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Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 5

Mexiko: Geheimnis und Wunder

1956

Während das Gras in seinem Garten unter einer Schneedecke fror, dachte William Branham über die gewaltigste Vision nach, die er bis dahin je gesehen hatte. Eine auf geheimnisvolle Weise abgesagte Versammlung, ein erfolgloser Versuch, einen Babyschuh zu schnüren, eine Angellektion und ein geheimnisvoller Raum, erhoben auf einem Podium unter einer riesigen Überdachung – diese Bilder lebten fort und ihre verborgene Bedeutung spannte ihn auf die Folter. Lange Zeit nahm diese Vision seine Gedanken in Beschlag. Obgleich er das Geheimnis pflichtbewusst für sich behielt, das der Engel ihm in dem kleinen Raum anvertraut hatte, verlieh die Wucht dieses Geheimnisses doch vielem eine Färbung, was er in den folgenden Monaten in der Bibel las und worüber er predigte. An einem Abend im Dezember 1955 war er zu aufgeregt, um einschlafen zu können. Um 22:30 Uhr weckte er seine Frau und fragte: „Liebling, kann ich dir ein Weilchen predigen?“

Meda rollte sich ihrem Mann zu. Sie rieb sich die Augen, lächelte und sagte: „Klar, Bill, kannst loslegen.“

Bill predigte seiner Frau bis Mitternacht. Er sagte: „Der christliche Glaube ist vollständig auf Ruhe gegründet. Ein Christ ist nicht hin und her geworfen. Ein Christ rennt nicht von Ort zu Ort. Ein Christ streitet sich nicht über Dinge oder wird über sie wütend oder besorgt. Ein Christ ruht. Für den Gläubigen ist auf Golgatha alles zum Ende gekommen. Enttäuschungen mögen kommen, aber der Christ ruht dennoch, weil er weiß, dass ganz gleich, welche Schwierigkeit kommt – ob Hunger, Krankheit oder sogar Tod: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen, die in Jesus Christus ist. Wir sind zur Ruhe gelangt. Lass dieses alte Schiff in den Stürmen des Lebens hin und her geworfen werden wie es will, unser Anker hält uns sicher an unserem Platz. Unser Glaube ruht nicht in unseren Fähigkeiten oder in unserer Gemeinde oder in unseren Freunden. Unser Glaube ruht gänzlich auf dem vollendeten Werk Jesu Christi. Sicher werden sich alle Arten von Stürmen und Schwierigkeiten erheben, doch unser Schiff kann nicht sinken, weil wir im Wort Gottes verankert sind.“ Am 1. Januar 1956 führte er dieses Thema in einer Predigt aus, genannt: Warum sind die Menschen so hin und her gerissen? Er sprach von jenen Christen, die von den Stürmen des Lebens beständig hin und her geworfen werden. Diese Art von Christ ist manchmal auf einem Hoch und manchmal in einem Tief. Den einen Tag fühlt er sich siegreich und am nächsten ist er entmutigt. Den einen Tag betet er Gott an und am nächsten Tag ist er eventuell wieder in der Welt. Warum? Weil er nur einen verstandesmäßigen Begriff von Gottes Wort hat. Er ist anhand verstandesmäßiger Erkenntnis zu Jesus gekommen, anstatt durch ein übernatürliches Erlebnis in seiner Seele.

Um seinen Punkt deutlich zu machen, benutzte Bill die Geschichte der Reise der Israeliten aus Ägypten ins Verheißene Land. Da die Israeliten keine Speise mitgenommen hatten, gab Gott ihnen jeden Tag übernatürliches Brot, das sie Manna nannten. Die Israeliten konnten dieses Manna nicht lagern. Wenn sie das versuchten, verdarb es bis zum nächsten Tag. Jeden Tag mussten sie nur so viel Manna auflesen, wie sie an jenem Tag auch essen konnten. In gleicher Weise müssen sich Christen jeden Tag an Jesus Christus nähren, dem Brot des Lebens.

Obgleich sich dieses Manna gewöhnlich nicht mehr als einen Tag hielt, gab es doch Ausnahmen. Da Gott den Israeliten geboten hatte, nur sechs Tage in der Woche zu arbeiten, hielt sich das Manna, das sie am sechsten Tag aufsammelten auch während des siebten. Darüber hinaus hatte Gott Mose angewiesen, etwas Manna in die Bundeslade zu legen. Die Bundeslade war ein rechteckiger Kasten, der sich im innersten Raum der Stiftshütte befand, dem Raum, der als das Allerheiligste bekannt ist. Das Manna im Inneren der Lade verdarb nie; Generation nach Generation duftete es so süß wie frisch gebackenes Brot. Geistlich gesehen, stand diese fortwährende Frische auch Christen zur Verfügung.

Um zu erklären, was er meinte, verglich Bill das christliche Leben mit der Stiftshütte, die Gott Mose geboten hatte, in der Wüste zu errichten. Die Stiftshütte hatte drei Teile: Den Vorhof, das Heilige und das Allerheiligste. (1) Der Vorhof: Eine Person, die sich der Stiftshütte näherte, musste als Erstes in den eingezäunten Vorhof treten, der sich unter freiem Himmel befand, und in welchem der Altar für die Opfertiere stand und das Becken, wo sich die Priester wuschen, ehe sie die Stiftshütte betraten. (2) Das Heilige: Die Stiftshütte selbst war durch einen Vorhang in zwei Räume unterteilt. Der äußere Raum wurde das Heilige genannt und enthielt einen siebenarmigen Leuchter für sieben Feuerlämpchen. Das Heilige enthielt zudem einen Altar für die Opferung von Weihrauch und einen Tisch für die Schaubrote, die Gottes Gegenwart symbolisierten. (3) Das Allerheiligste: Der innere Raum wurde das Allerheiligste genannt. Dieser heilige innere Raum enthielt lediglich ein einziges Möbelstück: Die Bundeslade. Der Deckel dieser Lade wurde der Gnadenthron genannt. Diese drei Teile der Stiftshütte symbolisierten die drei Stufen des Heils: (1) Rechtfertigung, (2) Heiligung und (3) die Taufe des Heiligen Geistes. Die Stiftshütte in der Wüste hatte nur einen einzigen Eingang und nur jene, die an Jahwe glaubten, konnten ihn passieren und den Altar sehen. Heute kann eine Person nur dann gerettet werden, wenn er oder sie an Jesus Christus glaubt, welcher der einzige Eingang ins ewige Leben ist. Dennoch ist das nur der erste Schritt. An Jesus zu glauben, ist wie das Betreten des Vorhofs der Stiftshütte. Der Mensch, der den Vorhof betritt, glaubt, dass Jesus gestorben ist, um ihn von seinen Sünden zu erretten. Dadurch ist er gerechtfertigt durch Glauben. Das ist gut. Doch er steht noch immer unter freiem Himmel, ist jedem Wetterumschwung ausgesetzt. Manche Tage sind sonnig, und er fühlt sich großartig. Andere Tage sind kalt und windig, und er fühlt sich elend. Wolken lassen das Licht der Sonne und der Sterne beständig schwanken.

Heiligung ist die zweite Stufe des Heils. Der Mensch, der durch das Blut Jesu Christi geheiligt ist, befindet sich in einer besseren Stellung als der Mensch, der bei der Rechtfertigung stehen bleibt. Der geheiligte Mensch hat mit dem Rauchen, dem Trinken, dem Lügen, dem Stehlen aufgehört und mit vielem mehr. Er behandelt seine Mitmenschen anständig und lebt heilig vor dem Herrn. Er gleicht dem Priester, der das Heilige der Stiftshütte betreten hat. Das Heilige war angenehmer als der Vorhof. Es schützte den Priester vor Wind und Regen. Dort war er nicht auf die auf- und untergehenden Lichter des Himmels angewiesen, weil er sein Licht vom goldenen Leuchter mit den sieben Feuerlämpchen bezog. Aber diese sieben Lichter leuchteten nicht tadellos. Die Lämpchen brauchten tägliche Aufmerksamkeit. Manchmal verkohlten die Dochte, trübten die Flammen und verrauchten den Raum. Manchmal ging ein Lämpchen aus und musste neu angezündet werden.

Es gibt noch eine weitere Stufe des Heils: Die Taufe des Heiligen Geistes. Dabei tritt ein Christ hinter den Vorhang ins Allerheiligste und lebt sein Leben in der Schechinah-Herrlichkeit der Gegenwart Gottes. Die Schechinah-Herrlichkeit ist ein geheimnisvolles, mildglühendes Licht, stetig und absolut zuverlässig. Ihr Ursprung ist Gott selbst, deshalb gibt es bei ihr keinen Wandel. Bill sagte: „Und doch können Männer und Frauen ein gutes Leben führen und Gott lieben anhand einer verstandesmäßigen Vorstellung. Der echte Ruheort ist jedoch im Herzen, verborgen mit Christus. Wenn Christus, der Heilige Geist, in eure Herzen kommt, ist Er in euch bei all euren Veranlagungen, und Er lebt Sein eigenes Leben kraft Seines eigenen Willens durch euch aus. Ihr seid so ergeben, dass Christus durch euch die Worte spricht, die Er sagen würde und die Gedanken denkt, die Er denken würde. Er vollführt durch euch die Werke, die Er tun würde. Ihr seid ergeben und ruht.“

„Welch ein herrliches Bild eines hingegebenen Christen: Ergeben, Christus wirkt durch ihn. Paulus sagte: ,Denn für mich bedeutet Christus das Leben, und darum ist das Sterben für mich ein Gewinn. So lebe also nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir!‘ Christus, der in der ausgelieferten Seele des Einzelnen lebt: Er spricht durch die Lippen, denkt durch den Verstand, sieht durch die Augen und handelt durch die Veranlagungen. Dann vergehen die Dinge der Welt. Wie könnte es anders sein als lieblich und wohlgefällig allezeit? Amen.“

„Seht ihr das? Christus ist in euch, so ist euer ganzes Wesen Christus. Eure Einstellung, eure Wünsche, euer Geschmack, euer Alles ist Christus. Also seid ihr ergeben und ruht, für euch ist alles in bester Ordnung. Ganz gleich wie trüb es ausschauen mag oder wie schwarz es aussieht, das ist unerheblich – Christus ist in euch. Durch eure Gedanken denkt Er genau so, wie Er es tun würde, wenn Er hier auf Erden wäre. Ihr gehört nicht länger euch selbst, weil ihr euch ausgeliefert habt.“

„Einmal im Jahr ging Aaron, der Hohepriester, am großen Versöhnungstag in das Allerheiligste der Stiftshütte hinein. Die Versammlung sah ihm zu. Aaron musste richtig gesalbt, richtig gekleidet sein und richtig gehen. An seinem Gewand trug er Glöckchen und beim Gehen läuteten sie: ,Heilig, heilig, heilig dem Herrn.‘ Er hatte das Opferblut des Sühneopfers bei sich. Er war mit heiligem Salböl gesalbt und das Öl rann seinen Bart hinab bis hin auf den Saum seines Gewandes. Er ging in den innersten Raum, in die Gegenwart Gottes, der Vorhang schloss sich hinter ihm und er war vor der Außenwelt verborgen.“

„Preis Gott, es gibt einen Bergungsort, eine Ruhestätte. Du kannst in die Gegenwart Gottes gehen und für die Dinge dieser Welt unzugänglich sein. Du wirst sie nicht mehr hören, weil es schalldicht ist. Die Welt ist draußen, hält die Luft an und schaut zu. Du bist drinnen, in der Gegenwart des ewigen Gottes, isst von dem Manna, das nie verdirbt und nie ausgeht.“

„Wenn ein Mensch in der Gegenwart des Königs lebt, ist jeder Tag angenehm. Er hat den Bergungsort gefunden. Er ist hinter den Vorhang getreten, und dieser hat sich hinter ihm geschlossen. Er sieht die Welt gar nicht. Das Allerheiligste wurde durch Schaf- und Ziegenfelle schalldicht gemacht, aber dieser Bergungsort ist durch die Taufe des Heiligen Geistes schalldicht gemacht, die einen Menschen in Christus verbirgt. Dort wird er eine neue Kreatur und auf diese Weise wandelt er täglich vor Gott.“ „Welch ein herrliches Bild des Gläubigen in der Gegenwart Gottes. Alle Dinge wurden Christus gegeben. Alles, was Gott war, goss Er in Christus hinein. Alles, was Christus war, goss Er in die Gemeinde hinein. Jesus sprach: ,An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.‘ Welch ein Vorrecht haben doch die Gläubigen, wenn sie es nur annehmen können.“

Abschließend sagte Bill: „Der Mensch, der hinter diesen Vorhang geht, sperrt die Welt aus. Er sitzt unter den ineinander greifenden Flügelspitzen der Cherubim, umgeben von der Schechinah-Herrlichkeit Gottes. Jenes Licht wird nie schwach, geht niemals aus. Der Gläubige ruht bei der Bundeslade und speist von der goldenen Schale mit dem Manna, das immer frisch ist. Er hat nicht eine Sorge in der Welt. Für alles ist gesorgt. Gott ist über ihm, hört seine Gebete und beantwortet sie. Damit nicht genug, dieser Gläubige lebt sogar in der Gegenwart des Königs der Könige – Gott in Seiner Schechinah-Herrlichkeit! Probleme können ihn dort drinnen nicht erreichen. Er wird ihnen kein Ohr schenken. Das Gejammer der Welt bleibt draußen zurück.“

„Freunde, wenn ihr je auf diese Weise in Christus hineinkommt, wenn ihr es schafft, dahin zu kommen, wo die Welt tot ist und ihr nur in der Schechinah-Herrlichkeit lebt, in der Gegenwart des Königs, dann wird jeder Tag eurer Seele süß sein. Alles ist wohl. Alles ist wohl. Nichts kann euch schaden. Oh, welch ein Ort!“

Um seinen Punkt zu belegen, zitierte er Hebräer 10: 19-22:

So wir denn nun haben, liebe Brüder, die Freudigkeit zum Eingang in das Heiligtum durch das Blut Jesu, welchen er uns bereitet hat zum neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist durch sein Fleisch, und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, so lasset uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen in völligem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser.

Er wiederholte dieses Thema viele Male im Jahre 1956, indem er lehrte, dass die Stiftshütte ein irdisches Abbild himmlischer Wahrheit ist, wie es der Apostel Paulus lehrte: „Diese versehen freilich den Dienst nur an einer Nachbildung und einem Schattenbild der himmlischen Dinge entsprechend der göttlichen Weisung, die Mose erhielt, als er die Stiftshütte herstellen sollte; denn ,Gib wohl acht‘, sagte der Herr zu ihm, ‚dass du alles nach dem Vorbild anfertigst, das dir auf dem Berge gezeigt worden ist.‘“ Die drei Teile der Stiftshütte repräsentierten viele Dinge. In Gottes Zahlenlehre ist die Drei die Zahl der Vollkommenheit. Gott hat drei unterschiedliche Weisen, wie Er sich der Menschheit zu erkennen gibt: Als ein Vater, als ein Sohn und als Heiliger Geist. Der Mensch besteht aus drei Teilen: Einem Körper, einem Geist und einer Seele. Erlösung hat drei Phasen: Rechtfertigung, Heiligung und Taufe des Heiligen Geistes. Die Stiftshütte in der Wüste hatte drei Teile: Den Vorhof, das Heilige und das Allerheiligste. Bill wusste, dass sein eigener Dienst ebenfalls drei Teile haben würde: Den ersten, zweiten und dritten Zug an der Angelschnur aus der Vision. Auch das riesige Zelt am Ende der Vision hatte drei Teile: Die Versammlung auf der einen Seite, die erhöhte Plattform auf der anderen und den kleinen Bau auf der Plattform. Bill wusste, dass der erste und zweite Zug die ersten beiden Stufen seines Dienstes repräsentierten: Das Zeichen in seiner Hand und die Unterscheidung durch Vision. Er wusste noch nicht, was der dritte Zug sein mochte, doch hatte der Engel deutlich gemacht, dass er irgendwie mit dem kleinen Raum auf der Plattform in Verbindung stand, in welchen sich die Schechinah-Herrlichkeit hinabgesenkt hatte. Der Engel sagte: „Ich werde dir in jenem Raum begegnen. Dies ist dein dritter Zug. Er wird keine öffentliche Schau sein.“

Der „dritte Zug“ war nicht der einzige Teil der Vision, der ihn vor ein Rätsel stellte. Er fragte sich, wie viel davon symbolisch war und wie viel buchstäblich geschehen würde. Warum hatte der freundlich aussehende Mann gesagt: „William Branham ruht gerade.“? Warum befand sich ein Vorhang vor der Gebetsreihe? Warum setzte sich die Gebetsreihe draußen vor dem Zelt noch weiter fort? Warum gingen die Leute aus der Gebetsreihe in den kleinen Raum? Was geschah in dem geheimnisvollen Raum?

Da man nicht wissen konnte, wie viel von der Vision symbolisch war, rief Bill seine beiden Manager an (zur Zeit Jack Moore und Miner Arganbright) und bat sie, Erkundigungen einzuholen über die Anmietung oder den Kauf des größten Zeltes, das sie finden konnten. Miner Arganbright schlug vor, es für einen Monat in Phoenix aufzustellen. Bill gefiel der Gedanke. Da seine Feldzüge oft mit jedem weiteren Tag, den sie in einer Gegend blieben, an Schwung gewannen, hatte er sich schon immer gefragt, ob der längere Aufenthalt an einem Ort eine Erweckung hervorbringen würde. Der Plan wurde jedoch fallengelassen, als ein anderer Evangelist, A.A. Allen, einen langen Feldzug für denselben Monat in Phoenix ansetzte. Bill sagte seine eigenen Versammlungen ab, da ihm klar wurde, dass es keinen Sinn hatte, zwei Glaubensheilungs-Feldzüge zur selben Zeit in Phoenix abzuhalten.

Miner Arganbright machte einen anderen Vorschlag. Mexikos Militärgeneral Narciso Medina Estrada, der ein Christ war, hatte Miner Arganbright gebeten, einen Branham Feldzug nach Mexiko City zu holen. Würde Bill in Erwägung ziehen, im guten alten Mexiko Versammlungen zu halten?

Als Bill darüber betete, kam der Engel des Herrn zu ihm und sagte: „Ich habe dir nie aufgetragen, nach Phoenix zu gehen. Ich habe dir gesagt, nach Mexiko zu gehen.“ Das erklärte ein paar weitere Einzelheiten über die Vision vom vergangenen November. Die beiden schmuddeligen Jungen, die er am Anfang der Vision gesehen hatte, waren mexikanische Kinder gewesen und ebenso auch all die Leute, die von der Versammlung fortgeschickt wurden, noch ehe er die Möglichkeit hatte zu predigen.

Bill bat Miner Arganbright einen Feldzug in Mexiko zu organisieren und berichtete ihm ausführlich über die Vision, die er gesehen hatte. Ein paar Tage später rief Arganbright zurück und sagte: „Wir haben uns die Stierkampf-Arena in Mexiko City gesichert. Sie fasst um die 60.000 Menschen. Die erste Versammlung wird am 16. März sein. An dem Tag treffe ich dich und Jack Moore morgens im Regas Hotel in Mexiko City.“ Arganbright konnte seine Aufregung nicht verbergen. „Bruder Branham, es kooperieren mindestens hundert Prediger aus zwei Dutzend Konfessionen mit uns. Darüber hinaus ist dies das erste Mal in der mexikanischen Geschichte, dass deren Regierung einen protestantischen Evangelisten in ihr Land willkommen geheißen hat. Ich erwarte, dass einige wunderbare Dinge geschehen werden.“ Bill verbrachte die ersten beiden Monate des Jahres 1956 damit, quer durch die Vereinigten Staaten zu fliegen und einen Abend hier und zwei Abende dort zu predigen. Dies waren keine Glaubensheilungs-Feldzüge. Er wollte nicht mehr für die Kranken beten, bis er in Mexiko ankam, da er erwartete, dass sein neuer Dienst dort beginnen würde.

Am 16. März flog Bill nach Mexiko City, begleitet von Billy Paul, Jack Moore und Young Brown. Außerdem reiste Roberto Espinosa mit ihm, ein mexikanischamerikanischer Prediger, der während des Feldzuges sein Übersetzer sein würde. Nachdem sie sich im Regas Hotel einquartiert hatten, bestellte er ein Taxi, das sie zur Stierkampf-Arena bringen sollte. Dunkle Wolken waren heraufgezogen und Nieselregen hatte eingesetzt.

Der Taxifahrer sagte: „Wir haben um diese Jahreszeit selten Regen.“ Bill stieß seinen Manager mit dem Ellbogen an und sagte: „Habe ich dir’s nicht gesagt? Du wirst sehen, es werden irgendwelche Schwierigkeiten auftreten, wenn wir dort ankommen. Das Gelände wird leer sein.“

„Bruder Branham, wie sollte das möglich sein?“

„Ich weiß es nicht, aber das ist, was ich letztes Jahr in der Vision gesehen habe.“

Als sie an der Stierkampf-Arena ankamen, starrte Jack Moore ungläubig auf die 60.000 kreisrund angeordneten Sitzplätze: Sie waren alle leer. Er sagte: „Bruder Branham, hätte ich nicht schon vorher an deine Gabe geglaubt, würde ich es jetzt mit Sicherheit tun.“

Späterhin erfuhren sie, dass sich im Verlauf des Vormittags tausende von Menschen in der Stierkampf-Arena eingefunden und auf den Beginn des Gebetsgottesdienstes am Abend gewartet hatten. Am Nachmittag, als es zu regnen begonnen hatte, hatte jemand über die Lautsprecheranlage die Menschenmenge entlassen. Reverend Abel Medina, einer der Hauptorganisatoren des Feldzuges, teilte Bill mit, dass er nicht wisse, wer für das Fortschicken der Menschen verantwortlich sei. Am Schlimmsten war, dass ihr Vertrag für die Stierkampf-Arena plötzlich aufgehoben worden war. Zu dem Zeitpunkt konnten weder Reverend Medina noch General Estrada den Namen ihres Feindes benennen, obgleich sie sich hinsichtlich des Namens der Organisation, für die er arbeitete, sicher waren. Jack Moore biss die Zähne zusammen und sagte: „Ich werde herausfinden, wer hinter diesem Fiasko steckt.“

Bill zuckte die Achseln: „Lass dich nicht aufhalten und versuch’s. Aber du wirst es nicht herausfinden. Keiner, zu dem du sprichst, wird etwas darüber wissen.“

Während Bill und Billy Paul nach Jeffersonville heimflogen, blieben Arganbright und Moore in Mexiko City und hofften, das Durcheinander zu lichten. Jack Moore versuchte zwei Tage lang, herauszufinden, wer die Leute fortgeschickt und die Versammlungen abgesagt hatte. Er ging von Amt zu Amt und redete zu den Regierungsbeamten, bis ihm die Kiefer schmerzten. Niemand, zu dem er sprach, schien etwas über die Angelegenheit zu wissen. Währenddessen bemühte sich Arganbright, zusammen mit General Estrada und Reverend Medina, den Feldzug zu retten. Da sie ihren Vertrag für die Stierkampf-Arena eingebüßt hatten, mussten sie einen anderen passenden Platz finden, wo sie die Versammlungen halten konnten. Sie fanden ein Gelände in Tacubaya, einem Vorort von Mexiko City.

Am Samstag rief Arganbright Bill an und bat ihn, zurück nach Mexiko zu kommen. Bill ging fort zu seiner Höhle, um darüber zu beten. Am frühen Sonntagmorgen sah er eine Vision von toten Fischen, die zerstreut über den ganzen Boden lagen. Der Engel des Herrn sagte: „Gehe zurück nach Mexiko. Dies ist nicht der perfekte Zeitpunkt, aber ich werde mit dir sein.“ Somit kehrten Bill und sein Sohn am 19. März, nur einige Tage nach ihrer Abreise, nach Mexiko zurück. General Estrada hatte für zwei Wochen ein Fußballfeld in Tacubaya reserviert. Bill würde bis zum Freitag jeden Abend für die Kranken beten. Danach würde Reverend Abel Medina den Feldzug mit lokalen Evangelisten fortführen.

Am Montagvormittag kamen die Menschen gegen neun Uhr zum Fußballfeld. Da es dort keinerlei Tribünen noch andere Zuschauersitze gab, saßen sie den ganzen Tag über auf dem Spielfeld und warteten auf den Beginn der Abendversammlung. Stunde um Stunde wuchs ihre Zahl. Um sechs Uhr abends mischte Billy Paul Branham die Gebetskarten und gab sie an einen mexikanischen Mann weiter, der sie austeilen sollte. Dann folgte Billy Paul diesem Mann durch die Menge, um sicherzustellen, dass er keine der Karten verkaufte. Als Bill gegen acht Uhr ankam, waren schätzungsweise 10.000 Menschen versammelt, um ihn zu hören. Bill fragte sich, wie er es anstellen sollte, zur Plattform zu gelangen. Seine Sponsoren hatten dieses Problem bereits gelöst. Die Plattform war gegen eine hohe Mauer aufgestellt worden, die das Fußballfeld von einer Verkehrsstraße abgrenzte. Bill wurde von der Straßenseite aus an die Mauer herangefahren und kletterte dann eine Leiter zur Mauerkante hoch. Oben angekommen, ließen ihn zwei Männer mittels Seilen, die sie unter seine Achseln legten, zur anderen Seite auf die Plattform nieder.

Nachdem er die Menschen gegrüßt hatte, las Bill Judas Vers 3 vor, wobei er besonderen Nachdruck auf die Stelle legte: Ernsthaft kämpfen für den Glauben, der den Heiligen ein für allemal übergeben worden ist. Dann erzählte er die Geschichte von der samaritischen Frau, erläuterte, dass Jesus sie nie zuvor gesehen hatte und ihr dennoch ihre Lebensgeschichte sagen konnte. Daran schloss er die Geschichte mit Nathanael. Philippus berichtete dem Nathanael: „Ich habe den Christus gefunden.“ Nathanael fragte skeptisch: „Welchen Beweis hast du?“ Philippus sagte: „Komm und sieh!“ Als Nathanael vor den Nazarener kam, sagte Jesus: „Hier haben wir einen echten Israeliten.“ Nathanael fragte: „Woher kennst du mich?“ Jesus sagte: „Ehe Philippus dich rief, während du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen.“ Wie hat Jesus ihn gesehen? Er sah ihn in einer Vision. Der Geist Gottes kennt alle Dinge, und Jesus, welcher Gott im Fleische kundgetan ist, weiß alles über uns.

Bill sagte: „Heute Abend ist der Herr hier, um Wunder zu tun. Ich bin’s nicht, der die Wunder tut. Ich bin wie dieses Mikrofon hier vorne. Wenn ich nicht spreche, kann das Mikrofon nichts von alleine übertragen. Ebenso bin ich nur ein Werkzeug in den Händen Gottes. Der Herr Jesus Christus ist derjenige, der heilt. Ich bin bloß das Hilfsmittel, durch das Gott Heilung hervorbringt. Ich handle in Übereinstimmung mit den Verheißungen Seines heiligen Wortes, weil ich glaube, was Er in Seinem Wort verheißen hat.“

Eine Frau namens Enriqueta Arellano war die erste von 25 Leuten in der Gebetsreihe. Sie stieg die Stufen zur Plattform hinauf und kam zum amerikanischen Evangelisten. Bill sagte: „Diese Frau ist mir genauso fremd, wie die samaritische Frau Jesus fremd war. Doch ich kann euch sagen, was ihre Schwierigkeit ist. Ich kann sie in einem Krankenhaus bei einer Operation sehen. Die Wunde ist nicht richtig verheilt und sie hat Angst, dass es Krebs ist. Stimmt das?“ Unter Tränen teilte sie der Zuhörerschaft mit, dass es wahr sei. Nach einem kurzen Gebet sagte Bill: „Freue dich! Der Herr hat dich geheilt.“ Als Enriqueta von der Plattform ging, sah sie völlig verändert aus. Einige weitere Leute kamen durch die Gebetsreihe mit ebenso erstaunlichen Resultaten. Dann stand ein Mann namens Mariano Santiago vor dem Evangelisten. Bill sprach zu den Zuhörern: „Wenn Gott mir sagt, warum dieser Mann hier ist, werdet ihr dann alle an Jesus Christus glauben?“ Sich Santiago zuwendend, sagte Bill: „Sie sind hierher gekommen, damit ich für ihren Bruch bete. Doch da gibt es auch noch einen anderen Grund. Sie sind ein Prediger des Evangeliums aus Veracruz und Ihre Gemeinde nennt sich Calvary. Sie möchten, dass ich über einigen Taschentüchern bete, damit Sie die an Kranke in Ihrer Gemeinde austeilen können.“

Unterdessen informierte ein Ordner Reverend Medina darüber, dass in der Gebetsreihe ein junger, verwirrter Mann war, der eine Gebetskarte in den Händen hielt, auf der ein Frauenname stand. Bei näherer Untersuchung stellte Medina fest, dass der junge Mann dem Anschein nach tatsächlich psychisch krank war, dass jedoch keine Gefahr von ihm ausging. Vom Rand der Menge kam die Mutter des jungen Mannes herzu. Sie sagte, dass die Gebetskarte ihr gehöre. Sie sei krank, doch wünsche sie sich mehr als alles andere die Heilung ihres Sohnes, und aus dem Grund habe sie ihm die Karte gegeben. Reverend Medina hatte Verständnis für ihren Wunsch. Da es jedoch so viele Kranke gab, denen es nicht gelungen war, eine Gebetskarte zu erhalten, befürchtete er, dass jegliches Abweichen von ihrer angekündigten Vorgehensweise, einen Aufruhr auslösen könnte. Er bat die Mutter, sich anstelle ihres Sohnes wieder in die Gebetskette einzureihen, was sie auch befolgte.

Als sie schlussendlich auf der Plattform stand, sagte Bill zu ihr: „Sie sind katholisch und Sie beten mit einem Rosenkranz. Sie sind hier, weil Sie sich wünschen, dass ein Verwandter von ihnen geheilt wird, und diese Person ist ihr Sohn. Gott hat alles in Ordnung gebracht. Gehe in Frieden.“ An jenem Abend geschahen in Mexiko dieselben Dinge, die in Afrika, Indien und auch auf dem Indianerreservat geschehen waren. Durch einfachen Glauben akzeptierten die Mexikaner die Unterscheidung als echt, das heißt, sie glaubten, dass es Jesus Christus war, der sich in ihrer Mitte offenbarte. Wunder entfalteten sich überreich wie Wüstenblumen nach einem Frühjahrsregen. Eine Gewitterfront beeinträchtigte noch immer das Wetter in dieser Region. Den ganzen Tag über zogen Regenwolken in Schwaden über die Berge. Am ersten Abend war es zwar sehr windig gewesen, es hatte aber nicht geregnet und so blieb die Menge trocken. Am folgenden Tag hingegen fiel den ganzen Nachmittag über Nieselregen. Das hielt die Leute nicht davon ab, zur Versammlung zu kommen. Als Bill um acht Uhr zum Gebet für die Kranken ankam, war die Menge auf etwa 25.000 angewachsen.

Die fünfte Person, die durch die Gebetsreihe kam, war ein alter, blinder Mann. Bill schaute zu, wie er, von einem der mexikanischen Ordner am Arm geleitet, vorwärts schlurfte. Der alte Mann richtete wieder und wieder eine Frage an den Ordner. Espinosa übersetzte für Bill: „Er fragt, ob er schon beim amerikanischen Evangelisten ist. Er will dich anfassen.“

Ein paar Augenblicke später legte der Ordner die zittrige Hand des blinden Mannes auf Bills Jackenaufschlag. Der alte Mann fiel auf die Knie, zog einen Rosenkranz aus der Tasche und begann im Sing-Sang: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade …“ Bill unterbrach den Mann und forderte ihn auf, sich hinzustellen, indem er sprach: „Das brauchst du hier nicht, Papa.“ Der alte Mann trug einen ausgefransten Strohhut, der eingerissen und mit Bindfaden zusammengeschnürt worden war. Ungekämmtes graues Haar ragte unter seinem Hut hervor. Ein ungestutzter, grauer Schnauzbart bedeckte seine Oberlippe. Seine Hose und sein Mantel waren zerlumpt und staubig, und er hatte kein Hemd an. Tief in Bills Herzen rührte dieser bedauernswerte Mann eine Saite des Mitleids. Er dachte: „Wenn mein Vater noch lebte, wäre er in etwa so alt wie dieser Mann. Wie grausam doch das Leben zu diesem alten Kerl gewesen ist. Vielleicht hat er nie in seinem Leben eine volle Mahlzeit gegessen oder einen anständigen Anzug oder ein Paar Schuhe besessen. Und bei all dem tappt er jetzt in Dunkelheit und ist nicht in der Lage, sich zu versorgen.“ Bill blickte auf die nackten Füße des Mannes, sie waren staubig und schwielig und die langen Zehennägel standen hoch. Für einen Moment überlegte Bill, dem Mann seine Schuhe zu geben. Dann sah er, dass sie ihm nicht passen würden: Die Füße dieses Mexikaners waren wesentlich größer als seine. Mit dem Gedanken, dass er dem alten Mann vielleicht seinen Mantel geben könnte, warf Bill einen Blick auf dessen Schultern, aber sie waren zu breit. Bill wusste, dass auch sein Mantel ihm nicht passen würde.

Der blinde Mann nahm seinen Hut ab, lehnte seine Stirn an Bills Schulter und begann zu weinen. Bill konnte nicht nur den Schmerz des Mannes spüren, etwas in ihm trat in die Leiden des Mannes ein, etwas, das über sein Mitgefühl, über seine Vernunft hinausging, hinein in einen Bereich der Liebe, in welchem er das Gebet des Glaubens mit völliger Aufrichtigkeit beten konnte. Plötzlich blühte eine Vision gleich einer Kaktusblume auf und zeigte den alten Mann vor Freude umherspringen. Da wusste Bill, dass es erledigt war. Vorsichtig hob er den Kopf des Mannes. Der Mann blinzelte zweimal und rief dann: „Gloria a Dios! Veo! Veo!“, was heißt: „Ehre sei Gott! Ich kann sehen!“ Er fiel auf die Knie nieder und versuchte Bills Schuhe zu küssen. Bill zog ihn hoch. Der alte Mann fiel Bill um den Hals und sauste dann auf der Plattform umher, umarmte Arganbright, Brown und andere Prediger auf der Plattform und rief: „Gloria a Dios!“ Zu Tausenden stimmten die Menschen in den Chorus ein: „Gloria a Dios!“

Ein Wunder wie dieses war zu spektakulär, als dass die unter katholischer Kontrolle stehenden Medien es totschweigen konnten. Tausende von Mexikanern hörten am nächsten Morgen davon. Unter ihnen war eine junge Mutter mit einem Baby, das an Lungenentzündung erkrankt war und um jeden Atemzug rang. Im Verlaufe des Vormittags, während die Mutter bei einem Arzt wartete, hatte ihr Baby noch einmal nach Luft geschnappt und dann aufgehört zu atmen. Verzweifelt hatte sie nach dem Doktor geschrien. Seine Bemühungen, das Kind wiederzubeleben, schlugen fehl. Mit ernster Stimme sagte ihr der Arzt, dass sie ihr totes Baby in der Praxis lassen könne und er einen Bestatter besorgen werde.

Etwas in der jungen Mutter weigerte sich, loszulassen. Sie dachte sich, dass wenn Gott einem alten Mann das Augenlicht zurückgeben konnte, warum sollte Er ihrem Kind nicht auch das Leben zurückgeben können? Sie teilte dem Arzt mit, dass sie den Leib mitnehmen werde und ging dann von der Arztpraxis auf geradem Wege zu dem Feld, auf dem der amerikanische Evangelist an jenem Abend für die Kranken beten würde. Als sie dort ankam, war es früher Nachmittag und das Fußballfeld war bereits zu zwei Dritteln mit Menschen gefüllt. Ein Sprühregen fiel. Sie stellte sich an das Ende einer langen Reihe von Menschen, die darauf warteten, dass Gebetskarten ausgeteilt wurden. Als Bill an jenem Abend über die Mauer stieg und mit Seilen auf die Plattform herabgelassen wurde, stellte er mit Erstaunen fest, dass ein großer Stapel an Mänteln und Tüchern auf ihn wartete. Miner Arganbright erklärte ihm, dass viele von denen, die keine Gebetskarte besaßen, diese Kleidungsstücke auf der Plattform aufgetürmt hatten, damit Bill über ihnen beten konnte. Sie glaubten, dass allein das Anfassen eines Mantels, über dem er gebetet hatte, sie heilen konnte. Bill tat es mit Freuden, weil ihm die Begebenheit in den Sinn kam, als Paulus in Ephesus über einem Stapel Schürzen und Taschentüchern gebetet hatte. Bill wusste, dass es heute gleichermaßen wie damals funktionieren würde. Die Mexikaner hatten die Funktionsweise des Glaubens begriffen. Wie immer wies Bill sie nachdrücklich darauf hin, dass ihr Glaube felsenfest auf Jesus Christus gegründet sein musste, welcher der einzige Heiler ist. Nicht lange nachdem der Gebetsgottesdienst begonnen hatte, bemerkte Bill eine Unruhe in der Gebetsreihe. Dem Anschein nach versuchte eine Frau vom Ende der Reihe, an den Ordnern vorbeizukommen. Bill beobachtete, wie sie über deren Köpfe hinwegkletterte und auf die Plattform zustürzte. Lauter Protest erhob sich von den Dabeistehenden. Einige Männer ergriffen sie und zogen sie zum Ende der Reihe zurück. Einen Augenblick später flitzte sie zwischen ihnen hindurch und unternahm einen weiteren Anlauf auf die Plattform. Wieder fingen sie sie ein und zogen sie zurück, doch sie gab nicht auf. Bald kam Billy Paul zur Plattform hinauf und berichtete: „Papa, wir können die Gebetsreihe nicht länger aufrecht erhalten. Eine Frau da hinten hält ein totes Baby in ihren Armen und sie lässt sich nicht davon abbringen, dass du dafür betest. Das Problem ist, dass sie keine Gebetskarte hat. Alle Leute aus der Gebetsreihe haben hier seit den frühen Morgenstunden gewartet. Wenn ich die Frau ohne Gebetskarte durchlasse, kann das einen Aufruhr auslösen. Sie ist jedoch außer sich und die Ordner können sie nicht zurückhalten. Was sollen wir tun?“

Bill drehte sich zu seinem Manager um. Jack Moore war, wie Bill, ein schmaler Mann. Sie waren in etwa gleichaltrig und beide hatten schütteres Haar und eine kahle Stirn. Bill sagte: „Bruder Jack, sie weiß nicht, wer ich bin. Warum gehst du nicht dort hin und betest für ihr totes Baby? Das dürfte sie zufriedenstellen und sie zur Ruhe bringen.“

Jack Moore nickte und ging die Stufen zum Rasen hinunter. Bill drehte sich wieder zum Mikrofon und wollte gerade etwas zur Zuhörerschaft sagen, als er vor sich ein zahnloses mexikanisches Baby schweben sah. Das Baby saß auf einer Decke, gluckste, lachte und fuchtelte mit den Armen, wie es Babys tun, wenn sie aufgeregt sind. Bill sagte: „Einen Moment, Bruder Jack. Ich kümmere mich besser selbst darum. Sag den Ordnern, sie sollen die Frau durchlassen.“ Billy Paul schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht, Papa. Das kann einen Tumult auslösen.“

„Billy, ich hab eine Vision gesehen.“

„Eine Vision? Das ist was anderes.“ Billy Paul war klug genug, eine Vision nicht anzuzweifeln.

„Ich werde nach unten gehen und es den Ordnern sagen“, sagte Espinosa. Bald darauf traten die Ordner beiseite und ließen die Frau vorbei. Sie stürmte auf die Plattform zu wie ein Läufer der Azteken. Sie fiel vor dem amerikanischen Evangelisten nieder und rief: „Padre, Padre!“ Bill und Espinosa zogen sie hoch, bis sie wieder auf den Füßen war. Sie war eine schöne Frau in ihren frühen Zwanzigern. Sie hatte den ganzen Tag hindurch geweint und ihre Augen waren geschwollen. Möglicherweise war dies ihr erstes Kind, das sie nun leblos in ihren flehenden Armen hielt. Bill konnte das Baby nicht sehen; alles, was er sah, war die starre Form unter der nassen Decke.

„Wann ist das Baby gestorben?“, fragte Bill.

Sie sagte, dass ihr Baby an jenem Morgen in einer Arztpraxis gestorben war. Bill sagte: „Bruder Espinosa, übersetze dieses Gebet nicht.“ Er legte die Hände auf die nasse Decke und betete: „Himmlischer Vater, ich weiß nicht, was dies alles bedeuten soll, aber vor nur ein paar Minuten habe ich vor mir ein kleines Baby gesehen, das gluckste und spielte. Wenn die Vision dieses tote Kind gezeigt hat, dann soll das Leben in es zurückkehren im Namen Jesu.“ Im selben Augenblick schrie das Baby und strampelte unter seiner Decke. Die Mutter schrie und presste ihr zappelndes Kind an die Brust.

Bill sagte streng: „Bruder Espinosa, gebt das noch nicht bekannt. Gehe mit dieser Frau zu ihrem Arzt. Ich möchte eine schriftliche Bescheinigung ihres Arztes, die belegt, dass dieses Baby tot war.“

Am Ende des Gebetsgottesdienstes fragte Bill, wie viele Leute im Anschluss an das, was sie gerade gesehen hatten, ihre Hand erheben und ihr Leben Jesus Christus übergeben wollen. Tausende und abertausende Hände gingen hoch. Erstaunt wandte sich Bill an Espinosa und sagte: „Sag ihnen, dass weder Katholiken noch Protestanten ihre Hände heben sollen. Ich möchte nur die Hände von Leuten sehen, die Jesus Christus nie zuvor angenommen hatten.“ Espinosa machte das der Menge deutlich, doch schien es die Anzahl der erhobenen Hände nicht zu verändern.“

Am nächsten Tag erhielt Roberto Espinosa eine unterschriebene eidesstattliche Erklärung von dem Arzt, der das Baby der Frau untersucht und es für tot erklärt hatte. Erst dann gestattete Bill die Veröffentlichung dieser Geschichte, zunächst in der lokalen Presse und später in der Zeitschrift The Voice of Healing. Als Bill für die Abreise aus Mexiko beim Packen war, besuchte ihn ein katholischer Reporter für ein Interview. Nachdem er Bill über die vielen Wunder befragt hatte, die in den vergangenen fünf Tagen geschehen waren, fragte der Reporter: „Glauben Sie, dass unsere katholischen Heiligen Wunder vollbringen können?“

„Wenn sie leben würden, ja“, antwortete Bill geschickt.

„In der katholischen Kirche kann man erst, wenn man tot ist, ein Heiliger sein“, konterte der Reporter.

„Das mag sein, was die katholische Kirche sagt, aber in der Bibel hat Paulus einen Brief an die Heiligen, die in Ephesus sind geschrieben. Die waren auf jeden Fall zu der Zeit am Leben.“

„Wir lesen auch die Bibel. Doch im Zweifelsfall stellen wir das, was unsere Kirche uns sagt, über das, was die Bibel sagt, weil der Papst direkt von Gott hört.“ Bill runzelte die Stirn. Der Reporter sagte: „Ich nehme an, Sie sind nicht katholisch.“

„Ja, ich bin ein Protestant, das heißt ich protestiere gegen die katholische Kirche; nicht gegen die Menschen in der Kirche – diese Menschen sind Seelen, für die Jesus gestorben ist – aber ich bin gegen das katholische System, das über jene Menschen herrscht und sie von der Bibel abwendet.“

Solch eine Offenheit überraschte den mexikanischen Reporter. „Herr Branham, welcher Kirche sind Sie angeschlossen.“

„Der Kirche des Herrn Jesus.“

„Ich glaube nicht, von dieser Konfession gehört zu haben.“ „Das kommt daher, weil sie keine Konfession ist. Sie ist der Leib Christi. Die Bibel sagt: ,Durch einen Geist sind wir alle in einen Leib hineingetauft‘. Organisationen zählen nicht. Was zählt, ist der Glaube eines Menschen an Jesus Christus – und jener Glaube kommt vom Glauben an die Bibel.“ „Sie sind sich doch darüber im Klaren, Herr Branham, dass die Bibel lediglich die frühe Geschichte der katholischen Kirche ist.“

„Da wäre ich anderer Meinung. Ich habe viel über Geschichte gelesen, und so weit wie ich es überschaue, entstand die katholische Kirche erst in der Zeit Konstantins, fast 300 Jahre nach dem Tod des letzten Apostels.“ „Herr Branham, was ist Ihr Gesamturteil über die katholische Kirche?“ „Ich wünschte, Sie hätten mich das nicht gefragt, doch da Sie es nun einmal getan haben, werde ich es Ihnen sagen: Die katholische Kirche ist die höchste Form von Spiritismus, die es gibt.“

Das erschütterte den Reporter. „Wo um alles in der Welt haben Sie so eine Vorstellung her?“

„Jeder, der es unternimmt, mit den Toten zu reden, ist ein Spiritist. Und ihr Katholiken versucht in einem fort, mit den toten Heiligen zu sprechen, um sie zu bitten, für euch einzutreten.“

„Herr Branham, Sie sprechen zu Jesus Christus und Er ist auch gestorben.“ „Jesus blieb nicht tot. Er ist vom Grabe auferstanden und lebt am heutigen Tage. Wenn mein Feldzug in Mexiko irgendetwas beweist, dann beweist er, dass Jesus Christus lebt.“

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