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Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 5

Hinter dem Vorhang der Zeit

1960

Zwischen dem 28. Februar und dem 13. März 1960 predigte William Branham vierzehn Mal in Phoenix (Arizona). Am Dienstagabend, dem 8. März, predigte er über „Geistesunterscheidung“. Inmitten eines wachsenden Widerstands seinem Dienst gegenüber, wollte er seine Motive jedermann unmissverständlich deutlich machen. Er erwähnte, dass Johannes den Christen gebot, die Geister zu prüfen, um herauszufinden, ob sie aus Gott sind oder nicht. Bill bat die Gläubigen eindringlich, den Geist jeden Dienstes zu unterscheiden, indem sie sich die Ziele des Predigers anschauten. Was versucht er zu erreichen? Versucht er im Rampenlicht zu stehen und sich damit selbst zu ehren? Versucht er seine eigene Organisation zu bauen? Versucht er alle anderen von der Bühne zu drängen, damit man nur noch ihn und seine Gruppe sieht? Das ist der falsche Geist.

Jesus verherrlichte nicht sich selbst, sondern gab alle Ehre Seinem Vater. Ein wahrer Prediger wird seine Gabe stets zur Auferbauung des Leibes Christi benutzen und auf diese Weise wird er Gott die Ehre geben. Ein wahrer Prediger wird nie versuchen, Menschen voneinander zu trennen, sondern immer versuchen, Menschen zusammenzubringen – nicht zu einer Konfession, sondern zu einer Einheit im Geist. Ein wahrer Prophet (ein neutestamentlicher Prophet ist ein Prediger) wird Menschen immer von sich weg und nach Golgatha weisen. Bill sagte: „Verweigert einem Mann die Gemeinschaft nicht, weil er nicht zu eurer Gruppe gehört. Unterscheidet seinen Geist. Wenn er für denselben Zweck arbeitet wie du, dann habe Gemeinschaft. Ihr arbeitet dann für eine einzige große Sache, die Sache Christi.“

Mose war ein wahrer Prophet, weil es sein einziges Motiv war, etwas für das Königreich Gottes zu vollbringen. Er entsagte den Reichtümern und dem Ruhm, die er in Ägypten hätte haben können, damit er Gottes Kindern helfen konnte, ihre Bestimmung zu erfüllen. Vergleichen wir Mose mit dem falschen Propheten Bileam. Bileam hatte eine echte prophetische Gabe, aber er wollte sie dazu verwenden, reich und berühmt zu werden. Bill sagte: „Wenn ihr eine Person mit einer großen Gabe seht, die versucht etwas zu tun, um selbst Ruhm zu erlangen, dann sagt euch eure eigene Unterscheidung des Geistes, dass das verkehrt ist.“

„Wenn ein Mann gesalbt ist vom Geiste Gottes, wird er sich wie Gott benehmen. Und das Wirken Gottes beabsichtigt nie, uns voneinander zu trennen. Das Wirken Gottes dient dazu, uns zu verbinden, denn wir sind eins in Christus Jesus. Gottes Absicht ist es, uns zusammenzubringen. Liebt einander. Ein wahrer Prophet, ein wahrer Lehrer, wird versuchen, die Gemeinde zu einer Einheit im Geiste zu bringen, dass Menschen Gott erkennen. Mögen wir Geistesunterscheidung haben, um den Geist zu unterscheiden, der in dem Menschen weilt, um zu sehen, ob der Geist aus Gott ist oder nicht.“

Von Phoenix fuhr Bill nach Tulsa (Oklahoma). Angefangen mit Samstag, dem 26. März, predigte er neunmal an neun Tagen, und schloss am Sonntagvormittag, dem 3. April, mit einer Predigt genannt: „Wie die Adlermutter ihr Nest aufscheucht“. Er erzählte, wie eine Adlermutter ihr Nest mit Fellen polstert, um es für ihre kleinen Adlerjungen gemütlich zu machen. Wenn es an der Zeit ist, dass sie das Fliegen lernen, entfernt sie die Felle und das Nest wird ungemütlich. Genauso macht Gott manchmal das Leben für Seine Kinder ungemütlich, weil Er will, dass sie etwas Neues lernen und einen höheren Stand erreichen. Am Sonntagnachmittag erhielt er von Oral Roberts, seinem alten Bekannten, der in Tulsa wohnte, eine Nachricht. Roberts war gefallen und hatte sich das Bein verletzt, und er wünschte, dass Bill zu ihm nach Hause kam und für ihn betete. Als Bill bei Roberts großem, schönem Haus eintraf, fand er Roberts mit einem so schlimm angeschwollenem Knie im Bett vor, dass er es nicht einmal beugen konnte. Während Bill betete, dass Jesus ihn heilen möge, formten die Blutgefäße in Roberts Knie ein V-förmiges Muster und die Schwellung ging zurück. Nach ein paar Minuten war Oral Roberts in der Lage, aus dem Bett zu steigen und mit Bill zur Eingangstür zu gehen.

Während sie sich verabschiedeten, fragte Roberts: „Hast du schon mein neues Bürogebäude gesehen?“

„Nein, Bruder Roberts. Morgen Vormittag werde ich Tommy Osborn besuchen. Danach werde ich kommen und mir deine Räumlichkeiten anschauen.“ „Gut. Du wirst beeindruckt sein. Denk daran, dass du beim Aufbau meiner Organisation eine Rolle gespielt hast. Als ich jung war und meinen Dienst gerade erst begann, warst du es, der mich inspiriert hat.“ Am Montag besuchte er das Hauptquartier von Tommy Osborns weltweiter Missionso rganisation. Bill sprach bei ihrer Morgenandacht, zu der sich das Büropersonal versammelte, um zu beten und zu loben, bevor sie ihre Tagespflichten angingen. Dann machte Tommy Osborn mit ihm einen Rundgang durchs Gebäude. Eine der Wände in Osborns Bürogebäude war von einer Weltkarte bedeckt. Hunderte von Stecknadeln auf der Karte zeigten die Stellen, wo Osborn christliche Missionare unterstützte. Er sagte: „Bruder Branham, ich bin nur einer deiner Schüler. Du bist derjenige, der mich ausgesandt hat, dies zu tun.“ Dann gab er Bill ein Andenken: Eine Statue eines afrikanischen Eingeborenen mit einem Holzklotz im Mund. Osborn sagte: „Denk bloß, wie viele Tausende von Menschen wir davon befreit haben.“

Anschließend fuhr Bill zu Oral Roberts neuem Bürogebäude, das sich beinahe über einen ganzen Straßenblock erstreckte und dessen Bau etliche Millionen Dollar gekostet hatte. Herr Fisher nahm Bill auf einen Rundgang mit. Sie traten durch Glastüren in einen Eingangsbereich ein, der mit importiertem Marmor ausgelegt war. Spiegel und plastische Kunstwerke zierten den Raum. Selbst die Decke war ein Kunstwerk aus kompliziert verbundenen Aluminiumstäben. Dies war nur der Anfang der Wunderdinge. Bill sah das Klangstudio, wo Roberts seine Radio- und Fernsehprogramme produzierte, die Druckmaschine, die seine monatliche Zeitschrift Healing Waters druckte und viele Büros, die mit Managern, Buchhaltern, Sekretärinnen und Angestellten besetzt waren und hunderte von elektrischen IBM-Geräten, die Briefe verarbeiteten. Als sie den Rundgang beendeten und zum Eingang zurückgingen, überbrachte ein Polizist einen Warnhinweis: „Herr Branham, Sie werden Schwierigkeiten haben, hier loszukommen. An der Eingangstür warten gut und gerne 50 Leute auf Sie.“

„Gibt es einen anderen Ausgang?“, fragte Bill.

„Ja“, sagte Herr Fisher. „Geh diesen Gang entlang zurück bis zu der Tür mit der Bezeichnung: Ausgang. Diese führt zum Parkplatz der Angestellten. Wenn du mir deinen Autoschlüssel gibst, fahre ich eben rum und hole dich ab.“ Nachdem Bill diesen Anweisungen gefolgt war, stand er bald draußen, bewunderte die Außenarchitektur und dankte Gott für alles, was dieser eine Mann erreicht hatte. Es war beglückend, daran zu denken, dass er Oral Roberts einst inspiriert hatte.

Dann, wie beim Rückschwung eines Pendels, schwangen seine Gefühle in die andere Richtung. In fünf Tagen würde er 51 Jahre alt sein. Was hatte er von bleibender Bedeutung zuwege gebracht? Seit 1933 hatte er unmittelbar zu Millionen von Menschen in der ganzen Welt gepredigt, tausende von Visionen gesehen, für hunderttausende von Menschen gebetet und hunderttausende von Heilungen und Wundern gesehen. Was hatte er an Besitz vorzuweisen, um das belegen zu können? Wenn er Tommy Osborns und Oral Roberts Dienst mit seinem eigenen verglich, schienen die Errungenschaften dieser Schüler diejenigen ihres Lehrers in den Schatten zu stellen. Er würde sich schämen, Osborn und Roberts sein eigenes Bürogebäude zu zeigen: Ein alter Wohncontainer, wo eine Teilzeitsekretärin seine Post auf einer gebraucht gekauften, manuellen Schreibmaschine beantwortete. Was seine finanzielle Situation anbelangte, lagen auf seinem Bankkonto zum gegenwärtigen Zeitpunkt weniger als 150 Dollar.

„Teurer Gott“, dachte er traurig, „ich nehme an, Du kannst mir Geld und Verantwortung nicht so anvertrauen wie diesen anderen Brüdern.“ In dem Augenblick hörte Bill so deutlich, wie er nur je in seinem Leben einen Laut vernommen hatte, eine Stimme sagen: „Ich bin dein Teil.“ Das Pendel seiner Schwermutsanwandlung hielt auf halber Strecke inne und schwang zurück zu Frieden und Freude. Bill sagte: „Danke, Herr. Ich bin glücklich, dass Du mein Teil bist.“ Herr Fisher kam mit dem Auto um die Ecke des Gebäudes. Bill dachte: „Am Ende meines Weges, nachdem ich meine letzte Predigt gepredigt und mein letztes Gebet gebetet habe, wird Gott mir vielleicht drüben auf der anderen Seite einen kleinen Teil Seiner selbst geben.“ Das war der beglückendste Gedanke von allen.

Bill fuhr heim und dachte an die drei Versammlungen in Kentucky, in denen er in den nächsten zehn Tagen zu predigen hatte. Als drei seiner Freunde aus Kentucky ihn gebeten hatten, je einen Abend in ihren Heimatorten zu predigen, hatte Bill in seinem Herzen ein kleines Kontrolllämpchen aufleuchten gefühlt, als gebe ihm der Heilige Geist ein Nein; aber er hatte trotzdem Ja gesagt. Jeder der Freunde hatte prompt das lokale National Guard Armory Gebäude der Stadt angemietet und die Versammlungen bekannt gegeben. Unglücklicherweise musste Bill sich in Tulsa einen Virus eingefangen haben, denn kaum zu Hause angekommen, waren die Stirnhöhlen verstopft und der Hals geschwollen. Am nächsten Tag stieg sein Fieber auf 40°C und er bekam eine so schlimme Kehlkopfentzündung, dass er kaum flüstern konnte. Neun Tage lang brachte er nur ein heiseres Flüstern heraus. Er betete ernstlich zu Gott, ihn zu heilen, damit er seiner Verpflichtung seinen Freunden gegenüber nachkommen konnte, doch die Termine der Kentucky-Versammlungen verstrichen und das Fieber hielt ihn noch immer im Bett fest.

Am Montagmorgen, dem 11. April 1960, versuchte er aufzustehen, fühlte sich jedoch so schwach, dass er sich eilends zurück aufs Bett setzte. Meda brachte ihm ein Glas Orangensaft und eine gebutterte Toastscheibe. Er gab ihr ein Zeichen sich neben ihn zu setzen und flüsterte dann: „Meda, ich frage mich, was los ist. Warum werden diese Versammlungen in Kentucky angesetzt und Gott lässt mich dann hier so krank daniederliegen? Manchmal frage ich mich, ob Er mich überhaupt berufen hat.“

„Bill, schämst du dich nicht?“, rügte Meda sanft. „Gott weiß, was Er mit dir macht. Sei einfach ruhig, lehn dich zurück und iss dein Frühstück. Ich hol dir saubere Betttücher.“

Sie war kaum aus dem Zimmer, als der Raum verschwand. Bill schien auf einem Parkplatz neben einem Gebäude in einer Stadtkaserne zu stehen. Ein Sonnenstrahl schoss aus dem Himmel herab, traf die Stadtkaserne und jagte sie in Stücke. Ein Mann und drei Frauen schritten mit Nagelschussgeräten im Arm zu den Trümmern hin. Der Mann hob zwei Stücke Sperrholz auf, hielt sie zusammen und sagte: „Bruder Branham, wir werden dir helfen, diese Stadtkaserne wieder aufzubauen. Wenn du diese Stücke so zusammenhältst, werde ich sie vernageln.“

„Na gut“, sagte Bill, die beiden Sperrholzplatten in die Hand nehmend und sie nebeneinander ausbalancierend.

„Tue es nicht!“, gebot der Engel des Herrn. Bill ließ die Sperrholzplatten fallen. Der Engel fuhr fort: „Sie sind gerade auf dem Weg, um dich dazu zu bewegen, die Versammlungen in Kentucky neu anzusetzen. Sie glauben aufrichtig, das ,So spricht der Herr‘ zu haben, doch sie irren sich. Tue es nicht.“ Die Vision verließ ihn. Ungefähr eine Stunde später kam Fred Sothmann bei ihm Zuhause vorbei, um zu sehen wie es ihm ging. Mit heiserem Flüstern berichtete Bill ihm von der Vision, die er gerade gesehen hatte. Bald darauf kam Meda und sagte: „Bill, du hast Besucher aus Kentucky.“

Bill flüsterte: „Da sind drei Frauen und ein Mann, stimmt’s.“ „Ja.“

„Sie sagen, sie hätten das ,So spricht der Herr‘ für mich, stimmt’s.“ „Das sagen sie.“

Bill bedeutete Fred Sothmann, näher zu kommen und flüsterte: „Bruder Freddie, geh und sag ihnen, dass ich nicht kommen kann. Sie sind gute Menschen, doch bei aller Aufrichtigkeit verkehrt.“

Nachdem alle seine Besucher gegangen waren, rätselte er wieder: „Warum geschieht dies? Warum kann ich nicht reden? Warum kann ich nicht für meine Freunde in Kentucky predigen? Gott hat mir gesagt, Er würde meinen Dienst ändern, aber ich weiß nicht, was ich als Nächstes tun soll. Was, wenn ich einen Fehler mache? Mose hatte einen Fehler gemacht, als er den Felsen schlug, anstelle zu ihm zu sprechen. Elisa machte einen Fehler, als er die Kinder verfluchte, die sich über seinen Kahlkopf lustig machten. Ich will mich nicht von Mutmaßungen leiten lassen und wie sie einen Fehler machen.“ Meda brachte ihm ein weiteres Glas Orangensaft und stellte es auf die Ablage neben seinem Bett. Während er sie hinausgehen sah, bemerkte er ein Lichtflackern an der Wand. Er drehte den Kopf, um zu sehen, was es sei und sah, wie sich die Wandfarbe auflöste, bis die ganze Wand durchsichtig war. Bald schaute er auf eine gigantische Bibel, die im Himmel hing. Diese riesige Bibel verdeckte die Sonne, und bewirkte, dass die Sonnenstrahlen hinter ihr in alle Richtungen ausstrahlten. Aus dieser himmlischen Bibel kam ein goldenes Kreuz, und aus dem Kreuz trat der Herr Jesus. Er schritt vom Himmel hinab, trat durch die Wand und stand über Bills Bett in der Luft. Das Licht der himmlischen Bibel erleuchtete das Antlitz Jesu und warf Seinen Schatten quer über den Raum. Dieses Antlitz verkörperte jedes gute Charaktermerkmal in seiner vollsten Ausprägung: Liebe und Mitgefühl, Wissen und Weisheit, Friede und Gerechtigkeit, Autorität und Kraft – dies alles und noch mehr strahlte vom Herrn aus. Kein Künstler hat die Tiefe Seines Angesichts je auf Leinwand bannen können, doch von allen Gemälden, die Bill je gesehen hatte, kam Heinrich Hofmanns Christus mit 33 dem am Nächsten. Bill hatte das Gesicht Jesu zweimal zuvor in einer Vision gesehen, und er sah Seinen Charakter jedes Mal, wenn er in der Bibel las – Jesus jedoch hier in seinem Schlafzimmer zu sehen, überwältigte ihn.

Jesus sagte: „Du wartest darauf, dass dir dein neuer Dienst bestätigt wird. Ich habe ihn bereits bestätigt. Du musst ihn einfach annehmen.“ Augenblicklich begriff Bill. Wie oft hatte er den Menschen gesagt: „Jesus hat euch bereits gerettet und geheilt als Er am Kreuz starb, aber es wird euch solange nichts nutzen, bis ihr es annehmt.“ Dasselbe Prinzip galt auch für seinen neuen Dienst. Die Bibel sagt: „Ohne Glauben ist es unmöglich Ihm zu gefallen.“ Möglicherweise verstand er nicht alles, was Gott von ihm wollte, doch wusste er genug, um einen weiteren Schritt im Glauben zu gehen und er vertraute Gott, dass Er ihm den nächsten Schritt auch zeigte, wenn es Zeit dafür war. Jesus fügte hinzu: „Du gehst mit zu vielen Leuten. Um mit Mir zu wandeln, wirst du alleine gehen müssen.“

Diesen Ausspruch verstand Bill ebenfalls. Offenbar war er immer noch zu sehr darauf bedacht, den Vorschlägen anderer Leute gerecht zu werden, was ihn nur durcheinander brachte, wenn er versuchte, auf den Heiligen Geist zu hören. Sein neuer Dienst lag vor ihm, der dritte Zug stand vor der Tür. Es war für ihn an der Zeit, die Meinungen anderer abzuschütteln und nur auf die stille, sanfte Stimme des Heiligen Geistes zu hören, die ihn führte. Das war die Lektion, die Gott ihm aus den drei abgesagten Versammlungen in Kentucky beibringen wollte. Als die Vision verblich, sagte Bill: „Amen, Herr.“ Die Worte platzten mit Stimme und Volumen aus ihm hervor. Seine Kehle fühlte sich anders an. Auf einmal waren die Stirnhöhlen frei und sein Fieber verließ ihn. Er sprang aus dem Bett und rief: „Meda.“

Sie rannte zurück ins Schlafzimmer. „Bill, du hast deine Stimme zurück!“ „Mehr als das. Ich habe meine Kräfte zurück. Der Herr hat mich gerade geheilt.“

Zwei Wochen später, am Sonntagmorgen, dem 7. Mai 1960, träumte William Branham, dass Joseph hustete. Er nahm seinen fünf Jahre alten Sohn auf den Arm, hielt ihn nahe an der Brust und drückte Josephs Schläfe gegen seine eigene Wange. Joseph glühte vor Fieber. Bill erwachte, sein Herz schlug zum Zerspringen. Als er merkte, dass es nur ein Traum gewesen war, atmete er vor Erleichterung auf. Dann fragte er sich, ob er etwas zu bedeuten habe. Vielleicht würde Joseph krank werden.

Als er so auf seinem Bett lag und über den Traum nachdachte, wanderte sein Blick zum Schlafzimmerfenster. Die Jalousette war heruntergezogen, aber er konnte dennoch ein wenig durch die Lamellen sehen. Draußen sah es nach einem typischen Frühlingsmorgen in Indiana aus: bewölkt, windig und kalt. In der Ferne hörte er einen Hund bellen. Auf der Ewing Lane rumpelte ein Lastwagen vorbei und übertönte kurzzeitig den kläffenden Hund.

Er wollte gerade aufstehen, als er einen kleinen, braunen Schatten sah, der sich über den Fußboden seines Zimmers bewegte. Es schien keinen Grund für die Existenz dieses Schattens zu geben, da sich nichts zwischen ihm und dem Licht befand. Und doch war er da. Sein Umriss sah eigenartig vertraut aus. Plötzlich erkannte Bill, dass der Schatten ihm ähnelte. Dann sah er einen weißen Schatten, der hinter dem braunen Schatten mitging und den braunen Schatten vorwärts schob. Der weiße Schatten erinnerte ihn an den Herrn Jesus. Bill schaute hinüber, um nachzusehen, ob seine Frau wach war, damit er ihr die Vision zeigen konnte. Meda schlief noch. Er seufzte. „Es tut mir leid, Herr, aber so ist es mein ganzes Leben lang gewesen. Zu allem Guten, was ich je tat, musstest Du mich erst drängen. Wenn Du mich nur führen könntest.“ In dem Moment schien sich der weiße Schatten vor den braunen zu stellen. Es sah aus, als reichte der weiße Schatten zurück und nähme die Hand des braunen Schattens, als beabsichtigte er, ihn zu führen. Der Kopf des weißen Schattens wandte sich zum Bett hin und für den Hauch eines Augenblicks erstarrte er. Während die Vision verblich, durfte Bill einen flüchtigen Blick auf das schönste Angesicht werfen, das er je bei einem Mann gesehen hatte. Am nächsten Morgen – Sonntag, dem 8. Mai 1960 – träumte Bill, er sei draußen im Westen. Um ihn herum befand sich trockenes Land, auf dem hier und da Creosote-Sträucher und Wüstengräser verstreut waren. In seinem Traum gingen er und seine Frau vom Angeln nach Hause. Bill hatte die Angel in der einen Hand und ein Bündel Forellen in der anderen. Er hielt an, um eine Pforte in einem Stacheldrahtzaun zu öffnen. „Der Himmel ist hier im Westen so klar“, sagte er. „Er hat nicht diesen blauen Dunstschleier, den wir in Jeffersonville immer sehen. Meda, wir hätten schon vor langer Zeit hierher ziehen sollen.“ „Ja, Billy, um der Kinder willen hätten wir das tun sollen.“ Bill erwachte. Es war sieben Uhr. „In letzter Zeit habe ich so viel geträumt“, dachte er. „Ich frage mich, warum. Indem er sich auf einen Ellenbogen stützte, schaute er seine Frau an und fragte: „Bist du wach, Liebling?“ Sie rührte sich nicht. Er schwang sich auf den Rücken und rutschte auf seinem Kissen soweit hoch, bis sein Kopf beinahe das Kopfende berührte. Dann vergrub er seine Hände hinter dem Kopf und dachte: „Ich bin froh, dass ich heute Morgen nicht predigen muss. Es wird gut tun, sich einfach hinzusetzen und zur Abwechslung Bruder Neville beim Predigen zuzuhören.“

Seine Gedanken schweiften zurück zum Traum. Er hatte solch ein himmlisches Bild des Westens gemalt, dass es ihn zum Nachdenken brachte, was wohl jenseits dieses Lebens liegen mochte. Wie würde es sein zu sterben? Er wusste, dass er augenblicklich in seine Theophanie eintreten würde, doch er war sich nicht sicher, wie dieser himmlische Leib beschaffen sein würde. Würde er überhaupt eine Gestalt haben? Er wusste, dass er einen festen Leib besitzen würde, wenn Jesus zur Erde zurückkam, um Sein Tausendjähriges Königreich aufzurichten. Aber was wäre, wenn er vor dem Zweiten Kommen Christi starb? Wie würde es sein, während er wartete? Wäre er ein Geist und schwebte wie eine Wolke umher, nicht in der Lage, mit seinen Freunden zu sprechen oder ihre Hände zu schütteln? Das klang nicht sonderlich verlockend. „Ich hoffe, ich muss das nicht durchmachen“, dachte er. „Ich bliebe lieber bis zur Entrückung einfach Mensch. Ich frage mich, wie viel Zeit ich noch übrig habe. Ich bin jetzt 51 Jahre alt, also ist mindestens mehr als die Hälfte meiner Zeit auf Erden vorüber und wahrscheinlich mehr als das. Vater starb mit 52. Gewiss, er hat sich zu Tode getrunken. Dennoch habe ich keine Garantie, dass ich länger lebe als er. Wenn ich vorhabe, noch irgendetwas mehr für Gott zu tun, muss ich es bald tun.“

Von irgendwoher sprach eine Stimme: „Du fängst gerade erst an. Treibe den Kampf mit Macht voran.“

Bill schüttelte den Kopf und dachte: „Das habe ich mir womöglich eingebildet.“ Die Stimme sagte wiederum: „Treibe den Kampf voran, gehe weiter!“ „Vielleicht habe ich das gesagt“, dachte Bill. Er legte sich die Hand über den Mund, um sicherzugehen, dass seine Lippen sich nicht bewegten. Zum dritten Mal wiederholte die Stimme: „Deine Belohnung kommt. Treibe den Kampf nur mit Macht voran. Wenn du bloß wüsstest, was am Ende des Weges ist …“

Entfernt hörte Bill einen Chor ein altes Kirchenlied singen:

Ich habe Heimweh und bin so trübsinnig, und ich möchte Jesus sehen.

Ich würde gern die süßen Hafenglocken läuten hören.

Es würde meinen Pfad erhellen und meine Ängste vertreiben.

Herr, lass mich hinter den Vorhang der Zeit schauen.

Die Stimme fragte: „Möchtest du direkt hinter den Vorhang der Zeit sehen?“ „Es würde mir so sehr helfen“, antwortete Bill.

Was als Nächstes geschah, konnte er nicht erklären. In einem Moment lag er auf seinem Bett und im nächsten Augenblick stand er auf einem Hang und überblickte eine weite, grasbewachsene Ebene. Tausende von Menschen rannten über die Ebene auf ihn zu, riefen: „Unser kostbarer Bruder.“ Er konnte nur schätzen, wie viele tausende es waren, doch konnten sie in die Millionen gehen, die aus allen Richtungen auf ihn zuliefen. Sie alle sahen jung aus, vielleicht Anfang zwanzig: Männer und Frauen in der Blüte ihrer Jugend, Augen, die wie Sterne funkelten, Zähne, die wie Perlen glänzten. Sie rannten barfuß, ihre weißen Gewänder wehten mit jedem hüpfenden Schritt. Die Männer hatten dichtes, unfrisiertes Haar, das ihnen bis auf die Schulter reichte. Den Frauen fiel das Haar bis zur Taille.

Wenn dies eine Vision war, unterschied sie sich von jeder anderen Vision, die er je erlebt hatte. Er konnte das seichte Gras unter seinen nackten Füßen spüren und eine sanfte Brise in seinem Gesicht. Noch befremdlicher war, dass er sein Schlafzimmer immer noch sehen konnte – sieben Meter weit weg und vom Ort aus gesehen, wo er jetzt stand um 45° geneigt. Dort hing sein Hemd am Bettgestell und dort lag seine schlafende Frau. Das Befremdlichste von allem war, dass er seinen eigenen Körper noch immer neben seiner Frau auf dem Bett liegen sehen konnte. Seine Augen waren geschlossen als würde er schlafen – oder als sei er gestorben. Wie komisch einem doch war, auf sich selbst im Bett zu blicken, sich zu sehen, wie andere Menschen einen sahen: Seinen Körper, jetzt ein halbes Jahrhundert alt, mit seiner kahlen Stirn, dem spärlicher werdenden grauen Haar und der faltigen Haut. Haut? Er schaute auf seine Hände herunter. Hier – wo auch immer das Hier war – sah seine Haut weich und straff aus. Indem er sich an die Stirn griff, fuhr er mit den Fingern durch einen dichten Schopf welliger Haare. „Das verstehe ich nicht“, sagte er. „Vielleicht habe ich einen Herzanfall gehabt und bin gestorben. Aber wer sind all diese Leute, die auf mich zulaufen?“ Die Stimme sagte ihm: „Erinnerst du dich nicht, dass in der Bibel geschrieben steht, dass die Propheten zu ihrem Volk versammelt wurden?“ „Ja, daran erinnere ich mich. Aber so viele Branhams wird es doch gewiss nicht geben.“

„Dies sind keine Branhams. Diese Menschen sind deine Bekehrten für den Herrn.“ Eine wunderschöne junge Frau erreichte ihn zuerst. Sie warf ihre Arme um ihn und rief mit Freuden aus: „Ach, mein kostbarer Bruder.“ Ihre Umarmung war so fest wie nur irgendeine, die er auf Erden bei seiner Frau gefühlt hatte, doch spürte er hier nicht dieselben Empfindungen.

Die Stimme sagte: „Erkennst du sie nicht wieder?“

„Nein.“

„Als du sie zum Herrn führtest, war sie über 90 Jahre alt.“ Bill hielt die junge Frau eine Armlänge von sich, damit er sich ihr Gesicht einmal gut anschauen konnte. Sie war eine der schönsten Frauen, die er je gesehen hatte, jedoch konnte er sich nicht erinnern, sie zuvor gesehen zu haben. Es war schwer, sie sich als alte, runzelige Dame vorzustellen. Kein Wunder, dass sie so aufgeregt war, ihn jetzt zu sehen.

Obgleich er die erste Frau nicht erkannte, erkannte er die nächste. Es war Hope, seine erste Frau. Sie sah so strahlend aus, wie an ihrem Hochzeitstag. Als Hope ihre Arme um ihn warf, sagte sie nicht: „Mein kostbarer Ehemann.“ Sondern sie rief: „Mein kostbarer Bruder.“ Dann drehte sie sich um und umarmte die erste Frau, und beide riefen: „Meine kostbare Schwester.“ Bill fühlte die Liebe in seinem Inneren sich schier ins Unendliche weiten. Hier konnte es keine Eifersucht geben. Dieser Ort hallte wider vor Vollkommenheit. Nein, es war weit mehr als Vollkommenheit, es war erhaben. Nein, es war jenseits von erhaben, es war … er suchte nach dem rechten Wort, es zu beschreiben, konnte jedoch keines finden, das passen wollte. Jeder fantastische Begriff im Wörterbuch reichte an diese Wirklichkeit nicht heran.

„Ich verstehe dies nicht“, sagte er.

Die Stimme erklärte: „Dies ist, was du gepredigt hast, dass es der Heilige Geist wäre. Dies ist vollkommene Liebe. Nichts kann hier eingehen ohne sie.“ Mittlerweile hatte die Schar ihn umringt. Junge Männer hoben ihn hoch und trugen ihn auf ihren Schultern zur Spitze des Hügels. Als sie ihn runterließen, traten sie zurück und riefen: „Unser kostbarer Bruder.“ Die Menge umstellte den Hügel und stimmte in den Chorus ein, hunderttausende von jungen Männern und Frauen, die alle ausriefen: „Ach, unser kostbarer Bruder.“ Bill hob eine Hand, um die aufgeregte Schar zur Ruhe zu bringen. Als sie ihn zumindest wieder sprechen hören konnten, sagte er: „Ich gehöre nicht nach hier oben. Ich bin nichts Besonderes.“

Die Stimme sagte: „Du wurdest dazu berufen, ein Führer zu sein.“ Die Schar rief aus: „Wenn du nicht hinausgegangen wärst mit dem Evangelium, würden wir nicht hier sein.“

„Wo ist ,hier‘?“, fragte Bill. „Wo bin ich?“

Die Stimme erwiderte: „Dies ist der Ort, den die Schrift, Seelen unter dem Altar, nennt.“ 130 „Wenn ich hinter den Vorhang der Zeit gelangt bin, möchte ich Jesus sehen.“ „Er ist nur ein wenig höher. Dein Volk wartet hier darauf, dass Jesus wiederk ommt. Wenn Er es tut, wird Er zuerst zu dir kommen. Dann wirst du und dein Volk gemäß dem Evangelium gerichtet werden, das du gepredigt hast.“

„Muss jeder Führer durch dieses Gericht gehen? Wie ist es mit Paulus?“ „Ja.“

„Dann werde ich bestehen, weil ich predigte, was Paulus predigte. Wo er auf den Namen des Herrn Jesus Christus taufte, tat ich es auch. Wo er die Taufe des Heiligen Geistes lehrte, tat ich es auch. Was immer Paulus lehrte, lehrte ich gleichermaßen.“

„Darauf ruhen wir!“, rief die Menschenmenge. „Wir sind voller Zuversicht. Du wirst uns Jesus Christus, unserem Retter, vorstellen und dann werden wir alle zurück zur Erde gehen, um ewiglich zu leben.“

In dem Augenblick fühlte Bill einen Stups auf seinem Rücken. Er drehte sich um und sah das Pferd, das er geritten hatte, als er ein Junge gewesen war. „Prince! Ich wusste, dass du hier sein würdest.“ Prince legte Bill das Maul auf die Schulter und wieherte. Dann fühlte Bill, wie etwas seine Hand leckte. Als er hinabblickte, sah er seinen teuersten Freund aus Kindheitstagen: Seinen auf Waschbären spezialisierten Hundemischling. „Fritz! Ich wusste, dass du auch hier sein würdest.“

Die Stimme sagte: „Alles, was du je geliebt hast und alle, die dich je geliebt haben, hat Gott dir hier gegeben.“

Die Szene um ihn herum verblich und gleichzeitig sah sein Schlafzimmer immer realer aus. Bill fragte: „Muss ich in den alten Leib zurück?“ „Ja. Du musst den Kampf mit Macht vorantreiben!“

Sein nächster Atemzug brachte ihn in seinen alten Körper zurück. Aber da war ein Unterschied. Etwas hatte sich in seinem Inneren verändert: Jegliche Angst vor dem Tod war verflogen. Jetzt wusste er genau, was Paulus meinte, als er schrieb: Wir wissen ja, dass, wenn unser irdisches Haus, das Leibeszelt, abgebrochen sein wird, wir einen von Gott bereiteten Bau erhalten, ein nicht von Menschenhänden hergestelltes, ewiges Haus im Himmel. Er setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. „Meda, bist du wach?“, fragte er. Sie antwortete nicht. Bill kniete sich an der Bettseite hin und betete: „Teurer Gott, hilf mir, mit Deinem Wort niemals Kompromisse einzugehen. Lass es mich genau in der Weise predigen, wie Paulus es tat. Mir ist gleich, welche Schwierigkeiten kommen oder was irgendjemand anderes tut, lass mich Deinem Worte treu bleiben und mit Gewalt nach jenem Ort vorandrängen.“ Am nächsten Sonntagmorgen, nachdem er dieses Erlebnis seiner Gemeinde berichtet hatte, sagte Bill: „Stellt euch irgendwo da draußen im All einen Block vollkommener Liebe von hundert Milliarden Quadratkilometern vor. Stellt euch jetzt vor, dass er mit jedem Schritt, den er der Erde näher kommt, sich verengt, bis er die Stelle erreicht, wo wir hier sind. Diese Stelle ist die Liebe, die wir jetzt empfinden und sie ist bloß der Schatten dessen, was dort draußen ist. O, meine kostbaren Freunde, meine Geliebten des Evangeliums, meine für Gott geborenen Kinder, hört mir zu, eurem Pastor. Ich wünschte, es gäbe einen Weg, dass ich es euch erklären könnte, doch gibt es keine Worte dafür. Direkt hinter dem letzten Atemzug liegt die herrlichste Sache. Was immer ihr tut, Freunde, verpasst das nicht. Legt alles andere beiseite, bis ihr vollkommene Liebe erlangt. Kommt an einen Punkt, wo ihr jeden lieben könnt, selbst eure Feinde.“ „Dieser eine Besuch hat mich verändert. Ich kann niemals mehr derselbe Bruder Branham sein, der ich vorher war. Ob das Flugzeug hin und her gerüttelt wird oder der Blitz aufleuchtet oder jemand eine Waffe auf mich richtet – was immer es ist, es ist unerheblich. Durch die Gnade Gottes werde ich den Kampf vorantreiben. Ich werde jeder Person das Evangelium predigen, wo ich kann, und ihnen zureden, Jesus Christus als ihren Heiland anzunehmen, damit sie in jenes schöne Land droben eingehen können.“

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