1955
William Branhams Feldzug in Phoenix endete am Mittwoch, dem 2. März 1955. Am nächsten Tag fuhr er nach Los Angeles (Kalifornien), um einen fünftägigen Feldzug im Angelus Temple zu eröffnen, jener Gemeinde, die von Aimee Semple McPherson gegründet wurde, einer berühmten Evangelistin der 20er Jahre. Darauf wechselte er für zwei Versammlungen in ein größeres Gebäude der Stadt, die von der Internationalen Gemeinschaft der Geschäftsleute des vollen Evangeliums (fgbmfi) finanziert wurden. Der Vizepräsident der Gesellschaft, Miner Arganbright, hatte die Stock Arena für Freitag- und Samstagabend, den 11. und 12. März, gemietet.
Bill hoffte, diese beiden Feldzüge würden besser verlaufen als der, den er im vorherigen Sommer in Kalifornien gehalten hatte. Als er damals im August 1954 im Calvary Temple in Los Angeles gepredigt hatte, waren an den Abenden wesentlich weniger Leute gekommen, als es seine Sponsoren erwartet hatten. Hinterher erfuhr Bill, dass viele nicht gekommen waren, weil sie die Gemeinde nicht mochten, in welcher die Versammlungen stattgefunden hatten. Obgleich er an keine Konfession gebunden war, wirkten sich kirchliche Konflikte dennoch auf seinen Dienst aus.
Er hatte die Westküste seit 1947 regelmäßig besucht. Zunächst waren seine Gottesdienste in Kalifornien vor Glauben und Wundern schier explodiert, und Jahr für Jahr stieg die Besucherzahl an. Kürzlich hatte sich dieser Trend umgekehrt. Christen im Orange County schienen das Interesse an seiner übernatürlichen Gabe zu verlieren. Mit Sicherheit lenkten Filme und Fernsehshows viele Menschen von den Dingen Gottes ab. Vielleicht zog Hollywood selbst Christen in seine Illusionen hinein, betäubte ihre geistlichen Sinne gegenüber dem Zeichen des Messias in ihrer Mitte. Vielleicht hielten auch Eifersucht und Rivalität unter den Gemeinden, die einzelnen Leiter davon ab, miteinander zu kooperieren. Aus welchem Grund auch immer: Die Besucherzahl in Kalifornien war auf Bills Feldzügen in den letzten drei Jahren beständig zurückgegangen.
Bill entsann sich eines Gesprächs, das er mit einem Baptistenprediger geführt hatte, als er 1947 das erste Mal nach Los Angeles gekommen war. Der Prediger hatte gewarnt: „Bruder Branham, jetzt, da du an der Westküste bist, kann ich dir nur raten, acht zu geben, worüber du predigst.“
Das hatte ihm ein Rätsel aufgegeben. „Ich predige göttliche Heilung. Was ist damit verkehrt?“
„Ach, ich glaube auch an göttliche Heilung“, erwiderte der Prediger, „aber hier draußen in Kalifornien ist es so eine Sache. Besorg dir mal eine Samstagsausgabe einer Zeitung und sieh selbst. Hier bei uns hat sich der schlimmste Fanatismus, den du je gesehen hast, mit göttlicher Heilung vermischt – merkwürdige Leute mit allen Arten von Theorien und komischen Gefühlseindrücken, die sie Zeichen von Gott nennen. Wenn du nicht aufpasst, wirst du verursachen, dass sich dieses Zeugs sogar noch weiter verbreitet.“
Damals hatte Bill geantwortet: „Schau, meine Gabe kommt von Gott. Ich glaube, dass sie den Christen zum Segen sein wird. Mein Wunsch ist es zu sehen, dass dieser entzweite Haufen von Pfingstlern in Eintracht zusammenkommt. Sie haben die größte Sache der Welt: Die Taufe des Heiligen Geistes. Gewiss werden die Menschen mit geistlicher Gesinnung meine Gabe sehen und verstehen, was mein Bestreben ist.“
Der Baptistenprediger antwortete: „Ich zweifle weder an deiner Gabe noch an deinen Motiven, aber Bruder Branham, möge Gott mit dir sein.“ Er sprach diese Bemerkung mit Ernst – nicht wie eine Segnung, sondern eher wie eine Warnung. Damals hatte Bill nicht gewusst, was dieser Prediger gemeint hatte. Er sollte es bald erfahren.
Am Montag, dem 7. März 1955, wachte Bill um drei Uhr morgens auf. Da er nicht mehr einschlafen konnte, stand er auf, um zu beten. Bald spürte er den Engel des Herrn im Zimmer. Augenblicke später nahm ihn eine Vision auf eine Reise.
Jetzt stand er auf einem Felsvorsprung, von wo aus er einen Panoramablick auf Los Angeles hatte. Direkt unter ihm war eine Straße mit Palmen zu beiden Seiten. Überall flatterten krächzende Geier; manche flogen zwischen den Bäumen, andere versammelten sich um ein totes Tier auf der Straße. Jede Geierart war vertreten. Von der Spitze einer Palme schrie ein Geier der Gruppe zu, die von dem angefahrenen Tier auf der Straße fraß: „Ich hab es!“ Einer der Geier auf der Straße blickte von seinem Fressen auf und schrie zurück: „Ich habe es auch!“ Dies löste ein Spektakel aus, bei dem jeder Geier seinem Nachbarn zukreischte: „Ich hab es! Ich hab es!“
Bill fragte sich, was diese merkwürdige, lärmende Szene bedeutete. Plötzlich stand derselbe Baptistenprediger neben ihm auf dem Felsvorsprung, der ihm jene ernste Warnung auf seiner ersten Los Angeles-Reise gegeben hatte. Der Prediger schaute Bill direkt in die Augen und sagte fest: „Habe ich dir das nicht vor acht Jahren gesagt, Bruder Branham?“
„Es tut mir leid. Ich dachte, sie werden es gewiss verstehen.“ Der Engel des Herrn trat zur Kante des Vorsprungs an Bills rechter Seite heran. Der Engel sagte: „Ebenso hat Mose gedacht, die Israeliten würden es sicher verstehen.“ Dann verblich die Vision und er war wieder in seinem Zimmer.
Am Freitagabend erzählte Bill diese Vision in der Stock Arena seinen Zuhörern und entschuldigte sich bei jenem Baptistenprediger öffentlich, dass er nicht auf seine Warnung gehört hatte. Dann versuchte er nochmals, es den Menschen begreiflich zu machen. Zwei Abende lang erklärte Bill den Unterschied zwischen dem Siegel Gottes auf dem Gläubigen und dem Siegel des Antichristen auf dem Ungläubigen. Er lehrte, dass das Siegel Gottes die Taufe des Heiligen Geistes ist, die bewirkt, dass ein Christ das ganze Wort Gottes als inspiriert annimmt. Der antichristliche Geist beansprucht gleichfalls Gott zu lieben, jedoch kann dieser Geist nicht alles in der Bibel als wahr akzeptieren.
Bill sagte: „Menschen mit dem antichristlichen Geist sind lauwarm, Grenz liniengläubige, die ganz nahe an den Heiligen Geist herankommen und dann sagen: ,An solch ein Zeug glaub ich nicht.‘ Sie können so weit kommen wie ihr Führer Judas: Sehr fundamental in der Lehre, doch wenn es zum Empfangen der Taufe des Heiligen Geistes kommt, dann sagen sie: ,Ach, das ist Fanatismus, damit hat es nichts auf sich.‘ Sie mögen das Wort verstandesmäßig glauben, aber sie können es nicht von Herzen glauben.“
„Der antichristliche Geist wird ein religiöser Geist sein. Jesus sagte, er würde der echten Sache so nahe sein, dass er die Auserwählten verführen würde, wenn es möglich wäre. Das wirft ein ganz anderes Licht darauf, nicht wahr? Es ist ein religiöser Geist. Einer, der tanzen, laut preisen, Dämonen austreiben und Wunder vollbringen kann – und dennoch ist er antichristlich. Jesus lehrte, dass nicht jeder, der Ihn ,Herr‘ nennt, in das Königreich des Himmel eingehen wird. Am Tage des Gerichts werden viele Leute zu Ihm sagen: ,Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele Wunder getan?‘ Dann wird Jesus ihnen sagen: ,Weicht von mir, ihr Täter der Ungerechtigkeit. Ich habe euch nie gekannt.‘“ „Ihr könnt eure Errettung nicht auf Gefühlsbewegungen gründen. In Indien habe ich Leute gesehen, die sich in Raserei steigerten, indem sie schrien, was ihre Lungen hergaben und dann barfuß durch eine mit glühenden Kohlen gefüllte Grube gingen, ohne sich zu verbrennen – und sie leugnen, dass es je einen Mann wie Jesus Christus gegeben hat! Also bedeuten Gemütsbewegungen gar nichts. Was zählt, sind die Früchte des Geistes: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Gütigkeit, Sanftmut. Das stimmt. Ich möchte eure Gefühle nicht verletzen, aber es muss gesagt werden. Ihr habt gesehen, wie der Heilige Geist in meinem Dienst mit der Gabe der Unterscheidung hervorgeht. Jetzt ist es an einen Punkt gekommen, wo ich euch auch die Wahrheit über diese anderen Dinge sagen möchte.“
Ein paar Minuten später erzählte er seine Vision über die Geier, die sich vom Aas ernährten, und doch beanspruchten, die Wahrheit zu haben. Bill sagte: „Brüder, ihr versteht nicht, worum es bei meinem Dienst geht. Der Gott des Himmels versucht euch zusammenzubringen. Doch jedes Mal, wenn ich hierher komme, wird die Besucherzahl kleiner und kleiner. Ganz gleich, was ich auch unternehme, drücken einige Leute meinem Dienst immer noch den Stempel eines Kults auf. Brüder und Schwestern, diese große Pfingstbewegung wird nie gedeihen, bis ihr eure Vorurteile niederreißt und eure Herzen in der Einheit des Geistes zusammenbringt. Wenn ihr das weiterhin ablehnt – denkt daran, dass Laodizea, das letzte Gemeindezeitalter, lauwarm wird und Gott sie aus Seinem Munde ausspeit. Hört das Wort des Herrn!“
„Die Pfingstgemeinde ist dabei zu erkalten und wird zu steif. Aus diesem Grunde könnt ihr nicht miteinander kooperieren: Ihr widmet euren Organisationen mehr Aufmerksamkeit als Jesus Christus. Jede Gemeinde versucht die nächste auszustechen, indem sie das ausgefallenste Gebäude der Stadt hochzieht. Was kümmern Gott Gemeindegebäude? Wenn ihr glaubt, dass Jesus bald kommt, warum steckt ihr dann Millionen von Dollar in eure Gebäude? Dieses Geld sollte auf den Missionsfeldern ausgegeben werden, um das Evangelium zu denen zu tragen, die es nie gehört haben.“
„Ihr Pfingstler habt euren Maßstab heruntergeschraubt und damit zugelassen, dass Sünde in eure Gemeinden hineinkommt. Es war einmal üblich, dass pfingstliche Frauen langes Haar trugen und sich anständig kleideten. Heute schneiden sich die meisten von ihnen die Haare, benutzen Make-up und tragen kurze, hautenge Kleider – und sagen immer noch, sie seien mit Heiligem Geist getauft? Ich glaube, dass der Heilige Geist bewirken wird, dass ihr euch anständig kleidet und ein korrektes Leben führt. Wenn der Heilige Geist diese Dinge am Anfang verurteilt hat, ist Er heute Abend immer noch derselbe Heilige Geist. Er ändert sich nicht.“
„Ich fürchte, da ist etwas, das von Anfang an nicht richtig begonnen wurde. Amen. Oh weh! Ich sage das nicht gerne. Aber wie könnte ich mich zurückhalten, das zu sagen, wenn es mit aller Macht aus mir herausdrängt?“ „Heute Abend haben mich die Christlichen Geschäftsleute hierhin in diese große Arena gebracht, damit wir frei sein können von konfessionellen Etiketten. Dieser Ort müsste brechend voll sein mit Predigern, die sich gegenseitig die Hände schütteln und Gott dafür preisen, dass Er eine Erweckung gesandt hat. Aber zu viele Prediger haben ihren Leuten gesagt: ,Geht da nicht hin, denn er gehört nicht zu unserer Gruppe.‘ Liebe Brüder, das ist der Teufel, der unter euch kommt, euch trennt und euch auseinanderbricht. Könnt ihr nicht sehen, was ich meine?“
„Wenn also jener Baptistenprediger heute Abend hier ist, entschuldige ich mich nochmals. Anstatt, dass mein Dienst die Christen in Kalifornien zusammengebracht hätte, hat er Fanatismus begünstigt. Jeder muss einen Dämon riechen oder auf einen Teufel stampfen. Ach, Bruder, wenn du mir glaubst, Gottes Diener zu sein, höre heute Abend meine Stimme. Komm zurück zum Evangelium. Bete, dass der Heilige Geist dir genügend Liebe gibt, um all die Vorurteile zu durchbrechen. Demütige dich und bete, dass Gott dich in Sein Bild hineinformt. Dann wirst du nicht mehr von einem dieser falschen Weinstöcke hereingelegt, die versuchen, die echte Gabe Gottes nachzuahmen.“ William Branham wusste, dass seine Gabe vielen Leuten unorthodox erschien. Oft versuchte er seiner Zuhörerschaft zu erklären, wie seine Visionen funktionierten in der Hoffnung, dass solch eine Erklärung den Christen helfen würde, falsche Vorstellungen zu vermeiden. Manche Leute verstanden ihn trotzdem falsch.
Einmal kam ein junger Pfingstler zu Bill und bat ihn um Hilfe in seiner Ehe. Der Mann sagte: „Meine Frau ist eine überzeugte Lutheranerin und ich kann sie nicht dazu bringen, die Taufe des Heiligen Geistes zu sehen. Bruder Branham, ich habe gesehen, wie du mit den Teufeln in deinen Versammlungen fertig wirst und so habe ich, wenn meine Frau sich über mich lustig machte, jenem Dämon geboten, sie im Namen Jesu zu verlassen. Ganz gleich, wie kraftvoll ich auftrete, ich bekomme den Teufel einfach nicht dahin, sie zu verlassen. Jetzt sieht es aus, als werden wir geschieden werden.“
„Bruder, du gehst es auf die falsche Weise an“, erwiderte Bill. „Wenn sie dich auf diese Art ärgert, sage: ,Schatz, ich liebe dich.‘ und sei richtig nett zu ihr. Mach etwas Schönes für sie und bete für sie die ganze Zeit über still in deinem Herzen. Gott wird sich um den Rest kümmern.“
Drei Wochen später rief dieser Mann Bill an, um zu berichten: „Mein Zuhause ist wie umgekrempelt. Meine Frau ist eine andere Person.“ „Was ist stärker“, fragte Bill, „schreien und treten, oder in Liebe deine Arme um sie legen? Denke immer daran, dass Gott Liebe ist. Genau so treibe ich auch die Teufel in meinen Versammlungen aus: durch die Macht der Liebe.“ Die meisten falschen Vorstellungen waren nicht so leicht zu korrigieren. Am schlimmsten waren jene Prediger, die Bills Gabe gesehen oder von ihr gehört hatten und versuchten, sie für ihre eigenen Belange nachzuahmen und damit unter den Gläubigen ziemliche Verwirrung stifteten. Manche dieser Prediger waren rundweg Schwindler, die mit der Leichtgläubigkeit von ehrlichen, aber geistlich unkundigen Menschen spielten. Andere Prediger nahmen die Gaben des Heiligen Geistes aufrichtig an, es mangelte ihnen jedoch an der Sorgfalt, diese Gaben schriftgemäß zu handhaben, und so richteten sie beinahe ebenso viel Schaden an wie die Schwindler.
Bill kannte einen verwirrten Prediger, der mit dem Anspruch, eine Gabe der Unterscheidung zu haben, sagte: „Diese Frau hat drei Dämonen in sich. Einer von ihnen heißt Jeff und ein anderer heißt Seth. Jeder hat eine andere Farbe. Ein Dämon ist grün, der andere blau und der letzte ist rosa.“ Als Bill dies hörte, betete er: „O Gott, habe ich je etwas gesagt, wodurch Leute auf solche Ideen kommen? Lass das nicht zu, Herr. Viele dieser Menschen versuchen aus Leibeskräften das Königreich Gottes zu sehen. Wie ist es möglich, dass Hunderte sich scharen, um solch einem Mumpitz zuzuhören? Lass sie die Stimme des Großen Hirten hören, damit sie den Stimmen dieser Fremden nicht folgen.“ Die Wahrheit über Bills Gabe der Unterscheidung war weitaus gewaltiger und atemberaubender als irgendeiner dieser Nachahmer es sich vorstellen konnte. Wenn die Salbung während eines Gebetsgottesdienstes auf ihn kam, war es, als wäre ein Vorhang vor einem Fenster beiseite geschoben worden und gewährte ihm einen flüchtigen Blick auf die jenseitige geistliche Welt. Er konnte den Engel des Herrn ein paar fußbreit entfernt an seiner rechten Seite spüren und oftmals sah er den Engel wie eine mitten in der Luft hängende Feuersäule. Wenn Menschen aus der Gebetsreihe nach vorne in die Gegenwart jenes Engels schritten, konnte Bill sagen, ob sie Gläubige oder Ungläubige waren, weil ein hauchdünner Lichthof die Christen umgab und sie einen Geist des Willkommens mit sich brachten. Falls Zweifel einen Christen plagten, sah Bill dies als einen nachfolgenden dunklen Streifen. Falls ein Gläubiger von einem Dämon geplagt wurde, sah Bill dies als einen schwarzen, welligen Schatten über dessen Kopf.
Im Allgemeinen erschienen Dämonen wie dunkle Wolken, kalt und gleichgültig. Eine Person, die an Selbstmord dachte, war von einem schwarzen Nebel von Dämonen umgeben, die sie anstachelten, die Tat auszuführen. Wenn jemand im Sterben war, sah Bill dies oft als einen dunklen Schatten um den Kopf herum. Dann sagte er gewöhnlich, dass die Person vom Tode überschattet sei. Wenn ein Dämon, der eine bestimmte Krankheit verursachte, auf der Plattform bloßgestellt wurde, rief er Dämonen zur Hilfe, die in seiner Nähe waren und dieselbe Krankheit bei anderen verursachten. Bill sah dies als einen dunklen Strahl, welcher von der Person auf der Plattform zu jemandem in der Zuhörerschaft verlief. Dann konnte er beide Dämonen zugleich bloßstellen. Seine Diagnose war nie verkehrt.
Unter der Salbung konnte er buchstäblich fühlen, wie der Glaube der Menschen an seiner Gabe zog. Der Hauptgrund, weshalb er überhaupt eine Gebetsreihe machte, war, weil er den Glauben der Person, für die er gerade betete, isolieren wollte. Er wusste, dass seine Gabe durch den Glauben eines jeden Einzelnen tätig wurde. Wenn Menschen zum Gebet nach vorne kamen, reichte ein kurzes Gespräch mit ihnen völlig aus, um eine Vision herbeizuführen. Wenn Bill weiterredete, ging die Vision weiter, bis er körperlich erschöpft war. Um das Unvermeidliche hinauszuzögern, versuchte er, nur so viel zu sagen, dass der Glaube einer Person auf jenes Niveau gelangte, an welchem sie übernatürliche Heilung von Jesus Christus annehmen konnte. Selbst ohne eine Vision wusste Bill oft, ob ein Christ geheilt war, weil der Lichthof um diese Person plötzlich außergewöhnlich hell leuchtete. Oftmals verließ der Engel des Herrn die Plattform und bewegte sich hinaus über die Zuhörerschaft. Alles was Bill dann tun musste, war, zu beobachten, wo die Feuersäule hielt. Die Vision entfaltete sich stets unter jenem Licht. Manchmal wuchs der Glaube von Christen in einer Versammlung so gewaltig an, dass Bill ihn sogar wie einen milchigen Dunst über der Zuhörerschaft schweben sah. Wenn dies geschah, zogen so viele Menschen gleichzeitig an seiner Gabe, dass er Schwierigkeiten hatte, individuelle Probleme zu unterscheiden. Gewöhnlich wandte er sich an diesem Punkt von der Gebetsreihe ab und sprach ein allgemeines Gebet für die Heilung jeder kranken Person im Gebäude.
Ungeachtet der vielen Male, wo er versucht hatte, den geistlichen Aspekt seiner Gabe zu erklären, konnten es die meisten Leute nicht verstehen. Das war nicht schlimm. Schlimm wurde es, wenn Menschen die Erklärungen zu seiner Gabe benutzten, um seinen Dienst nachzuahmen. Dies wurde eines Vormittags schmerzlich deutlich, als eine Frau mittleren Alters zu Bill nach Hause kam, die Hilfe bei ihm suchte. Er lud sie in sein Wohnzimmer ein. Meda machte gerade Frühstück. Die Frau setzte sich in den Sessel, zog ihre Schuhe und Strümpfe aus, schob ihre Beine unter sich und rieb dann ihre Hände nervös ineinander. Ihr Gesicht sah verhärmt aus. Als Bill sie fragte, was verkehrt sei, sagte sie nur, dass sie ein komisches Gefühl habe. Er bohrte nach Einzelheiten, doch sie blieb unbestimmt und geheimnisvoll.
Dann kam die Vision und stieß mitten ins Herz des Geheimnisses. „Sie kommen aus St. Louis. Ihr Ehemann ist dort bei der Polizei.“
„Ja, das stimmt. Woher wussten Sie das?“
Bill beantwortete ihre Frage nicht. Er beobachtete noch immer die Vision. „Sie waren eine liebenswerte Hausfrau, aber in letzter Zeit sieht Ihr Haus aus wie ein Schweinestall. Ihre erwachsene Tochter kümmert sich nun um Ihren Mann.“ „Sie haben recht. Wer hat Ihnen das gesagt?“
„Als Sie anfingen, sich komisch zu fühlen, gingen Sie zu einem Arzt. Er hat Ihnen eine Hormonspritze gegeben. Dann sind Sie zu einer bestimmten Gemeinde gegangen, wo der Prediger sagte, Sie seien von Dämonen besessen. Er schickte Sie zu einem Prediger in Kalifornien, der Ihnen sagte, Sie hätten sieben Teufel. Sie glaubten ihm, weil Sie dachten, das erkläre Ihre komischen Gefühle. Dann hörten Sie auf eine Predigerin, die sagte, Sie hätten fünf Dämonen. Sie trug Ihnen auf, nach Jeffersonville zu kommen und mich deswegen aufzusuchen.“
„Ja, das ist alles richtig. Woher wussten Sie das? Hat meine Tochter Sie angerufen?“
Die Vision endete, was Bill mit einem Ruck zurück ins Zimmer holte. Jetzt konnte er ihr antworten. „Der Heilige Geist hat mir diese Dinge durch Vision mitgeteilt.“
Die Frau setzte ihre Füße wieder auf den Boden und richtete ihren Rücken gerade. „Nun kann ich auf den Grund dieser Sache vorstoßen. Ich habe seit etlichen Tagen nicht mehr gegessen und ich werde auch nicht eher essen, bis ich herausgefunden habe, was mit diesen beiden Dämonen passiert ist. Wenn ich herausbekomme, warum mich die zwei Teufel verlassen haben, kann ich die übrigen von ihnen auf demselben Wege zum Gehen zwingen.“ „Um es vorweg zu sagen: Sie haben überhaupt keine Dämonen.“ „Nicht?“
„Nein. Haben Sie nicht Ihre Mutter durch die Wechseljahre gehen sehen? Dasselbe erleben Sie gerade. Was glauben Sie wohl, wofür die Hormonspritzen gedacht waren?“
„Weiß ich nicht.“
„Wegen der Wechseljahre, dafür.“
„Werden Sie für mich beten und es austreiben?“
„Da gibt es überhaupt nichts auszutreiben. Ihre komischen Gefühle sind nicht von Dämonen verursacht. Es ist schlicht ein natürlicher Zustand des Lebens.“ Ihr Gesicht entspannte sich merklich. Der Geruch von gebratenem Speck wandte ihren Kopf in Richtung Küche. „Irgendwie hungrig?“, fragte Bill mit einem Schmunzeln. Bald saß sie am Küchentisch und aß Speck, Eier und Toast. Als sie ihre zweite Tasse Kaffee getrunken hatte, sagte Bill: „Gehen Sie jetzt heim, räumen Sie zu Hause auf und backen Sie Ihrem Mann einen leckeren Apfelkuchen. Wenn er heute Abend nach Hause kommt, setzen Sie sich auf seinen Schoß, werfen Sie beide Arme um ihn, küssen Sie ihn und sagen Sie ihm, dass Sie ihn lieben. Leben Sie von nun an, wie eine gläubige Frau leben sollte.“
Während er ihr bei der Abfahrt zusah, dachte Bill an die beiden Prediger in Kalifornien, die dieser leichtgläubigen Frau weisgemacht hatten, sie habe Dämonen. Er fragte sich, ob jene Prediger jemals in seinen Versammlungen gewesen waren. Er hoffte, sie versuchten nicht, seinen Dienst als Muster für ihren Dienst heranzuziehen. Bill dachte wieder an den Baptistenprediger und seine ernste Warnung: „Möge Gott mit dir sein.“
Ungefähr zu dieser Zeit fuhr ein junger Mann in einem alten Chevrolet Pick-up bei Bill zu Hause vor. Bill saß auf seiner Veranda und hörte sich die Schwierigkeit des jungen Mannes an.
„Bruder Branham, mir gehört ein Gebrauchtwagenhandel in Minneapolis. Vor ein paar Jahren ging meine Frau zu einer Pfingstgemeinde und empfing den Geist. Sie wollte, dass ich mit ihr zur Gemeinde gehe, aber ich sagte ihr: ,Nein, ich bin nicht der religiöse Typ.‘ Vor ein paar Monaten ist dann etwas passiert, das mich aufgerüttelt hat. Ich hatte einer älteren Frau gerade ein Auto verkauft und hing meine Jacke auf, als ich mich fragte, ob ich ihr wohl beide Schlüsselsätze gegeben hatte. Als ich in meiner Jackentasche nachsah, fand ich ein Stück Papier, auf dem stand: ,Wo wirst du die Ewigkeit zubringen?‘ Diese Frage hat mich so tief berührt, dass ich mein Geschäft einem Partner überließ und nach Hause ging, um Gott zu suchen. Ich ging zu einer von Billy Grahams Versammlungen. Er sagte mir, wenn ich meine Hand erhebe und Christus als meinen persönlichen Retter annehme, wäre die Angelegenheit erledigt; ich würde die Ewigkeit mit Jesus verbringen. Ich hob meine Hand, empfand jedoch noch immer nicht, dass es erledigt sei. Also besuchte ich eine Nazarener-Gemeinde. Die Nazarener sagten mir, wenn ich nicht glücklich genug würde, dass ich laut jauchze, dann wäre ich nicht errettet. Also betete ich, bis ich laut jauchzte, aber ich fühlte noch immer nicht, dass es erledigt sei. Als Nächstes ging ich zur Pfingstgemeinde. Die Leute sagten mir, wenn ich in Zungen spräche, wäre meine ewige Bestimmung geklärt. Sie beteten mit mir die halbe Nacht, bis ich in Zungen gesprochen hatte, doch fühlte ich immer noch nicht, dass es erledigt wäre. Dann traf ich ein paar Leute von der Zeitschrift The Voice of Healing. Die sagten mir, dass du ein Prophet bist, und wenn ich hierher käme, du mir sagen könntest, was ich wissen muss. Bruder Branham, wie kann ich wissen, wo ich die Ewigkeit verbringen werde?“
„Nun ja, Bruder, zunächst möchte ich dir sagen, dass ich kein Prophet bin, ich bin bloß Sein Diener. Aber du brauchst keinen Propheten, der dir die Sache klar macht. Du brauchst lediglich das Wort Gottes. Herr Graham, die Nazarener und die Pfingstler haben dir die Wahrheit gesagt, und doch ist es wiederum nicht die Wahrheit, nicht vollständig. Seine Hand zu erheben, laut zu jauchzen oder in Zungen zu sprechen, bedeutet nicht, Christus zu empfangen. Christus zu empfangen bedeutet, die Person des Herrn Jesus Christus zu empfangen.“ Der junge Mann nickte, als hätte er verstanden, aber sein Gesichtsausdruck zeigte immer noch Verwirrung. „Wo kann ich Jesus Christus finden?“ „Du hast gesagt, als du den Zettel gelesen hast, hat dich etwas getroffen und du hattest ein Verlangen nach Gott. Vor dieser Zeit gingst du von Ihm fort. Dann hast du plötzlich eine Kehrtwende gemacht und gingst in die andere Richtung. Was hat deinen Sinn geändert?“
„Ich weiß es nicht.“
„Gott kam direkt dort in dein Herz, als du auf jenes Stück Papier blicktest.“ „Du meinst, ich hatte es bereits die ganze Zeit?“
„Gewiss, Bruder. Das ist, was Bekehrung bedeutet: Sich umzudrehen.“ „Bruder Branham, würdest du für mich beten?“
Bill lächelte und schüttelte den Kopf. „Du brauchst kein Gebet. Die Wahrheit hat dich frei gemacht. Das ist das Werk des Heiligen Geistes – der Person, nicht ein Gedanke. Der Heilige Geist ist die Persönlichkeit des Herrn Jesus Christus, die wir in unsere Herzen einlassen, die in uns eine neue und veränderte Einstellung gegenüber allem, was uns im Leben begegnet, bewirkt.“