Josephus – Die jüdischen Altertümer

Buch 11 – Vom ersten Jahr des Kyros bis zum Tod Alexanders des Großen

Kapitel 1 – Wie der Perserkönig Cyrus die Juden aus Babylon in ihre Heimat entliess, ihnen den Tempel wieder aufzubauen gestattete und ihnen Geldmittel dazu gab

1. Im ersten Jahre der Regierung des Cyrus, dem siebzigsten seit der Überführung unseres Volkes nach Babylon, erbarmte sich Gott der Gefangenschaft und i* Go glw329500 der Drangsal, welche jene Unglücklichen ertragen mussten, wie er ihnen durch den Seher Jeremias vorhergesagt hatte, ehe die Stadt zerstört wurde: nachdem sie Nabuchodonosor und seinen Nachfolgern als Knechte gedient und diese Sklaverei siebzig Jahre lang erduldet hätten, werde er sie wieder in ihr Heimatland zurückführen, damit sie den Tempel aufbauen und ihr früheres Glück wiedergewinnen könnten. Dieser Verheissung getreu bewog Gott den Cyrus, in ganz Asien ein Rundschreiben zu erlassen folgenden Inhalts: „Also spricht der König Cyrus: Da mich der allmächtige Gott zum Könige des Erdkreises gemacht hat, glaube ich, dass er es ist, den das Volk der Israeliten anbetet. Er hat durch die Propheten meinen Namen Vorhersagen und verkündigen lassen, dass ich seinen Tempel zu Jerusalem im Lande Judaea wieder aufbauen würde."

2. Das hatte der König erfahren bei der Lesung des Buches der Weissagungen, welches Esa'ias zweihundertzehn Jahre früher geschrieben *hatte. Dieser verkündete nämlich, Gott habe ihm insgeheim offenbart: „Ich will, dass Cyrus, den ich zum Könige über viele und grosse Völkerschaften gemacht habe, mein Volk in sein Heimatland zurücksende und meinen Tempel wieder aufrichte." So prophezeite Esa’ias einhundertvierzig Jahre vor der Zerstörung des Tempels. Als Cyrus es gelesen hatte, bewunderte er Gottes Vorsehung und ward von regem Eifer erfüllt, dasjenige auszuführen, was geschrieben stand. Er liess daher die vornehmsten Juden in Babylon Zusammenkommen und sagte ihnen, er gebe ihnen die Erlaubnis, in ihr Vaterland zurückzukehren, um die Stadt Jerusalem und den Tempel Gottes wieder aufzubauen. Gott selbst werde sie dabei unterstützen; er aber wolle seinen Beamten und Satrapen in den an das Land der Juden grenzenden Provinzen schreiben, dass sie ihnen Gold und Silber zum Tempelbau wie auch Vieh zu den Opfern lieferten.

3. Als Cyrus den Israeliten diese Erlaubnis gegeben, machten sich die Oberhäupter der beiden Stämme Judas und Benjamin sowie die Leviten und Priester sogleich auf den Weg nach Jerusalem. Viele jedoch blieben in Babylon, weil sie ihr Besitztum nicht verlassen wollten Als nun die vorerwähnten Juden in Jerusalem ankamen, leisteten ihnen alle Freunde des Königs Hilfe und lieferten ihnen zur Erbauung des Tempels teils Gold und Silber, teils eine ungeheure Anzahl Pferde und anderes Vieh. Da brachten sie Gott ihre Gebete dar und schlachteten nach alter Gewohnheit Opfertiere, als wenn die Stadt schon wieder aufgebaut wäre und die alte Pracht des Gottesdienstes wieder aufleben sollte. Cyrus sandte ihnen hierauf auch die heiligen Geräte zurück, die der König Nabuchodonosor aus dem geplünderten Tempel nach Babylon gebracht hatte. Diese übergab er seinem Schatzmeister Mithradates mit dem Aufträge, sie an Abassar auszuliefern, der sie bis zur Vollendung des Tempels aufbewahren und dann den Priestern und Vorstehern des Volkes zur Aufstellung im Tempel aushändigen sollte. Ferner sandte Cyrus an seine Satrapen in Syrien ein Schreiben folgenden Inhalts: „Der König Cyrus an Sisinas und Sarabasanas. Ich habe den Juden, welche dazu Lust tragen, gestattet, in ihr Vaterland zurückzukehren und ihre Stadt sowie den Tempel Gottes zu Jerusalem auf derselben Stelle wieder aufzubauen, wo er früher gestanden hat. Meinen Schatzmeister Mithradates und den Vorsteher der Juden Zorobabel habe ich entsandt, um die Fundamente zum Tempel zu legen und ihn in der Höhe und Breite von sechzig Ellen zu erbauen, indem sie je drei Lagen von geglättetem Marmor und eine Lage Holz von Bäumen des Landes selbst aufschichten, sowie auch den Altar zur Darbringung von Opfern zu errichten. Die gesamten Baukosten will ich aus meinen Mitteln bestreiten. Die Geräte, welche der König Nabuchodonosor einst aus dem Tempel geraubt hat, habe ich meinen Schatzmeister Mithradates und dem Vorsteher der Juden, Zorobabel, übergeben, um sie nach Jerusalem zu bringen und im Tempel Gottes wieder aufzustellen. Deren Anzahl ist folgende: Fünfzig goldene und fünfhundert silberne Schüsseln, vierzig goldene und fünfhundert silberne Becher, fünfzig goldene und fünfhundert silberne Krüge, dreissig goldene und dreihundert silberne Opferschalen, dreissig goldene und zweitausendvierhundert silberne Opferteller, sowie eintausend andere Gefässe. Auch bewillige ich den Juden dieselben Rechte, welche ihre Vorfahren hatten. Für Vieh, Wein und Oel gewähre ich ihnen zweihundertfünftausendfünfhundert Drachmen, ferner zwanzigtausendfünfhundert Artaben Weizenmehl, und befehle, dass alles dies aus dem Steueramte in Samaria zu entnehmen ist. Die Opfer sollen die Priester zu Jerusalem nach moysaischem Ceremoniell darbringen und beim Opfer für das Heil des Königs und seines Hauses zu Gott flehen, damit das Reich der Perser lange bestehen möge. Wer diesem meinem Befehle nicht Folge leistet und ihn Übertritt, der soll ans Kreuz geschlagen werden, und seine Besitzungen sollen dem königlichen Schatze verfallen sein.“ Das war der Inhalt des Briefes. Derer aber, die nach Jerusalem zurückkehrten, waren zweiundvierzigtausendvierhundertzweiundsechzig.J

Kapitel 2 – Wie die Chuthaer und Satrapen die Juden am Tempelbau hinderten, und wie nach Cyrus’ Tod Kambyses denselben ganz untersagte

1. Während man nun die Fundamente zum Tempel legte und allen Eifer auf den Bau verwandte, baten die benachbarten Völkerschaften und besonders die Chuthaer, die der Assyrierkönig Salmanasar nach Wegführung des Volkes der Israeliten in die Gefangenschaft aus Persien und Medien nach Samaria verpflanzt hatte, die Satrapen und die Bauleiter, sie möchten die Juden an der Wiederaufrichtung der Stadt und des Tempels hindern. Diese i liessen sich auch durch Bestechung mit Geldgeschenken dazu verleiten, denChuthäern zu Gefallen die Juden mit Gleichgiltigkeit zu behandeln und den Tempelbau sehr nachlässig zu betreiben. Cyrus hatte davon keine Kenntnis, da er mit Feldzügen beschäftigt war. Auf einem derselben, den er gegen die Massageten unternahm, fand er seinen Tod. Als nun sein Sohn Kambyses den Thron bestiegen hatte, schrieben die Syrer, Phoeniker, Ammaniter, Moabiter und Samariter einen Brief folgenden Inhalts an ihn: „Deine Knechte, o Herr, Rathymus der Kanzler, Semelius der Schreiber, und die Vorsteher des phoenicischen und syrischen Rates. Du musst wissen, o König, dass die Juden, welche nach Babylon weggeführt waren, in unser Land gekommen sind, um die verräterische und ruchlose Stadt wieder aufzubauen, ihre Plätze wiederherzustellen, die Mauer wieder zu errichten und den Tempel zu bauen. Wenn das alles vollendet ist, werden sie dir weder Tribut zahlen noch deinen Befehlen Folge leisten, sondern sich zum Widerstand rüsten und lieber selbst herrschen, als dienen. Da nun der Tempelbau bereits im Gange ist, haben wir es für gut gehalten, an dich zu schreiben, o König, und es nicht unterlassen wollen, dich zu bitten, die Geschichte deiner Vorfahren nachzusehen. Du wirst darin finden, dass die Juden wie auch ihre Stadt, die ebendeswegen zerstört worden ist, aufrührerisch und gegen die Könige höchst feindselig sich benahmen. Auch wollen wir dir nicht verhehlen, dass, wenn die Stadt wieder aufgebaut und mit Mauern umgeben ist, du von Coelesyrien und Phoenicien abgeschnitten sein wirst.“

2. Als Kambyses den Brief gelesen hatte, geriet er, da er von Charakter jähzornig war, über dessen Inhalt in Wut und schrieb also zurück: „Der König Kambyses an den Kanzler Rathymus, an Belsemus, an den Schreiber Semelius und Genossen, sowie an alle Einwohner von Samaria und Phoenicien. Nachdem ich euren Brief gelesen, habe ich die Geschichte meiner Vorfahren durchsehen lassen und gefunden, dass diese Stadt stets gegen die Könige feindlich gesinnt gewesen ist, dass ihre Bewohner Aufruhr und Krieg an gezettelt, und dass ihre Herrscher mächtige und strenge Könige waren, die von Coelesyrien uud Phoenicien Tribut erhoben haben. Ich befehle daher, den Juden die Erbauung der Stadt zu wehren, damit ihre empörerische Gesinnung, die sie bisher stets zum Schaden der Könige bewiesen haben, nicht noch grösser werde." Als der Inhalt dieses Briefes vorgelesen war, stiegen Rathymus, der Schreiber Semelius und deren Amtsgenossen zu Pferde, eilten nach Jerusalem, versammelten dort das Volk und wehrten den Juden den Bau des Tempels und der Stadt. So wurde der Bau neun Jahre lang unterbrochen bis zum zweiten Jahre der Regierung des Perserkönigs Darius. Kambyses starb nach sechsjähriger Regierung, als er von einem Kriegszuge gegen Aegypten, das er unteijocht, zurückkehrte, in Damaskus.

Kapitel 3 – Wie nach dem Tode des Kambyses Darius zur Regierung kam, und wie Zorobabel, weil er in der Lösung schwieriger Fragen seine Genossen übertraf, von ihm die Erlaubnis zum Wiederaufbau des Tempels erhielt

1. Nachdem die Mager, welcher nach dem Tode des Kambyses ein Jahr lang die Herrschaft innehatten, aus dem Wege geräumt waren, erwählten die Oberhäupter der sogenannten sieben Häuser der Perser Darius, den Sohn des Hystaspes, zum Könige. Als dieser noch Privatmann war, hatte er Gott gelobt, wenn er die Königswürde erhielte, alle heiligen Gefässe, die sich noch in Babylon befänden, an den Tempel zu Jerusalem zurücksenden zu wollen. Um diese Zeit kam aus Jerusalem zu Darius Zorobabel, der zum Vorsteher der Juden in der Gefangenschaft ernannt worden war. Diesen verband mit dem Könige eine alte Freundschaft, und so kam es, dass er nebst zwei anderen die Ehrenstelle eines königlichen Leibwächters erhielt.

2. Im ersten Jahre seiner Regierung lud Darius seine nähere Umgebung, die Beamten seines Hauses, die Fürsten der Meder, die persischen Satrapen, die Statthalter von Indien bis nach Aethiopien hin und die militärischen Befehlshaber der hundertsiebenundzw'anzig Satrapien zu einem glänzenden Prunkmahle ein. Als man nach reichlichem Schmause sich trennte und jeder sein Quartier aufgesucht hatte, begab sich auch Darius zu Bett, wachte aber nach kurzem Schlummer auf und fing, da er keinen Schlaf mehr finden konnte, mit seinen drei Leibwächtern ein Gespräch an. Dabei versprach er, er wolle demjenigen von ihnen, der ihm die beste und scharfsinnigste Antwort auf eine Frage geben würde, zum Lohne die Erlaubnis erteilen, dass er ein Purpurgewand tragen, aus goldenem Becher trinken, in goldenem Bette schlafen, in goldgeschirrtem Wagen fahren, eine Kopfbedeckung von Byssus und eine goldene Halskette tragen, und um seiner Weisheit willen neben ihm sitzen dürfe. Auch wolle er ihn als seinen Verwandten betrachten. Nachdem er ihnen solche Belohnungen in Aussicht gestellt hatte, fragte er den ersten, ob der Wein am gewaltigsten sei, den zweiten, ob die Könige, den dritten, ob die Weiber die meiste Macht hätten, oder ob die Wahrheit gewaltiger sei als alle drei. Alsdann begab er sich zur Ruhe. Am Morgen liess er seine Grossen', die Satrapen und die Statthalter von Persien und Medien Zusammenkommen, nahm auf seinem Throne Platz und befahl jedem seiner Leibwächter, vor versammeltem Hofstaat über die ihm vorgelegte Frage seine Meinung zu äussern.

3. Da begann der erste von der Gewalt des Weines zu reden und lobte ihn folgendermassen: „Ihr Männer, ich soll die Macht des Weines schildern, und ich beweise euch, dass er alles übertrifft. Er umnebelt und bethört nämlich den Sinn derer, die ihn trinken, macht die Könige den Waisen und Dürftigen gleich, löst die Zunge des Knechtes dem Freien gegenüber und stellt den Armen mit dem Reichen auf eine Stufe. Die Seele wandelt er um und verleiht ihr neue Kraft. Den Unglücklichen nimmt er ihre Traurigkeit, lässt den Schuldner seine Schuld vergessen ‘und macht, dass er sich für den reichsten Menschen hält, sodass er nicht mehr von Kleinigkeiten, sondern nur noch von Talenten und allem anderen, was glückselig macht, redet. Er lässt Fürsten und Könige ihre Würde vergessen und tilgt selbst das Andenken an Freunde und Verwandte. Den Menschen bringt er auf gegen seine Lieben, als wenn sie ihm wildfremd wären. Ist man aber nüchtern geworden und hat man den Weinrausch in der Nacht verschlafen, so erhebt man sich, ohne noch etwas von dem zu wissen, was man im Taumel gethan. Daraus ziehe ich den Schluss, dass der Wein der allmächtigste Herrscher ist, und nichts ihn an Gewalt übertrifft.“

4. Nachdem der erste diese Rede auf den Wein gehalten, fing der zweite an, von der Macht des Königs zu sprechen, die er für gewaltiger als jede andere körperliche oder geistige Macht hielt. Diese Behauptung versuchte er also zu beweisen: „Der Mensch herrscht über alle Dinge und kann sich Land und Meer nach Belieben dienstbar machen. Die Könige aber haben wieder die Herrschaft über die Menschen. Wer also über das stärkste und mächtigste Geschöpf gebietet, der muss wohl die grösste Gewalt besitzen. Wenn der König seinen Unterthanen befiehlt, sich in Krieg und Gefahren zu stürzeu, so gehorchen sie. Sendet er sie gegen den Feind, so wagt niemand zu trotzen. Berge werden auf seinen Befehl abgetragen, feste Mauern und Türme zerstört. Ja, morden und sich morden lassen, wenn er gebietet, ist der Menschen Pflicht, wie auch der Sieger seine Kampfesbeute nur dem Könige zu bringen hat. Die aber vom Kriegsdienste frei sind und das Land bebauen, müssen, wenn sie nach harter Arbeit endlich ernten, dem Könige die Abgabe davon entrichten. Was er ausspricht und befiehlt, muss ohne Verzug gethan werden. Von Wollust und Üppigkeit gesättigt, schläft er ein, und dann beschirmen ihn Wächter, welche die Furcht an ihn fesselt, sodass sie ihn nicht ein Weilchen zu verlassen wagen, um ihren eigenen Geschäften nachzugehen. Die Bewachung des Königs ist vielmehr das einzige, worauf sie ihr Augenmerk zu richten haben. Es muss also der König der mächtigste von allen sein, da seinem Befehl eine so grosse Menge gehorcht.“

5. Als auch dieser geendet hatte, hub Zorobabel als dritter an, die Macht der Weiber und der Wahrheit zu schildern, und sprach: „Grosse Macht hat der Wein, und gewaltig ist der König, dem alle gehorchen. Aber noch weit mächtiger sind die Weiber. Denn auch den König brachte ein Weib zur Welt, und die Winzer, die den Wein keltern, sind vom Weibe geboren und erzogen. Überhaupt giebt es nichts, das wir nicht dem Weibe verdankten. Denn es webt unsere Kleider und besorgt unser gesamtes Hauswesen. Ohne Weib können wir nicht leben, und Gold, Silber wie alle anderen Kostbarkeiten geben wir gern dahin, wenn wir ein schönes Weib erblicken. Ja, unser ganzes Hab und Gut opfern wir, um in den Genuss seiner Reize gelangen zu können. Vater, Mutter und Heimat verlassen wir und vergessen unsere teuersten Freunde um der Weiber willen; ja, wir scheuen uns nicht, für sie zu sterben. Hieraus lässt sich leicht ermessen, wie gross des Weibes Macht ist. Arbeiten wir nicht und tragen wir nicht alle Mühsale zu Wasser und zu Lande, um das dadurch Erworbene freudig dem Weibe, unserer Herrscherin, zu Füssen zu legen? Sah ich doch einst, wie der König, der gewaltige Herrscher, von Aparae, der Tochter des Themasiers Rabezak, seinem Kebs weibe, geohrfeigt wurde; wie er duldete, dass sie das Diadem von seinem Haupte nahm und sich selbst aufsetzte; wie er lächelte*, wenn sie fröhlich, und zürnte, wenn sie traurig war; wie er auf jede erdenkliche Weise dem Weibe schmeichelte und durch tiefe Demütigung ihre Gunst wiederzuerlangen trachtete, wenn er sie in Unmut sah!“

6. Während die Fürsten und Satrapen noch über das Gehörte nachdachten, schickte Zorobabel sich an, von der Wahrheit zu reden mit folgenden Worten: „Ich habe gezeigt, wie mächtig die W eiber sind; allein schwach sind sie wie der König im Vergleich zu der Wahrheit. Denn wie gross auch die Erde, wie hoch der Himmel, und wie schnell der Sonne Lauf ist, so bewegt sich doch das alles nur nach dem Willen Gottes, der die Wahrheit ist. Daraus folgt, dass die Wahrheit die grösste Macht ist, gegen welche keine Ungerechtigkeit etwas vermag. Denn während alles andere, das mächtig zu sein scheint, sterblich und hinfällig ist, bleibt die Wahrheit dagegen ewig und unsterblich. Sie glänzt nicht durch Schönheit, welche die Zeit schwinden macht, noch durch Reichtum, den der Zufall raubt, sondern durch Recht und Gesetzmässigkeit, wonach sie das Ungerechte von sich abstösst und verdammt.“

7. Sobald Zorobabel hiermit seine Lobrede auf die Wahrheit beendigt hatte, riefen alle aus, er habe am besten gesprochen, und nur die Wahrheit sei von unveränderlicher Macht und altere nie. Der König aber hiess ihn noch eine Gabe zu dem verlangen, was er ihm schon in Aussicht gestellt hatte. Er wolle ihm dieselbe gern gewähren, weil er sich als einen so verständigen und überaus klugen Mann bewiesen habe. „Du wirst von nun an,“ sagte er, „mir zur Seite sitzen und mein Verwandter heissen.“ Hierauf erinnerte ihn Zorobabel an das Gelübde, das der König zu erfüllen versprochen habe, wenn er den Thron besteigen würde. Dann wolle er ja Jerusalem wieder erneuern, den Tempel Gottes aufbauen lassen und die von Nabuchodonosor geraubten und nach Babylon geschleppten Gefässe wieder zurückgeben. „Das ist es,“ fügte er hinzu, „was ich jetzt von dir erbitte, weil du mir als Belohnung für meine Weisheit und Klugheit noch eine Gnade versprochen hast.“

8. Da erhob sich der König erfreut, küsste den Zorobabel und liess an die Statthalter und Satrapen schreiben, sie sollten dem Zorobabel und allen, die mit ihm zur Wiederaufrichtung Jerusalems ausziehen wollten, das Geleit geben. Auch befahl er den Präfekten von Syrien und Phoenicien brieflich, auf den Libanon Oedernbäume fällen und dieselben zum Tempelbau nach Jerusalem schaffen zu lassen. Ferner schenkte er allen Gefangenen, welche bereit waren, nach Judaea zu ziehen, die Freiheit, verbot seinen Verwaltern und Satrapen, von den Juden die Abgaben für den König zu erheben, und erliess den Juden alles Land, das sie bebauen wollten, steuerfrei. Den Idumäern, Samaritern und Bewohnern von Coelesyrien aber befahl er, sie sollten alle Wohnsitze der Juden, welche sie innehätten, verlassen und zum Bau des Tempels fünfzig Talente beisteuern. Den Juden selbst gestattete er, ihre gesetzlichen Opfer wieder darzubringen, liess alle Geräte sowie die Kleidung des Hohepriesters und der übrigen Priester auf seine Kosten hersteilen, gab den Leviten Musikinstrumente, wies den Wächtern der Stadt und des Tempels Ländereien sowie ein Jahresgehalt an, sandte die heiligen Gefässe nach Jerusalem zurück und ordnete überhaupt alles das an, was schon früher Cyrus zum Besten der Juden beabsichtigt hatte.

9. Als Zorobabel diese Gnade vom Könige erlangt hatte, verliess er den Palast, erhob sein Antlitz gen Himmel und dankte Gott dafür, dass er ihm Weisheit verliehen und ihm dadurch den Sieg ermöglicht habe. „Denn das alles,“ sagte er, „hätte ich nicht erlangt, wenn du, o Herr, mir nicht gnädig gewesen wärest.“ Nachdem er so Gott öffentlich seinen Dank abgestattet und ihn gebeten hatte, ihm in Zukunft gleiches Wohlwollen zu beweisen, eilte er nach Babylon und brachte seinen Landsleuten die frohe Botschaft von der Erlaubnis des Königs. Als die Juden dies vernahmen, dankten sie zunächst Gott dafür, dass er ihnen die Rückkehr in ihre Heimat wieder gestatten wolle, und ergötzten sich dann sieben Tage lang mit Freudenmahlen und heiterem Spiel, um die Wiedererstehung ihres Vaterlandes zu feiern. Darauf bewogen sie die Vorsteher der Stämme, ihnen voraus mit Weibern, Kindern und Vieh die Reise nach Jerusalem anzutreten. Diese erhielten von Darius Geleit nach Jerusalem und legten den Weg unter freudigen Lobgesängen und unter dem Schalle von Flöten und Cymbeln zurück. Alsdann folgte ihnen jubelnd das übrige Volk nach.

10. So zog also aus jedem Geschlecht eine bestimmte Zahl aus. Ich halte es nun nicht für zweckmässig, diese Geschlechter alle einzeln aufzuzählen, damit der Leser nicht von dem Zusammenhang der Begebenheiten abgelenkt werde und der Geschichtserzählung besser folgen könne. Die Zahl aller Abziehenden aus den Stämmen Judas und Benjamin, die über zwölf Jahre alt waren, betrug viermillionsechshundertachtundzwanzigtausend, die der Leviten vierundsiebzig, während die übrige Menge, Frauen und Kinder, die Zahl vierzigtausendsiebenhundertzweiundvierzig auf wies. Ausserdem waren dabei hundertachtundzwanzig Leviten als Sänger, hundertzehn als Thürhüter und dreihundertzweiundneunzig als Tempeldiener. Dazu kamen dann noch sechshundertzweiundsechzig, die sich für Israeliten ausgaben, aber ihre Abstammung nicht beweisen konnten. Einige aus den Priestern übrigens mussten ihrer Priesterwürde entkleidet werden, da sie Weiber geheiratet hatten, deren Herkunft sie nicht nachzuweisen vermochten und die auch in den Registern der Leviten und Priester nicht verzeichnet waren. Es waren dies im ganzen gegen fünfhundertfünfundzwanzig Priester. An Knechten folgten denen, die nach Jerusalem zogen, siebentausenddreihundertsiebenunddreissig Mann. Sänger und Psalterspieler waren zweihundertfünfundvierzig dabei, ausserdem vierhundertfünfunddreissig Kamele und fünftausendfünfhundertfünfundzwanzig Stück Zugvieh. Die Anführer des ganzen Zuges waren Zorobabel, der Sohn des Salathiel, aus dem Stamme Judas und aus Davids Geschlecht, und Jesus, der Sohn des Hohepriesters Josedek. Ausser diesen hatte das Volk sich noch zu Führern erwählt den Mardochaeus und den Serebaeus, welche hundert Minen Gold und fünftausend Minen Silber beigesteuert hatten. Auf diese Weise zogen also die Priester nebst einem Teile des gesamten Volkes der Juden, das damals in Babylon wohnte, nach Jerusalem aus. Der Rest des Volkes aber begab sich gesondert in sein Heimatland zurück.

Kapitel 4 – Wie trotz des Widerstandes der Chuthäer der Tempel erbaut wurde

1. Im siebenten Monat nach dem Auszuge aus Babylon sandten der Hohepriester Jesus und der Anführer Zorobabel Boten im Lande umher und beriefen die ganze Volksmenge nach Jerusalem zusammen, die diesem Rufe auch gern Folge leistete. Dann errichteten sie den Altar an derselben Stelle, wo er früher gestanden hatte um Gott die feierlichen Opfer darzubringen, die im Gesetze des Moyses vorgeschrieben waren. Dieses Beginnen betrachteten die benachbarten Völker mit neidischen Blicken, da sie samt und sonders ihnen feindlich gesinnt waren. Trotzdem feierten die Juden das Laubhütten fest um die Zeit, die der Gesetzgeber dafür bestimmt hatte, und vollzogen wieder die Speiseopfer, Brandopfer, Sabbatopfer und alle anderen festlichen Opfer; auch brachten [sie die vorgeschriebenen Gebete dar und begannen mit] den Opfern wieder vom Neumond des siebenten Monats an. Alsdann gaben sie sich auch an die Erbauung des Tempels, zahlten den Steinmetzen und Zimmerleuten eine grosse Geldsumme und gewährten denen, die das Material herbeischafften, Speise und Trank. Diese Arbeiten besorgten die Sidonier mit leichter Mühe, indem sie Cedernholz vom Libanon zu Flössen zusaramenfügten und damit in den Hafen von Joppe einfuhren. Cyrus hatte das bereits angeordnet, während es jetzt erst unter Darius vollzogen. wurde.

2. Im zweiten Jahre nach der Rückkehr der Juden und zwar im zweiten Monat begann man mit dem Tempelbau, indem man am Neumond dieses Monats die Fundamente legte nnd auf diesen weiterbaute. Den Bau leiteten die über zwanzig Jahre alten Leviten, Jesus mit seinen Söhnen und Brüdern, sowie Zodmiel, der Bruder des Judas, Sohnes des Aminadab, nebst seinen Söhnen. Und da mit angestrengtestem Fleisse gearbeitet wurde, ward der Tempel wider Erwarten schnell vollendet. Als das Heiligtum fertig war, legten die Priester ihre -Gewänder an und stellten sich mit Posaunen auf, desgleichen auch die Leviten und die Söhne des Asaph. ‘ Darauf sangen sie Gott Loblieder, wie David sie dereinst gelehrt hatte. Die Priester und Leviten aber und die Ältesten aus den Geschlechtern, <iie sich der Pracht und Grösse des früheren Tempels noch erinnerten und nun den jetzigen, weit ärmlicheren entstehen sahen, gerieten bei dem Gedanken an ihr einstiges Glück und den Glanz ihres früheren Tempels in tiefe Trauer und vermochten ihr Wehklagen und ihre Thränen nicht zurückzuhalten. Das Volk dagegen war schon zufrieden, dass es wieder einen Tempel erhielt, und dachte nicht an den früheren, quälte sich auch nicht mit Vergleichen ab, welche die geringere Pracht des jetzigen Tempels erst recht hätten empfinden lassen. Und der Schall der Posaunen und das Jauchzen der Menge übertönte die Wehklage der Ältesten und der Priester, die immer wieder daran erinnert wurden, dass der jetzige Tempel dem zerstörten weit nachstehe.

3. Als nun die Samariter, die den Stämmen Judas und Benjamin feindlich gesinnt waren, den Schall der Posaunen vernahmen, liefen sie herbei, um den Grund des Festtrubels kennen zu lernen. Und da sie sahen, dass die Juden, die als Gefangene nach Babylon weggeführt worden waren, den Tempel wieder aufbauten, gingen sie den Zorobabel und den Jesus sowie die Oberhäupter der Geschlechter mit der Bitte an, man möge ihnen gestatten, sich am Bau zu beteiligen. „Wir verehren ja,“ sagten sie, „ebenso wie ihr den allmächtigen Gott und beten zu ihm, und wir sind auch stets in seinem Dienste eifrig gewesen von der Zeit an, da der Assyrierkönig Salmanasar uns aus Chuthien und Medien hierher verpflanzt hat.“ Zorobabel, der Hohepriester Jesus und die Oberhäupter der Geschlechter entgegneten ihnen darauf, es sei unmöglich, sie am Tempelbau teilnehmen zu lassen, da nur die Juden zuerst von Cyrus und jetzt von Darius den Auftrag zur Wiedererrichtung des Tempels erhalten hätten. Jedoch wolle man ihnen erlauben, in dem Tempel Gott zu verehren, denn nur hierin bestehe die Gemeinschaft der Juden mit ihnen wie mit allen anderen, die zum Tempel kämen, um Gott anzubeten.

4. Als die Chuthäer (so heissen eigentlich die Samariter) diese Antwort vernahmen, wurden sie wütend und veranlassten die Völkerschaften Syriens, die Satrapen zu bitten, sie möchten, wie dies früher unter Cyrus und Kambyses geschehen sei, den Bau des Tempels hintertreiben und den Juden bei ihrer Arbeit Schwierigkeiten und Hindernisse in den Weg legen. Um diese Zeit kam der Statthalter von Syrien und Phoenicien, Sisineß, in Begleitung des Sarabazanes und einiger anderen nach Jerusalem. Diese fragten die Vorsteher der Juden, wer ihnen erlaubt habe, einen solchen Tempel zu bauen, der einer Festung ähnlicher als einem Heiligtum sei, und weshalb sie ihn mit Säulenhallen und die Stadt mit so starken Mauern umgeben hätten. Zorobabel und der Hohepriester Jesus antworteten ihnen, sie seien Diener des allmächtigen Gottes, und der Tempel, den ihr glücklichster und tugendhaftester König einst erbaut, habe lange Zeit unversehrt dagestanden. Als Josephus’ Jüdische Altertümer, II. aber ihre Vorfahren gegen Gott gefrevelt, habe Nabuchodonosor, der König der Babylonier und Chaldäer, die Stadt eingenommen und zerstört, den Tempel geplündert und verbrannt und das Volk nach Babylon in die Gefangenschaft geschleppt* Cyrus indessen, der ihm in der Herrschaft über Babylonien und Persien gefolgt sei, habe schriftlich den Befehl erteilt, den Tempel wieder aufzubauen, und alle von Nabuchodonosor geraubten Weihgeschenke und Geräte dem Zorobabel und seinem Schatzmeister Mithradates übergeben, um sie nach Jerusalem zuTückzuschaffen und in dem neuerbauten Tempel wieder aufzustellen. Und damit alles möglichst schnell vollführt werde, habe er dem Abassar befohlen, sich nach Jerusalem zu begeben und für den Tempel Sorge zu tragen. Dieser sei darauf mit einem Schreiben des Cyrus sogleich dorthin abgereist und habe die Fundamente legen lassen. Seit dieser Zeit habe man eifrig weitergebaut, sei jedoch wegen der Böswilligkeit der Feinde mit dem Bau noch nicht fertig geworden. Wenn sie es daher für gut fänden, möchten sie an DariuB schreiben, damit er die königliche Chronik [nachsehen lasse und sich überzeuge, dass sie die volle Wahrheit geredet hätten.

5. Auf diese Vorstellungen Zorobabels und des Hohepriesters hin beschlossen Sisines und seine Begleiter, dem Bau nichts in den Weg zu legen, bis sie den König Darius benachrichtigt hätten. Und sogleich schrieben sie ihm über die Angelegenheit. Da aber die Juden in Schrecken gerieten und fürchteten, den König möchte die Wiederaufrichtung des Tempels und der Stadt reuen, flössten zwei Seher, welche damals unter ihnen lebten, Aggaeus und Zacharias, ihnen Mut ein und verkündeten ihnen nach einer Verheissung Gottes, es werde ihnen von den Persern kein Leid zugefügt werden. Im Vertrauen hierauf bauten sie alsdann fieissig weiter und setzten die Arbeit auch nicht einen einzigen Tag aus.

6. Unterdessen schrieben die Samariter an Darius und klagten die Juden an, sie befestigten ihre Stadt, und ihr Tempel gleiche mehr einer Festung wie einem Heiligtum. Auch stellten sie dem Könige vor, der Bau liege nicht in seinem Interesse, und fügten den Brief des Kambyses bei, in welchem dieser den Tempelbau untersagt hatte, weil er von der Wiederaufrichtung Jerusalems für sich Gefahr befürchtete. Als Darius nun auch den Brief des Sisines und seiner Amtsgenossen gelesen hatte, befahl er, in den königlichen Archiven nachzuforschen. Man fand dabei zu Ekbatana in Medien in einem Turme ein Geschichtsbuch, in welchem folgendes geschrieben stand: „Im ersten Jahre seiner Regierung hat der König Cyrus befohlen, den Tempel zu Jerusalem samt dem Altäre wieder aufzubauen, in einer Höhe und Breite von sechzig Ellen aus je drei Lagen geglätteten Marmors und einer Lage Holz des Landes, und die Kosten auf die königliche Kasse zu übernehmen. Ferner hat er vorgeschrieben, die Geräte, die Nabuchodonosor aus dem Tempel geraubt und nach Babylon geschleppt hatte, den Jerusalemern wieder zuzustellen. Mit der Sorge dafür betraute er Abassar, den Statthalter von Syrien und Phoenicien, und dessen Unterbeamte. Diese selbst sollten sich von der Stadt fernhalten, die Juden aber, die Diener Gottes, und deren Vorsteher bei der Erbauung des Tempels ruhig gewähren lassen. Weiterhin hat er befohlen, zur Unterstützung des Werkes aus den Abgaben der Provinzen, die jene Beamten verwalteten, den Juden Stiere, Widder, Lämmer, Böcke, Weizenmehl, Öl, Wein und alles andere, das die Priester begehren würden, zu liefern. Dafür sollten die Juden zu Gott für das Heil des Königs und der Perser beten. Wer gegen diese Anordnungen verstosse, solle gekreuzigt und seine Besitzungen zu gunsten des Königs eingezogen werden. Obendrein flehte er auch selbst zu Gott, dieser möge jeden, der den Bau zu hindern wage, vernichten und ihn so von dem Frevel abhalten.“

7. Als Darius diese Aufzeichnungen in der Chronik des Cyrus gefunden hatte, schrieb er dem Sisines und seinen Amtsgenossen folgendes zurück: „Der König Darius an den edlen Ritter Sisines, an Sarabazanes und an deren Amtsgenossen. Ich sende euch hiermit eine Abschrift des Briefes, den ich in der Chronik des Cyrus gefunden habe, und will, dass alles so ausgeführt werde, wie es darin geschrieben steht. Lebt wohl. u Als Sisines und seine Amtsgenossen aus diesem Briefe den Willen des Königs klar erkannt hatten, beschlossen sie, sich genau danach zu richten. Sie forderten demgemäss das heilige Werk und unterstützten die Ältesten und Vorsteher der Juden, sodass der Bau unter Anwendung höchsten Fleisses in sieben Jahren vollendet wurde, wie die Seher Aggaeus und Zacharias im Aufträge Gottes ge weissagt und die Könige Cyrus und Darius es gewollt hatten. Im neunten • Jahre der Regierung des Darius, am dreiundzwanzigsten Tage des zwölften Monats, der bei uns Adar, bei den Macedoniern aber Dystros heisst, brachten die Priester, die Leviten und das gesamte Volk der Israeliten für die Erneuerung ihres ehemaligen Glückes und aus Dankbarkeit für den ihnen wiedergegebenen Tempel hundert Stiere, zweihundert Widder, vierhundert Lämmer und zwölf Böcke (letztere der Zahl der Stämme entsprechend) dar zur Sühnung ihrer Sünden. Hierauf sorgten die Priester und Leviten dafür, dass nach dem Gesetze des Moyses Thürhüter für die einzelnen Eingänge angestellt wurden. Denn die Juden hatten auch die rings um den Tempel laufenden Säulenhallen des inneren Heiligtums wieder aufgebaut.

8. Da nun das Fest der ungesäuerten Brote im ersten Monat, den die Macedonier Xanthikos, wir aber Nisan nennen, bevorstand, strömte alles Volk aus den anderen Städten nach Jerusalem. Hier begingen sie das Fest, nachdem sie sich nebst Weibern und Kindern nach väterlicher Sitte der Reinigung unterzogen hatten, brachten am vierzehnten Tage des Monats das sogenannte Paschaopfer dar und vergnügten sich dann sieben Tage lang, ohne auf die Kosten zu sehen. Auch Brandopfer brachten sie dar, imgleichen Dank opfer dafür, dass Gott sie in ihr Heimatland zurückgeführt und ihnen ihre väterlichen Gesetze wiedergegeben, sowie den Perserkönig ihnen wohlgesinnt gemacht hatte. In der Folgezeit begingen die Bewohner von Jerusalem den Gottesdienst wieder mit aller Pracht. Ihre Staatsverfassung war eine gemischte, teils aristokratisch, teils oligarchisch. Denn die Hohepriester standen an der Spitze des Staates, bis die Asamonäer die Königswürde erlangten. Vor der Wegführung des Volkes in die Gefangenschaft regierten, von Saul und David angefangen, fünfhundertzweiundzwanzig Jahre sechs Monate und zehn Tage lang Könige. Vor diesen wurde das Volk von Richtern regiert, und es bestand diese Staatsverfassung nach dem Tode des Moyses und des Feldherrn Jesus mehr als fünfhundert Jahre lang. So verhielt es sich mit den Juden, die unter Cyrus und Darius aus der Gefangenschaft heimkehrten.

9. Die Samariter aber, die den Juden höchst feindlich und missgünstig gegenüberstanden, fügten ihnen grossen Schaden zu, indem sie sich auf ihren Reichtum sowie auf ihre Verwandtschaft mit den Persern stützten, von denen sie abstammten. Sie verweigerten die Lieferung der Beiträge, die sie nach dem Befehle des Königs zu den Opfern zu leisten hatten, und verstanden es, die königlichen Beamten auf ihre Seite zu bringen, wie sie auch keine andere Gelegenheit unbenutzt liessen, um den Juden sei es selbst, sei es durch andere zu schaden. Die Jerusalemer beschlossen daher, sich an den König Darius zu wenden und die Samariter zu verklagen. Zu diesem Zwecke ordneten sie eine Gesandtschaft ab, die aus Zorobabel und vier anderen vornehmen Juden bestand. Als der König von diesen die Klagen gegen die Samariter gehört hatte, entliess er sie mit einem Schreiben an seine Beamten und an den Senat zu Samaria, das folgenden Inhalt hatte: „Der König Darius an seine Beamten zu Samaria, Tanganas, Sambabas, Sadrakas, Bobelon und deren Amtsgenossen. Die J osephus’ J fidische Altertümer. Gesandten der Juden Zorobabel, Ananias und Mardochaeus haben euch verklagt, ihr hättet sie beim Tempelbau belästigt und die Beiträge zu den Opfern, wie ich befohlen, nicht geleistet. Ich gebiete daher, dass ihr nach Lesung dieses Briefes aus dem königlichen Steueramte zu S&maria alles zu liefern habt, was nach dem Gutdünken der Priester zu den Opfern erforderlich ist, damit sie die täglichen Opfer nicht zu unterbrechen brauchen und für mich und mein Volk zu Gott beten.“ Das war der Inhalt des Schreibens.

Kapitel 5 – Wie Xerxes, der Sohn des Darius, die Juden höchst wohlwollend behandelte. Von Esdras und Neemias

1. Nach [dem Tode des Darius folgte ihm in der ßegierung sein Sohn Xerxes, der ebenso gottesfürchtig wie sein Vater war.. Denn er. lag wie dieser eifrig dem Gottesdienste ob und jwar den Juden überaus wohlgesinnt. Um diese Zeit war Joakim, Jesus’ Sohn, Hohepriester. Es befand sich aber zu Babylon ein gerechter und hochgeachteter Mann mit Namen. Esdras, der erste Priester des Volkes. Dieser war mit dem moysaischen Gesetze besonders vertraut und genoss die Freundschaft des Königs Xerxes. Da er nun beschlossen hatte, nach Jerusalem zu ziehen und einige von den zu Babylon lebenden Juden mitzunehmen, bat er den König, ihm ein Beglaubigungsschreiben an dieftSatrapen Syriens mitzugeben. Darauf schrieb der {König [folgendes: „Der König Xerxes entbietet dem Priester und Gesetzeslehrer Esdras seinen Gruss. In meiner königlichen Gnade habe ich beschlossen, dass den Juden sowie deren Priestern und Leviten, die noch in meinem Reiche leben und nach Jerusalem ziehen wollen, dieses verstattet sein soll. Wer also Lust dazu trägt, möge mit meiner und meiner sieben Räte Einwilligung sich dorthin begeben, damit Gottes Gesetz in Judaea wieder völlig zur Geltung komme. Die Abziehenden sollen auch dem Gotte der Israeliten die Geschenke, die ich und meine Freunde ihm gelobt haben, mitnehmen sowie alles Gold und Silber, das sich im Lande der Babylonier noch vorfindet und früher Gott geweiht war. Was. du selbst aus Gold und Silber, verfertigen willst, das magst du mit deinen Brüdern her6tellen. Die heiligen Geräte, die dir eingehändigt worden sind, sollst du Gott wieder weihen und auch sonst alles nach deinem Gutdünken dir anfertigen lassen, und zwar auf meine Kosten. Meinen Schatzmeistern in Syrien und Phoenicien habe ich geschrieben, dass sie für alles Sorge tragen sollen, was der Priester und Ausleger der Gesetze Gottes, Esdras, von ihnen verlangen wird. Und damit Gott mir und meinen Nachkommen nicht zürne, befehle ich, dass ihm alles bis auf hundert Koren Weizen nach seinem Gesetze geliefert werde. Ausserdem lege ich euch ans Herz, dass ihr von keinem Priester, Leviten, Pförtner, Sänger, Tempeldierier oder Tempelschreiber irgend eine Steuer erheben, noch sie zu irgend welchen Lasten heranziehen dürft., Du aber, Esdras, magst nach dem Gutdünken deiner Weisheit, die Gott dir verliehen hat, Richter, die in deinem Gesetze bewandert sind, in ganz Syrien und Phoenicien einsetzen. Die des Gesetzes Unkundigen aber wollest du belehren, damit derjenige von deinen Landsleuten, der Gottes oder des Königs Gesetz Übertritt, keine Unkenntnis desselben vorschützen kann, sondern als wissentlicher Verächter des Gesetzes seine Strafe erleidet.. Die Strafe aber soll entweder Todes-oder Geldstrafe sein. Gehab dich, wohl.“

2. Als Esdras dieses Schreiben erhielt, freute er sich ausserordentlich und lobte Gott, dem allein er die gute Gesinnung des Königs zuschrieb und dem er deshalb auch seinen innigsten Dank abstattete. Und nachdem er den Brief den Juden in Babylon yorgelesen hatte, behielt er das Original für sich, während er eine Abschrift davon an alle seine in Medien lebenden Landsleute sandte. Diese wurden von hoher Freude durch- drangen, als sie die Kunde von der gottesfürchtigen Gesinnung des Königs und seinem Wohlwollen gegen Esdras vernommen hatten, und viele von ihnen begaben sich alsbald mit ihrer Habe nach Babylon, um von dort nach Jerusalem zurückzukehren. Die grosse Masse des Volkes aber blieb im Lande. Daher kommt es, dass nur zwei Stämme in Asien und Europa den Römern unterthan sind, während die zehn übrigen Stämme als eine unendliche, unzählbare Menge noch heutigen Tages jenseits des Euphrat wohnen. An Esdras aber schlossen sich die meisten Priester, Leviten, Thürhüter, Sänger und Tempeldiener an. Als er nun die Verbannten, die ihn begleiten wollten, über den Euphrat geführt hatte, rastete er hier drei Tage lang, ordnete ein Fasten an und liess das Volk zu Gott flehen, dass er sie gnädig beschützen und sie vor allem Übel sei es seitens ihrer Feinde, sei es anderswoher bewahren möge. Denn Esdras hatte dem Könige schon im voraus gesagt, Gott werde sie behüten, und deshalb auf den ihm angebotenen Schutz von Reitern verzichtet. Nachdem sie nun ihr Gebet beendigt hatten, brachen sie am zwölften Tage des ersten Monats, im siebenten Jahre der Regierung desXerxes, vom Euphrat auf und gelangten im fünften Monat desselben Jahres nach Jerusalem. Dort übergab Esdras den Schatzmeistern das für den Tempel bestimmte Vermögen, sechshundertfünfzig Talente Silber, hundert Talente an silbernen Gefässen, zwanzig Talente an goldenen Gefässen und zwölf Talente an ehernen Gefässen, die noch werth voller als Gold waren. Das alles hatten ihm der König, dessen Räte und die in Babylon bleibenden Israeliten geschenkt. Als Esdras diese Kostbarkeiten den Priestern eingehändigt hatte, liess er Gott die gesetzlichen Brandopfer darbringen, zwölf Stiere für das Heil des ganzen Volkes, neunzig Widder, zweiundsiebzig Lämmer, und zwölf Ziegenböcke als Sühnopfer. Den königlichen Schatzmeistern und den Präfekten von Coelesyrien und Phoenicien aber übergab er den Brief des Königs, und diese erfüllten denn auch wohl oder übel den Befehl des Xerxes, behandelten die Juden achtungsvoll und unterstüzten sie mit allem Notwendigen.

3. So traf Esdras seine Anordnungen, und es gelang ihm alles nach Wunsch, weil, wie ich glaube, Gott ihn wegen seiner Rechtschaffenheit und Gottesfurcht des glücklichen Erfolges aller seiner Pläne für würdig hielt. Nicht lange nachher aber kamen einige Juden zu ihm und hinterbrachten ihm, einige aus dem Volke und selbst Priester und Leviten hätten die Verfassung übertreten und die Gesetze verletzt, indem sie fremde Weiber geheiratet und dadurch das Priestergeschlecht entehrt hätten. Sie baten ihn deshalb, das Gesetz hochzuhalten, damit Gottes Zorn sie nicht abermals ins Unglück stürzen lasse. Als Esdras dies vernommen, zerriss er vor Trauer sein Gewand, raufte sich Haupthaar und Bart und warf sich zur Erde nieder, weil die Besten des Volkes sich so vergangen hatten. Und indem er bedachte, sie würden, wenn er ihnen den Befehl gäbe, ihre Weiber und Kinder zu verstossen, ihm doch nicht gehorchen, blieb er auf der Erde liegen. Da liefen alle Guten und Gerechten herzu und weinten und wehklagten um das, was vorgefallen war. Endlich erhob sich Esdras, rang die Hände gen Himnel und rief aus, er müsse sich schämen, zu Gott seine Augen emporzubeben wegen der schweren Vergehungen des Volkes, das die Strafe, welche seine Vorfahren um ihrer Sünden willen getroffen, vergessen zu haben scheine. Dann bat er zu Gott, er möge, da er sie aus der Gefangenschaft errettet, sie nach Jerusalem zurückgeführt und den Königen der Perser Mitleid mit ihnen eingeflösst habe, auch jetzt ihrer Sünden nicht mehr gedenken, obgleich sie eigentlich den Tod verdient hätten, und in seiner Güte ihnen die Strafe erlassen.

4. Nach diesem Gebete brachen alle, die sich mit Weib und Kind versammelt hatten, in Thränen aus, und Achonius, einer der ersten in Jerusalem, trat auf Esdras zu und sagte, sie hätten sich freilich verfehlt, da sie die fremden Weiber geheiratet hätten. Er wolle ihm aber die eidliche Zusage geben, dass eie sich alle zur Verstos8Ung ihrer Weiber und Kinder verpflichteten und damit einverstanden seien, dass deijenige, der hierauf nicht, eingehen wolle, zur.Verantwortung gezogen werde. Im Vertrauen darauf liess Esdras die Stammeshäupter der Priester, Leviten und übrigen Israeliten schwören, dass sie nach dem Rate des Achonius ihre Weiber und Kinder entlassen wollten. Nachdem diese den Eid geleistet, entfernte er sich aus dem Tempel, begab sich zur Wohnung des [Joannes, der ein Sohn des Eliasib war, und brachte den ganzeu Tag in tiefer Bekümmernis zu, ohne Speise oder Trank zu sich zü nehmen. Dann liess er bekannt machen, dass alle, die aus der Gefangenschaft zurückgekehrt seien, sich in Jerusalem einfinden sollten. Wer aber in zwei bis drei Tagen nicht zur Stelle sei, der solle aus dem Volke ausgestossen und sein Vermögen nach dem Beschlüsse der Ältesten zu gunsten des Tempels eingezogen werden. Daraufhin kamen die Angehörigen der Stämme Judas und Benjamin nach drei Tagen zusammen, am zwanzigsten Tage des neunten Monats, der bei den Hebräern Chaslev, bei den Macedoniern aber Apellaios heisst In den oberen Räumen des Tempels setzten sie sich in Gegenwart der Ältesten nieder, gedrückt von banger Furcht Da erhob sich Esdras und warf ihnen ihr Vergehen vor, das sie mit der Heirat fremder Weiber begangen hätten. Jetzt aber könnten sie Gott versöhnen und zu ihrem eigenen Nutzen handeln, wenn sie auf das fernere Zusammenleben mit ihren Weibern verzichteten. Alle erklärten sich hierzu bereit; doch seien ihrer viele, und obendrein sei es Winterszeit, sodass es sich in einem oder zwei Tagen wohl nicht durchführen lasse. Es müsse deshalb denen, die noch mit fremden Weibern vermählt seien, eine Frist gewährt werden, innerhalb deren die Vorsteher und Ältesten die Schuldigen ermitteln sollten. Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung, und so begann man am ersten Tage des zehnten Monats diejenigen. aufzusuchen, welche fremde Weiber geheiratet hatten. Damit wurde fortgefahren bis zum ersten Tage des folgenden Monats, und es fanden sich viele Nachkommen des Hohepriesters Jesus, desgleichen auch viele Priester, Leviten und andere Israeliten, die ihre Weiber und Kinder sogleich entliessen, da sie die Beobachtung des Gesetzes höher stellten als die Liebe zu ihrer Familie. Dann brachte man zur Versöhnung Gottes ein Opfer von Widdern dar. Die einzelnen Namen aufzuzählen, habe ich nicht für notwendig gehalten. Nachdem Esdras so die durch die eingegangenen Ehen entstandenen Verirrungen, wieder gutgemacht hatte, traf er in dieser Angelegenheit Bestimmungen, die für alle Zeit Gültigkeit haben sollten.

5. Als im siebenten Monate das Laubhüttenfest begangen wurde und fast das gesamte Volk herbeigeströmt war, stiegen alle in den Teil des Tempels hinauf, der nach dem östlichen Thore zu lag, und baten den Esdras, ihnen die Gesetze des Moyses vorzulesen. Dieser trat in ihre Mitte und las von der Morgenfrühe bis zum Mittag. Da nun die Leute das Gesetz vorlesen hörten, erfuhren sie nicht bloss, wie sie es jetzt und in Zukunft anzufangen hätten, um gerecht zu leben, sondern bereuten auch: die Vergangenheit und beklagten unter Thränen ihr Unglück, das sie nicht betroffen haben würde, wenn sie das Gesetz beobachtet hätten. Als Esdras sah, dass sie sich so abhärmten, hiess er sie heimkehren, ohne zu weinen: denn. es sei ein Festtag, und es gezieme sich nicht, an einem solchen Tage zu trauern. Vielmehr sollten sie sich zu freudigem Schmause wenden und das Fest mit Frohlocken begehen. Ihre Reue und ihr Schmerz werde sie davor bewahren, dass sie in Zukunft wieder in dergleichen Sünden fielen. Nachdem Esdras sie dergestalt ermuntert hatte, überliessen sie sich der Freude, und als sie acht Tage in Zelten gewohnt hatten, begaben sie sich unter Lobgesängen auf Gott nach Hause und dankten dem Esdras dafür, dass er ihre Vergehen gegen die Verfassung wieder gutgemacht habe. Esdras aber starb, reich an Verdiensten, in hohem Alter und wurde mit grosser Pracht zu Jerusalem bestattet. Um dieselbe Zeit schied auch der Hohepriester Joakim aus dem Leben, und es folgte ihm in der Hohepriesterwürde sein Sohn Eliasib.

6. Unter den gefangenen Juden befand sich ein Mundschenk des Königs Xerxes, mit Namen Neemias. Als dieser einst vor den Thoren der persischen Hauptstadt Susa lustwandelte, hörte er einige Fremde, die von einer langen Reise in die Stadt einkehrten, in hebraeischer Sprache sich unterhalten, trat auf sie zu und fragte sie, woher sie kämen. Sie entgegneten, aus Judaea, worauf er sich weiter erkundigte, wie es um ihr Volk und die Stadt Jerusalem stehe. Jene erwiderten, es sei sehr schlecht damit bestellt, da die Stadtmauern dem Erdboden gleich gemacht seien und die ringsum wohnenden Völkerschaften den Juden hart zusetzten. Bei Tage fielen sie in das Land ein, raubten und verwüsteten, bei Nacht aber schlichen sie sich heran und führten viele aus der Umgegend und selbst aus Jerusalem gefangen weg, und gar oft finde man Leichen auf den Wegen liegen. Da brach Neemias vor Mitleid mit dem Unglück seiner Landsleute in Wehklagen aus, erhob die Augen gen Himmel und sprach: „Bis wann, o Herr, willst du unser Volk noch also heimsuchen? Wahrlich, wir sind zum Raube und zur Beute aller unserer Feinde geworden!“ Während er nun so am Thore stand und weinte, wurde ihm gemeldet, der König wolle sich zum Mahle begeben. Da eilte er, ungewaschen wie er war, um seinen Dienst beim Könige zu versehen. Nach dem Mahle war der König sehr gut gelaunt und heiterer als gewöhnlich, und als er des Neemias traurige Miene bemerkte, fragte er ihn, weshalb er so niedergeschlagen sei. Da bat Neemias zu Gott, er möge seiner Rede die Kraft der Überzeugung verleihen, und sprach: „Wie kann ich, o König, anders aussehen, oder wie sollte ich nicht traurig sein, da ich höre, dass in meiner Vaterstadt Jerusalem, wo meine Vorfahren begraben liegen, die Mauern niedergerissen und die Stadtthore verbrannt sind? Lass mich, ich bitte dich, dorthin ziehen, um die Mauern wieder aufzurichten und den Tempel zu vollenden!“ Der König bewilligte ihm sogleich seine Bitte und versprach Briefe an die Satrapen zu schreiben, damit sie ihm achtungsvoll entgegenkämen und ihm alles Erforderliche lieferten. „Nun aber,“ sagte er, „höre auf zu trauern und diene mir mit gewohnter Behendigkeit!“ Da betete Neemias Gott an, dankte dem Könige für sein Versprechen, [legte seinen Missmut ab und erhob freudig sein Haupt. Am folgenden Tage beschied der König ihn zu sich und gab ihm einen Brief an Adaeus, den Präfekten von Syrien, Phoenicien und Samarien, mit, worin er den Befehl erteilte, Neemias ehrenvoll zu behandeln und ihm alles zu liefern, dessen er beim Bau bedürfe.

7. Als Neemias nach Babylon kam, schlossen sich ihm viele seiner Landsleute an. Darauf zog er nach Jerusalem im fünfundzwanzigsten Jahre der Regierung des Xerxes, zeigte den Brief dem Adaeus und den übrigen Befehlshabern vor, berief dann das ganze Volk nach Jerusalem, trat in die Mitte des Heiligtums und redete die Menge also an: „Ihr wisst, Juden, dass Gott noch immer eurer Ahnen Abram, Isak und Jakob gedenkt und um ihrer Gerechtigkeit willen nicht aufhört, für euch zu sorgen. Mir hat er gnädig geholfen, vom Könige die Erlaubnis zu erlangen, dass ich die Mauern unserer Stadt wieder aufrichten und den fehlenden Teil des Tempels ergänzen darf. Da ihr indes die üble Gesinnung unserer Nachbarn kennt und euch denken könnt, dass sie auf die Nachricht von unserer Bauarbeit uns alle möglichen Hindernisse in den Weg zu legen suchen werden, so ermahne ich euch, vor allem auf Gott zu vertrauen, der euren Feinden schon Widersand leisten wird. Dann aber dürft ihr weder bei Tage noch bei Nacht die Arbeit unterbrechen, müsst vielmehr mit höchstem Eifer ans Werk gehen, weil gerade jetzt der rechte Zeitpunkt ist.“ Als er so geredet, befahl er den Vorstehern, sogleich die Mauer abstecken zu lassen und die Arbeit nach Städten und Dörfern gleichmässig zu verteilen. Dann versprach er, auch seinerseits mit seinen Leuten sich am Werke zii beteiligen, und entliess die Versammelten. Die Juden machten sich sogleich ans Werk. Den Namen Juden hatten sie aber von jenem Tage an, da sie aus Babylon zurückkehrten, und zwar von dem Stamme Judas, der zuerst im Lande, ankam, und nach welchem das Land sowohl als die Bewohner desselben genannt wurden.

8. Sobald die Ammaniter, Moabiter, Samariter und alle Bewohner Coelesyriens von dem raschen Fortschreiten des Baues der Stadtmauer Kunde erhielten, wurden sie aufgebracht und fuhren fort, die Juden zu beunruhigen und von ihrem Vorhaben abzulenken. Viele Juden erlagen ihren Nachstellungen, und auch dem Neemias trachteten sie nach dem Leben, indem sie einige Ausländer dingten, um ihn zu töten. Als sie nun auch noch das Gerücht ausstreuten, es rückten verschiedene Völkerschaften mit grosser Heeresmacht gegen die Juden heran, gerieten diese derartig in Schrecken, dass sie beinahe den Bau aufgegeben hätten. Neemias aber liess. sich nicht ein schüchtern, sondern hielt zu seinem Schutze eine Leibwache in seiner Umgebung und harrte standhaft aus, ohne in seinem Eifer für den Bau irgendeine Mühe anzuschlagen. Doch war er nicht deshalb so sorgfältig.auf seinen Schutz bedacht, weil er den Tod fürchtete, sondern weil er davon überzeugt war, dass nach seinem Tode die Mauer nicht vollendet werden würde. Auch befahl er, dass die Bauleute nur bewaffnet ans Werk gehen sollten, und so kam es, dass jeder Maurer und Handlanger mit dem Schwerte umgürtet war. Die Schilde liess er in der Nähe bereit legen, und von fünfhundert zu fünf hundert Schritten stellte er Trompeter auf, die den Auftrag hatten, beim Erscheinen der Feinde durch Trompetenstoss den Arbeitern ein Zeichen zu geben, damit sie sich zum Kampfe rüssten könnten und nicht unversehens und wehrlos dem Angriff des Feindes ausgesetzt wären. Er selbst ging zur Nachtzeit rings um die Stadt, ohne sich die Strapazen oder die Entbehrung von Speise und Trank irgendwie anfechten zu lassen. Seine Nahrung nahm er übrigens nicht zu seinem Vergnügen, sondern nur zur notdürftigen Fristung seines Lebens. Diese gewaltigen Anstrengungen ertrug er zwei Jahre und vier Monate lang, denn so langer Zeit bedurfte er, um Jerusalem mit Mauern zu umgeben. Vollendet war die Arbeit im neunten Monat des achtundzwanzigsten Jahres der Regierung des Xerxes, und Neemias brachte nun mit dem Volke Gott Dankopfer dar, worauf ein achttägiges Fest gefeiert wurde. Als aber die Völkerschaften Syriens vernahmen, die Befestigung sei fertig, gerieten sie in gewaltige Aufregung. Neemias glaubte deshalb, die Besatzung der Stadt sei zu klein, und forderte die Priester und Leviten, die rings im Lande wohnten, auf, in die Stadt zu ziehen und sich dort anzusiedeln. Er liess ihnen auf. seine Kosten Wohnungen erbauen und befahl dem Ackerbau treibenden Teile der Bevölkerung, den Zehnten der Ernte nach Jerusalem zu liefern, damit die Priester und Leviten hinreichenden Lebensunterhalt hätten, ohne den Gottesdienst vernachlässigen zu müssen. Diese Anordnungen des Neemias wurden bereitwillig befolgt, und so "kam es, dass die Bevölkerung Jerusalems sich von Tag zu Tag vermehrte. Neemias traf noch manche vortreffliche und lobenswerte Einrichtung und starb in hohem Alter. Er war ein Mann von edlem und gerechtem Charakter und ein echter Freund seines Volkes, dem er in den Ringmauern Jerusalems ein dauerndes Denkmal hinterlassen hat. Das sind die Begebenheiten unter der Regierung des Xerxes.

Kapitel 6 – Von Esther, Mardochaeus und Aman, und wie unter Atta« xerxes beinahe das ganze Volk der Juden ausgerottet worden wäre

1. Nach Xerxes’ Tod ging die Regierung an seinen Sohn Cyrus über, den die Griechen Artaxerxes nennen. Während dieser über die Perser herrschte, wäre beinahe das ganze Volk der Juden mit Weibern und Kindern «lern Untergange verfallen gewesen. Die Ursache hiervon will ich gleich angeben. Vorher nämlich muss ich berichten, wie der König eine Jüdin aus königlichem Geschlechte zur Gemahlin nahm, von der erzählt wird, dass sie unser Volk gerettet - habe. Als Artaxerxes den Thron bestiegen und die hundertsiebenundzwanzig Satrapen von Indien bis nach Aethiopien hin eingesetzt hatte, lud er im dritten Jahre seiner Regierung seine Freunde, die ihm untergebenen Perser und deren Fürsten ein und gab ihnen ein hundertachtzig Tage währendes Fest, wie es einem Könige geziemt, der seinen Reichtum zur Schau stellen will. Alsdann bewirtete er sieben Tage lang die fremden Völker und deren Gesandte in Susa. Das Gastmahl wurde folgendermassen gehalten: Der König liess ein Zelt errichten, dessen Gerüst aus goldenen und silbernen Säulen und dessen Bekleidung aus Leinwand und Purpur bestand. In diesem Zelte fanden viele Tausende Platz. Man bediente sich beim Mahle goldener > mit Edelsteinen besetzter Becher, die ebenso das Auge ergötzten als dem Ganzen zur Zierde gereichten. Den Dienern befahl der König, niemand durch öfteres Einschenken zum Trinken zu nötigen, wie das bei den Persern Sitte ist, sondern die Gäste ganz nach ihrem Gutdünken sich der Freude hingeben zu lassen. Im ganzen Lande sandte er Boten umher und liess verkündigen, die Arbeit solle ruhen und eine Reihe von Tagen festlich begangen werden. Auch den Frauen gab die Königin Vaste im Palaste ein Fest. Da nun die Königin von hervorragender Schönheit war, wollte der König sie seinen Gästen zeigen und liess ihr befehlen, zum Mahle zu kommen. Die Königin aber weigerte sich dessen, da die Gesetze der Perser den Fremden verbieten, Frauen des Landes zu betrach ten, und so viele Verschnittene der König auch zu ihr sandte, blieb fie doch in ihren Gemächern und weigerte sich zu kommen. Der König geriet hierüber in heftigen*Zorn, beendete das Mahl, stand auf und beschied die sieben Perser zu sich, denen die Auslegung des Gesetzes oblag. Bei diesen klagte er seine Gattin an, ihn dadurch beleidigt zu haben, dass sie trotz seines öfteren Befehls, zum Gastmahle zu kommen, nicht ein einziges Mal erschienen sei. Er hiess sie daher ihm auslegen, was nach dem Gesetze gegen die Königin zu geschehen habe. Einer von den sieben, Muchaeus mit Namen, erklärte» das Benehmen der Königin gereiche nicht nur dem Könige zur Schmach, sondern auch allen Persern, die dadurch in Gefahr kämen, von ihren Weibern missachtet zu werden. Denn nach dem Vorgänge der Königin werde kein Weib mehr vor ihrem Gatten Ehrfurcht haben. Er legte deshalb dem König nahe, das widerspenstige Gebaren der Königin empfindlich zu bestrafen und allen seinen Unterthanen das über sie verhängte Urteil bekannt zu machen. Demgemäss ward beschlossen, der König solle die Vaste verstossen und ihren Rang einer anderen Frau verleihen.

2. Da aber der König die Vaste sehr liebte, konnte er sich in eine Trennung von ihr schlecht schicken. Doch gab es nun des Gesetzes wegen für ihn keine Umkehr von dem Beschluss, und es blieb ihm nichts übrig, als sein Unglück, das er selbst gewollt hatte, zu beklagen. Als seine Freunde ihn so übelgelaunt sahen, rieten sie ihm, das Andenken an Vaste und an seine Liebe zu ihr, die ihm ja doch nichts nützen könne, ganz aufzugeben, dann aber im ganzen Lande die schönsten und anmutigsten Jungfrauen aufsuchen zu lassen und die liebreizendste von ihnen zur Ehe zu nehmen. Denn je rascher er eine neue Gattin heimführe, desto eher Joeephus’ Jüdische Altertümer, II. S4 werde die Neigung zu seiner ersten Gemahlin in ihm erkalten und bald auf die andere sich übertragen. Dieser Rat gefiel dem Könige, und er gab daher den Auftrag, ihm die schönsten Jungfrauen aus seinem Reiche auszusuchen und zuzuführen. Unter den ''Erwählten befand sich auch ein Mädchen, welches verwaist war und zu Babylon von seinem Oheim Mardochaeus erzogen wurde. Letzterer war aus dem Stamme Benjamin und gehörte einer der vornehmsten jüdischen Familien an. Esther (das war der Name der Jungfrau) zeichnete sich vor allen anderen durch Schönheit aus und zog durch ihre lieblichen Gesichtszüge aller Augen auf sich. Sie wurde einem Verschnittenen zur Wartung übergeben, der ihr die (sorgfältigste Pflege angedeihen liess und sie mit Wohlgerüchen und kostbaren Salben im Überfluss versah. Dieselbe Pflege wurde auch den übrigen Mädchen, die im ganzen vierhundert] an der Zahl waren, zu teil, und »zwar sechs Monate lang. Als man nun nach Ablauf dieser Zeit die Jungfrauen für hinreichend vorbereitet hielt, beim Könige zu ruhen, liess man jeden Tag eine von ihnen mit dem Könige Gemeinschaft haben. Der aber schickte sie alle demuVerschnittenen wieder zurück. Als jedoch Esther zu ihm kam, hatte er Gefallen an ihr und |ward von solcher Liebe zu ihr ergriffen, dass er sie zu seiner rechtmässigen Gattin erkor und sich im siebenten Jahre seiner Regierung, im zwölften Monate, der [Adar heisst, mit ihr vermählte. Alsdann sandte er Boten (zu (allen Völkerschaften, um ihnen seine Hochzeit anzukündigen. Die Perser aber und {die Meder J sowie die Vornehmsten der Völkerschaften bewirtete er aus diesem Anlass festlich einen ganzen Monat lang. Als nun seine neue Gemahlin in den Palast eingeführt war, setzte er ihr das Königsdiadem auf, und Esther wohnte von da an beim Könige, ohne ihm das Volk, dem sie entstammte, zu nennen. Ihr Oheim zog dann ebenfalls von Babylon nach Susa, nahm dort seinen Wohnsitz und verkehrte täglich im Königspalaste, |um sich nach dem Befinden. der Esther zu erkundigen, da er sie wie seine Tochter liebte.

3. Um diese Zeit erliess der König ein Gesetz, dass niemand von seinen Unterthanen ihm ungerufen nahen dürfe, wenn er auf dem Throne sitze. Infolgedessen umgab er sich mit Beilträgern, die jeden Übertreter des Gesetzes bestrafen sollten. Der König selbst hatte in seiner Hand einen goldenen Stab, den er, wenn er einen von denen, die ungerufen zu ihm kamen, retten wollte, gegen diesen ausstreckte. Wen er damit berührte, der war ausser Gefahr. Soviel mag hierüber genügen.

4. Einige Zeit darauf verschworen sich die beiden Verschnittenen Bagathous undj Theodestes gegen den König. Barnabazus aber, der Diener des einen Verschnittenen, seiner Abstammung nach Jude, erhielt von der Verschwörung Kenntnis und meldete die Sache dem Oheim der Königin, der durch Esther dem Könige die Verschworenen anzeigte. Der König geriet in heftigen Schrecken, liess eine Untersuchung anstellen und fand, dass die Anzeige auf Wahrheit beruhte. Alsdann liess er die beiden Verschnittenen ans Kreuz schlagen; seinem Retter Mardochaeus aber gab er keine andere Belohnung, als dass er seinen Namen von den Chronisten in die Jahrbücher eintragen liess, ihm im Königspalaste eine Wohnung anwies und ihn in die Zahl seiner vertrauten Freunde aufnahm.

5. Damals war es Sitte, dass Aman, dem Sohne des Amadathas, einem geborenen Amalekiter, so oft er sich zum Könige begab, sowohl von den Persern als auch von den Fremden die Ehrenbezeugung erwiesen werden musste, dass man sich vor ihm niederwarf. Es war dies auf einen Befehl des Artaxerxes zurückzuführen. Mardochaeus aber konnte es bei seiner Weisheit und seiner Achtung vor den Gesetzen seines Volkes nicht über sich bringen, einen Menschen also zu verehren. Aman, der sein Benehmen bemerkt hatte, erkundigte sich, woher er sei, und da er hörte, Mardochaeus sei Jude, geriet er in Zorn darüber, dass, obgleich die freien Perser ihm die Verehrung zollten, ein solcher Sklave sich dessen weigere. Um sich dafür an Mardochaeus zu rächen, hielt er es für zu wenig, nur die Bestrafung dieses einen Mannes zu fordern, sondern beschloss, das ganze Volk zu vernichten. Denn er trug auch von Hause aus den Juden grossen Hass nach, da das Volk der Amalekiter, dem er entstammte, von ihnen ausgerottet worden war. Er begab sich also zum Könige und führte bei ihm Klage, es lebe in seinem Reiche zerstreut ein verruchtes Volk, das sich ganz abgesondert und unvermischt erhalte und weder dieselben Götter wie seine übrigen Unterthanen verehre, noch den Gesetzen gehorche, vielmehr infolge seiner Sitten und Einrichtungen sowohl dem persischen Volke als allen übrigen Menschen ein Dorn im Auge sei. „Willst du,“ fuhr er fort, „deinen Unterthanen eine Wohlthat erweisen, so gieb Befehl, dass dieses Volk völlig ausgerottet werde und nicht ein einziger von ihm übrig bleibe, sei es auch nur als Sklave oder Kriegsgefangener. Damit dir jedoch kein Schaden daraus erwächst, erbiete ich mich, dir von meinem Vermögen vierzigtausend Talente Silber zu liefern, wohin du willst. Ich will mich gern dieser Summe entäussern, wenn nur das Reich von dieser Pestbeule befreit wird und Frieden geniessen kann.“

6. Als Aman diese Bitte ausgesprochen hatte, hiesa ihn der König sein Geld behalten und mit den Juden nach seinem Gutdünken verfahren. Aman, der so seinen Wunsch erfüllt sah, sandte sogleich im Namen des Königs an alle Völkerschaften ein Edikt folgenden Inhalts: „Der grosse König Artaxerxes an die einhundertsiebenundzwanzig Satrapen von Indien bis nach Aethiopien. Da ich die Herrschaft über viele Völker und Länder errungen, jedoch nicht übermütig oder grausam, sondern mild und gütig mich gegen meine Unterthanen bewiesen und ihnen Frieden und den Schutz der Gesetze verschafft habe, bin ich auch bemüht gewesen, ihnen alle diese Vorteile für immer zu sichern. Nun hat mich Aman, der wegen seiner Weisheit und Gerechtigkeit von mir in hohen Ehren gehalten wird und Wegen seiner Treue und Anhänglichkeit mir besonders nahe steht, voll hingebender Sorgfalt darauf aufmerksam gemacht, dass mitten unter meinen. Völkern ein feind» seliges Volk lebt, das die Gesetze nicht beachtet, dem Könige nicht gehorcht, seiner eigenen Gebräuche sich bedient, unseren ganzen Staat hasst und heimtückische Pläne gegen uns hegt. Ich befehle daher, dass ihr die von meinem väterlichen Berater Aman bezeichneten Menschen mit Weib und Kind umbringt, ohne auch nur einen einzigen zu verschonen, und dass ihr euch nicht durch Mitleid verleiten lasst, meinem Befehl zuwiderzuhandeln. Dies soll geschehen am dreizehnten Tage des zwölften Monats im nächsten Jahre, damit unsere Feinde sämtlich an einem Tage umkommen, und wir in Zukunft vor ihnen sicher sind.“ Als dieses Edikt im ganzen Lande bekannt gemacht worden war, traf man überall Vorkehrungen, um die Juden an dem festgesetzten Tage auszurotten, und auch in Susa rüstete man sich dazu. Inzwischen vergnügten sich der König und Aman mit Schmausereien und Zechgelagen, während die Stadt in Aufregung und Verwirrung sich befand.

7. Als Mardochaeus von dem Anschläge Kenntnis erhielt, zerriss er seine Kleider, hüllte sich in Lumpen, bestreute sich mit Asche und zog durch die Stadt, indem er ausrief, es solle ein Volk zu Grunde gerichtet werden, das niemand f ein Leid zugefügt habe. So kam er bis zum Königspalaste, vor dem er stehen blieb, da er in solchem Aufzug dort nicht eintreten durfte. Ebenso verfuhren auch die übrigen Juden in den Städten, wo das bezügliche Edikt verkündet worden war, und jammerten und wehklagten über das ihnen bevorstehende Schicksal. Als man nun der Königin meldete, in welch kläglichem Aufzuge Mardochaeus vor dem Palast stehe, schickte sie ihm in ihrer Aufregung darüber andere Kleider. Mardochaeus aber weigerte sich, die Lumpen abzulegen, weil das Leid, umjdessetwillen er sie angezogen, noch nicht beendigt sei. Da beschied die Königin den gerade in ihrer Nähe befindlichen Verschnittenen Achratheus zu sich und schickte ihn zu Mardochaeus, um sich zu erkundigen, was ihm denn Trauriges zugestossen sei, dass er so wehklage und sein Gewand selbst auf ihre Bitten nicht ablegen [wolle. Mardochaeus erklärte dem Verschnittenen, die Ursache seines Schmerzes sei das gegen die Juden vom König erlassene Edikt Jund der Umstand, dass Aman dem Könige für die Ausrottung der Juden Geld versprochen habe. Dann übergab er ihm für Esther eine Abschrift des in Susa bekannt gemachten Ediktes und liess sie bitten, sie solle sich beim Könige für ihr Volk verwenden und sich nicht schämen, für dessen Errettung demütig zu flehen, wodurch sie vielleicht den Untergang der Juden abwenden könne. Denn Aman, die rechte Hand des Königs, habe die Juden so verleumdet, dass der König heftigen Zorn gegen sie hege. Als Esther [dies vernahm, liess sie dem Mardochaeus sagen, sie sei schon lange nicht mehr zum Könige beschieden worden, und jeder, der ungerufen zu ihm hingehe, müsse sterben, wenn der König ihm nicht den goldenen Stab entgegenstrecke. Mardochaeus liess ihr entgegnen, sie dürfe nicht so sehr auf ihr eigenes Wohlergehen bedacht sein, als vielmehr auf die Rettung ihres. ganzen Volkes. Wenn sie das nicht thue, werde Gott zwar sein Volk auch zu retten wisssn, |sie selbst aber werde dann mit ihrem Hause von denen zu Grunde gerichtet werden, um die |sie sich nicht kümmern wolle. Darauf liess ihm Esther durch denselben Diener sagen, er solle sich nach Susa begeben, alle dort befindlichen Juden zusammenberufen und ein dreitägiges Fasten für sie anordnen, während welcher Zeit sie sich von Speise und Trank völlig enthalten möchten. Dasselbe wolle auch sie mit ihren Mägden thun und dann trotz des Gesetzes zum Könige gehen, selbst wenn sie dafür den Tod erleiden müsse.

8. Mardochaeus ordnete nach Esthers Befehl das Fasten an und flehte mit dem Volke zu Gott, er möge sie nicht zu Grunde gehen lassen, sondern sie vom Verderben erretten, wie er auch früher so oft für sie gesorgt und ihnen ihre ‘Sünden verziehen habe. Denn nicht durch eigene Schuld [sei das Volk in Gefahr geraten, sondern er allein habe den Zorn Amans erregt, weil er ihm nicht dieselbe Ehrenbezeugung wie Gott dem Herrn habe erweisen wollen. Deshalb sei Aman so sehr gegen die aufgebracht, die nichts gegen Gottes Gesetz sich hätten zu schulden kommen lassen. Auch das ganze Volk:rief flehentlich zu Gott, er wolle ihm gnädig sein und alle Israeliten im Lande vor dem ihnen drohenden Unheil bewahren. Letzteres nämlich schwebte ihnen beständig vor Augen und rückte (immer näher heran. Esther warf sich gleichfalls zur Erde, legte ein Trauergewand an, enthielt sich drei Tage lang der Nahrung und jeglicher Erholung, und flehte inbrünstig zu Gott, er möge sich ihrer erbarmen und ihrer demütigen Bitte beim Könige die Kraft der Überzeugung, ihrei Gestalt aber noch mehr Liebreiz als früher verleihen, damit sie durch diese beiden Mittel den etwaigen Zorn des Königs beschwichtigen und ihre Landsleute aus der ihnen drohenden Gefahr erretten könne. Gott möge auch dem Könige Hass gegen die einflössen, die den Juden feindlich gesinnt seien und ihnen, wenn der König auf seiner schlechten Meinung von ihnen beharre, in kurzem den Untergang bereiten würden.

9. Nachdem Esther so drei Tage lang im Gebet vor Gott verharrt hatte, legte sie das Trauerkleid ab und ein anderes an, schmückte sich, wie es einer Königin ansteht, und begab sich in Begleitung zweier Dienerinnen, auf deren eine sie sich leicht stützte, während die andere ihr folgte und die Schleppe ihres „ Gewandes trug, zum Könige. Ihre Wangen färbte eine anmutige Röte, und ihre ganze Gestalt atmete Liebreiz und königliche Majestät. Voll Angst trat sie beim Könige ein, und als sie;ihn in seinem Prunkgewand, das aus verschiedenfarbigen Stoffen, Gold und Edelsteinen gewirkt war, auf dem Throne sitzen sah, kam er ihr schon deshalb furchtbarer vor. Wie er sie nun auch noch grimmig und mit vor Zorn gerötetem Gesicht anschaute, verlor sie aus Angst die Besinnung und sank lautlos ihren Dienerinnen in die Arme. Da veränderte sich, durch Gottes Fügung, wie ich glaube, plötzlich die Gesinnung des Königs, und voll Besorgnis, es möchte ihr etwas Schlimmes widerfahren sein, sprang er vom Throne auf, umarmte sie und redete ihr mit zärtlichen Worten zu, sie möge nur getrost sein und nichts Übles befürchten, wenn sie auch ungerufen zu ihm gekommen sei. Das Gesetz sei ja bloss für seine Unterthanen gegeben, während die Königin, die mit ihm die gleiche Würde bekleide, sich daran nicht zu stören brauche. Während er so sprach, gab er ihr sein Scepter in die Hand und berührte dem Gesetze gemäss mit dem Stabe ihren Nacken, um ihr alle Furcht zu benehmen. Als Esther nun wieder zu sich gekommen war, sprach sie: „Herr, ich kann dir nicht sagen, was mir da so plötzlich angekommen ist. Als ich dich in deiner Macht, Majestät und Furchtbarkeit erblickte, verliess mich meine Kraft, und es entschwanden mir die Sinne.“ Diese Worte brachte sie mühsam und mit schwacher Stimme hervor, was den König nur noch mehr ängstigte und verwirrte, sodass er Esther ermunterte, sie solle Mut fassen und überzeugt sein, dass er ihr die Hälfte seines Reiches geben werde, wenn sie es wünsche. Esther bat jedoch nur, er möge mit seinem Vertrauten Aman bei ihr speisen, da sie ihnen ein Mahl habe bereiten lassen. Der König gewählte ihr sogleich die Bitte, und als sie zu Tische sassen, forderte er Esther auf, ihm zu sagen, was sie begehre. Denn alles wolle er ihr gewähren, und wenn sie die Hälfte seines Reiches verlange. Esther aber erklärte ihm, sie ziehe es vor, ihren Wunsch für den folgenden Tag aufzusparen, wenn er dann wieder mit Aman bei ihr speisen wolle.

10. Der König versprach das, und Aman entfernte sich in heller Freude darüber, dass er allein mit dem Könige von Esther zur Tafel gezogen worden war, da sonst niemand einer derartigen Ehre gewürdigt wurde. Als er aber vor der Thür den Mardochaeus erblickte, der ihm, wie gewöhnlich, keine Ehrenbezeugung erwies, geriet er in heftige Aufregung. Zu Hause angelangt, beschied er sein Weib Zaraza und seine Freunde zu sich und erzählte ihnen, welche Ehre er beim Könige und der Königin genossen habe, da er allein mit dem Könige von Esther zur Tafel gezogen worden und auch für den folgenden Tag wieder eingeladen sei. Aberdas alles könne ihm keine Freude machen, so lange er den Juden Mardochaeus vor der Thür des Palastes stehen sehe. Da riet ihm Zaraza, er solle einen fünfzig Ellen hohen Balken herrichten lassen und am anderen Morgen vom Könige erwirken, dass Mardochaeus ans Kreuz geschlagen würde. Dieser Vorschlag gefiel ihm über die Massen, und er befahl sogleich seinen Dienern, einen solchen Balken herzurichten und ihn im Hofe aufzustellen, um den Mardochaeus daran hinzurichten. Das geschah ddnn auch sofort. Gott aber machte die frevelhafte Hoffnung Amans zu Schanden, denn er kannte die Zukunft und wusste, was ihm bevorstand. Den König nun floh in der folgenden Nacht der Schlaf, und da er die Zeit nicht müssig verbringen wollte, beschloss er, sich etwas mit der Geschichte seines Reiches zu befassen, und befahl daher seinem Schreiber, die Chronik seiner Vorfahren herbeizuholen und ihm daraus vorzulesen. Als dieser nun las, kam er zuerst auf jemand, der wegen einer hervorragenden That die Verwaltung einer Provinz erhalten hatte. Der Name der Provinz war mit aufgezeichnet. Dann las er von einem anderen, dem für bewiesene Treue ein Geschenk zu teil geworden war, und daran schloss sich die Geschichte von der Verschwörung Bagathous’ und Theodestes' gegen den König, die Mardochaeus aufgedeckt hatte. Als nun der Schreiber schnell zu einem anderen Kapitel übergehen wollte, unterbrach ihn der König und fragte, ob da nichts von einer Belohnung geschrieben stehe, die Mardochaeus erhalten habe. Der Schreiber verneinte dies; der König aber hiess ihn auf hören und fragte die Wächter, welche Zeit in der Nacht es sei. Und als er hörte, es sei bereits Morgen, befahl er, ihm zu melden, wenn etwa einer seiner Freunde schon vor dem Thore sei. Es traf sich nun, dass Aman gerade da war; denn er war früher als sonst gekommen, um für Mardochaeus die Todesstrafe zu begehren. Als daher die Diener dem Könige meldeten, Aman sei im Hofe, liess er ihn zu sich rufen und sprach zu ihm: „Da ich deine gute Gesinnung gegen mich besonders erprobt habe, so gieb mir einen Rat, wie ich den meinem Range entsprechend ehren soll, den ich liebe." Aman, der nicht anders glaubte, als dass es sich um ihn selbst handle, da er ja vom Könige besonders geliebt wurde, entgegnete, er halte es für das Beste, wenn der König den Mann, den er liebe und besonders ehren wolle, zu Pferde steigen lasse, bekleidet mit königlichen Gewändern und mit goldener Halskette angethan. Dann solle einer der Vertrauten des Königs durch die ganze Stadt vor ihm herschreiten und ausrufen: „So wird der geehrt, den der König ehren will!" Aman aber machte diesen Vorschlag, weil er glaubte, ihm selbst sei diese Belohnung zugedacht. Der König jedoch, dem der Vorschlag gefiel, sprach zu ihm: „Geh also hin, nimm das Pferd, das Gewand und die Kette, suche den Juden Mardochaeus auf, thu mit ihm, wie du vorgeschlagen hast und schreite vor ihm her, um seine Ehrung auszurufen. Du bist ja mein vertrauter Freund und sollst ausführen, was du mir geraten hast. Mardochaeus aber soll so geehrt werden, weil er mir das Leben gerettet hat." Aman, über diesen unerwarteten Befehl bestürzt und völlig fassungslos, ging mit dem Pferde, dem Purpur und der Kette hinweg und traf den Mardochaeus vor dem Thore mit einem Sacke bekleidet. Diesen hiess er ihn ausziehen und das Purpurgewand anlegen. Mardochaeus aber, der den wahren Sachverhalt nicht kannte und an Spott dachte, rief ihm zu: „O schändlichster aller Menschen, so willst du uns also in unserem Leid auch noch verhöhnen und verspotten?!" Als Aman ihm jedoch versicherte, der König habe ihm diese Belohnung dafür zuerkannt, dass er ihm durch Aufdeckung der Verschwörung der beiden Verschnittenen das Leben gerettet habe, legte er den Purpur an, den «onst nur der König zu tragen pflegte, hing sich die Kette um den Hals, stieg zu Pferde und ritt durch die ganze Stadt, wobei Aman voranschritt und ausrief, diese Ehre erlange vom Könige der, den dieser liebe und den «r ehren wolle. Als sie so die ganze Stadt durchzogen hatten, begab sich Mardochaeus zum Könige; Aman aber kehrte niedergeschlagen nach Hause zurück uno erzählte unter Thränen seiner Gattin und seinen Freunden, was ihm widerfahren war. Diese meinten, er werde sich ■wohl an Mardochaeus nicht rächen können, da Gott mit ihm sei.

11. Während sie sich hierüber noch unterhielten, kamen Esthers Verschnittene, um den Aman zum Mahle zu rufen. Einer von ihnen, Sabuchadas mit Namen, sah im Hofe Amans das Kreuz errichtet, das für Mardochaeus bestimmt war, und erkundigte sich bei einem ■der Diener, für wen dasselbe aufgestellt sei.! Als er nun hörte, es sei für den Oheim der Königin bestimmt, dessen Hinrichtung Aman vom Könige begehren wolle, schwieg er. Der König begab sich also mit Aman zum Mahle und bat die Königin, ihm zu sagen, welche Gnade sie von ihm begehre; sie solle alles erhalten, was sie verlange. Da begann Esther die Gefahr, in der ihr Volk schwebe, zu beklagen und erklärte, sie sei jetzt mit ihrem ganzen Volke dem Untergänge geweiht und wolle daher für ihre Landsleute das Wort ergreifen. Sie würde ihn nicht belästigt haben, wenn er sie in bittere Knechtschaft verkauft hätte, denn das sei das geringere Übel. Doch bitte sie ihn flehentlich, sie vom Verderben zu erretten. Als nun der König sie fragte, wer das denn angeordnet habe, klagte sie offen den Aman an und beschuldigte ihn, aus Bosheit solche Anschläge gegen die Juden ersonnen zu haben. Der König erhob «ich darauf im höchsten Zorn vom Tische und stürzte in den Garten hinaus; Aman aber bat Esther flehentlich, ihm zu verzeihen, da er wohl cinsah, welche Gefahr ihm drohte. Wie er sich nun auf das Lager der Königin warf, um seine Bitte anzubringen, trat der König plötzlich wieder ein und rief bei diesem Anblick ergrimmt aus: „0 du verruchtester aller Menschen, willst du meiner Gattin Gewalt anthun?!“ Aman erstarrte vor Schrecken und wusste kein Wort zu erwidern. Da trat der Verschnittene Sabuchadas ein und warf dem Aman vor,l er habe in dessen Hof ein Kreuz errichtet gesehen, um den Mardochaeus daran zu schlagen; das habe ihm der Diener gesagt, als er mit der Einladung zum Mahle dorthin gekommen sei. Das Kreuz haba eine Höhe von fünfzig Ellen. Als der König dies hörte,, beschloss er, dem Aman dieselbe Strafe aufzuerlegen die dieser dem Mardochaeus zugedacht hatte, und befahl daher, ihn sogleich an jenes Kreuz zu schlagen Hieraus kann man wieder einmal ersehen, wie wunderbar Gott waltet und wie weise und gerecht er ist, da er nicht bloss Amans Verruchtheit strafte, sondern auch dieselbe Strafe,£ die er gegen einen anderen ersonnen, hatte, über ihn verhängte und so den Menschen den Beweis dafür lieferte, dass derjenige, der gegen andere heimtückische Anschläge plant, sich gewöhnlich,in seiner eigenen Schlinge fängt.

12. So kam Aman um, weil er das Ansehen, welches er beim Könige genoss, missbraucht hatte. Sein Vermögen aber schenkte Artaxerxes der Königin. Dann liess er den Mardochaeus zu sich rufen (die verwandtschaftlichen Beziehungen zu ihm hatte Esther inzwischen ihrem Gatten erklärt) und übergab ihm den Ring, den er früher dem Aman geschenkt hatte. Die Königin aber schenkte ihm alle Besitzungen Amans und bat den König, er möge nun auch das Volk der Juden von der Todesangst befreien, die das im) ganzen Lande umhergesandte Rundschreiben Amans, des Sohnes des Amadathas, ihnen eingeflösst habe. Denn wenn ihr Vaterland verwüstet würde und ihre Landsleute zu Grunde gingen, wolle auch sie nicht länger leben. Der König versprach ihr, nichts geschehen zu lassen, was ihr missfallen könne oder gegen ihren Willen sei. Sie solle in betreff der Juden nur alles in seinem Namen schreiben, was sie für gut finde, das Schreiben mit seinem Siegel versehen und es im ganzen Reiche veröffentlichen. Denn niemand, der einen mit des Königs Siegel versehenen Brief lese, werde demselben entgegenzuhandeln wagen. Esther liess also die königlichen Schreiber kommen und befahl ihnen, zu gunsten der Juden an alle Völkerschaften und an die hundertsiebenundzwanzig Satrapen der Provinzen von Indien bis nach Aethiopien hin, sowie an die Statthalter und Fürsten folgendermassen zu schreiben: „Der grosse König Artaxerxes entbietet den Fürsten und allen, die zu ihm halten, seinen Gruss. Viele, denen von ihrem Könige grosse Wohlthaten erwiesen und Ehrenstellen zugeteilt wurden, wagen nicht nur ihre Untergebenen ungerecht zu behandeln, sondern scheuen sich auch nicht, gegen ihre Wohlthater selbst Ränke zu schmieden, und beweisen sich so höchst undankbar. Übermütig infolge •des ihnen unerwartet zu teil gewordenen Glückes, freveln sie gegen dieiUrheber desselben und glauben, dass so etwas Gott verborgen bleiben könne und sie seiner Rache entschlüpfen würden. Einige aus diesen, die von dem ihnen befreundeten Herrscher mit der Verwaltung Roher Ämter betraut waren und gegen einzelne Menschen «inen persönlichen Hass trugen, hintergingen sogar ihre Gönner und bewirkten durch falsche Beschuldigungen und Verleumdungen, dass deren Zorn sich gegen Unschuldige richtete und diese dem Untergang weihte. Das sind nicht etwa Begebenheiten aus alter Zeit oder solche, die nur vom Hörensagen bekannt geworden sind, sondern vor unseren Augen sind solche Frevelthaten mit grosser Tollkühnheit begangen worden, weshalb ich beschlossen habe, Verleumdungen, falschen Anschuldigungen und fremden Einflüsterungen in Zukunft kein Gehör zu geben, sondern nur danach zu urteilen, was klar zu Tage liegt, und Belohnungen wie Bestrafungen nur nach wirklichem Verdienst, nicht aber auf irgend Joseph us’ Jüdische Altertümer. eine Fürsprache hin eintreten zu lassen. So konnte auch Aman, der Sohn des Amadathas, ein Amalekiter, also nicht von persischer Abstammung, der hier als Gastfreund mit höchster Achtung behandelt wurde und es sogar dahin brachte, dass er mein Vater genannt, von allen mit Kniebeugung begrüsst /wurde und königliche Ehrenbezeugungen neben mir genoss, sein Glück nicht ertragen, noch sich weise! Mässigung auferlegen, sondern unternahm es, mir, dem er seine Macht jverdankte, Leben und Herrschaft zu rauben und meinen Retter Mardochaeus sowie meine Gefährtin im Leben;und auf dem Throne, die Königin Esther, hinterlistig aus dem Wege zu räumen. Indem er mich* so meiner Freunde berauben wollte, hatte er vor, die oberste Gewalt einem anderen zu übertragen. Da ich nun aber überzeugt bin, dass die Juden, denen er den Untergang bereiten wollte, keine Verbrecher sind, sondern nach sehr guten Gesetzen leben und den Gott verehren, der mir und meinen Vorfahren die Herrschaft gesichert hat, so befreie ich sie nicht allein von der Strafe, (die das Rundschreiben Aman» über sie verhängte, sondern verleihe ihnen auch alle Rechte und befehle, dass derjenige, der sich etwas gegen sie zu schulden kommen' lässt, vor den Thoren von Susa mit seiner ganzen Familie gekreuzigt werden solL Möge er dann wissen, dass es der allgegenwärtige Gott ist, der diese Strafe über ihn verhängt hat. Euch aber befehle ich, dass ihr Abschriften dieses Briefes an allen Orten meines'Reiches verbreitet, und dass ihr die Juden nicht nur nach ihren Gesetzen in Frieden leben lasst, sondern sie auch unterstützt, wenn sie sich an denen rächen wollen, die ihnen unrecht gethan haben. Da» soll an dem Tage geschehen, den Gott ihnen von jetzt ab statt eines Unglückstages zum Freudentage bestimmt hat, nämlich am dreizehnten Tage des zwölften Monats* welcher Adar heisst. Dieser Tag soll auch allen denen, die eine gute Gesinnung gegen mich hegen, ein Tag der Freude sein, allen denen aber, die Unheil brüten, ein Tag der Rache. Ich will, dass jedem Volke und jeder Stadt bekannt gegeben werde, wie sie, falls sie den in meinem Schreiben enthaltenen Befehlen nicht nachkommen, Vertilgung mit Feuer und Schwert zu gewärtigen haben. Dieses Edikt soll in allen Ländern meines Reiches verlesen werden, und alle Juden sollen sich an jenem bestimmten Tage bereit halten, an ihren Feinden Rache zu nehmen.“

13. Die reitenden Boten, welche den Brief überbringen sollten, machten sich sogleich auf den Weg und legten diesen bald zurück. Als nun die Juden in Susa den Mardochaeus im königlichen Kleide, mit der goldenen Krone und der Halskette erblickten und sahen, wie der König ihn ehrte, nahmen sie an seinem Glücke teil. Noch höher stieg der Jubel, als die Juden in den Städten und Provinzen das Edikt des Königs vernahmen. Ja, es nahmen sogar viele andere Völkerschaften aus Furcht vor den Juden die Beschneidung an, um sich sogrössere Sicherheit zu verschaffen. Denn am dreizehnten Tage des zwölften Monats, der bei den Juden Adar, bei den Macedoniern aber Dystros heisst, sollten die Juden, wie die Boten des Königs verkündigt hatten, da ihnen selbst an diesem Tage der Untergang bevorgestanden, ihre Feinde umbringen dürfen. Die Juden standen jetzt bei Satrapen, Königen, Fürsten und Schreibern in hohen Ehren; denn man fürchtete den Mardochaeus und legte sich deshalb Mässigung auf. Als nun der Erlass des Königs in allen Provinzen bekannt gemacht war, töteten in Susa allein die Juden gegen fünfhundert ihrer Feinde. Der König teilte die Zahl der in der Stadt Getöteten seiner Gemahlin mit, fügte auch hinzu, er habe noch keine Kunde davon, wie es in den Provinzen zugegangen, und fragte sie, ob sie sonst noch etwas wünsche, weil das sofort ausgeführt werden solle. Esther bat ihn darauf, er möge den Juden gestatten, auch noch am folgenden Tage ihre Feinde umzubringen und die zehn Söhne Amans ans Kreuz zu schlagen. Auch dies gestand der König den Juden zu, weil er der Esther nichts abschlagen wollte. Die Juden rotteten sich daher am vierzehnten Tage des Monats Adar wieder zusammen und töteten noch gegen dreihundert ihrer Feinde, ohne jedoch von deren Besitztümern etwas anzugreifen. Die Juden, welche in den Provinzen und in den übrigen Städten lebten, brachten fünfundsiebzigtausend ihrer Gegner um, und da das am dreizehnten Tage des Monats geschah, begingen sie den vierzehnten festlich; die Juden in Susa aber fügten auch noch den fünfzehnten als Festtag hinzu. Daher kommt es, dass noch heute auf dem ganzen Erdkreise die Juden diese beiden Tage festlich begehen und sich gegenseitig an denselben bewirten. Mardochaeus nämlich schrieb an alle Juden, die im Reiche des Artaxerxes lebten, sie sollten die beiden Tage feiern und diese Gewohnheit auch ihren Nachkommen hinterlassen, damit das Fest für alle Zukunft begangen werde und nicht in Vergessenheit gerate. Denn da ihnen an diesen beiden Tagen von man der Untergang zugedacht gewesen sei, müssten sie, wenn sie recht handeln wollten, jetzt, da sie von der ihnen drohenden Gefahr befreit wären und sich an ihren Feinden gerächt hätten, dieselben festlich begehen und Gott danken. Deshalb feiern die Juden die erwähnten Tage und nennen sie Phruraeische Tage. Mardochaeus aber blieb beim Könige in hohen Ehren und teilte mit ihm die Herrschaft, auch verkehrte er stetig bei der Königin. Daher kam es, dass die Verhältnisse der Juden sich günstiger gestalteten, als diese erwartet hatten. Das sind die Begebenheiten unter dem Könige Artaxerxes.

Kapitel 7 – Wie Joannes seinen Bruder Jesus im Tempel erschlug, und wie Bagoses dafür die Juden hart bedrückte. Sanaballetes

1. Als der Hohepriester Eliasib gestorben war, folgte ihm in der Würde sein Sohn Judas, und als auch dieser aus dem Leben schied, dessen Sohn Joannes, der Veranlassung dazu gab, dass Bagoses, der Feldherr des anderen Artaxerxes, den Tempel entweihte und den Juden eine Abgabe in der Weise auferlegte, dass sie, bevor sie die täglichen Opfer darbrachten, für jedes Lamm fünfzig Drachmen aus öffentlichen Mitteln entrichten mussten. Der Hergang war folgender: Joannes hatte einen Bruder Jesus, dem sein Freund Bagoses versprochen hatte, ihm das Hohepriesteramt zu verschaffen. Im Vertrauen auf dieses Versprechen fing Jesus mit seinem Bruder Joannes im Tempel Streit an und reizte diesen so sehr, dass er ihn im Zorne erschlug. Das war um so freventlicher von Joannes gehandelt, als er selbst das Hohepriesteramt bekleidete, und um so schrecklicher, weil weder bei den Griechen noch bei den Barbaren je eine so gottlose und verruchte That begangen worden war. Deshalb liess auch Gott es zu, dass um dieser Ursache willen das Volk geknechtet und der Tempel von den Persern entheiligt wurde. Denn sobald Bagoses, der Heerführer des Artaxerxes, erfahren hatte, der jüdische Hohepriester Joannes habe seinen Bruder im Tempel getötet, begab er sich unverzüglich mitten unter die Juden und rief ihnen entrüstet zu: „So habt ihr also in eurem eigenen Heiligtum einen Mord zu vollbringen gewagt!“ Als er nun in den Tempel eintreten wollte, suchte man ihn zurückzuhalten. Er aber wandte sich zu ihnen und sprach: „Bin ich denn nicht reiner als der Mensch, der im Tempel den Mord begangen hat?“ Und mit diesen Worten betrat er den Tempel. Der an Jesus begangene Mord bot nun Bagoses eine will-Josephus’ Jüdische Altertümer, II. d kommene Veranlassung, die Juden sieben Jahre lang zu bedrücken.

2. Nach dem Tode des Joannes erhielt sein Sohn Jaddus die Hohepriesterwürde. Dieser hatte einen Bruder mit Namen Manasses, dem der vom letzten Darius nach Samaria gesandte Satrap Sanaballetes, ein Chuthäer (von denen bekanntlich die Samariter abstammen), bereitwillig seine Tochter Nikaso zur Ehe gegeben hatte. Denn da er sah, dass Jerusalem ein berühmte Stadt war und die Könige derselben den Assyriern und den Bewohnern von Cölesyrien viel zu schaffen gemacht hatten, glaubte er mit dieser Heirat ein Unterpfand dafür zu erhalten, dass das ganze Volk der Juden ihm eine wohlwollende Gesinnung bewahre.

Kapitel 8 – Wie Sanaballetes und Manasses auf dem Berge Garizin einen Tempel erbauten. Wie Alexander in ■'Jerusalem einzog, |und welche Wohlthaten er den Juden erwies

1. Um diese Zeit wurde der Macedonierkönig Philippus von Pausanias, der ein Sohn des Kerastos war und aus dem Geschlechte des Orestes stammte, zu Aegaeae meuchlings ermordet. Ihm folgte sein Sohn Alexander, der über den Hellespont zog und die Heerführer des Darius am Granikus besiegte. Dann griff er Lydien an, unterwarf Ionien,* zog durch Karien und fiel in Pamphylien ein, wie dies anderswoher bekannt ist.

2. Die Ältesten zu Jerusalem aber die es nicht ertragen konnten, dass der mit einer Ausländerin vermählte Bruder ihres Hohepriesters Jaddus Anteil an der Priesterwürde haben sollte, erregten gegen diesen einen Aufruhr. Denn sie hielten dafür, seine Ehe werde denen, die gegen die Ehegesetze verstossen wollten, ein Vorwand sein, um sich mit Ausländerinnen vermählen zu können. Waren doch die Übertretung der Ehegesetze und die Heiraten mit fremden Weibern die Ursache ihrer früheren Gefangenschaft und ihres vielen Leides gewesen. Sie verlangten daher von Manasses, er solle entweder sich von seinem Weibe trennen, oder nie mehr den Altar betreten. Da nun der Hohepriester in gleicher Weise wie das Volk hierüber unwillig war und seinem Bruder den Zutritt zum Altäre verbot, begab sich Manasses zu seinem Schwiegervater Sanaballetes und erklärte ihm, er liebe zwar seine Tochter Nikaso sehr, doch wolle er um ihretwillen der priesterlichen Würde, die bei seinem Volke in hohem Ansehen stehe und bei derselben Familie verbleibe, nicht verlustig gehen. Darauf versprach ihm Sanaballetes, er werde, wenn Manasses seine Tochter als Gattin behalten wolle, ihm nicht nur die Priesterwürde sichern, sondern ihn auch zum Hohepriester und Präfekten des von ihm selbst verwalteten Landes machen. Ferner werde er auf dem Berge Garizin, dem höchsten in Samaria, einen Tempel erbauen, der dem zu Jerusalem gleich sein solle, und zwar mit Zustimmung des Königs Dariue. Durch diese Versprechungen angelockt, blieb Manasses bei Sanaballetes in der Hoffnung, von des Darius Gnade das Hohepriesteramt zu erhalten; denn Sanaballetes war schon alt. Da es nun noch viele Priester und Israeliten gab, die solche Ehen eingegangen waren, entstanden zu Jerusalem nicht geringe Unruhen: denn sie alle gingen zu Manasses über und wurden von Sanaballetes mit Geld, Ackerland und Bauplätzen unterstützt, weil dieser seinem Schwiegersohn gern jede Gefälligkeit erwies.

3. Als um diese Zeit Darius die Nachricht erhielt, Alexander habe den) Hellespont überschritten, seine Feldherren am Granikus geschlagen und dringe nun weiter vor, bot er seine ganze Streitmacht an Reiterei und Fusssoldaten auf, um den Macedoniern entgegenzutreten, ehe sie ganz Asien unterworfen hätten. Er setzte dann über den Euphrat, überschritt das Taurusgebirge in Cilicien und erwartete die Feinde noch innerhalb der Grenzen dieses Landes, um ihnen hier eine Schlacht zu liefern. Sanaballetes freute sich über den Zug des Darius und verhiess dem Manasses die Erfüllung seines Versprechens, sobald Darius die Feinde besiegt habe und zurückkehre. Er war nämlich wie alle anderen in Asien der festen Überzeugung, die Macedonier würden den Kampf mit den Persern wegen deren Übermacht nicht wagen. Doch es kam ganz anders, als sie erwartet hatten. Denn der König wurde von den Macedoniern geschlagen, verlor einen grossen Teil seines Heeres und musste, nachdem seine Mutter, seine Gattin und seine Kinder in Gefangenschaft geraten waren, nach Persien hieben. Alexander zog nun nach Syrien, nahm Damaskus ein, bemächtigte sich Sidons, belagerte Tyrus und sandte ein Schreiben an den Hohepriester der Juden, worin er verlangte, dieser solle ihm Hilfstruppen schicken, seinem Heere Lebensmittel liefern nnd alle Abgaben, die er früher dem Darius geleistet, nunmehr ihm entrichten. Dann werde er die Freundschaft der Macedonier gewinnen und seine Bereitwilligkeit nicht zu bereuen haben. Da aber der Hohepriester den Überbringern des Schreibens zur Antwort gab, er habe sich dem Darius gegenüber eidlich verpflichtet, nie die Waffen gegen ihn zu ergreifen, und er werde, so lange Darius am Leben sei, diesen Eid nicht brechen, geriet Alexander in Zorn. Gleichwohl beschloss er, von Tyrus, dessen Fall jeden Augenblick erfolgen konnte, nicht abzuziehen, liess aber dem Hohepriester drohen, er werde, sobald Tyrus erobert sei, sein Heer gegen ihn führen und an seinem Beispiele den anderen zeigen, wem sie ihre Eide zu halten hätten. Dann verschärfte er die Belagerung und nahm endlich Tyrus ein, ordnete die Verwaltung der Stadt und zog nach Gaza, dessen unter dem Befehle von Babemeses stehende Besatzung er belagerte.

4. Jetzt hielt Sanaballetes den richtigen Zeitpunkt für gekommen, sein Vorhaben auszuführen. Er fiel also von Dari us ab, bot achttausend seiner Untergebenen auf, stiess mit denselben zu Alexander, der sich gerade zur Belagerung von Tyrus anschickte, und erklärte ihm, er wolle die von ihm verwalteten Landesteile übergeben und Alexander gern anstatt des Darius als seinen Herrn anerkennen. Da nun der König ihn gnädig aufnahm, fasste Sanaballetes Mut und sprach von seinem eigentlichen Vorhaben, indem er berichtete, er habe einen Schwiegersohn Manasses, den Bruder des jüdischen Hohepriesters Jaddus, und es befänden sich bei ihm noch viele Juden, die gern in seiner Provinz einen Tempel bauen möchten. Das könne aber dem Könige nur von Vorteil sein, da so die Kräfte der Juden zersplittert würden, während dieses Volk, wenn es Zusammenhalte und einig sei, den Königen viel zu schaffen machen könne, wie es dies schon den Königen der Assyrier gegenüber bewiesen habe. Als Alexander darauf seine Einwilligung gab, baute Sanaballetes den Tempel in aller Eile, setzte Manasses als Priester ein und glaubte dadurch den Kindern seiner Tochter eine besondere Ehre verschafft zu haben. Inzwischen verflossen sieben Monate bei der Belagerung von Tyrus und zwei Monate bei der von Gaza. Da starb Sanaballetes, und Alexander zog nach der Eroberung von Gaza sogleich auf Jerusalem zu. Als der Hohepriester Jaddus davon Kunde erhielt, befiel ihn grosse Angst und arge Verlegenheit, wie er den Macedoniern entgegen treten sollte, da der König wegen seiner früheren Absage so sehr gegen ihn erzürnt war. Er schrieb daher dem Volke Gebete vor, brachte Opfer dar und flehte zu Gott, dass er sein Volk beschützen und aus der drohenden Gefahr erretten möge. Als er nun nach dem Opfer sich zur Nachtruhe begeben hatte, ermutigte ihn Gott im Traume, er solle nur getrost sein, die Stadt bekränzen und die Thore öffnen lassen. Die Einwohner sollten alsdann in weissen Gewändern, er selbst aber mit den Priestern in feierlichem Ornat dem Könige entgegenzieben und nichts Schlimmes befürchten, da er für sie sorgen werde. Als Jaddus vom Schlafe erwacht war, freute er sich sehr und teilte in seiner Freude allen mit, was ihm im Schlafe aufgetragen worden war. Dann bereitete er sich auf die Ankunft des Königs vor.

6. Als er nun vernahm, der König sei nicht mehr weit von der Stadt entfernt* schritt er mit den Priestern und dem gesamten Volke in feierlichem, bei anderen Völkerschaften unbekannten Aufzuge aus der Stadt bis zu einem Orte, der Sapha heisst. Dieser Name bedeutet auf Griechisch so viel als „Warte“; man kann nämlich von hier aus ganz Jerusalem nebst dem Tempel überblicken. Die dem Könige folgenden Phoeniker und Chaldäer glaubten nun bestimmt, Alexander werde in seinem Zorn ihnen erlauben, die Stadt zu plündern und den Hohepriester umzubringen. Doch es geschah das gerade Gegenteil. Sobald nämlich Alexander von fern die Menge in ihren weissen Kleidern, die Priester in ihren Byssusgewändern und den Hohepriester mit dem Kleide aus Hyacinth und Gold, dem Kopfbunde und der goldenen Platte, auf welcher der Name Gottes eingraviert war, erblickte, eilte er allein herbei, bewies dem Namen seine Verehrung und begrüsste den Hohepriester zuerst. Und da nun auch die Juden insgesamt wie aus einem Munde den Alexander bewillkommten und umringten, gerieten die Könige von Syrien und die übrigen in Erstaunen und glaubten, der König sei seiner Sinne nicht mehr mächtig. Parmenion allein fasste sich ein Herz, schritt auf Alexander zu und fragte ihn, weshalb er, den alle Welt verehre, sich vor dem jüdischen Hohepriester niederwerfe. Der König entgegnete ihm darauf: „Nicht ihn habe ich angebetet, sondern Gott, dessen höchste Priesterwürde er bekleidet. Diesen Hohepriester habe ich in demselben Gewände schon im Traume gesehen, als ich zu Dios in Macedonien mich befand. Und da ich schon überlegte, wie ich Asien unterjochen könne. riet dieser mir, nicht zu zögern, sondern wacker überzusetzen. Er selbst werde meinem Heere voranschreiten und mir die Herrschaft über die Perser verschaffen. Weil ich nun noch keinen anderen Menschen in einem solchen Gewände gesehen habe, erinnerte ich mich bei seinem Anblick sogleich des Traumes und seiner Verkündigung, und ich glaube jetzt, dass ich meinen Kriegszug auf Gottes Geheiss unternehme, dass ich den Darius überwinden, die Macht der Perser vernichten und alle meine Absichten verwirklichen werde.“ Nach dieser an Parmenion gerichteten Antwort reichte er dem Hohepriester die Hand und begab sich in Begleitung der Priester zur Stadt, stieg zum Tempel hinauf, opferte Gott nach des Hohepriesters Anweisung und erwies diesem wie den Priestern die höchsten Ehrenbezeugungen. Als man ihm nun das Buch Daniel zeigte, in welchem vorausgesagt war, ein Grieche werde der Perser Reich zerstören, hielt er sich selbst für diesen Griechen und entliess voll Freude das Volk. Am folgenden Tage aber rief er sie wieder zusammen und hiess sie Geschenke begehren, so viele sie wollten. Da nun der Hohepriester um die Erlaubnis, nach den väterlichen Gesetzen leben zu dürfen, und um die Befreiung von Abgaben in jedem siebenten Jahre bat, gestand Alexander ihm dies gern zu. Und als man ihn weiter bat, er möge auch den Juden in Babylon und Medien gestatten, nach ihrem Gesetze zu leben, bewilligte er das ebenfalls. Dann erklärte er der Menge, wenn welche von ihnen mit ihm zu Felde ziehen wollten, so) sei er bereit, sie mitzunehmen; auch könnten sie 'beim Heere ihren väterlichen Gebräuchen treu bleiben und danach leben. Daraufhin liessen sich viele für den Feldzug einschreiben. 6. Nachdem Alexander die Verhältnisse zu Jerusalem geordnet hatte, führte er sein Heer weiter gegen die benachbarten Städte. Und da alle, zu denen er kam, ihn jubelnd aufnahmen, beschlossen die Samariter, deren Hauptstadt das auf dem Berge Garizin liegende und von jüdischen Überläufern bewohnte Sikim war, bei der Nachricht, dass Alexander die Juden so ehrenvoll behandelt habe, sich für Juden auszugeben. Die Samariter sind nämlich, wie ich schon früher erwähnt habe, so geartet: Wenn es den Juden schlecht geht, wollen sie ihnen nicht verwandt sein, womit sie die Wahrheit bekennen; sobald aber die Verhältnisse der Juden sich bessern, haben sie nichts Eiligeres zu thun, als sich ihnen anzuschliessen, nennen sich ihre Blutsverwandten und berufen sich auf ihre Herkunft von Josephs Nachkommen Ephraim und Manasses. Sie kamen deshalb auch jetzt bereitwillig und mit grosser Begeisterung dem König bis in die Nähe von Jerusalem entgegen. Als Alexander ihren Eifer lobte, traten die Sikimiter mit den Soldaten, welche Sanaballetes ihm gesandt hatte, auf ihn zu und baten ihn, er möge auch ihre Stadt besuchen und ihren Tempel mit seiner Gegenwart beehren. Der König versprach ihnen darauf, er wolle auf dem Rückwege zu ihnen kommen. Als sie aber nun begehrten, dass auch ihnen die Abgabe des siebenten Jahres erlassen werde, weil sie in diesem Jahre nicht ernteten, erkundigte sich der König, wer sie seien, da sie solches verlangten. Sie entgegneten, sie seien Hebräer, doch würden die Sikimiter auch Sidonier genannt, worauf der König weiter fragte, ob sie Juden seien. Als sie dies verneinten, sagte er: „Den Juden habe ich jene Erleichterungen zugestanden. Doch will ich, wenn ich zurückkomme und näheres über euch erfahre, anordnen, was mir gut scheint.“ Damit wurden die Sikimiter entlassen. Den Soldaten des Sanaballetes aber befahl Alexander, ihm nach Aegypten zu folgen, da er ihnen hier Ländereien anweisen wolle. Das that er auch bald nachher in Thebai's, wo er ihnen den Schutz des Landes anvertraute.

7. Nach Alexanders Tod wurde sein Reich unter seine Nachfolger geteilt. Der Tempel auf dem Berge Garizin aber blieb bestehen, und wenn nun zu Jerusalem jemand des Genusses verbotener Speise, der Entheiligung des Sabbats oder eines anderen Vergehens angeklagt war, floh er zu den Sikimitern und behauptete dort, ungerecht beschuldigt zu sein. Um diese Zeit starb auch der Hohepriester Jaddus, und es folgte ihm in der Würde sein Sohn Onias. So sah es damals in Jerusalem aus.

Deutsche Fassung: Übersetzung von Heinrich Clementz (1859–1946), Halle a. d. S., Otto Hendel, 1899 – gemeinfrei (Übersetzer vor über 70 Jahren gestorben). Text aus dem Digitalisat des Internet Archive (Texterkennung, automatisch bereinigt; gelegentliche Erkennungsfehler und die alte Rechtschreibung bleiben; ohne die Anmerkungen des Übersetzers und das Namenregister). Englische Fassung: William Whiston (1737) aus dem Project Gutenberg. · Titelbild schlicht selbst gestaltet

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