt, wagte er sich auch in die Ebene hinab. Selbst den Städten wurde er jetzt furchtbar, und zugleich veranlasste seine Macht sowie der glückliche Erfolg seiner Unternehmungen eine Reihe angesehener Leute, auf seine Seite zu treten, sodass sein Heer bereits nicht mehr aus Sklaven und Räubern allein bestand, sondern auch nicht wenige sesshafte Bürger aufwies, die ihm wie ihrem Könige gehorchten. Nunmehr dehnte er seine Streifzüge über die Toparchie Akrabatene und selbst bis in den grösseren Bezirk Idumaea aus. Bei einem Dorfe Nam nämlich hatte er eine Art Bollwerk errichtet, das ihm wie eine Festung zu seiner Sicherheit diente, und ausserdem hatte er in einer Schlucht mit Namen Pharan viele Höhlen erweitern lassen; diese Höhlen gebrauchte er nun samt vielen anderen Verstecken, die er dort schon fertig vorfand, als Schatzkammern und Magazine für die Beute. Ebenso verwahrte er in ihnen die geraubten Feldfrüchte, und ein bedeutender Teil seiner Rotte wohnte daselbst. Dass er es mit diesen Übungszügen seiner Bande und mit den sonstigen Zurüstungen auf eine Unternehmung gegen Jerusalem abgesehen hatte, konnte keinem Zweifel unterliegen.

5. Aus Furcht vor einem heimlichen Überfall und um das Emporkommen eines Mannes, dessen Macht zu ihrem Schaden tagtäglich an wuchs, zu verhindern, rückten die Zeloten in grosser Anzahl bewaffnet ihm entgegen. Simon liess sich auf das Treffen ein, machte in demselben eine Menge seiner Gegner nieder und trieb die übrigen in die Stadt zurück. Da er jedoch seinen Streitkräften noch nicht soweit traute, dass er einen Sturm auf die Mauer hätte wagen können, zog er ab, um zunächst Idumaea zu erobern, und rückte an der Spitze von zwanzigtausend Bewaffneten gegen dessen Grenzen heran. Die Häuptlinge der Idumäer sammelten in aller Eile die streitbarste Mannschaft des Landes, gegen fünfundzwanzigtausend an der Zahl, und erwarteten, während sie die übrige Menge zum Schutz ihrer Habe gegen die Einfälle der Sikarier Masadas zurückliessen, den Simon an der Grenze ihres Gebietes. Dort kam es zur Schlacht; aber obwohl den ganzen Tag gefochten wurde, blieb es unentschieden, wer von beiden Teilen gesiegt habe, und es kehrten schliesslich die Idumäer nach Hause, Simon nach Nai’n zurück. Kurz nachher fiel er mit noch grösseren Streitkräften abermals in Idumaea ein, lagerte sich bei einem Dorfe mit Namen Thekoa und schickte den Eleazar, einen seiner vertrauten Freunde, ab, um die Besatzung des nahegelegenen Kastells Herodium zur Übergabe desselben zu bewegen. Zunächst nahm die Besatzung den Eleazar zuvorkommend auf, da sie ja den Zweck seiner Sendung noch nicht kannte; als er aber etwas von Übergabe verlauten liess, verfolgten sie ihn mit gezückten Schwertern, bis er keinen Ausweg zur Flucht mehr sah und sich von der Mauer in die unterhalb derselben befindliche Schlucht stürzte, wo er sogleich seinen Geist aufgab. Die Idumäer aber bekamen nun doch Angst vor Simons Macht und beschlossen daher, bevor sie sich in ein Gefecht einliessen, das Heer des Feindes auszukundschaften.

6. Zu diesem Dienst erbot sich Jakobus, einer der Anführer, mit grosser Bereitwilligkeit; insgeheim aber plante er Verrat. Aus dem Dorfe Alurus, wo damals das idumaeische Heer beisammen war, machte er sich zu* Simon auf und traf zunächst mit ihm die Verabredung, ihm seine Vaterstadt verraten zu wollen, wogegen Simon ihm eidlich versichern müsse, dass er ihn stets in Amt und Würden belassen werde; weiterhin stellte er ihm dann auch noch seine Mitwirkung bei der Unterjochung von ganz Idumaea in Aussicht. Auf dieses Anerbieten hin bewirtete Simon ihn gastlich und suchte ihn durch glänzende Versprechungen noch mehr zu ködern. Als nun Jakobus zu den Seinigen zurückkam, war sein erstes, mit lügnerischen Worten Simons Heer als überaus stark zu schildern; hierauf suchte er durch vertrauliche Besprechungen mit den Führern und einzelnen von der Mannschaft das gesamte Kriegsvolk dahin zu bringen, dass sie Simon aufnehmen und ihm, ohne erst die Waffen entscheiden zu lassen, die höchste Gewalt übertragen möchten. Während er auf diese Weise seine Landsleute bearbeitete, rief er den Simon durch Boten herbei und versprach ihm, die Idumäer zerstreuen zu wollen. Diese Zusage hielt er auch; denn kaum befand sich Simons Heer in der Nähe, als er sich aufs Pferd schwang und an der Spitze seiner Mitverschworenen davonsprengte. Schrecken befiel jetzt das ganze Volk, und noch ehe es zum Handgemenge kam, lösten sich die Reihen auf, und alles lief der Heimat zu.

7. Simon zog nun, was er wohl selbst nicht erwartet hatte, ohne Blutvergiessen in Idumaea ein und nahm durch Überrumpelung zuerst die Stadt Chebron, wo er reiche Beute machte und grosse Mengen Getreide raubte. Die Eingeborenen behaupten, dass Chebron nicht nur älter als die übrigen Städte jener Gegend, sondern sogar älter als Memphis in Aegypten sei; berechnet man doch das Alter der Stadt auf zweitausenddreihundert Jahre. Die Sage macht sie auch zum Wohnsitz Abrams, des Stammvaters der Juden, nach seiner Auswanderung aus Mesopotamien, und von hier aus sollen seine Nachkommen nach Aegypten gezogen sein. Die aus dem schönsten Marmor mit grosser Pracht hergestellten Grabdenkmäler der letzteren werden noch heute in jenem Städtchen gezeigt. Sechs Stadien von Chebron entfernt zeigt man auch eine riesige Terebinthe, von der man sagt, dass sie seit Erschaffung der Welt dort stehe. — Von hier aus durchzog also Simon ganz Idumaea und verheerte nicht nur die Dörfer und Städte, sondern verwüstete auch das gesamte Ackerland; denn ausser seinen Schwerbewaffneten folgten ihm noch weitere vierzigtausend Mann, sodase für eine solche Menge selbst die unentbehrlichsten Lebensmittel nicht hinreichten. Die Drangsalierung des Landes ward noch vermehrt durch die Grausamkeit des Gefürchteten und seine Erbitterung gegen das Volk, infolge deren die Verödung Idumaeas «inen immer höheren Grad erreichte. Denn wie man hinter einem Heuschreckenschwarm ganze Wälder entlaubt sehen kann, so liess Simons Heer eine völlige Wüste in seinem Rücken, indem es hier sengte, dort niederriss, alles, was das Erdreich trug, durch Zertreten oder Abweiden vernichtete und das bebaute Land durch seinen Marsch in einen Zustand versetzte, der schlimmer war als der von unfruchtbarem Boden. Kurz, auch nicht die Spur des früheren Wohlstandes blieb in den verwüsteten Gegenden übrig.

8. Diese Vorgänge rüttelten die Zeloten aus ihrer Unthätigkeit auf. In offener Feldschlacht Simon zu bekämpfen, getrauten sie sich freilich nicht; dagegen legten sie in einem Engpass einen Hinterhalt, der die Gattin Simons und deren zahlreiches Gefolge aufgriff. Jubelnd, wie wenn sie Simon selbst zum Gefangenen gemacht hätten, zogen sie hierauf in die Hauptstadt «in und erwarteten nichts geringeres, als dass er sogleich die Waffen strecken und demütig um Freilassung seiner Gattin bitten würde. Ihn aber erfüllte kein Mitleid, sondern nur Zorn wegen dieses Raubes, und alsbald erschien er vor den Mauern Jerusalems und liess wie ein angeschossenes Wild, das den, welcher es verwundet, nicht erreichen kann, an allen, die ihm in die Quere kamen, seine Wut aus. Wer, um Gemüse oder Holz zu holen, sich vor die Stadtthore hinauswagte, mochten es auch Unbewaffnete oder Greise sein, ward ergriffen und zu Tode gepeinigt; es fehlte nur noch, dass Simon in seiner Raserei die Leichen der Gemordeten verzehrte. Viele t Josephus, jüdischer Krieg. 29 UNIVERSITY ggf U LfßöRNL sandte er mit % abgehauenen Händen in die Stadt zurück, teils um seinen Feinden Schrecken einzujagen, teils auch um dadurch das Volk gegen die Schuldigen aufzureizen. Den Unglücklichen hatte man aufgetragen zu melden, Simon schwöre bei Gott dem Allwissenden: wenn sie ihm nicht auf der Stelle sein Weib herausgäben, so werde er die Mauer stürmen und, ohne irgend ein Alter zu schonen oder die Schuldigen von den Unschuldigen zu trennen, allen Bewohnern der Stadt ein gleiches anthun. Diese Drohung versetzte nicht nur das Volk, sondern auch die Zeloten in Bestürzung, und alsbald gab man ihm sein Weib zurück, worauf er, ein wenig besänftigt, in dem beständigen Blutvergiessen eine Pause eintreten liess.

9. Aber nicht in Judaea allein tobte Aufruhr und Bürgerkrieg, sondern auch in Italien. Galba nämlich war mitten auf dem Forum zu Rom ermordet und zum Imperator Otho ausgerufen worden, der indes mit seinem von den germanischen Legionen erwählten Nebenbuhler Vitellius im Kampfe lag. Bei Bedriacum in Gallien kam es zwischen Otho und den Heerführern des Vitellius, Valens und Caecinna, zur Schlacht, in welcher am ersten Tage Otho, am zweiten das Heer des Vitellius die Oberhand behielt. Nachdem viel Blut geflossen, tötete Otho, der in Brixellum die Niederlage erfuhr, sich selbst; nur drei Monate und zwei Tage hatte er an der Spitze des Reiches gestanden. Sein Heer ging zu den Feldherren des Vitellius über, und dieser zog nun mit seiner Streitmacht jn Rom ein. Unterdessen war auch Vespasianus am fünften des Monats Daisios wieder von Caesarea aufgebrochen und gegen die noch nicht unterjochten Gegenden Judaeas zu Felde gezogen. Zunächst erstieg er das Bergland und eroberte zwei Toparchien, die von Gophna und Akrabatta, hierauf die Städtchen Bethel und Ephraim, irj welche er Besatzungen legte; dann ritt er weiter bis vor Jerusalem. Viele Juden, die ihm in die Hände fielen, wurden niedergehauen, viele auch zu Gefangenen gemacht. Einer seiner Offiziere, Cerealis, verwüstete mit einer Abteilung Reiterei und Fussvolk das sogenannte obere Idumaea und steckte ein Städtchen Kaphethra, das er durch Überrumpelung genommen hatte, in Brand; ein anderes, Kapharabis genannt, belagerte er förmlich, da es eine sehr starke Ringmauer hatte. Während er sich nun gefasst machte, hier längere Zeit liegen bleiben zu müssen, öffneten ihm die Einwohner plötzlich die Thore, flehten um Gnade und ergaben sich. Cerealis versicherte sich ihrer und zog dann vor eine andere Stadt, das uralte Chebron, das, wie schon bemerkt, unweit Jerusalems im Gebirge liegt. Nachdem er sich den Eingang erzwungen hatte, liess er die gesamte waffenfähige Mannschaft niedermachen und die Stadt in Asche legen. Nunmehr war alles bis auf die von den Räubern besetzten Festungen Herodium, Masada und Machaerus unterjocht, und es lag somit Jerusalem den Römern als nächstes Ziel vor Augen.

10. Simon jhatte nicht sobald sein Weib aus den Händen der Zeloten befreit, als er in die noch verschont gebliebenen Teile Idumaeas zurückkehrte und das Volk von allen Seiten so sehr in die Enge trieb, dass viele in ihrer Not nach Jerusalem flohen. Er selbst aber folgte ihnen bis vor die Stadt nach, umzingelte abermals die Mauer und tötete alle aufs Land gehenden Arbeiter, deren er habhaft werden konnte. War nun dem Volke von den äusseren Feinden Simon schon furchtbarer als die Römer, so flössten ihm doch, die Zeloten im Innern der Stadt noch weit grösseren Schrecken ein. Übrigens hatten inzwischen Bosheit und Frechheit auch die Mannszucht unter den galilaeischen Truppen aufgelöst. Denn nachdem Joannes mit ihrer Hilfe den Gipfel der Macht erklommen hatte, erlaubte er ihnen dafür kraft seiner nunmehrigen Stellung als Herrscher, alles zu thun, wonach es sie gelüstete. Unersättlich war nun ihre Raubgier; die Häuser der Reichen wurden durchstöbert; Männer morden und Weiber schänden diente ihnen zur Kurzweil. Noch triefend vom Blute, verprassten sie das Geraubte und ergaben sich aus w'NIVLRSITY OT CALI TO RN I, Übersättigung ungescheut weibischem Gebaren, indem sie sich das Haar frisierten, Weiberkleider anzogen, sich mit wohlriechendem öl salbten und sich zur Zierde die Augen bemalten. Aber nicht allein was Putz anlangt, suchten sie es den Weibern gleichzuthun, sondern sie liessen sich auch als solche gebrauchen und ersannen im Übermass der Geilheit widernatürliche Lüste: wie in einem Bordell wälzten sie sich in der Stadt umher und befleckten dieselbe mit lauter Werken der Unzucht. Weiber dem Gesicht nach, führten sie mit der Hand den Mordstahl; zierlichen Schrittes einhertänzelnd, verwandelten sie sich plötzlich in angreifende Krieger; aus ihren feingefärbten Oberkleidern zogen sie Schwerter hervor und durchbohrten jeden, der ihnen in den Weg kam. War jemand dem Joannes entronnen, so lauerte auf ihn der noch blutdürstigere Simon, und wer sich vor den Zwingherren im Innern der Stadt gerettet hatte, fiel dem Tyrannen vor den Thoren zum Opfer. Wollte aber einer zu den Römern übergehen, so fand er jeden Weg zur Flucht abgeschnitten.

11. Infolgedessen brach unter dem Kriegs volk eine Empörung gegen Joannes aus, indem sämtliche Idumäer in demselben sich von den übrigen trennten, um gegen den Tyrannen, auf dessen Macht sie eifersüchtig waren und dessen Grausamkeit ihren Hass erregte, einen Schlag zu versuchen. Alsbald kam es nun zum Handgemenge, in welchem viele Zeloten ihr Leben verloren, während die übrigen in den von der Grapte, einer Verwandten des Adiabenerkönigs Izates, erbauten Palast zusammengetrieben wurden. Die Idumäer, welche mit den Zeloten in den Palast gelangt waren, drängten die letzteren von da weiter in den Tempel und machten sich dann an die Plünderung der Schätze des Joannes; denn der erwähnte Palast, in welchem er wohnte, diente ihm auch als Aufbewahrungsort für die Beute, die seine Tyrannei ihm einbrachte. Unterdessen strömte die in der Stadt zerstreute Menge der Zeloten zu denen, die sich in den Tempel geflüchtet hatten, und schon traf Joannes Anstalten, sie gegen das Volk und die Idumäer in den Kampf zu führen. Die letzteren aber, die ihnen an Streitbarkeit überlegen waren, fürchteten nicht so sehr einen offenen Angriff von seiten der Zeloten, als dass diese in der Verzweiflung nachts aus dem Tempel hervorschleichen, sie selbst überfallen und die Stadt in Brand stecken möchten. Sie kamen daher zusammen und überlegten mit den Hohepriestern, in welcher Weise man sich gegen einen solchen Anschlag sichern könne. Gott aber wandte ihre Gedanken auf einen schlimmen Weg, sodass sie ein Rettungsmittel ersannen, das schlimmer war als der völlige Untergang. Um nämlich Joannes zu stürzen, beschlossen sie, den Simon in die Stadt aufzunehmen und unter demütigem Flehen einen zweiten Tyrannen sich auf den Hals zu laden. Ein solcher Beschluss kam auch wirklich zur Ausführung: sie sandten den Hohepriester Matthias ab, um den vielgefürchteten Simon zu bitten, dass er in die Stadt einrücken möge. Dieser Bitte schlossen sich in der Hoffnung, ihre Häuser und ihr Vermögen wiederzuerhalten, auch diejenigen an, welche vor den Zeloten aus Jerusalem geflohen waren. Voll Übermut gewährte Simon ihnen die Gnade, ihr Despot zu sein, und zog in die Stadt ein unter dem Vorgeben, sie von den Zeloten befreien zu wollen, weshalb das Volk ihn als seinen Retter und Schirmherrn begrüsste. Kaum aber war er mit seinen Truppen drinnen, als er sein Augenmerk nur auf das richtete, was seine Oberherrschaft fördern konnte, und diejenigen, die ihn eingeladen hatten, genau in demselben Masse als Feinde ansah wie die, gegen welche er gerufen worden war.

12. So ward Simon im dritten Jahre des Krieges, im Monat Xanthikos, Herr von Jerusalem. Joannes aber und die vielen Zeloten, denen jeder Ausweg aus dem Tempel versperrt und all ihr Besitztum in der Stadt genommen war (denn Simon und seine Leute hatten nichts eiligeres zu thun gehabt, als die gesamte Habe ihrer Gegner zu plündern), befanden sich jetzt in einer verzweifelten Lage. Obendrein machte nun Simon auch noch mit Unterstützung des Volkes einen förmlichen Angriff auf den Tempel. Indes schlugen die Zeloten, auf den Hallen und Zinnen stehend, denselben ab, und Simons Leute wurden massenhaft getötet oder verwundet hinweggetragen; denn von ihrem höheren Standort herab schossen die Zeloten leicht und sicher. Obwohl sie nun durch die Örtlichkeit schon so sehr begünstigt waren, errichteten sie, um ihre Geschosse von noch höheren Stellen aus werfen zu können, doch noch vier mächtige Türme: einen an der nordöstlichen Ecke, einen zweiten oberhalb des Xystos, den dritten an der Ecke, die der unteren Stadt gegenüberlag; der letzte endlich war über dem Gipfel der Pastophorien erbaut, wo herkömmlicherweise ein Priester am Abend vor dem Sabbat sich hinstellte und mit der Trompete den Anbruch des Ruhetages verkündete, wie auch am folgenden Abend dessen Schluss, um dadurch das eine Mal dem Volke zu melden, dass es sich von Arbeiten enthalten, das andere Mal, dass es sie wieder aufnehmen solle. Auf diesen Türmen verteilten sie Katapulten und andere Schnellwurfmaschinen sowie Bogenschützen und Schleuderer. Von da an liess Simon mit seinen Angriffen etwas nach, weil die meisten seiner Leute anfingen kleinmütig zu werden; doch hielt er infolge seiner numerischen Stärke immer noch stand, obwohl die weithin fliegenden Geschosse der Maschinen eine Menge seiner Streiter zu Boden streckten.

Kapitel 10 – Die Soldaten in Judaea und Aegypten rufen Vespasianus zum Imperator aus. Josephus wird seiner Fesseln entledigt

1. Um dieselbe Zeit war auch Rom von schweren Plagen heimgesucht. Vitellius nämlich war mit seinem Heer und einer weiteren grossen Menschenmenge, die er mit sich schleppte, aus Germanien angekommen und hatte, da er in den für das Militär bestimmten Räumlichkeiten nicht alles unterbringen konnte, ganz Rom zum Kriegslager gemacht und jedes Haus mit Bewaffneten gefüllt. Als nun die letzteren mit Augen, die an dergleichen nicht gewöhnt waren, den Reichtum der Römer schauten und sich rings von Silber und Gold umstrahlt sahen, vermochten sie ihre Begierde kaum so weit zu zügeln, dass sie sich nicht sogleich an die Plünderung machten und jeden, der sie daran hindern konnte, niederstiessen. So sah es in Italien aus.

2. Vespasianus war soeben nach Unteijochung der nächsten Umgegend Jerusalems in Caesarea wieder eingetroffen, als er von den Unruhen in Rom hörte und dass Vitellius Imperator geworden sei. Wiewohl er nun ebenso sehr zu gehorchen als zu befehlen verstand, rief doch diese Nachricht seinen Unwillen wach, da er einen Mann, der an dem gleichsam verwaisten Reiche seine Tollheit ausliess, des Thrones nicht wert erachtete. Besonders schmerzlich berührte ihn der Umstand, dass er mit der Bekriegung Fremder sich beschäftigen sollte, während sein eigenes Vaterland dem Untergang entgegentrieb. In dem Masse aber, wie sein Zorn ihn zur Rache aufstachelte, hielt ihn der Gedanke an die grosse Entfernung davon zurück; wie manchen Streich, überlegte er, könnte ihm, zumal die Seereise in den Winter fallen würde, das Schicksal spielen, ehe er in Italien zu landen vermöchte. Das war es, was ihn seine zornige Ungeduld vorerst noch bemeistern hiess. Ulflf! IlSirto C ' I I! ORlMI/',.

3. Seine Offiziere und Soldaten dagegen sprachen bei ihren kameradschaftlichen Zusammenkünften bereits ganz offen von einem Regierungswechsel und machten ihrem Unwillen in heftigen Worten Luft. Die Soldaten in Rom, hiess es, die im Wohlleben schwelgten und deren zarte Ohren nicht einmal das Wort Krieg vertragen könnten, vergäben den Thron nach Gutdünken und liessen sich bei der Ernennung der Imperatoren lediglich von ihrer Habgier leiten. Und da sollten sie, die so viele Strapazen durchgemacht hätten und unter den Helmen ergraut seien, die höchste Gewalt an andere verschenken, während sie einen der Herrschaft würdigeren Mann in ihrer Mitte hätten? Würden sie etwa je wieder Gelegenheit finden, ihm für seine Güte zu danken, wenn sie die jetzige Vorbeigehen liessen? Dem Vespasianus stehe doch der Thron vor Vitellius ebenso sicher zu, wie ihnen das Recht der Ernennung vor denen, die den letzteren gewählt hätten. Die Kriege, die sie selbst mitgemacht, ständen doch denen in Germanien an Bedeutung gewiss nicht nach, und das Schwert wüssten sie mindestens so gut zu führen wie diejenigen, die sich von dort einen Tyrannen geholt hätten. Ein Kampf werde übrigens gar nicht nötig sein; denn weder der Senat noch das römische Volk werde das Lotterleben eines Vitellius lieber wollen als die sittliche Tüchtigkeit eines Vespasianus, und ebensowenig würden sie den grausamen Tyrannen dem milden Fürsten, den kinderlosen Herrn dem, der zugleich Vater sei, vorziehen. Die beste Bürgschaft des Friedens seien die wirklichen Vorzüge der Herrscher. Gebühre nun der reifen Erfahrung des Alters der Thron, so hätten sie Vespasianus, wenn aber der Kraft der Jugend, Titus; das Alter des einen wie des anderen könnten sie sich demnach zunutze machen. Für den Erwählten aber würden sie nicht nur selbst mit aller Kraft einzu9tehen wissen, da sie ja drei Legionen stark seien und noch die Hilfstruppen der Könige hätten, sondern es würden auch der ganze Orient und diejenigen Teile Europas, die den Yitellius nicht zu fürchten brauchten, sowie ferner die Bundesgenossen in Italien, der Bruder und der zweite Sohn des Vespasianus ihre Mitwirkung nicht versagen. Dem letzteren würden sich übrigens noch viele vornehme Jünglinge anschlies9en, und was den ersteren betreffe, so sei ihm sogar die Bewachung der Stadt an vertraut, womit für ein Unternehmen wie das ihrige schon viel gewonnen sei. Freilich, wenn sie zögerten, würde der Senat vielleicht einen Mann zum Imperator wählen, vor dem das Militär, die eigentliche Stütze des Reiches, keine Achtung haben könne.

4. Derartige Gespräche führten die Soldaten, wenn sie unter sich waren. Alsbald nun versammelten sie sich in Masse, riefen, indem sie sich gegenseitig ermutigten, Vespasianus zum Imperator aus und forderten ihn auf, das bedrohte Reich zu retten. Schon seit geraumer Zeit hatte die Lage des Staates dem Feldherrn Sorge bereitet, ohne dass er daran gedacht hätte, selbst den Thron zu besteigen. Wohl hielt er sich um seiner Thaten willen desselben für würdig; er zog aber die Sicherheit des Privatlebens den Gefahren einer so glänzenden Stellung vor und weigerte sich deshalb, die Wahl anzunehmen. Die Offiziere jedoch drangen nur um so mehr in ihn, und die Soldaten umringten ihn sogar mit gezückten Schwertern und drohten ihn zu ermorden, wenn er nicht für die hohe Würde, die man ihm zugedacht, leben wolle. Er bemühte sich hierauf, ihnen in längerer Rede die Gründe darzulegen, die ihn veranlassten, auf den Thron zu verzichten; als er sie aber nicht zu überzeugen vermochte, gab er schliesslich seinen Wählern nach.

5. Weil nun Mucianus und die anderen Offiziere ihn zur förmlichen Übernahme der Herrscher würde drängten und das übrige Heer sich mit lautem Zuruf bereit erklärte, unter seiner Führung gegen jeden Feind anzugehen, suchte er vor allem sich Alexandrias zu versichern; denn es war ihm wohlbekannt, welch hohe Bedeutung Aegypten wegen seiner Getreidelieferungen für das ganze Reich hatte. Einmal im Besitz dieses Landes, hoffte er Vitellius stürzen zu können, und sollte derselbe sich auch mit Gewalt behaupten wollen; das Volk zu Rom nämlich, so rechnete er, würde seiner wohl bald überdrüssig werden, wenn es unter ihm Hunger leiden müsse. Ferner gedachte er die beiden in Alexandria stehenden Legionen zur Verstärkung seiner Streitmacht heranzuziehen, und endlich sollte Aegypten ihm ein Zufluchtsort für unvorhergesehene Unglücksfalle werden. Denn es ist zu Lande nur schwer angreifbar und an der Seeseite ohne Hafen; im Westen sind ihm die wasserlosen Wüsten Libyens vorgelagert; gegen Süden grenzt es an Syene und die unschiffbaren Wasserfalle des Nil; im Osten wird es bis Koptos hin vom Roten Meere bespült; gegen Norden endlich dient ihm das Land bis Syrien und das sogenannte Aegyptische Meer, das ganz ohne Buchten ist, als Bollwerk. So hat Aegypten auf allen Seiten seine natürlichen Befestigungen. Seine Länge von Pelusium bis Syene beträgt zweitausend Stadien; zu Schiff aber hat man von Plinthine bis Pelusium dreitausendsechshundert Stadien zu durchfahren. Der Nil ist schiffbar nur bis zur sogenannten Elephantenstadt; denn weiter hinauf zu fahren, gestatten die eben erwähnten Wasserfälle nicht. Der Hafen von Alexandria ist auch im Frieden für Schiffe schwer zugänglich, da seine Mündung eng ist und die Fahrstrasse sich in krummer Linie zwischen verborgenen Klippen hinzieht. Die linke Seite des Hafens wird durch künstliche Festungswerke geschützt; rechts legt sich vor ihn die kleine Insel Pharos mit ihrem hohen Turm, der den Seefahrern auf dreihundert Stadien hinaus Licht spendet und sie dadurch veranlasst, bei Nacht wegen der Schwierigkeit des Einfahrens in einiger Entfernung beizulegen. Dieses Inselchen ist von gewaltigen künstlichen Dämmen umgeben; indem sich nun die Meeresbrandung an letzteren und an den gegenüberliegenden Uferbefestigungen bricht, macht sie diese Passage ausserordentlich schwierig und bei der Schmalheit der Einfahrt gefährlich. Innen dagegen ist der Hafen, der einen Umfang von dreissig Stadien hat, sehr sicher. Was das Land von auswärts zum Lebensgenuss braucht, wird hier eingeführt und dafür der Überfluss an seinen eigenen Erzeugnissen in die ganze Welt verschickt.

6. Kein Wunder, dass Vespasianus, um festere Zustände im Reiche zu schaffen, sich dieses Landes zu versichern trachtete. Er schrieb demgemäss unverzüglich an den Statthalter von Aegypten und Alexandria, Tiberius Alexander, schilderte ihm die Ergebenheit des Heeres und teilte ihm mit, wie er selbst, indem er die schwere Last der Regierung notgedrungen auf sich nehme, seiner Mitwirkung und Hilfe nicht entraten möchte. Alexander hatte den Brief kaum gelesen, als er aufs bereitwilligste die Legionen und das Volk für Vespasianus vereidigte. Diesen war die Tüchtigkeit des Mannes durch seine Thaten auf dem nahen Kriegsschauplatz wohl bekannt geworden, und so gehorchten sie mit Freuden; Alexander aber, dem eine so wichtige Rolle bei der Erhebung des neuen Herrschers an vertraut worden war, traf nun auch Anstalten zum würdigen Empfange desselben. Das Gerücht von der im Orient stattgehabten Ernennung des Vespasianus zum Imperator verbreitete sich übrigens unglaublich schnell, und jede Stadt feierte Feste, liess die Freudenbotschaft ausrufen und brachte Opfer für das Wohlergehen des Erwählten dar. Auch die Legionen in Moesien und Pannonien, die kurz zuvor gegen das waghalsige Unternehmen des Vitellius sich aufgelehnt hatten, schwuren nun mit um so grösserer Freude dem Vespasianus als ihrem Herrn den Eid der Treue. Unterdessen war der Gefeierte von Caesarea nach Berytus aufgebrochen, wo eine Reihe von Gesandtschaften aus Syrien und anderen Provinzen seiner harrte, um ihm von den einzelnen Städten Kränze und Glückwunschschreiben zu überreichen. Auch Mucianus, der Statthalter von Syrien, hatte sich eingefunden und meldete ihm, wie die Bevölkerung ihre Ergebenheit kundgethan und alle Städte den Huldigungseid geleistet hätten.

7. Da nun alles nach Wunsch ging und die Verhältnisse fast ganz zu seinen Gunsten sich gestalteten, kam Vespasianus auf den Gedanken, dass er doch wohl nicht ohne göttliche Fügung das Staatsruder ergriffen, sondern ein gerechtes Geschick ihm die Weltherrschaft verliehen habe. Ausser vielen anderen Vorzeichen, durch die ihm bald hier, bald da diese Herrschaft angekündigt worden war, fielen ihm jetzt auch die Worte des Joseph us ein, der noch bei Lebzeiten Neros ihn den künftigen Imperator zu nennen gewagt hatte. Er erschrak, dass dieser Mann noch als Gefangener bei ihm sein sollte. Demzufolge berief er den Mucianus samt den übrigen Offizieren sowie seine Freunde zu sich, schilderte ihnen zunächst das thatkräftige Wesen des Josephus und wie viel derselbe ihm bei Jotapata zu schaffen gemacht, und erwähnte dann seine Prophezeiungen, die ihm damals lediglich wie eine Erfindung der Angst vorgekomraen seien, später jedoch durch die Ereignisse als göttliche Eingebungen sich erwiesen hätten. „Es wäre daher eine Schande,“ fuhr er fort, „wenn dieser Mann, der mir die Herrschaft geweissagt und eine Kundgebung der Gottheit überbracht hat, noch länger als Kriegsgefangener behandelt würde S. III,,. und das Schicksal eines Gefesselten ertragen müsste" Hierauf gab er Befehl, den Josephus zu rufen und ihm die Ketten abzunehmen. Während nun die Offiziere aus dieser einem Fremden bewiesenen Erkenntlichkeit die glänzendsten Hoffnungen für sich selbst herleiteten, sprach Titus, der sich bei seinem Vater befand: „Die Gerechtigkeit verlangt, dass man dem Josephus mit dem Eisen auch die Schmach abnehme, die man ihm angethan; denn wenn wir seine Ketten nicht lösen, sondern zerhauen, wird es sein, als wäre er nie gefesselt gewesen" Dieses Verfahren wird nämlich bei denen beobachtet, die zu Unrecht in Ketten gelegt worden sind. Vespasianus war damit einverstanden, und sogleich trat ein Soldat herzu und zerhieb die Fesseln mit einer Axt. So gelangte Josephus zum Lohn für seine Prophezeiung wieder in den vollen Besitz seiner Ehre und genoss fortan in allem, was die Zukunft betraf, eine besondere Glaubwürdigkeit.

Kapitel 11 – Nach dem Sturze des Vitellius eilt Vespasianus nach Rom, Titus vor Jerusalem

1. Als Vespasianus den Gesandtschaften Bescheid erteilt und die Statthalterposten nach Verdienst und Würdigkeit besetzt hatte, begab er sich nach Antiochia. Indem er nun hier überlegte, wohin er sich wenden 'sollte, kam er zu der Erkenntnis, dass die Angelegenheiten in Rom doch wichtiger seien als der Zug nach Alexandria; letztere Stadt nämlich war ihm ohnehin sicher, wogegen er Rom durch Vitellius beunruhigt sah. Er sandte daher den Mucianus an der Spitze einer bedeutenden Streitmacht von Reiterei und Fussvolk nach Italien voraus, und zwar führte dieser, da es gerade mitten im Winter war und er aus diesem Grunde die Seereise scheute, sein Heer auf dem Landweg durch Kappadocien und Phrygien.

2. Unterdessen war auch Antonius Primus mit der dritten Legion aus Moesien, wo er damals Statthalter war, eiligst aufgebrochen, um sich mit Vitellius zu schlagen. Dieser sandte ihm den Caecinna Alienus, auf den er wegen seines Sieges über Otho grosse Stücke hielt, mit bedeutender Heeresmacht entgegen. Caecinna rückte in Eilmärschen Von Rom aus und stiess bei Cyemona, einer Stadt Galliens an der italienischen Grenze, auf seinen Gegner Antonius. Als er aber hier die Stärke und gute Ordnung des feindlichen Heeres sah, wagte er keine Schlacht, sondern sann, weil auch der Rückzug ihm gefährlich schien, auf Verrat. In dieser Absicht versammelte er die ihm untergebenen Centurionen und Tribunen und suchte sie zum Anschluss an Antonius zu bewegen, indem er die Macht des Vitellius herabsetzte, des Vespasianus Stärke dagegen herausstrich. Der eine, sagte er, sei nur dem Namen nach Herrscher, während der andere die Macht habe; sie thäten daher am besten, aus der Not eine Tugend zu machen und, da sie ja doch im Kampfe den kürzeren ziehen würden, durch freiwillige Sinnesänderung der Gefahr zuvorzukommen. Übrigens sei Vespasianus auch ohne ihre Hilfe imstande, sich das zu unterwerfen, was ihm noch fehle, während Vitellius selbst mit ihnen nicht einmal das, was er habe, zu behaupten vermöge.

3. Durch viele derartige Vorstellungen gelang es ihm, sie urazustimmen, und er ging nun mit seiner ganzen Streitmacht zu Antonius über. In derselben Nacht aber überkam Reue die Soldaten und Furcht vor dem, der sie abgesandt, falls dieser etwa doch die Oberhand gewinnen sollte. Mit gezückten Schwertern fielen sie über Caecinna her, um ihn zu ermorden, und würden ihr Vorhaben auch wirklich ausgeführt haben, wenn die Tribunen nicht kniefällig Fürbitte für ihn eingelegt hätten. Sie nahmen daraufhin zwar von seiner Ermordung Abstand, fesselten ihn aber als Verräter und schickten sich an, ihn dem Vitellius zuzusenden. Kaum hatte Primus dies vernommen, als er seine Leute sogleich aufbrechen liess und sie in voller Rüstung gegen 46a die Abtrünnigen führte. Die letzteren nahmen die Schlacht an, wandten sich indes nach kurzem Widerstand und flohen auf Cremona zu. Primus aber schnitt ihnen mit seiner Reiterei sämtliche Wege ab, machte den grössten Teil der Fliehenden, den er vor der Stadt umzingelt hatte, nieder und drang zugleich mit den übrigen in Cremona ein, das er dann seinen Kriegern zur Plünderung preisgab. Dabei kam ausser vielen fremdem Kauf leuten und einer Menge Eingeborener das ganze, dreissigtausendzweihundert Mann starke Heer des Vitellius um j aber auch Antonius verlor von seiner moesischen Legion viertausendfünfhundert Mann. Den Caecinna liess er sodann seiner Fesseln entledigen und sandte ihn behufs Meldung der Ereignisse an Vespasianus. Dieser nahm den Boten gnädig auf und verhüllte die Schande seines Verrates durch unverhoffte Ehrenbezeugungen.

4. Die Nachricht, dass Antonius heranrücke, flösste auch dem Sabinus neuen Mut ein; er zog die Mannschaften, welche den Nachtwachdienst versahen, zusammen und besetzte mit ihnen in der Nacht das Kapitolium. Als der Tag angebrochen war, schlossen sich ihm noch viele vornehme Männer an, darunter auch, sein Neffe Domitianus, von dem man das meiste für den Sieg erhoffte. Primus machte übrigens dem Vitellius wenig Sorge; dagegen war er voll Erbitterung über die Teilnehmer an der Empörung des Sabinus, und da er aus angeborener Grausamkeit nach edlem Blut lechzte, griff er mit dem Teile des Heeres, den er mitgebracht hatte, das Kapitolium an. Heldenmütig stritten nun sowohl die stürmenden Truppen als diejenigen, die vom Tempel herab kämpften; endlich aber gelang es den an Zahl überlegenen Germanen, sich des Hügels zu bemächtigen. Nui wie durch ein Wunder rettete sich Domitianus mit den vielen vornehmen Römern; die übrige Menge dagegen wurde niedergemetzelt, Sabinus vor Vitellius geführt und hingerichtet, und der Tempel, nachdem die

5. Eben war Vespasianus in Alexandria angekommen, als er die erfreulichen Nachrichten aus Rom vernahm. Dort hatten sich aus allen Teilen der Welt, deren Beherrscher er nun war, Gesandte eingefunden, um ihm Glück zu wünschen, und so gewaltig drängten sich die Menschenmassen, dass die Stadt, obwohl nach Rom die grösste des Erdkreises, sich als zu klein erwies. Weil nun seine Regierung allenthalben anerkannt und der römische Staat unverhofft gerettet war, richtete Vespasianus seine Gedanken wieder auf die in Judaea noch erforderlichen Massregeln. Ihn selbst drängte es übrigens, sich zu Ende des Winters nach Rom einzuschiffen, weshalb er auch die Geschäfte in Alexandria schnell erledigte, und so sandte er denn seinen Sohn Titus mit auserlesener Streitmacht zur Eroberung Jerusalems ab. Dieser marschierte zu Land bis Nikopolis, welches zwanzig Stadien von Alexandria entfernt liegt, liess hier sein Heer Kriegsschiffe besteigen und' segelte auf dem Nil bis zur Stadt Thmuis im Mendesischen Bezirk. Dort stieg er aus, zog zu Fuss weiter und übernachtete bei einem Städtchen Namens Tanis. Das zweite Nachtlager hielt er in Herakleopolis, das dritte in Pelusium, wo er sich zwei Rasttage gönnte. Am dritten Tage setzte er über die Nilmündung bei Pelusium, zog dann eine Tagereise weit durch die Wüste und lagerte bei dem Tempel des Zeus Kasios, tags darauf bei Ostrakine. Diese Station hat kein Wasser, weshalb die Einwohner es von auswärts herbeiholen müssen. Hierauf rastete er in Rhinokorura, erreichte am vierten Tage Raphia, die erste Stadt Syriens, schlug am fünften Tage sein Lager in Gaza auf, am folgenden bei Askalon, marschierte von da nach Jamnia, dann nach Joppe, und endlich von Joppe nach Caesarea, o er die übrigen Streitkräfte an sich zu ziehen gedachte. ♦ Fünfles Buch,

Deutsche Fassung: Übersetzung von Heinrich Clementz (1859–1946), Halle a. d. S., Otto Hendel, 1900 – gemeinfrei (Übersetzer vor über 70 Jahren gestorben). Text aus dem Digitalisat des Internet Archive (Texterkennung, automatisch bereinigt; gelegentliche Erkennungsfehler und die alte Rechtschreibung bleiben; ohne die Anmerkungen des Übersetzers und das Namenregister). Englische Fassung: William Whiston (1737) aus dem Project Gutenberg. · Titelbild schlicht selbst gestaltet

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