1. Als Nero von den Unfällen in Judaea Kunde erhielt, ergriff ihn, wie natürlich, geheime Angst und Bestürzung; äusserlich jedoch spielte er den Übermütigen und behauptete in seinem Zorn, an dem Geschehenen sei mehr die Nachlässigkeit der Führer als die Tapferkeit der Feinde schuld. Er glaubte nämlich, der Majestät des Herrschers gezieme es, unglückliche Ereignisse für nichts zu achten und den Schein anzunehmen, als sei seine Seele über alle Widerwärtigkeiten erhaben. Sein kummervolles Wesen verriet indes deutlich die in seinem Inneren herrschende Unruhe.
2. Indem er nun überlegte, wem er den aufgeregten Orient an vertrauen sollte, um die Juden für ihren Abfall zu züchtigen und sich der Nachbarvölker, die ebenfalls schon vom Geiste der Empörung angesteckt waren, zu versichern, fand er allein Vespasianus der Aufgabe gewachsen und fähig, die Führung eines Krieges von solcher Bedeutung zu übernehmen. War er doch der Mann, der, im Kriegsdienst aufgewachsen und ergraut* schon vor längerer Zeit das von den Germanen erschütterte Abendland den Römern wiedergewonnen, das bis dahin unbekannte Britannien mit Waffengewalt ihrer Oberherrschaft unterworfen und dadurch dem Vater Neros, Claudius, einen völlig mühelosen Triumph verschafft hatte.
3. Dies alles sah Nero als günstige Vorbedeutung an, und da er ausserdem das gesetzte Alter des kriegserfahrenen Mannes, seine bisherige, jetzt auch noch durch seine Söhne verbürgte Ergebenheit, sowie der letzteren jugendliche Kraft, deren sich die Klugheit des Vaters gleichsam als der Hand bedienen konnte, in Betracht zog, vielleicht aber auch, weil Gott schon alles zum voraus so geordnet hatte, sandte er ihn ab, um den Oberbefehl über die Heere in Syrien zu übernehmen, nachdem er zuvor, um seinen Eifer anzuspornen, im Drange der Not ihn auf mancherlei Weise zu begütigen und durch freundliches Benehmen zu gewinnen gesucht hatte. Vespasianus schickte nun von Achaja aus, wo er sich mit Nero befand, seinen Sohn Titus nach Alexandria, um dort die fünfte und zehnte Legion zu holen. Er selbst aber setzte über den Hellespont und kam auf dem Landweg in Syrien an, wo er die römischen Streitkräfte und von den benachbarten Königen zahlreiche Hilfstruppen zusammenzog.
1. Nach der Niederlage des Cestius durch ihre unerwarteten Erfolge übermütig gemacht, vermochten die Juden ihr Ungestüm nicht mehr zu mässigen und suchten, wie wenn ihr Glück sie nicht ruhen Hesse, dem Kriege immer weitere Ausdehnung zu geben. Unverzüglich sammelte sich daher alles, was streitbar war, und brach gegen Askalon auf. Es ist dies eine alte, fünfhundertzwanzig Stadien von Jerusalem entfernt liegende Stadt, die den Juden von jeher verhasst war, weshalb sie auch jetzt das erste Ziel ihres Angriffs sein sollte. An der Spitze des Unternehmens standen drei durch Körperkraft und Einsicht hervorragende Männer, der Pera’ite Niger, der Babylonier Silas und der Essäer Joannes. Askalon war zwar stark befestigt, aber fast ohne Besatzungstruppen: es lagen nämlich in der Stadt nur eine Kohorte Fussvolk und eine einzige Reiterschwadron unter dem Kommando des Antonius.
2. In ihrer Erbitterung hatten die Juden ihren Marsch derart beschleunigt, dass sie auf einmal vor der Stadt auftauchten, als wären sie ganz aus der Nähe gekommen. Antonius aber, der von ihrer Absicht, Askalon anzugreifen, in Kenntnis gesetzt worden war, hatte bereits seine Reiter herausgeführt, hielt, ohne sich von der Menge der Feinde und ihrer Kühnheit einschüchtern zu lassen, ihre ersten Anläufe aus und schlug die, welche gegen die Mauer drängten, zurück. Ungeübt gegen kriegsgewandte Soldaten kämpfend, zu Fuss gegen Reiterei, regellos aufgestellt gegen dichtgeschlossene Haufen, Kriegern in voller Rüstung gegenüber nur mit schnell zusammengerafften Waffen versehen, mehr von Zorneseifer als von vernünftiger Überlegung geleitet, und dabei Leuten gegenüberstehend, die wohldiscipliniert waren und alle Befehle auf den Wink hin vollzogen, wurden die Juden leicht überwältigt. Denn sobald ihre Josephus, Jüdischer Krieg. 20 vordersten Reihen einmal in Verwirrung geraten waren, wandten sie sich vor den Reitern zur Flucht, stiessen auf diejenigen, die hinter ihnen der Mauer zudrängten, und verwundeten sich untereinander, bis endlich alles den Angriffen der Reiterei wich und über die ganze Ebene hin sich zerstreute. Diese aber war ausgedehnt und den Pferden überall zugänglich, was den Römern so sehr zu statten kam, dass sie die meisten Juden niedermetzeln konnten. Sie ritten nämlich den Fliehenden voraus und machten dann wieder kehrt gegen sie, sprengten die., welche auf der Flucht sich sammelten, auseinander und töteten sie massenweise. Andere umzingelten einzelne Haufen der Juden von allen Seiten, drängten sie zusammen und schossen sie mit leichter Mühe nieder. Die Juden kamen sich eben trotz ihrer grossen Anzahl verlassen vor, weil sie völlig den Kopf verloren hatten; den Römern aber, so wenige ihrer auch waren, verlieh ihr Glück das Gefühl, als hätten sie übrig genug Mannschaft. Indem nun die ersteren aus Scham über ihre rasche Flucht und in der Hoffnung auf eine günstige Wendung des Treffens mit ihrem Unglück rangen und die anderen nicht müde wurden, ihr Glück auszunutzen, zog sich der Kampf bis zum Abend hin. Schliesslich deckten zehntausend Juden, unter ihnen auch die beiden Anführer Joannes und Silas, als Leichen das Schlachtfeld, während die übrigen, der Mehrzahl nach verwundet, mit dem noch lebenden Niger sich in ein idumaeisches Städtchen Namens Sallis flüchteten. Auf seiten der Römer waren in diesem Treffen nur wenige verwundet worden.
3. Die schreckliche Niederlage vermochte indes den Stolz der Juden nicht zu beugen, sondern das Unglück bestärkte sie in ihrer Tollkühnheit nur noch mehr, und ungeachtet der vielen Leichen, die zu ihren Füssen lagen, liessen sie sich durch ihre früheren Erfolge soweit verblenden, dass sie einer zweiten Niederlage geradezu in die Arme liefen. Sie gönnten sich nämlich nicht einmal so viel Zeit, als zur Heilung ihrer Wunden erforderlich war; vielmehr sammelten sie unverzüglich ihre ganze Streitmacht wieder, um in noch grösserer Anzahl und mit grimmigerer Wut denn zuvor Askalon abermals anzugreifen. Dorthin aber folgte ihrer Unerfahrenheit und ihren sonstigen kriegerischen Mängeln auch ihr früheres Schicksal auf dem Fusse nach. Da nämlich Antonius schon vorher die Pässe besetzt hatte, fielen sie unvermutet in Hinterhalte, wurden, noch ehe sie sich in Schlachtordnung aufstellen konnten, von den Reitern umzingelt und verloren wiederum über achttausend Mann. Die übrigen ergriffen sämtlich die Flucht, unter ihnen auch Niger, der während des Rückzuges noch manche kühne That verrichtete. Der Feind aber setzte ihnen nach und trieb sie in einen festen Turm des Dorfes Bezedel zusammen. Um nun bei dem fast uneinnehmbaren Turm sich nicht auf halten zu müssen und doch auch den Anführer der Feinde, der zugleich deren tapferster Krieger war, nicht lebendig entschlüpfen zu lassen, steckten die Leute des Antonius das Mauerwerk von unten in Brand. Kaum hatte das Feuer den Turm zerstört, als die Römer voller Freude davonzogen in der Meinung, auch Niger sei in den Flammen umgekommen. Dieser aber war aus dem Turm in den verborgensten unterirdischen Gang der Burg hinabgesprungen, wo er sich drei Tage später, als die Seinigen ihn wehklagend suchten, um ihn zu begraben, durch Rufe aus der Tiefe zu erkennen gab. Sein Erscheinen erfüllte alle Juden mit unverhoffter Freude; glaubten sie doch, dass Gottes Vorsehung ihnen in seiner Person einen Feldherrn für die Zukunft am Leben erhalten habe.
4. Vespasianus, um auf diesen zurückzukommen, übernahm also in Antiochia, der Hauptstadt Syriens, die, was Grösse und Wohlstand anlangt, unstreitig den dritten Platz unter den Städten des römischen Weltreiches einnimmt, sein Heer und vereinigte sich daselbst auch mit dem König Agrippa, der an der Spitze seiner gesamten Streitmacht ihn erwartet hatte; alsdann eilte er nach Ptolemais. In dieser Stadt kamen ihm friedlich gesinnte Bürger von Sepphoris in Galilaea entgegen, die in rechter Würdigung ihres eigenen Vorteils und der Macht der Römer schon vor der Ankunft des Vespasianus mit Cestius Gallus ein Abkommen getroffen und Besatzungstruppen erhalten hatten. Zu freundlicher Begrüssung traten sie jetzt vor den Feldherrn hin und versprachen, am Kampfe gegen ihre Landsleute teilnehmen zu wollen. Auf ihre Bitte bewilligte Vespasianus ihnen eine Besatzung von Reiterei und Fussvolk, die seinem Dafürhalten nach stark genug war, um etwaigen Angriffen unruhiger Juden Widerstand zu leisten; denn der Verlust von Sepphoris schien ihm für den bevorstehenden Krieg sehr gefährlich, da es die grösste Stadt Galilaeas war, die denkbar festeste natürliche Lage hatte und ein für die Überwachung des ganzen Volkes höchst wichtiger Posten werden konnte.
1. Galilaea zetfällt in das sogenannte Ober- und Unterland und ist von Phoenicien und Syrien umgeben. Gegen Westen wird es begrenzt von Ptolemais und seinem Gebiet sowie vom Karmel, dem einst galilaeischen, jetzt aber tyrischen Gebirge, an welchem die Reiterstadt Gaba liegt, so genannt, weil sich in ihr die vom König Herodes aus dem Dienst entlassenen Reiter angesiedelt hatten. Im Süden zieht es sich an dem Samariterland und Skythopolis entlang bis zum Jordanflusse. Gegen Osten stossen daran die Bezirke von Hippos und Qadara, ferner Gaulanitis und das Königreich des Agrippa; im Norden endlich schliesst sich Tyrus und dessen Gebiet an. Das galilaeische Unterland erstreckt sich der Lange nach von Tiberias bis Chabulon unweit des Küstenstriches von Ptolemals, und der Breite nach von dem Dorfe Xaloth in der grossen Ebene bis Bersabe, wo die Breiteausdehnung von Obergalilaea beginnt und sich bis zu dem Dorfe Baka an der tyrischen Grenze fortsetzt, während die Länge des Oberlandes von Thella, einem Dorfe am Jordan, bis Meroth reicht.
2. Ungeachtet des geringen Umfanges dieser beiden Landschaften und ihrer durchweg nichtjüdischen Umgebung hielten die Galiläer doch jedem feindlichen Angriff stand, da sie von Jugend auf mit dem Kampfe vertraut waren und allzeit eine bedeutende Kopfzahl aufwiesen. Den Männern fehlte es nie an Mut, und dem Lande nie an Männern; letzteres nämlich ist üppig und weidereich, mit Bäumen aller Art in Hülle und Fülle bepflanzt und so ergiebig, dass es auch den trägsten Landmann zur Arbeit anregt. So kommt es, dass das ganze Land von seinen Bewohnern angebaut ist und kein Teil desselben brach liegt. Aus dem nämlichen Grunde hat es eine Menge von Städten, und auch die Bevölkerung der Dörfer ist wegen der Fruchtbarkeit des Bodens überall so dicht, dass selbst das kleinste Dorf mehr als fünfzehntausend Einwohner zählt. -
3. Überhaupt, wenn man auch der Grösse nach Galilaea unter Peraea setzen will, muss man doch, was Bedeutung angeht, dem ersteren den Vorrang lassem Denn es ist seiner ganzen Ausdehnung nach angebaut und geradezu überreich an fruchttragenden Gewächsen;. Peraea dagegen ist zwar viel grösser, aber doch meistenteils menschenleer, rauh und zum Anbau der edlen Früchte zu wild. Die weniger rauhen, fruchtbaren Strecken indes und die mit verschiedenartigen Bäumen bepflanzten Ebenen werden meist zum Anbau des Ölbaumes, des Weinstockes und der Palme benutzt und sind von Gebirgsbächen oder, falls diese etwa vom Glutwind ausgetrocknet werden sollten, von beständig fliessenden Quellen hinlänglich bewässert. Der Länge nach erstreckt sich Peraea von Machaerus bis Pella, der Breite nach von Philadelphia bis zum Jordan, und zwar liegt Pella an der Nordgrenze, während der Jordan die Westgrenze bildet; im Süden ist Moabitis das Nachbarland, und im Osten stösst es an Arabien, Silbonitis, das Gebiet von Philadelphia und an Gerasa.
4. Das Samariterland liegt in der Mitte zwischen Judaea und Galilaea. Es beginnt bei dem Dorfe Ginaea in der grossen Ebene und endet bei der Toparchie Akrabatene. Seine natürliche Beschaffenheit ist genau dieselbe wie die von Judaea; beide Landschaften nämlich sind reich an Bergen und Ebenen, leicht zu bebauen, fruchtbar, mit Bäumen besät und voll wilden und zahmen Obstes. Natürliche Bewässerung ist nirgends reichlich vorhanden, dafür aber fallt um so mehr Regen. Die fliessenden Gewässer sind alle ausnehmend süss, und die Fülle guter Futterkräuter macht das Vieh hier milchreicher als sonstwo. Der beste Beweis für die Trefflichkeit und den Fruchtreichtum beider Landschaften ist die Dichtigkeit ihrer Bevölkerung.
5. Auf der Grenze zwischen Samaria und Judaea liegt das Dorf Anuath mit dem Beinamen Borkeos, und zwar bildet dasselbe den Grenzort Judaeas gegen Norden, während das Südende der Landschaft — diese der Länge nach gemessen — durch ein an der Grenze gegen Arabien liegendes Dorf bezeichnet wird, welches die dortigen Juden Jardas nennen. Die Breite erstreckt sich vom Jordanfluss bis Joppe. Genau in der Mitte Judaeas liegt Jerusalem, daher denn auch manche diese Stadt nicht unpassend den Nabel des Landes genannt haben. Übrigens entbehrt Judaea auch nicht die Annehmlichkeiten der See, da seine Meeresküste sich bis Ptolemai's hinzieht. Eingeteilt wird es in elf Bezirke, welche Jerusalem gleichsam als Königsstadt beherrscht, indem es sich über das umliegende Land erhebt wie das Haupt über den Leib. Die übrigen Städte verteilen sich auf folgende Toparchien: Gophna, Akrabatta, Thamna, Lydda, Ammaus, Pella, Idumaea, Engaddai, Herodium und Jericho Weitere Kreisstädte sind Jamnia und Joppe, und endlich kommen dazu noch die Toparchie Gamala, Gaulanitis, Batanaea und Trachonitis, welche zugleich zum Gebiete des Königs Agrippa gehören. Letzteres beginnt beim Libanongebirge und den Quellen des Jordan und reicht der Breite nach bis zum See Tiberias, während seine Länge von dem Dorf Arpha bis Julias sich erstreckt. Die Bevölkerung besteht aus einem Gemisch von Juden und Syrern. Soviel in möglichster Kürze von Judaea und seiner Umgebung.
1. Die Hilfstruppen, welche Vespasianus unter dem Kommando des Placidus den Sepphoriten geschickt hatte, tausend Reiter und sechstausend Mann zu Fuss r schlugen zunächst ein Lager in der grossen Ebene auf, um sich dann zu trennen: das Fussvolk wurde als Besatzung in die Stadt selbst gelegt, während die Reiterei im Lager verblieb. Beide Abteilungen unternahmen übrigens beständige Ausfälle und Streifzüge in die Umgegend und fügten dadurch dem Josephus und seinen Leuten, obwohl diese sich nicht rührten, grossen Schaden zu, plünderten alles im Umkreise der Stadt aus und trieben die Bewohner, wenn sie sich einmal hervorwagten, zurück. Nichtsdestoweniger machte Josephus einen Angriff auf die Stadt und hoffte sie zu erobern, nachdem er selbst sie vor ihrem Abfall von den Galiläern so stark befestigt hatte, dass es sogar den Römern schwer gefallen wäre, sie einzunehmen. Aber gerade deshalb schlug auch seine Hoffnung fehl: er war ebensowenig imstande, die Sepphoriten mit Gewalt zu bezwingen, als sie durch Überredung auf seine Seite zu ziehen. Dagegen musste er nun sehen, wie der Feind mit um so grösserer Erbitterung im Lande hauste. Im Unwillen über seinen Anschlag nämlich verwüsteten die Römer unablässig bei Tage wie bei Nacht die Felder, raubten den Landbewohnern ihre Habe, machten die streitbare Mannschaft nieder und verkauften die Schwächeren als Sklaven. Ganz Galilaea war von Mord und Brand erfüllt, und keine Plage noch Drangsal gab es, die nicht über das Land gekommen wäre; denn die einzigen Zufluchtsorte für die Verfolgten waren die von Josephus befestigten Städte.
2. Unterdessen war Titus rascher, als die Winterszeit erwarten liess, von Achaja nach Alexandria übergesetzt und hatte die Streitmacht, die er dort holen sollte, übernommen. In Eilmärschen erreichte er alsbald Ptolemais, wo er mit seinem Vater zusammentraf und die zwei ausgezeichneten Legionen, die er selbst raitgebracht hatte, die fünfte nämlich und die zehnte, mit der von Vespasianus geführten fünfzehnten vereinigte. Hierzu kamen noch achtzehn Kohorten, und ausserdem hatten sich eingefunden fünf Kohorten von Caesarea nebst einer Reiterschwadron sowie fünf weitere Schwadronen, die aus syrischen Reitern bestanden. Zehn der Kohorten hatten je tausend, die übrigen dreizehn je sechshundert Mann zu Fuss, die Reiterschwadronen je einhundertzwanzig Mann. Weiterhin wurde ein zahlreiches Heer von den Königen zusammengebracht: Antiöchus, Agrippa und Soemus stellten jeder gegen zweitausend Bogenschützen zu Fuss und tausend Reiter, und der Araber Malchus sandte tausend Reiter nebst fünftausend Mann Fusstruppen, grösstenteils Bogenschützen, sodass das gesamte Heer einschliesslich der königlichen Truppen sich auf etwa sechzigtausend Mann zu Fuss und zu Pferde belief. Nicht mitgezählt ist dabei der Tross, der in grosser Anzahl folgte, obwohl derselbe wegen der auch ihm eigenen Übung im Kriege gleichfalls dem streitbaren Heere zugerechnet werden könnte. Im Frieden nämlich liegen die Diener den gleichen Übungen wie ihre Herren ob, und im Kriege bestehen sie mit ihnen dieselben Gefahren, sodass sie, was Schulung und Körperkraft angeht, von niemand als eben von ihren Herren übertroffen werden.
1. Ist nun die Klugheit der Römer schon in dem einen Punkte zu bewundern, dass sie den Tross der Sklaven nicht nur zu den Dienstleistungen des täglichen Lebens, sondern auch für die Kriege brauchbar zu machen verstehen, so wird man, sieht man auf ihr sonstiges Heerwesen, erst recht inne, dass sie den Besitz ihres grossen Reiches nur ihrer eigenen Tüchtigkeit verdanken und nicht als Geschenk des Glückes anzusehen haben. Denn nicht im Kriege erst fangen sie an, sich mit den Waffen vertraut zu machen, noch lassen sie die Tage der Not herankommen, ehe sie ihre Hände rühren, um sie dann im Frieden wieder sinken zu lassen, sondern sie leben, als wären sie in den Waffen geboren und aufgewachsen, in beständiger Übung derselben und warten nicht erst bestimmte Zeiten dafür ab. Bei ihren Übungen zeigen sie denselben straffen Ernst wie im wirklichen Gefecht, und täglich muss jeder Soldat mit allem Eifer Dienst thun wie im Kriege. Daher kommt es, dass sie die Schlachten so leicht nehmen; kann doch weder Verwirrung ihre gewohnte Schlachtordnung auflösen, noch Furcht sie ausser Fassung bringen, noch Anstrengung sie erschöpfen. Stets ist ihnen deshalb der Sieg über diejenigen sicher, welche ihnen in jenen Stücken nicht völlig gleichstehen. Recht treffend könnte man ihre Übungen unblutige Schlachten, ihre Schlachten blutige Übungen nennen. Auch durch plötzlichen Überfall kann der Feind nicht viel gegen sie ausrichten; denn wenn sie in Feindesland eingedrungen sind, lassen sie sich nicht eher auf eine Schlacht ein, als bis sie ein festes Lager aufgeschlagen haben.’ Letzteres aber legen sie nicht aufs gerate wohl und in unregelmässiger Form an, noch so, dass alle durcheinander daran arbeiten; vielmehr wird zunächst der Platz, wenn er uneben ist, geebnet, und dann ein Viereck für das Lager abgesteckt. Hierauf macht sich die Schar der Handwerker mit den nötigen Bauwerkzeugen an die Arbeit.
2. Der innere Raum wird für die Zelte in Beschlag genommen; die äussere Umfriedigung aber bietet den Anblick einer Mauer dar und ist in gleichen Abständen mit Türmen versehen. In den Zwischenräumen zwischen den letzteren stellen sie die Schnellwurfmaschinen, Katapulten, Ballisten und sonstigen Schleuderwerkzeuge auf, und zwar alle schussfertig. Vier Thore sind in die Urawallung gebaut, eines in jede Seite derselben, alle bequem für den Durchgang von Lasttieren und breit genug für etwa nötig werdende Ausfälle. Innen ist der Lagerraum regelrecht in Viertel abgeteilt. In die Mitte kommen die Zelte der Führer zu stehen, und in deren Mitte wieder erhebt sich, einem Tempel ähnlich, das Feldherrnzelt. Der übrige Raum stellt eine gleichsam aus dem Stegreif hingeworfene Stadt dar mit einer Art Marktplatz, einer Stätte für die Handwerker und Richtersitzen für die Obersten und Hauptleute, von denen aus sie etwaige Streitigkeiten schlichten. Die Verschanzung des Umkreises und die ganze innere Lagereinrichtung wird übrigens von den zahlreichen und geschickten Arbeitern mit der Schnelligkeit des Gedankens vollendet. Im Notfall kommt dazu noch ein Graben, der an der Aussenseite der Umwallung vier Ellen tief und ebenso breit gezogen wird.
3. Sind die Verschanzungen fertig, so lagern die Soldaten in Ruhe und Ordnung in den Zelten. Auch alle übrigen Verrichtungen werden von ihnen mit derselben Regelmässigkeit und Pünktlichkeit vollzogen: das Holztragen, die Herbeischaffung des nötigen Proviants und das Wasserholen besorgt immer diejenige Abteilung, die an der Reihe ist. Ferner darf niemand sein Frühstück oder Mittagsmahl einnehmen, wann es ihm beliebt, sondern es geschieht dies von allen gleichzeitig. Zum Schlafengehen, zum Wachen und zum Aufstehen giebt die Trompete daB Zeichen; nichts erfolgt ohne Kommando. Mit Tagesanbruch erscheinen sämtliche Soldaten vor den Centurionen, um sie zu begrüssen, diese ebenso vor den Tribunen, mit welchen sodann alle Offiziere zu demselben Zweck vor den Oberbefehlshaber treten. Dieser giebt ihnen nun herkömmlicherweise die Losung und die sonstigen Befehle, damit sie dieselben ihren Untergebenen mitteilen. Letzteres Verfahren beobachten sie auch in der Schlacht, wodurch es ihnen möglich wird, in dichten Massen schnelle Bewegungen zum Angriff oder zum Rückzug, je nachdem das eine oder andere erforderlich ist, auszuführen.
4. Soll das Lager verlassen werden, so ertönt ein Trompeten signal. Niemand bleibt da noch müssig; auf den ersten Wink werden die Zelte abgebrochen und alles zum Abmarsch in Bereitschaft gesetzt. Abermals giebt die Trompete ein Zeichen, dass man sich fertig machen solle. Eiligst laden nun die Soldaten den Mauleseln und den übrigen Lasttieren das Gepäck auf und stehen dann wie die Wettläufer hinter der Schranke, zum Aufbruch gerüstet. Hierauf stecken sie die Verschanzungen in Brand, einmal weil sie an der Stelle des Lagers mit leichter Mühe ein neues errichten können, und dann auch um zu verhüten, dass der Feind sich ihrer zu seinem eigenen Vorteil bediene. Ein drittes Trompetensignal kündigt den Abmarsch an uud treibt die aus irgend einem Grunde noch Zögernden zur Eile, damit niemand an seinem Platz fehle. Nun fragt der zur Rechten des Feldherrn stehende Herold dreimal in römischer Sprache, ob alles zum Kampf bereit sei. Als Antwort rufen die Soldaten ebenso oft ein lautes und freudiges Ja; zuweilen auch warten sie die Frage gar nicht ab, sondern erheben die rechteHand und lassen voll kriegerischer Begeisterung ein weithin schallendes Geschrei ertönen.
5. Alsdann rücken sie aus und ziehen ruhig und in grösster Ordnung ihres Weges; jeder hält seinen Platz im Gliede bei wie in der Schlacht. Das Fussvolk ist mit Brustharnisch und Helm ausgerüstet und trägt an beiden Seiten eine Schneidwaffe; das Schwert zur Linken ist bedeutend länger als die Waffe rechts, die nur in einem spannenlangen Dolch besteht. Die auserlesenen Fusssoldaten in der engeren Umgebung des Feldherrn führen Lanzen und runde Schilde, der übrige Teil des Fuss Volkes Speere und längliche Schilde, Säge und Korb, Spaten und Axt, ausserdem noch Riemen, Sichel, Kette und Proviant für drei Tage, sodass die Fussgänger beinahe so viel wie die Lasttiere zu tragen haben. Die Reiter haben an der rechten Seite ein langes Schwert, in der Hand einen kürzeren Speer; an der Seite des Pferdes hängt querüber ein länglicher Schild; im Köcher führen sie drei oder mehr Wurfspiesse mit breiter Spitze und von der Länge einer Lanze. Helm und Panzer sind dieselben wie beim Fussvolk. Die auserlesenen Reiter in der Nähe des Feldherrn haben keine andere’ Ausrüstung wie die in den Schwadronen. Den Vortrab bildet immer diejenige Legion, welche durchs Los dazu bestimmt ist.
6. So halten es die Römer auf dem Marsch, im Lager und mit den verschiedenen Waffengattungen. Was nun die Schlachten betrifft, so geschieht in ihnen nichts ohne vorherige Überlegung oder aufs geratewohl, sondern es liegt jeder Handlung ein bestimmter Plan zu Grunde; umgekehrt folgt dem Entschluss auch gleich die Ausführung. Deshalb begehen sie fast gar keine Missgriffe, und jeder Verstoss wird leicht wieder gut gemacht. Ein Unfall als Folge eines zuvor entworfenen Planes ist ihnen immer noch lieber, als ein Glück, das ihnen der Zufall verschafft. Sie sind eben der Meinung, dass ein ohne Zuthun des Handelnden gewonnener Vorteil zur Unvorsichtigkeit verleite, während vernünftiges Nachdenken, wenn es auch einmal nicht vom Glück begünstigt sei, das edle Streben im Gefolge habe, künftiges Misslingen zu verhüten. Auch seien zufällige Erfolge nicht das Werk dessen, dem sie zugut kämen; traurige Ereignisse dagegen, welcher aller Berechnung zum Trotz einträten, gewährten doch wenigstens noch den Trost, dass man gehörig überlegt habe.
7. Mit ihren Waffenübungen wollen sie übrigens ebensowohl den Körper als den Geist kräftigen. Ein weiteres Zuchtmittel ist die Abschreckung; denn ihre Gesetze bestrafen nicht nur Fahnenflucht, sondern auch geringere Vergehen mit dem Tode. Furchtbarer noch als die Gesetze ist die Strafgewalt der Feldherren, die nur dadurch, dass sie den Tapferen hohe Belohnungen zuerkennen, der Meinung entgegenarbeiten können, als verführen sie wirklich grausam gegen die Strafwürdigen. Der Gehorsam gegen die Führer ist aber auch so gross, dass das ganze Heer im Frieden den Anblick einer Parade, in der Schlacht den eines einzigen Körpers darbietet — so festgefügt sind die Reihen, so leicht die Schwenkungen, so gespannt die Ohren auf Befehle, die Augen auf Winke, so thatbereit die Hände. Daher sind die römischen Soldaten stets rasch zum Handeln entschlossen und nur sehr schwer in eine bedrängte Lage zu bringen. Stehen sie einmal in Schlachtordnung, so weichen sie weder der Überzahl, noch der Kriegslist, noch- der Schwierigkeit des Terrains, noch selbst der Ungunst des Glückes; denn fester als an letzteres glauben sie an den Sieg. Was wunder also, wenn ein Volk, das immer erst überlegt, bevor es handelt, und hinter dessen Beschlüssen ein so schlagfertiges Heer steht, im Osten den Euphrat, im Westen den Ocean, im Süden die fetten Gefilde Libyens, im Norden die Donau und den Rhein zu Grenzen seines Reiches hat? Der Besitz, kann man mit Recht jäagen, ist immer noch kleiner, als die Besitzer verdienen.
8. Mit dieser Darlegung bezwecke ich übrigons nicht so sehr die Römer zu loben, als vielmehr die Unterjochten zu trösten und die Empörungslustigen auf andere Gedanken zu bringen. Vielleicht auch kann die Einrichtung des römischen Heerwesens denen zur Belehrung dienen, die Vortreffliches zu schätzen wissen, ohne es doch recht zu kennen. Nach dieser Abschweifung will ich nunmehr den Faden meiner Erzählung wieder aufnehmen.
1. Vespasianus hielt sich zunächst mit seinem Sohne Titus in Ptolemais auf und brachte sein Heer in Ordnung. Unterdessen durchzog Placidus Galilaea, wo er eine Menge Einwohner aufgreifen und niedermachen liess. Freilich war das nur der schwächere und mutlos gewordene Teil der Galiläer; denn die streitbare Mannschaft floh, wie Placidus wohl merkte, jedesmal in die von Josephus befestigten Städte. Er rückte daher gegen die festeste derselben, Jotapata, heran, in der Hoffnung,, sie durch Überrumpelung leicht einnehmen, sich selbst dadurch bei den beiden Feldherren rühmlich st empfehlen und den letzteren einen bedeutenden Vorteil für die Weiterführung des Krieges verschaffen zu können; er glaubte nämlich, nach dem Falle der stärksten Festung würden die übrigen Städte sich wohl aus Furcht ergeben. Seine Hoffnung erwies sich indes als trügerisch; denn die Bewohner von Jotapata hatten seine Annäherung erfahren und erwarteten ihn vor der Stadt, wo sie in dem Bewusstsein, für das bedrohte Vaterland und für Weib und Kind zu streiten, kampfgerüstet und kampfesmutig in grosser Anzahl unversehens über die Römer herfielen. In kurzer Zeit hatten sie dieselben geworfen und viele von ihnen verwundet; doch gelang es ihnen nicht, mehr als sieben Römer zu töten, da die Feinde sich in grösster Ordnung zurückzogen. Zudem drangen die Schwerthiebe in die von allen Seiten wohlgeschützten Leiber der Römer nicht tief ein, und es wagten auch die leichtgerüsteten Juden ihre schwerbewaffneten Gegner weniger in der Nähe als vielmehr nur aus der Ferne mit Geschossen anzugreifen Auf seiten der Juden betrug der Verlust drei Tote und wenige Verwundete, Placidus aber überzeugte sich, dass er zum Angriff auf die Stadt zu schwach sei, und wandte sich zur Flucht.
2. Nun entschloss sich Vespasianus, selbst in Galilaea einzufallen, und brach deshalb von Ptolemais auf, indem er das Heer nach römischer Sitte sich in Marsch setzen Hess. Vorauf nämlich schickte er die leichtbewaffneten Hilfstruppen und die Bogenschützen, welche unvermutete Angriffe der Feinde Zurückschlagen und verdächtige, zu Hinterhalten geeignete Waldungen durchsuchen sollten. Ihnen folgte eine Abteilung römischer Schwerbewaffneter, Reiterei sowohl als Fussvolk, und diesen von jeder Centurie zehn Mann, welche ausser ihrem eigenen Gepäck die Werkzeuge zum Abstecken des Lagers trugen. Hierauf kamen die Strassenarbeiter, deren Aufgabe es war, höckerige Stellen der Heerstrasse abzutragen, schwer beschreitbare Strecken zu ebnen und hinderliches Buschwerk zu entfernen, damit das Heer nicht infolge allzu beschwerlichen Marschierens ermatte. An sie schloss sich das Gepäck des Feldherrn und der Unterbefehlshaber unter Bedeckung einer zahlreichen Reiterschar, und dann ritt er selbst einher, gefolgt von auserlesenem Fussvolk, Reiterei und Lanzen trägem. Es kamen nun die den Legionen besonders zugeteilten Reiter, deren jede einhundertzwanzig hat, weiterhin die Maultiere mit den Wandeltürmen und den übrigen Belagerungsmaschinen; hierauf die Legaten, die Befehlshaber der Kohorten und die Tribunen, von auserlesener Mannschaft umgeben. Hinter diesen wurden die Feldzeichen getragen, in ihrer Mitte der Adler, den bei den Römern jede Legion an der Spitze führt. Als König und als der stärkste aller Vögel ist er ihnen ein Sinnbild der Herrschaft und scheint ihnen den Sieg über jeden Feind, gegen den sie zu Felde ziehen, zu verkünden. Diesen Heiligtümern folgten die Trompeter, und dann erst kam die Hauptmasse des Heeres in sechs Mann hohen Reihen, begleitet von einem Centurio, der herkömmlicher weise die Ordnung zu beaufsichtigen hat. Der Tross jeder Legion mit dem von Last- und Zugtieren beförderten Gepäck der Soldaten schloss sich unmittelbar an das Fussvolk an, und hinter den sämtlichen Legionen marschierte das Söldnerheer, dem der Sicherheit halber noch der Nach trab folgte, bestehend aus Leicht- und Schwerbewaffneten sowie einer Menge Reiterei.
3. In dieser Weise marschierte Vespasianus mit seinen Truppen und langte alsbald an den Grenzen Galiaeas an, wo er ein Lager aufschlagen liess und den Kriegseifer seiner Soldaten vorläufig noch zurückdrängte, einmal um den Feinden dadurch, dass er ihnen seine Heeresmacht vor Augen stellte, Schrecken einzujagen, und dann auch, um ihnen vor Beginn des eigentlichen Kampfes noch eine Frist zu etwaiger Sinnesänderung zu geben; gleichzeitig jedoch traf er schon Vorbereitungen zur Erstürmung der Festungen. Wirklich brachte auch das Erscheinen des Feldherrn viele der Empörer auf andere Gedanken; Schrecken aber flösste es allen ein. Diejenigen Juden, welche unter dem Kommando des Josephus nicht weit von Sepphoris bei einer Stadt Namens Garis lagerten, hatten kaum vernommen, dass der Krieg ihnen näher rücke und die Römer drauf und dran seien, mit ihnen handgemein zu werden, als sie, ohne einen Kampf zu wagen, ja selbst ohne ihre Gegner auch nur zu Gesicht bekommen zu haben, in wilder Flucht aus-«inanderstoben. Josephus, bei dem nur wenige seiner Leute ausharrten, sah wohl ein, dass er mit diesem Häuflein dem Feinde nicht entgegen treten könne, und da er zugleich wahrnahm, wie sehr den Juden der Mut gesunken war und wie sie der Mehrzahl nach wohl gern die Hand zum Vergleich geboten hätten, wenn sie nur auf Zutrauen rechnen durften, beschloss er in banger Sorge um den endlichen Ausgang des Krieges, für den Augenblick der Gefahr so weit als möglich aus dem Wege zu gehen, und floh daher mit denen, die ihm treu geblieben waren, nach Tiberias. Josephus, jüdischer Krie?.
1. Vespasianus griff nun die Stadt Gabara an und nahm sie beim ersten Anlauf ein, da er sie von der streitbaren Mannschaft verlassen fand. Gleich nach seinem Einzug liess er alles ohne Unterschied des Alters niedermetzeln; denn) in ihrem Hass gegen die Juden und im Andenken an das, was Cestius hatte ausstehen müssen, kannten die Römer kein Erbarmen. Sodann gab er Befehl, nicht nur die Stadt selbst, sondern auch alle Dörfer und Flecken der Umgegend in Brand zu stecken. Letztere traf man der Mehrzahl nach völlig menschenleer, und nur in einigen derselben waren die Bewohner geblieben, die nun sämtlich in die Sklaverei verkauft wurden.
2. In der Stadt, die Josephus als Zufluchtsort gewählt hatte, verbreitete seine Ankunft als Flüchtling gewaltigen Schrecken. Die Bewohner von Tiberias waren nämlich überzeugt, dass er niemals geflohen sein würde, wenn er nicht an dem glücklichen Ausgang des Krieges völlig verzweifelt hätte. In letzterer Hinsicht hatten sie allerdings seine Meinung wirklich erraten; denn er sah wohl ein, wohin das Beginnen der Juden schliesslich führen müsse, und erkannte, dass es kein Heil für sie gab ausser in freiwilliger Unterwerfung. Er selbst aber wollte,, wenngleich er von den Römern Verzeihung erhoffen zu dürfen glaubte, lieber hundertmal sterben als durch Verrat an seinem Vaterlande und durch Beschimpfung der ihm anvertrauten Feldherrnwürde sein Glück bei denen machen, die zu bekämpfen er gesandt war. Deshalb beschloss er, die Leiter des Aufstandes in Jerusalem von der Lage der Dinge genau zu unterrichten, um sich einerseits nicht durch übertriebene Schilderung der Stärke des Feindes später den Vorwurf der Feigheit zuzuziehen und anderseits nicht durch verkleinernde Darstellung diejenigen zu ermutigen, die etwa schon im Begriff standen, sich eines besseren zu besinnen. Er schrieb also, wenn man sich auf einen Vergleich einzulassen gesonnen sei, so solle man ihm unverzüglich antworten; sei man aber zum Kriege entschlossen, so möge man ihm ein Heer senden, das es mit den Römern aufnehmen könne. Dieses Schreiben liess er schleunigst durch Boten nach Jerusalem überbringen.
3. Da Vespasianus erfahren hatte, dass die meisten Feinde nach Jotapata geflüchtet seien, und er überdies in der Stadt einen festen Stützpunkt derselben erkannte, beschloss er, den Platz zu zerstören. Zunächst sandte er deshalb Fussvolk und Reiterei voraus, um den steinigen, für Fussgänger beschwerlichen Und für Reiter gänzlich unpassierbaren Bergweg zu ebnen. In vier Tagen hatten diese Truppen die Arbeit vollendet und dem Heer eine breite Strasse eröffnet. Am fünften Tage, dem einundzwanzigsten des Monats Artemisios, langte Josephus von Tiberias her in Jotapata an und richtete durch sein Erscheinen den gesunkenen Mut der Juden wieder auf. Dem Vespasianus aber brachte ein Überläufer die. willkommene Nachricht von der Ankunft des Josephus in Jotapata und riet ihm zum schleunigen Vorgehen gegen die Stadt, mit deren Eroberung er ganz Judaea in seine Gewalt bringen würde, wofern es ihm nur gelänge, sich der Person des Josephus zu versichern. Der Feldherr nahm diese Nachricht wie die Kunde von einem überaus grossen Glücke auf; er hielt es für göttliche Fügung, dass gerade derjenige seiner Feinde, der im Ruf besonderer Klugheit stand, freiwillig in die Falle gegangen sei, und sandte deshalb sogleich den Placidus sowie den Decurio Ebutius, einen durch Tapferkeit und Einsicht ausgezeichneten Mann, mit tausend Reitern ab, um die Stadt einzuschliessen und auf diese Weise ein heimliches Entweichen des Josephus zu verhindern.
4. Am folgenden Tage brach er selbst an der Spitze seiner gesamten Streitmacht auf und kam abends vor Jotapata an. Im Norden der Stadt, auf einer sieben Stadien davon entfernten Anhöhe, lagerte er sich mit seinem Heere, da er den Feinden so nahe wie möglich zu Gesicht kommen wollte, um sie in Schrecken zu versetzen. Letzteres gelang ihm auch alsbald in so hohem Grade, dass kein Jude mehr über die Festungswerke hinauszugehen wagte. Sogleich anzugreifen lag übrigens nicht im Sinne der Römer, weil sie den ganzen Tag marschiert waren; sie beschränkten sich vielmehr darauf, die Stadt mit einer doppelten Truppenkette zu umziehen und weiter draussen mit der Reiterei noch eine dritte zu bilden, um den Bewohnern jeden Ausweg zu versperren. Gerade hierdurch aber wurden die Juden, die jetzt an kein Entrinnen mehr denken konnten, zur Kühnheit angetrieben; denn nichts macht im Kriege kampfesmutiger als die Not.
5. Tags darauf erfolgte der Angriff. Anfangs hielten die Juden, die in der Gegend geblieben waren und vor den Mauern ein Lager errichtet hatten, den Römern gegenüber stand; als aber Vespasianus die Bogenschützen, die Schleuderer und die ganze Masse der mit Wurfgeschossen versehenen Kämpfer vorrücken liess und selbst mit dem übrigen Fussvolk den steilen Abhang hinaufdrängte, von dessen Gipfel aus die Mauer leicht zu erstürmen war, fürchtete Josephus für die Stadt und machte an der Spitze der gesamten Besatzung einen Ausfall. In dichten Scharen warfen sie sich auf die Römer und trieben dieselben von der Mauer weg, wobei sie manche tapfere und entschlossene That verrichteten. Freilich erlitten sie nicht weniger Schaden als sie zufügten; denn in dem gleichen Masse, wie sie selbst von der Verzweiflung, wurden die Römer vom Ehrgefühl angestachelt, und wenn auf seiten der letzteren Kriegserfahrung und Kraft die Waffen führte, so that dies bei den Juden Tollkühnheit, die mit Erbitterung sich paarte. Den ganzen Tag über tobte der Kampf, und erst mit einbrechender Nacht gönnten die Juden sich Ruhe. Sie hatten eine Menge Römer verwundet und dreizehn getötet, während von ihren eigenen Leuten siebzehn gefallen und sechshundert verwundet waren.
6. Kaum graute der Tag, als sie abermals einen Ausfall gegen die Römer unternahmen und sich mit noch grösserer Hartnäckigkeit in den Kampf stürzten; denn der unerwartet erfolgreiche Widerstand vom vorhergehenden Tage hatte ihren Mut gewaltig gehoben. Aber auch die Römer wehrten sich kräftiger, weil das Ehrgefühl ihre Wut aufs äusserste steigerte und es ihnen wie eine Niederlage vorkam, dass sie nicht sogleich gesiegt hatten. Bis zum fünften Tage griffen so die Römer ohne Unterlass an, während die Jotapatener ihrerseits die Ausfälle und Mauerkämpfe mit stets wachsender Erbitterung fortsetzten, und wie die Juden nicht im mindesten von der Übermacht der Römer eingeschüchtert wurden, so liessen sich anderseits die letzteren durch die Schwierigkeiten, welche ihnen die Einnahme der Stadt zu bieten schien, nicht entmutigen.
7. Jotapata liegt fast ganz auf einem steilen Felsen, an dessen Seiten so tiefe Schluchten abfallen, dass es dem Hinabschauenden schon schwindelt, ehe noch sein Blick die Tiefe ermisst; nur im Norden ist die Stadt zugänglich, wo sie quer über den sich abfiachenden Bergrücken hingebaut ist. Aber auch diesen Teil hatte Josephus in die Festungswerke mit eingeschlossen, damit der über ihm ansteigende Berg nicht von den Feinden besetzt werden könnte. Die Stadt war übrigens ringsum von anderen Bergen verdeckt und entzog Bich deshalb völlig dem Anblick, bis man in ihre unmittelbare Nähe kam. In solcher Weise war Jotapata befestigt.
8. Trotz dieser starken natürlichen Beschaffenheit des Platzes und der Tollkühnheit der Juden war Vespasianus entschlossen, den Kampf fortzusetzen. Er befahl daher, die Belagerung noch eifriger zu betreiben, und berief seine Offiziere zusammen, um sich mit ihnen über die Art des Angriffs zu beraten. Man beschloss, gegen die zugängliche Seite der Mauer einen Wall aufzuwerfen, worauf Vespasianuß die sämtlichen Soldaten zum Herbeischaffen von Baumaterial aussandte. Während nun ein Teil der Leute die Anhöhen in der Umgebung der Stadt abholzte und zugleich mit den Baumstämmen eine Menge Steine heranschleppte, spannten andere zur Abwehr der von oben kommenden Geschosse Flechtwerk über Pfähle aus, unter dessen Schutz die Mannschaften an dem Walle arbeiten konnten, ohne nennenswerte Verluste durch die von der Mauer herabgeschleuderten Wurfgeschosse zu erleiden. Wieder andere trugen die in der Nähe befindlichen Hügel ab und führten ihren Kameraden beständig Erde zu, sodass also die gesamten Arbeiten in drei Teile zerlegt waren und kein Mann unthätig blieb. Die Juden ihrerseits warfen grosse Felsstücke und Geschosse aller Art von den Mauern auf die Schutzdächer der Feinde, und wenn dieselben auch nicht durchschlugen, so störten sie doch die Arbeiter durch das laute und furchtbare Getöse, welches sie verursachten. 9.. Nun liess Vespasianus die Wurfmaschinen, deren das Heer im ganzen hundertsechzig besass, rings um die Stadt aufstellen und nach den die Mauern besetzt haltenden Juden richten. Alsbald spieen die Katapulten ihre Lanzen, und die Bailisten warfen kolossale Steine, Feuerbrände und dichte Schwärme von Pfeilen, welche nicht nur den Juden das Betreten der Mauern unmöglich machten, sondern auch noch einen Raum innerhalb derselben bestrichen, zumal da ausser den Maschinen die zahlreichen arabischen Bogenschützen sowie alle Speerwerfer und Schleuderer in Thätigkeit traten. Obwohl nun die Juden an der Gegenwehr von oben herab gehindert waren, blieben sie doch nicht müssig; vielmehr machten sie nach Räuberart Ausfälle in kleineren Rotten, rissen den Arbeitern die Schutzdächer nieder und hieben auf die Wehrlosen ein. Hatten sie auf diese Weise die Schanzarbeiter zum Weichen gebracht, so zerstörten sie den Wall und steckten die Pfähle samt dem Flechtwerk in Brand, bis endlich Vespasianus sich überzeugte, dass an den Verlusten nur die Trennung der Werke, deren Zwischenräume die Angriffe der Juden ermöglichten, schuld sei. Er liess demgemäss die Schutzdächer aneinander anschliessen, und da hiermit auch eine Verbindung für die Truppen selbst hergestellt war, wurden die feindlichen Überfälle für die Folge vereitelt.
10. Zusehends wuchs nun der Damm empor, und als er schon beinahe die Höhe der Mauerzinnen erreicht hatte, erkannte Josephus, wie gefährlich es sein würde, wenn er keine Gegenmassregeln zur Rettung der Stadt träfe. Er versammelte daher die Bauhandwerker und gab ihnen den Befehl, die Mauer zu erhöhen. Da sie es aber für unmöglich erklärten, unter dem beständigen Geschosshagel zu bauen, ersann er für sie folgendes Schutzmittel. Er liess Pfähle einrammen und frisch abgezogene Ochsenhäute darüber ausbreiten, damit die Steine aus den Wurfmaschinen sich in den letzteren fangen, die übrigen Geschosse von ihnen abgleiten und die Feuerbrände durch die Nässe der Häute unschädlich gemacht werden möchten. Hinter dieser Bedeckung konnten nun die Bauleute ungefährdet Tag und Nacht arbeiten, die Mauer auf die Höhe von zwanzig Ellen bringen, zahlreiche Türme auf ihr erbauen und noch eine feste Brustwehr errichten. Infolgedessen sank den Römern, die bereits in der Stadt zu sein wähnten, gewaltig der Mut, und sie erstaunten ebensowohl über die Klugheit des Josephus als über die Geistesgegenwart der Belagerten.
11. Vespasianus selbst aber geriet über diese schlaue Erfindung und die Kühnheit der Jotapataner in heftigen Zorn, besonders da die letzteren, durch das Gelingen des Mauerbaues ermutigt, wiederum Ausfälle gegen die Römer machten. Scharmützel zwischen einzelnen Abteilungen, räuberische Anschläge aller Art, Plünderungen, bei denen man mitnahra, was man nur erhaschen konnte, und Einäscherungen von Belagerungswerken waren wieder an der Tagesordnung, bis Vespasianus beschloss, den Kampf aufzugeben, sich vor die Stadt zu lagern und sie durch Aushungern in seine Gewalt zu bringen. Er glaubte nämlich, die Jotapatener würden entweder aus Mangel an den notwendigsten Lebensbedürfnissen ihn um Gnade bitten oder, wenn sie ihre Hartnäckigkeit aufs äusserste trieben, durch Hunger zu Grunde gehen; jedenfalls hoffte er im Kampfe mit ihnen viel leichter fertig werden zu können, wenn er erst einige Zeit vergehen Hesse und dann über seine entkräfteten Gegner herfiele. Er beschränkte sich daher fürs erste darauf, die sämtlichen Zugänge zur Stadt bewachen zu lassen.
12. An Getreide und allen anderen Lebensmitteln ausser Salz hatten die Belagerten Überfluss; dagegen mangelte es an Wasser, da sich in der Stadt keine Quelle befand und die Bewohner sich mit Regenwasser behelfen mussten. Es ist aber eine Seltenheit, wenn es zur Sommerszeit in jenen Landstrichen regnet. Da nun die Belagerung eben in diese Jahreszeit fiel, bemächtigte sich der Jotapatener beim Gedanken an den drohenden Durst grosse Mutlosigkeit, und sie wurden so niedergeschlagen, als wenn das Wasser schon ganz ausgegangen wäre. |In anbetracht des Umstandes nämlich, dass die Stadt' mit allen sonstigen Bedürfnissen reichlich versehen und der Kampfesmut der Männer ungeschwächt war, hatte Josephus, um die Belagerung auf eine den Römern unerwartete Weise in die Länge zu ziehen, das Trinkwasser in bestimmtem Masse austeilen lassen. Eine solche Sparsamkeit aber kam ihnen lästiger vor alß wirklicher Mangel; dass sie nicht nach Belieben trinken konnten, reizte ihr Verlangen noch mehr, und sie lechzten, als ob sie schon am Verschmachten wären. Den Römern blieb dieser Zustand nicht unbekannt; sie sahen nämlich von ihrem Walle aus über die Mauer hinweg, wie die Einwohner der Stadt. an einem bestimmten Orte zusammenströmten und das Wasser zugemessen erhielten. Dorthin richteten sie auch ihre Geschütze und brachten so eine Menge Juden ums Leben.
13. Bei dieser Sachlage konnte Vespasianus wohl hoffen, dass die Cisternen in Bälde geleert und die Belagerten dann gezwungen sein würden, die Stadt zu übergeben. Um ihm diese Hoffnung zu benehmen, lies9 Josephus viele seiner Leute ihre Kleider ins Wasser tauchen und an den Brustwehren auf hängen, sodass die Mauer alsbald von Wasser troff. Das entmutigte und erschreckte die Römer; sahen sie doch, wie die, denen es ihrer Meinung nach an Trinkwasser gebrach, dasselbe zum Hohn massenhaft vergeudeten. Nun gab auch der Feldherr die Hoffnung auf, die Stadt durch Aushungern bezwingen zu können, und griff wieder zur Waffengewalt. Das war allerdings ganz nach dem Wunsche der Juden; denn da sie an der Rettung der Stadt wie an ihrer eigenen verzweifeln mussten, zogen sie den Tod im Kampfe dem durch Hunger und Durst bei weitem vor.
14. Ausser der erwähnten List ersann Josephus noch eine andere, um in den Besitz von Lebensmitteln zu gelangen. Durch eine unwegsame und deshalb von den feindlichen Posten wenig beachtete Schlucht auf der westlichen Seite des Thaies wechselte er durch Boten ganz nach Belieben Briefe mit den Juden ausserhalb der Stadt und verschaffte sich so in reichem Masse die Lebensmittel, an denen es in der Stadt mangelte. Hierbei wies er seine Leute an, in der Regel an den Wachen vorbeizukriechen und den Rücken mit Fellen zu bedecken, damit sie, wenn einmal ein Posten bei Nacht ihrer gewahr würde, wie Hunde aussähen. Endlich aber kamen die Wachen hinter die List und umstellten die Schlucht.
15. Josephus sah jetzt übrigens, dass die Stadt sich nicht lange mehr halten könne und dass, wenn er in ihr bliebe, seine Rettung sehr fraglich sein würde; er beriet sich daher mit den angesehensten Männern über die Flucht. Die Jotapatener aber bekamen Wind davon, umringten ihn und baten ihn flehentlich, er möge sie doch nicht im Stich lassen, da sie an ihm allein ihren Rückhalt hätten. Er sei noch die letzte Hoffnung auf Rettung der Stadt; denn so lange er bleibe, würden sie alle freudig kämpfen, und selbst wenn sie in Gefangenschaft geraten sollten, sei er ihr einziger Trost. Ihm stehe es also schlecht an, vor dem Feinde zu fliehen, seine Freunde zu verlassen und aus dem Schiffe, das er bei ruhiger See betreten, beim Ausbruch des Sturmes zu entspringen. Dann sei das Verderben der Stadt besiegelt, da niemand mehr den Feinden entgegenzutreten wagen würde, wenn der fort wäre, der allen den Mut gehoben habe.
16. Von da an liess Josephus nicht mehr merken, dass es ihm um seine persönliche Sicherheit zu thun war, sondern er erklärte nun, lediglich zu ihrem Besten fortgehen zu wollen. Sein Verbleiben in der Stadt nämlich würde ihnen, wenn sie die Belagerung aushielten, nicht viel nützen; falle die Stadt aber, so gehe er unnötigerweise mit ihnen zu Grunde. Wenn er dagegen durch die Belagerer sich durchschliche, so könnte er ihnen draussen die wesentlichsten Dienste leisten; denn er würde alsdann die Galiläer auf dem Lande so schnell wie möglich sammeln und die Römer dadurch, dass er sie anderweitig beschäftige, von ihrer Stadt abziehen. Er sehe nioht ein, was er ihnen jetzt durch sein Bleiben nützen könne; vielmehr würden die Römer dann nur noch eifriger die Belagerung betreiben, da ihnen sehr viel daran liege, sich seiner Person zu bemächtigen. Erführen sie aber seine Flucht, so werde die Heftigkeit, mit der sie der Stadt zusetzten, bedeutend nachlassen. Gleichwohl vermochte er die Leute nicht zu überzeugen, sondern er bewirkte nur, dass das Volk sich noch mehr um ihn drängte. Knaben, Greise, und Weiber mit Säuglingen im Arm warfen sich weinend vor ihm nieder, umklammerten seine Füsse und flehten ihn unter lautem Schluchzen an, er möge doch bei ihnen bleiben und ihr Schicksal teilen — nicht, wie ich glaube, weil sie ihm seine Rettung missgönnten, sondern weil sie ihre eigene noch erhofften; denn so lange sie Josephus bei sich hätten, meinten sie, könne ihnen kein Leid widerfahren.
17. Überzeugt, dass das Benehmen der Menge, so lange er sich nachgiebig zeigte, das von Flehenden bleiben, dagegen in offene Gewalt Umschlägen würde, wenn er auf seinem Vorhaben bestände, beschloss Josephus auszuharren, zumal da auch sein sehnliches Verlangen, wegzukommen, durch das Mitleid mit den jammernden Menschen bedeutend zurückgedrängt wurde. Er waffnete sich nun mit dem Mute der Verzweiflung, den die Lage der Stadt ihm einflösste, und rief aus: „Jetzt, da es keine Hoffnung auf* Rettung mehr giebt, ist es Zeit, den Kampf zu beginnen, herrlichen Ruhm mit dem Leben zu erkaufen und sich durch Heldenthaten bei der Nachwelt zu verewigen!“ Diesen Worten liess er alsbald die Ausführung folgen: er unternahm mit den rüstigsten Kämpfern einen Ausfall, zersprengte die feindlichen Vorposten, drang bis zum Lager der Römer vor, zerstörte die Dächer, unter denen die Schanzarbeiter sich bargen, und warf Feuer in ihre Werke. In gleicher Weise verfuhr er am folgenden und am dritten Tage sowie noch mehrere Tage und Nächte hindurch, ohne eine Spur von Kampfesmüdigkeit zu zeigen.
18. Durch diese Ausfälle litten die Römer grossen Schaden. Vor den Juden zu fliehen, schämten sie sich; zogen aber die Gegner sich zurück, so wurden sie durch die Schwere ihrer Rüstungen an der Verfolgung gehindert, sodass die Juden, nachdem sie den Römern Verluste beigebracht, ohne selbst welche zu erleiden, sich jedesmal wieder in die Stadt flüchten konnten. Vespasianus befahl daher seinen Schwerbewaffneten, den Angriffen der Juden auszuweichen und sich mit Menschen, die den Tod suchten, in kein Gefecht mehr einzulassen; denn nichts mache tapferer als Verzweiflung. Übrigens werde sich die Kampfeshitze der Juden von selbst abkühlen, sobald ihr das Ziel fehle, wie das Feuer, wenn ihm der Brennstoff ausgehe. Auch zieme es den Römern, nur den sicheren Weg zum Siege zu wählen, da sie ja keinen Verteidigungs-, sondern einen Eroberungskrieg führten. Von nun an wurden mit der Zurück treibung der Juden zumeist die arabischen Bogenschützen sowie die syrischen Schleuderer und Steinwerfer betraut; doch blieben auch die sämtlichen Wurfmaschinen in Thätigkeit, vor denen sich die Juden durchgehends mit Verlusten zurückzogen. Kamen sie aber einmal näher an die Geschütze heran, so setzten sie den Römern arg zu und stritten mit wahrer Todesverachtung; dabei trat für die Kampfunfähigen auf beiden Seiten stets wieder frische Mannschaft ein.
19. Fast wollte es übrigens bei der Länge der Zeit und den vielen Ausfällen Vespasianus bedünken, als wäre er selbst der Belagerte. Er beschloss daher, da die Wälle sich schon den Mauern näherten, den Widder anrücken zu lassen. Es ist dies ein gewaltiger, einem Schiffsmast ähnlicher Balken; an seinem vorderen Ende trägt er einen Beschlag von starkem Eisen in Form eines Widderkopfes, woher er auch den Namen hat. In der Mitte ist er mit Seilen an einem anderen wagerechten Balken aufgehängt, der an beiden Seiten auf starken Pfählen ruht Von einer grossen Anzahl Männer rückwärts gezogen und dann wieder mit vereinter Kraft nach vorn geschnellt, stösst er mit dem an seiner Spitze angebrachten Eisen gegen die Mauern an. Kein Turm ist so fest, keine Mauer so dick, dass sie, wenn sie auch die ersten Stosse aushalten, bei energischer Wiederholung derselben standhalten könnten. Mit diesem Werkzeug also versuchte eB jetzt der römische Feldherr; er trachtete nämlich mit möglichster Eile sich der Stadt zu bemächtigen, da eine längere Belagerung bei der Rührigkeit der Juden ihm nur Schaden bringen konnte. Gleichzeitig machten sich die Römer mit den Katapulten und den übrigen Wurfmaschinen herbei, um auf diejenigen zu schiessen, die etwa von der Mauer herab Widerstand leisten würden, und ebenso zogen sich die Bogenschützen und Schleuderer möglichst dicht an die Stadt heran. Während nun angesichts dieser Zurüstungen niemand die Mauer zu besteigen wagte, schleppte ein Teil der Soldaten den Widder herbei, der zum Schutze der Bedienungsmannschaft wie der Maschine selbst rings von Weidengeflecht umgeben und oben auch noch mit Fellen bedeckt war. Beim ersten Stosse bereits erbebte die Mauer, und zugleich erhoben die Belagerten ein lautes Geschrei, wie wenn die Stadt schon erstürmt wäre.
20. Als Josephus sah, dass die Römer immer gegen dieselbe Stelle der Mauer stiessen und diese dem Einsturz nahe war, ersann er ein Mittel, um die Gewalt der Maschine in etwa zu brechen. Er befahl nämlich seinen Leuten, Säcke mit Spreu zu füllen und sie jedesmal an die Stelle hinabzulassen, gegen welche sie den Widder zielen sähen, damit seine Richtung unsicher und seine Stösse durch die Elastizität der Säcke abgeschwächt würden. Den Römern erwuchs dadurch ein gewaltiger Zeitverlust, da die Juden von der Mauer herab die Säcke jedesmal dort anbrachten, wo die Maschine hinzielte, und sie den Stössen entgegenhielten, sodass die Mauer weniger unter deren Wucht zu leiden hatte. Endlich aber kamen die Römer auf den Gedanken, vorn an lange Pfähle Sicheln zu binden und damit die Säcke abzuschneiden. Auf diese Weise konnte der Widder von neuem in Wirksamkeit treten, und da nun die Mauer, frisch gebaut wie sie war, alsbald zu wanken anfing, griffen Josephus und seine Leute zu einem anderen Verteidigungsmittel: zum Feuer. Sie rafften nämlich alles dürre Reisig, dessen sie habhaft werden konnten, zusammen, machten in drei Abteilungen einen Ausfall und steckten die Maschinen, die Schutzdächer und die Pfahl werke der Römer in Brand. Diese leisteten nur schwachen Widerstand, teils weil die Kühnheit der Belagerten sie ausser Fassung brachte, teils weil die Flammen der Verteidigung zuvorgekommen waren. Denn das trockene Holz in Verbindung mit Erdharz, Pech und Schwefel verbreitete den Brand mit Blitzesschnelle, sodass in einer Stunde die mühsam errichteten Werke der Römer in Asche lagen.
21. Bei dieser Gelegenheit zeichnete sich ein Jude Namens Eleazar, der Sohn des Samaeus, aus Saab in Galilaea gebürtig, auf eine rühm- und denkwürdige Weise aus. Er hob nämlich einen ungeheuren Stein auf und schleuderte ihn von der Mauer herab mit solcher Gewalt gegen den Sturmbock, dass er der Maschine den Kopf abschlug. Dann sprang er hinab, holte den Widderkopf mitten aus den Feinden heraus und trug ihn mit grosser Unerschrockenheit auf die Mauer zu. Sämtliche Feinde machten ihn nun zur Zielscheibe, und da er durch keine Rüstung geschützt war, wurde er von fünf Geschossen durchbohrt. Ohne indes darauf zu achten, erstieg er die Mauer, wo er infolge seiner Heldenthat aller Augen auf sich zog; gleich darauf aber stürzte er, unter seinen Wunden sich krümmend, mit dem Widderkopf herab. Nächst ihm erwiesen sich als besonders tapfer die beiden Brüder Netiras und Philippus aus dem Dorfe Ruma, gleichfalls Galiläer. Sie drangen auf die Soldaten der zehnten Legion ein und warfen sich mit solchem Ungestüm den Römern entgegen, dass sie deren Reihen durchbrachen und alles, was ihnen in den Weg kam, vor sich hertrieben.
22. Ihnen nach stürzte Josephus an der Spitze der übrigen Mannschaft mit einer Menge von Feuerbränden hinaus und setzte die Maschinen sowie die Flecht- und Pfahlwerke der weichenden fünften und zehnten Legion in Brand, während andere eiligst die Werkzeuge und sämtliches Baumaterial unbrauchbar machten. Gegen Abend jedoch richteten die Römer den Sturmbock wieder auf und liessen ihn gegen die Stelle der Mauer wirken, die schon vorher beschädigt worden war. Da geschah es, dass einer von den Verteidigern der Mauer den Vespasianus in die Fusssohle traf. Die Wunde war zwar leicht, weil das Geschoss infolge der beträchtlichen Entfernung seine Kraft verloren hatte; gleichwohl bemächtigte sich der Römer ein gewaltiger Schrecken. Da nämlich die nächste Umgebung des Feldherrn durch den Anblick' des Blutes in Unruhe geriet, verbreitete sich die Nachricht von seiner Verwundung alsbald im ganzen Heere. Die meisten liessen nun von der Belagerung ab und scharten sich voll Angst und Bestürzung um ihren Feldherrn. Vor allen aber trieb den Titus die Sorge um seinen Vater herbei, und da seine Züge ängstliche Aufregung verrieten, konnte es bei der Anhänglichkeit, mit der die Soldaten ihrem Führer zugethan waren, nicht ausbleiben, dass grosse Niedergeschlagenheit sich ihrer bemächtigte. Leicht jedoch beschwichtigte der Vater den besorgten Sohn und machte so auch der Unruhe im Heer ein Ende. Indem er nun die Schmerzen unterdrückte und allen um seinetwillen Erschrockenen sich zu zeigen suchte, feuerte er den Kampfeseifer gegen die Juden in noch höherem Grade an; denn jeder wollte jetzt als Rächer des Feldherrn der vorderste im Treffen sein. So stürmten sie denn, indem sie sich gegenseitig durch Zuruf ermunterten, alsbald wieder gegen die Mauer an.
23. Obwohl nun von den Leuten des Josephus einer nach dem anderen den Katapulten und Ballisten zum Opfer fiel, liessen sie sich doch nicht von der Mauer verjagen, sondern warfen mit Feuerbränden, Eisen und Steinen gegen die, welche von Flechtwerk geschützt den Widder bedienten. Sie richteten indes gar nichts oder nur wenig aus, verloren aber selbst eine Menge Leute, da sie, ohne die Feinde zu sehen, beständig von diesen gesehen wurden. Von den Feuerbränden in ihrer eigenen Hand beleuchtet, boten sie den Römern wie bei Tage ein deutliches Ziel und konnten sich vor den Geschossen der Maschinen, weil diese in der Ferne für sie unsichtbar waren, nicht schützen. So wurden sie haufenweise von der Gewalt der Schnellwurfmaschinen und
24. Gegen Morgen sammelte Vespasianus sein Heer zum Sturm auf die Stadt, nachdem er ihm eine kurze Erholung von den Strapazen der Nacht gegönnt hatte. Da es ihm nun zunächst darum zu thun war, die Verteidiger von den eingestürzten Mauerteilen zu vertreiben, lie8ß er seine tapfersten Reiter absitzen und sich, von Kopf bis zu Fuss bewehrt, mit vorgehaltenen Speeren in <lrei Linien vor dem zerstörten Mauerstück aufstellen, damit sie, sobald die Sturmleitern angelegt wäre», zuerst in die Stadt eindrängen. Hinter ihnen nahm der Kern des Fussvolkes Stellung, während die übrige Reiterei am ganzeü Berge herum der Mauer entlang aufmarschierte, um das heimliche Entweichen von Belagerten während der Erstürmung zu verhindern. Rückwärts von dieser Postenkette liess er in gleicher Ausdehnung die Bogenschützen antreten mit dem Befehl, sich schussfertig zu halten, ebenso die Schleuderer und die Bedienungsmannschaften der Geschütze. Andere beorderte er mit Leitern an die unversehrten Teile der Mauer, damit die Aufmerksamkeit der Belagerten dadurch, dass sie diese Leute abzuwehren versuchten, von der Bewachung der Bresche abgelenkt würde; die übrigen sollten dann von der Stelle, wo die Römer einzudringen gedachten, durch den Geschosshagel verjagt werden.
25. Josepbus aber durchschaute diesen Plan und stellte deshalb die Ermatteten und die Greise an den unbeschädigten Teilen der Mauer auf in der Voraussetzung, dass ihnen hier kein Leid geschehen würde; in die Nähe der Bresebe dagegen beorderte er die kräftigsten Abteilungen seiner Leute und an ihre Spitze wieder je sechs Krieger, deren besonders gefährdete Stellung er selbst teilte. Er wies sie an, ihre Ohren gegen das Schlachtgeschrei der Legionen zu verstopfen, damit sie nicht eingeschüchtert würden, und gegen die Menge der Pfeile sich dadurch zu schützen, dass sie sich auf die Knie niederliessen und ihre Schilde über die Köpfe hielten. Auch sollten sie sich ein wenig zurückziehen, bis die Bogenschützen ihre Köcher geleert hätten; Josephus, Jüdischer Krieg. 92 sobald aber der Feind die türm brücken werfen würde, sollten sie hervorstürzen und den Römern auf deren eigenem Bau entgegen gehen. Ein jeder müsse kämpfen nicht um seine Vaterstadt zu retten, sondern als ob er schon ihren Untergang rächen wolle. Ferner möchten sie sich vor Augen halten, wie die Feinde demnächst Greise umbringen, Weiber und Kinder hinschlachten würden, und demgemäss schon jetzt ihren Zorn ob der kommenden Greuel an denjenigen auslassen, die sie verüben würden.
26. In dieser Weise stellte Josephus die 'beiden Hauptabteilungen seiner Leute auf. Als aber jetzt die vielen unbeschäftigten Einwohner, die Weiber und die Kinder nämlich, die Stadt wie mit einem dreifachen Gürtel von Kriegern umzogen sahen, während zugleich auch die bereits früher vorhandenen Wachen ihre Posten beibehielten, als sie ferner bemerkten, wie die Feinde mit gezückten Schwertern vor der Mauerlücke standen, die über der Stadt sich erhebenden Berge von Waffen schimmerten und die Geschosse der arabischen Bogenschützen eben abzufliegen drohten, da erhoben sie ein Jammergeschrei wie die letzte Trauerklage über den Untergang der Stadt, als ob das Unglück nicht erst bevorstände, sondern schon da wäre. Damit nun die Weiber den Kampfesmut der Ihrigen nicht durch Er* regung von Mitleid schwächten, Hess Josephus sie in die Häuser einschliessen und legte ihnen unter Drohungen Stillschweigen auf. Alsdann begab er sich auf seinen Posten vor der Bresche, den ihm das Los bestimmt hatte, ohne auf diejenigen Römer, welche den anderen Teilen der Mauer mit Leitern sich näherten, weiter zu achten, und sah mit gespannter Erwartung dem Abfliegen der Geschosse entgegen.
27. Plötzlich schmetterten die Trompeten sämtlicher Legionen, das Heer erhob ein fürchterliches Schlachtgeschrei, und auf ein gegebenes Zeichen wurden von allen Seiten die Pfeile abgeschossen, sodass die Luft sich verfinsterte. Die Leute des Josephus jedoch, eingedenk seiner Weisungen, schützten ihre Ohren vor dem Geschrei, ihre Leiber vor den Geschossen, und als die Sturmbrücken geworfen wurden, stürzten sie sich auf ihnen den Feinden entgegen, bevor noch die letzteren den Fuss darauf gesetzt hatten. So gerieten sie mit den anrückenden Römern ins Handgemenge, wobei Bie zahlreiche von Kraft und Mut zeugende Thaten verrichteten und sich bestrebten, trotz ihrer verzweifelten Lage den weniger gefährdeten Feinden an Tapferkeit nicht nachzustehen. Sie liessen daher von den Römern nicht eher ab, als bis sie entweder selbst gefallen waren oder den Gegner getötet hatten. Da aber die Juden unter der anhaltenden Gegenwehr schliesslich ermatteten und durch frische Truppen nicht abgelöst werden konnten, während auf seiten der Römer anstelle der erschöpften Kämpfer stets wieder neue eintraten und für zurückgeschlagene Abteilungen alsbald andere ins Gefecht geführt wurden, so gelang es den letzteren, indem sie sich gegenseitig durch Zurufe ermunterten und nach oben hin mit ihren Schilden sich deckten, eine festgeschlossene, undurchdringliche Masse zu bilden. Mit ihrer ganzen Wucht drängten sie nun, als wären sie ein einziger Leib, die Juden zurück, und schon waren sie drauf und dran, die Mauer zu ersteigen.
28. In dieser angstvollen Lage riet dem Josephus die Not (eine treffliche Erfinderin, besonders wenn Verzweiflung ihre Erfindungskraft schärft), die dicht zusammengedrängten Feinde mit siedendem öl überschütten zu lassen. Viele seiner Leute hatten solches alsbald in grosser Menge zur Hand, als wenn sie sich schon vorher darauf eingerichtet hätten, und gossen es nun von allen Seiten auf die Römer hinab, denen sie dazu auch noch die glühend heissen Gefasse auf die Köpfe warfen. Von dem öl verbrannt, kamen die Römer völlig aus der Ordnung heraus und wälzten sich unter fürchterlichen Josephus, Qeschicbte des Jüdischen Krieges. Schmerzen die Mauer hinunter; das öl floss nämlich auch unter der Rüstung leicht vom Scheitel bis zur Fusssohle über den ganzen Leib hin und versengte das Fleisch wie eine Flamme, da es seiner Natur nach sich schnell erwärmt und wegen seiner Fettigkeit erst langsam wieder erkaltet. In ihre Panzer und Helme eingezwängt, konnten sich die Römer von dem Brande nicht loemachen, und da sie aufsprangen und sich in ihren Schmerzen hin und her wandten, stürzten sie schliesslich von den Brücken hinab; andere wurden, indem sie ihren eigenen vorwärts drängenden Leuten entgegenflohen, von den auf ihren Rücken einhauenden Juden mit leichter Mühe überwältigt.
29. Ebensowenig aber, wie die Juden ihre Überlegung, verloren die Römer trotz ihres Unglücks den festen Mut, und obwohl sie die schrecklichen Leiden ihrer versengten Kameraden sahen, drangen sie doch gegen die Juden, die fortgesetzt öl hinabgossen, vor, und jeder schmähte seinen Vordermann, dass er ihn an der Entfaltung seiner Kraft hindere. Die Juden dagegen griffen, um das Vordringen ihrer Gegner zu vereiteln, zu einer weiteren List, indem sie abgekochtes griechisches Heu auf die Bretter der Sturm brücken schütteten, sodass die Römer ausglitten und hinabrutschten. Niemand konnte sich aufrecht halten, mochte er nun fliehen oder Vordringen wollen; vielmehr fielen sie entweder auf den Sturmbrücken rücklings zu Boden, wo sie zertreten wurden, oder sie stürzten in grosser Anzahl auf den Wall und wurden hier von den Juden erschossen. Die letzteren waren nämlich dadurch, dass ihre Gegner zu Fall kamen, vom Handgemenge befreit worden und konnten nun wieder von ihren Schusswaffen Gebrauch machen. Gegen Abend liess der Feldherr seine Soldaten, die bei dem Sturm viel gelitten hatten, den Kampf ein-34 i stellen. Die Römer hatten ziemlich viele Tote und eine Menge Verwundeter; auf seiten der Jotapatener waren sechs Mann gefallen und dreihundert verwundet hinweggetragen worden. Dieses Gefecht fand am zwanzigsten des Monats Daisios statt.
30. Als Vespasianus sein Heer wegen der ihm zugestossenen Unfälle trösten wollte, fand er die Soldaten in heller Entrüstung; keinen Zuspruch begehrten sie sondern Gelegenheit zu neuen Kriegsthaten. Er liess daher die Wälle noch weiter erhöhen und drei Türme errichten, letztere je fünfzig Fuss hoch und ringsum mit Eisen beschlagen, damit sie einerseits durch ihr bedeutendes Eigengewicht schon festständen und anderseits dem Feuer trotzen könnten. In diese Türme, die, er auf dem Walle anbringen liess, legte er Speerwerfer, Bogenschützen und die kräftigsten Schleuderer; auch versah er sie mit leichteren Wurfmaschinen. Dadurch, dass die Türme sehr hoch waren und Brustwehren hatten, entzog ihre Besatzung sich völlig den Blicken der Gegner, vermochte aber ihrerseits die auf der Mauer stehenden Juden deutlich zu sehen und zu treffen. Weil nun die letzteren den von oben kommenden Geschossen nicht leicht ausweichen und gegen die unsichtbaren Schützen sich nicht verteidigen konnten, auch die Unmöglichkeit, mit Handgeschossen die Höhe der Türme zu erreichen oder den Eisen beschlag derselben durch Feuer zu zerstören, ein sahen, zogen sie sich von der Mauer zurück und machten Ausfälle gegen diejenigen feindlichen Abteilungen, welche Sturm laufen wollten. Auf diese Weise hielten die Jotapatener stand, obwohl täglich viele von ihnen umkamen. Besonderen Schaden freilich konnten sie den Feinden nicht zufügen; vielmehr mussten sie sich darauf beschränken, sie mit grossen eigenen Verlusten von sich abzuhalten.
31. In denselben Tagen entsandte Vespasianus den Anführer der zehnten Legion, Trajanus, an der Spitze von tausend Reitern und zweitausend Fusssoldaten gegen eine Nachbarstadt Jotapatas mit Namen Japhb, die sich, durch den unerwartet langen Widerstand der Jotapatener ermutigt, empört hatte. Trajanus fand die Stadt schwer einnehmbar, da sie ausser ihrer von Natur schon festen Lage auch noch durch eine doppelte Ringmauer geschützt war. Weil aber die Bewohner kampfgerüstet ihm entgegenzogen, liess er sich mit ihnen in ein Gefecht ein und verfolgte sie, nachdem sie nur kurzen Widerstand geleistet hatten. Sie flüchteten sich hinter die erste Mauer; die Römer jedoch, die ihnen auf der Ferse waren, stürzten sich mit hinein. Als nun die Juden sich hinter die zweite Mauer zurückziehen wollten, schlossen ihre eigenen Leute aus Furcht, die Feinde möchten auch hier miteindringen, die Stadtthore vor ihnen zu. Offenbar war es Gott, der die Galiläer zu gunsten der Römer ins Unglück stürzte und der auch damals die ganze streitbare Mannschaft der Stadt, ausgeschlossen durch die Hände der Ihrigen, dem Mordschwert der Feinde preisgab. In dichten Haufen gegen die Thore drängend und deren Wächter laut beim Namen rufend, wurden sie trotz ihrer flehentlichen Bitten niedergemetzelt Die erste Mauer hatten ihnen die Feinde, die zweite ihre eigenen Mitbürger verschlossen; so waren sie also mitten zwischen die beiden Ringmauern eingezwängt und kamen elendiglich um: viele erlagen dem Schwert ihrer Kameraden, viele auch durchbohrten sich selbst; die meisten aber fielen durch die Hand der Römer, ohne sich zu irgendwelcher Gegenwehr aufraffen zu können; denn ausser dem Schrecken, den die Feinde ihnen eingejagt hatte auch das verräterische Benehmen der Freunde ihren Mut völlig gebrochen. So starben sie dahin, nicht den Römern, sondern ihren eigenen Leuten fluchend, bis endlich alle, zwölftauBend an der Zahl, niedergemacht waren. Trajanus nahm nun an, dass die Stadt entweder völlig von Verteidigern entblösst sei oder dass, wenn sich noch welche darin befanden, sie aus Furcht nichts unternehmen würden, und schickte deshalb in der Absicht, die Erstürmung für den Feldherrn aufzusparen, Boten an Vespasianus mit der Bitte, er möge seinen Sohn Titus zur Vollendung des Sieges absenden. Vespasianus aber, der vermutete, es könnte doch vielleicht noch etwas zu thun sein, gab seinem Sohn eine Streitmacht von fünfhundert Reitern und tausend Fusssoldaten mit Titus rückte nun eilends vor die Stadt stellte sein Heer in Schlachtordnung auf und übergab dem Trajanus den linken Flügel, während er selbst an der Spitze des rechten Flügels den Sturm eröffnete. Als die Soldaten von allen Seiten Leitern an die Mauer anlegten, zogen sich die Galiläer, nachdem sie kurze Zeit von oben her Widerstand geleistet hatten, von der Umwallung zurück, worauf Titus mit den Seinigen die Mauern erstieg und alsbald die Stadt besetzte, doch nicht ohne gegen die innen zusammengescharten Juden noch einen harten Kampf bestanden zu haben. In den engen Gassen nämlich stürzte sich die streitbare Mannschaft den Römern entgegen, während die Weiber von den Dächern herab alles, was gerade zur Hand war, ihnen auf die Köpfe warfen. Sechs Stunden lang dauerte die Gegenwehr; als aber die kampffähige Mannschaft dahingerafft war, wurde das übrige Volk teils unter freiem Himmel, teils in den Häusern niedergemacht, jung und alt ohne Unterschied, und nichts Männliches mehr am Leben gelassen ausser den unmündigen Kindern, welche samt den Weibern in die Sklaverei geschleppt wurden. Die Zahl der in der Stadt und bei dem voran gegangenen Treffen Gefallenen betrug fünfzehntausend, die der Gefangenen zweitausendeinhundertdreissig. Diese Niederlage erlitten die Galiläer am fünfundzwanzigsten des Monats Daisios.
32. Auch die Samariter suchte das Unglück heim. Sie hatten sich auf dem von ihnen heilig gehaltenen Berge Garizin versammelt, und obwohl sie sich äusserlich ruhig verhielten, lag doch schon in ihrer Zusammenkunft und in ihrem ganzen Gebaren eine Kriegsdrohung. Die Niederlage ihrer Nachbarn hatte sie eben nicht ge- witzigt; vielmehr wollten sie, ohne ihre eigene Schwäche in Betracht zu ziehen, es mit dem Glüoke der Römer aufnehmen und warteten deshalb begierig auf eine Gelegenheit zum Aufruhr. Vespasianus hielt es für geraten, einer Bewegung ihrerseits zuvorzukommen und ihre Empörungslust zu dämpfen; denn in ganz Samaria umher lagen seit längerer Zeit römische Besatzungen, für die man bei der grossen Menge und der Haltung der Versammelten besorgt sein musste. Er sandte daher den Anführer der fünften Legion, Cerealis, mit sechshundert Reitern und dreitausend Mann Fussvolk gegen sie ab* Diesem schien es jedoch wegen der Überzahl der oben befindlichen Feinde nicht ratsam, den Berg zu ersteigen und sich mit ihnen in ein Gefecht einzulassen, und so beschränkte er sich vorläufig darauf, den Fuss des Berges von allen Seiten mit seinen Leuten zu umstellen und sie den ganzen Tag zu beobachten. Nu ti traf es sich, dass die Samariter an Wassermangel litten, und da es an jenem Tage — mitten im Sommer — fürchterlich heiss war und die Menge sich auch sonst nicht mit den nötigen Lebensmitteln versehen hatte, starben einige von ihnen noch am selben Tage vor Durst, während andere einem solchen Tod die Knechtschaft vorzogen und zu den Römern übergingen. Als Cerealis von diesen Überläufern erfuhr, dass die da oben von ihren Leiden gänzlich entkräftet seien, erstieg er den Berg und schloss die Feinde ringsum mit seiner Streitmacht ein. Sodann liess er sie auffordern, sich zu ergeben, ermahnte sie, auf ihre Rettung bedacht zu sein, und sicherte ihnen Schonung ihres Lebens zu, wenn sie die Waffen von sich werfen 'wollten. Da er aber hiermit nichts ausrichtete, fiel er über sie her und liess den ganzen Haufen, elftausendsechshundert an der Zahl, niedermachen. Dieser schwere Schlag traf die Samariter am siebenundzwanzigsten des Monats Daisios.
33. Mittlerweile hielten sich die Jotapatener noch immer und trotzten wider Erwarten allen Schrecken der Belagerung, bis endlich am siebenundvierzigsten Tage, da die Wälle der Römer bis zur Höhe der Stadtmauer emporgestiegen waren, ein Überläufer zu Vespasianus kam und ihm mitteilte; wie klein und schwach das Häuflein der Belagerten sei und wie sie, durch beständiges Wachen und unaufhörliche Gefechte aufgerieben, einen Sturmangriff nicht mehr auszuhalten vermöchten. Aber auch mit List würden sie zu überwältigen sein, wenn jemand es darauf anlege; denn um die letzte Nachtwache, wo sie einige Ruhe vor den Angriffen zu haben glaubten und der Morgenschlummer die Todmüden überfalle, lägen auch die Wachtposten in tiefem Schlafe, und er rate daher, um eben diese Stunde zum Angriff zu schreiten. Vespasianus traute zwar dem Überläufer nicht recht, da er die Treue der Juden gegeneinander kannte und wusste, wie wenig sie sich aus körperlichen Strafen machten; hatte doph schon einmal ein gefangener.Jotapatener allen Folterqualen widerstanden, ohne den Feinden, die ihm mit Feuer zusetzten, irgend etwas über die Zustände im Innern der Stadt zu verraten, und darum lächelnd den Kreuzestod erlitten. Die innere Wahrscheinlichkeit seiner Angaben jedoch verschaffte dem Verräter Glauben, sodass Vespasianus auf den Gedanken kam, er sage vielleicht doch die Wahrheit; überdies hielt er dafür, dass eine etwaige Hinterlist jedenfalls für die Römer keine besonders üblen Folgen haben könne. Er liess daher den Mann bewachen und sein Heer sich zum Sturm auf die Stadt rüsten. 84. Um die angegebene Stunde näherten sich die Römer leise der Mauer. Titus mit dem Tribun Domitius Sabinus uud einigen wenigen Leuten der fünften und zehnten Legion erstieg sie zuerst, und nachdem sie die Wachtposten niedergestossen hatten, betraten sie in aller Stille die Stadt. Nach ihnen führten der Tribun Sextus Cerealis und Placidus ihre Mannschaft hinein. Die Burg war besetzt, mitten in der Stadt bewegten sich die Feinde, und bereits war es Tag; gleichwohl hatten die Überfallenen noch keine Ahnung von der Einnahme der Festung. Die meisten waren eben von Ermattung und Schlaf gelähmt, und den Blick derer, die wach wurden, trübte ein dichter Nebel, der sich gerade über die Stadt lagerte. Erst als das ganze Heer seinen Einzug gehalten hatte, erhoben sie sich, aber nur um ihr Unglück gewahr zu werden und sich unter dem Mordschwert des Feindes von der wirklich erfolgten Einnahme der Stadt zu überzeugen. Die Römer, eingedenk dessen, was sie während der Belagerung ausgestanden hatten, kannten nun weder Mitleid noch Schonung, sondern hieben auf das Volk ein, indes sie es jählings die Burg hinabdrängten. Hierbei benahm die Ungunst der Örtlichkeit auch den noch Kampffähigen alle Möglichkeit der Gegenwehr; denn da sie in die engen Gassen hineingepresst wurden und an den abschüssigen Stellen ausglitten, wurden sie von den die Burg herabwogenden Kriegern erdrückt Das trieb viele, selbst solche von der auserlesenen Mannschaft des Josephus, zum Selbstmord,. Als sie sich nämlich ausser stände sahen, einen «Römer niederzumachen, scharten sie sich, um wenigstens nicht unter dem Schwert der Feinde zu fallen, am äussersten Ende der Stadt zusammen und brachten sich selbst ums Leben.
35. Einer Anzahl Wachmannschaften, welche gleich anfangs die Einnahme der Stadt bemerkten, war es gelungen, zu entkommen und einen der nördlichen Türme zu ersteigen. Hier wehrten sie sich noch einige Zeit; als sie sich aber von der Menge der Feinde umzingelt sahen, wollten sie Unterhandlungen anknüpfen. Doch es war zu spät, und so liessen sie sich von den eindringenden Römern willig niedermetzeln. Übrigens hätten die letzteren sich rühmen können, das Ende der Belagerung habe sie keinen Tropfen Blut gekostet, wenn nicht ein Centurio Namens Antonius bei der Einnahme der Stadt gefallen wäre, und zwar als Opfer einer Treulosigkeit. Von den zahlreichen Juden nämlich, die sich in die Höhlen geflüchtet hatten, flehte einer den Antonius an, er möge ihm zum Zeichen, dass er ihm das Leben schenken wolle, die Hand geben und ihm dadurch zugleich herauf helfen. Unvorsichtigerweise reichte Antonius ihm auch wirklich die Hand; der Jude aber stiess ihm von unten den Speer in den Leib, sodass er plötzlich tot hinfiel.
36. An diesem Tage machten die Römer nur die Menge derer nieder, die ihnen gerade zu Gesicht kamen. An den folgenden Tagen aber durchsuchten sie die Schlupfwinkel und verfolgten die in den unterirdischen Gängen und in Höhlen Verborgenen, wobei sie kein Alter schonten, unmündige Kinder und Weiber ausgenommen. An Gefangenen brachten sie zwölfhundert Mann zusammen; die Gesamtzahl derer, die bei der Einnahme der Stadt und in den vorangegangenen Kämpfen gefallen waren, betrug vierzigtausend. Vespasianus liess nun die Stadt schleifen und ihre sämtlichen Festungswerke einäschern. So fiel Jotapata im dreizehnten Regierungsjahre Neros, am ersten des Monats Panemos.
1. Die Römer suchten nun teils aus eigener Erbitterung gegen Josephus, teils weil der Feldherr auf seine Gefangennahme, die er als beinahe entscheidend für den Ausgang des Krieges ansah, sehr erpicht war, unter den Toten und in allen verborgenen Schlupfwinkeln der Stadt nach, um den Gehassten zu finden. Er aber hatte sich während der Einnahme der Stadt wie unter göttlichem Beistand mitten durch die Feinde geschlichen und war in eine tiefe Cisterne hinabgesprungen, die sich seitwärts zu einer von oben unsichtbaren, geräumigen Höhle erweiterte. In diesem Versteck traf er vierzig vornehme Männer an, die auf eine Reihe von Tagen mit Lebensmitteln versehen waren. Bei Tage nun hielt er sich verborgen, weil die Feinde alles ringsum besetzt hatten; bei Nacht dagegen stieg er hinauf, um einen Weg zur Flucht ausfindig zu machen und sich nach den Posten umzusehen. Da aber eben um seinetwillen die Umgebung von allen Seiten so scharf bewacht wurde, dass an heimliches Entschlüpfen nicht zu denken war, begab er sich wieder in die Höhle zurück. Zwei Tage lang entging er so den Nachforschungen; am dritten aber wurde er von einer Frau, die bei ihnen gewesen und gefangen genommen worden war, verraten. Unverzüglich schickte nun Vespasianus zwei Tribunen, Paulinus und Gallicanus, mit dem Auftrag ab, dem Josephus Sicherheit zu versprechen und ihn zum Verlassen der Höhle zu bewegen.
2. Die beiden gingen hin, sprachen ihm zu und verbürgten ihm sein Leben. Sie konnten indes nichts bei ihm ausrichten; denn lediglich die Wahrscheinlichkeit dessen, was er für die mannigfachen Schädigungen der Römer zu gewärtigen hatte, und nicht der milde Charakter derer, die ihm zuredeten, bestimmte seine Meinung bezüglich des ihm bevorstehenden Loses. Demgemäss.konnte er sich der Befürchtung nicht erwehren, man wolle ihn nur hervorlocken, um ihn hinzurichten. Schliesslich sandte Vespasianus einen dritten Boten in der Person des dem Josephus wohlbekannten und von früher her mit ihm befreundeten Tribuns Nikanor. Dieser kam und schilderte das milde Verfahren der Römer gegen die einmal von ihnen Besiegten, legte auch dar, wie die Heerführer den Josephus um seiner Tapferkeit willen mehr bewunderten als hassten, und wie der Feldherr keineswegs beabsichtige, ihn hinrichten zu lassen, da er ja diese Strafe an ihm vollziehen könne, auch ohne dass er hervorkäme, sondern entschlossen sei, ihm als einem tapferen Manne das Leben zu schenken. Übrigens würde Vespasianus, so fügte er hinzu, dem Josephus ebensowenig in hinterlistiger Absicht seinen Freund gesandt und so das Schändlichste mit dem Besten, Treulosigkeit mit Freundschaft maskiert haben, als er selbst sich dazu hergegeben haben würde, einen Freund zu betrügen.
3. Da aber Josephus auch dem Nikanor gegenüber sich noch nicht entscheiden konnte, trafen die Soldaten in ihrem Zorn Anstalten, Feuer in die Höhle zu werfen. Ihr Anführer jedoch hielt sie zurück, weil ihm sehr viel daran lag, den Mann lebendig in seine Gewalt zu bekommen. Während nun Nikanor in ihn drang und die feindliche Schar fortgesetzt Drohungen ausstiess, traten dem Josephus nächtliche Träume in die Erinnerung, in welchen ihm Gott das bevorstehende Unglück der Juden und das künftige Geschick der römischen Imperatoren offenbart hatte. Josephus verstand es nämlich, bei der Auslegung von Träumen auch diejenigen Verkündigungen zu erklären, die die Gottheit zweideutig gelassen hatte, da er als Priester und Priesterssohn mit den Weissagungen der heiligen Bücher wohl vertraut war. Gerade zu dieser Stunde nun ward er von göttlicher Begeisterung ergriffen, und indem er die Schreck bilder kürzlich gehabter Träume sich vergegenwärtigte, schickte er in der Stille ein Gebet zu Gott und sprach: „Weil du beschlossen hast, das Volk der Juden, das du geschaffen, zu beugen, weil alles Glück zu den Römern gewandert ist und du meine Seele erwählt hast, die Zukunft zu offenbaren, so biete ich den Römern die Hand und bleibe am Leben. Dich aber rufe ich zum Zeugen an, dass ich nicht als Verräter, sondern als dein Diener zu ihnen übergehe.“
4. Nach diesem Gebet sagte er dem Nikanor zu. Als aber nun die Juden, die sich mit ihm in dem Versteck befanden, merkten, dass er dem Zureden der Feinde nachzugeben entschlossen sei, umringten sie ihn in dichten Haufen und riefen: „Fürwahr, gar schwer werden über dich die Gesetze der Väter seufzen, und tief wirst du den Gott betrüben, der den Juden Seelen anerschuf, die den Tod verachten. Ist denn das Leben dir, Josephus, so lieb, dass du es über dich bringst, als Sklave das Licht zu schauen? Wie schnell doch hast du deiner selbst vergessen! Und denkst du nicht mehr daran, wie viele Juden auf deinen Zuspruch hin für die Freiheit gestorben sind? Falsch war also der Ruf von Tapferkeit, in dem du standest, falsch auch der von deiner Einsicht, weil du nun Begnadigung von denen erhoffst, gegen die du so hartnäckig gestritten hast, noch mehr aber, weil du, falls diese Begnadigung überhaupt sicher ist, sie aus ihrer Hand entgegen nehmen willst! Aber wenn auch du, vom Glück der Römer geblendet, deiner selbst vergessen hast, so müssen doch wir für die Ehre unseres Vaterlandes besorgt sein. Unsern Arm und unser Schwert stellen wir dir zur Verfügung; stirbst du nun freiwillig, so fällst du als Heerführer der Juden, wenn aber unfreiwillig, als Verräter!“ Mit diesen Worten zückten sie ihre Schwerter gegen ihn und drohten ihn niederzustossen, wenn er sich den Römern ergäbe.
5. Aus Furcht vor ihrem Angriff und in der Überzeugung, dass er einen Verrat an den Aufträgen Gottes begehen würde, wenn er vor deren Verkündigung stürbe, begann Josephus im Drange der Not Vernunftgrunde gegen sie geltend zu machen. „Wozu sind wir doch,“ sprach er, „o Freunde, so erpicht darauf, uns selbst zu morden? Oder weshalb wollen wir die innigsten Bande, die zwischen Leib und Seele, zerreissen? Man sagt, ich sei ein anderer geworden — nun, das wissen ja die Römer am besten. Schön ist’s, im Kriege zu sterben, aber nach Kriegsbrauch, das heisst von der Hand des Siegers. Wenn ich vor dem Schwert der Römer fliehe, dann verdiene ich in der That, durch mein eigenes Schwert, durch meine eigene Hand ums Leben zu kommen; wenn aber die Römer den Wunsch hegen, einen Feind zu schonen, um wie viel mehr müssen wir uns da selbst schonen! Es wäre doch thöricht, wenn wir selbst uns das anthun würden, wegen dessen wir mit ihnen im Kampfe liegen. Ehrenvoll ist es, für die Freiheit zu sterben, das sage auch ich, aber kämpfend und durch die Hand derer, die sie uns entreissen wollen. Nun aber ziehen sie weder gegen uns in die Schlacht, noch haben sie vor, uns das Leben zu nehmen. Feigheit ist ebensowohl, nicht sterben zu wollen, wenn man soll, als sterben zu wollen, wenn man nicht soll. Was fürchten wir denn eigentlich, dass wir nicht zu den Römern hinaufgehen? Doch den Tod, nicht wahr? Aber ist es denn so sicher, dass wir das von seiten der Römer zu fürchten haben, was wir uns jetzt selbst zufügen wollen? Nein, sagt ein anderer, die Knechtschaft ist es, die wir fürchten — als wenn wir jetzt so recht in Freiheit schwelgten! Da kommt wieder ein anderer und meint, es sei heldenmütig, sich selbst zu töten. Nein, im Gegenteil, es ist die schlimmste Feigheit; ich wenigstens halte den für einen sehr zaghaften Steuermann, der aus Furcht vor einem Unwetter beim Ausbruch des Sturmes sein Fahrzeug freiwillig versenkt. Zudem widerstrebt ja auch der Selbstmord dem innersten Wesen alles Lebendigen und ist zugleich ein Frevel gegen Gott, unseren Schöpfer. Es giebt kein Tier, das mit Vorbedacht den Tod suchte oder ihn sich selbst zufügte. Denn es ist ein festes Naturgesetz, dass man gern leben will, weshalb wir auch diejenigen Menschen, die uns das Leben offen zu nehmen trachten, für Feinde halten und uns an denen, die ihm heimlich nachstellen, rächen. Und meint ihr denn, Gott werde nicht zürnen, wenn der Mensch sein Geschenk für nichts achtet? Von ihm haben wir ja unser Dasein empfangen und müssen daher auch ihm dessen Auf hören anheimstellen. Alle haben wir sterbliche, aus vergänglichem Stoff gebildete Leiber; in dem Leibe aber wohnt eine unsterbliche Seele, ein Teil der Gottheit. Wenn nun jemand ein von Menschen ihm an vertrautes Gut verschwendet oder schlecht verwaltet, so gilt er für frevelhaft und treulos; wenn aber einer das von Gott ihm an vertraute Gut gewaltsam aus seinem eignen Körper wegschafft, kann er dann noch wähnen, dem Auge dessen verborgen zu bleiben, den er damit beleidigt hat? Man hält es für recht, dass entlaufene Sklaven gezüchtigt werden, selbst wenn sie böse Herren verlassen haben — und da sollte es keine Sünde sein, wenn wir Gott, dem besten Herrn, entlaufen? Wisst ihr denn nicht, dass die, welche nach dem Gesetz der Natur aus dem Leben scheiden und die von Gott entliehene Schuld heimzahlen, wenn der Geber sie wieder nehmen will, ewigen Ruhm, lange Dauer ihres Hauses und Geschlechtes erlangen, reine Seelen behalten, die der Erhörung ihrer Gebete sicher sein können, und in dem heiligsten Raume des Himmels Wohnung nehmen, von wo sie im Verlauf der Aeonen wiederum in unbefleckte Leiber wandern dürfen, dass aber die Seelen aller derer, die mit eigner Hand wider sich selbst gewütet haben, die finstere Unterwelt aufnimmt, und dass Gott, ihr Vater, diese in doppelter Hinsicht frevelhaften Menschen noch in ihren Nachkommen straft? Deshalb hasst Gott dieses Verbrechen, und vom weisesten Gesetzgeber ward es mit Strafe belegt. Denn die Selbstmörder muss man bei uns bis Sonnenuntergang unbegraben hinwerfen, während wir es doch für Pflicht halten, selbst Feinde zu bestatten; bei anderen Völkern ist es Brauch, solchen Toten die rechte Hand, mit der sie sich selbst gemordet haben, abzuhauen, um anzudeuten, dass, wie ein solcher Leib sich der Seele entausserte, so auch die Hand nicht an den Körper gehöre. Deshalb, meine Freunde, ziemt es sich, recht zu denken und nicht dem Unglück, das uns als Menschen getroffen, auch noch einen Frevel gegen unsern Schöpfer hinzuzufügen. Sollen wir am Leben bleiben, so wollen wir unserer Rettung nichts in den Weg legen; denn das macht uns kein|p Schande bei denen, welchen wir unsere Tapferkeit durch so viele Thaten bewiesen haben. Sollen wir aber den Tod erleiden, gut, so geschehe es durch die Sieger. Ich möchte nun freilich nicht zu den Reihen der Feinde übergehen, um ein Verräter an mir selbst zu werden; denn dann wäre ich ja noch thörichter als ein gewöhnlicher Überläufer, der so handelt, um sein Leben zu retten, während ich es zum Verderben thäte, und zwar zu meinem eigenen. Was ich mir aber wünschte, wäre ein Verrat von seiten der Börner; wenn sie mich nämlich trotz dem gegebenen Worte umbrächten, würde ich freudig sterben, und es wäre mir diese Treulosigkeit ein grösserer Trost als der Sieg.“
6. Vieles derartige sprach Josephus, um seine Gefährten vom Selbstmord abzubringen. Die Verzweiflung indes machte sie taub gegen alle Vorstellungen; schon längst hatten sie sich dem Tode geweiht und wurden darum nur noch erbitterter gegen ihn. Von allen Seiten mit gezückten Schwertern auf ihn eindringend, beschuldigten sie ihn der Feigheit, und jeder zeigte sich bereit, ihn auf der Stelle niederzustossen. Er aber wusste, indem er den einen bei seinem Namen anrief, den anderen mit dem Blick des Feldherrn ahschaute, einen dritten bei der Hand, ergriff, einen vierten durch Bitten umstimmte, in seiner Not, die die verschiedenartigsten Gefühle in ihm auf kommen liess, jedesmal das Mordschw'ert von sich abzuwehren, gleichwie das eingekreiste Wild sich stets gegen den wendet, der es gerade anzugreifen Miene maoht. Da sie nun selbst in dieser äussersten Bedrängnis noch den Feldherrn in ihm ehrten, wurden ihre Arme gelähmt, die Dolche entglitten ihren Händen, und viele, die das Schwert gegen ihn erhoben hatten, steckten es aus freien Stücken wieder ein.
7. Trotz dieser verzweifelten Lage Verliese übrigens den Josephus seine Besonnenheit nicht; vielmehr setzte er nun im Vertrauen auf Gottes Fürsorge sein Leben aufs Spiel, indem er zu seinen Gefährten sprach: „Da der Entschluss, zu sterben, nun einmal feststeht, wohlan, so wollen wir das Los darüber entscheiden lassen, wer von uns jedesmal den anderen niederstossen soll. Es falle also der Ausgeloste von der Hand dessen, der nach ihm bezeichnet wird. Auf diese Weise wird das Todeslos alle treffen, ohne dass der einzelne darauf angewiesen ist, sich selbst zu töten. Denn es wäre doch unrecht, wenn nach dem Tode seiner Gefährten der letzte sich’s reuen liesse und sein Leben rettete.“ Dieser Vorschlag verschaffte ihm wieder Zutrauen, und nachdem die anderen sich einverstanden erklärt hatten, loste er auch selbst mit. Wie nun ein jeder vom Lose getroffen wurde, liess er sich willig von dem Nächstfolgenden hinschlachten in dem Bewusstsein, dass gleich darauf ja auch der Feldherr sterben müsse; denn der Tod mit Josephus erschien ihnen angenehmer als das Leben. Übrig blieb nun eben Josephus, sage man durch glücklichen Zufall oder durch göttliche Fügung, mit noch einem Gefährten, und da er weder vom Lose getroffen werden noch, wenn er schliesslich allein dagewesen wäre, seine Hand mit dem Blute eines Landsmannes beflecken mochte, überredete er auch diesen, sich den Römern zu ergeben und dadurch sein Leben zu retten.
8. Nachdem Josephus so aus dem Kampfe mit den Römern sowohl als mit seinen eigenen Leuten heil hervorgegangen war, wurde er von Nikanor zu Vespasianus geführt. Alle Römer strömten herbei, um ihn zu sehen, und die Menge, die sich um den Feldherrn drängte, erhob verschiedenartigen Lärm, indem die einen über sein© Gefangennahme jubelten, andere Drohungen ausstiessen, wieder andere sich mit Gewalt einen Weg bahnten, um ihn in der Nähe betrachten zu können. Die weiter Entfernten schrien, man solle den Feind hinrichten, die näher Stehenden gedachten seiner Thaten und erstaunten ob dem Wechsel seines Schicksals. Unter den Offizieren aber gab es keinen, der trotz noch so grosser vorheriger Erbitterung damals nicht durch seinen Anblick gerührt worden wäre. Besonders war es der edelgesinnte Titus, den des Josephus Ausdauer im Unglück und das Mitgefühl mit seinem Alter mächtig ergriff. Wenn er sich die jüngsten Heldenthaten des Josephus vergegenwärtigte und ihn betrachtete, wie er jetzt in der Hand seiner Feinde war, kam ihm so recht der Gedanke an die Macht des Schicksals, den schnellen Wechsel des Kriegsglücks und die Unbeständigkeit aller menschlichen Dinge, und augenscheinlich war dies auch die Stimmung der meisten Anwesenden, die aus ihrem Mitleid mit dem Gefangenen kein Hehl: machten. Titus verwendete sich nun in ausgiebigster Weise bei seinem Vater, um dem Josephus das Leben zu retten; gleichwohl liess Vespasianus ihn in strengsten Gewahrsam nehmen, um ihn unverzüglich dem Nero zuzusenden.
9. Als Josephus dies vernahm, verlangte er mit Vespasianus ein Wort unter vier Augen zu reden. Der Feldherr hiess darauf alle Anwesenden mit Ausnahme seines Sohnes Titus und zweier Freunde sich entfernen, und Josephus begann nun also zu sprechen: „Du bist freilich der Meinung, Vespasianus, nur einen Kriegsgefangenen erwischt zu haben, als du den Josephus in deine Gewalt bekamst aber weit gefehlt, denn ich erscheine vor dir als Verkündiger wichtiger Dinge. Hätte ich mich nicht eines Auftrages von Gott zu entledigen, so würde ich wohl gewusst haben, was das Gesetz der Juden verlangt und wie es Heerführern ziemt zu sterben. Du willst mich an Nero schicken? Wozu denn? Werden etwa seine Nachfolger, die noch vor dir auf den Thron kommen, denselben lange behaupten? Nein, du Vespasianus wirst Caesar und Selbstherrscher werden, du und auch dieser dein Sohn! Lass mich jetzt nur noch sicherer fesseln und für dich auf bewahren; denn du, Caesar, wirst nicht bloss mein Gebieter sein, sondern Herr über die Erde, das Meer und das ganze Menschengeschlecht. In engeren Gewahrsam also musst du mich nehmen, damit du mich hinrichten lassen kannst, wenn ich leichtfertig im Namen Gottes rede!“ Vespasianus schien diesen Worten anfänglich nicht zu trauen und sie für eine List des Josephus zu halten, durch die er sich das Leben zu retten suche. Allmählich aber begann er doch daran zu glauben, da Gott selbst Gedanken an die Thronbesteigung in ihm wachrief und ihm auch schon durch sonstige Zeichen die künftige Herrschaft angedeutet hatte. Zudem erfuhr er, dass der Gefangene auch in anderen Fällen bereits zutreffend geweissagt habe. Einer der Freunde des Feldherrn nämlich, der bei der geheimen Unterredung zugegen war, sprach seine Verwunderung darüber aus, dass Josephus weder die Zerstörung Jotapatas noch seine eigene Gefangennehmung vorausgesagt habe; es scheine somit, als ob das, was er jetzt vorbringe, nur leeres Geschwätz sei, um sich die Gunst des Feindes zu erwerben. Darauf entgegnete Josephus, allerdings habe er den Jotapatenern vorhergesagt, dass sie nach siebenundvierzig Tagen in Feindeshand fallen und er selbst lebendig würde gefangen werden. Vespasianus erkundigte sich insgeheim bei den Gefangenen, und da er die Angabe wahr fand, fing er nun auch an, der Weissagung, die seine eigene Person betraf, Glauben zu schenken. Er liess den Josephus zwar noch im Gefängnis und in Fesseln, beschenkte ihn jedoch mit einem Prachtgewand und anderen Kostbarkeiten und liess ihm auch für die Folge eine freundliche Behandlung zu teil werden — eine Auszeichnung, die Josephus vornehmlich dem Titus zu verdanken hatte.
1. Am vierten des Monats Panemos brach Vespasianus wieder nach Ptolemais auf und rückte von da nach Caesarea am Meer, einer sehr grossen, meist von Griechen bewohnten Stadt Judaeas. Die Einwohner nahmen das Heer und den Feldherrn mit lauten Segenswünschen und sonstigen Freudenbezeugungen auf, teils aus Ergebenheit gegen die Römer, teils und zwar noch mehr aus Hass gegen die Überwundenen. Deshalb verlangten auch ganze Haufen von ihnen unter lautem Geschrei die Hinrichtung desjosephus; doch wies Vespasianus dieses Ansinnen, weil es von der urteilslosen Menge kam, mit vornehmer Ruhe zurück. Dann legte er zwei seiner Legionen nach Caesarea ins Winterquartier, da er die Stadt hierzu geeignet fand; die fünfzehnte dagegen quartierte er, um Caesarea nicht mit dem ganzen Heere zu belasten, in Skythopolis ein. Wegen seiner Lage in der Ebene und am Meere war Caesarea zur Winterszeit ebenso angenehm warm, als erstickend heiss im Sommer.
2. Unterdessen hatten sich diejenigen Juden, die entweder während der Unruhen den Händen der Feinde entschlüpft oder aus den zerstörten Städten entkommen waren, in beträchtlicher Menge zusammengeschart und das früher von Cestius verwüstete Joppe als Stützpunkt für weitere kriegerische Unternehmungen wieder befestigt. In das vom Feinde unsicher gemachte Land freilich durften sie sich nicht hinauswagen, und so beschlossen sie denn, aufs Meer zu gehen. Sie bauten eine grosse Anzahl Piraten schiffe, verübten Räubereien auf dem Seewege zwischen Syrien, Phoenicien und Aegypten, und bewirkten, dass in jenen Gewässern sich bald kein Fahrzeug mehr blicken liess. Vespasianus aber hatte kaum von ihrem Treiben gehört, als er Truppen zu Fuss und zu Pferde nach Joppe sandte, die bei Nacht in die Josephus. Geschichte des Jüdischen Krieges. unbesetzte Stadt ein drangen. Die Bewohner nämlich hatten von dem beabsichtigten Angriff vorher Kenntnis erlangt, aus Furcht vor den Römern auf die Verteidigung der Stadt verzichtet und sich auf die Schiffe geflüchtet, wo sie ausser Schussweite übernachteten.
3. Joppe hat von Natur keinen Hafen, ist vielmehr von einer zerklüfteten, steil abfallenden Küste begrenzt, die an den beiden Enden der Stadt sich ein wenig aus biegt; aber auch diese kurzen Ausläufer bestehen nur aus schroffen Felswänden und ins Meer hineinragenden Klippen. Hier zeigt man noch heute Spuren von den Fesseln der Andromeda, welche das hohe Alter dieser Sage beweisen. Der Nordwind, der gerade gegen das Ufer stürmt und an den entgegenstehenden Felsen eine gewaltige Brandung erzeugt, macht die Rhede noch gefährlicher als die offene See. Auf dieser Rhede trieben die Bewohner Joppes, als gegen Morgen ein heftiger Sturm — schwarzer Nordwind heisst er bei den Schiffern, die jene Gewässer befahren — sich erhob und einen Teil der Schiffe sogleich aneinander zerschellte, andere wider die Felsen warf; viele auch, die aus Furcht vor dem klippenreichen Ufer und den dasselbej besetzt haltenden Feinden der Brandung entgegen die offene See zu erreichen suchten, versenkte die turmhoch aufsteigende Flut in die Tiefe. Nirgends winkte den Geängstigten ein Zufluchtsort, nirgends ein Rettun gszeichen"; aus dem Meere trieb sie die Gewalt des Sturmes, die *Stadt versperrten ihnen die Römer. Lautes Jammergeschrei ertönte, wenn die Fahrzeuge zusammenstiesBen, und schreckliches Krachen, wenn sie zerschellten; die Bemannung ward teils über Bord gespült, teils ging sie im Schiff bruch unter. Manche auch kamen den Fluten dadurch zuvor, dass sie sich, als wäre diese Todesart leichter, mit dem Schwerte durchbohrten. Die meisten jedoch wurden von den Wellen umhergeschleudert und i Der von Perseus befreiten Tochter des Kepheus und der Kassiopeia. an den Felswänden zerschmettert, sodass das Meer weithin vom Blute gerötet war und das Gestade voll von Leichen lag; denn auch von denen, die noch lebend ans Land gespült wurden, liessen die am Ufer stehenden Römer keinen am Leben. Viertausendzweihundert betrug die Zahl der vom Meer ausgeworfenen Toten. Nachdem die Römer so die Stadt ohne Schwertstreich eingenommen hatten, machten sie dieselbe dem Erdboden gleich.
4. In kurzer Zeit wurde also Joppe zweimal von den Römern erobert. Damit nun nicht abermals Seeräuber in der Stadt sich einnisten könnten, liess Vespasianus auf der Burg ein Truppenlager errichten und in dasselbe Reiterei sowie eine Anzahl Fusssoldaten legen. Letztere mussten an Ort und Stelle bleiben, um das Lager zu bewachen, während die Reiter plündernd die Umgegend durchstreifen und die nahe bei Joppe gelegenen Dörfer und Städtchen zerstören sollten. Diesem Befehl kamen die Soldaten pünktlich nach und durchzogen tagtäglich raubend und verheerend die ganze Umgebung.
5. Als die Kunde von dem Schicksal Jotapatas nach Jerusalem gelangte, wollten die meisten anfangs nicht daran glauben, einmal wegen der Grösse des Unglücks, und dann auch weil niemand da war, der das, was berichtet wurde, gesehen hatte. Denn nicht einmal ein Bote war bei der Einnahme der Stadt entkommen, sondern lediglich das Gerücht, das ohnehin schon gern Unheil verkündigt, erzählte ohne weitere Beglaubigung den Fall der Festung. Allmählich aber verbreitete sich die Wahrheit durch die angrenzenden Bezirke und war bald bei sämtlichen Bürgern über jeden Zweifel erhaben, nur dass zu den wirklichen Ereignissen noch manches hinzugedichtet wurde, was gar nicht geschehen war. So hiess es beispielsweise, auch Josephus sei bei der Einnahme der Stadt gefallen. Diese Nachricht erfüllte ganz Jerusalem mit tiefem Schmerz, und während in den einzelnen Häusern und Familien die Umgekommenen je nach dem Grade der Verwandtschaft beweint wurden, war die Trauer um den Feldherrn eine wahre Volkstrauer. Die einen beklagten den Verlust von Gastfreunden, andere den von sonstigen lieben Personen, Brüdern oder entfernten Verwandten; den Josephus aber beweinten alle, sodass dreissig Tage lang des Jammerns in der Stadt kein Ende war. Viele auch nahmen Flötenspieler in Sold, um ihre Klagegesänge begleiten zu lassen.
6. Als aber mit der Zeit der wahre Sachverhalt sowie die näheren Umstände vom Falle Jotapatas bekannt wurden und nicht nur der Tod des Josephus sich als erdichtet heraustellte, sondern man auch noch obendrein erfuhr, dass er lebe und von seiten der römischen Offiziere ihm eine Behandlung zuteil werde, wie sie ein Kriegsgefangener nicht zu erhoffen sich getraue, ward der Groll der Juden gegen den Lebenden ebenso gross, wie zuvor die Sympathie für den Totgeglaubten gewesen war. Hier schalt man sein Benehmen Feigheit, dort Verräterei, und in der ganzen Stadt hörte man nichts als unwillige und schmähende Reden über ihn. Waren die Juden schon wegen der Niederlage an sich erbittert* so steigerte das widrige Schicksal ihren Ingrimm noch viel mehr. Das Unglück, welches vernünftige Menschen veranlasst, auf ihre Sicherheit bedacht zu sein und sich vor ähnlichen Vorkommnissen zu hüten, war für sie nur der Stachel, der sie an trieb, neues Unheil zu suchen, und das Ende des einen Übels ward für sie stets der Anfang eines anderen. Übrigens nahm auch ihre Gereiztheit gegen die Römer immer mehr zu, weil sie in ihnen zugleich den Josephus zu strafen gedachten. So stürmisch sah es damals in Jerusalem aus.
7. Mittlerweile war Vespasianus von dem König Agrippa, der den Feldherrn und sein Heer mit der ganzen Pracht seines Hauses zu empfangen und mit Hilfe der Römer seinen wankenden Thron zu befestigen vorhatte, persönlich eingeladen worden, dessen Königreich zu besuchen. Er brach daher von Caesarea am Meer auf und marschierte nach Caesarea Philippi, wo er seinen Truppen eine zwanzigtägige Erholung gönnte, während er selbst mit Schmausereien sich die Zeit vertrieb und der Gottheit Dankopfer für seine Siege darbrachte. Als ihm aber gemeldet ward, dass Taricheae abgefallen und in Tiberias Unruhen ausgebrochen seien (beide Städte gehörten zum Gebiete Agrippas), hielt er, entschlossen, die Juden überall zu Paaren zu treiben, eine kriegerische Unternehmung gegen dieselben für angebracht Zugleich wünschte er dem Könige den Dank für die genossene Gastfreundschaft dadurch zu erstatten, dass er ihm die beiden Städte wieder zurechtbrachte. Er sandte demgemäss seinen Sohn Titus nach Caesarea mit dem Aufträge, das dort befindliche Heer nach dem nahe bei Tiberias gelegenen Skythopolis, der grössten Stadt im Gebiete der Dekapolis, zu führen, wohin er sich dann auch selbst begab, um mit seinem Sohne zusammen zutreffen. Von hier rückte er nun mit drei Legionen aus und schlug dreissig Stadien von Tiberias entfernt an einem Orte Namens Sennabris, wo ihn die Empörer leicht sehen konnten, ein Lager auf. Sodann schickte er den Decurio Valerianus an der Spitze von fünfzig Reitern ab, um in Güte mit den Bürgern der Stadt zu unterhandeln und sie zur Übergabe aufzufordern. Der Feldherr hatte nämlich vernommen, dass die Einwohnerschaft sehnlichst den Frieden wünsche und der Aufruhr nur von einigen wenigen Kriegslustigen geschürt werde. Valerianus ritt also hin und stieg, als er in der Nähe der Mauer angelangt war, samt seiner Begleitung vom Pferde, damit es nicht den Anschein gewänne, als wollten sie plänkeln. Bevor er jedoch zu Wort kam, stürzten sich die entschlossensten der Aufrührer bewaffnet ihm entgegen, an ihrer Spitze ein gewisser Jesus, Sohn des Saphatos, der Führer des Raubgesindels. Valerianus, der sich gegen den Befehl des Feldherrn auch dann in kein Gefecht hätte einlassen mögen, wenn er seines Sieges sicher gewesen wäre, hielt es für gefährlich, mit seiner kleinen Schar gegen die Übermacht anzukämpfen, zumal seine Leute den wohlbewaffneten Juden gegenüber nur unvollständig gerüstet waren; ausserdem aber hatte ihn auch die unerwartete Kühnheit der Gegner in Schrecken versetzt. So entfloh er denn zu Fuss, und fünf andere Römer liessen ebenfalls ihre Pferde im Stich, die nun von Jesus und seiner Mannschaft unter lautem Jubel in die Stadt eingebracht wurden, gleich als wären die Tiere in offener Schlacht und nicht vielmehr durch Hinterlist erbeutet worden.
8. Über diesen Vorfall bestürzt, flohen die Ältesten des Volkes und die angesehensten Männer der Stadt ins römische Lager, fielen, nachdem sie den König für sich gewonnen, vor Vespasianus nieder und baten ihn flehentlich, er möge sie doch gnädig anhören und nicht um des Wahnsinns einiger wenigen Leute willen die ganze Stadt büssen lassen, sondern die stets gut römisch gesinnte Bevölkerung schonen und nur die Anstifter der Empörung strafen, deren Späherblick es ihnen bis jetzt unmöglich gemacht habe, die längst beabsichtigte Übergabe an die Römer ins Werk zu setzen. Obwohl nun der Feldherr wegen des Pferderaubes der ganzen Stadt gewaltig zürnte, willfahrte er doch den an ihn gerichteten Bitten, weil er sah, dass auch Agrippa ängstlich für die Bürgerschaft besorgt war. Als auf diese Weise die Bittsteller der Stadt Gnade erwirkt hatten, hielten Jesus und sein Anhang sich nicht mehr für sicher und flohen deshalb nach Taricheae. Tags darauf sandte der Feldherr den Trajanus mit einer Anzahl Reiter nach einer Bergspitze voraus, um zu erforschen, ob die ge- samte Bevölkerung der Stadt zu friedlichem Verhalten neige, und da er vernahm, dass ihre Gesinnung dieselbe wie die der Bittsteller sei, rückte er mit seinem Heere näher heran. Nun öffneten die Einwohner ihm die Stadtthore und zogen ihm unter Segenswünschen entgegen, indem sie ihn ihren Retter und Wohlthäter nannten. Weil aber das Heer wegen der Enge der Thore sich arg drängen musste, liess Vespasianus ein Stück der südlichen Mauer einreissen und so den Eingang erweitern. Doch untersagte er dem Könige zu Gefallen seinen Soldaten jede Art von Plünderung und Gewalttätigkeit und sah auch ihm zulieb von einer Zerstörung der Mauern ab, weil Agrippa sich für die künftige Treue der Einwohnerschaft verbürgte. So brachte Vespasianus die Stadt, die übrigens infolge der Empörung viel gelitten hatte, wieder unter die Botmässigkeit des Königs.
1. Von Tiberias rückte Vespasianus weiter vor und schlug zwischen dieser Stadt und Taricheae ein Lager auf, dem er in der Voraussetzung, dass der Kampf sich hier in die Länge ziehen werde, eine stärkere Befestigung gab; hatten sich doch im Vertrauen auf die Festigkeit der Stadt und auf den von den Eingeborenen Gennesar genannten See alle Unzufriedenen in Taricheae zusammengefunden. Die Stadt, welche ebenso wie Tiberias am Fu6se eines Berges lag, war von Josephus auf allen Seiten, wo der See sie nicht bespülte, stark befestigt worden, wenn auch nicht so stark wie Tiberias; denn die Ringmauer um letztere Stadt hatte er zu Beginn des Aufstandes erbaut, als ihm noch Geld und Arbeitskräfte reichlich zu Gebote standen, während Taricheae nur vom Beste seiner Freigebigkeit Nutzen ziehen konnte. Dagegen hatten die Taricheaten eine Menge Kähne in Bereitschaft, die einesteils im Fall einer Niederlage zu Lande die Flucht ermöglichen, andernteils bei einem etwa notwendig werdenden Seegefecht Verwendung finden sollten. Während nun die Römer mit der Verschanzung ihres Lagers beschäftigt waren, machten Jesus und seine Leute, die sich weder vor der Übermacht noch vor der straffen Ordnung des Feindes fürchteten, einen Ausfall, zerstreuten schon beim ersten Anlauf die Schanzarbeiter, rissen einen kleinen Teil der Werke ein und flüchteten erst dann, als sie Schwerbewaffnete sich gegen sie scharen sahen, zu den Ihrigen zurück, ohne Verluste erlitten zu haben. Die Römer setzten ihnen nach und drängten sie auf die Schiffe; sie aber fuhren so weit in den See hinaus, dass sie die Gegner noch im Bereich ihrer Geschosse hatten, warfen dann Anker und rückten mit ihren Kähnen dicht aneinander, um vom Wasser aus gegen die Feinde auf dem Lande zu kämpfen. Unterdessen hatte Vespasianus erfahren, dass auch in der Ebene vor der Stadt eine grosse Menge Juden sich zusammengerottet habe, und liess deshalb seinen Sohn mit sechshundert auserlesenen Reitern gegen sie Vorgehen.
2. Als dieser die bedeutende Überzahl der Feinde gewahrte, liess er seinem Vater melden, er habe Verstärkung nötig. Da er aber zugleich sah, dass der grösste Teil der Reiter noch vor dem Eintreffen weiterer Truppen anzugreifen entschlossen war, andere hingegen vor der Menge der Juden insgeheim sich ängstigten, stellte er sich so auf, dass man ihn überall hören konnte, und sprach: „Römer! Gleich zu Beginn meiner Ansprache halte ich es für erspriesslich, euch an eure Abstammung zu erinnern, damit ihr wisst, was für Leute ihr selbst seid im Vergleich zu denen, gegen die wir zu kämpfen im Begriff stehen. Unserm starken Arm ist bis jetzt noch kein Volk der Erde entronnen; die Juden aber, ich muss das zu ihren Gunsten sagen, sind, obwohl stets besiegt, noch immer nicht matt geworden. Es stände uns daher übel an, wollten wir in unserm Glück erlahmen, während unsere Gegner trotz ihrer Unfälle sich aufrecht halten. Nun bemerke ich zwar mit Vergnügen, dass ihr, soweit ersichtlich, gutes Mutes seid; gleichwohl kann ich mich der Besorgnis nicht entschlagen, die Überzahl der Feinde möchte doch den einen oder anderen mit geheimem Zagen erfüllen. Darum bedenke jeder von euch nochmals, wer er selbst ist und mit wem er sich messen wird, sowie auch dass die Juden, tollkühne Menschen zwar und Verächter des Todes, dabei aber ohne Kenntnis von Taktik und Kriegführung, eher eine Bande als ein Heer genannt werden können. Was brauche ich demgegenüber von unserer Kriegserfahrung und Kriegszucht noch zu reden? Üben wir doch allein deshalb während des Friedens den Gebrauch der Waffen, damit wir im Kriege nicht nötig haben, uns dem Feinde gegenüber zu zählen! Zu was diente denn auch der beständige Heeresdienst, wenn wir nur in gleicher Anzahl uns mit ungeübten Gegnern einlassen könnten? Bedenkt ferner, dass ihr in voller Rüstung gegen Leichtbewaffnete, zu Pferde gegen Fussgänger, unter einem Anführer gegen schlecht geleitete Haufen kämpfen sollt, und dass diese Vorzüge eure Zahl bedeutend vervielfachen, während die erwähnten Nachteile die der Feinde um vieles vermindern. Übrigens hängt die Entscheidung der Schlachten durchaus nicht von der Menschenmenge ab, selbst wenn diese aus lauter kampftüchtigen Soldaten bestände, sondern von der Tapferkeit, seien es auch kleinere Scharen, denen sie innewoh'nt. Die letzteren nämlich lassen sich leicht zur Schlacht ordnen und können sich gegenseitig Hilfe bringen, während übergrosse Heere sich selbst mehr Schaden zufügen, als sie von seiten des Feindes erleiden. Was die Juden leitet, ist die der Verzweiflung eigene Tollkühnheit, die zwar standhält, so lange sich Erfolge zeigen, bei den kleinsten Unfällen jedoch alsbald erlischt; unsere Führer dagegen sind Tapferkeit, Mannszucht und jener edle Sinn, der im Glück seine Kraft entfaltet, aber auch bei Schicksalsschlägen ausharrt bis ans Ende. Dann aber kämpft ihr doch jedenfalls um höhere Güter als die Juden, die des Krieges Ungemach für Freiheit und Vaterland auf sich nehmen, während wir nichts grösseres kennen wie den Ruhm und das Streben, der Meinung entgegenzutreten, als seien uns in den Juden ebenbürtige Gegner erstanden, nachdem wir den Erdkreis uns unterthan gemacht. Halten wir uns ausserdem vor Augen, dass wir eine Niederlage ja schon deswegen nicht zu fürchten brauchen, weil eine ansehnliche Truppe uns zu Hilfe kommen wird, und das bereits recht bald. Aber auch allein können wir den Sieg an uns reissen, und gut würde es uns anstehen, wenn wir dies schon vor dem Eintreffen der von meinem Vater gesandten Verstärkungen thäten, damit unser Ruhm dadurch grösser würde, dass wir ihn nicht mit anderen zu teilen hätten. Diese Stunde wird, glaube ich, die Entscheidung bringen über meinen Vater, über mich und über euch: sie wird beweisen, ob er seiner früheren Heldenthaten würdig ist, ob ich sein Sohn bin, ob ihr meine Soldaten seid. Denn wie er zu siegen gewöhnt ist, so würde ich es nicht über mich bringen, besiegt ihm unter die Augen zu treten. Und ihr, solltet ihr euch nicht schämen, überwunden zu werden, wenn euer Führer euch in die Gefahr vorangeht? Fürwahr, das werde ich thun, der erste werde ich sein, der auf die Feinde eindringt! Haltet euch also nicht schlechter wie ich, seid überzeugt, dass mein Angriff unter dem Beistand der Gottheit erfolgt, und glaubt, dass wir im Handgemenge mehr ausrichten werden als im Kampfe aus der Ferne.“
3. Nach dieser Ansprache des Titus ergriff wunderbare Kampf begier die Männer, und als kurz vor dem Gefecht Trajanus mit vierhundert Reitern zu ihnen stiess, murrten sie, wie wenn ihnen der Siegesruhm durch deren Teilnahme geschmälert würde. Übrigens sandte Vespasianus auch noch den Antonius Silo mit zweitausend Bogenschützen ab, um die Anhöhe gegenüber der Stadt zu besetzen und die auf der Mauer befindlichen Juden zu vertreiben. Diesem Befehl gemäss scheuchten sie auch wirklich diejenigen Feinde zurück, die von dort aus den Ihrigen Hilfe leisten wollten. Titus sprengte nun zuerst auf die Gegner ein, ihm nach unter Kriegsgeschrei die übrigen, die sich der feindlichen Front entlang über die Ebene ausdehnten und so den Anschein einer bedeutend zahlreicheren Truppe erweckten. Die Juden gerieten zwar über das Ungestüm und die gute Ordnung der Römer in Bestürzung, hielten aber immerhin eine Zeitlang dem Andrang derselben stand; schliesslich jedoch räumten sie vor den Lanzen der mächtig daherstürmenden Reiter das Feld. Haufenweise wurden sie nun von den Hufen der Rosse zertreten; die übrigen stoben auseinander und flohen, so schnell sie konnten, der Stadt zu. Viele von diesen machte Titus nieder, indem er von hinten auf sie einhieb, andere, die sich zu Knäueln zusammengeschart hatten, sprengte er auseinander, wieder andere überholte er und durchbohrte sie von vorn; nicht gering auch war die Zahl derer, die im Gedränge übereinander stürzten und ihm so in die Hände fielen. Allen aber suchte er die Flucht nach der Mauer abzuschneiden und sie in die Ebene zurückzutreiben, bis es den wuchtigen Massen der Juden endlich doch gelang, sich durchzuschlagen und in die Stadt einzudringen.
4. Drinnen brach sogleich ein heftiger Zwist unter ihnen aus. Die eingeborene Bevölkerung nämlich hatte um ihrer Habe und um der Stadt willen schon gleich anfangs sich für den Krieg nicht besonders begeistern können, und noch viel weniger war dies jetzt nach der Niederlage der Fall; die zahlreichen Fremdlinge aber wollten ihn mit Gewalt erzwingen. Leidenschaftlich gegeneinander erbittert, erhoben sie nun ein gewaltiges Geschrei und einen Lärm, als wären sie nahe daran, zu den Waffen zu greifen. Titus, der nicht weit von der Mauer entfernt stand, hatte kaum das Getöse vernommen, als er ausrief: „Nun ist es Zeit, Kameraden! Was zögern wir noch, da die Gottheit selbst uns die Juden in die Hand giebt? Greift zu, da ihr siegen könnt! Hört ihr nicht das Geschrei? Die unserm Schwert entronnen sind, hadern nun miteinander. Unser ist die Stadt, wenn wir eilen. Ausser der Eile aber brauchen wir Anstrengung und Kraftaufwand; denn nichts grosses gelingt ohne Wagnis. Zuvorkommen müssen wir nicht nur der Wiederaussöhnung unserer Feinde, die unter dem Druck der Not gar leicht zustande kommt, sondern auch einer Hilfeleistung von seiten der Unsrigen, damit wir, nachdem uns der Sieg über eine so grosse Menge Feinde geglückt ist, obendrein auch noch allein die Stadt einnehmen!“
5. Mit diesen Worten schwingt er sich aufs Pferd, sprengt nach dem See und dringt durch das Wasser hindurch zuerst in die Stadt ein, ihm nach die übrigen. Schrecken über seine Kühnheit befiel die Juden auf der Mauer, sodass niemand zu kämpfen oder sonstigen Widerstand zu leisten wagte. Jesus und sein Anhang verliessen ihre Posten und flohen ins offene Feld, andere, die zum See hinabliefen, fielen unter dem Schwerte der ihnen entgegenkommenden Feinde. Viele wurden niedergemacht, als sie eben die Kähne besteigen wollten, andere, während sie versuchten, den schon Abgefahrenen nachzuschwimmen. Ein gewaltiges Blutbad entstand nun in der Stadt, da ausser den Fremdlingen, die sich, soweit sie nicht geflohen waren, zur Wehr setzten, auch die Eingeborenen getötet wurden, letztere ohne alle Gegenwehr, weil sie in der Hoffnung auf Gnade und in dem Bewusstsein, den Krieg nicht gewollt zu haben, sich des Kampfes enthielten. Endlich, nachdem er die Schuldigen niedergehauen, erbarmte sich Titus der Einwohner und liess das Morden einstellen. Die auf den See geflüchteten Juden aber hatten nicht sobald die Einnahme der Stadt bemerkt, als sie möglichst weit aus dem Bereich der Feinde zu kommen trachteten.
6. Sogleich sandte nun Titus einen Beiter ab, um seinem Vater die frohe Kunde von der Kriegsthat bringen zu lassen. Vespasianus war natürlich hocherfreut über die Tapferkeit seines Sohnes und über den gelungenen Schlag; denn der grösste Teil des Krieges schien damit beendet zu sein. Sogleich erschien er vor Taricheae, liess die Stadt umzingeln und bewachen damit niemand daraus entschlüpfen könne, und gab Befehl, jeden niederzuhauen, der dies versuchen sollte. Tags darauf begab er sich ans Seegestade und liess zur Verfolgung der entflohenen Juden Flösse bauen, die denn auch bei dem Überfluss an Holz und der Menge der Werkleute bald fertig gestellt waren.
7. Der See Gennesar, der seinen Namen von der angrenzenden Landschaft hat, ist vierzig Stadien breit und hundertvierzig lang. Gleichwohl ist sein Wasser süss und zum Trinken sehr geeignet; denn es ist dünnflüssiger als das dicke Wasser von Sumpfseen, überall klar, weil der See von sandigen Ufern begrenzt ist, und so temperiert, dass es sich gut schöpfen lässt. Es ist milder als Fluss- oder Quellwasser, bleibt aber dabei doch immer kühler, als man nach der Ausdehnung des Sees erwarten sollte. Wird das Wasser der freien Luft ausgesetzt, so giebt es dem Schnee an Kälte fast nichts nach; zur Sommerszeit pflegen deshalb die Einwohner dies bei Nacht zu thun. Es giebt im See auch allerlei Arten von Fischen, die an Geschmack und Gestalt von denen anderer Gewässer verschieden sind. In der Mitte wird er vom Jordan durchschnitten. Die mutmassliche Quelle des Jordan ist das Panium; doch wird sie selbst durch unterirdischen Zufluss aus der sogenannten Phiala gespeist. Letztere liegt an der Strasse nach Trachonitis, hundertzwanzig Stadien von Caesarea entfernt, nicht weit rechts vom Wege. Wegen seiner runden Form wird dieses Wasserbecken mit Recht Phiala genannt, denn es hat einen kreisförmigen Rand. Stets reicht das Wasser bis an diesen Rand heran, ohne sich zu senken oder überzufliessen. Der Tetrarch Philippus von Trachonitis wies zuerst nach, dass hier die Quelle des Jordan sein müsse, die vor ihm unbekannt war. Er liess nämlich Spreu in die Phiala werfen, die im Panium, wo man früher den Ursprung des Flusses vermutete, wieder zum Vorschein kam. Die natürliche Schönheit des Panium ward übrigens noch erhöht durch die Prachtliebe des Königs Agrippa, der die Örtlichkeit mit Hilfe seiner Reichtümer ausschmückte. An der hier befindlichen Höhle beginnt der sichtbare Lauf des Jordan; er durchschneidet sodann die Sümpfe und Moräste des Sees Semechonitis, legt hierauf wieder huudertzwanzig Stadien zurück und durchströmt an der Stadt Julias vorbei den See Gennesar in der Mitte, um endlich nach einem langen Weg durch die Wüste in den Asphaltsee einzumünden.
8. Den Gennesar entlang erstreckt sich eine gleichnamige Landschaft von wunderbarer natürlicher Schönheit. Infolge der Fettigkeit des Bodens versagt sie keinerlei Gewächs, und es haben sie denn auch die Bewohner mit allen möglichen Arten davon bepflanzt, zumal das ausgezeichnete Klima ebenfalls zum Aufkommen der verschiedensten Gewächssorten beiträgt. Nussbäume, welche am meisten der Kühle bedürfen, wachsen dort in grosser Menge ebenso wie Palmen, die nur in der Hitze gedeihen; nahe bei ihnen stehen wieder Feigen-und Ölbäume, denen eine gemässigte Temperatur mehr zusagt. Was sich hier vollzieht, könnte man ebensowohl einen Wettstreit der Natur nennen, die das einander Widerstrebende auf einen Punkt zu vereinen trachtet, als einen edlen Kampf der Jahreszeiten, deren jede diese Landschaft in Besitz zu nehmen sucht. Denn der Bbden bringt die verschiedensten, anscheinend einander fremden Obstsorten nicht bloss einmal im Jahre, sondern lange Zeit hindurch fortwährend hervor. So liefert er die königlichen Früchte, Weintrauben und Feigen, zehn Monate lang ohne jede Unterbrechung, während die übrigen Früchte das ganze Jahr hindurch mit jenen der Reihe nach reif werden. Zu dem milden Klima gesellt sich dann noch die Bewässerung durch eine sehr kräftige Quelle, die von den Eingeborenen des Landes Kapharnaum genannt wird. Einige haben diese Quelle schon für eine Ader des Nil gehalten, da in ihr Rabenfische wie im See bei Alexandria sich finden. Die Landschaft dehnt sich am Ufer des gleichnamigen Sees in der Länge von dreissig und der Breite von zwanzig Stadien aus. So verhält es sich mit der natürlichen Beschaffenheit jener Gegend.
9. Als die Flösse fertig waren, bemannte Vespasianus sie mit so viel Truppen, als er zur Vernichtung der auf den See geflohenen Gegner für nötig hielt, und stiess vom Ufer ab. Nun aber vermochten die dort zusammenunter dem Spiegel des Mittelmeeres liegt (v. Raumer, Palästina, 4. Aufl., S. 56). 5. 73). getriebenen Juden weder ans Land zu entkommen, da dieses überall von Feinden besetzt war, noch waren sie einem Kampfe zu Wasser gewachsen; denn die kleinen, nach Piratenart leichtgebauten Kähne erwiesen sich im Vergleich zu den Flössen als viel zu schwach, und die wenig zahlreiche Bemannung fürchtete sich, an die in dichten Reihen angreifenden Römer heranzufahren. Gleichwohl umschwärmten sie die Flösse und kamen ihnen auch hier und da näher, wobei sie aus grösserer Entfernung Steine gegen die Römer schleuderten oder aus der Nähe sie durch Plänkelangriffe reizten. Beides aber schlug mehr zu ihrem eigenen Schaden aus: denn mit ihren Steinwürfen erreichten sie nichts weiter, als dass sie* weil sie gut Bepanzerte trafen, ein beständiges Geklirr hervorbrachten und dafür in den Bereich der feindlichen Geschosse kamen; wagten sie dagegen näher heranzufahren, so unterlagen sie, noch ehe sie selbst etwas ausrichten konnten, und versanken alsbald mit ihren Kähnen in die Tiefe. Viele, die sich durchzu* schlagen versuchten, durchbohrten die Römer mit ihren Speeren, andere machten sie, nachdem sie auf die Nachen gesprungen waren, mit dem Schwerte nieder, wieder andere umzingelten sie mit den Flössen und nahmen sie mitsamt ihren Fahrzeugen gefangen. Tauchte einer der Versunkenen wieder auf, so ereilte ihn alsbald ein Pfeil, oder es kam ihm ein Floss über den Hals, und wollte jemand in der Verzweiflung ein feindliches Fahrzeug zu ersteigen versuchen, so hieben ihm die Römer den Kopf oder die Hände ab. Ringsum wütete so ein schreckliches und vielgestaltiges Morden, bis endlich der Rest der Juden sich zur Flucht wandte und, auf den Fahrzeugen umzingelt, ans Land gedrängt wurde. Auch hierbei kamen viele um, indem sie entweder noch draussen auf dem See durchbohrt wurden oder gleich nach der Landung unter dem Schwerte der Römer fielen. Mit Blut gefärbt und voll von Leichen war der ganze See, da nicht ein einziger Mann sein Leben gerettet hatte. Während der nächstfolgenden Tage aber erfüllte die ganze Gegend ein schrecklicher Gestank, und grässlich war der Anblick, den sie darbot; denn die Ufer waren mit Schiffstrümmern bedeckt und mit aufgeschwollenen Leichen, die in der Sonnenhitze verwesten und die Luft verpesteten, was den Juden nicht minder schmerzlich, als den Siegern widerlich war. So endete dieses Seegefecht Einschliesslich derer, die zuvor in der Stadt gefallen waren, hatten bei. den Kämpfen sechstausendfünfhundert Menschen ihr Leben eingebüsst
10. Nach der Schlacht setzte sich Vespasianus in Taricheae zu Gericht um die fremden Zuzügler, die allem Anschein nach an den Feindseligkeiten schuld waren, von den Eingeborenen zu scheiden und sich mit seinen Offizieren zu beraten, ob man auch diese Aufwiegler am Leben lassen solle. Alle erklärten ihre Freilassung für gefährlich; denn als Leute ohne Heimat würden sie sicherlich nicht ruhig bleiben, sondern imstande sein, auch diejenigen zum Kriege zu nötigen, die ihnen weiterhin noch Aufnahme gewährten. Vespasianus sah ebenfalls ein, dass sie der Schonung nicht wert seien und ihre Freiheit nur zum Schaden derer missbrauchen würden, die sie ihnen verschafften; er besann sich daher nur noch über die Art und Weise, wie er sich ihrer entledigen solle. Tötete er sie auf der Stelle, so hatte er einen neuen Aufstand der Eingeborenen zu befürchten, die zweifellos die Niedermetzelung so vieler um Gnade flehender Menschen nicht gutwillig geschehen lassen würden, und auch abgesehen davon konnte er es nicht über sich bringen, gewaltsam gegen Leute vorzugehen, die sich ihm auf Treu und Glauben ergeben hatten. Seine Freunde indes gewannen die Oberhand, indem sie geltend machten, den Juden gegenüber sei alles erlaubt, und man müsse das Nützliche dem Anständigen vorziehen, wenn sich nicht beides miteinander verbinden lasse. Demgemäss bewilligte er ihnen in zweideutigen Worten Schonung, erlaubte ihnen aber nur auf der Strasse nach Tiberias abzuziehen. Sie glaubten gern, was sie wünschten, und zogen, offen ihre Habseligkeiten tragend, auf dem ihnen bezeichneten Wege von dannen. Die Römer aber besetzten inzwischen die ganze Strasse nach Tiberias, damit niemand einen Nebenweg einschlage, und schlossen sie in die Stadt ein. Bald erschien Vespasianus, liess alle in der Rennbahn Zusammenkommen und befahl sodann, die Greise und Schwachen, zwölf hundert an der Zahl, niederzumachen. Von den jüngeren Leuten las er die sechstausend kräftigsten aus, um sie dem Nero an den Isthmus zu schicken; die übrige Menge aber, gegen dreissigtausend vierhundert Köpfe, verkaufte er mit Ausnahme derer, die er dem Agrippa schenkte. Er überliess es nämlich dem letzteren, mit denen, die aus seinem Reiche waren, nach Belieben zu verfahren, worauf der König auch diese verkaufte. Der übrige Haufe aus Trachonitis, Gaulanitis sowie den Bezirken von Hippos und Gadara bestand zum grössten Teil aus Aufrührern, Flüchtlingen und solchen Menschen, die infolge ihrer im Frieden begangenen Schandthaten sich dem Kriege zugewandt hatten; sie wurden am achten des Monats Gorpiaios gefangen genommen.
Deutsche Fassung: Übersetzung von Heinrich Clementz (1859–1946), Halle a. d. S., Otto Hendel, 1900 – gemeinfrei (Übersetzer vor über 70 Jahren gestorben). Text aus dem Digitalisat des Internet Archive (Texterkennung, automatisch bereinigt; gelegentliche Erkennungsfehler und die alte Rechtschreibung bleiben; ohne die Anmerkungen des Übersetzers und das Namenregister). Englische Fassung: William Whiston (1737) aus dem Project Gutenberg. · Titelbild schlicht selbst gestaltet