1952
„Billy Branham, Mensch Junge“, rief Dr. Adair als er vom Bericht aufblickte. „Du hast dir in Afrika Amöben eingefangen.“ Als Adair den Laborbericht zu Ende gelesen hatte, schüttelte er traurig den Kopf. „Es gibt nichts, was ich für dich tun kann, Billy. Ich muss dich zu einem Spezialisten überweisen.“ Nach weiteren Untersuchungen erklärte Dr. Lukas die düsteren Fakten. „Herr Branham, Amöben sind Parasiten. Sie werden als kleine Zysten übertragen, die nicht viel größer als weiße Blutkörperchen sind. Sie haben wahrscheinlich eine davon aufgenommen durch irgendetwas, das Sie gegessen oder getrunken haben. Die ersten Symptome erscheinen vier bis sechs Wochen nachdem die Parasiten in den Körper gelangt sind. Ihr Fall ist der schlimmste, den ich je gesehen habe.“ Bill erinnerte sich, dass er die ersten Bauchkrämpfe in Port Elisabeth gefühlt hatte, vier Wochen nachdem er Johannesburg verlassen hatte. Das bedeutete, dass er die Amöben möglicherweise in Klerksdorp geschluckt hatte. Der zeitliche Ablauf stimmte. Ach, wäre er doch bloß in Johannesburg geblieben, wie es ihm der Engel aufgetragen hatte! Dann wäre dies nie passiert. Dr. Lukas fuhr fort: „Invasive Amöbiasis ist die drittschlimmste Parasitenkrankheit, die es gibt und infiziert weltweit hunderttausende von Menschen. In den meisten Fällen schlummern die Amöben untätig. Ein so Infizierter kann die Krankheit zwar übertragen, wird aber selbst nicht angegriffen. In anderen Fällen, wie bei Ihnen, werden die Parasiten aktiv. Wir wissen nicht, warum. Momentan leben die Amöben vom Schleim in Ihrem Magen-Darm-Trakt. Wir werden versuchen, sie dort unter Kontrolle zu bringen, denn wenn sie aus dem Darm herausgelangen, ist ihr nächstes Ziel die Leber oder das Gehirn und dann werden die Probleme noch schlimmer. Unglücklicherweise schlagen Medikamente bei diesen Parasiten kaum an. Ich werde bei Ihnen eine 60-tägige Behandlungskur ansetzen.“
Während er in der Klinik war, erforderte eine Untersuchung, dass er eine Dosis Bariumpulver trinken musste. Der Arzt, der die Untersuchung durchführte, sagte: „Herr Branham, ich hörte, Sie sind Missionar.“
„Ein evangelistischer Missionar, ja. Ich bin gerade erst aus Afrika zurückgekehrt.“ „Ich habe studiert, um auch Prediger zu werden. Vier Jahre Schule genügten mir, um zu erkennen, dass am Christentum nichts dran ist. Also begann ich, die Lehren Mohammeds, Buddhas, Konfuzius und vieler anderer zu studieren. Ich war überrascht, als ich feststellte, dass das Christentum nicht die einzige Religion ist, die von einer jungfräulichen Geburt und einem Erretter spricht. Da habe ich für mich selbst entschieden, dass es wahrscheinlich mit keiner von ihnen etwas auf sich hat und so hab ich den ganzen Quatsch verworfen und jetzt bin ich Agnostiker.“
Angesichts seiner schmerzenden Eingeweide und aufgrund seiner mit Angst um seinen Zustand erfüllten Gedanken, fühlte sich Bill nicht in der Lage, sich mit so einem gewieften Kopf zu messen. Still betete er: „Herr Jesus, gib mir eine andere Gelegenheit, wenn es mir besser geht.“
Nachdem er zu Hause angekommen war und seiner Frau die schreckliche Nachricht erzählt hatte, sagte Meda: „Bill, erinnerst du dich an Frau Shane aus New Albany?“
„Ist das nicht die neurotische Sonntagsschullehrerin in Bruder Johnsons Gemeinde, für die ich gebetet habe, kurz bevor ich nach Südafrika abflog?“ „Das ist sie. Während du in Südafrika warst, hat sie mich alle paar Tage angerufen. Jetzt, wo du wieder daheim bist, ruft sie mich jeden Tag an.“ „Wie geht es ihr?“
„Schrecklich. Es wird so schlimm mit ihr, dass sie kaum das Haus verlassen kann. Sie möchte, dass du für sie unter der Salbung betest, aber sie glaubt nicht, dass sie zu einer Versammlung reisen kann.“
„Das macht nichts. Wie es jetzt aussieht, werde ich vielleicht nie wieder eine Versammlung haben.“
„Bill, sag so etwas nicht. Wie auch immer, ich soll dich von Frau Shane aus fragen, ob sie die erste auf der Liste sein kann, um dich zu sehen, wenn der Engel des Herrn das nächste Mal nahe kommt.“
„Sicher“, sagte Bill geistesabwesend. Er dachte daran, dass er den Engel des Herrn seit jenem schicksalhaften Tag in Klerksdorp nicht mehr gesehen hatte, als er sich damit abgefunden hatte, dem Programm des National Komitees, entgegen dem Willen des Herrn, zu folgen. Er dachte: „Ach, wie habe ich mein Leben verpfuscht.“
Die folgenden Wochen durchlebte Bill im Jammertal. Die Medikamente halfen nicht. Schmerzen quälten ihn derart, dass er kaum schlafen konnte. Nacht für Nacht schritt er in der Diele seines Hauses auf und ab, weinte, flehte: „Gott, bitte erbarme Dich meiner. Wenn noch Güte in Deinem Herzen für mich vorhanden ist, vergib mir bitte. Ich werde mich nie wieder bewusst über Deine Grenzen hinwegsetzen.“
Der Herr lehnte es ab, mit ihm zu sprechen – weder hörbar, noch durch eine Vision, noch durch das geschriebene Wort, obgleich Bill die Bibel beständig las. Hilflos und isoliert, wie er war, glitt sein Gemüt stetig näher an den Rand der Verzweiflung. Ach, warum war er bloß so töricht gewesen, einem direkten Befehl des Herrn nicht zu gehorchen? Tag für Tag überdachte er sein Dilemma in Afrika, filterte die vielfältigen Komponenten heraus, sondierte unterschiedliche Lösungen, versuchte, aus seinen Fehlern zu lernen. Jetzt konnte er sehen, dass sein größter Fehler darin bestanden hatte, sich mit dem South African National Committee einzulassen, einer Gruppe von Führern, die so unflexibel war, dass sie keinen Richtungswechsel vornehmen konnte, selbst wenn Gott sie höchstpersönlich bitten würde, ihre Pläne zu ändern. Dann erkannte Bill, dass er dieselbe unflexible Einstellung auch unter den konfessionellen Predigern in Amerika gesehen hatte. Vielleicht lag es nicht an den Männern, sondern an dem System, das verkehrt war. Jede christliche Organisation lebte gemäß einer gegebenen Liste von Satzungen und Verordnungen, die oftmals zu so hochverehrten Dogmen wurden, dass Mitglieder das Wort Gottes von keiner anderen Warte aus mehr sehen konnten. Das wäre in Ordnung, so lange sie richtig waren. Doch was, wenn sie falsch waren? Was, wenn Gott ihnen mehr zeigen wollte und sie es nicht annehmen würden, weil es nicht zu ihren Dogmen passte? In diesem Fall könnte ihre eigene Unflexibilität sie dem Gericht Gottes überantworten. Was, wenn konfessionelles Christentum den Geist Gottes in Wirklichkeit behinderte, statt ihn zu unterstützen?
Nach umfangreicher Selbstprüfung war Bill sich sicher, dass sein zweiter Fehler seine übergroße Empfindlichkeit gegenüber Kritik sei. Diese Empfindlichkeit rührte von der erfahrenen Ablehnung in Kindheitstagen her, als die Gesellschaft ihn aufgrund des schlechten Rufes seiner Familie geächtet hatte. Seine Bekehrung zum Christentum hatte ihm die Liebe und Anerkennung verschafft, die er als Junge entbehrt hatte. Doch einige seiner Kindheitskomplexe waren geblieben, einschließlich seines Hangs zur Nervosität und seiner Empfindlichkeit Kritik gegenüber. Jetzt, da so viele tausende von Menschen ungestüm nach seiner Aufmerksamkeit verlangten, wollte er es jedem recht machen, was ein unmögliches Unterfangen war. Er entschied, dass er von nun an tun musste, was immer Gott von ihm zu tun verlangte, ganz gleich, ob er jemandem dadurch zum Anstoß wurde. Er wäre weitaus besser dran, Menschen zu enttäuschen, als den Herrn Jesus Christus zu enttäuschen.
Bedauerlicherweise war es nicht immer leicht, zu wissen, was der Herr wollte. Bill grübelte über eine Kritik, die ihn seit Jahren verfolgt hatte. Viele Gläubige beschwerten sich, dass er nicht für genügend Leute während seiner Heilungsfeldzüge betete. Zu jedem seiner Gottesdienste kamen hunderte von kranken Männern und Frauen, die alle ein persönliches Gebet von ihm wünschten. Da die übernatürliche Unterscheidung seinen Körper so stark strapazierte, besaß Bill selten die Kraft, an einem Abend für mehr als ein paar dutzend Menschen zu beten. Viele Kritiker meinten, er solle eher wie Oral Roberts und andere Glaubensheilungs-Evangelisten vorgehen, indem er die Menschen in einer langen Reihe aufstellte und sie an sich vorbeigehen ließ, sobald er sie kurz berührt und einige wenige Worte gebetet hatte. Vielleicht hatten seine Kritiker recht, vielleicht war seine Methode zu langsam. Manchmal brütete Bill viele sorgenvolle Stunden über diesem Puzzle und fragte sich, wie Gott es sich eigentlich wünschte, dass er die Heilungsfeldzüge organisierte. Dann schien ihm die Frage auf einmal nicht mehr von Belang, da er möglicherweise nie wieder predigen würde. Eines Morgens in der Früh fand Meda ihren Ehemann, wie er weinend, den Kopf über den Sitz der Couch gebeugt, auf dem Fußboden kniete. „Bill, was ist los?“
„Liebling, wenn du nur wüsstest, wie schlecht ich mich fühle. Hier bin ich, nur 42 Jahre alt, meine Gesundheit ist dahin, mein Dienst vorbei, und ich habe Schulden. Was kann ich tun? Was wird mir die Zukunft bringen? Es sieht aus, als wäre ich am Ende.“
„Vielleicht wirst du dich besser fühlen, wenn du etwas gegessen hast“, schlug Meda vor.
Bill hatte so sehr geweint, dass seine Augen beinahe zugeschwollen waren. Meda führte ihn zum Frühstückstisch, wo er an Eiern und Toast knabberte. In letzter Zeit hatte sein Appetit drastisch nachgelassen. Folglich verlor er seit Wochen beständig an Gewicht, bis er nur noch dürftige 50 Kilogramm wog. Sein Zustand wurde schlechter statt besser.
Etwa Mitte Februar 1952 unterzog Bill sich weiteren Untersuchungen. Dr. Lukas schüttelte den Kopf, als er die Ergebnisse überprüfte. „Reverend Branham, ich fürchte, die Arznei, die ich ihnen gegeben habe, schlägt nicht an. Als nächstes werde ich Arsen verwenden.“
„Arsen? Ist das nicht gefährlich?“
„Ja, ich muss mit der Dosierung sehr vorsichtig sein. Aber täuschen Sie sich nicht, Reverend Branham, Ihr Zustand ist ernst. Invasive Amöbiasis tötet rund 40.000 Menschen pro Jahr. Diese aktiven Amöben können sich ihren Weg durch die Darmwände fressen und in die Blutbahn gelangen, von wo aus sie zur Leber transportiert werden, in welcher sie lebensbedrohliche Abszesse bilden können. Manchmal transportiert das Blut sie auch zu anderen Teilen des Körpers, einschließlich des Gehirns. Wenn das geschieht, bekommt man Fieber und in zehn Stunden ist man tot.“
Bill ging nach Hause, verstörter denn je. Er nahm seine neue Medizin wie verordnet, doch der einzige Effekt war, dass seine Haut gelb-orange wurde. Ungefähr um diese Zeit rief sein Freund Dr. Sam Adair an, um ihm vom schweren Schicksal eines gemeinsamen Freundes zu berichten: „Billy, du weißt, dass Delberts Mutter vor ein paar Jahren gestorben ist. Delbert ist jetzt 17 und ist in falsche Gesellschaft geraten. Nun liegt er im Krankenhaus und stirbt an Syphilis. Ich habe ihm soviel Penizillin gegeben wie sein Körper aufnehmen kann und es bewirkt nichts. Ich dachte nur, du würdest das wissen wollen.“ So krank sich Bill auch fühlte, nahm er doch alle Kraft zusammen, um hinüber zum Krankenhaus zu gehen und diesen langjährigen Freund der Familie zu besuchen. Als er das Krankenzimmer betrat, sagte Delbert: „Bruder Branham, ich schäme mich, dass du hierher kommst.“
„Wie schlimm ist es, Delbert?“
„Der Arzt hat mir gesagt, meinen Frieden mit Gott zu machen.“ „Ich weiß, dass deine Mutter eine Christin war, doch wie steht’s mit dir?“ „Als ich auf eigene Faust losgezogen bin, meinte einer der Jungs, es wäre angesagt, mit dem Rauchen anzufangen, so habe ich es getan. Dann habe ich angefangen mit der Klicke ein Bierchen zu trinken und ehe ich mich versah, hat es mich erwischt.“
„Es ist nicht zu spät, dein Leben Jesus Christus zu übergeben.“ „Ich – ich will es ja“, stammelte der Junge, „aber ich habe Angst, dass Gott mich nicht annehmen wird, weil ich so sündig bin.“
„Oh doch, Er wird es“, versicherte ihm Bill. „Das ist der Grund, dass Er Sein Leben am Kreuz gegeben hat: Um sündige Menschen zu retten.“ „Glaubst du, Er wird mich annehmen, wo ich jetzt diese Krankheit habe?“ „Es ist nicht dein Leib, den du Ihm darbringst, es ist deine Seele.“ „Dann komme ich.“
Bill öffnete die Bibel und las laut aus dem Johannes-Evangelium vom Anfang des 14. Kapitels vor: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubet an Gott und glaubet an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch gesagt; denn ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit da, wo ich bin, auch ihr seid. Und wohin ich gehe – den Weg dahin kennt ihr.
Da sagte Thomas zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wo du hin gehst; wie sollten wir da den Weg kennen?
Jesus antwortete ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“
Als er das Kapitel zu Ende gelesen hatte, kniete Bill an der Bettseite nieder und betete. Delbert erhob seine Hände und schluchzte: „Teurer Gott, erbarme Dich meiner Seele. Lass mich bitte nicht als Sünder sterben. Von ganzem Herzen glaube ich, dass das Wort wahr ist und ich komme jetzt, um Dich als meinen Erretter anzunehmen.“
Bill stand auf und klopfte Delbert auf die Schulter. „Lass uns jetzt über göttliche Heilung sprechen.“
„Es spielt keine Rolle mehr, ob ich sterbe oder nicht.“ Delbert legte seine Hand aufs Herz. „Etwas ist hier drinnen geschehen und ich habe jetzt keine Angst mehr zu sterben.“
„Ja, Delbert, Errettung ist die Hauptsache. Doch derselbe Herr Jesus, der deine Seele errettet hat, kann dich auch von diesem kranken Leib befreien.“ Seine Hand auf die Brust des jungen Mannes legend, betete Bill nochmals. Als Bill nach Hause kam, rief er Sam Adair an und sagte: „Doktor, warum gibst du Delbert nicht noch eine Dosis Penizillin?“
„Bill, ich habe ihm bereits mehr als genug Antibiotika gegeben. Wenn das etwas ausrichten würde, hätte es das längst getan.“
„Würde eine weitere Dosis ihm schaden?“
„Nein.“
„Würdest du ihm dann trotzdem noch eine einzige geben, mir zuliebe?“ „Na gut, aber es wird nichts bewirken.“
Ein paar Tage später rief Dr. Adair zurück und sagte: „Die letzte Spritze hat gewirkt. Delbert wird die Sache meistern.“
„Das ist ja wunderbar“, sagte Bill. Als er das Telefon auflegte, freute er sich für seinen jungen Freund. Für sich selbst hingegen war er traurig. „Herr“, betete er, „Du hast Delbert geheilt. Warum heilst Du nicht auch mich?“
Während der letzten Februarwoche 1952 kehrte William Branham in die Klinik von Dr. Lukas zurück. „Wie schaut es diesmal aus?“, fragte er. Dr. Lukas lächelte nicht. „Jedes Mal, wenn ich Sie untersuche, finde ich mehr Amöben in Ihrem Körper. Reverend Branham, ich möchte Sie nicht in Angst und Schrecken versetzen, aber Sie sind ein verheirateter Mann und haben Kinder. Sie müssen sicherstellen, dass ihre Angelegenheiten geregelt sind. Es gibt nichts, was die medizinische Wissenschaft noch für Sie tun könnte. Wenn diese Parasiten in Ihre Blutbahn geraten, werden Sie hohes Fieber bekommen. Es wäre schlimm genug, wenn die sich in Ihrer Leber einnisten, aber wenn sie in Ihr Herz oder Gehirn gelangen, leben Sie noch etwa zehn Stunden und dann war’s das.“ Bill ging aufgewühlt nach Hause. In jener Nacht schritt er wieder auf und ab, betend, weinend, Gott um Erbarmen anflehend. Doch jetzt war er verzweifelter als zuvor. Etwa jede halbe Stunde überprüfte er seine Temperatur, um zu sehen, ob er Fieber bekam. Was würde seine Familie ohne ihn tun? Billy Paul würde wahrscheinlich zurechtkommen, doch was war mit seinen kleinen Kindern? Im März würde Rebekah sechs und Sarah ein Jahr alt sein. Wie würde Meda die beiden kleinen Mädchen ganz alleine großziehen?
Gegen 23 Uhr legte sich Bill hin und schlief ein. Um drei Uhr morgens weckte ihn etwas auf. Er lag im Dunkeln und lauschte dem Ticken der Uhr neben seinem Bett. Plötzlich fühlte er einen leichten Druck, der seine Haut kribblig machte. Der Engel des Herrn war nahe. Bill wartete mit angespannter Erwartung. Dann hörte er jene bekannte Stimme sagen: „Geh zu deinem Baby und gib ihr einen Schluck Wasser.“ Der Druck wich.
Er stieg aus dem Bett, warf sich den Morgenmantel über den Schlafanzug und ging den Flur entlang zum Schlafzimmer seiner Mädchen. Dort sah er Sarah in ihrem Kinderbettchen stehen und sich heiser schreien, ihr Gesicht schon ganz rot und fleckig von der Anstrengung. Sie war die letzten Tage krank gewesen und hatte so viel geweint, dass sie ihre Stimme verloren hatte. Bill nahm sie auf, trug sie in die Küche und goss ihr ein Glas Wasser ein. Sie trank es leer. Bill dachte: „Ist es nicht freundlich von meinem Herrn, dies für Sarah zu tun? Jesus ist so lieb und fürsorglich.“
Statt Sarah zurück in ihr Bettchen zu bringen, legte er sie in sein eigenes Bett neben Meda. Sie schlief sofort ein. Bill ging zurück in Sarahs Zimmer und legte sich in das freie Bett, doch einschlafen konnte er nicht. Zum x-ten Male fragte er sich: „Was wird die Zukunft mir bringen? Ich schätze, es wird nicht mehr lange dauern, bis es aus ist mit mir. Ein Fieber wird mich treffen … dann, noch zehn Stunden und alles ist vorbei … meine Frau wird die beiden kleinen Mädchen alleine großziehen müssen.“ Er schluchzte laut: „Oh Gott, gibt es da etwas, das ich tun kann?“
Ein schwaches Geräusch durchbrach die Stille – schwach, doch lauter werdend. Es hörte sich an wie ein herannahender Wirbelwind. Bill warf seine Zudecke von sich und setzte sich auf die Bettkante. „Teurer Gott, kommst du mit Begnadigung für Deinen Diener oder kommst Du, um mich hinwegzunehmen?“ Ein spiralförmiges, regenbogenartiges Licht erschien und hob sich zur Decke. Von unterhalb dieses Lichtes schritt der Engel des Herrn hervor. Er hatte seine Arme über der Brust verschränkt und in einer Faust hielt er eine Anzahl weißer Blätter. Der Engel sagte: „Bezüglich deiner Zukunftssorgen …“ „Ja“, sagte Bill. „Ich fragte mich, was mir die Zukunft bringt.“ Der Engel ließ einige Blätter auf den Fußboden fallen. Bill konnte sehen, dass sie auf jeder Seite beschrieben waren, doch noch ehe er sie lesen konnte, sagte der Engel: „Schau hierauf!“ und zeigte Bill die verbliebenen Blätter in seiner Hand. Sie waren alle völlig weiß, frei von irgendwelchen Schriftzeichen. Der Engel schleuderte diese Blätter in die Luft. Plötzlich hatte das Zimmer keine Decke mehr. Die Blätter segelten in den Nachthimmel, stiegen höher und höher, bis sie wie winzige Fleckchen in der Größe von Sternen aussahen, ehe sie jenseits der Milchstraße verschwanden. Dann donnerte eine Stimme vom Himmel: „Deine Zukunft ist rein.“
Als Bill zu sich kam, saß er noch immer auf der Bettkante. Das Zimmer war dunkel und still. Er fühlte sich taub und durcheinander und bat: „Gott, wenn ich Gunst bei Dir gefunden habe, sage mir bitte: Was ist mit diesen Amöben? Werde ich sie überwinden? Bitte, Herr, wenn Du mir meine Sünde vergeben hast, sprich bitte noch einmal zu mir.“
Wieder strömte jene übernatürliche Gegenwart durchs Zimmer und der Engel schritt aus dem Licht hervor. Als er sprach, war seine Stimme mitfühlend und doch fest: „Bezüglich deiner Sorgen wegen der Amöben, sie werden dir nicht länger zu schaffen machen.“
Der Engel verließ ihn und Bill blieb mit überreicher Freude zurück. Er war geheilt. Geheilt! Gott hatte seinen Körper durch ein Wunder angerührt. Er würde schlussendlich doch leben und seine Kinder großziehen. Er konnte sogar in seinen Dienst zurückkehren. Sich seines Dienstes erinnernd, dachte Bill: „Als der Engel hier war, hätte ich ihn fragen sollen, wie ich für die Kranken beten soll.“ Plötzlich stand der Engel erneut vor ihm. Das weiße Gewand des Engels reflektierte das übernatürliche Licht, das über seinem Haupt kreiste. Bill sagte: „Verschiedene Leute haben meine Versammlungen kritisiert, indem sie sagen, Oral Roberts und die anderen Prediger beten in derselben Zeit für 500 Menschen, in der ich für 15 bete. Du hast mir aufgetragen, die Menschen dahin zu bekommen, mir zu glauben. Soll ich es weitermachen wie bisher, dass ich auf die Vision warte? Oder soll ich für die Menschen in einer schnellen Reihe beten, wie es mir Bruder Bosworth rät?“
„Tue es, wie du dich geleitet fühlst“, erwiderte er. Dann verschwand der Engel. „Tue es, wie du dich geleitet fühlst“, wiederholte Bill. Wie ermutigend. Das war genau die Lektion, die er aus seinem Fehler in Südafrika gelernt hatte. Es dauerte nicht lange und Bill fühlte die Gegenwart des Engels erneut und hörte jenes vertraute Geräusch, das an ein Feuer erinnert, welches vom Wind in einem stetigen Rhythmus niedergepeitscht wird: whoooosch, whoooosch, whoooosch. Diese Nacht unterschied sich von früheren Erscheinungen. Gewöhnlich brachte der Engel nur eine Botschaft. In dieser Nacht erschien er wiederholt. Der Engel hob Bill im Geiste auf und setzte ihn bei den Durban-Versammlungen nieder. Er stand am nördlichen Ende der Greyville Pferderennbahn und blickte nach Süden, genau wo er gestanden hatte, als er dort vor ein paar Monaten gepredigt hatte. Menschen füllten die Haupttribünen und den Rasenplatz genau wie er es in Erinnerung hatte. Als er gerade zur Überzeugung gelangt war, dass dies dieselbe Versammlung war, nahm ihn der Engel auf und trug ihn nach Osten. Bill beobachtete, wie die Durban-Versammlung verschwamm und im Westen verblich. Dann setzte der Engel ihn in der Mitte einer anderen Menschenmenge nieder. Diese Menschen waren dunkelhäutig und dünn. Viele von ihnen trugen Lendenschurze und Turbane. Bill nahm an, sie seien Inder. Über sich hörte er ein Geräusch wie das Summen eines riesigen Dynamos. Er blickte auf und sah einen anderen Engel aus dem Himmel herabkommen, bekleidet mit einer roten Robe und mit einem großen auf- und abschwingenden Licht im Griff seiner ausgestreckten Hand. Die Menge unten hob ihre Arme und brachte Jesus Christus Lobpreis dar. Der Engel über ihnen schaltete die Energie seines Scheinwerfers voll ein, wodurch er die Menge bis zum Rand ausleuchtete und aufzeigte, dass sie sich bis hinaus in die umliegenden Hügel erstreckte. Es glich einem Menschenmeer so weit wie Bill nur blicken konnte. Der Engel des Herrn, der noch immer neben ihm stand, rief aus: „Es sind 300.000 Menschen bei dieser Branham-Versammlung!“
Von der Kraft dieser Vision benommen, fiel Bill vornüber auf den Boden zwischen den beiden Betten. Als er wieder zu sich kam, konnte er das Tageslicht durch die Fensterläden schimmern sehen. Er merkte, dass es noch früh sein musste, weil es im Haus so still war. Dann hörte er etwas Eigenartiges. Es hörte sich an wie die Seiten eines Buches, die in einem Windzug flatterten – nur dass es kein Windzug sein konnte, da das Fenster geschlossen war. Bill setzte sich auf und es verschlug ihm den Atem, als er sah wie sich seine Bibel vom Nachttisch am Bett hob, durch das Zimmer schwebte und vor ihm, noch immer in der Luft schwebend, anhielt. Sie war bei Apostelgeschichte 27 geöffnet, wo Paulus während eines schrecklichen Sturms zu der Mannschaft des Gefängnisschiffs sprach. Eine Hand erschien über dem Text und wies auf die Verse, während Bill las: „Ihr Männer! Man hätte allerdings auf mich hören sollen: dann wäre uns dieses Ungemach und dieser Schaden erspart geblieben. Doch wie die Dinge jetzt einmal liegen, fordere ich euch auf getrosten Mutes zu sein; denn keiner von euch wird das Leben verlieren; nur das Schiff ist verloren. Denn in dieser Nacht ist mir ein Engel des Gottes erschienen, dem ich angehöre und dem ich auch diene, und hat zu mir gesagt: ‚Fürchte dich nicht, Paulus! du mußt vor den Kaiser treten, und wisse wohl: Gott hat dir das Leben aller deiner Reisegefährten geschenkt!‘ Darum seid guten Mutes, ihr Männer! denn ich habe die feste Zuversicht zu Gott, dass es so kommen wird, wie mir angekündigt worden ist.“
Sobald er den Abschnitt der Schrift zu Ende gelesen hatte, schlug die schwebende Hand die Seiten zurück zu Josua Kapitel 1, zeigte auf Vers zwei und folgte den gedruckten Zeilen hinab während Bill las: „Mein Knecht Mose ist gestorben; so mache dich nun auf und zieh über diesen Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Kindern Israel, gegeben habe. Alle Stätten, darauf eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich zu Mose geredet habe ... Die Hand schien die Verse fünf und sechs zu betonen: Es soll dir niemand widerstehn dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, also will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihren Vätern geschworen habe, daß ich’s ihnen geben wollte ... Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und freudig seist. Laß dir nicht grauen und entsetze dich nicht: denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.”
Als Bill Josua Kapitel 1 ganz zu Ende gelesen hatte, griff er nach seiner Bibel. Augenblicklich war sie zurück auf dem Nachttisch, wo er sie hingestellt hatte. Da klopfte es an der Schlafzimmertür. Meda fragte: „Kann ich reinkommen?“ „Das ist seltsam“, dachte Bill. „Warum fragt sie, ob sie eintreten darf?“