Josephus – Der Jüdische Krieg

Buch 2 – Vom Tod des Herodes bis zur Entsendung Vespasians durch Nero zur Unterwerfung der Juden

Kapitel 1 – Des Archelaus Regierungsantritt. Aufruhr in Jerusalem und dessen Niederwerfung

1. Anlass zu neuen Unruhen gab die Reise nach Rom, welche Archelaus unternehmen musste. Nachdem er seinen Vater sieben Tage lang betrauert und dem Volke einen kostspieligen Leichenschmaus gegeben hatte — eine Sitte, infolge deren viele Juden verarmen, denn man ist fast genötigt, die Leidtragenden zu bewirten, weil die Unterlassung als Mangel an Pietät gedeutet wird —, legte er ein weisses Gewand an und begab sich in den Tempel, wo das Volk ihn mit vielfältigen Segenswünschen empfing. Er selbst begrüsste dann das Volk von einem goldenen Throne aus, der auf hoher Tribüne errichtet war, und dankte für die eifrige Teilnahme am Begräbnis seines Vaters sowie für die Huldigung, die man ihm dargebracht, als wenn er schon wirklicher König wäre. Er verzichte aber, fuhr er fort, für jetzt nicht nur auf die Ausübung der Herrschergewalt, sondern auch auf die Titel, bis ihn in der Thronfolge der Caesar bestätigt habe, dem der Bestimmung des Testamentes zufolge über alles die endgiltige Entscheidung zustehe. Er habe demgemäss auch in Jericho das Diadem, das die Soldaten ihm hätten aufsetzen wollen, nicht angenommen. Für die Beweise von Treue und Ergebenheit werde er übrigens dem Heere wie dem Volke seinen vollen Dank erstatten, sobald er höheren Orts als wirklicher König anerkannt sei. Er werde dann nämlich eifrigst darauf bedacht sein, sich in allen Stücken gegen seine Unterthanen milder zu zeigen als sein Vater.

2. Voll Freude über diese Zusage stellte das Volk alsbald seine Gesinnung durch hohe Forderungen auf die Probe. Die einen nämlich riefen nach Erleichterung der Abgaben, andere nach Aufhebung der Zölle, wieder andere nach Freilassung der Gefangenen. Um sich beim Volke beliebt zu machen, sagte Archelaus alles zu; hierauf opferte er und hielt mit seinem Gefolge ein Freudenmahl. Gegen Abend aber sammelte sich eine nicht unbeträchtliche Schar Unzufriedener, die, nachdem die öffentliche Trauer um den König zu Ende war, nunmehr ihrer eigenen Ausdruck geben zu müssen glaubten, indem sie diejenigen beklagten, welche Herodes wegen der Zerstörung des am Tempelthor angebrachten goldenen Adlers hatte hinrichten lassen. Das war keine erheuchelte Trauer, die nun die Stadt erfüllte, sondern markerschütterndes Schluchzen und tiefempfundene Wehklage um die Männer, welche, wie man sich ausdrückte, für das Gesetz der Väter und den heiligen Tempel ihr Leben gelassen hätten. Ihren Tod müsse man, so schrie die Menge, an denen rächen, die Herodes zu Amt und Würden erhoben habe. Vor allem aber habe der von ihm eingesetzte Hohepriester abzudanken und einem frömmeren und reineren Platz zu machen.

3. So sehr Archelaus hierüber in Wallung geriet, enthielt er sich doch mit Rücksicht auf die Dringlichkeit seiner Reise vorläufig noch des strafenden Einschreitens. Er fürchtete nämlich, die Bewegung möchte, wenn er sich mit dem Volke verfeinde, so anwachsen, dass seine Reise dadurch gänzlich vereitelt würde. Deshalb suchte er die Unzufriedenen mehr mit guten Worten als durch Anwendung von Gewalt zur Ruhe zu bringen und sandte einen höheren Offizier ab, um sie zu friedlichem Verhalten ermahnen zu lassen. Als dieser aber den Tempel betrat, jagten ihn die Empörer, ehe er noch zu Wort gekommen war, mit Steinwürfen wieder weg, und ‘auch die anderen Abgesandten des Archelaus, die nach ihm erschienen, um sie zur Besinnung zu bringen, wiesen sie unter leidenschaftlichen Drohungen ab. Es war klar, wenn sie Verstärkung erhielten, so waren sie gar nicht mehr zu bändigen, und gerade jetzt strömte eine Menge von Landleuten zu religiösen Feierlichkeiten in der Stadt zusammen, da das Fest der ungesäuerten Brote bevorstand, welches die Juden Pascha nennen und durch Darbringung unzähliger Opfer verherrlichen. Diejenigen nun, welche die Gesetzeslehrer betrauerten, hielten sich im Tempel beieinander und schürten von hier aus die Flamme des Aufruhrs. Darüber geriet Archelaus in Angst, und um die Ausbreitung des Empörungsfiebers auf das ganze Volk zu verhindern, sandte er in aller Stille einen Tribun an der Spitze einer Kohorte ab mit dem Auftrag, sich der Rädelsführer gewaltsam zu bemächtigen. Die gesamte Volksmenge aber stürzte sich den Soldaten entgegen und warf den grössten Teil von ihnen mit Steinen zu Tode. Der Tribun selbst ward verwundet und entkam nur mit genauer Not. Hierauf wandten sich die Empörer, als wenn nichts Schlimmes vorgefallen wäre, dem Opferdienst zu. Archelaus aber sah ein, dass das Volk ohne Blutvergiessen nicht länger mehr im Zaum zu halten sei. Er liess daher die gesamte Streitmacht gegen dasselbe ausrücken, und zwar die Fusstruppen in geschlossenem Zuge durch die Stadt, die Reiterei aber auf das Feld. Auf diese Weise wurden gegen dreitausend Menschen bei der Darbringung der Opfer niedergemacht, während der übrige Teil des Volkes sich in das nahe Gebirge zerstreute. Dorthin folgten ihnen von Archelaus gesandte Herolde, welche den Befehl verkündeten, es solle ein jeder in seine Heimat zurückkehren, worauf sie denn alle das Fest verliessen und sich davonmachten.

Kapitel 2 – Archelaus reist nach Rom, wo er von seinen Verwandten beim Caesar vergeblich angeklagt wird

1. Er selbst begab sich nun, indem er den Philippus als Reichsverweser und Hüter seines Hauses zurückliess, in Begleitung seiner Mutter sowie seiner Freunde Poplas, Ptolemaeus und Nikolaus an die Meeresküste. Zugleich mit ihm reisten Salome und deren Kinder ab, ferner auch noch andere Blutsverwandten und die Schwiegersöhne des Königs, dem Scheine nach, um die Ansprüche des Archelaus auf den Thron zu unterstützen, in Wirklichkeit aber, um ihn wegen des gesetzwidrigen Verfahrens im Tempel zu verklagen.

2. In Caesarea kam ihnen Sabinus, der Finanzverwalter Syriens, entgegen, der im Begriff war, sich nach Judaea zu begeben, um die von Herodes hinterlassenen Schätze in Verwahr zu nehmen. Archelaus aber sandte den Ptolemaeus zu Varus und liess ihn aufs angelegentlichste bitten, Sabinus von der Weiterreise abzuhalten. Aus Rücksicht auf Varus unterliess Sabinus es auch wirklich, nach den festen Plätzen zu eilen und dem Archelaus die Schatzkammern seines Vaters zu verschliessen, versprach vielmehr, bis zur Entscheidung des Caesars sich gedulden zu wollen, und verblieb in Caesarea. Sobald aber der eine von denen, die ihn aufhielten, nach Antiochia abgereist war, der andere, Archelaus, sich nach Rom eingeschifft hatte, brach er unverzüglich nach Jerusalem auf, bemächtigte sich des Königspalastes und berief die Kommandanten und Schatzmeister der Festungen zu sich, um die Höhe der Kassenbestände zu erforschen und die Plätze in seine Gewalt zu bekommen. Die Kommandanten jedoch hielten sich streng an die Befehle des Archelaus und verblieben sämtlich auf ihrem Posten unter Hinweis darauf, dass sie hierfür mehr dem Caesar als dem Archelaus verantwortlich seien.

3. Zur selben Zeit begab sich auch Antipas auf den Weg, um seine Ansprüche auf die Thronfolge geltend zu machen in der Meinung, das frühere Testament, in welchem er als König aufgeführt war, habe grössere Kraft als die spätere Abänderung desselben. Übrigens hatten Salome und viele seiner übrigen Verwandten, die mit Archelaus die Seereise machten, ihm schon vorher ihre Unterstützung zugesagt. In seiner Begleitung befand sich ausser seiner Mutter auch der Bruder des Nikolaus, Ptolemaeus, dessen Einfluss, wie er glaubte, besonders massgebend sein würde, weil er in so hohem Grade das Vertrauen des Her ödes genossen hatte, dessen liebster Freund er gewesen war. Seine grösste Hoffnung jedoch setzte er auf die Gewandtheit des Rhetors Irenaeus; im Vertrauen auf diesen Mann hatte er auch alle Vorstellungen derer zurückgewiesen, die ihm rieten, dem Archelaus als dem älteren und im Testament als Thronfolger bezeichneten Mitbewerber den Vorrang zu lassen. Nach der Ankunft in Rom traten vollends alle Verwandten auf seine Seite; denn Archelaus war ihnen verhasst. Am erwünschtesten zwar wäre jedem von ihnen eine selbständige Regierung unter der Oberhoheit eines römischen Statthalters gewesen; für den Fall aber, dass dies unmöglich sein sollte, war ihnen Antipas als König immer noch am willkommensten.

4. Auch Sabinus war ihnen zur Erreichung ihrer Absichten mit Briefen behilflich, in welchen er Archelaus beim Caesar verklagte und Antipas ins beste Licht zu rücken suchte. Nachdem sodann Salome und ihr Anhang die einzelnen Beschuldigungen schriftlich aufgesetzt hatten, legten sie dieselben dem Caesar vor. Aber auch Archelaus liess die Begründung seiner Ansprüche niederschreiben und die Denkschrift samt dem Siegelring seines Vaters durch Ptolemaeus überreichen. Der Caesar erwog nun zunächst die von beiden Parteien vorgebrachten Gründe, die Grösse des Königreiches, die Höhe der Erträge desselben und die bedeutende Kopfzahl der zur Familie des Herodes gehörigen Personen, las alsdann auch die Briefe, die Varus und Sabinus über die Angelegenheit geschrieben hatten, und berief schliesslich eine Versammlung der vornehmsten Römer, in welcher auch der von ihm an Kindesstatt angenommene Sohn des Agrippa und der Julia, Gajus, zum' erstenmal Sitz und Stimme erhielt. Sogleich ward nun den streitenden Parteien das Wort verstauet..

5. Zunächst erhob sich Salomes Sohn Antipater, der redegewandteste unter den Gegnern des Archelaus, und brachte seine Anklage vor, indem er sagte, mit Worten bewerbe sich Archelaus wohl um den Thron, in Wirklichkeit aber sei er schon lange König und belästige jetzt das Ohr des Caesars mit eitlen Spiegelfechtereien. Ohne die Entscheidung des Caesars abzuwarten, habe er nach dem Tode des Herodes insgeheim einige Leute angestiftet, ihm das Diadem aufzusetzen, habe sich auf dem Throne niedergelassen, sich als König geberdet, die Heereseinrichtung geändert, Beförderungen vorgenommen, dem Volke alles zugesagt, was es von ihm als seinem König begehrte, und die wegen der schwersten Verbrechen von seinem Vater Ein gekerkerten freigelassen. Jetzt komme er nun daher, um sich von seinem Oberherrn den Schatten des Königtums zu erbitten, das er dem Wesen nach bereits an sich gerissen habe, und mache so den Caesar zum Schiedsrichter nicht über Sachen, sondern über blosse Namen. Ausserdem warf er ihm vor, seine Trauer um den Vater sei gleichfalls nur Heuchelei gewesen. Bei Tage habe er eine betrübte Miene zur Schau getragen, bei Nacht aber sich berauscht und übermütige Streiche begangen. Dem Unwillen über dieses Benehmen sei es auch allein zuzuschreiben, dass das Volk sich empört habe. Als Hauptargument seiner ganzen Rede führte er sodann den Umstand an, dass eine so grosse Menge Menschen im Bereich des Tempels niedergemacht worden sei. Zur Festfeier seien sie gekommen und neben ihren eigenen Opfertieren grausam hin geschlachtet worden, und im Tempel seien mehr Leichen aufgehäuft gewesen, als wenn ein plötzlicher Überfall seitens auswärtiger Feinde stattgefunden hätte. Diese seine Grausamkeit habe auch sein Vater vorausgesehen und ihm deshalb eigentlich jede Aussicht auf die Thronfolge benehmen wollen; erst zu der Zeit, da Herodes mehr geistig wie körperlich gelitten habe und vernünftiger Überlegung nicht mehr fähig gewesen sei, habe er, ohne sich dessen bewusst zu sein, ihn in einem Testamentszusatz als Thronfolger bezeichnet, obwohl der im früheren Testament bestimmte Nachfolger, den er bei gesundem Leibe und völlig klarem Verstand eingesetzt, ihm nicht den geringsten Anlass zur Klage gegeben habe. Aber selbst wenn man dem Urteil eines todkranken Menschen grössere Kraft beimessen wolle, müsse man doch jedenfalls gelten lassen, dass Archelaus durch sein allen Gesetzen Hohn sprechendes Verfahren die Herrschaft über das Königreich verwirkt habe. Denn es sei leicht einzusehen, wie nach seiner Bestätigung durch den Caesar ein Mann sich aufführen werde, der bereits vor Erlangung derselben so viele Menschen habe hinwürgen lassen.

6. Nachdem Antipater noch viele derartige Gründe vorgebracht und bei jedem Anklagepunkt die meisten seiner Verwandten als Zeugen aufgerufen hatte, schloss er seine Rede, und es erhob sich nun für Archelaus dessen Sachwalter Nikolaus, der die Notwendigkeit des Blutbades im Tempel zu verteidigen suchte, indem er ausführte, die Getöteten seien nicht bloss Feinde des Königreiches, sondern auch des Caesars, des jetzigen Go #le Schiedsrichters; gewesen. Bezüglich der übrigen Klagepunkte wies er sodann nach, dass gerade die Kläger es gewesen seien, die dem Archelaus die betreffenden Ratschläge erteilt hätten. Den Testamentszusatz aber glaubte er besonders aus dem Grunde für giltig halten zu müssen, weil darin der Caesar als derjenige bezeichnet sei, der den Thronfolger zu bestätigen habe. Denn wer so vernünftig gewesen sei, schloss Nikolaus, sich seiner Gewalt zu gunsten des Weltherrschers zu begeben, der habe gewiss auch in betreff des Thronfolgers kein falsches Urteil gehabt und, indem er den Erben des Reiches erwählte, jedenfalls bei vollem Verstand gehandelt, da er wohl gewusst habe, von wem derselbe in dieser Würde bestätigt werden müsse.

7. Als nun auch Nikolaus mit seiner Rede zu Ende war, trat Archelaus in aller Ruhe vor den Caesar hin und warf sich ihm zu Füssen. Huldvollst hiess dieser ihn aufstehen und erklärte ihn für würdig, seines Vaters Nachfolger zu werden. Doch traf er noch keine bestimmte Entscheidung, sondern entliess die für diesen Tag einberufene Ratsversammlung und dachte mit Rücksicht auf das Gehörte darüber nach, ob er einen der im Testament Bezeichneten zum Thronfolger ernennen oder das Reich unter die sämtlichen Mitglieder der Familie verteilen solle; denn bei der grossen Anzahl der letzteren schien ihm eine derartige Versorgung derselben geboten zu sein.

Kapitel 3 – Aufstand der Juden gegen Sabinus

1. Bevor der Caesar in dieser Angelegenheit einen bestimmten Entschluss gefasst hatte, erkrankte und starb des Archelaus Mutter Malthake, und zugleich langte aus Syrien ein Schreiben des Varus an, welches einen JN [VERS ITT OF ( fÄWMI. Aufstand der Juden meldete. Varus nämlich war, weil er eine Empörung vorausgesehen hatte, nach der Abreise des Archelaus in Jerusalem eingerückt, um etwaige Unruhen, die jeden Augenblick ausbrechen konnten, zu unterdrücken, hatte eine der drei aus Syrien mit-* genommenen Legionen in der Stadt gelassen und war dann selbst nach Antiochia zurückgekehrt. Anlass zu offenem Aufruhr aber gab die Ankunft des Sabinus, der von den Besatzungstruppen der Festungen deren Übergabe erzwang und mit grosser Strenge nach den Schätzen des Königs forschte. Hierbei stützte er sich nicht nur auf die von Varus zurückgelassenen Soldaten, sondern auch auf die grosse Menge seiner eigenen Sklaven, die er sämtlich mit Waffen versehen hatte und nun als Werkzeuge seiner Habgier missbrauchte. Um diese Zeit fiel gerade das jüdische Fest Pentekoste ein, welches sieben Wochen nach dem Paschafeste gefeiert wird und seinen Namen von der Anzahl der zwischen den beiden Festen liegenden Tage hat. Doch war es nicht sowohl gewohnte Gottes Verehrung, die das Volk zu diesem Feste hinzog, als vielmehr hochgradige Erbitterung. Fast zahllos war die Menschenmenge, die aus Galilaea, Idumaea, Jericho und aus Peraea jenseits des Jordan in Jerusalem zusammenströmte; alle anderen aber übertraf an Zahl und Entschlossenheit das Volk aus dem eigentlichen Judaea. Sie teilten sich alsdann in drei Haufen und schlugen an drei Stellen ein Lager auf, eines nördlich vom Tempel, ein anderes im Süden bei der Rennbahn, und das dritte westlich in der Nähe des Königspalastes. So umzingelten sie die Römer von allen Seiten und begannen sie regelrecht zu belagern.

2. Sabinus, den die grosse Menge der Feinde und deren Kampfesfreudigkeit in Schrecken versetzte, schickte einen Boten nach dem anderen mit der Bitte um schleunige Hilfe an Varus und liess ihm sagen, wenn er zögere, werde die Legion zusammengehauen werden. Er selbst bestieg den höchsten Turm der Festungswerke, den Phasaelsturm, so genannt nach dem von den Parthern getöteten Bruder des Herodes, und gab von da aus den Soldaten der Legion das Zeichen zum Angriff; denn in seiner Angst wagte er es nicht einmal, zu den Seinigen herabzukommen. Die Soldaten folgten seinem Befehl, drangen bis zum Tempel vor und lieferten den Juden ein heisses Treffen, in welchem sie mit ihrer Kriegserfahrung den ungeübten Gegnern so lange überlegen waren, als niemand von oben her ihnen zusetzte. Sowie aber die Juden in grosser Anzahl die Hallen erstiegen und ihre Geschosse auf die Köpfe der Römer richteten, fielen die letzteren massenhaft, weil sie dem gleichzeitigen Angriff von oben und aus der Nähe nicht standzuhalten vermochten. B. So von zwei Seiten bedrängt, steckten die Römer die Hallen, Werke von bewundernswerter Grösse und Pracht, in Brand, wobei viele der oben Stehenden sogleich von den Flammen ergriffen wurden und in ihnen umkamen, viele auch, indem sie heruntersprangen, dem Schwert der Feinde zum Opfer fielen, während andere teils auf der entgegengesetzten Seite von der Mauer sich hinabstürzten, teils in der Verzweiflung dem Feuer zuvorkamen und mit ihren eigenen Waffen sich umbrach ten. Diejenigen aber, welche von der Mauer herabgeklettert waren und auf die Römer zurannten, wurden in ihrer Bestürzung mit leichter Mühe überwältigt. Nachdem so der eine Teil der Empörer umgekommen war, der andere sich aus Furcht zerstreut hatte, fielen die Soldaten über den unbewachten TempelBchatz her und raubten etwa 400 Talente, und was nicht auf diese Weise gestohlen wurde, eignete Sabinus sich an.

4. Die Zerstörung der herrlichen Bauwerke und der Untergang so vieler Menschen aber erbitterte die Juden derart, dass sie bald mit zahlreicheren und kampfgeübteren Scharen den Römern entgegentraten, den Königspalast umzingelten und die gesamte Besatzung niederzumachen drohten, wenn dieselbe nicht schleunigst abrücke. Für den Fall, dass Sabinus diesem ihrem Verlangen gemäss mit seiner Legion abziehen wolle, versprachen sie ihm volle Sicherheit. Die meisten der königlichen Soldaten waren übrigens zu den Empörern übergegangen, während der streitbarste Teil derselben, dreitausend Sebastener, unter Führung von Rufus und Gratus sich auf die Seite der Römer schlugen. Gratus war Befehlshaber der königlichen Fusstruppen, Rufus Anführer der. Reiterei, und beide mussten, auch abgesehen von der ihnen untergebenen Streitmacht, um ihrer Entschlossenheit und Einsicht willen auf den Ausgang des Kampfes grossen Einfluss haben. Die Juden setzten nun die Belagerung eifrig fort und riefen bei ihren Angriffen auf die Mauern der Burg den Leuten des Sabinus zu, sie sollten doch abziehen und ihnen nicht im Wege stehen, wenn sie jetzt nach langer Zeit die Freiheit ihrer Väter wiederzugewinnen suchten. Sabinus wäre übrigens gern in aller Stille abgerückt, doch er traute den Versprechungen seiner Gegner nicht und argwöhnte, dass sie mit ihrer Milde ihm nur eine Falle stellen wollten. Zudem hoffte er auf baldige Hilfe von seiten des Varus und hielt demgemäss die Belagerung noch weiter aus.

Kapitel 4 – Meuterei ehemaliger Soldaten des Herodes. Von Judas, Simon und Athrongaeus

1. Um diese Zeit brachen auch an vielen anderen Orten im Lande Unruhen aus, und gar mancher hielt die Gelegenheit für günstig, sich die Königskrone aufzusetzen. So griffen in Idumaea zweitausend frühere Krieger des Herodes zu den Waffen und bekämpften die Königlichen. Achiab, der Vetter des Königs, führte den Krieg gegen sie von den stärksten Festungen aus, vermied aber jeden Zusammenstoss in der Ebene. Ferner brachte zu Sepphoris in Galilaea ein gewisser Judas, der Sohn jenes Räuberhauptmannes Ezekias, der einst das Land verheert hatte, aber von dem Könige Herodes gefangen genommen worden war, eine nicht unbedeutende Schar zusammen, erstürmte die königlichen Zeughäuser, bewaffnete seine Leute und griff diejenigen an, welche nach der Herrschaft strebten.

2. In Peraea setzte sich Simon, einer von den Dienern des verstorbenen Königs, im Vertrauen auf seine Schönheit und Körpergrösse das Diadem auf, streifte mit den Räubern, die er an sich gezogen hatte, umher, steckte den königlichen Palast zu Jericho sowie viele andere prachtvolle Landhäuser in Brand und machte während der Feuersbrünste mit leichter Mühe reiche Beute. Auf die Dauer würde er wohl sämtliche Prachtgebäude eingeäschert haben, wenn nicht Gratus, der Anführer der königlichen Fusssoldaten, mit den Bogenschützen von Trachon und den kampfgeübtesten Sebastenern ihm entgegengerückt wäre. In dem Treffen, das sich nun entspann, fiel freilich ein grosser Teil des Fussvolkes, doch wurde Simon selbst, als er durch eine enge Schlucht entfliehen wollte, von Gratus abgeschnitten und durch einen Seitenhieb ins Genick getötet. Von einer anderen Rotte Aufständischer aus Peraea wurde das Königsschloss zu Betharamathon in der Nähe des Jordan niedergebrannt.

3. Sogar ein Hirt mit Namen Athrongaeus wagte es in den unruhigen Zeiten, seine Hand nach der Krone % au8zustrecken. Was ihn in seiner Hoffnung bestärkte, war ausser seiner gewaltigen Körperkraft und seinem todverachtenden Mute besonders die Hilfe, die ihm seine gleichgearteten Brüder gewährten. Jedem von ihnen unterstellte er eine Botte von Bewaffneten und liess sie an deren Spitze zu kriegerischen Überfallen ausrücken, während er selbst wie ein König die wichtigeren Geschäfte erledigte. Dieser Mann also setzte sich damals das Diadem auf und verheerte in Gemeinschaft mit seinen Brüdern längere Zeit hindurch das Land. Vorzugsweise suchten sie Römer und Königliche umzubringen; aber auch wenn Juden ihnen in die Hände fielen, von denen etwas zu erpressen war, schonten sie dieselben nicht. Eines Tages wagten sie sogar bei Ammaus eme ganze römische Kohorte zu umzingeln, die der Legion Proviant und Waffen zuführte. Schon war der Centurio Arius samt vierzig der tapfersten Soldaten ihren Geschossen erlegen, und schon drohte dasselbe Schicksal den übrigen Römern, als Gratus mit den Sebastenern ihnen zu Hilfe eilte und sie rettete. Nachdem nun die Brüder während der ganzen Dauer des Kriegszustandes gegen Einheimische wie Fremde viele derartige Gewalttaten begangen hatten, gerieten endlich drei von ihnen in Gefangenschaft. Der älteste nämlich fiel dem Archelaus, die beiden nächsten dem Gratus und dem Ptolemaeus in die Hände. Der vierte dagegen ergab sich dem Archelaus auf Grund eines Vergleiches. Dieses Schicksal ereilte sie indes erst später; damals, wie gesagt, überzogen sie ganz Judaea mit ihrem Raubkriege.

Kapitel 5 – Varus stellt in Judaea die Ordnung wieder her

1. Kaum hatte Varus die Briefe des Sabinus und der anderen Befehlshaber erhalten, als er für die ganze uiNiivERsiffw California Legion zu fürchten begann und den Entschluss fasste, ihnen schleunigst Hilfe zu bringen. Zu diesem Zweck zog er mit den übrigen zwei Legionen und den zu ihnen gehörigen vier Reiterschwadronen nach Ptolemais, wohin er die Hilfstruppen der Könige und der anderen Fürsten beschieden hatte. Unterwegs nahm er beim Durchmarsch durch Berytus auch von dieser Stadt fünfzehnhundert Bewaffnete mit. Bei Ptolemais schloss sich dann ausser den Truppen der übrigen Verbündeten auch noch der Araber Aretas aus Hass gegen Herodes mit beträchtlichen Streitkräften zuFuss und zuPferde an ihn an, und nun entsandte er sogleich einen Teil des Heeres unter dem Kommando seines Freundes Gajus in die unweit Ptolemais gelegenen Grenzgegenden Galilaeas. Dieser schlug die ihm entgegenrückenden Scharen in die Flucht, eroberte die Stadt Sepphoris, steckte sie in Brand und verkaufte die Einwohner in die Sklaverei. Varus selbst marschierte mit dem ganzen übrigen Heer auf Samaria zu, ohne indes die Stadt anzugreifen; es ergab sich nämlich, dass sie an dem aufrührerischen Treiben der anderen Städte nicht teilgenommen hatte. Doch errichtete er sein Lager bei dem Dorfe Arus, das dem Ptolemaeus gehörte und aus diesem Grunde von den Arabern geplündert wurde, denen des Herodes Freunde nicht minder verhasst waren wie er selbst. Von hier rückte er weiter nach Sampho, einem anderen befestigten Dorfe, welches die Araber ebenfalls ausraubten, wie sie denn auch alle ihnen begegnenden Proviantkolonnen überfielen. Feuer und Schwert wüteten allerorts, und nichts vermochte der Raubgier der Araber zu entgehen. Auch Ammaus, dessen Einwohner sich geflüchtet hatten, ward auf Befehl des Varus zur Strafe für die Niedermetzelung des Arius und seiner Leute eingeäschert.

2. Als er nun von dort weitermarschiert und vor Jerusalem angelangt war, zerstreute schon der blosse Anblick seiner Streitmacht die in ihren Lagern befindlichen Juden, und eiligst flohen dieselben landeinwärts. Die Bewohner der Stadt aber öffneten ihm die Thore und suchten jede Schuld an dem Aufstand von sich abzuwälzen, indem sie angaben, sie selbst hätten keineswegs die Ruhe gestört, sondern, nachdem sie notgedrungen des Festes halber die Menschenmenge in die Stadt eingelassen, nicht sowohl mit den Aufständischen gemeinsame Sache gemacht, als vielmehr im Verein mit den Römern die Belagerung ausgehalten. Schon vorher waren Joseph, der Vetter des Archelaus, sowie Gratus und Rufus mit den königlichen Truppen und den Sebastenern, desgleichen die Soldaten der römischen Legion in gewohntem Waffenschmuck dem Varus entgegengezogen. Sabinus dagegen hatte nicht das Herz gehabt, ihm unter die Augen zu treten, und war deshalb bereits vor seiner Ankunft aus der Stadt hinaus zur Meeresküste geeilt. Varus schickte sodann einen Teil seines Heeres auf Streifzüge aus, um die Anstifter der Empörung dingfest zu machen, und es ward eine grosse Anzahl der letzteren eingebracht. Diejenigen nun, welche weniger unruhige Köpfe zu sein schienen, liess er einkerkern, die schuldigsten aber, gegen zweitausend Mann, ans Kreuz schlagen.

3. Hierauf erhielt er die Meldung, in Idumaea ständen noch zehntausend Bewaffnete. Da er indes die Erfahrung gemacht hatte, dass die Araber sich nicht wie Bundesgenossen benahmen, sondern ganz nach ihrem Belieben Krieg führten und aus Hass gegen Herodes mehr, als ihm selbst lieb war, das Land verheerten, entliess er sie und rückte mit seinen eigenen Legionen in Eilmärschen den Aufständischen entgegen. Diese jedoch ergaben sich auf Achiabs Rat den Römern, ohne es zum Handgemenge kommen zu lassen, worauf Varus der grossen Masse Verzeihung gewährte, ihre Anführer aber zur Aburteilung dem Caesar zuschickte. Augustus nun begnadigte die meisten von ihnen, und nur einige Verwandten des Königs Herodes, die sich an die Empörer angeschlossen hatten, liess er hinrichten, weil sie gegen den König, der ihrer Familie angehörte, ins Feld gezogen seien. Nachdem Varus auf diese Weise in Jerusalem die Ordnung wiederhergestellt hatte, bestimmte er, dass die bereits früher in der Stadt befindliche Legion dort zu verbleiben habe, und begab sich nach Antiochia zurück.

Kapitel 6 – Augustus höit die Klagen der Juden über Archelaus an und verteilt das Königreich des Herodes

1. Unterdessen hatte Archelaus in Rom noch einen anderen Streit mit denjenigen Juden auszutragen, die vor dem Aufstande mit Genehmigung des Varus dort sich eingefunden hatten, um staatliche Selbständigkeit für ihr Volk zu erwirken. Fünfzig Köpfe zählte die eigentliche Gesandtschaft, der sich von den zu Rom ansässigen Juden noch über achttausend anschlossen. Der Caesar berief nun eine Versammlung der vornehmsten Römer und seiner Freunde in den auf dem Palatinus stehenden Tempel des Apollo, ein von ihm selbst errichtetes, mit staunenswerter Pracht ausgestattetes Bauwerk. Hier stand die Menge der Juden mit den Gesandten auf der einen, Archelaus mit seinen Freunden auf der anderen Seite. Die Freunde seiner Verwandten jedoch hielten es mit keiner von beiden Parteien; denn einerseits gestattete ihnen Hass und Missgunst gegen Archelaus nicht, sich für diesen aufzuwerfen, und anderseits hielt sie die Scheu vor dem Caesar ab, sich den Anklägern beizugesellen. Ausserdem war auch noch Philippus, der Bruder des Archelaus, erschienen, den sein Gönner Varus in zweifacher Absicht hergesandt hatte, einmal nämlich, damit er die Sache des Archelaus verfechten helfe, und zum andern, damit er selbst nicht zu kurz komme, falls der Caesar das Reich des Herodes unter dessen sämtliche Nachkommen verteilen sollte.

2. Nachdem nun den Klägern das Wort verstattet war, schilderten sie zunächst die Unthaten des Herodes, an dem sie, wie sie sagten, keinen König, sondern den grausamsten Tyrannen gehabt hätten, der jemals zur Regierung gelangt sei. Eine Menge Menschen habe er ermordet, und das Los derer, die er am Leben gelassen, sei so traurig gewesen, dass sie die Umgekommenen noch glücklich gepriesen hätten. Denn er habe nicht nur die Leiber einzelner Unterthanen gefoltert, sondern selbst ganze Gemeinwesen seien von ihm misshandelt worden. Um ausländische Städte verschönern zu können, habe er seine eigenen beraubt, und fremden Völkerschaften habe er Geschenke gemacht, die mit dem Blute der Juden bezahlt worden seien. Infolgedessen sei an die Stelle des früheren Wohlstandes und der altehrwürdigen Gebräuche völlige Verarmung und Entsittlichung des Volkes getreten. Überhaupt hätten die Juden in wenigen Jahren durch Herodes mehr Drangsale ausgestanden, als ihren Vorfahren in dem langen Zeitraum seit dem Auszug aus Babylon und der Rückkehr unter Xerxes zugestossen seien. Durch allmähliche Gewöhnung an das Unglück sei dann das Volk so abgestumpft worden, dass es die harte Knechtschaft gewissermassen als Erbteil ruhig hingenommen habe. Denn wie wolle man es sonst erklären, dass es Archelaus, den Sohn des eingefleischten Tyrannen, nach dem Tode seines Vaters so willig als König begrüsst, mit ihm den Tod des Herodes betrauert und ihm zu der Thronfolge Glück gewünscht habe? Archelaus aber habe, um nur ja nicht den echten Sohn des Herodes zu verleugnen, seine Regierung mit der Ermordung von dreitausend Bürgern begonnen. Das seien die Opfer gewesen, durch die er eine glückliche Regierung von Gott habe erflehen wollen, und eine solche Menge Leichen habe er an einem Feste im Tempel des Herrn aufzuhäufen gewagt! Endlich aber hätten diejenigen, die trotz so vieler Leiden noch mit dem Leben davongekommen seien, im Hinblick auf ihre traurige Lage den Entschluss gefasst, lieber nach Kriegerart der Gefahr mutig entgegenzutreten, und sie bäten nun die Römer, sich der Trümmer Judaeas zu erbarmen und dieselben nicht den Würgern des Volkes vorzuwerfen, sondern das Land mit Syrien zu vereinigen und es durch römische Landpfleger verwalten zu lassen. Dann werde es sich zeigen, dass die jetzt als aufrührerisch und kriegslustig verschrienen Juden massvollen Herrschern sich wohl zu fügen wüssten. Mit dieser Bitte schlossen die Juden ihre Klage. Hierauf erhob sich Nikolaus und suchte die gegen die beiden Könige vorgebrachten Beschuldigungen zu widerlegen. Die Juden dagegen schilderte er als ein seinem Charakter nach schwer zu regierendes und zum Ungehorsam gegen seine Herrscher geneigtes Volk, und auch die Verwandten des Archelaus, welche die Partei der Kläger ergriffen hatten, suchte er in ungünstigem Licht erscheinen zu lassen.

3. Als so der Caesar die Klagen beider Teile entgegengenommen hatte, entliess er die Versammlung. Nach wenigen Tagen verlieh er dann dem Archelaus die Hälfte des Königreiches sowie den Titel eines Ethnarchen und versprach ihm auch noch, ihn später zum Könige machen zu wollen, wenn er sich dessen würdig zeige. Die andere Hälfte teilte er in zwei Tetrarchien und gab dieselben zwei weiteren Söhnen des Herodes, die eine dem Philippus, die andere dem Antipas, der mit Archelaus um den Thron gestritten hatte. Auf des Antipas Anteil entfielen Peraea und Galilaea mit zweihundert Talenten jährlicher Einkünfte, während Philippus Batanaea und Trachon sowie Auranitis und einige Teile von dem Gebiet des Zeno bei Jamnia mit hundert Talenten jährlicher Einkünfte erhielt. Zur Ethnarchie der Archelaus gehörten Idumaea, ganz Judaea und Samaria, welch letzterem der vierte Teil der Steuern erlassen wurde zur Belohnung dafür, dass es den Aufstand der übrigen Landesteile nicht mitgemacht hatte. Ferner wurden seiner Herrschaft unterstellt die Städte Stratonsturm, Sebaste, Joppe und Jerusalem; die Griechenstädte Gaza, Gadara und Hippos dagegen trennte der Caesar vom Reiche und schlug sie zu Syrien. Die Gesamteinkünfte aus dem Anteil des Archelaus betrugen vierhundert Talente. Salome erhielt ausser dem, was Herodes ihr in seinem Testament ausgesetzt hatte, die Herrschaft über Jamnia, Azot und Phasaelis, und obendrein schenkte ihr der Caesar auch noch den Königspalast zu Askalon. Aus allen diesen Besitzungen sollte sie jährlich sechzig Talente beziehen, doch wurde ihr Gebiet der Ethnarchie des Archelaus untergeordnet. Den übrigen Verwandten des Herodes fielen die ihnen im Testament vermachten Legate zu. Den beiden noch un-. verheirateten Töchtern desselben aber schenkte der Caesar zu dem von ihrem Vater bestimmten Erbteil fünfhunderttausend Silberstücke und vermählte sie mit den Söhnen des Pheroras. Ja, nach Regelung der ganzen Erbschaftsangelegenheit überliess er ihnen auch noch das ihm von Herodes vermachte Geschenk von tausend Talenten und wählte für sich selbst nur einige Kleinodien von geringerem Wert als Andenken an den Verstorbenen aus.

Kapitel 7 – Der falsche Alexander. Archelaus nach Vienna verbannt. Tod der Glaphyra. Des Archelaus und der Glaphyra Träume

1. Um diese Zeit kam auch ein junger Mann nach Kom, der, von Geburt Jude, in Sidon bei einem römischen Freigelassenen erzogen worden war und in der Hoffnung, unentlarvt zu bleiben, wegen der Ähnlichkeit der Gestalt sich fälschlich für den auf Befehl des Herodes hingerichteten Alexander ausgab. Ein Landsmann von ihm, der über alle Vorgänge im Königreich genau unterrichtet war, lieh ihm dabei seine Hilfe und stiftete ihn an, auszusagen, die mit seiner und des Aristobulus Hinrichtung betrauten Henker hätten sie aus Mitleid entkommen lassen und Leichen von Personen, die ihnen ähnlich gewesen, untergeschoben. Durch diese Angaben gelang es ihm, die kretensischen Juden zu täuschen und eine reichliche Reiseunterstützung von ihnen zu erschwindeln, worauf er sich nach Melos einschiffte. Auch hier fand er Glauben, heimste noch glänzendere Geschenke ein und beredete endlich sogar seine Gastgeber, mit ihm nach Rom zu fahren. Nachdem er dann in Dikaearchia gelandet und von den dortigen Juden wiederum beschenkt worden war, gaben die Freunde seines angeblichen Vaters ihm wie einem Könige das Geleit. Die äussere Ähnlichkeit war übrigens so gross, dass selbst diejenigen, welche Alexander gesehen und genau gekannt hatten, schwuren, er sei es. Roms gesamte Judenschaft strömte nun zusammen, um ihn zu sehen, und eine ungeheure Menschenmenge erfüllte die Strassen, durch die er getragen wurde. Die Melier nämlich waren derart vom Taumel ergriffen, dass sie ihn auf einem Sessel trugen und ihm auf ihre Kosten eine königliche Ausstattung beschafften.

2. Der Caesar, der sich der Gesichtszüge Alexanders deutlich erinnerte — war doch der Prinz einst von Herodes bei ihm verklagt worden —, durchschaute den auf der Ähnlichkeit beruhenden Betrug, noch ehe er den Betrüger selbst zu Gesicht bekam. Um jedoch auch der günstigeren Annahme einigen Spielraum zu verstatten, schickte er einen gewissen Celadus, der den Alexander gut gekannt hatte, mit dem Auftrag ab, ihm den jungen Mann vorzuführen. Gleich auf den ersten Blick gewahrte dieser den Unterschied in den Gesichtszügen, und da ausserdem die Derbheit des ganzen Körperbaues den Sklaven verriet, lag der Betrug offen zutage. Ganz besonders empörte ihn die Dreistigkeit, mit welcher der Mensch, als man nach Aristobulus fragte, behauptete, derselbe sei noch am Leben, aber absichtlich auf Cypern zurückgeblieben, um sich vor Nachstellungen zu sichern; denn wenn sie voneinander getrennt seien, halte es schwerer, ihrer habhaft zu werden. Celadus nahm ihn nun beiseite und sprach zu ihm: „Der Caesar will dir das Leben schenken, wenn du den namhaft machst, der dich zu diesem Betrüge verführt hat.“ Daraufhin versprach der junge Mann ein offenes Bekenntnis ablegen zu wollen, ging mit Celadus zum Caesar und nannte den Juden, der seine Ähnlichkeit mit Alexander zu Beutelschneidereien missbraucht hatte. Sie hätten, gab er an, in jeder einzelnen Stadt mehr Geschenke erhalten, als Alexander in seinem ganzen Leben. Der Caesar lachte darüber, steckte den falschen Alexander seines kräftigen Körperbaues wegen unter die Ruderer und liess den Verführer hinrichten. Die Melier aber schienen ihm durch den Geldaufwand, den sie gemacht hatten, für ihre Dummheit hinreichend gestraft zu sein.

3. Als Archelaus nun seine Ethnarchie angetreten hatte, behandelte er im Andenken an die frühere Empörung nicht nur die Juden, sondern auch die Samariter so grausam, dass er von Abordnungen beider Völkerschäften beim Caesar verklagt und im neunten Jahre seiner Regierung nach Vienna, einer Stadt Galliens, verbannt wurde. Sein Vermögen ward dem Besitztum des Caesars ein verleibt. Bevor er übrigens zu Augustus beschieden wurde, soll er im Traume neun volle und reife Ähren gesehen haben, die von Ochsen abgefressen wurden. Er liess hierauf die Wahrsager und einige Chaldäer rufen und fragte sie, was der Traum wohl bedeuten könne. Die einen legten ihn auf diese, die anderen auf jene Weise aus; ein gewisser Simon indes, der zum Orden der Essener gehörte, hielt dafür, die Ähren bedeuteten Jahre, die Ochsen aber einen Wechsel der Verhältnisse, weil sie beim Pflügen das Land veränderten. Archelaus werde daher so viele Jahre regieren, als die Zahl der Ähren anzeige, und endlich nach mannigfachem Schicksalswechsel sein Leben beschliessen. Fünf Tage, nachdem er diese Traumdeutung vernommen hatte, ward Archelaus nach Rom berufen, um sich daselbst zu verantworten.

4. Erwähnenswert ist auch der Traum seiner Gattin Glaphyra, der Tochter des Kappadocierkönigs Archelaus, die früher mit Alexander vermählt gewesen war. Dieser Alexander war bekanntlich ein Bruder des Archelaus, von dem hier die Rede ist, und auf Befehl seines Vaters Herodes hingerichtet worden, wie ich bereits früher erzählt habe. Nach dem Tode ihres Gatten heiratete Glaphyra den König von Libyen, Jubas, und als auch dieser gestorben war, kehrte sie heim und lebte bei ihrem Vater als Witwe. Hier sah sie der Ethnarch Archelaus und verliebte sich dergestalt in sie, dass er seine Gattin Mariamne sogleich verstiess und Glaphyra zur Ehe nahm. Kurz nach ihrer Ankunft in Judaea nun träumte sie, Alexander stehe vor ihr und rede sie also an: „ Die Heirat in Libyen hätte dir genügen sollen; aber nicht zufrieden damit, kehrst du an meinen Herd zurück und nimmst den dritten Mann, und zwar, o Verwegene, meinen Bruder! Diese Schande lasse ich nicht hingehen, sondern ich nehme dich wieder zu mir, du magst wollen oder nicht" Kaum zwei Tage, nachdem sie diesen Traum erzählt hatte, gab sie den Geist auf.

Kapitel 8 – Judas der Galiläer. Von den drei Sekten der Juden

1. Des Archelaus Gebiet ward nun in eine Provinz verwandelt und als Landpfleger ein Römer von ritterlichem Stande, Coponius, dorthin gesandt, dem der Caesar Gewalt über Leben und Tod verlieh. Während seiner Amtsführung verleitete ein gewisser Galiläer Judas seine Landsleute zum Abfall, indem er es für schmachvoll erklärte, wenn sie noch fernerhin Abgaben an die Römer entrichteten und ausser Gott auch sterbliche Menschen als ihre Gebieter anerkännten. Er war der Begründer einer eigenen Sekte, die mit den anderen nichts gemein hat.

2. Es giebt nämlich bei den Juden drei Arten von philosophischen Schulen; die eine bilden die Pharisäer, die andere die Sadducäer, die dritte, welche nach besonders strengen Regeln lebt, die sogenannten Essener. Die letzteren sind ebenfalls geborene Juden, aber untereinander noch mehr als die anderen durch Liebe verbunden. Die sinnlichen Freuden meiden sie wie die Sünde, und die Tugend erblicken sie in Enthaltsamkeit und Beherrschung der Leidenschaften. Über die Ehe denken sie gering, dagegen nehmen sie fremde Kinder auf, so lange dieselben noch in zartem Alter stehen und bildungsfähig sind, halten sie wie ihre Angehörigen und prägen ihnen ihre Sitten ein. Doch wollen sie damit die Ehe und die Erzielung von Nachkommenschaft durch dieselbe nicht gänzlich aufheben, sondern sich nur vor den Ausschweifungen der Weiber sichern, da sie glauben, dass keines derselben dem einen Gatten die Treue bewahre.

3. Den Reichtum verachten sie, und bewundernswert ist bei ihnen die Gemeinschaft der Güter, sodass man niemand unter ihnen findet, der mehr besässe als die anderen. Es besteht nämlich die Vorschrift, dass jeder, der der Sekte beitreten will, sein Vermögen der Gesamtheit abtreten muss, und so bemerkt man durchgehends weder niedrige Armut noch übermässigen Reichtum, sondern alle verfügen wie Brüder über das aus dem Besitztum der einzelnen Ordensmitglieder gebildete Gesamtvermögen. Oel halten sie für Schmutz, und wenn einer wider seinen Willen gesalbt worden ist, so wischt er seinen Körper ab. Denn eine rauhe Haut zu haben, gilt ihnen für ebenso ehrenvoll, als beständig in weissen Gewändern einherzugehen. Die Verwalter des gemeinsamen Vermögens werden durch Stimmenmehrheit gewählt, und jeder ohne Unterschied muss sich zu Dienstleistungen für die Gesamtheit bereit finden lassen.

4. Sie haben keine eigene Stadt, sondern in jeder wohnen ihrer viele. Ordensangehörigen, die anderswoher kommen, steht alles, was sie bei ihren Genossen finden, wie ihr eigener Besitz zur Verfügung, und bei Leuten, die sie nie zuvor gesehen, treten sie ein, als wären e» vertraute Freunde von ihnen. Deshalb nehmen sie auch auf die Reise durchweg nichts anderes mit als Waffen zum Schutze gegen die Räuber. In jeder Stadt ist ein Beamter eigens für die Fremden angestellt, um sie mit Kleidung und allen anderen Bedürfnissen zu versehen* In ihrem Anzug und ihrer ganzen äusseren Erscheinung machen sie den Eindruck von Knaben, welche noch JixflVfSlWmfr C nüPPÖßjMfA unter der Zuchtrute ihrer Lehrmeister stehen. Kleider und Schuhe wechseln sie nicht eher, als bis sie gänzlich zerfetzt oder durch langen Gebrauch verschlissen sind. Untereinander kaufen und verkaufen sie nichts, sondern ein jeder giebt von seinem Eigentum dem anderen, was dieser nötig hat, und empfangt umgekehrt von ihm das, was er selbst brauchen kann. Ja, sogar ohne alle Gegenleistung kann jeder von einem beliebigen Ordensgenossen das Nötige beanspruchen.

5. Auf eine eigentümliche Art verehren sie die Gottheit. Bevor nämlich die Sonne aufgeht, sprechen sie kein unheiliges Wort, sondern sie richten an das Gestirn gewisse altherkömmliche Gebete, als wollten sie seinen Aufgang erflehen. Hierauf werden sie von den Vorstehern zu dem Tagewerk entlassen, auf das ein jeder von ihnen sich versteht. Wenn sie sodann bis zur fünften Stunde. fleissig gearbeitet haben, kommen sie wieder an einem bestimmten Ort zusammen, schürzen ein linnenes Tuch um und waschen sich den Leib in kaltem Wasser. Nach dieser Reinigung begeben sie sich in ein besonderes Gebäude, das kein Angehöriger einer anderen Sekte betreten darf, und versammeln sich hier, gereinigt,.als ginge es in ein Heiligtum, im SpeisesaaL Dort setzen sie sich in aller Ruhe nieder, und es legt alsdann der Bäcker ihnen der Reihe nach Brote vor während der Koch jedem eine Schüssel mit einem einzigen Gericht aufträgt. Ehe das Mahl beginnt, spricht der Priester ein Gebet, und vor dem Gebet darf niemand etwas verzehren. Nach dem Mahle betet er wiederum, sodass zu Anfang und zu Ende desselben Gott als der Spender der Nahrung geehrt wird. Nachdem sie sodann ihre gleichsam heiligen Kleider abgelegt, begeben sie sich wieder an ihre Arbeit bis zur Abenddämmerung. Hierauf kehren sie zurück und speisen auf dieselbe Weise; sind zufällig Fremde da, so nehmen diese am Mahle teil. Weder Geschrei noch sonstiger Lärm entweiht je das Haus, sondern ein jeder lässt den anderen reden, wie ihn die Reihe trifft. Auf diejenigen, die ausserhalb des Hauses sich befinden, macht die in demselben herrschende Stille den Eindruck eines schauerlichen Geheimnisses; doch hat die Ruhe ihren Grund nur in der beständigen Nüchternheit der Ordensmitglieder, die Speise und Trank nicht weiter als bis zur Sättigung gemessen.

6. Nichts thun die Essener ohne ausdrücklichen Befehl ihrer Vorsteher, und nur in zwei Dingen besitzen sie völlige Freiheit, in Hilfeleistung nämlich und in Ausübung der Barmherzigkeit. So ist es jedem verstauet, Unterstützungsbedürftigen beizuspringen, wenn sie dessen würdig sind, und den Darbenden Nahrung zu reichen. An Verwandte jedoch darf ohne Erlaubnis der Vorsteher nichts verschenkt werden. Zorn äussern die Essener nur, wo er berechtigt ist; Gemütserregungen wissen sie zu bemeistern; Treu und Glauben halten sie hoch; den Frieden pflegen sie angelegentlich. Das gegebene Wort gilt bei ihnen mehr wie der Eid; ja, sie unterlassen das Schwören, weil sie es für schlimmer als den Meineid halten. Wer ohne Anrufung der Gottheit keinen Glauben finde, der sei, sagen sie, schon' im voraus gerichtet. Mit Vorliebe widmen sie sich dem Studium von Schriften der Alten, besonders um zu ergründen, was für Leib und Seele heilsam ist. Aus diesen Schriften suchen sie Wurzeln zur Bannung von Krankheiten und die Eigenschaften der Steine kennen zu lernen.

7. Wer in die Sekte aufgenommen sein will, erhält nicht sogleich Zutritt, sondern er muss zunächst ausserhalb des Ordens ein Jahr lang derselben Lebensweise wie die Mitglieder sich unterziehen, nachdem man ihm vorher eine kleine Axt, das oben erwähnte Lendentuch und ein weisses Gewand gegeben hat. Hat er in diesem Zeitraum die Mässigkeitsprobe bestanden, so tritt er der Genossenschaft um einen Schritt näher: er nimmt an der reinigenden Wasserweihe teil, wird jedoch zu den gemeinsamen Mahlen noch nicht zugelassen. Nachdem er nämlich seine Standhaftigkeit dargethan hat, wird nun in zwei weiteren Jahren auch sein Charakter geprüft, und erst wenn er in dieser Beziehung gleichfalls würdig erscheint, wird er förmlich in den Orden aufgenommen. Bevor er indes bei dem gemeinsamen Mahl erscheinen darf, muss er den Ordensangehörigen einen furchtbaren Eid schwören, dass er die Gottheit ehren, seine Pflichten gegen die Menschen erfüllen, niemand aus eigenem Antrieb oder auf Befehl Schaden zufügen, stets die Ungerechten hassen und den Gerechten beistehen, sowie dass er Treue gegen jedermann und besonders gegen die Obrigkeit üben wolle, weil niemand Gewalt habe, ohne dass sie ihm von Gott verliehen sei. Ferner muss er schwören, falls er selbst einmal zu befehlen habe, nie ob seiner Macht sich brüsten und weder in Kleidung noch in sonstigem Schmuck es seinen Untergebenen zuvorthun zu wollen. Des weiteren verpflichtet er sich, stets die Wahrheit zu lieben und die Lüge zu Schanden zu machen, seine Hände von Diebstahl und seine Seele von dem Makel Unrechten Gewinnes rein zu halten, den Ordensbrüdern nichts zu verheimlichen, anderen dagegen keines ihrer Geheimnisse zu offenbaren, und sollte man ihn auch bis zum Tode martern; endlich, die Lehrsätze des Ordens niemand auf anderem Wege mitzuteilen, als er sie selbst kennen gelernt, den Strassenraub zu verabscheuen, die Bücher der Sekte und die Namen der Engel geheim zu halten. Durch solche Eidschwüre versichern sich die Essener der neu Aufzunehmenden.

8. Wer schwerer Sünden überwiesen wird, den schliessen sie aus dem Orden aus, und der also Ausgestossene kommt oft auf die elendeste Weise um. Durch Eidschwüre und Ordensgebräuche gebunden, darf er nämlich von Nichtmitgliedern keine Nahrung annehmen und muss sich deshalb von Kräutern nähren, wodurch sein Körper abzehrt und endlich dem Hunger erliegt. Sie haben daher schon manchen dieser Unglücklichen, der in den letzten Zügen lag, aus Mitleid wieder Josephus, Jüdischer Krieg. 14 aufgenommen, indem sie die Qual, die ihn dem Tode nahe brachte, als hinreichende Sühne für seine Sünden ansahen.

9. Sehr gewissenhaft und gerecht verfahren sie bei gerichtlichen Entscheidungen. Recht sprechen sie nur dann, wenn mindestens hundert Mitglieder versammelt sind, und das Urteil dieses Gerichtes ist unabänderlich. Nächst Gott zollen sie die grösste Verehrung dem Namen des Gesetzgebers; wer ihn lästert, wird mit dem Tode bestraft. Dem Alter und der Mehrheit Gehorsam zu erweisen, halten sie für ehrenvoll. Wenn daher zehn von ihnen beisammen sitzen, redet wohl keiner gegen den Sinn der neun übrigen. Ferner hüten sie sich, vor anderen oder nach der rechten Seite hin auszuspeien. Peinlicher als alle übrigen Juden vermeiden sie es, am Sabbat sich mit Arbeit zu befassen, und demzufolge bereiten sie sich nicht nur die Speisen tags vorher, um am Sabbat kein Feuer anzünden zu müssen, sondern sie wagen am Ruhetage nicht einmal ein Gefäss von der Stelle zu rücken oder ihre Notdurft zu verrichten. An anderen Tagen aber höhlen sie mit der einer Hacke ähnlichen kleinen Axt, die jedem neu Eintretenden verabfolgt wird, eine Grube von der Tiefe eines Fusses aus, verhüllen dieselbe mit ihrem Mantel, um den Lichtglanz Gottes nicht zu beleidigen, entleeren sich darein und scharren dann mit der ausgegrabenen Erde das Loch wieder zu; auch suchen sie zu dieser Verrichtung die abgelegensten Plätze aus. Und obwohl die Entleerung der Körperexcremente etwas Natürliches ist, ist es doch bei ihnen gebräuchlich, sich nachher zu waschen, als ob sie sich verunreinigt hätten.

10. Nach der Dauer ihrer Zugehörigkeit zum Orden sind sie in vier Klassen geteilt, und zwar stehen die jüngeren Mitglieder den älteren so sehr nach, dass die letzteren, wenn sie von jenen berührt worden sind, sich waschen, wie wenn ein Ausländer sie verunreinigt hätte. Moyses. Sie leben sehr lange, und viele von ihnen werden — wie mir scheint, infolge der Einfachheit ihrer Lebensweise und der bei ihnen herrschenden Ordnung — über hundert Jahre alt. Dabei lässt das schrecklichste Ungemach sie kalt; denn Schmerzen überwinden sie durch Seelenstärke, und einen ruhmvollen Tod ziehen sie dem längsten Leben vor. Diese ihre Gesinnung trat so recht im Kriege gegen die Römer zutage. Auf die Folter wurden sie gespannt, ihre Glieder gereckt, verbrannt, zerbrochen; mit allen erdenklichen Marterwerkzeugen quälte man sie, um sie zur Lästerung des Gesetzgebers oder zum Genuss einer ihnen verbotenen Speise zu zwingen — aber weder das eine noch das andere vermochte man durchzusetzen. Kein bittendes Wort an ihre Peiniger kam über ihre Lippen, und ihre Augen blieben thränenleer. Lächelnd unter Schmerzen spotteten sie ihrer Henker, und freudig gaben sie ihre Seelen dahin in der sicheren Hoffnung, sie einst wieder zu erhalten.

11. Sie hegen nämlich den festen Glauben, dass der Körper zwar der Verwesung anheimfalle und vergänglich sei, die Seele dagegen in Ewigkeit fortlebe und dass sie, aus dem feinsten Äther stammend, durch einen natürlichen Zauberreiz herabgezogen und in den Körper gleichwie in ein Gefängnis eingeschlossen werde. Sobald die Seele aber von den Banden des Fleisches befreit sei, entschwebe sie, wie aus langer Knechtschaft erlöst, in seliger Wonne zur Höhe. In Übereinstimmung mit den jüngeren Hellenen lehren sie, den Guten sei ein Leben jenseits des Ocean beschieden und ein Ort, den weder Regen noch Schnee noch Hitze belästige, sondern ein beständiger, vom Ocean her sanft wehender Zephyr kühle; den Bösen dagegen weisen sie eine finstere kalte Höhle voll ewiger Qualen an. Derselbe Gedanke findet sich, wie mir scheint, bei den Hellenen, indem sie ihren Helden, die sie Heroen und Halbgötter nennen, die Inseln der Seligen zuweisen, den Seelen der Schlechten aber den Ort der Frevler im Hades, wo der Sage nach ein Sisyphos, Tantalos, Ixion und Tityos ihre Strafen erleiden. Damit wollen sie zunächst die Unsterblichkeit der Seele feststellen, dann aber auch zur Tugend antreiben und vom Laster abschrecken, indem sie darauf rechnen, dass die Guten während ihres irdischen Lebens durch die Hoffnung auf Belohnung nach dem Tode noch besser, die Anschläge der Bösen dagegen durch Furcht zunichte werden, da die letzteren sich darauf gefasst machen müssen, selbst wenn bei Lebzeiten ihre Schlechtigkeit verborgen bleiben sollte, doch noch im Jenseits ewiger Strafe zu verfallen. Diese Lehre der Essener über die Seele ist das Zauberband, durch welches sie diejenigen, die einmal ihre Weisheit gekostet haben, dauernd an eich fesseln.

12. Es finden sich übrigens auch solche unter ihnen, die, nachdem sie sich von Jugend auf mit den heiligen Büchern, den Sprüchen der Propheten und mancherlei Peinigungen vertraut gemacht haben, die Zukunft vorherzuwissen behaupten. Und in der That ist es ein seltener Fall, wenn einmal ihre Weissagungen nicht in Erfüllung gehen.

13. Ausserdem giebt es nun noch einen zweiten Zweig der Essener, der in Lebensart, Sitten und Gebräuchen mit dem anderen ganz überein stimmt, in der Ansicht über die Ehe dagegen von ihm abweicht. Sie glauben nämlich, dass die, welche nicht in die Ehe träten, den wichtigsten Lebenszweck, die Erzielung von Nachkommenschaft, ausser acht liessen, oder vielmehr, dass, wenn alle so dächten, das ganze Menschengeschlecht in kürzester Zeit aussterben müsse. Doch erproben sie die Bräute drei Jahre lang, und wenn sie nach dreimaliger Reinigung deren Fähigkeit, Kinder zu gebären, erkannt haben, nehmen sie dieselben zur Ehe. Während der Schwangerschaft enthalten sie sich des Beischlafes zum Beweise, dass sie nicht aus Wollust, sondern um Kinder zu erzielen geheiratet haben. Die Weiber baden im Hemd, wie die Männer in einer Schürze. Soviel von den Gebräuchen dieser Sekte.

14. Wa nun die beiden zuerst genannten Sekten betrifft, so ist die der Pharisäer die älteste unter allen dreien. Sie gelten für besonders kundige Erklärer des Gesetzes, machen alles von Gott und dem Schicksal abhängig und lehren, dass Hecht- uod Unrechtthun zwar grösstenteils den Menschen freistehe, dass aber bei jeder Handlung auch eine Mitwirkung des Schicksals stattfinde. Die Seelen sind nach ihrer Ansicht alle unsterblich, aber nur die der Guten gehen nach dem Tode in einen anderen Leib über, während die der Bösen ewiger Strafe anheimfallen. Die Sadducäer hingegen, die zweite der obengenannten Sekten, leugnen das Schicksal völlig und behaupten, Gott habe mit dem Thun und Lassen der Menschen gar nichts zu schaffen; vielmehr seien gute wie böse Handlungen gänzlich dem freien Willen anheimgestellt, und nach eigenem Gutdünken trete ein jeder auf die eine oder andere Seite. Weiterhin leugnen sie auch die Fortdauer der Seele, sowie die Strafen und Belohnungen in der Unterwelt. Während aber die Pharisäer sich eng aneinander anschliessen und zum Wohle der Gesamtheit die Eintracht hoehhalten, ist das Benehmen der Sadducäer gegen ihresgleichen weit unfreundlicher, sodass sie mit ihren Gesinnungsgenossen so abstossend wie mit Fremden verkehren. Das ist es, was ich über die philosophischen Schulen der Juden bemerken wollte.

Kapitel 9 – Salomes Tod. Unruhen unter Pilatus. Agrippa von Tiberius eingekerkert, aber von Caligula in Freiheit gesetzt. Herodes Antipas wird verbannt

1. Während nun die Ethnarchie des Archelaus in eine Provinz verwandelt wurde, regierten die anderen Fürsten, Philippus und Herodes Antipas, ihre Tetrarchien weiter. Salome aber war unterdessen gestorben und hatte der Gemahlin des Augustus, Julia, ihr Gebiet nebst Jamnia und dem Palmenwald bei Phasaelis hinterlassen. Auch als nach dem Tode des Augustus, der siebenundfünfzig Jahre, sechs Monate und zwei Tage an der Spitze des römischen Staates gestanden hatte, die Regierung auf Tiberius, den Sohn der Julia, übergegangen war, verblieben Herodes und Philippus im Besitz ihrer Tetrarchien, und es erbaute der letztere im Bezirk Paneas an den Quellen des Jordan die Stadt Caesarea sowie in Unter -Gaulanitis die Stadt Julias, seiner Verteidigung mit dem Talmud die heute noch bestehende feste Burg des Rabbinismus errichteten (ebendas. S. 202 f.). Herodes aber in Galilaea Tiberias und in Peraea eine gleichfalls nach der Julia benannte Stadt.

2. Was Judaea anlangt, so sandte Tiberius dorthin den Pilatus als Landpfleger. Einst nun liess dieser eine Anzahl verhüllter Bildnisse des Caesars, welche die Römer, signa* 3 nennen, zur Nachtszeit nach Jerusalem bringen. Kaum aber graute der Tag, als eine hochgradige Aufregung sich der Stadt bemächtigte. Denn was in die Nähe kam, entsetzte sich über den Anblick wie über eine schwere Verhöhnung des Gesetzes, das den Juden die Aufstellung jedweden Bildwerkes in der Stadt untersagte. Allmählich zog die Erbitterung der Stadtbewohner auch das Landvolk in grossen Scharen herbei, und alle machten sich nun auf den Weg nach Caesarea zu Pilatus, den sie flehentlich baten, die Bildnisse aus Jerusalem entfernen und an ihren althergebrachten religiösen Satzungen nicht rütteln zu wollen. Da Pilatus aber die Bitte abschlug, warfen sie sich zu Boden und blieben fünf Tage und ebenso viele Nächte liegen, ohne sich zu rühren.

3. Am folgenden sechsten Tage nahm Pilatus in der grossen Rennbahn auf einer Tribüne Platz und liess das Volk herbeirufen, als wolle er ihm Bescheid erteilen, gab aber dann den Soldaten, die vorher verständigt waren, ein Zeichen, die Juden mit den Waffen in der Hand zu umzingeln. So von einer dreifachen Reihe Bewaffneter eingeschlossen, gerieten die Juden über den unerwarteten Anblick zunächst in gewaltige Bestürzung. Als aber Pilatus drohte, er werde sie niedermetzeln lassen, wenn sie die Bildnisse des Caesars nicht bei sich aufnähmen, und den Soldaten einen Wink gab, ihre Schwerter zu entblössen, fielen die Juden wie auf Verabredung sämtlich nieder, boten den Nacken dar und erklärten mit lauter Stimme, sie wollten sich lieber umbringen lassen als das Gesetz übertreten. Über dieses heldenmütige Eintreten des Volkes für seine Religion erstaunte Pilatus und gab Befehl, die Feldzeichen sofort aus Jerusalem wegzubringen.

4. Später rief er neue Unruhen dadurch hervor, dass er den Tempelschatz, Korban genannt, zur Anlage einer Wasserleitung verwendete, die vierhundert Stadien lang werden sollte. Hierüber entrüstete sich das Volk, und als Pilatus eines Tages nach Jerusalem kam, umringte es lärmend seinen Richterstuhl. Er aber hatte von dem beabsichtigten Auflauf zuvor Kunde erhalten und bewaffnete Soldaten in bürgerlicher Kleidung heimlich unter der Menge verteilt mit dem Befehl, gegen die Schreier nicht das Schwert zu gebrauchen, aber mit Knitteln auf sie einzuhauen. Als er nun vom Richterstuhl herab das Zeichen gab, kamen viele Juden teils unter den Schlägen der Soldaten, teils dadurch um, dass sie von ihren eigenen Landsleuten auf der Flucht zertreten wurden. Der Schrecken über das traurige Schicksal der Getöteten aber brachte das Volk alsbald zum Stillschweigen.

5. Um diese Zeit begab sich Agrippa, der Sohn des von Herodes, seinem Vater, getöteten Aristobulus, zu Tiberius, um den Tetrarchen Herodes zu verklagen, wurde aber mit seiner Klage abgewiesen. Doch blieb er in Rom und suchte die Gunst anderer einflussreicher Römer, besonders von Germanicu8, Sohn Gajus, der damals noch Privatmann war, zu gewinnen. Als er denselben eines Tages festlich bewirtete und ihn mit Liebenswürdigkeiten überhäuft hatte, breitete er zuletzt die Hände aus und betete mit lauter Stimme, es möge ihm vergönnt sein, den Gajus nach dem hoffentlich bald erfolgenden Tode des Tiberius als Herrn der Welt begrüssen zu dürfen. Einer seiner Diener aber hinterbrachte dies dem Tiberius, der darüber so unwillig wurde, dass er den Agrippa einkerkern und sechs Monate lang bei harter Behandlung im Gefängnis zubringen liess, bis er selbst nach einer Regierung von zweiundzwanzig Jahren, sechs Monaten und drei Tagen starb.

6. Kaum war Gajus zum Caesar ausgerufen, als er den Agrippa freiliess und ihn zum König über die Tetrarchie des inzwischen verstorbenen Philippus ernannte. Das aber weckte den Neid des Tetrarchen Herodes, dem insbesondere seine Gattin Herodias Hoffnung auf Erlangung der Königswürde machte. Sie warf ihm nämlich seine Unthätigkeit vor und behauptete, nur weil er nicht zum Caesar habe reisen wollen, sei er um die Rangerhöhung gekommen; denn der Caesar, der den Privatmann Agrippa zum Könige gemacht, würde doch erst recht ihm, dem Tetrarchen, diese Beförderung zuerkannt haben. Durch solche Vorstellungen liess Herodes sich bereden und begab sich zu Gajus, wurde aber von ihm für seine Habgier mit der Verbannung nach Hispanien bestraft. Agrippa nämlich war ihm nachgereist, um ihn zu verklagen, und erhielt nun von Gajus die Tetrarchie des Herodes noch zu seinem eigenen Königreich hinzu. Herodias folgte übrigens ihrem Gatten in die Verbannung nach Hispanien, wo er bis zu seinem Tode verblieb.

Kapitel 10 – Caligula verlangt, dass sein Standbild im Tempel zu Jerusalem aufgerichtet werde. Wie Petronius sich dabei benahm

1. Mittlerweile war der Caesar Gajus infolge seines Glückes so übermütig geworden, dass er sich nicht nur selbst für einen Gott hielt und von anderen so genannt zu werden verlangte, sondern auch sein Vaterland der edelsten Männer beraubte. Nicht minder hatten die Juden unter seiner Ruchlosigkeit zu leiden. Eines Tages nämlich sandte er den Petronius an der Spitze eines Heeres nach Jerusalem, um seine Bildsäule im dortigen Tempel aufzustellen. Zugleich erteilte er ihm die Weisung, er solle, wenn die Juden sich etwa nicht fügen wollten, die Widerspenstigen hinrichten lassen und das gesamte übrige Volk in die Sklaverei verkaufen. Gottes Fürsorge indes verhinderte die Ausführung dieser Befehle. — Petronius rückte also von Antiochia aus mit drei Legionen und zahlreichen syrischen Hilfstruppen gegen Judaea heran. Ein Teil der Juden schenkte den Kriegsgerüchten noch keinen Glauben, der andere, der sie für zutreffend hielt, war in Verlegenheit, wie er sich verteidigen sollte. Bald jedoch ergriff allgemeiner Schrecken das Volk; denn schon stand das Heer vor Ptolemais.

2. Diese Stadt, unweit Galilaeas in der grossen Ebene gelegen, ist eine Seestadt und von Bergen umgeben. Im Osten nämlich erhebt sich, sechzig Stadien entfernt, das Galilaeische Gebirge, gegen Süden in einer Entfernung von hundertundzwanzig Stadien der Karmel, und nach Norden zu in einem Abstand von hundert Stadien der sehr hohe Berg, den die dortige Bevölkerung die Tyrische Leiter nennt. Zwei Stadien von der Stadt entfernt fliesst der ganz kleine sogenannte Belaeusfluss vorbei, in dessen Nähe sich ein Denkmal des Memnon und ein sehr merkwürdiger Platz von hundert Ellen im Umfang befindet. Der letztere nämlich ist rund und hohl und liefert den Glassand, der sich, sowie er von den vielen vor Anker liegenden Schiffen erschöpft wird, jedesmal wieder ergänzt, indem die Winde gleichsam absichtlich den schimmernden Sand von aussen dorthin zusammen treiben. Die Grube verwandelt den gesamten Sand sogleich in Glas; noch wunderbarer aber kommt es mir vor, dass das aus der Grube Überfliessende Glas wieder zu gemeinem Sande wird. Das ist die natürliche Beschaffenheit dieser Gegend.

3. Die Juden versammelten sich nun mit Weib und Kind in der Ebene bei Ptolemais und baten den Petronius flehentlich um Schutz zunächst für ihre heimischen Gebräuche und dann auch für sich selbst. Die grosse Menge der Flehenden und die Beharrlichkeit, mit der sie ihre Bitten vorbrachten, machte auf Petronius einen solchen Eindruck, dass er Heer und Bildsäule in Ptolemais zurückliess und sich nach Tiberias inGalilaea begab, wohin er das Volk und besonders alle angesehenen Juden berief. Alsdann erörterte er Aveitläufig die Macht der Römer und die Drohungen des Caesars und suchte ihnen zugleich zu beweisen, wie unvernünftig ihr Begehren sei. Alle unterjochten Völkerschaften, schloss er, hätten doch in jeder Stadt ausser den Bildsäulen anderer Götter auch solche des Caesars aufgestellt, und wenn nun die Juden allein sich dagegen sträubten, so sei dieses Benehmen eigentlich nichts anderes als Empörung, und zwar noch dazu eine mit Beschimpfung des Caesars verbundene Empörung.

4. Als die Juden dagegen sich auf ihr Gesetz und die althergebrachten Sitten beriefen, die nicht einmal das Bild Gottes, geschweige denn das eines Menschen im Tempel oder auch nur an irgend einer unge weihten Stelle des Landes aufzustellen gestatteten, entgegnete Petronius: „Nun, ich muss doch auch das Gesetz meines Herrn erfüllen, und wenn ich es übertrete, um euch zu schonen, so werde ich, und das mit Hecht, den Tod erleiden. Der mich gesandt hat, wird mit euch Krieg führen, nicht ich; denn auch ich stehe, wie ihr, unter seiner Botmässigkeit“ Hierauf schrie die ganze Volksmenge, sie seien bereit, für ihr Gesetz zu leiden. Nachdem Petronius den Lärm wieder gestillt und gefragt hatte, ob sie denn gesonnen seien, gegen den Caesar zu kämpfen, antworteten die Juden, täglich zweimal brächten sie Opfer für den Caesar und das römische Volk dar. Wolle er aber auch noch die Bildsäule aufstellen, so müsse er zuvor das ganze Volk der Juden opfern; denn samtWeib und Kind seien sie bereit, sich hinschlachten zu lassen. Staunen und Mitleid zugleich ergriff den Petronius, als er die unerschütterliche Frömmigkeit der Juden und ihre Bereitwilligkeit, den Tod zu erleiden, gewahrte, und unverrichteterSache trennte man sich für diesmal.

5. An den folgenden Tagen berief er die einflussreichen Männer besonders zu sich und versammelte auch wieder das Volk, wobei er es bald mit Bitten, bald mit Zureden versuchte, zumeist jedoch drohte, indem er die Macht der Römer, den Unwillen des Gajus und seine eigene Zwangslage schilderte. Da aber alles dies nichts fruchtete und Petronius erkannte, dass man Gefahr laufe, das Land uneingesät zu lassen — war das Volk doch nun schon fünfzig Tage lang in der Saatzeit raüssig geblieben —, berief er endlich nochmals eine Volksversammlung und sprach: „So will ich denn lieber die Gefahr auf mich nehmen: entweder stimme ich mit Gottes Hilfe den Caesar um und freue mich mit euch der Rettung, oder ich gebe, wenn er in Zorn gerät, mein Leben für so viele gern dahin!“ Sodann verabschiedete er sich unter den Segenswünschen der Menge, holte in Ptolemais sein Heer und kehrte nach Antiochia zurück. Von dort schrieb er sogleich an den Caesar, schilderte seinen Einmarsch in Judaea, die flehentlichen Bitten des Volkes, und wie er, wenn er nicht Land und Leute hätte zu Grunde richten wollen, den Juden die Beobachtung ihres Gesetzes habe gestatten und die Erledigung seines Auftrages unterlassen müssen. Des Gajus Antwort auf diesen Brief lautete keineswegs gnädig; vielmehr drohte er dem Petronius mit dem Tode, weil er bei der Ausführung seiner Befehle sich so lässig gezeigt habe. Doch der Zufall fügte es, dass die Überbringer dieses Schreibens drei Monate lang durch Sturm auf dem Meere hingehalten wurden, während andere mit der Nachricht vom Tode des Gajus eine glückliche Fahrt hatten, und so erhielt Petronius den Brief mit der Todesmeldung siebenundzwanzig Tage früher, als das gegen ihn selbst gerichtete Schreiben.

Kapitel 11 – Beziehungen des Caesars Claudius zu Agrippa L Tod des letzteren und seines Bruders Herodes von Chalkis

1. Als Gajus nach einer Regierung von drei Jahren und acht Monaten durch Meuchelmord umgekommen war, schleppten die in Rom stehenden Truppen den Claudius auf den Thron. Der Senat jedoch vertraute gemäss dem Vorschläge der Konsuln Sentius Saturninus und Pomponius Secundus den drei ihm treugebliebenen Legionen die Bewachung der Stadt an, versammelte sich auf dem Kapitolium und beschloss im Hinblick auf die Grausamkeit des Gajus, gegen Claudius Krieg zu führen. Es sollte entweder die frühere aristokratische Verfassung hergestellt oder ein des Thrones würdiger Mann durch Abstimmung gewählt werden.

3. Damals nun befand sich zufällig Agrippa in Rom und wurde vom Senat zu einer Beratung eingeladen, während gleichzeitig auch Claudius aus der Kaserne zu ihm sandte, um sich seine Dienste zu sichern. Agrippa, der wohl erkannte, dass Claudius infolge seiner Macht bereits wirklicher Caesar war, begab sich zu diesem hin. Claudius schickte ihn nun als Abgeordneten an den Senat, um denselben von seinen Absichten in Kenntnis zu setzen. Wider seinen Willen, liess er sagen, hätten die Soldaten ihn fortgerissen, und wie er einerseits es nicht für recht halte, ihren Eifer unberücksichtigt zu lassen, so wolle er auch anderseits sein Glück noch nicht für gesichert erachten, da ja die Berufung auf den Thron gewisse Gefahren mit sich bringe. Er sei übrigens entschlossen, wie ein milder Fürst, nicht wie ein Tyrann zu regieren; auch werde er mit der Ehre des Caesarentitels sich begnügen und bei allen Staatsgeschäften das Volk um seine Willensmeinung befragen. Und wäre er selbst von Natur nicht zur Milde geneigt, so müsse ihm doch schon das Ende des Gajus als hinreichender Antrieb zur Mässigung vor Augen stehen. 3. Diese Botschaft überbrachte Agrippa dem Senat und erhielt zur Antwort, im Vertrauen auf das Heer und ihr gutes Recht würden sie sich der Knechtschaft nicht freiwillig unterwerfen. Als Claudius diesen Bescheid vernommen hatte, sandte er den Agrippa abermals hin mit der Erklärung, er werde die, welche ihm Treue geschworen, unter keinen Umständen im Stich lassen und sehe sich also zum Kampfe gegen die genötigt, mit denen zu streiten er durchaus kein Verlangen trage. Zuvor übrigens müsse man einen Platz ausserhalb der Stadt für das Treffen bestimmen; denn es wäre doch frevelhaft, um des unheilvollen Entschlusses der Senatoren willen die Heiligtümer der Vaterstadt mit Bürgerblut zu beflecken. Auch von dieser Erklärung gab Agrippa dem Senate Kenntnis.

4. Nun aber zog einer der Soldaten, die auf seiten des Senates standen, sein Schwert und rief: „Kameraden, wozu sollen wir unsere Brüder morden und unsere Verwandten bekämpfen, die zu Claudius halten, da wir an ihm einen Herrscher haben, dem man nichts Schlechtes nachsagen kann, und da wir durch heilige Pflichten denen verbunden sind, gegen die wir mit den Waffen in der Hand ausrücken sollen?“ Nach diesen Worten schritt er eilig mitten durch die Versammlung hinaus und zog alle übrigen Soldaten mit sich fort. Im ersten Augenblick waren die Patrizier über den Abzug der Soldaten erschreckt; als aber keine andere Aussicht auf Rettung sich ihnen dar bot, eilten sie auf demselben Wege wie die Soldaten zu Claudius hin. Gleich vor der Stadtmauer stiessen sie auf eine Anzahl Bewaffneter, die durch eifriges Eintreten für den neuen Herrscher ihr Glück machen wollten und mit gezückten Schwertern daherstürmten. Es wäre nun wohl, bevor noch Claudius von dem Vorgehen der Soldaten Kenntnis erlangte, um die Senatoren an der Spitze des Zuges geschehen gewesen, wenn Agrippa nicht zu Claudius geeilt wäre und ihn von dem Ernst der Lage benachrichtigt hätte. Entweder müsse er dem Ungestüm der über die Patrizier bis zur Wut erbitterten Soldaten wehren, oder er werde die besten Stützen seines Thrones verlieren und Beherrscher einer Einöde sein.

5. Kaum hatte Claudius dies vernommen, als er der Aufregung im Heere Einhalt that, den Senat freundlich in die Kaserne aufnahm und alsbald mit ihm hinauszog, um der Gottheit für seine Thronbesteigung Dankopfer darzubringen. Gleich darauf beschenkte er den Agrippa mit dem ganzen Königreich seines Grossvaters und fügte noch die von Augustus dem Herodes verliehenen Gebiete Trachonitis und Auranitis sowie die sogenannte Herrschaft des Lysanias hinzu. Dem Volke machte er diese Schenkung in einem Erlasse bekannt, dem Senat aber befahl er, die Schenkungsurkunde in eherne Tafeln eingraben und diese auf dem Kapitolium niederlegen zu lassen. Auch den Bruder des Agrippa, Herodes, der durch seine Ehe mit Berenike zugleich dessen Schwiegersohn war, beschenkte er, und zwar mit dem Königreiche Chalkis.

6. Bald flössen dem Agrippa aus einem so weiten Gebiet grosse Reichtümer zu, und er verwendete diese Gelder auch zu nicht unbedeutenden Unternehmungen. So begann er Jerusalem mit einer derart starken Mauer zu umgeben, dass, wäre sie vollendet worden, die Belagerungsarbeiten der Römer wohl keinen Erfolg gehabt hätten. Allein ehe das Bauwerk seine Höhe erreichte, starb er in Caesarea, nachdem er drei Jahre König und vorher ebenfalls drei Jahre Tetrarch gewesen war. Er hinterliess drei mit der Kypros gezeugte Töchter, Berenike, Mariamne und Drusilla, sowie einen von derselben Mutter geborenen Sohn Agrippa. Da der letztere noch viel zu jung war, verwandelte Claudius das Königreich wieder in eine Provinz und sandte den Cuspius Fadus und nach ihm den Tiberius Alexander als Landpfleger dorthin, unter denen das Volk sich ruhig verhielt, weil sie seine heimischen Gebräuche unangetastet liessen. Bald darauf starb auch Herodes, der König von Chalkis, und hinterliess von Berenike, der Tochter seines Bruders, zwei Söhne, Berenikianus und Hyrkanus, sowie von seiner früheren Gattin Mariamne einen Sohn Ari8tobulus. Ein anderer Bruder Agrippas, Aristobulus mit Namen, war mit Hinterlassung einer Tochter Jotape als Privatmann gestorben. Das waren, wie schon früher erwähnt, die Söhne von Herodes’ Sohn Aristobulus. Den letztem wie dessen Bruder Alexander aber hatte Herodes bekanntlich mit der Mariamne gezeugt und, obwohl ihr leiblicher Vater, sie beide dem Henker überantwortet. Was Alexanders Nachkommen angeht, so herrschten diese in Grossarmenien.

Kapitel 12 – Unruhen unter Cumanus. Felix Landpfleger von Judaea

1. Nach dem Tode des Herodes, der Chalkis beherrschte, setzte Claudius dessen Neffen, den jungen, mit seinem Vater gleichnamigen Agrippa, über das Königreich des Verstorbenen, während die Verwaltung der Provinz von Alexander auf Cumanus überging. Unter letzterem begannen wieder die Unruhen, infolge deren eine Menge Juden umkamen. Als nämlich das Volk zum Fest der ungesäuerten Brote nach Jerusalem zusammenströmte, war über der Säulenhalle des Tempels eirte römische Kohorte aufgestellt, wie denn die Römer an Festtagen stets eine Heeresabteilung auf Wache stehen hatten, um etwaige aufrührerische Bewegungen der versammelten Menge zu unterdrücken. Da zog auf einmal einer der Soldaten seinen Mantel in die Höhe, kehrte mit einer unanständigen Verbeugung den Juden das Gesäss zu und gab einen seiner Stellung entsprechenden Laut von sich. Voll Entrüstung darüber forderte die gesamte Menge von Cumanus mit lautem Geschrei die Bestrafung des Soldaten; ja, eine Anzahl jugendlicher Brauseköpfe und der stets zur Empörung geneigte Teil des Volkes schritten sogar ohne weiteres zum Angriff, rafften Steine zusammen und bewarfen die Soldaten damit. Cumanus, der einen Angriff von seiten des ganzen Volkes befürchtete, liess sogleich eine grössere Abteilung Schwerbewaffneter heranrücken. Als diese nun in die Hallen eindrangen, befiel die Juden ein gewaltiger Schrecken, sodass sie eilends aus dem Tempel rannten und in die Stadt flohen. Dadurch entstand aber an den Ausgängen ein so fürchterliches Gedränge, dass mehr als zehntausend Menschen zertreten und erdrückt wurden. So wandelte sich die Festfreude in eine allgemeine Trauer des ganzen Volkes, und jedes Haus hallte wieder von Jammer und Wehklagen.

2. Bald nach diesem Unglück brachen abermals Unruhen aus infolge eines Strassenraubes. Auf der Landstrasse bei Bethoron nämlich fielen Räuber über einen Diener des Caesars mit Namen Stephanus her und raubten ihm alles Gepäck, das er bei sich hatte. Sogleich sandte Cumanus Streifscharen aus, liess die Bewohner der nächstgelegenen Dörfer gefangen einbringen und warf ihnen vor, dass sie die Räuber nicht verfolgt und festgenommen hätten. Bei dieser Gelegenheit fand ein Soldat in einem Dorfe das heilige Gesetz, zerriss das Buch und warf es ins Feuer. Darüber gerieten die Juden in eine Aufregung, als ob ihr ganzes Land vom Feuer verheert würde, und in ihrer religiösen Angst eilten sie, von Zaubermacht fortgerissen und wie auf ein gegebenes Zeichen samt und sonders nach Caesarea zu Cumanus, den sie inständig baten, den Menschen, der Gott und das Gesetz so masslos beschimpft, doch nicht ungestraft zu lassen. Cumanus, der wohl einsah, dass das Volk nicht ruhig bleiben würde, wenn er ihm keine Genugthuung gewähre, liess den Soldaten herbeiholen und durch die Reihen seiner Ankläger hindurch zur Hinrichtung abführen. Hierauf entfernten sich die Juden.

3. In der Folge kam es zu Streitigkeiten zwischen JUFÖ'fil Galiläern und Samaritern. Bei dem Dorfe Gema nämlich, das in der grossen Ebene von Samaria liegt, war einer der vielen nach Jerusalem zum Feste reisenden Juden, ein Galiläer, ermordet worden. Aus diesem Anlass rotteten sich eine Menge Galiläer zusammen, um den Samaritern ein Treffen zu liefern. Die vornehmsten Männer aus Samaria aber begaben sich zu Cumanus und baten ihn, nach Galilaea zu kommen und die Urheber des Mordes zu bestrafen; denn nur auf diese Weise sei es möglich, die Menge zum Auseinandergehen zu bewegen und den Kampf zu verhüten. Cumanus indes nahm, da er gerade dringende Geschäfte zu erledigen hatte, auf das Gesuch zunächst keine Rücksicht und liess die Bittsteller unverrichteter Sache heimkehren.

4. Die Kunde von der Mordthat aber rief auch zu Jerusalem allgemeine Aufregung hervor, und alsbald liess die Menge von der Festfeier ab und stürmte ohne Anführer und ohne den obrigkeitlichen Personen, die sie von dem Wagnis abhalten wollten, Folge zu leisten, auf Samaria zu. Unterwegs stellten sich an die Spitze des aufrührerischen und auf Raub ausgehenden Haufens Eleazar, der Sohn des Dinaeus, und ein gewisser Alexander, welche nun über die der Toparchie Akrabatta zunächst wohnenden Samariter herfielen, alles ohne Unterschied des Alters niedermetzelten und die Dörfer in Brand steckten.

5. Da brach Cumanus mit einer Abteilung Reiter, den sogenannten Sebastenern, von Caesarea auf, um den Bedrängten zu Hilfe zu eilen, nahm eine beträchtliche Anzahl der Leute Eleazars gefangen und machte die meisten von ihnen nieder. Zu der übrigen Menge aber, die zur Bekriegung der Samariter ausgezogen war, begaben sich in Eile die angesehensten Männer von Jerusalem in Trauergewändern, das Haupt mit Asche bestreut, und beschworen sie, heimzukehren und nicht durch ihren Rachezug gegen die Samariter die Römer gegen Jerüsalem aufzureizen. Sie möchten sich doch ihres Vaterlandes, des Tempels, ihrer eigenen Weiber und Kinder erbarmen und nicht um eines einzigen Galiläers willen alles aufs Spiel setzen. Diesen Vorstellungen gaben die Juden nach und gingen auseinander. Viele von ihnen aber verlegten sich in der Hoffnung, unentdeckt zu bleiben, auf das Räuberhandwerk, und so gehörten bald im ganzen Lande Räubereien und unter den Entschlosseneren auch Empörungsversuche zu den alltäglichen Ereignissen. Aus diesem Anlass machten sich die einflussreichsten Samariter nach Tyrus zu Ummidius Quadratus, dem Statthalter von Syrien, auf und baten ihn, doch gegen die Verwüster des Landes einschreiten zu wollen. Ausser den Samaritern hatten übrigens auch die vornehmsten Juden samt dem Hohepriester Jonathas, dem Sohne des Ananus, sich eingefunden und erklärten nun, die erste Veranlassung zu den Unruhen hätten allerdings die Samariter durch die Ermordung des Galiläers gegeben, an dem weiteren Verlauf aber sei Cumanus schuld, weil er es unterlassen habe, die Urheber des Mordes zur Strafe zu ziehen.

6. Quadratus vertröstete nun beide Teile durch die Zusage, wenn er einmal in die Gegend komme, alles genau untersuchen zu wollen. Als er bald darauf nach Caesarea kam, liess er alle Empörer, die Cumanus lebendig gefangen genommen hatte, ans Kreuz schlagen. Von da begab er sich nach Lydda, wo er die Samariter nochmals verhörte. Hierauf liess er achtzehn Juden, die, wie er erfuhr, am Kampfe sich beteiligt hatten, herbeiholen und mit dem Beile hinrichten. Zwei andere einflussreiche Männer aber, sowie die Hohepriester Jonathas und Ananias samt dem Sohne des letzteren, Ananus, und noch einigen anderen vornehmen Juden sandte er zugleich mit den angesehensten Samaritern zum Caesar. Dann befahl er dem Cumanus und dem Tribun Celer, sich nach Rom einzuschiffen, um vor Claudius wegen des Vorgefallenen Rechenschaft abzulegen. Nachdem er diese Anordnungen getroffen hatte, reiste er von Lydd a nach Jerusalem, kehrte aber, da er sich überzeugte, dass das Volk in aller Ruhe das Fest der ungesäuerten Brote feierte, alsbald nach Antiochia zurück.

7. Bei dem Verhör, welches der Caesar zu Rom mit Cumanus und den Samaritern anstellte, war auch Agrippa zugegen und trat eifrig zu gunsten der Juden ein, weil Cumanus ebenfalls viele mächtige Fürsprecher hatte. Schliesslich erklärte der Caesar die Samariter für schuldig und liess drei ihrer vornehmsten Männer hinrichten, während er den Cumanus mit Verbannung bestrafte. Den Celer aber schickte er in Fesseln nach Jerusalem, wo er den Juden zur Peinigung überantwortet, durch die Stadt geschleppt und dann enthauptet werden sollte.

8. Hierauf ernannte der Caesar den Bruder des Pallas, Felix, zum Landpfleger von Judaea, Galilaea, Samaria und Peraea. Den Agrippa aber versetzte er von Chalkis in ein grösseres Königreich, indem er ihm die ehemalige Tetrarchie des Philippus, nämlich Trachonitis, Batanaea und Gaulanitis verlieh; auch fügte er noch die Herrschaft des Lysanias und das ehemalige Gebiet des Varus hinzu. Nach einer Regierung von dreizehn Jahren, acht Monaten und zwanzig Tagen starb der Caesar Claudius und hinterliess als Thronerben den Nero, den er infolge der Intriguen und Zauberkünste seiner Gemahlin Agrippina dazu bestimmt hatte, obwohl er von seiner früheren Gemahlin Messalina einen leiblichen Sohn Britannicus hatte. Seine Tochter Octavia, gleichfalls von der Messalina, hatte er mit Nero vermählt. Ausserdem war ihm noch eine andere Tochter mit Namen Antonia geboren worden, und zwar von der Petina.

Kapitel 13 – Weiteres von Nero, Agrippa und Felix. Die Sikarier und der falsche Prophet aus Aegypten. Unruhen in Caesarea

1. Wie Nero im Taumel seines Glückes und Reichtums frevelnd dem Schicksal trotzte, wie er der Reihe nach seinen Bruder, seine Gattin und seine Mutter mordete, wie alsdann seine Grausamkeit sich gegen die edelsten Männer richtete, und wie er endlich in seinem Wahnsinn auf die Bühne und ins Theater sich verirrte, will ich, da es allbekannte Dinge sind, hier nicht weiter berühren und mich zu den Begebenheiten wenden, die unter seiner Regierung bei den Juden sich ereigneten.

2. Zum Könige von Kleinarmenien ernannte er Aristobulus, den Sohn des Herodes, und zu dem Königreiche des Agrippa fügte er noch vier Städte mit ihren Gebieten hinzu, nämlich Abila und Julias in Peraea, Taricheae und Tiberias in Galilaea. Den übrigen Teil Judaeas unterstellte er dem Landpfleger Felix. Dieser nahm den Räuberhauptmann Eleazar, der zwanzig Jahre lang das Land verheert hatte, samt vielen seiner Spiessgesellen gefangen und sandte sie nach Rom. Weiterhin liess er eine Menge Räuber ans Kreuz schlagen und viele Bürger, die mit ihnen gemeinsame Sache gemacht hatten, ebenfalls hinrichten.

3. Nachdem das Land auf diese Weise gesäubert war, machte sich in Jerusalem eine andere Art von Banditen bemerklich, die man Sikarier nannte. Sie begingen am hellen Tage und mitten in der Stadt Mordthaten, mischten sich besonders an Festtagen unter das Volk und erstachen ihre Gegner mit kleinen Dolchen, die sie unter ihrer Kleidung versteckt trugen. Stürzten ihre Opfer zu Boden, so beteiligten sich die Mörder an den Kundgebungen des Unwillens und waren um dieses ihres unbefangenen Benehmens willen gar nicht zu fassen. Der erste, der von ihnen erdolcht wurde, war der Hohepriester Jonathas, und in der Folgezeit häuften sich die Mordthaten von Tag zu Tag derart, dass die Furcht vor ihnen mehr Entsetzen verbreitete als die Unglücksfalle selbst, indem wie in der Schlacht niemand auch nur einen Augenblick vor dem Tode sicher war. Schon von fern witterte man Feinde, ja selbst den Freunden, denen man begegnete, traute man nicht mehr, und doch kamen trotz aller argwöhnischen Vorsicht immer neue Mordanfälle vor — so gross war die Gewandtheit der Banditen und ihre Fertigkeit, sich unsichtbar zu machen.

4. Gleichzeitig mit diesen Elenden kam eine andere Rotte von Bösewichtern auf, deren Hände zwar reiner, deren Gesinnungen aber noch ruchloser waren als die der Sikarier, und die nicht weniger als diese das Glück der Stadt untergraben halfen. Es waren dies Verführer und Betrüger, die unter dem Vorwand göttlicher Sendung auf Umwälzung und Aufruhr hinarbeiteten und das Volk zu religiöser Schwärmerei hinzureissen suchten, indem sie es in die Wüste lockten T als ob Gott ihnen dort durch Wunderzeichen ihre Befreiung ankündigen würde. Felix, der in diesen Vorgängen den Keim der Empörung erkannte, liess Reiterei und Fussvolk gegen die Menge ausrücken und viele niedermetzeln.

5. Eine noch schlimmere Plage für die Juden war der falsche Prophet aus Aegypten. Es war nämlich ein Betrüger ins Land gekommen, der sieh das Ansehen eines Propheten verschafft und gegen dreissigtausend Betrogene um sich gesammelt hatte. Mit diesen zog er aus der Wüste auf den sogenannten ölberg, von wo er mit Gewalt in Jerusalem einzudringen gedachte. Weiterhin beabsichtigte er dann die römische Besatzung zu überwältigen und sich zum Beherrscher des Volkes aufzuwerfen, wobei er die Genossen seiner Unternehmung als Leibwache gebrauchen wollte. Felix indes vereitelte den Plan, indem er dem Betrüger mit römischen Schwerbewaffneten entgegen rückte, unterstützt vom ganzen Volke, das an der Gegenwehr teilnahm. Gleich nach Beginn des Treffens machte sich der Aegyptier mit wenigen Begleitern davon, während die meisten seiner Anhänger niedergemacht wurden oder in Gefangenschaft gerieten. Der Rest zerstreute sich, und jeder suchte sich in seiner Heimat zu verbergen.

6. Kaum war dieser Schaden beseitigt, so brach wie an einem kranken Körper die Entzündung anderswo wieder hervor. Die Betrüger und Räuber nämlich thaten sich jetzt zusammen, verleiteten viele Juden zum Abfall und reizten sie zum Befreiungskämpfe auf. Wer die römische Oberhoheit anerkannte, den bedrohten sie mit dem Tode, und offen sprachen sie es aus, dass die, welche freiwillig die Knechtschaft auf sich nähmen, mit Gewalt zur Freiheit geführt werden müssten. Truppweise verteilten sie sich demgemäss ins Land, plünderten die Besitzungen der Grossen, mordeten die Eigentümer und äscherten die Dörfer ein, sodass ganz Judaea unter ihren Frevelthaten zu leiden hatte und der Krieg von Tag zu Tag heftiger entbrannte.

7. Unruhen anderer Art entstanden in Caesarea, indem die syrischen Bewohner der Stadt mit ihren jüdischen Mitbürgern in Zwist gerieten. Letztere nämlich behaupteten, die Stadt gehöre ihnen, weil ein Jude, der König Herodes, ihr Erbauer gewesen sei. Die Syrer ihrerseits gaben wohl zu, dass ein Jude Caesarea gegründet habe, nahmen aber die Stadt selbst als Eigentum der Griechen in Auspruch: denn hätte Herodes sie für die Juden bestimmt, so würde er wohl keine Standbilder und Tempelgebäude in ihr errichtet haben. Darüber entbrannte der Streit, und endlich stieg die Erbitterung so gewaltig, dass man zu den Waffen griff und tagtäglich die Kühnsten von jeder Partei zum Kampfe hervortraten. Denn einerseits vermochten die Ältesten der Juden die Heisssporne ihrer Gemeinde nicht mehr im Zaum zu halten, und anderseits kam es den Griechen schimpflich vor, sich von den Juden an Mut übertreffen zu lassen. An Reichtum und Körperkraft waren die Juden überlegen, die Griechen aber dadurch, dass die Truppen zu ihnen hielten; denn der grösste Teil der dort liegenden römischen Streitmacht bestand aus Syrern, die den Griechen als Stammesgenossen beizustehen stets bereit waren. Die Befehlshaber gaben sich übrigens alle Mühe, die Unruhen im Keime zu ersticken, indem sie die Kampflustigsten auf beiden Seiten jedesmal festnehmen liessen und sie mit Geisselung und Einkerkerung bestraftem Das Schicksal der Verhafteten aber, weit entfernt, den übrigen Mässigung oder Furcht beizubringen, machte diese nur noch erbitterter und aufrührerischer. Als eines Tages die Juden Sieger geblieben waren, erschien Felix auf dem Marktplatz und befahl ihnen unter Drohungen, sich zurückzuziehen; da sie sich aber weigerten, der Aufforderung nachzukommen, liess er eine Truppenabteilung anrücken, zahlreiche Juden niedermetzeln und ihre Habe der Plünderung preisgeben. Trotzdem dauerten die Reibereien fort, bis endlich Felix die angesehensten Männer von jeder Partei aus wählte und sie als Gesandte an Nero schickte, vor dessen Richterstuhl sie ihre Händel austragen sollten.

Kapitel 14 – Von den Landpflegem Festus, Albinus und Gessius Florus. Letzterer treibt durch seine Grausamkeit die Juden 9 zum Kriege

1. Festus, der nun das Landpflegeramt erhielt, schritt sogleich nachdrücklich gegen die allgemeine Landplage ein, indem er die meisten Räuber aufgreifen und eine beträchtliche Anzahl derselben hinrichten liess. Sein Nachfolger Albinus aber führte die Verwaltung in ganz anderem Geiste als er; denn keine Schändlichkeit gab es, die er nicht verübt hätte. Nicht genug, dass er die öffentlichen Kassen bestahl, eine Menge Privatleute ihres Vermögens beraubte und das ganze Volk mit Abgaben belastete — er gab auch noch die, welche von ihrer Obrigkeit oder den früheren Landpflegem wegen Räubereien eingekerkert worden waren, ihren Verwandten gegen Lösegeld frei, und nur wer nicht zahlen konnte, blieb als Übelthäter im Gefängnis. Jetzt wuchs auch den Umstürzlern in Jerusalem wieder der Mut: die Reichen brachten den Albinus durch Bestechung auf ihre Seite, sodass sie, unbehelligt von ihm, den Aufruhr schüren konnten, und das niedere Volk, dem die Ruhe nicht gefiel, hielt sich zu denen, die mit Albinus gemeinsame Sache gemacht hatten. Jeder Böse wicht hatte bald eine eigene Rotte um sich gesammelt, während Albinus unter allen wie ein Räuberhauptmann oder Tyrann hervorragte und mit Hilfe seiner Anhänger die friedliebenden » Gl n. Ohr. Bürger brandschatzte. Ja, es kam so weit,, dass die Geplünderten, anstatt, wie es richtig gewesen wäre, ihrer Entrüstung Ausdruck zu geben, nicht den Mund aufzuthun wagten, und dass die, welche bislang verschont geblieben waren, aus Furcht vor ähnlicher Misshandlung dem Unhold sogar noch schmeichelten. Ein freies Wort zu sprechen getraute sich überhaupt niemand mehr, und die Herrschaft nicht eines einzigen, sondern einer ganzen Menge Tyrannen Hess man sich ruhig gefallen. Damals wurde der Same ausgestreut, aus dem das Verderben der Stadt in Bälde erwachsen sollte.

2. Gleichwohl erschien Albinus noch als Muster von Rechtschaffenheit im Vergleich zu seinem Nachfolger Gessius Florus. Während nämlich der erstere die meisten seiner Schandthaten wenigstens noch im geheimen und mit einer gewissen Vorsicht verübte, trug Gessius seine Frevel gegen das Volk prahlerisch zur Schau und schreckte, wie wenn er als Henker zur Bestrafung Verurteilter gesandt worden wäre, vor keiner Art von Raub und Misshandlung zurück. In seiner Grausamkeit kannte er kein Mitleid, in seiner Ruchlosigkeit keine Scham, und noch nie hat jemand so wie er die Wahrheit in Lug und Trug verkehrt oder schlauere Mittel zur Erreichung seiner verbrecherischen Absichten zu ersinnen gewusst. An der Habe einzelner sich zu bereichern, hielt er nicht für der Mühe wert; dagegen raubte er ganze Städte aus und richtete ganze Gemeinwesen zu Grunde. Ja, es fehlte nicht viel, so hätte er im Lande ausrufen lassen, es stehe jedem frei, Räubereien zu verüben, wofern nur er selbst einen Teil von der Beute mitbekäme. Ganze Bezirke wurden durch seine Habsucht entvölkert, und gar viele verliessen die Wohnsitze ihrer Väter und flüchteten sich in fremde Provinzen.

3. So lange nun Cestius Gallus in der von ihm verwalteten Provinz Syrien weilte, getraute sich niemand, Gesandte an ihn zu schicken, um Florus zu verklagen. Als er aber kurz vor dem Fest der ungesäuerten Brote nach Jerusalem kam, umringten ihn nicht weniger als drei Millionen Juden, die ihn flehentlich baten, sich der schlimmen Lage des Volkes zu erbarmen, und unter lautem Geschrei Florus als die Geissei des Landes bezeichneten. Florus, der selbst anwesend war und neben Cestius stand, erwiderte diese Anklagen mit höhnischem Lachen; Cestius aber beschwichtigte die Menge durch das Versprechen, den Florus milder stimmen zu wollen, und kehrte nach Antiochia zurück. Um ihm Sand in die Augen zu streuen, gab Florus ihm bis Caesarea das Geleit, suchte aber dann voll Erbitterung die Juden in einen förmlichen Krieg zu verwickeln, durch den allein er seine Schandthaten verdecken zu können meinte. So lange nämlich Friede war, hatte er stets zu gewärtigen, dass die Juden ihn beim Caesar verklagen würden; brachte er aber eine Empörung zuwege, so konnte er vielleicht hoffen, durch das grössere Übel ihre Aufmerksamkeit von den kleineren abzulenken. So drangsalierte er denn das Volk mit jedem Tage mehr, um ihm die römische Oberherrschaft möglichst verhasst zu machen.

4. Unterdessen hatten auch die Griechen zu Caesarea es bei Nero durchgesetzt, dass sie als Herren der Stadt anerkannt wurden, und erschienen nun mit der Urkunde, die diese Entscheidung verbriefte. Damit nahm der Krieg seinen Anfang im zwölften Jahre von Neros Regierung und im siebzehnten der Königsherrschaft des Agrippa, und zwar im Monat Artemisios. Die Grösse der Leiden freilich, die aus ihm entsprangen, stand zu der näheren Veranlassung in gar keinem Verhältnis. Die Juden von Caesarea nämlich hatten eine Synagoge auf einem Platz, der einem griechischen Einwohner der Stadt gehörte. Zu wiederholten Malen hatten sie versucht, den Platz käuflich zu erwerben, und einen Preis dafür geboten, der den wahren Wert sehr überstieg. Der Eigentümer indes kümmerte sich nicht um ihr Anliegen, errichtete vielmehr, um sie zu ärgern, auf dem Platze Gebäulichkeiten, in denen er Werkstätten unterbrachte, sodass für die Juden nur ein enger, höchst unbequemer Eingang übrig blieb. Zuerst machten einige jugendliche Hitzköpfe Anstalt, den Bau zu hindern; als aber Florus ihrem Ungestüm Einhalt that, wussten die vermögenderen Juden, denen auch der Zollpächter Joannes sich anschloss, keinen anderen Rat, als dem Florus acht Talente anzubieten, damit er den Bau untersage. Florus versprach, um das Geld zu bekommen, alles thun zu wollen; kaum aber hatte er es in Händen, als er von Caesarea nach Sebaste reiste und die Streitenden ihre Sache allein ausmachen liess, als wenn er den Juden die Erlaubnis, zu den Waffen zu greifen, verkauft hätte.

5. Am folgenden Tage, einem Sabbat, stellte, während die Juden in der Synagoge versammelt waren, ein zehn Monate hat, öfters stattfindenden Verschiebung ist freilich die Übereinstimmung nur eine annähernde): Syro- Rom isch Heb räisch mace don isch Attisch bezw. Deutsch Nisan Xanthikos Munychion April Ijar Artemisios Thargelion Mai Siwan Daisios Skirrhophorion Juni Tamuz Panemos Hekatombaion Juli Ab Loos Metageitnion August Elul Gorpiaios Boedromion September Tischri Hyperberetaios Pyanepsion Oktober Marcheschwan Dios Maimakterion November Kislev Appellaios Poseideon Dezember Tebet Audynaios Gamelion Januar Schwat Peritios Antkesterion Februar Adar I (und im Dystros Elaphebolion März Schaltjahr A dar II) Ul'lfVERSITY'OF C/MJFORNlA händelsüchtiger Einwohner von Caesarea einen umgekehrten Topf vor den Eingang der Synagoge und opferte Vögel. Das versetzte die Juden in gewaltige Wut; denn in dieser Handlungsweise lag ebensowohl eine Verhöhnung ihrer Gesetze als eine Verunreinigung des Ortes. Während nun die ruhigeren und besonneneren Juden der Meinung waren, man solle sich noch einmal an die Behörden wenden, vermochten die leidenschaftlichen und heissblütigen jungen Leute ihre Streitlust nicht mehr zu unterdrücken. Die Händelsüchtigen von der Gegenpartei standen übrigens auch schon kampfgerüstet da, denn sie hatten das Opfer absichtlich veranstalten lassen. So kam es denn alsbald zum Handgemenge. Der römische Reiteroberst Jucundus, der den Auftrag hatte, die Ruhe wiederherzustellen, nahm den Topf weg und versuchte dem Streit ein Ende zu machen. Da er aber gegen die Caesareer nichts ausrichtete, holten die Juden eiligst ihre Gesetzbücher und zogen sich nach Narbata, einem jüdischen, sechzig Stadien von Caesarea entfernten Orte zurück. Nun begaben sich Joannes und zwölf der vornehmsten Juden nach Sebaste zu Florus, drückten ihr Bedauern über das Vorgefallene aus und baten ihn um seinen Beistand, indem sie ihn so nebenbei an die acht Talente erinnerten. Er aber liess die Abgeordneten ins Gefängnis werfen, weil sie — das sollte ihr Vergehen sein — die Gesetzbücher aus Caesarea mitgenommen hätten.

6. Diese Vorgänge versetzten die Bewohner Jerusalems in gewaltige Erbitterung; doch hielten sie ihren Zorn einstweilen noch zurück. Florus aber fachte, wie wenn er sich dazu verdungen hätte, die Kriegsflamme absichtlich an. Er schickte nämlich nach dem Tempelschatz und liess siebzehn Talente daraus entnehmen unter dem Vorwand, der Caesar habe das Geld nötig. Darob allgemeine Bestürzung im Volke: alsbald strömte es unter durchdringendem Geschrei in den Tempel, rief den Namen des Caesars an und flehte um Befreiung von der Tyrannei des Florus. Einige aus der Menge stiessen die ärgsten Schmähungen gegen letzteren aus, gingen mit einem Gefäss umher und bettelten um Almosen „für den armen, unglücklichen Florus“ Das alles aber, weit entfernt, seiner Geldgier ein Ziel zu setzen, reizte ihn nur noch zu weiteren Erpressungen. Anstatt nämlich nach Caesarea zu eilen, das dort ausbrechende Kriegsfeuer zu löschen und die Ursache der Streitigkeiten hinwegzuräumen, wofür er ja auch bezahlt worden war, brach er mit Reiterei und Fussvolk nach Jerusalem auf, um seinen Forderungen durch die Waffen der Römer Nachdruck zu geben und die Stadt durch Drohungen in Schrecken zu jagen.

7. Um seinen Groll im voraus zu beschwichtigen, ging das Volk den Soldaten mit bewillkommnenden Zurufen entgegen und traf Anstalten, auch Florus selbst aufs ehrenvollste zu empfangen. Der aber schickte den Centurio Capito mit fünfzig Reitern voraus und liess ihnen befehlen, sich heimzuscheren. Sie brauchten jetzt keine freundliche Gesinnung gegen den zu heucheln, den sie früher so schändlich geschmäht hätten. Wenn sie echte Männer seien und eine freimütige Sprache nicht scheuten, so sollten sie ihn auch in seiner Gegenwart verspotten und ihre Freiheitsliebe nicht nur mit Worten, sondern auch mit den Waffen in der Hand beweisen. Im selben Augenblick sprengten auch schon Capitos Reiter in die Menge hinein, die nun vor lauter Schrecken auseinanderstob, noch ehe sie Florus begrüsst und den Soldaten ihre unterwürfige Gesinnung hatte begreiflich machen können. Alles zog sich sodann in die Häuser zurück und verbrachte die Nacht in Zittern und Jagen.

8. Florus aber, der im Königspalast abgestiegen war, liess sich am folgenden Tage vor demselben auf einem Richterstuhl nieder, worauf die Hohepriester, die Grossen und überhaupt der vornehmere Teil der Bürgerschaft sich einfanden und vor dem Richterstuhl Aufstellung nahmen. Er verlangte nun von ihnen die Auslieferung derer, die ihn beschimpft hätten, und drohte ihnen, sie selbst zur Strafe zu ziehen, wofern sie ihm die Schuldigen nicht vorfuhrten. Sie dagegen wiesen auf die friedliche Stimmung des Volkes hin und erbaten Verzeihung für die, welche in ihren Reden zu weit gegangen. Es sei nicht zu verwundern, wenn in einer so grossen Menschenmenge auch einige Schreier und jugendlich unbesonnene Leute sich fanden; unmöglich aber sei es, die Schuldigen zu ermitteln, da alle ihren Sinn geändert hätten und aus Furcht vor Strafe sich aufs Leugnen verlegen würden. Florus möge daher dem Volke den Frieden und den Römern die Stadt zu erhalten suchen und deshalb lieber um der vielen Unschuldigen willen den wenigen Schuldigen verzeihen, als wegen einiger Böse wich ter den gutgesinnten grösseren Teil des Volkes in Gefahr bringen.

9. Diese Vorstellungen entfachten jedoch erst recht seinen Zorn, sodass er den Truppen zuschrie, sie sollten den sogenannten oberen Markt plündern und jeden, der ihnen in den Weg käme, niederstossen. Dieser Befehl ihres Herrn kam den beutegierigen Soldaten sehr gelegen, und sie plünderten nun nicht bloss den ihnen angewiesenen Stadtteil aus, sondern stürmten auch in jedes beliebige Haus hinein und mordeten die Bewohner. In den engen Gassen drängten sich die Fliehenden; wer ergriffen wurde, konnte seines Todes gewiss sen, und keine Art von Räuberei gab es, die nicht verübt worden wäre. Eine Menge friedliebender Bürger wurden festgenommen und zu Florus geschleppt, der sie schmählich geissein und dann kreuzigen liess. Die Gesamtzahl der an diesem einen Tage Umgekommenen einschliesslich der Weiber und Kinder — denn nicht einmal die Unmündigen wurden verschont — belief sich auf etwa dreitausendsechshundert. Was das Unglück aber noch schwerer machte, war eine bis dahin bei den Römern jiN][vigsitf#f c aejföRMi, unerhörte Grausamkeit; denn Florus erkühnte sich, was keiner seiner Vorgänger gewagt hatte, Männer von ritterlichem Stande, die zwar ihrer Abstammung nach Juden waren, aber eine römische Würde bekleideten, vor dem Richterstuhl geissein und ans Kreuz schlagen zu lassen.

Kapitel 15 – Berenikes Fürsprache zu gunsten der Juden. Florus facht den kaum erloschenen Aufruhr wieder an

1. Um diese Zeit war der König Agrippa nach Alexandria gereist, um dem Alexander, der von Nero mit der Verwaltung Aegyptens betraut worden war, hierzu Glück zu wünschen. Seine Schwester Berenike aber war damals gerade in Jerusalem anwesend und musste nun die Greuelthaten der Soldaten mit ansehen. Von innigem Mitleid ergriffen, sandte sie zu wiederholten Malen ihre Reiteroffiziere und Leibwächter zu Florus mit der Bitte, er möge doch dem Morden Einhalt gebieten. Aber weder die grosse Zahl der Getöteten noch die edle Abkunft der Fürsprecherin vermochte ihn zu zu rühren; er sah vielmehr nur auf den Gewinn, den die Plünderungen ihm- eintrugen, und liess ihre Bitten völlig unbeachtet. Ja, die Wut der Soldaten richtete sich sogar gegen die Königin selbst; denn nicht nur marterten und töteten sie die Gefangenen vor Berenikes Augen, sondern sie würden auch sie selbst ums Leben gebracht haben, wenn sie sich nicht schleunigst in den Königspalast geflüchtet hätte, wo sie aus Furoht vor einem Überfall seitens der Soldaten die ganze Nacht unter dem Schutz einer Wache zubrachte. Der Zweck ihres damaligen Aufenthaltes in Jerusalem war die Erfüllung eines dem Herrn abgelegten Gelübdes. Es ist nämlich Sitte, dass Juden, die von einer schweren Krankheit oder sonst einem Unglück heimgesucht worden sind, dreissig Tage lang, bevor sie die Opfer darbringen, dem Gebet obliegen, sich des Weines enthalten und ihr Haupthaar scheren. In der Erfüllung eines solchen Gelübdes begriffen, erschien Berenike damals barfuss als Bittstellerin vor dem Richterstuhl des Florus, erfuhr aber nicht nur eine unehrerbietige Behandlung, sondern geriet auch obendrein noch in Lebensgefahr.

2. Das geschah am sechzehnten des Monats Artemisios. Am nächsten Tage strömte das Volk in grosser Erregung auf dem oberen Markt zusammen und bejammerte unter lautem Klagegeschrei die Gemordeten, während zugleich der Hass gegen Florus sich in argen Verwünschungen Luft machte. Voll Besorgnis darüber zerrissen die Vornehmen und die Hohepriester ihre Kleider, fielen einzelnen Männern aus dem Volke zu Füssen und beschworen sie, inne zu halten und den Florus nicht soweit zu reizen, dass er den bisherigen Quälereien noch weitere Grausamkeiten hinzufüge. Alsbald beruhigte sich denn auch die Menge, teils aus Ehrfurcht vor den Bittenden, teils in der Hoffnung, Florus werde nun keine Ungerechtigkeiten mehr begehen.

3. Dem Landpfleger jedoch kam das Erlöschen des Aufruhrs sehr ungelegen, und er sann daher auf Mittel, ihn wieder anzufachen. In dieser Absicht beschied er die Hohepriester sowie die angesehensten Bürger zu sich und eröffnete ihnen, er könne nur dann überzeugt sein, dass die Juden nicht mehr an Empörung dächten, wenn sie den von Caesarea heranrückenden Truppen zur Begrüssung entgegenzögen. Es waren nämlich zwei Kohorten im Anmarsch. Während nun die Genannten das Volk zusammenriefen, liess er durch vorausgeschickte Boten den Centurionen der Kohorten sagen, sie sollten ihren Leuten befehlen, die Begrüssung seitens der Juden durch nichts zu erwidern und, wenn sie unwillige Reden über ihn hörten, von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Mittlerweile hatten die Hohepriester das Volk iin Tempel versammelt und es ermahnt, den Römern ruhig entgegenzuziehen und, um ein Unglück zu verhüten, die Kohorten freundlich zu empfangen. Davon aber wollten die Empörungslustigen nichts wissen, und was die grosse Masse betraf, so neigte sie unter dem noch frischen Eindruck des Gemetzels sich bedenklich auf die Seite der Tollkühnen.

4. In diesem kritischen Augenblick erschienen die sämtlichen Priester und Diener Gottes, die heiligen Geräte vor sich hertragend und mit dem Schmucke angethan, den sie beim Gottesdienst zu tragen pflegten, ferner die Kithara - Spieler und die Chorsänger mit ihren Instrumenten, fielen nieder und flehten das Volk an, ihnen doch den Besitz des heiligen Schmuckes zu sichern und die Römer nicht zur Wegnahme der gottgeweihten Kleinodien zu reizen. Die Hohepriester selbst sah man das Haupt mit Asche bestreut und mit entblösster Brust, da sie ihre Kleider zerrissen hatten. Sie beschworen die einzelnen Vornehmen unter Nennung ihres Namens und das Volk im ganzen, doch nicht durch Unterlassung einer unbedeutenden Förmlichkeit ihre Vaterstadt denen preiszugeben, die sie zu verwüsten trachteten. „Können denn/* so frugen sie, „die Soldaten etwa einen besonderen Vorteil von der Begrüssung haben, die ihr ihnen bieten sollt? Oder wird vielleicht dadurch, dass ihr euch weigert, ihnen entgegenzuziehen, das geschehene Unglück ungeschehen gemacht? Empfanget also eurer Gewohnheit gemäss die Truppen recht freundlich; denn auf diese Weise werdet ihr dem Florus jeden Anlass zum Kriege nehmen, eure Vaterstadt vor dem Untergang bewahren und euch vor weiteren Misshandlungen sichern. Ohnedem verrät es ja eine grosse Unbesonnenheit, wenn ihr von den wenigen unruhigen Köpfen euch leiten lasst, anstatt, wie es sich bei eurer grossen Anzahl gehört, ihre Zustimmung zu euren Beschlüssen zu erzwingen“

5. Durch diese Worte beschwichtigten sie nicht nur die Menge selbst, sondern sie brachten auch die Empörer teils durch Drohungen, teils durch ihre ehrfurchtgebietende Haltung zum Schweigen. Ruhig und in festlichem Schmuck zog nun das Volk den Soldaten entgegen und begrüsste sie, als sie näher gekommen waren. Da aber der Giuss nicht erwidert wurde, fingen die Unruhigen an, über Florus zu schimpfen. Damit war das Zeichen zum Losschlagen gegeben: im nu hatten die Soldaten die Juden umzingelt und hieben mit Knitteln auf sie ein, und wer sich zur Flucht wandte, wurde von den Reitern verfolgt und von den Hufen der Rosse zertreten. Viele erlagen den Schlägen der Römer, aber noch weit grösser war die Zahl derer, die von ihren eigenen Landsleuten zu Tode gedrückt wurden. Fürchterlich war das Drängen an den Thoren: jeder suchte vor dem anderen hereinzu kommen, wodurch allen die Flucht erschwert wurde und die, welche zu Boden stürzten, auf grauenvolle Weise umkamen. Erstickt nämlich und von der Menge derer, die auf sie traten, zerquetscht, wurden sie so unkenntlich, dass niemand mehr die Seinigen auch nur zum Zwecke des Begräbnisses herauszufinden vermochte. Zugleich mit den Fliehenden drangen auch die Soldaten in die Stadt ein, unablässig auf alle losschlagend, die sie erreichen konnten, und suchten das Volk in den Bezetha genannten Stadtteil zu treiben, um es so zur Seite zu drängen und sich des Tempels und der Burg Antonia zu bemächtigen. In der nämlichen Absicht war auch Florus mit seiner Streitmacht aus dem Königspalast herbeigeeilt und suchte nun an die Festung heranzukommen. Der Anschlag misslang indes, denn auf einmal wandte sich das Volk, hielt dem Angriff stand und schoss, über die Dächer verteilt, auf die Römer hinab. Da diesen aber die aus der Höhe kommenden Geschosse arg zusetzten, und sie übrigens auch zu schwach waren, um die in den engen Gassen sich aufstauende Menschenmasse zu durchbrechen, zogen sie sich in ihr Lager nahe beim Königspalast zurück.

6. Die Aufrührer konnten sich nun der Besorgnis nicht erwehren, Florus möchte bei einem abermaligen Angriff den Tempel von der Antonia aus in seine Gewalt bekommen. Sie eilten daher alsbald hinauf und rissen die Säulenhallen nieder, welche den Tempel mit der Burg verbanden. Das kühlte die Habsucht des Florus ab: es hatte ihn nämlich nach den Gottesschätzen gelüstet, und darum hatte er die Antonia zu erreichen gesucht; nun aber die Hallen abgebrochen waren, enthielt er sich des Angriffs. Er beschied sodann die Hohepriester samt dem Rate zu sich und erklärte ihnen, er wolle die Stadt verlassen und ihnen eine Besatzung in der Stärke, die sie wünschten, zurücklassen. Darauf versprachen sie, für die Ruhe und Sicherheit der Stadt einstehen zu wollen, wenn er ihnen eine einzige Kohorte dalasse, jedoch nicht die, welche eben gekämpft habe; denn über diese sei das Volk wegen der erlittenen Verluste erbittert. Diesem Verlangen entsprechend, gab er ihnen eine andere Kohorte und kehrte mit den übrigen Truppen nach Caesarea zurück.

Kapitel 16 – Cestius schickt den Neapolitanus zur Untersuchung der letzten Vorgänge nach Jerusalem. Rede des Königs Agrippa an die Juden

1. Um nun dem Kriegsfeuer neuen Brennstoff zuzuführen, sandte Florus an Cestius einen Bericht, in welchem er lügenhafterweise die Juden des Abfalls beschuldigte, ihnen vorwarf, dass sie den Kampf angefangen, und ihnen zur Last legte, das gethan zu haben, was sie vielmehr von den Römern erlitten hatten. Anderseits schwiegen aber auch die obrigkeitlichen Personen in Jerusalem nicht still, sondern schilderten gemeinschaftlich mit Berenike dem CestiuB in einem Schreiben das aller Gerechtigkeit Hohn sprechende Verfahren deB Florus gegen die Stadt. Als Cestius von den beiderseitigen Berichten Kenntnis genommen hatte, beriet er sich mit seinen Offizieren, was zu thun sei. Einige von diesen waren der Meinung, Cestius solle mit einem Heere nach Jerusalem auf brechen, um die Stadt für den Abfall zu züchtigen, wenn ein solcher wirklich stattgefunden habe, oder aber die Juden, falls sie treu geblieben, in dieser Gesinnung zu bestärken. Ihm selbst indes schien es geratener, zunächst einen seiner Freunde hinzusenden, der den Stand der Dinge untersuchen und über die Stimmung der Juden zuverlässigen Bericht erstatten sollte. Mit dieser Aufgabe betraute er einen seiner Tribunen, Neapolitanus, der bei Jamnia mit dem aus Alexandria heimkehrenden König Agrippa zusammentraf und ihm den Namen seines Auftraggebers sowie den Zweck seiner Sendung mitteilte.

2. Ebendaselbst fanden sich auch die Hohepriester und. Vornehmen der Juden samt dem Rate ein, um dem König ihre Aufwartung zu machen. Und nachdem sie ihre Huldigung dargebracht, klagten sie ihre Not und schilderten ausführlich die Grausamkeit des Florus. So sehr nun Agrippa darüber in Unwillen geriet, liess er doch mit berechnender Klugheit seinen Zorn gegen die Juden aus, mit denen er innerlich Mitleid empfand. Es lag nämlich in seiner Absicht, ihren Stolz zu demütigen und sie durch die Meinung, als hätten sie ihre Leiden selbst verschuldet, von Rachegedanken abzubringen. In der That erkannten sie als gebildete und schon mit Rücksicht auf ihren eigenen Besitz friedliebende Männer sehr wohl, wie gut des Königs Vorwürfe gemeint waren. Nun aber kam auch das niedere Volk von Jerusalem Agrippa und Neapolitanus etwa sechzig Stadien weit entgegengezogen, um sie zu begrüssen, allen voran unter lauten Wehklagen die Weiber der Gemordeten. Alsbald stimmte die gesamte Menge in deren Jammergeheul ein und flehte Agrippa um seinen Beistand an; dem Neapolitanus aber klagten sie laut die vielen Misshandlungen, die Florus ihnen zugefügt, und zeigten ihm wie dem Könige nach dem Einzug in die Stadt den verödeten Marktplatz und die zerstörten Häuser. Dann liessen sie durch Agrippa den Neapolitanus bereden, mit nur einem Diener die ganze Stadt bis zur Siloaquelle zu durchwandern, damit er sich überzeuge, dass die Juden in allen anderen Stücken sich fügten und nur gegen Florus wegen dessen m assloser Grausamkeit aufgebracht seien. Als er nun die ganze Stadt begangen und hinreichende Beweise für die friedliche Gesinnung der Bürger gefunden hatte, stieg er zum Tempel hinauf. Dorthin liess er dann auch das Volk zusammenrufen, erteilte ihm wegen seiner Treue gegen die Römer reiches Lob, ermahnte es eindringlich zu friedlichem Verhalten und kehrte, nachdem er, soweit ihm dies gestattet war, dem Tempel Gottes seine Verehrung bezeugt hatte, zu Cestius zurück. 8. Nach seiner Abreise wandten sich die Juden an den König und die Hohepriester mit der Bitte, den Florus durch eine Gesandtschaft bei Nero verklagen zu lassen, weil nichts geeigneter sei, sie in den Verdacht des Abfalls zu bringen, als wenn sie zu den vielen Mordthaten Stillschweigen würden. Falls sie nämlich den, der zuerst mit Waffengewalt vorgegangen sei, nicht schleunigst namhaft machten, werde es den Anschein gewinnen, als hätten sie selbst es gethan. Dass unter diesen Umständen von Erhaltung der Ruhe beim Volk nicht die Rede sein konnte, wenn die Gesandtschaft unterblieb, war klar. Agrippa aber sah wohl ein, dass er sich durch Zulassung der Anklage gegen Florus Feindschaft zuziehen würde, und da er anderseits auch von dem Wiederauflodern der Kriegsflamme unter den Juden keinen Vorteil für sich erwarten konnte, berief er das Volk nach dem durch eine Brücke mit dem Tempel verbundenen Xystos, stellte seine Schwester so neben sich, dass sie von jedermann gesehen werden konnte, und hielt vor dem Palast der Asamonäer, welcher über dem Xystos an der Grenze der Oberstadt lag, folgende Rede:

4. „Wenn ich sähe, dass ihr allesamt auf Krieg mit den Römern drängtet, und nicht vielmehr überzeugt wäre, dass der lauterste und edelste Teil des Volkes entschlossen ist, Frieden zu halten, so würde ich nicht vor euch hintreten und es wagen, euch meinen Rat anzubieten. Denn überflüssig ist ja jedes Wort hinsichtlich dessen, was man thun soll, wenn sämtliche Zuhörer sich schon zum voraus auf einen verderblichen Entschluss geeinigt haben. Da es sich aber hierbei entweder um junge ungestüme Leute handelt, die des Krieges Drangsale noch nicht aus Erfahrung kennen, oder um solche, die teils von unvernünftiger Hoffnung auf Freiheit getrieben werden, teils auch von Habgier und der Erwartung, bei dem allgemeinen Wirrwarr die Schwächeren ausbeuten zu können, so erachtete ich es für notwendig, euch alle hier zu versammeln und zu sagen, was nach meiner Ansicht am geeignetsten ist, einerseits jene Tollkühnen zur Ernüchterung und Umkehr zu bringen und anderseits die Gutgesinnten davor zu bewahren, dass sie von einigen Unbesonnenen ins Verderben gerissen werden. Unterbreche mich aber niemand, wenn er etwas hört, das ihm nicht gefällt. Denn wer den Aufruhr um jeden Preis will, dem steht es ja frei, auch nach meiner Ermahnung bei seiner Gesinnung zu verharren; dagegen geht, wenn nicht alle ruhig bleiben, mein Wort auch für diejenigen verloren, die es gern hören möchten. — Ich weiss, dass gar viele übertreiben, wenn es sich um Klagen über die Ungerechtigkeit der Landpfleger oder um Lobreden auf die Freiheit handelt. Bevor ich nun erörtere, was ihr selbst seid und was die sind, mit denen ihr Krieg zu führen beabsichtigt, will ich zunächst die Verwirrung, die in betreff der V orwände zum Kriege herrscht, zu lösen suchen. Wenn ihr euch nämlich nur der Personen erwehren wollt, die euch drangsalieren, wozu preist ihr dann die Freiheit? Kommt es euch aber überhaupt unerträglich vor, dass ihr einen Herrn über euch habt, so ist der Tadel gegen die Landpfleger ganz überflüssig; denn dieselben mögen noch so massvoll sein, die Unterwürfigkeit bleibt doch nicht weniger schimpflich. Geht ihr nun die einzelnen Punkte der Reihe nach durch, wie geringfügig erscheint da die Veranlassung zum Kriegei Was zunächt die Klagen über die Landpfleger angeht, so muss man den Machthabern huldigen, nicht aber ihren • Zorn erregen, und wenn ihr kleine Vergehen mit heftigen Schimpfworten erwidert, so thut ihr das nur zu eurem eignen Nachteil; denn nicht mehr insgeheim und mit einer gewissen Scheu fügen sie euch Schaden zu, sondern offen richten sie euch zu Grunde! Nichts vermag den Schlägen so sicher Einhalt zu thun, als wenn sie geduldig ertragen werden, und die ergebene Ruhe der Misshandelten wandelt gar oft den grausamen Sinn der Peiniger. Gesetzt aber auch, die von den Römern geschickten Beamten seien unverbesserlich hart, so bedrücken euch ja weder die Römer in ihrer Gesamtheit, noch der Caesar, und diese sind es doch, gegen die ihr Krieg führen wollt. Und wird auch einmal zufällig ein ruchloser Mensch als Landpfleger geschickt, so hat er doch jedenfalls keinen Auftrag, sich nun auch ruchlos zu benehmen. Übrigens kann man im Westen unmöglich sehen, was hier im Osten vor sich geht, wie ja umgekehrt Nachrichten von uns nur schwer dorthin gelangen. Es ist daher widersinnig, um eines Mannes willen viele, um kleiner Ursachen willen ein so mächtiges Volk bekriegen zu wollen, das nicht einmal weiss, worüber wir zu klagen haben. Immerhin muss doch auch die Möglichkeit ins Auge gefasst werden, dass unseren Beschwerden einmal schnelle Abhilfe zu teil würde; zunächst nämlich wird nicht ein und derselbe Landpfleger beständig bei uns bleiben, und dann ist es auch sehr wahrscheinlich, dass als seine Nachfolger Männer von milderer Sinnesart kommen werden. Ist aber der Krieg einmal im Gange, so geht es nicht ohne grosse Verluste ab, mag man ihn nun beendigen oder weiterführen wollen. — Um nun von der Freiheit zu reden, so ist es jetzt nicht an der Zeit, nach ihr zu verlangen. Früher hätte man darum kämpfen sollen, sie nicht zu verlieren; denn der erste Druck der Knechtschaft ist hart, und gerecht der Kampf gegen sie, wenn sie noch erst droht. Wer aber, nachdem er einmal unterjocht ist, wieder abfällt, ist ein eingebildeter Sklave und kein freiheitliebender Mann. Ja, damals hätte man alles auf bieten sollen, die Römer nicht hereinzulassen, als • Pompejus zuerst das Land betrat. Damals vermochten unsere Vorfahren und deren Könige, die an Geldmitteln, Streitkräften und persönlichem Mut euch weit überlegen waren, selbst einem kleinen Teil der römischen Heeresmacht nicht standzuhalten; und ihr, die ihr die Knechtschaft gewissermassen als Erbteil empfangen habt und an Hilfsmitteln euren Ahnen, die sich zuerst der römischen Oberhoheit fügten, unendlich nachsteht, wollt jetzt gegen das ganze grosse römische Reich euch auf lehnen? Schaut auf die Athener: sie haben einst für die Freiheit Griechenlands ihre Stadt den Flammen preisgegeben, haben den übermütigen Xerxes, der auf dem Lande zu Schiffe fuhr und über das Meer zu Fuss ging, dessen Reich keine Grenzen kannte und für dessen Heer Europa nicht Raum genug bot, verfolgt, als er auf einem einzigen Schiffe entfloh, und bei der kleinen Insel Salamis jene gewaltige asiatische Macht gebrochen — und doch sind sie jetzt den Römern unterthan, und die Stadt, die einst an der Spitze Griechenlands stand, wird jetzt durch Befehle regiert, die von Italien kommen. Die Lakedaemonier ferner, die ihr Thermopylae, Plataeae und einen Agesilaos, den Erschliesßer Asiens, hatten, mussten sich dieselben Herren gefallen lassen. Und die Macedonier, die noch immer von Philippos träumen und ihn sehen, wie er mit Alexander die Keime eines Weltreiches ausstreute, fügen sich dem Umschwung und huldigen den Machthabern, denen das Glück sich zugewandt hat. Auch unzählige andere Völkerschaften, die von noch höherem Freiheitsdrang beseelt sind, gehorchen dem Scepter der Römer. Ihr allein erachtet es für eine Schande, denen unterworfen zu sein, die den Erdkreis in ihrer Gewalt haben. Wo ist denn das Heer, wo sind die Waffen, die euch dieses Selbstvertrauen einflössen? Und wo ist die Flotte, die die Meere der Römer besetzen soll, wo sind die Geldmittel, mit denen ihr eure Unternehmungen bestreiten wollt? Meint ihr etwa, es seien Aegyptier oder Araber, gegen die ihr das Schwert zu ziehen im Begriffe steht? Bedenkt ihr denn nicht, was es heisst: das römische Reich? Habt ihr keinen Massstab für eure eigene Schwäche? Wurde nicht euer Land schon oftmals von den Nachbarvölkern unterjocht? Die Macht der Römer dagegen beherrscht siegreich die Erde; ja selbst über deren Grenzen hinaus dehnten sie ihr Reich aus. Denn nicht genügte ihnen mehr der ganze Euphrat im Osten, im Norden der Ister, im Süden Libyen, das sie bis zur Wüste durchzogen, undGadira im Westen, sondern jenseits des Ocean suchten sie eine neue Welt, und ihre Adler trugen sie bis zu den vormals unbekannten Britannen. Und ihr, seid ihr denn reicher als die Gallier, tapferer als die Germanen, klüger als die Griechen und zahlreicher als alle Völker des Erdkreises? Was giebt euch den Mut, gegen die Römer anzugehen? Es ist eben, werdet ihr sagen, etwas drückendes um die Knechtschaft. Wie viel drückender aber muss sie den Griechen sein, die für das edelste Volk unter der Sonne gelten und ein so ausgedehntes Land bewohnen! Und doch gehorchen sie den sechs Stäben der Römer! Ebendasselbe thun auch die Macedonier, die sicherlich mehr Recht hätten als ihr, nach Unabhängigkeit zu streben. Und nun vollends die fünfhundert Städte Asiens, huldigen sie nicht dem einen Herrn und den Stäben der Konsuln, und das ohne die geringste römische Besatzung? Nicht reden will ich von den Heniochen und Kolchern und dem Volke der Taurer, von den Anwohnern des Bosporus und den Stämmen am Pontus und am See Maeotis, die früher nicht einmal von einheimischen Herrschern etwas wussten, jetzt aber von dreitausend Schwerbewaffneten im Zaum gehalten werden, während vierzig Kriegsschiffe in dem einst unfahrbaren, ungestümen Meere den Frieden schirmen. Mit wie grossem Recht könnten Bithynien, Kappadocien und das pamphylische Volk, die Lykier und Cilicier Anspruch auf Unabhängigkeit erheben — und doch zahlen sie ihre Steuern, ohne durch Waffengewalt dazu gezwungen zu sein. Die Thraker, die ein Land bewohnen fünf Tagereisen breit und sieben lang, ein Land, das viel rauher und unzugänglicher ist als das eurige und durch seine grimmige Kälte den Angreifer abschreckt — gehorchen sie nicht einer Besatzung von zweitausend Römern? Die Illyrier ferner, deren Gebiet bis nach Dalmatien und an den Ister sich erstreckt, fügen sie sich nicht der kleinen Truppe von zwei Legionen, die ihnen dazu auch noch die Angriffe der Daker abwehren hilft? Und die Dalmater, die so oft und so hartnäckig ihre Freiheit verteidigten und nach jeder Niederlage immer wieder Kräfte zu neuen Aufständen sammelten, wie ruhig leben sie jetzt nicht unter einer einzigen Legion! Eher aber als alle übrigen Völker konnten doch sicher die Gallier den Abfall wagen, da ihr Land so starke natürliche Befestigungen aufzuweisen hat: im Osten die Alpen, im Norden den Rheinstrom, im Süden das Pyrenaeische Gebirge und im Westen den Ocean. Obwohl sie indes durch solche Bollwerke geschützt sind, dreihundertundfünf Stämme zählen, sozusagen alle Quellen des Wohlstandes in ihrem eigenen Lande besitzen und mit ihren Erzeugnissen fast die ganze Welt überschwemmen, lassen sie es sich doch gefallen, den Römern tributpflichtig zu sein, und finden nichts darin, dass dieselben über den Reichtum ihres Landes nach Belieben verfügen. Und das dulden sie nicht etwa, weil sie feige geworden oder sonst aus der Art geschlagen sind, da sie ja achtzig Jahre lang um ihre Unabhängigkeit gekämpft haben, sondern nur aus Scheu vor der Macht der Römer und deren Glück, dem sie ihre Erfolge noch mehr wie den Waffen verdanken. So genügt denn ein Häuflein von zwölfhundert Soldaten, um sie in Schranken zu halten, während sie fast mehr Städte in ihrem Lande haben. Weiter: den Iberern verhalf in ihrem Freiheitskampf weder das aus dem heimatlichen Boden gegrabene Gold zum Siege, noch die ungeheure Entfernung von den Römern zu Lande wie zu Wasser, noch die Kriegslust der Lusitaner und Kantabrer, noch der nahe Ocean mit seiner selbst den Eingeborenen furchtbaren Brandung. Denn über die Säulen des Herakles hinaus drangen die Heere der Römer vor, bahnten sich auf den Höhen der Pyrenäen einen Weg durch die Wolken und unterwarfen sich auch diese weit entlegenen und schwer zu bekämpfenden Völkerschaften, die nun von einer einzigen Legion in Ruhe gehalten werden. Wer unter euch hat nicht schon von dem zahlreichen Volke der Germanen gehört? Ihre Stärke und Grösse habt ihr wohl schon oft Gelegenheit gehabt zu sehen, da ja die Römer überall Angehörige dieser Nation als Kriegsgefangene haben. Sie bewohnen ein ungeheures Gebiet, und noch grösser als ihre Körperkraft ist ihr Stolz. Einen Mut besitzen sie, der den Tod verachtet, und eine Gemütsart, die heftiger ist als die der wildesten Tiere. Und doch ist der Rhein jetzt die Grenzlinie ihrer Angriffe; von acht römischen Legionen bezwungen, werden sie als Gefangene zu Sklavendiensten verwendet, und die Masse des Volkes sucht ihr Heil in der Flucht Schaut auch auf die Mauer der Britannen, ihr, die ihr eure Hoffnung auf die Mauern Jerusalems setzt! Sie sind von den Fluten des Oceans geschützt und bewohnen eine Insel, die nicht kleiner ist als unser Land. Die Römer aber fuhren zu Schiffe hin und unteijocbten sie, und seitdem bilden vier Legionen die Besatzung der Insel. Doch was bedarf es noch vieler Worte, da ja selbst die überaus kriegerischen Parther, die über eine ganze Reihe von Völkerschaften gebieten und ungeheure Streitkräfte besitzen, den Römern Geiseln schicken und man in Italien den Adel des Orients mit verhaltenem Grimm Sklavendienste thun sieht. Es beugen sich also fast sämtliche Völker des Erdkreises vor den Waffen der Römer; und da wollt ihr allein Krieg mit ihnen führen, ohne das Ende der Karthager zu bedenken, die sich des grossen Hannibal und ihrer edlen Abkunft von den Phoeniciern rühmen konnten, gleichwohl aber dem starken Arme Scipios erlagen? Weder die Kyrenäer, in deren Adern lakedaemonisches Blut floss, noch die Marmariden, die bis weit in die wasserlose Wüste hinein wohnen, noch die Syrten, Nasamonen und Mauren, deren Namen allein schon Schrecken erregen, noch die zahllosen Horden der Nomaden vermochten der Tapferkeit der Römer Widerstand zu leisten. So haben sie sich denn auch den ganzen dritten Erdteil, dessen Völkerstämme nicht einmal leicht aufzuzählen sind, der vom Atlantischen Ocean und den Säulen des Herakles begrenzt ist und bis zum Roten Meere hin die zahllosen Aethiopen beherbergt, unterworfen. Abgesehen davon, dass diese Völkerschaften jährlich eine Getreidemenge zu liefern haben, von der die Bevölkerung Roms acht Monate lang sich nährt, entrichten sie auch noch eine ganze Reihe weiterer Abgaben und steuern zu den Bedürfnissen des Reiches bereitwillig bei, ohne eine der Auflagen für entehrend zu halten wie ihr, obgleich nur eine einzige Legion bei ihnen eich auf hält. Wozu aber brauche ich euch an Beispielen aus der Ferne die Macht der Römer zu zeigen, da doch von ihr das nahe Aegypten Zeugnis giebt, das sich bis zu den Aethiopen und dem glücklichen Arabien erstreckt, an Indien grenzt und nach Ausweis der Kopfsteuer ungerechnet die Bewohner Alexandrias eine Bevölkerung von siebeneinhalb Millionen Menschen hat, gleichwohl aber sich nicht schämt, unter der Oberhoheit der Römer zu stehen. Und doch, welch starken Stützpunkt für eine Aufstandsbewegung böte ihm die Stadt Alexandria wegen ihrer zahlreichen Bevölkerung, ihres Reichtums und ihrer ungeheuren Grösse. Denn die Stadt ist dreissig Stadien lang und nicht weniger als zehn Stadien breit; in einem Monat zahlt sie den Römern mehr Tribut wie ihr im ganzen Jahr, und ausserdem versieht sie auch noch Rom auf die Dauer von vier Monaten mit Getreide. Geschützt aber ist sie von allen Seiten, sei es durch unzugängliches Wüstenland, sei es durch hafenlose Meere, sei es durch Flüsse oder Sümpfe, Aber alles dies vermochte nichts gegen das Glück der Römer, und so halten heute zwei Legionen das weit ausgedehnte Aegypten und den macedonischen Adel im Zaume. Wo wollt ihr also, da auf der Erde alles römisch ist, eure Bundesgenossen zum Kriege gegen die Römer hernehmen? Etwa aus der unbewohnten Wüste? Es liegt ja allerdings auch noch die Möglichkeit vor, dass den einen oder anderen von euch seine Gedanken über den Euphrat trügen und ihn Hilfe von seiten unserer Glaubensgenossen in Adiabene erwarten liessen. Aber sie werden sich in Ermangelung eines triftigen Grundes nicht in einen solchen Krieg verwickeln wollen, und wenn sie auch den verderblichen Entschluss fassten, würden die Parther ihn wohl nicht zur Ausführung kommen lassen; denn diese haben das grösste Interesse an der Aufrechterhaltung des mit den Römern geschlossenen Waffenstillstandes, und sie würden den Vertrag zu verletzen glauben, wenn einer ihrer Unterthanen gegen die Römer zu Felde zöge. So bliebe denn also nichts übrig, als sich auf Gottes Hilfe zu verlassen. Aber auch er steht auf seiten der Römer; denn ohne Gott wäre es ihnen unmöglich gewesen, ein solches Reich zu errichten. Bedenket ferner, wie schwer es euch fallen würde, im Kampfe selbst mit schwächeren Feinden euren Gottesdienst genau nach Vorschrift zu halten. Gebote, deren Erfüllung euch in erster Linie den Beistand Gottes sichert, würdet ihr alsdann notgedrungen übertreten und euch dadurch sein Missfallen zuziehen. Wenn ihr nämlich den Sabbat heilig halten wollt und euch zu keiner Arbeit bewegen lasst, so werdet ihr leicht unterliegen, wie eure Vorfahren deshalb von Pompejus überwältigt wurden, weil dieser die Belagerung vornehmlich an solchen Tagen eifrig betrieb, an denen die Belagerten feiern mussten. Übertretet ihr aber im Kriege das Gesetz eurer Väter, so weiss ich nicht, um was ihr eigentlich noch kämpfen wollt. Denn das soll ja gerade einzig und allein euer Streben sein, dass ihre eure väterlichen Gesetze vor dem Verfall bewahrt. Wie könnt ihr nun aber Gottes Beistand erflehen, wenn ihr mit Vorbedacht seine Verehrung ausser acht lasst? Einen Krieg beginnt man stets im Vertrauen auf göttliche oder auf menschliche Hilfe; kann aber der Kämpfende weder auf die eine noch auf die andere rechnen, so ist er selbstverständlich dem Untergang verfallen. Was hindert euch übrigens, jetzt gleich eure Weiber und Kinder eigenhändig zu morden und diese unsere herrliche Vaterstadt in Brand zu stecken? Ihr handelt dann freilich wie Wahnsinnige, aber ihr werdet euch doch die Schmach einer Niederlage ersparen. Es ist wohlgethan, meine Freunde, sehr wohlgethan, so lange das Schiff noch im Hafen liegt, nach dem kommenden Sturm auszuschauen, anstatt mitten ins Unwetter hineinzufahren und so dem Untergang entgegenzutreiben. Denn wen ein unvorhergesehenes Unglück trifft, dem bleibt doch wenigstens noch der Trost des Mitleids; wer aber dem offenen Verderben eich in die Arme wirft, den treffen obendrein auch noch Vorwürfe. Es wird doeh wohl niemand glauben, die Römer würden auf Bedingungen hin Krieg führen und, wenn sie euch besiegt haben, Milde walten lassen. Nein, sie werden vielmehr zur Warnung für andere Völker die heilige Stadt in Asche legen und euer ganzes Geschlecht ausrotten. Denn selbst deijenige von euch, dem es gelingen wird, dem Blutbad zu entrinnen, wird nirgends eine Zufluchtsstätte finden, da alle Völker entweder schon Unterthanen der Römer sind, oder fürchten müssen, es zu werden. Ferner wird die Gefahr nicht nur euch hier in Jerusalem treffen, sondern auch die jüdischen Bewohner anderer Städte; giebt es doch kein Volk auf Erden, unter dem nicht eine Anzahl eurer Stammesgenossen lebte. Sie alle wird der Feind um eurer Empörung willen hinschlachten, und infolge des unheilvollen Rates einiger wenigen wird in jeder Stadt jüdisches Blut in Strömen fliessen; wer es aber vergiesst, wird straflos bleiben. Gesetzt indes den Fall, man würde euer schonen — wäre es da, bedenkt das wohl, nicht im höc'hsten Grade freventlich von euch gehandelt, wenn ihr gegen ein so menschlich gesinntes Volk die Waffen ergreifen würdet? Erbarmt euch also wenn nicht eurer Weiber und Kinder, so doch dieser eurer Hauptstadt und der heiligen Hallen! §chonet diese geweihte Stätte, erhaltet euch den Tempel mit seinen Heiligtümern! Denn auch diese werden die siegreichen Römer nicht unangetastet lassen, wenn man ihnen für die frühere Schonung derselben so wenig Dank gewusst hat. Ich aber rufe alles, was euch heilig ist, die Engel Gottes und unser gemeinsames Vaterland zu Zeugen an, dass ich nichts, was zu eurem Heile dient, unterlassen habe. Wenn ihr nun einen vernünftigen Entschluss fasst, werdet ihr wie ich in Frieden leben; lasst ihr euch aber von eurem Ungestüm fortreissen, so mögt ihr allein ohne mich der Gefahr entgegenrennen.“

5. Nach diesen Worten brachen der König und seine Schwester in Thränen aus, wodurch es ihnen gelang, die Josephus, Jüdischer Erleg. 17 aufwallende Volksleidenschaft grösstenteils zurückzudrängen. Laut riefen nun die versammelten Juden, nicht die Römer seien es, gegen die sie Krieg führen wollten, sondern Florus, ihr Bedränger. Agrippa aber entgegnete ihnen: „Nach euren Thaten zu schliessen, seid ihr doch schon im Kriege mit den Römern begriffen; denn ihr habt dem Caesar die Abgaben nicht entrichtet und die Hallen der Antonir k niedergerissen. Den Vorwurf des Aufruhrs könnt ihr also nur dadurch von euch abwälzen, dass ihr die Hallen wieder auf baut und die Steuern bezahlt. Dem Florus aber gehört die Burg nicht, und ebensowenig ist er es, dem ihr das Geld entrichten sollt.“

Kapitel 17 – Die Juden beginnen den Krieg gegen die Römer. Der Schriftgelehrte Manai'm

1. Hierdurch liess sich das Volk beruhigen, und alles eilte nun mit Berenike und dem König nach dem Tempel hinauf, um die Hallen wieder aufzubauen. Die Vorsteher aber und die Mitglieder des Rates verteilten sich auf die Dörfer und holten den Tribut ein, der denn auch bald in Höhe von vierzig Talenten — so viel war noch im Rückstand — beisammen war. So wusste Agrippa den drohenden Krieg noch aufzuhalten. Als er aber den Versuch machte, das Volk auch zum Gehorsam gegen Florus zu bewegen, bis der Caesar einen anderen Landpfleger senden würde, geriet die Menge in Erbitterung, beschimpfte den König und liess ihm durch einen Herold sagen, er solle die Stadt verlassen; ja, einzelne der Aufrührer erfrechten sich sogar, mit Steinen nach ihm zu werfen. Da freilich musste Agrippa sich sagen, dass die Leidenschaft der Empörer nicht mehr zu bändigen sei. Er schickte nun die Vorsteher samt den angesehensten Juden nach Caesarea zu Florus, damit dieser aus ihrer Mitte die Steuereinnehmer für das Land ernenne, und kehrte selbst voll Unwillen über die ihm widerfahrene Beschimpfung in sein Königreich zurück.

2. Unterdessen hatte sich eine [Anzahl derjenigen Juden, die um jeden Preis den Krieg wollten, zusammengeschart und war gegen eine Festung mit Namen Masada aufgebrochen. Dort überrumpelten sie die römische Besatzung des Platzes, machten sie nieder und legten eine Abteilung ihrer eigenen Leute hinein. Dra dieselbe Zeit geschah es, dass des Hohepriesters Ananias Sohn Eleazar, ein äusserst verwegener junger Mann, der damals die Tempel wache befehligte, an die dienstthuenden Priester die Aufforderung richtete, keine Gaben oder Opfer mehr von Nichtjuden anzunehmen. Das war der| eigentliche Anfang des Krieges gegen die Römer; denn es lag hierin eine Zurückweisung des Opfers für die letzteren und den Caesar. So eindringlich nun auch die Hohepriester und die einflussreichsten Männer den Widerspenstigen zuredeten, die herkömmlichen Opfer für die römische Obrigkeit nicht zu unterlassen, waren dieselben doch nicht zur Nachgiebigkeit zu bewegen, einmal weil sie sich auf die grosse Zahl ihrer Anhänger verliessen, zu denen die rüstigsten der Empörer gehörten, dann aber auch und zwar vorzugsweise im Vertrauen auf Eleazar als den Befehlshaber der Tempel wache.

3. Es traten nun die Vornehmen mit den Hohepriestern und den angesehensten Pharisäern zusammen, um sich angesichts des drohenden Unheils über die Lage der Dinge zu beraten. Man beschloss, es mit einer Ansprache an die Empörungslustigen zu versuchen, und berief das Volk zu einer Versammlung an das eherne Thor, welches im inneren Tempelraum gegen Sonnenaufgang lag. Nachdem hierauf die Redner mit heftigen Worten dargethan hatten, wie tollkühn es sei, an Abfall denken und das Vaterland in einen so schrecklichen Krieg stürzen zu wollen, suchten sie die Nichtigkeit der Vorwände zum Kriege zu beweisen und führten dann weiter aus, wie ihre Vorfahren das Tempelgebäude reichlich mit den von Ausländern gestifteten Geschenken verziert und stets die Gaben fremder Völker angenommen hätten. Auch hätten sie nicht nur niemand an der Darbringung von Opfern gehindert — denn das sei im höchsten Grade verwerflich —, sondern auch die Weihgeschenke, die man jetzt noch nach so langer Zeit im Inneren des Tempels sehen könne, dort aufgestellt. Sie aber, die Nachkommen, wollten jetzt, nur um die Römer zum Kampf herauszufordem und mit ihnen anzubinden, Neuerungen bezüglich des Gottesdienstes von Ausländern einführen, bedächten aber nicht, dass sie, ganz abgesehen von dem Gefährlichen ihres Beginnens, der Stadt auch noch den Ruf der Gottlosigkeit zuzögen, wenn bei den Juden allein ein Fremder weder opfern noch anbeten dürfe. Treffe jemand eine derartige Bestimmung einem Privatmann gegenüber, so würden sie das wohl als einen gewissermassen zum Gesetz erhobenen Verstoss gegen das Gebot der Menschenliebe ansehen und darüber in Aufregung geraten; jetzt aber, da es sich um Ausschliessung der Römer und des Caesars von den Opfern handle, fänden sie nichts Unrechtes darin. Es stehe indes zu befürchten, dass infolge der Zurückweisung dieser Opfer gar bald auch ihre eigenen Opferhandlungen unmöglich gemacht und der Stadt der Rechtsschutz des Reiches entzogen würde, wenn sie sich nicht schleunigst eines besseren besännen, die Opfer darbrächten und die Beleidigung wieder gut machten, bevor sie den Beleidigten zu Ohren gekommen sei.

4. Während dieser Ansprache hatte man Priester herbeigeholt, die in den alten Gebräuchen besonders Bescheid wussten und nun auseinandersetzten, wie die Vorfahren jederzeit Opfer von Ausländern angenommen hätten. Darauf aber achtete niemand von den Aufständischen, und was die dienstthuenden Priester betraf, die jene den Krieg herauf beschwörende Mässregel durchgesetzt hatten, so waren sie noch nicht einmal in der Versammlung erschienen. Da nun die Vornehmen merkten, dass die aufrührerische Bewegung ihnen bereits über den Kopf gewachsen war, suchten sie in der Besorgnis, die Römer möchten ihren Zorn zuerst an ihnen selbst auslassen, jede Schuld von sich abzuwälzen. Sie schickten deshalb sowohl an Florus als an Agrippa Gesandte, von denen die ersteren einen gewissen Simon, den Sohn des Ananias, zum Führer hatten, während unter den letzteren hervorragende Männer aus der Verwandtschaft des Königs, wie Saulus, Antipas und Kostobar, sich befanden. Die Gesandtschaften sollten darum bitten, dass Florus und Agrippa mit Heeresmacht gegen Jerusalem ziehen und den Aufruhr dämpfen möchten, bevor es zu spät sei. Für Florus konnte es natürlich nichts angenehmeres geben, als die Nachricht von den Unruhen, und so liess er in der Absicht, den Krieg zum Ausbruch zu bringen, die Gesandten einfach ohne jede Antwort. Agrippa aber, dem die Aufständischen nicht minder am Herzen lagen als die, gegen welche sie Krieg führen wollten, und der einerseits den Römern die Juden, anderseits den Juden ihren Tempel und ihre Hauptstadt zu erhalten bestrebt war, sah wohl ein, dass die Empörung auch ihm keinen Vorteil bringen könne, und schickte deshalb dreitausend Reiter aus Auranitis, Batanaea und Trachonitis unter Anführung des Obersten Darius und des Unterbefehlshabers Philippus, Sohnes des Jakim, dem Volk zu Hilfe.

5. Dadurch ermutigt, besetzten die Vornehmen mit den Hohepriestern und dem friedliebenden Teil des Volkes die obere Stadt; denn die untere sowie der Tempelbezirk befanden sich in den Händen der Empörer. Unablässig wurden nun teils mit der Hand, teils mit der Schleuder Steine geworfen sowie eine Menge Pfeilschüsse gewechselt Ab und zu machten auch einzelne Rotten Ausfälle und bekämpften sich aus der Nähe, wobei die Aufständischen an Kühnheit, die Königlichen an Kriegserfahrung sich überlegen zeigten. Letztere trachteten hauptsächlich danach, in den Besitz des Tempels zu gelangen, um die, welche das Heiligtum entweihten, daraus zu vertreiben; die Empörer unter Eleazar dagegen bemühten sich, ausser den Stadtteilen, die sie bereits innehatten, auch noch die obere Stadt in ihre Gewalt zu bekommen. Sieben Tage lang floss hüben wie drüben viel Blut, ohne dass eine der beiden Parteien aus ihrer Stellung gewichen wäre.

6. Am achten Tage, dem Feste des Holztragens, an welchem jedermann dem Brauche gemäss Holz für den Altar herbeizubringen pflegt, damit dem Feuer, das immerfort brennen soll, die Nahrung nicht fehle, schlossen die Anhänger Eleazars ihre Gegner vom Gottesdienst aus. Da sich übrigens zugleich mit dem unbewaffneten Volk auch viele Sikarier — wie man die Banditen mit Dolchen im Gewände nennt — in den Tempel eingeschlichen hatten, nahmen sie mit deren Hilfe ihre Angriffe alsbald in verstärktem Masse wieder auf und drängten die Königlichen, die ihnen an Zahl und Entschlossenheit nachstanden, in kräftigem Ansturm aus der oberen Stadt hinaus, die sie nun selbst besetzten. Hierauf steckten sie das Haus des Hohepriesters Ananias sowie die Paläste des Agrippa und der Berenike in Brand und trugen das Feuer dann auch nach dem städtischen Archiv, um so rasch wie möglich die Schuldurkunden zu vernichten und die Eintreibung der Ausstände unmöglich zu machen. Dadurch zogen sie die grosse Menge derer, denen die Vernichtung der Urkunden zugute kam, auf ihre Seite und.wiegelten so die Besitzlosen gegen die Vermögenden auf. Die Anlegung des Feuers war ihnen übrigens so leicht gelungen, weil die Archivwache sich geflüchtet hatte. Nachdem sie auf diese Weise den Nerv der Stadt vernichtet hatten, zogen sie gegen die Feinde selbst los. Ein Teil der Vornehmen und der Hohepriester verbargen sich in den unterirdischen Gängen, während die anderen samt den königlichen Mos. III,, 12. Truppen sich in den oberen Palast zurückzogen, dessen Thore sie eiligst hinter sich schlossen. Unter den letzteren befanden sich der Hohepriester Ananias, sein Bruder Ezekias und die Mitglieder der an Agrippa geschickten Gesandtschaft. Vorläufig liessen nun die Aufständischen, zufrieden mit ihrem Sieg und der Wirkung der Feuersbrünste, eine kleine Pause eintreten.

7. Tags darauf aber, am fünfzehnten des Monats Loos, griffen sie die Antonia an, und nachdem sie dieselbe zwei Tage lang belagert hatten, machten sie die Besatzung nieder und steckten das Kastell in Brand. Hierauf rückten sie vor den Palast, in welchen die Königlichen sich geflüchtet hatten, teilten sich in vier Haufen und suchten die Mauer zu durchbrechen. Angesichts der überaus zahlreichen Angreifer wagten die Eingeschlossenen keinen Ausfall, sondern verteilten sich auf den Brustwehren und Türmen, beschossen ihre Gegner und töteten eine Menge Banditen unter den Mauern. Bei Tage wie bei Nacht kämpfte man ohne Unterlass, die Empörer in der Hoffnung, die Besatzung aushungern zu können, die Königlichen hingegen in der Meinung, die Belagerer würden schliesslich vor Anstrengung ermatten.

8. Unterdessen machte sich ein gewisser Mana'im, ein Sohn jenes streitbaren Schriftgelehrten Judas aus Galilaea, der einst unter Quirin ius es den Juden zum Vorwurf gemacht hatte, dass sie ausser Gott auch noch die Römer als Herren anerkännten, mit einigen seiner Vertrauten nach Masada auf, erbrach hier das Zeughaus i D. h. den in der oberen Stadt gelegenen Königspalast des Herodes, in dessen Nähe sich nach II, 15, ein römisches Truppenlager befand. Letzteres muss übrigens in engster Verbindung mit dem Palast gestanden haben, da seine Besatzung, wie wir gleich unten (17,) erfahren, mit den Juden belagert wurde. des Königs Herodes, bewaffnete ausser seinen Landsleuten auch noch fremde Räuber und kehrte mit dieser Rotte als seiner Leibwache wie ein König nach Jerusalem zurück, wo er sich an die Spitze der Empörer stellte und die Leitung der Belagerung übernahm. Es fehlte indes an Maschinen, und offen die Mauer zu untergraben war wegen des Geschosshagels von oben nicht möglich. Die Belagerer gruben daher von einer entfernten Stelle aus auf einen der Türme hin einen unterirdischen Gang, sicherten ihn durch ein Holzgerüst vor dem Zusammenfallen, zündeten dann das Gerüst an und traten heraus. Sowie nun die Holzstützen verbrannt waren, stürzte der Turm augenblicklich ein. Jetzt aber zeigte sich nach innen zu eine zweite Mauer, die der äusseren gegenüber errichtet war. Die Belagerten hatten nämlich den Anschlag ihrer Feinde bemerkt — vielleicht weil der Turm, als er untergraben wurde, ins Schwanken geriet — und sich ein zweites Bollwerk hergestellt. Von diesem unerwarteten Anblick waren die Belagerer, die ihres Sieges schon sicher zu sein glaubten, aufs höchste betroffen. Auf einmal aber sandten die Eingeschlossenen zu Manaim und den Häuptern des Aufstandes und baten um freien Abzug, der denn auch den Königlichen und Einheimischen bewilligt wurde. Nachdem letztere nun wirklich abgezogen waren, bemächtigte sich der allein zurückgebliebenen Römer gewaltige Bestürzung, da sie gegen eine so grosse Überzahl nichts auszurichten vermochten; um gütlichen Vergleich zu bitten aber hielten sie für schmachvoll, ganz abgesehen davon, dass sie nicht sicher sein konnten, ob man das gegebene Wort auch halten würde. Sie verliessen daher ihr Lager, das leicht zu erstürmen war, und flohen nach den königlichen Türmen Hippikus, Phasael und Mariamne. Manaims Leute drangen nun in das verlassene Lager ein, machten alle, die noch nicht daraus entkommen waren, nieder und steckten es, nachdem sie sich des Gepäckes bemächtigt hatten, in Brand. Das geschah am sechsten des Monats Gorpiaios.

9. Am folgenden Tage wurde der Hohepriester Ananias aus der Wasserleitung des Königspalastes, wo er sich verborgen hatte, hervorgeholt und mit seinem Bruder Ezekias von den Banditen umgebracht Die Aufständischen aber bewachten die Türme, damit kein Mann von der Besatzung derselben entweiche. Die Zerstörung der Befestigungen und der Tod des Hohepriesters Ananias trieb übrigens Manaim zu unsinniger Grausamkeit* und in dem Wahne, nun keinen Nebenbuhler in der Herrschaft mehr zu haben, ward er ein unerträglicher Tyrann. Eleazars Anhänger erhoben sich deshalb wider ihn, indem sie sich untereinander etwa folgendermassen aussprachen: Nachdem man aus Sehnsucht nach Freiheit sich gegen die Römer aufgelehnt habe, dürfe man dieselbe jetzt nicht an einen Landsmann verlieren und sich die Tyrannei eines Menschen gefallen lassen, der, wenn er auch keine Gewalttaten verübe, doch weit unter ihnen stehe. Trete aber wirklich die Notwendigkeit ein, an die Spitze der Verwaltung einen einzelnen Mann zu berufen, so komme diese Würde jedem anderen eher als Manaim zu. Mit vereinten Kräften griffen sie ihn sodann im Tempel an, wohin er in prunkvollem Aufzug, angethan mit königlichem Gewände und gefolgt von einer Menge bewaffneter Anhänger, zur Verrichtung seiner Andacht sich begeben hatte. Als nun Eleazars Leute auf ihn eindrangen, beteiligte sich auch das übrige Volk an dem Angriff, raffte Steine zusammen und bewarf den Schriftgelehrten in der Meinung, wenn nur dieser erst aus dem Wege geräumt sei, werde der ganze Aufruhr ein Ende nehmen. Manaim und seine Leute hielten eine Zeitlang stand; als sie aber das gesamte Volk auf sich losstürmen sahen, floh jeder, wohin er konnte. Wer den Gegnern in die Hände fiel, wurde niedergemacht, und die Versteckten spürte man alsbald auf. Nur wenigen gelang es, unbemerkt nach Masada zu entkommen; unter diesen befand sich auch ein Verwandter Manalms, Eleazar, Sohn dej Jairus und nachmaliger Tyrann von Masada. Manaim selbst, der nach dem sogenannten Ophla geflohen war und sich dort feige verkrochen hatte, wurde kurz darauf ans Licht gezogen und unter schrecklichen Martern ums Leben gebracht, ebenso auch seine Unterbefehlshaber und das schlimmste Werkzeug seiner Tyrannei, Absalom.

10. Das Volk hatte, wie bereits bemerkt, bei diesem Vorgehen in der Hoffnung mitgewirkt, den ganzen Aufstand dadurch vielleicht beendigen zu können; die anderen hingegen verfolgten, indem sieManai'm stürzten, durchaus nicht den Zweck, den kriegerischen Unruhen ein Ziel zu setzen, sondern dachten dieselben nur noch eifriger zu schüren. Und obwohl das Volk sie dringend ersuchte, von der ferneren Belagerung der Soldaten Abstand zu nehmen, setzten sie den Römern nur um so ärger zu, bis endlich Metilius — so hiess der römische Befehlshaber — und seine Leute nicht länger Widerstand zu leisten vermochten und daher an Eleazar die Bitte um eidliche Zusicherung freien Abzugs richten liessen, wogegen sie ihre Waffen und ihre sonstige Habe auszuliefern versprachen. Nichts konnte den Anhängern Eleazars gelegener kommen, als dieses Gesuch, und so sandten sie Gorion, den Sohn des Nikomedes, Ananias, den Sohn des Sadduk, und Judas, den Sohn des Jonathas, zu den Römern hin, um den Vergleich durch Handschlag und Eid zu bekräftigen. Hierauf zog Metilius mit den Seinen ab. So lange sie nun noch im Besitz ihrer Waffen waren, griffen die Aufständischen sie weder an, noch liessen sie etwas von Verrat merken. Als aber dem Vertrage gemäss alle Römer ihre Schilde und Schwerter abgelegt hatten und arglos ihres Weges ziehen wollten, stürzten Eleazars Leute plötzlich auf sie los, umzingelten sie und sti essen sie nieder, ohne dass die Angegriffenen Widerstand leisteten oder sich aufs Bitten verlegten; nur auf den unter Eid abgeschlossenen Vertrag beriefen sie sich mit lauter Stimme. So wurden sie denn alle grausam ermordet bis auf Metilius; ihn allein liessen die Empörer am Leben, weil er um Schonung bat und die jüdische Religion samt der Beschneidung anzunehmen versprach. Für die Römer hatte übrigens der Verlust nicht viel zu besagen, da sie nur wenige Mann von einer ungeheuren Streitmacht einbüssten. Den Juden dagegen erschien das Gemetzel wie ein Vorspiel ihres eigenen Unterganges; denn sie erkannten wohl, dass die Unthat einen Kriegsgrund bilde, den sie nicht mehr aus der Welt schaffen könnten, und dass ihre Stadt von einem Frevel befleckt sei, für den sie, wenn auch zunächst nicht die Rache der Römer, so doch jedenfalls Gottes Strafgericht zu erwarten hätten. Demgemäss stellten sie öffentliche Trauer an, und eine allgemeine Niedergeschlagenheit bemächtigte sich der Stadt. Die Gutgesinnten aber konnten sich der Furcht nicht erwehren, sie möchten für die Empörer büssen müssen. Denn die Metzelei hatte gerade an einem Sabbat, also an einem Tage stattgefunden, an dem man sich des Gottesdienstes wegen aller Thätigkeit zu enthalten pflegt.

Kapitel 18 – Weit und breit werden die Juden blutig verfolgt

1. Am selben Tage und zur selben Stunde geschah es wie durch göttliche Fügung, dass die Bewohner von Caesarea ihre jüdischen Mitbürger ermordeten, sodass in einer Stunde über zwanzigtausend der letzteren hingeschlachtet wurden und in der ganzen Stadt kein Jude mehr übrig blieb; denn auch die Flüchtigen liess Florus aufgreifen und als Gefangene nach den 'Schiffswerften führen. Die Kunde von diesem Gemetzel versetzte das gesamte Volk der Juden derart in Wut, dass sie in einzelnen bewaffneten Abteilungen die Dörfer der Syrer und die in der Nähe der Grenze liegenden Städte Philadelphia, Sebonitis, Gerasa, Pella und Skythopolis verheerten. Sodann fielen sie über Gadara, Hippos und Gaulanitis her, wo sie die Ortschaften teils verwüsteten, teils niederbrannten, und rückten weiterhin auf die tyrische Stadt Kedasa sowie auf Ptolemais, Gaba und Caesarea los. Auch Sebaste und Askalon vermochten ihrem Ansturm nicht zu widerstehen, vielmehr äscherten sie die beiden Städte ein und zerstörten dann auch noch Anthedon und Gaza. Ausserdem fielen zahlreiche in der Nähe dieser Städte liegende Dörfer der Plünderung anheim, und haufenweise verbluteteten die männlichen Gefangenen unter dem Schwert ihrer Feinde.

2. Doch auch die Syrer richteten kein geringeres Blutbad an; vielmehr töteten sie in den Städten sämtliche Juden, deren sie habhaft werden konnten, und zwar nicht allein wie früher aus Hass, sondern auch um der ihnen selbst drohenden Gefahr zuvorzukommen. Ganz Syrien befand sich in gewaltiger Aufregung, und jede einzelne Stadt war in zwei feindliche Heerlager gespalten, die beiderseitig ihr Heil darin suchten, den Gegner zuerst zu verderben. So vergingen die Tage unter stetem Gemetzel, während die Nächte infolge der allgemeinen Angst noch grauenvoller sich gestalteten. Glaubte man nun die Juden ausgerottet zu haben, so kamen die als Judenfreunde verdächtigten Personen an die Reihe, und was die Zweifelhaften auf beiden Seiten betraf, so mochte man sie wohl nicht ohne weiteres umbringen, fürchtete sie aber, besonders wenn sie mit anderen vereint auftraten, wie ausgesprochene Feinde. Wer sonst für durchaus friedfertig gegolten hatte, den trieb jetzt die Habsucht dazu, den Anhängern der Gegenpartei nach dem Leben zu trachten. Denn ohne jede Scheu riss man das Vermögen der Gemordeten an sich und schaffte, als wären sie im Treffen gefallen, die bei ihnen Vorgefundenen Beutestücke in die eigene Behausung. Ja, man feierte den, der am meisten eingeheimst hatte, wie den Sieger über viele Feinde. Da füllten sich die Städte mit unbegrabenen Leichen: Greise sah man neben unmündigen Kindern tot dahingestreckt, und Weiber, denen man nicht einmal die Verhüllung der Scham gelassen hatte. Unsägliches Elend herrschte in der ganzen Provinz, und fast noch schlimmer als die wirklich verübten Greuel thaten war die Angst vor denen, mit welchen man drohte.

3. Hatten die Juden bis dahin nur mit Fremden zu kämpfen gehabt, so mussten sie dagegen bei ihrem Angriff auf Skythopolis die Erfahrung machen, dass ihnen ihre dortigen Stammesgenossen selbst als Feinde gegenübertraten. Die letzteren machten nämlich mit den Skythopoliten gemeinsame Sache und wollten, indem sie verwandtschaftliche Rücksichten ihrer persönlichen Sicherheit zum Opfer brachten, gegen ihre eigenen Landsleute zu Felde ziehen. Diese ihre übergrosse Bereitwilligkeit erregte indes den Argwohn der Skythopoliten, die nun befürchteten, ihre jüdischen Mitbürger möchten bei Nacht die Stadt überfallen und dadurch, dass sie ein grosses Blutbad unter deren Bewohnern anrichteten, den Abfall von ihren Landsleuten wieder gut zu machen suchen. Sie forderten sie daher auf, mit ihren Familien in den Hain überzusiedeln, wenn sie die Eintracht befestigen und ihre Vertragstreue gegen Fremde bekräftigen wollten. Arglos leisteten die Juden dieser Aufforderung Folge, worauf die Skythopoliten, um sie in Sicherheit zu wiegen, zunächst zwei Tage lang sich ruhig verhielten. In der dritten Nacht aber benutzten sie eine günstige Gelegenheit, metzelten die Juden, die teils im Schlafe lagen, teils aus Sorglosigkeit keine Wachen ausgestellt hatten, über dreizehntausend Menschen an der Zahl, nieder und bemächtigten sich ihrer gesamten Habe.

4. Besondere Erwähnung verdient hier das Schicksal, das einem gewissen Simon, dem Sohne eines nicht unangeöehenen Mannes Namens Saulus, widerfuhr. Er war von hervorragender Körperstärke und Kühnheit, missbrauchte aber beide Eigenschaften zum Schaden seiner Landsleute. Täglich zog er aus und tötete viele der vor Skythopolis liegenden Juden, und oft, wenn er ganze Haufen derselben in die Flucht trieb, hatte er allein den Ausschlag im Treffen gegeben. Jetzt aber ereilte ihn die verdiente Strafe für die an seinen Stammesgenossen begangenen Mordthaten. Als nämlich die Skythopoliten die Juden in dem Hain umzingelt hatten und sie mit Geschossen überschütteten, zog er sein Schwert, griff jedoch keinen seiner Feinde an, gegen deren Überzahl, wie er sah, nichts auszurichten war, sondern rief in leidenschaftlicher Erregung aus: „Von euch, ihr Skythopoliten, widerfahrt mir jetzt, was meine Thaten verdienen; habe ich doch meine Freundschaft für euch' durch die Niedermetzluug so vieler mir stammverwandter Menschen beweisen zu müssen geglaubt. Wer so schwer gegen sein eigenes Volk frevelte, dem geschieht ganz recht, wenn er von Fremden Treulosigkeit erfährt. Fluchbeladen will ich jetzt den Tod von meiner eigenen Hand erleiden, da er mir von Feindeshand nicht zukommt, und wie dieser Tod eine hinreichende Sühne meiner Schandthaten sein soll, so verschaffe er mir auch den Ruhm, als echter Mann gehandelt zu haben. Kein Feind soll sich brüsten, er habe mich erschlagen, noch über meinen Fall frohlocken!“ Während er dies sprach, warf er einen mitleidigen und zugleich wutsprühenden Blick auf seine Familie; er hatte nämlich ein Weib, mehrere Kinder und hochbetagte Eltern. Hierauf ergriff er zuerst seinen Vater beim Silberhaar und durchbohrte ihn mit dem Schwert, nach ihm seine Mutter, ohne dass sie sich im mindesten sträubte, und endlich sein Weib und seine Kinder, die sich sämtlich der Mordwaffe fast entgegenstürzten, um den Feinden zuvorzukommen. Nachdem er so seine ganze Familie getötet, stellte er sich, weithin sichtbar, auf die entseelten Körper, erhob seine Rechte, damit der Anblick niemand entgehe, und stiess sich das Schwert bis zum Griff in den Leib. Schade war’s um den jungen Mann wegen seiner Körperkraft und Seelengrösse; doch büsste er gerechterweise, weil er fremden Menschen fceine Ergebenheit bewiesen hatte.

5. Das Blutbad in Skythopolis hatte übrigens zur Folge, dass auch die Bewohner anderer Städte sich gegen ihre jüdischen Mitbürger erhoben. Dabei wurden in Askalon zweitausendfünfhundert, in Ptolema’is zweitausend Juden niedergemacht und ausserdem noch eine beträchtliche Anzahl derselben eingekerkert. Auch die Tyrier brachten viele Juden um und legten eine noch grössere Menge in Gewahrsam; desgleichen räumten die Bewohner von Hippos und Gadara die thatkräftigeren Juden aus dem Wege, während sie die zaghafteren ins Gefängnis warfen. Ebenso verfuhr man in den übrigen syrischen Städten, je nachdem dort Hass gegen die Juden oder Furcht vor denselben vorherrschend war. Nur die Bewohner von Antiochia, Sidon und Apamea schonten ihre jüdischen Mitbürger und liessen nicht zu, dass auch nur einer von ihnen ermordet oder eingekerkert wurde, vielleicht weil sie im Vertrauen auf die eigene Überzahl etwaigen Unruhen unter den Juden kein Gewicht beilegten, oder, was ich für zutreffender halte, aus Mitleid mit ihnen, da sie keine aufrührerische Gesinnung bei ihnen wahrnehmen konnten. Auch die Gerasener thaten den in der Stadt verbleibenden Juden kein Leid an und gaben sogar denen, welche dieselbe zu verlassen wünschten, noch bis zur Grenze das Geleit.

6. Im Reiche Agrippas wurde gleichfalls Verrat an den Juden geübt. Der König selbst war zu Cestius Gallus nach Antiochia gereist und hatte mit seiner Stellvertretung einen von dessen Freunden Namens Noarus, der mit dem Könige Soemus verwandt war, betraut. Da kamen aus Batanaea siebzig Männer, die vornehmsten und einsichtsvollsten der dortigen Juden, und baten um Truppen, um für den Fall aufrührerischer Bewegungen eine genügende Schutzmacht bei sich zu haben, mit deren Hilfe sie die Empörung niederwerfen könnten. Diese Männer nun liess Noarus durch eine Abteilung königlicher Soldaten, die er bei Nacht aussandtfe, sämtlich umbringen. Masslose Geldgier hatte ihn zu der Unthat, die übrigens ohne Vorwissen Agrippas verübt wurde, getrieben, und er fuhr nun mit grausamer Willkür fort, durch ähnliche Frevel gegen das Volk am Verderben des Reiches zu arbeiten, bis Agrippa Kunde davon bekam und ihm, da er aus Scheu vor Soemus ihn nicht hinrichten lassen mochte, wenigstens die Geschäfte eines Reichs Verwesers entzog. Die Empörer hatten sich inzwischen des oberhalb Jericho gelegenen Kastells Kypros bemächtigt, die Besatzung niedergemacht und die Festungswerke geschleift. Auch geschah es in diesen Tagen, dass die in Machaerus lebenden, sehr zahlreichen Juden an die dortige römische Besatzung das Ansinnen stellten, die Festung zu verlassen und ihnen dieselbe auszuliefern. Aus Furcht vor gewaltsamer Vertreibung willigten die Römer unter der Bedingung freien Abzugs ein, und nachdem dieser zugesagt war, übergaben sie die Festung, in welche nun Bürger von Machaerus einrückten.

7. Was ferner Alexandria betraf, so hatten die einheimischen Bewohner der Stadt mit den Juden in beständigem Streit gelebt, seitdem Alexander bei letzteren bereitwillige Hilfe gegen die Aegyptier gefunden und ihnen dafür die Belohnung zuerkannt hatte, dass sie gleiche Rechte wie ihre griechischen Mitbürger gemessen sollten. Diese Auszeichnung verblieb ihnen auch unter seinen Nachfolgern, die ihnen sogar ein eigenes Stadtviertel an wiesen, damit sie, un vermischt mit Fremden, die Reinheit ihrer Lebensweise besser bewahren könnten, und ihnen erlaubten, sich Macedonier zu nennen. Als später die Römer Herren von Aegypten geworden waren, mochte weder der erste Caesar noch einer seiner Nachfolger den Juden die ihnen von Alexander verliehenen Vorrechte schmälern. Die Folge davon waren beständige Reibereien zwischen Juden und Griechen, und obwohl die Obrigkeit auf beiden Seiten täglich eine Menge Strafen verhängte, vergrösserte sich doch die Spannung immer mehr. Wie nun damals an anderen Orten Unruhen ausbrachen, so nahm auch in Alexandria der Zwist einen schärferen Charakter an. Als eines Tages die Alexandriner wegen einer an Nero abzuordnenden Gesandtschaft eine Versammlung hielten, hatten mit den Griechen auch viele Juden Einlass ins Amphitheater gefunden. Kaum aber waren die Gegner ihrer ansichtig geworden, als sie ein Geschrei erhoben, sie Feinde und Spione schimpften, sich auf sie warfen und sie thätlich angriffen. Drei Männer gerieten hierbei in die Gewalt der Griechen, die sie fortschleppten, um sie lebendig zu verbrennen; die übrigen wurden auf der Flucht zusammengehauen. Jetzt erhob sich die gesamte Judenschaft zur Rache: zuerst bewarfen sie die Griechen mit Steinen, •dann aber rafften sie Fackeln zusammen, eilten nach dem Amphitheater und drohten das ganze darin versammelte Volk dem Flammentod preiszugeben. Dieses Vorhaben wäre ihnen auch gelungen, hätte nicht Tiberius Alexander, der Kommandant der Stadt, ihrer Wut Einhalt gethan. Doch bediente er sich, um sie zur Besinnung zu bringen, zunächst nicht der Waffengewalt, sondern liess sie durch die angesehensten Männer ermahnen, sich ruhig zu verhalten und nicht die Streitmacht der Römer gegen sich aufzubringen. Die Empörer aber beantworteten diese Aufforderung mit Hohngelächter und Schmähungen gegen Tiberius.

8. Da freilich sah Alexander ein, dass die Aufrührer nur durch eine nachdrückliche Züchtigung zu bändigen seien. Er sandte daher die beiden in der Stadt liegenden römischen Legionen sowie noch weitere fünftausend Mann, •die zum Verderben der Juden eben aus Libyen ange-Josephus, Jüdischer Krieg. 18 rniversity or cautornia langt waren, gegen sie aus und gestattete den Soldaten nicht nur, die Juden umzubringen, sondern auch ihre Habe zu rauben und ihre Häuser einzuäschern. Die Truppen drangen nun in das sogenannte Delta ein, wo die Judenschaft zusammen wohnte, und vollzogen die ihnen erteilten Befehle, erlitten aber auch ihrerseits grosse Verluste. Die Juden schlossen sich nämlich dicht zusammen, stellten die besser Bewaffneten ins Vordertreffen und hielten mit grösster Zähigkeit stand. Endlich jedoch mussten sie weichen und wurden nun haufenweise erschlagen. Die Niederlage war vollständig: was nicht im Freien vom Feinde ereilt wurde, drängte sich in die Häuser zusammen; diese aber steckten die Römer von unten her in Brand, nachdem sie zuvor das Innere ausgeplündert hatten. Die Sieger kannten weder Mitleid mit Kindern noch Ehrfurcht vor Greisen; vielmehr wurde alles ohne Unterschied des Alters hingeschlachtet, sodass der ganze Platz mit Blut überschwemmt war und an die fünfzigtausend Leichen haufenweise umherlagen. Kein einziger Jude wäre am Leben geblieben, wenn die übrigen sich nicht aufs Bitten verlegt hätten. Ihrer erbarmte sich Alexander und gab den Römern das Zeichen zum Rückzug. Die Soldaten stellten denn auch, an Gehorsam gewöhnt, auf den ersten "Wink das Morden ein; dagegen hielt es schwer, den aufs äusserste erbitterten alexandrinischen Pöbel zurückzurufen, und kaum liess derselbe sich von den Leichen wegreissen.

9. Das war das Gemetzel in Alexandria. Da übrigens die Juden jetzt allerorten blutig verfolgt wurden, glaubte auch Cestius nicht mehr unthätig bleiben zu dürfen. Er brach daher mit der vollzähligen zwölften Legion und zweitausend auserlesenen Soldaten der übrigen Legionen so wie mit sechs Kohorten Fussvolk und vier Reiterschwadronen von Antiochia auf. Dazu kamen noch die Hilf*6truppen der Könige: von Antioehus zweitausend Reiter und dreitausend Fusssoldaten, durchweg Bogenschützen, von Agrippa die gleiche Anzahl Fussvolk und an Reitern etwas weniger als zweitausend; auch Soemus stellte viertausend Mann, von denen ein Drittel aus Reitern, der grössere Teil aus Bogenschützen bestand. Mit dieser Streitmacht rückte Cestius bis Ptolemais vor. Von den Städten waren ebenfalls viele Hilfstruppen zusammengebracht worden, die zwar, was Kriegserfahrung betraf, hinter den Soldaten zurückstanden, aber den Mangel an Kenntnissen durch Kampfeseifer und Judenhass ersetzten. Agrippa selbst begleitete den Cestius, um die Marschlinie anzugeben und für Proviant zu sorgen. Mit einem Teile seines Heeres brach nun Cestius gegen die feste galilaeische Stadt Zabulon auf, welche den Beinamen „der Männer“ führt und die Grenzstadt gegen Ptolemais bildet. Er fand die Stadt menschenleer, da die Bewohner ins Gebirge geflohen waren, dagegen voll von Schätzen aller Art. Letztere überliess er den Soldaten zur Plünderung; die Stadt selbst aber legte er in Asche, obwohl sie Häuser von bewundernswerter Schönheit hatte, ähnlich denen zu Tyrus, Sidon und Berytus. Hierauf durchstreifte er die Gegend, raubte alles, was ihm unter die Hände kam, steckte die umliegenden Dörfer in Brand und kehrte alsdann nach Ptolemais zurück. Während nun die Syrer, besonders die von Berytus, noch immer mit Plündern beschäftigt waren, fassten die Juden, die vom Abmarsch des Cestius Kunde erhalten hatten, wieder Mut, fielen unversehens über die Zurückgebliebenen her und machten gegen zweitausend derselben nieder.

10. Cestius verliess übrigens bald Ptolemais wieder und schickte, während er selbst nach Caesarea sich begab, einen Teil seiner Truppen voraus nach Joppe mit dem Befehl, die Stadt, wenn sie dieselbe überrumpeln könnten, zu besetzen, wenn aber ihr Anmarsch bemerkt werden sollte, seine und des übrigen Heeres Ankunft abzuwarten. Teils zur See, teils zu Lande eilte nun die Abteilung dorthin und nahm die Stadt von zwei Seiten ein. Die Bewohner hatten nicht einmal vorher fliehen, geschweige denn sich zum Kampfe rüsten können und wurden nun mit ihren Angehörigen von den eindringenden Truppen sämtlich getötet; die Stadt aber ward geplündert und den Flammen preisgegeben. Achttausendvierhundert betrug die Zahl der Gefallenen. Desgleichen sandte Cestius in den unweit Caesareas gelegenen Bezirk von Narbata eine starke Reiterabteilung, welche das Land verwüstete, eine grosse Menge Eingeborener niedermetzelte, ihre Habe plünderte und die Dörfer in Brand steckte.

11. Nach Galilaea beorderte Cestius den Anführer der zwölften Legion, Gallus, mit einer Streitmacht, wie sie ihm zur Bezwingung des Volkes auszureichen schien. Die festeste Stadt Galilaeas, Sepphoris, nahm den Gallus mit freudigem Zuruf auf, und nach ihrem klugen Vorgang blieben auch die übrigen Städte ruhig. Das aufrührerische und räuberische Gesindel aber floh insgesamt auf einen mitten in Galilaea gelegenen Berg, der Sepphoris gegenüber liegt und Asamon genannt wird. Gegen diese Horden führte Gallus seine Truppen heran. So lange sie nun eine höher gelegene Stellung innehatten, schlugen sie die Angriffe der Römer mit leichter Mühe ab und töteten gegen zweihundert ihrer Feinde. Als aber die Römer sie umgangen und noch höhere Punkte besetzt hatten, wurden sie bald überwältigt; denn mit ihrer leichten Ausrüstung vermochten sie den Schwerbewaffneten nicht standzuhalten, und wenn sie sich zur Flucht wandten, fielen sie den Reitern in die Hände. So gelang es nur wenigen, sich an unwegsamen Orten zu verbergen, während die übrigen, mehr als zweitausend an der Zahl, als Leichen das Schlachtfeld bedeckten.

Kapitel 19 – Cestius greift Jerusalem an. Sein unglücklicher Rückzug

1. Als Gallus keine weiteren Unruhen in Galilaea mehr wahrnahm, kehrte er mit seinen Truppen nach Caesarea zurück. Cestius aber brach nun an der Spitze seiner gesamten Streitmacht auf und rückte vor Antipatris. Dort erfuhr er, dass in dem sogenannten Turm des Aphekos eine beträchtliche Schar bewaffneter Juden sich gesammelt habe, und sandte deshalb eine Abteilung seiner Leute hin, um sie anzugreifen. Ehe es indes zum Handgemenge kam, zerstreuten sich die Juden in ihrer Angst, und als die Römer anlangten, steckten sie das unbesetzte Lager und die umliegenden Dörfer in Brand. Von Antipatris marschierte Cestius nach Lydda, traf aber die Stadt von Menschen verlassen; denn wegen des Laubhüttenfestes war die ganze Bevölkerung hinauf nach Jerusalem gezogen. Nur fünfzig Personen kamen zum Vorschein, nach deren Niedermetzelung er die Stadt in Flammen aufgehen liess. Alsdann rückte er weiter durch Bethoron und schlug an einem Orte Gabao, fünfzig Stadien von Jerusalem entfernt, sein Lager auf.

2. Kaum hatten die Juden bemerkt, dass der Krieg sich der Hauptstadt näherte, als sie die Festfeier drangaben, zu den Waffen griffen und im Vertrauen auf ihre grosse Zahl ohne jede Ordnung und unter lautem Geschrei sich in den Kampf stürzten. Nicht einmal auf den siebenten Tag als Ruhetag nahmen sie Rücksicht, während doch sonst der Sabbat aufs strengste von ihnen geheiligt wird. Dieser Kampfeseifer, der sie sogar ihre religiösen Pflichten vergessen liess, bewirkte denn auch, dass sie im Treffen die Oberhand gewannen. Mit solchem Ungestüm warfen sie sich auf die Römer, dass sie deren Schlachtlinie erschütterten und mordend mitten durch sie hindurchdrangen. Wären nicht dem Teile des

3. Agrippa, der sich, angesichts der starken, die Berge besetzt haltenden feindlichen Abteilungen nicht verhehlen konnte, dass die Römer in grosser Gefahr schwebten, beschloss, es mit gütlichen Worten bei den Juden zu versuchen, wodurch er Bie entweder alle vom Kriege abzubringen oder doch diejenigen, die den Krieg so recht nicht wollten, zum Abfall von den Gegnern zu bewegen hoffte. Er sandte daher zwei seiner Leute ab, die bei den Juden in sehr hohem Ansehen standen, Borkaeus und Phoebus, und liess durch sie die Freundschaft des Cestius und völlige Verzeihung von seiten der Römer für alles Vorgefallene in Aussicht stellen, wenn sie die Waffen niederlegen und sich mit ihnen vergleichen wollten. Die Aufständischen aber, welche befürchteten, das ganze Volk möchte, durch die verheissene Straflosigkeit verlockt, zu Agrippa übergehen, drangen auf dessen Abgesandte ein, um sie zu ermorden. Den Phoebus brachten sie auch wirklich um, noch ehe er zu Wort gekommen war, während Borkaeus, allerdings verwundet, durch schleunige Flucht sich zu retten vermochte. Den Teil des Volkes aber, der seinen Unwillen hierüber an den Tag legte, trieben die Empörer durch Stein würfe und Knittelhiebe in die Stadt hinein.

4. In diesem unter den Juden selbst ausgebrochenen Zwist erkannte Cestius eine günstige Gelegenheit zum Angriff. Er führte demnach seine gesamte Streitmacht gegen sie heran, jagte sie in die Flucht und verfolgte sie bis vor Jerusalem. Hier errichtete er auf dem sogenannten Skopos, sieben Stadien von der Stadt entfernt, ein Lager und unternahm, vielleicht in der Erwartung, die Bewohner würden ihm in etwa entgegenkommen, zunächst drei Tage lang nichts gegen dieselbe, sondern liess nur eine starke Abteilung seiner Leute Streifzüge in die umliegenden Dörfer machen, um Proviant zusammenzurauben. Am vierten Tage aber, dem 30. des Monats Hyperberetaios, stellte er sein Heer in Schlachtordnung auf und führte es in die Stadt hinein. Dort stand das Volk unter Bewachung der Aufständischen; diese selbst aber, erschreckt durch den planvollen Aufmarsch der Römer, gaben alsbald die äusseren Stadtteile auf und zogen sich in die innere Stadt und den Tempel zurück. Nun rückte Cestius ein und steckte Bezetha, die Neustadt und den sogenannten Holzmarkt in Brand, Alsdann zog er auf die obere Stadt an und lagerte sich gegenüber dem Königspalast. Hätte es ihm in diesem Augenblick beliebt, die Mauern zu erstürmen, so würde er wohl die Stadt sogleich eingenommen haben, und der Krieg wäre zu Ende gewesen. Doch der Lagerpraefekt Tyrannius Priscus und die meisten Reiterobersten, die von Florus bestochen waren, brachten ihn von diesem Plane ab. Das war der Grund, weshalb der Krieg sich so sehr in die Länge zog und so reich an schweren Unglücksfallen für die Juden geworden ist.

5. Unterdessen lud auf Anraten von Ananus, dem Sohne des Jonathas, eine Anzahl vornehmer Bürger den Cestius in die Stadt ein, deren Thore sie ihm zu öffnen versprachen. Cestius aber mochte schon aus Ärger nichts davon wissen, und da er ihnen auch nicht völlig traute, zauderte er so lange, bis die Aufständischen von dem verräterischen Anschlag Kenntnis erlangten und Ananus mit seinen Anhängern teils von der Mauer hinabstürzten, teils durch Steinwürfe in ihre Behausungen trieben. Sie selbst verteilten sich auf den Türmen und schossen auf diejenigen, welche die Mauer berennen wollten. Fünf Tage lang machten die Römer von allen Seiten Versuche, ohne etwas auszurichten; am sechsten Tage aber nahm Cestius eine starke Abteilung auserlesener Mannschaften sowie die Bogenschützen und griff mit ihnen die Nordseite des Tempels an. Die Juden leisteten von den Säulenhallen herab kräftigen Widerstand und schlugen zu wiederholten Malen den Sturm auf die Mauern ab, mussten aber endlich dem Geschosshagel weichen. Nun bildeten die Römer, indem die Kämpfer der vordersten Reihe ihre Schilde fest gegen die Mauer, die nachfolgenden aber die ihrigen jedesmal an die ihrer Vordermänner anstemmten, die sogenannte Schildkröte, von der die aufschlagenden Geschosse wirkungslos abprallten. In aller Sicherheit konnten die Soldaten jetzt die Mauer untergraben, und alsbald schickten sie sich an, das Tempelthor in Brand zu stecken.

6. Gewaltige Angst ergriff nun die Empörer, und viele von ihnen flüchteten sich bereits aus der Stadt, als stände deren Eroberung im nächsten Augenblick bevor. Ebendeshalb aber fasste das Volk wieder frischen Mut: wie die Bösewichter sich davon machten, näherte es sich den Thoren, um sie zu öffnen und Cestius als Wohlthäter der Stadt aufzunehmen. Hätte dieser die Belagerung nur noch kurze Zeit fortgesetzt, so würde er die Stadt wohl rasch in seine Gewalt bekommen haben. Gott aber hatte, wie ich glaube, um der Frevler willen schon damals sich vom Heiligtum abgewandt und liess deshalb an jenem Tage den Krieg sein Ende nicht erreichen.

7. Cestius nämlich, der weder von der Verzweiflung der Belagerten noch von der Stimmung des Volkes Kenntnis zu haben schien, liess plötzlich seine Soldaten den Bückzug antreten, gab, obwohl kein Missgeschick ihn getroffen, alle Hoffnung auf und verliess unbegreiflicherweise die Stadt. Infolge seines ganz unerwarteten Abmarsches gewannen die Banditen ihre Kühnheit wieder, fielen über die Nachhut der Römer her und machten eine Menge Reiter und Fusssoldaten nieder. Cestius bezog nun für die erste Nacht das Lager auf dem Skopos; tags darauf aber marschierte er weiter und reizte dadurch die Feinde nur noch mehr, sodass sie abermals seiner Nachhut schwere Verluste beibrachten und zugleich auch von der Seite des Weges aus den Römern mit Geschossen zusetzten. Die letzten im Zuge hatten übrigens nicht den Mut, gegen ihre Verfolger Front zu machen, weil sie dieselben ausserordentlich zahlreich wähnten, und was den Angriff auf den Flanken betraf, so waren die Römer ihm thatsächlich nicht gewachsen, da sie selbst schwerbewaffnet waren und die Märschlinie zu zerreissen fürchteten, während die Juden leichtgerüstet und angriffslustig daherzogen. So mussten die Römer grosse Verluste erleiden, ohne ihrerseits dem Feinde irgendwie schaden zu können. Auf dem ganzen Wege geschlagen und in Verwirrung gebracht, wurden sie massenhaft niedergemetzelt; unter den Gefallenen befanden sich auch Priscus, der Anführer der sechsten Legion, der Tribun Longinus und der Befehlshaber einer Reiterschwadron, Aemilius Jucundus. Endlich erreichten sie, nachdem sie auch einen grossen Teil ihres Gepäckes verloren hatten, mit Mühe ihr früheres Lager bei Gabao. Unschlüssig bezüglich dessen, was er beginnen sollte, verweilte Cestius hier zwei Tage; als er aber am dritten Tage sehen musste, wie die Zahl seiner Feinde sich noch vermehrt hatte und alles ringsum von Juden wimmelte, ward es ihm klar, dass Zögern ihm nur zum Schaden gereiche und dass, je länger er verweile, desto mehr Feinde sich ansammeln würden.

8. Um daher die Flucht zu beschleunigen, gab er Befehl, alles zu vernichten, was das Heer auf halten könnte. Man tötete nun die Maulesel und die übrigen Lasttiere mit Ausnahme derjenigen, welche Geschosse und Maschinen trugen; letztere nämlich konnte man einesteils nicht gut entbehren, andernteils befürchtete man auch, sie möchten den Juden in die Hände fallen und gegen die Römer Verwendung finden. Hierauf rückte das Heer weiter auf Bethoron zu. So lange nun der Marsch über offenes Feld ging, wurden die Römer von den Juden weniger behelligt; sowie sie aber einen engen, abschüssigen Hohlweg gedrängt passieren mussten, eilte ein Teil der Juden voraus, um ihnen den Ausgang zu sperren, während andere die den Schluss des Zuges bildenden Römer in die Schlucht hineintrieben und die Hauptmasse der jüdischen Streitmacht, die sich an den Abhängen zu beiden Seiten des Weges ausgedehnt hatte, das feindliche Heer mit einem Hagel von Geschossen überschüttete. Da gerieten schon die Fusssoldaten in Verlegenheit, wie sie sich wehren sollten; in noch grösserer Gefahr aber schwebten die Reiter: denn einmal gestatteten ihnen die feindlichen Geschosse nicht, den Abstieg in Reih und Glied zu machen, und dann waren auch die steilen Abhänge, auf denen die Juden sich verteilt hatten, für die Pferde unzugänglich, während auf der anderen Seite Felsspalten und Abgründe ihnen entgegengähnten, in die sie bei jedem Fehltritt hinabstürzen konnten. In dieser entsetzlichen Lage, die weder ein Entrinnen ermöglichte, noch den Gedanken an Widerstand auf kommen liess, hatten sie schliesslich nichts als lautes Jammergeheul und das Stöhnen der Verzweiflung, dem die Schlachtrufe der Juden, untermischt mit Freuden geschrei und Wutgebrüll, schauerlich entgegenhallten. Wenig fehlte, so hätten sie das ganze Heer des Cestius aufgerieben, wäre nicht die Nacht herein gebrochen, in der die Römer nach Bethoron flohen, während die Juden alle geeigneten Punkte ringsum besetzten, um den Abmarsch ihrer Feinde überwachen zu können.

9. Cestius sann nunmehr, da er an der Möglichkeit eines offenen Rückzuges verzweifelte, auf heimliche Flucht. Er las demgemäss etwa vierhundert der beherztesten Soldaten aus und stellte sie an den Verschanzungen auf mit dem Befehl, auf denselben die Feldzeichen der Lagerwachen in die Höhe zu richten, damit bei den Juden die Meinung erweckt würde, die Truppen befanden sich noch insgesamt an dieser Stelle. Er selbst zog mit dem übrigen Teil des Heeres in aller Stille dreissig Stadien weiter. Als die Juden beim Morgengrauen den römischen Lagerplatz verlassen sahen, fielen sie über die vierhundert, die ihnen die Täuschung beigebracht hatten, her, schossen sie eiligst nieder und setzten dem Cestius nach. Dieser aber hatte in der Nacht schon einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen und beschleunigte auch bei Tage seine Flucht so sehr, dass die Soldaten in ihrer Angst und Bestürzung die Belagerungstürme und Wurfmaschinen sowie den grössten Teil der übrigen Werkzeuge zurückliessen, welche nun von den Juden erbeutet wurden und später gegen ihre ursprünglichen Besitzer Verwendung fanden. Die Juden setzten die Verfolgung der Römer bis Antipatris fort; als sie dieselben hier nicht trafen, traten sie den Rückmarsch an, nahmen die Maschinen mit, plünderten die Leichen, sammelten die im Stich gelassene Beute und zogen unter Siegesgesängen in die Hauptstadt ein. Sie selbst hatten nur wenige Leute verloren, den Römern und deren Bundesgenossen aber hatten sie fünftausenddreihundert Mann zu Fuss und dreihundertachtzig Reiter getötet. Das geschah am achten des Monats Dios, im zwölften Regierungsjahre Neros.

Kapitel 20

Cestius schickt Boten an Nero. Ermordung der Juden zu Damaskus. Die von der Verfolgung des Cestius heimkehrenden Bewohner Jerusalems ernennen weitere Befehlshaber für den Krieg, darunter auch Josephus, den Verfasser dieser Geschichte.

1. Nach der Niederlage des Cestius verliessen viele angesehene Juden die Stadt, wie der Seemann schwimmend das sinkende Schiff verlässt. Unter anderen flohen auch Kostobar und Saulus in Gemeinschaft mit Jakims Sohn Philippus, einem Kriegsobersten des Königs Agrippa, aus der Stadt und begaben sich zu Cestius. Ein gewisser Antipas aber, der mit den Genannten im Königspalast belagert worden war, verschmähte die Flucht und wurde später, wie ich noch berichten werde, von den Aufständischen umgebracht. Cestius schickte nun den Saulus und dessen Begleiter auf ihre Bitte nach Achaja zu Nero, teils um ihre eigene Not dort zu schildern, teils um die Schuld für den Ausbruch des Krieges auf Florus zu wälzen. Indem er nämlich Neros Zorn gegen letzteren wachrief, hoffte er die ihm selbst drohende Gefahr verringern zu können.

2. Unterdessen hatten die Damascener von der Niederlage der Römer Kunde erhalten und wussten nun nichts eiligeres zu thun, als die bei ihnen lebenden Juden zu ermorden. Und wie sie dieselben schon früher einmal aus Argwohn in der Ringschule versammelt hatten, so glaubten sie jetzt bei Gelegenheit einer ähnlichen Veranstaltung den Angriff aufs leichteste ausführen zu können. Scheu hatten sie nur noch vor ihren Weibern, welche mit wenigen Ausnahmen alle zur jüdischen Religion übergetreten waren. Sie gaben sich daher die grösste Mühe, den Plan vor den Frauen geheim zu halten, überfielen die in den engen Raum zusammengedrängten, durchweg wehrlosen Juden, zehntausend an der Zahl, und schlachteten sie alle in einer Stunde hin, ohne ihrerseits irgendwelchen Verlust zu erleiden.

3. Als nun die Verfolger des Cestius nach Jerusalem zurückgekehrt waren, brachten sie die noch vorhandenen Römerfreunde teils mit Gewalt, teils durch Überredung auf ihre Seite und hielten sodann im Tempel eine Versammlung ab, um noch weitere Heerführer für den Krieg zu ernennen. Als Oberbefehlshaber der Stadt wurden gewählt Josephus, der Sohn des Gorion, und der Hohepriester Ananus; ganz besonders machte man ihnen zur Pflicht, die Mauern der Stadt wieder in Stand zu setzen. Eleazar aber, den Sohn des Simon, wollte man, obwohl er die den Römern abgenommene Beute und die dem Cestius geraubte Kasse sowie ausserdem viele Staatsgelder in Händen hatte, dennoch nicht an die Spitze der Verwaltung stellen, da man ein herrschsüchtiges Wesen an ihm bemerkt hatte und die ihm ergebenen Zeloten sich wie seine Trabanten benahmen. Nicht lange nachher freilich liess sich das Volk durch den herrschenden Geldmangel und Eleazars Zauberkünste derart berücken, dass es ihm als dem obersten Gebieter Gehorsam zollte.

4. Für Idumaea bestimmte man andere Feldherren, nämlich Jesus, den Sohn des Sapphias, einen der Hohepriester, und Eleazar, den Sohn des Hohepriesters Ananias, deren Oberbefehl der bisherige Kommandant von Idumaea, Niger — derPera'ite genannt, weil er aus dem jenseits des Jordan gelegenen Peraea stammte — unterstellt wurde. Auch für die übrigen Landesteile ward gesorgt: nach Jericho sandte man als Befehlshaber Josephus, den Sohn des Simon, nach Peraea Manasses, in die Toparchie Thamna den Essäer Joannes, welch letzterem auch noch Lydda, Joppe und Ammaus zugeteilt wurden. Das Kommando in den Bezirken von Gophna und Akrabatta erhielt des Ananias Sohn Joannes, das in beiden Galilaea Josephus, der Sohn des Matthias, zu dessen Distrikt auch Gamala, die festeste Stadt dieser Gegend, geschlagen wurde.

5. Jeder dieser Befehlshaber verwaltete nun das ihm anvertraute Gebiet nach Massgabe seines guten Willens und seiner Befähigung. Josephus insbesondere war, als er nach Galilaea kam, zunächst darauf bedacht, sich die Zuneigung der Eingeborenen zu erwerben, überzeugt, dass er auf diesem Wege am meisten erreichen würde, selbst wenn er im übrigen kein Glück haben sollte. Ferner erkannte er, dass er einerseits die einflussreichen Galiläer auf seine Seite bringen würde, wenn er die Gewalt mit ihnen teilte, und dass er anderseits des ganzen Volkes sicher sein müsse, wenn er die wichtigsten Anordnungen durch eingeborene und volkstümliche Männer treffen liesse. Zu diesem Zweck wählte er aus den Ältesten des Volkes die siebzig einsichtsvollsten aus und machte sie zur höchsten Behörde für ganz Galilaea. In jeder einzelnen Stadt aber ernannte er sieben Richter zur Entscheidung unwesentlicher Streitigkeiten, während die wichtigeren Angelegenheiten und die peinlichen Fälle ihm selbst und den Siebzig vorgelegt werden sollten.

6. Nachdem er so die rechtlichen Verhältnisse innerhalb der einzelnen Gemeinden geordnet hatte, liess er sich auch ihre äussere Sicherheit angelegen sein, und da er einen Einfall der Römer in Galilaea voraussah, befestigte er geeignete Plätze wie Jotapata, Bersabe, Selamin, Kapharekcho, Japha und Sigoph, den sogenannten itabyrischen Berg, Taricheae und Tiberias. Weiterhin versah er mit Befestigungen die Höhlen am See Gennesar in dem Untergalilaea genannten Landesteil, und in Obergalilaea den Achabarenfels, Seph, Jamnith und Meroth. In Gaulanitis waren es Seleukia, Sogane und Gamala, die Festungswerke erhielten. Nur den Sepphoriten überliess er es, selbst ihre Mauern wieder. aufzubauen, da er sie reichlich mit Geld versehen und ohne besondere Aufforderung zum Kriege geneigt fand. Die Stadt Gischala befestigte in gleicher Weise dem Befehle des Josephus gemäss Joannes, der Sohn des Levi, nach eigenem Plan; bei den anderen Verschanzungsarbeiten aber war Josephus selbst mit Rat und That behilflich. Ausserdem sammelte er in Galilaea ein Heer von über hunderttausend jungen Leuten, die er sämtlich mit alten Waffen, wie er sie gerade auftreiben konnte, ausrüstete.

7. Von einer Schulung seiner Truppen im Geiste der Römer, deren unüberwindliche Macht, wie er wusste, vornehmlich auf Gehorsam und steter Waffenübung beruhte, musste er freilich Abstand nehmen. Da er aber erkannte, dass die Leute sich um so leichter an Disciplin gewöhnen würden, je zahlreicher die Führer seien, teilte er das Heer mehr nach römischer Art ein und ernannte eine grössere Anzahl von Offizieren. Die Soldaten sonderte er in verschieden grosse Abteilungen und stellte sie unter Anführer von je zehn, je hundert und je tausend Mann, über welche dann wieder die Befehlshaber grösserer Truppenverbände zu gebieten hatten. Hierauf lehrte er sie das Weitergeben der Losung, die Trompetensignale zum Angriff und Rückzug, das Zusammenrücken und die Schwenkungen der Flügel, zeigte ihnen auch, wie der siegende Teil dem unterliegenden Hilfe bringen und wie man mit dem bedrängten Kampfgenossen aush alten müsse. Ferner prägte er ihnen beständig ein, wie man Geistesgegenwart und Abhärtung des Körpers sich zu eigen mache; besonders aber suchte er den kriegerischen Sinn bei ihnen dadurch zu wecken, dass er ihnen bei jeder Gelegenheit die straffe Ordnung der Römer vor Augen führte und sie darauf hinwies, wie sie es mit Männern zu thun haben würden, die durch ihre Körperkraft und ihren Mut fast die ganze Erde beherrschten. Schon vor dem Beginn der Feindseligkeiten, sagte er, wolle er ihre Manneszucht daran erproben, ob sie ihre schlechten Gewohnheiten ablegten, nämlich das Stehlen, Plündern und Rauben, die Unehrlichkeit gegen ihre Landsleute und jene Gesinnung, die sich zum Schaden des lieben Nächsten zu bereichern suche. Denn in denjenigen Kriegen gehe es am besten, in welche die Kämpfer ein gutes Gewissen mitbrächten; die von Haus aus Schlechten aber hätten nicht nur die gegen sie anrückenden Feinde, sondern auch Gott selbst zum Widersacher.

8. Unablässig richtete er viele solcher Ermahnungen an sie. Er hatte nun ein schlagfertiges Heer von sechzigtausend Mann zu Fuss, zweihundertundfünfzig Reitern und ausser diesen Truppen, auf die er das meiste Vertrauen setzte, noch etwa viertausendfünfhundert Söldner beisammen; sechshundert auserlesene Streiter bildeten seine Leibwache. Mit Ausnahme der Söldner wurde übrigens das Heer von den Städten ohne Mühe ernährt; denn von den Ausgehobenen schickte jede derselben nur die Hälfte zum eigentlichen Dienst, während die übrigen zurückbehalten wurden, um ihren im Felde stehenden Landsleuten Proviant zuzuführen. So teilten sie sich in die kriegerischen und die friedlichen Arbeiten, wobei diejenigen, welche die Lebensmittel lieferten, den Schutz der Bewaffneten als Gegenleistung genossen.

Kapitel 21 – Joannes von Gischala und sein Zerwürfnis mit Josephus. Des letzteren fernere Thätigkeit in Galilaea

1. Während Josephus dergestalt die Verwaltung Galilaeas einrichtete, erhob sich wider ihn ein hinterlistiger Mensch aus Gischala, der Sohn eines gewissen Levi, mit Namen Joannes, der, verschlagen und tückisch wie keiner der Grossen des Landes, in Ruchlosigkeit überhaupt seinesgleichen nicht hatte. Anfangs war er arm, und noch geraume Zeit hindurch stand Mittellosigkeit seinem Frevelmut hindernd im Wege. Dagegen war er stets fertig zur Lüge und ein Meister in der Kunst, seine Lügen glaubhaft zu machen. Betrug hielt er für eine Tugend, und er bediente sich desselben gegen seine besten Freunde. Menschenliebe trug er heuchlerisch zur Schau, während sein Inneres von unersättlicher, aus Gewinnsucht entspringender Mordgier erfüllt war. Stets wollte er hoch hinaus, und doch bauten sich alle seine Pläne nur auf Niedertracht und Schurkerei auf. War er doch eigentlich nichts als ein Räuber, der zunächst sein Handwerk auf eigene Faust trieb, bald aber auch einige verwegene Gesellen seines Schlages gefunden hatte, deren Zahl sich im Laufe der Zeit immer mehr vergrösserte. Übrigens war es ihm sehr darum zu thun, dass niemand in seine Truppe eintrat, der leicht zu bezwingen war; vielmehr nahm er nur solche Leute, die sich durch kräftigen Körperbau, Entschlossenheit und Kriegserfahrung auszeichneten. So brachte er nach und nach eine Schar von vierhundert Mann zusammen, grösstenteils Flüchtlinge aus dem Stadtgebiet von Tyrus und den dazu gehörigen Dörfern. Mit ihnen zog er plündernd in ganz Galilaea umher und versetzte die grosse Masse der Bevölkerung, die ohnehin dem bevorstehenden Kriege mit ängstlicher Spannung entgegensah, noch mehr in Unruhe.

2. Schon dachte er daran, Feldherr zu werden, und Josephus, jüdischer Krieg. 19 trug sich sogar mit noch höheren Plänen; aber immer war es seine Geldnot, die ihm Schwierigkeiten bereitete. Kaum hatte er nun die Wahrnehmung gemacht, dass Josephus an seinem Thatendrang grossen Gefallen fand, als er ihn zunächst zu bereden wusste, ihm den Wiederaufbau der Mauern seiner Vaterstadt anzuvertrauen, wobei er von den reichen Bürgern derselben grosse Summen erpresste. Hierauf stellte er sich in höchst verschmitzter Absicht an, als wollte er die Juden in Syrien vor dem Gebrauch des nicht von ihren Stammesgenossen gelieferten Öles bewahren, und bat sich deshalb von Josephus das Recht aus, ihnen öl an die Grenze schaffen zu dürfen. Mit tyrischer Münze im Wert von vier attischen Drachmen kaufte er sodann je vier Amphoren und verkaufte um denselben Preis eine halbe Amphora. Galilaea erzeugt überhaupt viel öl und hatte gerade damals eine sehr gute Ernte gehabt, während die Syrer daran Mangel litten. Indem nun er allein ihnen grosse Mengen öl lieferte, gewann er eine Unsumme Geldes, das er alsbald gegen den gebrauchte, der ihm diesen Erwerb verschafft hatte. Und da er der Meinung war, es würde, wenn er Josephus stürzte, ihm selbst der Oberbefehl in Galilaea übertragen werden, wies er die ihm untergebenen Banditen an, ihre Räubereien noch nachdrücklicher zu betreiben, um entweder, wenn an vielen Orten im Lande Aufruhr entstände, den zu Hilfe eilenden Statthalter durch Verrat aus dem Wege zu räumen, oder, falls letzterer die Räuber ge* währen Hesse, ihn bei den Einwohnern anschwärzen zu können. Weiterhin streute er das Gerücht aus, Josephua wolle den Römern das Land verraten, und suchte durch diese und ähnliche Umtriebe den Sturz des Gehassten herbeizuführen.

3. Um diese Zeit überfielen einige junge Leute aus dem Dorf Dabaritta, welche zu der Beobachtungstruppe in der grossen Ebene gehörten, den Verwalter des Agrippa und der Berenike, Ptolemaeus, und nahmen ihm alles Gepäck ab, das er bei sich führte, worunter nicht wenige kostbare Gewänder, eine Menge silberner Trinkgefässe und sechshundert Goldstücke sich befanden. Da sie jedoch ihren Raub nicht unter sich teilen konnten, schafften sie alles nach Taricheae zu Josephus. Dieser verwies ihnen den gewaltsamen Eingriff in das Eigentum königlicher Personen und gab die erbeuteten Gegenstände dem mächtigsten Bürger von Taricheae, Annaeus, in Verwahr mit der Absicht, sie gelegentlich den Eigentümern wieder zuzustellen. Das aber brachte ihn in die grösste Gefahr. Die Thäter nämlich, die einerseits ärgerlich darüber waren, dass ihnen kein Anteil von der Beute zufallen sollte, und anderseits die Absicht des Josephus, mit dem Preis ihrer Mühe dem Könige und seiner Schwester eine Gefälligkeit zu erweisen, durchschauten, eilten noch in der Nacht durch die Dörfer und schilderten überall den Josephus als Verräter. Auch in den umliegenden Städten brachten sie alles in Aufruhr, sodass gegen Morgen hunderttausend Bewaffnete sich wider ihn vereinigt hatten. Die Menge sammelte sich nun in der Rennbahn zu Taricheae und erhob ein lautes und leidenschaftliches Geschrei: die einen riefen, man müsse den Verräter absetzen, andere, man solle ihn verbrennen. Joannes und mit ihm Jesus, der Sohn des Sapphias, damals Befehlshaber von Tiberias, reizten die Erbitterung des Haufens immer mehr, bis die Freunde und Leibwächter des Josephus aus Angst vor einem Angriff der Menge alle bis auf vier ihr Heil in der Flucht suchten. Er selbst lag noch zu Bett, als schon Feuer angelegt werden sollte; da aber erhob er sich, und obwohl die vier Zurückgebliebenen ihm zur Flucht rieten, sprang er, ohne sich durch seine Vereinsamung oder die Menge der Angreifer erschrecken zu lassen, hervor, mit zerrissenem Gewände, das Haupt mit Asche bestreut, die Hände auf den Rücken haltend und sein eigenes Schwert an den Nacken gebunden. Dieser Auftritt rief bei allen, die es noch gut mit ihm meinten, besonders bei den Einwohnern von Taricheae, Mitleid wach; die Landleute aber und diejenigen aus seiner näheren Umgebung, die ihn nicht leiden mochten, beschimpften ihn und verlangten, er solle die Schätze, die öffentliches Eigentum seien, auf der Stelle herausgeben und seine verräterischen Verbindungen eingestehen. Sein Gebaren hatte sie nämlich auf den Gedanken gebracht, er werde nichts von dem in Abrede stellen, weswegen man ihn im Verdacht hatte, und er habe den ganzen auf Erregung von Mitleid berechneten Aufzug nur deshalb ins Werk gesetzt, um sich Verzeihung zu verschaffen. Dieses sein demütiges Benehmen war indes nichts als die Einleitung zu einer Kriegslist, und nur in der schlauen Absicht, die auf ihn erbosten Menschen an dem Gegenstand ihres Zornes miteinander zu entzweien, versprach er alles eingestehen zu wollen. Nachdem ihm dann gestattet worden war, das Wort zu ergreifen, liess er sich also vernehmen: „Diese Schätze hatte ich weder im Sinn an Agrippa zu schicken, noch zu meinem eigenen Nutzen zu verwenden; denn nie werde ich euren Gegner für meinen Freund halten, noch das als Gewinn ansehen, was der Gesamtheit Schaden bringt. Vielmehr hatte ich, weil ich sah, dass eure Stadt, ihr Bürger von Taricheae, dringend der Befestigung bedarf und zur Erbauung einer Mauer kein Geld hat, mir vorgenommen, aus Furcht vor dem Volke von Tiberias und den anderen Städten, welche mit neidischen Blicken auf die Beute lauern, die Schätze insgeheim aufzubewahren, um euch damit eine Mauer zu errichten. Missfällt euch nun dieser Vorschlag, so lasse ich die erbeuteten Gegenstände herbeibringen und gebe sie der Plünderung preis; habe ich es aber gut mit euch gemeint, so strafet euren Wohlthäter!“

4. Diese Worte riefen bei den Taricheaten freudige Zustimmung hervor, während die von Tiberias und die anderen schimpften und drohten. Beide Teile liessen nun von Josephus ab und stritten miteinander. Er aber halte jetzt eine Stütze an den auf seiner Seite stehenden Taricheaten — es waren ihrer gegen vierzigtausend —, und das gab ihm den Mut, dem ganzen Haufen gegenüber eine freiere Sprache zu führen. Zunächst verwies er ihnen eindringlich ihr voreiliges Verfahren und erklärte dann, mit dem vorhandenen Gelde werde er Taricheae befestigen. Aber auch für die Sicherheit der übrigen Städte solle in gleicher Weise gesorgt werden; denn an Geld würden sie keinen Mangel haben, wofern sie nur über die Feinde, gegen die man es verwenden müsse, einig seien und nicht gegen den, der es ihnen verschaffen wolle, sich aufreizen liessen.

5. Nun entfernte sich die grosse Masse seiner Gegner, wiewohl noch grollend; zweitausend Bewaffnete jedoch machten einen Angriff auf ihn und umringten unter lauten Drohungen das Haus, in das er sich noch eben rechtzeitig geflüchtet hatte. Gegen sie gebrauchte Josephus abermals eine List. Er stieg nämlich auf das Dach, gebot mit der Hand Stille und rief ihnen zu, er wisse nicht, was ihr Begehren sei, denn er könne sie 'wegen ihres Durcheinanderschreiens nicht verstehen. Er werde übrigens alles thun, was sie verlangten, wenn sie einige aus ihrer Mitte in das Haus schicken wollten, um sich in Ruhe mit ihm zu besprechen. Daraufhin gingen die Vornehmsten mit den Anführern zu ihm hinein. Er aber liess sie in den entlegensten Winkel des Hauses schleppen und sie bei verschlossener Thür geissein, bis ihre Eingeweide sichtbar wurden. Unterdessen stand die Menge draussen in der Meinung, die Abgeordneten hielten sich bei der Verfechtung ihrer Sache etwas länger auf. Plötzlich liess nun Josephus die Thür öffnen und die bluttriefenden Männer hinausjagen, was dem drohenden Haufen einen solchen Schrecken einflösste, dass er die Waffen wegwarf und auseinanderstob.

6. Diese Vorgänge steigerten den Hass des Joannes, und alsbald ersann er einen zweiten Anschlag gegen Josephus. Indem er nämlich eine Krankheit vorschützte, bat er ihn schriftlich um die Erlaubnis, die warmen Quellen in Tiberias zu seiner Heilung gebrauchen zu dürfen. Josephus, der noch keine Ahnung von seiner Arglist hatte, schrieb an die Behörden der Stadt, sie möchten den Joannes gastfreundlich aufnehmen und ihm alles Nötige gewähren. Diese Empfehlung nutzte Joannes auch wirklich aus; kaum aber war er zwei Tage dort, als er den eigentlichen Zweck seines Aufenthaltes zu verfolgen begann, indem er die Einwohner teils durch falsche Vorspiegelungen, teils durch Bestechung zum Abfall von Josephus zu verleiten suchte. Silas, der von Josephus den Auftrag erhalten hatte, die Stadt zu überwachen, setzte diesen alsbald brieflich von dem verräterischen Treiben in Kenntnis. Nach Empfang des Schreibens machte sich Josephus noch in der Nacht eiligst auf den Weg und kam mit Tagesanbruch nach Tiberias, wo das Volk ihm zur Begrüssung entgegenzog. Joannes indes, der wohl ahnte, dass des Statthalters Anwesenheit ihm selbst galt, schickte einen seiner Vertrauten, schützte körperliche Schwäche vor und liess ihm sagen, er sei bettlägerig und könne ihm deshalb seine Aufwartung nicht machen. Als aber Josephus die Tiberienser in der Rennbahn* versammelt hatte und eben den Inhalt des Schreibens mit ihnen besprechen wollte, sandte Joannes in aller Stille Bewaffnete ab mit dem Auftrag, ihn aus dem Wege zu räumen. Kaum hatte das versammelte Volk bemerkt, wie die Bewaffneten schon in einiger Entfernung ihre Schwerter entblössten, als es ein lautes Geschrei erhob. Hierdurch aufmerksam gemacht, wandte Josephus sich um und eilte, da er schon die Schwerter zu seiner Ermordung gezückt sah, ans Ufer hinab — er hatte nämlich, um zum Volke sprechen zu können, einen sechs Ellen hohen Erdhügel bestiegen —, sprang in einen dort liegenden Nachen und flüchtete sich mit zwei Leibwächtern in die Mitte des Sees.

7. Nun aber griffen seine Soldaten plötzlich zu den Waffen und rückten gegen die Mordbande aus. Aus Besorgnis, es möchte, wenn ein Bürgerkrieg ausbräche, die ganze Stadt den feindlichen Umtrieben einiger wenigen Leute zum Opfer fallen, liess Josephus den Seinigen durch einen Boten sagen, sie sollten nur auf ihre eigene Sicherheit Bedacht nehmen, ohne einen der Schuldigen zu töten oder zur Verantwortung zu ziehen. Diesem Befehl gehorchten die Soldaten und verhielten sich ruhig; die Bevölkerung der Umgegend aber rottete sich, als sie von dem Verrat und seinem Urheber hörte, gegen Joannes zusammen, der sich indessen bereits durch die Flucht nach seiner Vaterstadt gerettet hatte. Aus allen Städten Galilaeas strömten nun viele tausend Bewaffnete zu Josephus und erklärten, sie seien gekommen, um gegen Joannes, den gemeinschaftlichen Feind, zu ziehen und ihn samt der Stadt, die ihn aufgenommen habe, zu verbrennen. Josephus sprach ihnen für ihre gute Gesinnung seine Anerkennung aus, suchte aber ihr Ungestüm zu mässigen, weil er seine Feinde lieber durch Klugheit überwältigen als ums Leben bringen wollte. Und nachdem er von den einzelnen Städten die Namen deijenigen erfahren hatte, welche mit Joannes abgefallen waren — die Bürger brachten nämlich ihre Verwandten bereitwillig zur Anzeige —, liess er durch Herolde die Drohung verkündigen, er werde die Habe derer, die nicht innerhalb fünf Tagen den Joannes verliessen, plündern lassen und ihre Häuser samt den Familien dem Feuer preisgeben. Dadurch brachte er sogleich dreitausend Mann auf seine Seite, die sich bei ihm einfanden und ihre Waffen ihm zu Füssen legten. Mit dem Reste seiner Anhänger, etwa zweitausend syrischen Flüchtlingen, verlegte sich Joannes wieder auf heimliche Nachstellungen, nachdem der offene Angriff missglückt war. In aller Stille sandte er Boten nach Jerusalem, um den Josephus wegen seiner gewaltigen Streitmacht zu ver-296 J osephns, Geschichte des Jüdischen Krieges. dächtigen, und liess sagen, gar bald werde der Statthalter wohl als Tyrann in die Hauptstadt einziehen, wenn man sich seiner Person nicht vorher versichere. Das Volk hatte dies vorausgesehen und achtete nicht darauf; die Vornehmen aber und einige obrigkeitliche Personen schickten heimlich Geld an Joannes, damit er Söldner anwerben und gegen Josephus zu Felde ziehen könne. Auch beschlossen sie unter sich, letzteren von seinem Befehlshaberposten abzurufen. Da sie jedoch einsahen, der Beschluss allein werde dazu nicht genügen, sandten sie zweitausendfünfhundert Schwerbewaffnete und vier angesehene Männer, Joaesdros, den Sohn des Nomikos, Ananias, den Sohn des Sadduk, Simon und Judas, die Söhne des Jonathas, sämtlich hervorragende Redner, mit dem Auftrag ab, den Josephus um seine Beliebtheit beim Volke zu bringen und, wenn er sich gutwillig stelle, Rechenschaft von ihm zu fordern, wenn er aber seinen Posten mit Gewalt behaupten wolle, ihn als Feind zu behandeln. Den Josephus hatten nun seine Freunde von dem Anmarsch einer Truppenabteilung brieflich in Kenntnis gesetzt, den Grund aber hatten sie ihm nicht angeben können, weil der Plan der Feinde geheim gehalten worden war. Er traf deshalb auch keine Vorsichtsmassregeln, und so fielen alsbald vier Städte zu den Gegnern ab, Sepphoris, Gamal a, Gischala und Tiberias. Schnell aber brachte er dieselben ohne Schwertstreich wieder auf seine Seite, bekam dann durch List auch die vier Anführer sowie die mächtigsten der Bewaffneten in seine Gewalt und schickte sie nach Jerusalem zurück. Hier war das Volk nicht wenig über sie aufgebracht und würde sie wohl samt ihren Begleitern umgebracht haben, wenn sie sich nicht durch die Flucht gerettet hätten.

8. Aus Furcht vor Josephus hielt sich Joannes von nun an innerhalb der Mauern Gischalas. Wenige Tage nachher fiel übrigens Tiberias wieder ab, nachdem die Einwohner der Stadt die Hilfe des Königs Agrippa angerufen hatten. Dieser traf aber zu dem bestimmten Zeitpunkt nicht ein, und da an demselben Tage einige römische Reiter in der Stadt sich zeigten, erklärten die Bürger durch einen Herold den Josephus für der Stadt verwiesen. Ihr Abfall ward sogleich nach Taricheae gemeldet; indes mochte Josephus, weil er gerade fast alle seine Soldaten zum Einholen von Proviant ausgeschickt hatte, allein gegen die Abtrünnigen nicht ausrücken, anderseits auch nicht bleiben wo er war, weil sonst die Königlichen, während er zögerte, die 8tadt erreichen konnten. Am folgenden Tage aber, der als Sabbat den Stillstand der Arbeiten gebot, war es ihm ohnehin nicht möglich, etwas zu unternehmen. So sann er denn darauf, die Abgefallenen zu überlisten: er liess die Thore von Taricheae schliessen, damit niemand seinen Plan denen, gegen welche er gerichtet war, verraten könne, und alle Kähne auf dem See zusammenbringen. Es fanden sich deren zweihundertdreissig, und in jedem waren nicht mehr als vier Schiffer. Mit ihnen fuhr er eiligst nach Tiberias. Er liess nun die halbleeren Nachen in einer Entfernung von der Stadt, wo man sie nicht deutlich sehen konnte, auf dem See umhertreiben, während er selbst mit nur sieben unbewaffneten Leibwächtern mehr in den Gesichtskreis der Stadt hineinfuhr. Kaum aber erblickten ihn seine Gegner, die ihn bis dahin noch geschmäht hatten, von der Mauer herab, als sie in der Meinung, alle Kähne seien mit Kriegern gefüllt, ihre Waffen von sich warfen, wie Schutzflehende mit Olivenzweigen schwenkten und ihn baten, die Stadt zu verschonen.

9. Josephus drohte ihnen mit allem Nachdruck und machte ihnen Vorwürfe darüber, dass sie, die zuerst sich zum Kriege gegen die Römer angeschickt hätten, ihre Kräfte nun zum voraus im Bürgerzwist aufrieben, womit sie natürlich ihren Feinden den grössten Gefallen erzeigten. Weiterhin schalt er sie aus, dass sie jetzt den Mann, der für ihre Sicherheit sorge, aus dem Wege zu räumen suchten und sich nicht schämten, ihre Stadt dem zu verschliessen, der sie mit Mauern umgeben habe. Er sei jedoch, so schloss er, bereit, diejenigen in Gnaden aufzunehmen, die ihre Schuld eingestehen und ihm behilflich sein wollten, sich der Stadt zu versichern. Daraufhin kamen alsbald die zehn einflussreichsten Bürger von Tiberias ans Ufer herab. Josephus liess sie in eines der Boote einsteigen und weit in den See hinausfahren. Alsdann beschied er fünfzig andere der angesehensten Mitglieder des Rates zu sich, als wollte er auch von ihnen das Gelöbnis der Treue entgegennehmen. Und immer wieder ersann er neue Vorwände, um noch mehr Bewohner der Stadt wie zum Abschluss eines Übereinkommens zu sich zu rufen. Den Steuerleuten der angefüllten Schiffe aber gab er Befehl, so schnell wie möglich nach Taricheae zu segeln und die Männer dort ins Gefängnis zu bringen, bis er endlich den ganzen, aus sechshundert Köpfen bestehenden Rat und etwa zweitausend vom niederen Volke in seine Gewalt bekommen und zu Schiff nach Taricheae geschleppt hatte.

10. Die übrigen gaben nun mit lautem Geschrei einen gewissen Kleitos als Hauptanstifter des Abfalls an, und da sie an Josephus die Aufforderung richteten, seinem Zorn gegen ihn freien Lauf zu lassen, erteilte er, weil er entschlossen war, niemand am Leben zu strafen, einem seiner Trabanten Namens Levi den Befehl, jenem die Hände abzuhauen. Der Trabant aber, der sich vor der Menge der Feinde fürchtete, weigerte sich, allein hinzugehen. Als nun Kleitos sah, wie Josephus selbst voll Unwillen ein Schiff bestieg und heraneilen wollte, um die Strafe zu vollziehen, bat er vom Ufer aus flehentlich, man möge ihm doch wenigstens die eine Hand lassen. Jesephus bewilligte ihm die Bitte unter der Bedingung, dass er selbst sich die andere Hand abschlage, und wirklich zog Kleitos mit der Rechten sein Schwert und hieb sich die Linke ab — so gross war seine Angst vor Josephus. Auf diese Weise unterwarf sich letzterer mit leeren Nachen und sieben Trabanten die Einwohner von Tiberias und brachte die Stadt wieder auf seine Seite. Wenige Tage darauf nahm er Gischala, das mit Sepphoris abgefallen war, und überliess es seinen Leuten zur Plünderung. Übrigens gab er alles, was er zusammenbringen konnte, den Bürgern der Stadt zurück, ebenso denen von Sepphoris und Tiberias; denn er wollte ihnen, nachdem er sie überwältigt hatte, durch die Plünderung nur eine Warnung erteilen, und gewann sich nun durch Rückgabe des Eigentums ihre Zuneigung wieder.

Kapitel 22 – Kriegsrüstungen der Juden. Simon, des Gioras Sohn, verlegt sich auf Räubereien

1. Damit war die Gärung in Galilaea zu Ende, und man wandte sich nun, da die inneren Zwistigkeiten ruhten, zu den Kriegsrüstungen gegen die Römer. In Jerusalem setzten der Hohepriester Ananus und die Mächtigen, soweit sie nicht römisch gesinnt waren, die Mauer in Stand und liessen eine Menge Kriegsgerät anfertigen. Rings in der Stadt wurden Geschosse und vollständige Rüstungen geschmiedet; haufenweise beschäftigten sich die jungen Leute mit planlosen Waffenübungen, und überall herrschte ein lärmendes Getöse. Grosse Niedergeschlagenheit aber bemächtigte sich der friedliebenden Bürger, und gar viele brachen, den kommenden Jammer voraussehend, in laute Wehklagen aus. Auch stellten sich Wahrzeichen ein, welche von dem ruhigen Teile der Bevölkerung für unheilverkündend gehalten wurden, während die Anstifter des Krieges sie leichtfertig nach ihrem Gefallen auslegten. Noch ehe die Römer heranzogen, hatte Jerusalem bereits das Ansehen einer dem Untergang geweihten Stadt. Ananus gedachte nun die Kriegsrüstungen für kurze Zeit zu unterbrechen, um die Aufständischen und den Wahnsinn der sogenannten Zeloten auf das allgemeine Wohl hinzulenken, doch musste er der Gewalt weich en. Später werde ich noch berichten, welches Ende er fand.

2. In der Toparchie Akrabatene brachte Simon, des Gioras Sohn, eine Menge Unzufriedener zusammen und verlegte sich auf Räubereien, wobei er nicht nur die Häuser der Reichen plünderte, sondern auch sie selbst körperlich misshandelte. Schon jetzt traten die Anfänge seiner späteren Tyrannei zutage. Ananus und die anderen obrigkeitlichen Personen schickten Truppen gegen ihn aus; er aber flüchtete sich mit seinen Spiessgesellen zu den Räubern nach Masada, wo er bis zum Sturze des Ananus und seiner übrigen Gegner verblieb. Während dieser Zeit beteiligte er sich an den Streifzügen der Banditen nach Idumaea, dessen Behörden infolge der vielen Mordthaten und beständigen Räubereien sich genötigt sahen, ein Heer zu sammeln und Besatzungen in die Dörfer zu legen. So standen damals die Dinge in Judaea.

Deutsche Fassung: Übersetzung von Heinrich Clementz (1859–1946), Halle a. d. S., Otto Hendel, 1900 – gemeinfrei (Übersetzer vor über 70 Jahren gestorben). Text aus dem Digitalisat des Internet Archive (Texterkennung, automatisch bereinigt; gelegentliche Erkennungsfehler und die alte Rechtschreibung bleiben; ohne die Anmerkungen des Übersetzers und das Namenregister). Englische Fassung: William Whiston (1737) aus dem Project Gutenberg. · Titelbild schlicht selbst gestaltet

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