1953
Fremde, die seine Privatsphäre störten, waren nicht die einzigen Belastungen, mit denen William Branham bei sich zu Hause im Laufe jenes Sommers 1953 umgehen musste. Seit kurzem hatte sein Sohn begonnen, gegen seine strenge christliche Erziehung zu rebellieren. Wie viele Heranwachsende wollte Billy Paul sein Leben ohne Verantwortung oder Einschränkung leben. Leider lockte ihn diese Einstellung auf einen gefährlichen Weg hinab. Bill suchte den rechten Moment, um das Thema mit seinem Sohn anzusprechen.
Eines Abends, als Bill gerade betete, sah er eine Vision über seinen Sohn, wie er auf einer Saufparty aus einem Fenster springt und unkontrolliert kopfüber abwärts stürzt. Mit Entsetzen schrie Bill: „O Gott, lass ihn nicht sterben! Er ist der einzige Junge, den ich habe.“ Die Vision endete mit einem Schnitt, der den Ausgang offen ließ und der Bill in Alarm versetzte und ihm den Schweiß auf die Schläfen trieb. Er betete: „Herr, lass meinen Sohn bitte nicht auf solche Weise umkommen.“
Irgendwann nach Mitternacht schlich sich Billy Paul mit einer Bierfahne ins Haus. Am nächsten Vormittag ließ Bill seinen Sohn so lange schlafen wie er wollte. Als Billy Paul gegen 10 Uhr aufstand, war sein erster Gedanke, einen Freund zu besuchen. Bill wusch gerade sein Auto in der Einfahrt, als Billy Paul aus der Haustür geschlendert kam. Bill drehte den Schlauch ab und sagte: „Du bist gestern Abend spät nach Hause gekommen, nicht wahr Junge? Willst du, dass ich dir sage, wo du gewesen bist?“
„Nein“, erwiderte Billy Paul. Er wusste, dass sein Vater das konnte. „Du fängst an, den falschen Weg einzuschlagen, Paul.“
„Papa, ich möchte wissen, was draußen so los ist.“
„Junge, glaubst du, dass dein Papa dich liebt?“
„Ich weiß, dass du es tust.“
„Gut, denn was ich dir jetzt sagen werde, das sage ich mit Liebe. Ich kann dich in meinen Versammlungen nicht mehr mitarbeiten lassen, weil das negativ auf meinen Dienst zurückfiele. Damit nicht genug, du kannst so nicht leben und zugleich noch hier wohnen.“
„Papa, ich wollte ohnehin von zu Hause weg. Ich will wissen, wie es in der Welt wirklich aussieht.“
„Mach das nicht, Paul. Sünde wird dich weiter mit sich ziehen, als du gehen willst und dich länger festhalten, als du bleiben willst. Wenn du das zulässt, wird die Sünde die Kontrolle über dein Leben übernehmen und es könnte dazu führen, dass es dich weitaus mehr kostet, als du zu zahlen bereit bist.“ „Papa, ich will gehen.“
„Bevor du gehst, tu mir einen Gefallen. Halte deine Arme mal so hoch.“ Bill streckte seine Arme zu beiden Seiten aus. Billy Paul tat, worum sein Vater ihn gebeten hatte. Bill sagte: „Dreh dich jetzt um und schaue auf die Wand hinter dir. Dein Schatten bildet ein Kreuz. Zwei Wege schneiden sich im Zentrum des Kreuzes: Ein Weg führt gen Himmel, der andere zur Hölle. Du kannst nicht auf beiden Wegen zugleich gehen. Heute stehst du an dieser Wegkreuzung. Ich kann dir sagen, was richtig ist, doch du musst selbst die Entscheidung treffen. Wenn du aber auf dem verkehrten Weg losziehst, wird Gott dich irgendwo auf dem Weg umdrehen, denn ich habe dich unter dem Zeichen beansprucht. Es mag ein schwerer Weg zurück sein, aber das ist deine Entscheidung.“ Billy Paul wählte den falschen Weg.
Einige Tage später kam Dr. Pilai, der Erzbischof der presbyterianischen Gemeinde von Indien, zu Bill ins Haus und versuchte ihn zu überreden, einen Heilungsfeldzug in Indien durchzuführen. Bill und Meda machten sich gerade fertig, um ihre Mädchen zum Zahnarzt in New Albany zu bringen, und so bat Bill den Erzbischof mitzukommen. Während Meda Rebekah und Sarah in die Zahnarztpraxis brachte, saßen Bill und Dr. Pilai im Auto und besprachen den Vorschlag des Erzbischofs. Plötzlich hatte Bill den Eindruck, dass er aus dem Auto steigen sollte. Er schob das Gefühl beiseite. Bald darauf hörte er eine Stimme flüstern: „Steig sofort aus dem Auto aus!“ Jetzt wusste er, dass der Herr zu ihm alleine sprechen wollte. Bill entschuldigte sich, stieg aus und ging die Straße hinunter. Kurz darauf sagte der Engel des Herrn: „Kehre so schnell du kannst nach Hause zurück. Billy Paul steckt in Schwierigkeiten.“ Als er zu Hause eintraf, fand Bill seine Schwiegermutter hysterisch schluchzend auf der Front-Veranda an. „Billy Paul liegt im Krankenhaus und stirbt.“ Bill beruhigte sie so weit, dass er die Einzelheiten erfuhr. Billy Paul wohnte bei ihr. Gestern war er angeln gegangen und ist dabei in den See gefallen. Heute Morgen klagte er über Halsschmerzen und so hatte Frau Broy ihn gedrängt, Dr. Adair aufzusuchen. Der Arzt gab ihm eine Spritze Penizillin, und merkte erst, als es zu spät war, dass Billy Paul stark allergisch dagegen war. Kurz nachdem das Antibiotikum in seinen Blutkreislauf gelangte, setzte sein Herz aus. Dr. Adair reanimierte ihn mit einer Spritze Adrenalin, doch die allergische Reaktion schwand nicht. Ein Krankenwagen fuhr Paul eilends ins Krankenhaus, wo Ärzte sich jetzt bemühten, ihn am Leben zu erhalten.
Als Bill das Krankenhaus erreichte, lief er zur Notfallstation und traf Dr. Adair im Gang. Dr. Adair sagte: „Ich wusste nicht, dass er gegen Penizillin allergisch ist. Ich habe es ihm zuvor gegeben und da hat er keine Reaktion gezeigt. Doch dieses Mal trat sie ein. Wir haben ihm drei Spritzen Adrenalin gegeben, und sein Puls fällt dennoch ab. Es tut mir leid Bill, ich könnte deinen Jungen getötet haben.“
„Doktor, du bist mein Freund. Ich weiß, du hast dein Bestes getan, um ihn zu retten. Kann ich ihn sehen?“
„Wir haben ihm einen Schlauch eingeführt und er ist bewusstlos, aber gehe ruhig.“
Bill betrat das Notfallzimmer und schloss die Tür. Billy Paul lag auf dem Rücken, er hatte eine Plastikkanüle in der Nase. Sein Leib war angeschwollen und seine Haut sah tödlich blau aus, mit Ausnahme der Haut um seine Augen, die schwarz war. Seine Kiefer hingen schlaff und ließen seinen Mund weit aufstehen. Lebenserhaltende Maschinen surrten und glucksten leise im Hintergrund. Bill fiel auf die Knie und betete verzweifelt: „Teurer Gott, aus medizinischer Sicht ist mein Sohn dahin. Aber ich bitte Dich, gnädig zu sein, lass ihn nicht gehen.“
Minuten verstrichen und dann sah er dieselbe Vision, die er vor ein paar Tagen gesehen hatte, nur diesmal mit einer Wendung. Er sah Billy Paul aus dem Fenster springen, sah ihn kopfüber durch die Luft fallen – doch diesmal sah er wie sich zwei starke Arme ausstreckten, ihn auffingen und ihn wieder zurück zum Fenster hinaufhoben. Dann hörte er Billy Paul sagen: „Papa, wo bin ich?“ Das war nicht Bestandteil der Vision.
Bill erhob sich von den Knien und stellte sich neben das Bett. „Du bist im Krankenhaus, Paul. Hab keine Angst, alles ist jetzt in Ordnung.“ Ein paar Minuten später rief Bill nach der Krankenschwester. Billy Paul verlangte, dass der Schlauch aus seiner Nase genommen werde. Als die Schwester den Puls des Jungen kontrollierte, stellte sie fest, dass er normal war. Leider bewirkte diese Berührung mit dem Tod bei Billy Paul keine Buße. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus kehrte er sturköpfig in seine alten Wege zurück: Besuchte Spielhallen, trank, rauchte, spielte Poker und zockte. Es würde einer weitaus stärkeren Lektion bedürfen, um ihm den rechten Weg zu zeigen. Diese Lektion sollte nicht lange auf sich warten lassen. Am 13. September 1953 wurde Billy Paul 18. Im Oktober fuhr Bill mit seiner Familie nach Colorado in den Urlaub. Da Billy Paul für sich wohnte und mit seinen Eltern keinen geregelten Kontakt pflegte, wussten weder Bill noch Meda bei ihrer Abreise, dass es mit der Gesundheit ihres Sohnes nicht zum Besten stand. Paul hatte innere Blutungen. Er ignorierte die Symptome so lang wie möglich und suchte erst dann einen Arzt auf, als die Magenschmerzen unerträglich wurden. Dr. Brenner wies ihn sofort ins Krankenhaus ein. Billy Pauls Zustand war kritisch. Er hatte Darmgeschwüre bekommen, die möglicherweise durch den Alkohol verursacht worden waren, den er in Unmengen getrunken hatte. Allein die Blutungen stellten bereits eine ernste Bedrohung für seine Gesundheit dar. Schlimmer war noch, dass sich Narbengewebe über einem Geschwür gebildet hatte, das seinen Darm blockierte, die Durchblutung unterband und Zellgewebe absterben ließ. Brand hatte eingesetzt. Dr. Brenner wies ihn auf die Gefahr hin und riet ihm zu einem künstlichen Darmausgang, der bald gelegt werden müsste, da er sonst sterben würde.
Billy Paul zögerte. Verzweifelt wollte er seinem Vater eine Botschaft zukommen lassen und dachte, wenn sein Vater doch bloß für ihn beten könnte, dann werde alles in Ordnung kommen. Er hatte es auf den Heilungsfeldzügen seines Vaters und zu Hause geschehen sehen: Wunder auf Wunder, hunderte um hunderte Male. Warum sollte es nicht auch ihm widerfahren? Gewiss würde es passieren, wenn sein Vater nur da wäre, um zu beten. Aber keiner wusste genau, wo sein Vater war oder wann er zurückkommen würde. Nach einer Verzögerung von einigen Tagen bestand Dr. Brenner darauf, dass die Operation nicht länger ohne Risiko aufgeschoben werden konnte. Es ging um Pauls Leben. Widerwillig unterzeichnete Frau Broy Dr. Brenner die Erlaubnis, ihren Enkel zu operieren.
Am nächsten Morgen, als Billy Paul nervös auf seine Operation wartete, beklagte er sein Schicksal. Binnen einer Stunde würde Dr. Brenner einen Teil seiner Gedärme entfernen und das freie Ende durch eine Öffnung in seinem Bauchbereich in einen Plastiksack hinausführen. Für den Rest seines Lebens wäre er dazu verdammt, diesen Plastiksack zu tragen. Er dachte daran, was sein Vater ihm gesagt hatte: „Sünde wird dich schlussendlich weitaus mehr kosten, als du zu zahlen bereit bist.“ Ach, warum hatte er dem Herrn Jesus Christus den Rücken gekehrt?
Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und hörte die Stimme seines Vaters. „Hi, Paul.“
Erleichterung überströmte ihn. „Papa, ich habe alles versucht, um dich zu erreichen. Wo warst du?“
„Ich habe mit der Familie in Colorado Urlaub gemacht. Paul, erinnerst du dich an den Abend in Vandalia (Illinois), als Gott dir erlaubte, Seinen Engel zu sehen?“ Billy Paul dachte zurück an den kreiselnden Feuerball, der sich vor seinen Augen in einen Mann verwandelt hatte. Der Engel hatte in der Ecke ihres Hotelzimmers gestanden, die Arme über der Brust verschränkt. Wie gut er sich doch an dieses Gesicht erinnerte, so ernst und voller Kraft. „Ich habe jene Nacht nie vergessen können, Papa.“
„Derselbe Engel ist mir in den Colorado Rockies begegnet und sprach: ,Gehe sofort zu Billy. Er steckt in Schwierigkeiten.‘ Sohn, der Weg eines Missetäters ist schwer.“
„Bete für mich, Papa.“
Bill schüttelte den Kopf. „Noch nicht, Junge. Ich habe nicht gesündigt, sondern du. Zuerst musst du Gott bitten, dir zu vergeben. Wenn du bereit bist, Jesus Christus zu deinem Herrn zu machen, glaube ich, dass Er dich heilen wird.“ Dort in seinem Krankenhausbett drehte Billy Paul sich um und ging zurück zur Mitte der Wegkreuzung, und diesmal wählte er den richtigen Weg, denjenigen, der zum ewigen Leben führt. Dann betete sein Vater für seine Heilung. Als Dr. Brenner hereinkam, um seinen Patienten vor der Operation zu sehen, bat Bill ihn, Paul noch ein letztes Mal zu untersuchen. Nach zahlreichen Tests sagte Dr. Brenner: „Reverend Branham, ich verstehe das nicht. Die Blutungen Ihres Sohnes haben aufgehört und ich kann keine Spur der Brandinfektion mehr finden. Es ist, als hätte ein Wunder stattgefunden.“
„Und Sie wissen den besten Teil noch nicht“, sagte Bill. „Paul hatte den Herrn Jesus Christus verlassen, doch heute ist er zurückgekommen. Das ist das größte Wunder von allen.“
Im November 1953 hielt William Branham einen neuntägigen Glaubensheilungs-Feldzug in Owensboro (Kentucky). Danach eröffnete er am 29. November einen langen Feldzug in Palm Beach (Florida). Während er in Palm Beach war, rief ihn Gordon Lindsay an und fragte, ob er auf der Voice of Healing Konferenz in Chicago am Freitagabend, dem 11. Dezember, sprechen würde. Bill hatte vorgehabt, bis zum 15. Dezember in Palm Beach zu sein, doch weil er im vergangenen Sommer Lindsay (und ebenso Joseph Matteson-Boze) versprochen hatte, dass er auf der Voice of Healing Konferenz in Chicago sprechen werde, stimmte er zu, seine Versammlungen in Florida zu verkürzen. Sobald er sein Gespräch mit Lindsay beendet hatte, rief er Matteson-Boze an, um seinem Freund mitzuteilen, an welchem Tag er in Chicago sein werde. Da er nur an einem Abend auf der Konferenz sprechen würde, fragte Matteson-Boze, ob er Samstagabend und Sonntagmorgen in der Philadelphia Church in Chicago predigen würde. Bill sagte, es würde ihm eine Freude sein. Er beendete die Versammlungen in West Palm Beach am Abend des 6. Dezembers. Noch in derselben Nacht machten er und Billy Paul (der ihm wieder auf den Feldzügen half) sich auf den Weg nach Hause. Indem sie sich abwechselten, fuhren sie die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag durch und kamen gegen drei Uhr am darauf folgenden Morgen an. Als Bill sich fürs Bett fertig machte, betrat der Engel des Herrn das Schlafzimmer und sagte: „Etwas stimmt in Chicago nicht.“
Bill fragte: „Ist es in der Philadelphia Church?“
„Nein“, sagte der Engel und entfaltete eine Vision. Bill sah wie Gordon Lindsay, der Herausgeber der The Voice of Healing Zeitschrift, sich an einen anderen Mann wandte und sagte: „Geh und sage das Bruder Branham. Aber lass ihn nicht wissen, dass ich irgendetwas damit zu tun habe.“ Als die Vision verblich, sagte der Engel: „Dieser Mann wird dir auf der Konferenz entgegentreten und dich von der Versammlung ausschließen.“
Der Engel entschwand, ehe Bill eine weitere Frage stellen konnte und ließ ihn in Gedanken zurück, was das wohl bedeuten mochte.
Am 11. Dezember 1953 traf Bill 45 Minuten vor Beginn seiner Predigt auf der Voice of Healing Konferenz ein. Ein Mann namens Velmar Gardner empfing ihn an der Tür, nahm ihn beim Arm und lief mit ihm eilends durch die Eingangshalle in ein Seitenzimmer. Gardner schien übereifrig darauf bedacht, die Türe schließen zu können. Bald kam ein weiterer Mann herein, der sich als Reverend Hall von der The Voice of Healing Zeitschrift vorstellte. Bill erkannte in Mr. Hall den Mann wieder, zu dem Gordon Lindsay in der Vision gesprochen hatte. Mit ernster Stimme sagte Reverend Hall: „Bruder Branham, wir haben mitbekommen, dass du vorhast, morgen Abend und am Sonntag in der Philadelphia Church zu sprechen. Die Voice of Healing hat entschieden, wenn du für Matteson-Boze predigst, werden wir dir nicht gestatten, heute Abend auf dieser Konferenz zu sprechen.“
„Was ist damit verkehrt, für Matteson-Boze zu predigen?“ „Nun, manche von den Gemeinden in Chicago mögen ihn nicht. Und um den Zusammenhalt auf unserer Konferenz zu wahren, haben wir diese Entscheidung getroffen.“
„Wen meinst du mit ,wir‘?“
„Den Vorstand der The Voice of Healing. Gordon Lindsay hat damit absolut nichts zu tun.“
Bill wusste es besser. Jetzt sah er, worum es hierbei ging. Die ganze Sache stank nach Politik: Die Voice of Healing Organisation und einige Gemeinden Chicagos versuchten ihn unter Druck zu setzen, damit er sich ihren Ansichten fügte. Hätte er jenen Sturm in Südafrika nicht durchgestanden, hätte er sich diesem Druck möglicherweise jetzt gebeugt. Er entsann sich, was der Engel ihm in der Nacht, als er von den Amöben geheilt wurde, gesagt hatte: „Handle einfach so, wie du dich geleitet fühlst.“
„Ich habe Bruder Boze bereits im vergangenen Sommer versprochen, dass ich wenigstens eine Versammlung für ihn während der Zeit dieser Konferenz halten würde, und ich werde mein Versprechen einhalten.“
„Dann kannst du heute Abend nicht predigen.“
„Das macht mir nichts. Ich werde mich reinsetzen und einfach dem Gottesdienst zuhören.“
Bill erhob sich und öffnete die Tür. Er war keine zwei Schritte aus dem Raum gegangen, als Gardner und Hall seine Arme packten und ihn eilends durch die Eingangshalle in Richtung eines Ausgangs beförderten. Die Türen des Konferenzsaales standen offen und Bill hörte jemanden ankündigen: „Es tut uns leid, sagen zu müssen, dass Bruder Branham heute Abend nicht sprechen wird. Einer seiner Brüder ist krank und er konnte nicht kommen.“ Wie schlau man das formuliert hatte, denn es entsprach teilweise der Wahrheit. Bills Bruder Howard war krank. Vor gar nicht langer Zeit hatte der Herr Bill eine Vision über ihren Vater Charles gezeigt, wie er vom Himmel herabstieg und das Grab absteckte, in welchem Howard beerdigt werden würde. Bill wusste jedoch nicht, wann sein Bruder sterben würde, noch hatte Howards Krankheit seine Reise nach Chicago in irgendeiner Weise beeinflusst.
Es war eine weitere Lektion darin, wie stark sich Gemeindepolitik auf seinen Dienst auswirken konnte, ganz gleich wie sehr er bemüht war, darüber zu stehen. Und sich bemüht, das hatte er. All seine Versammlungen waren nicht nur überkonfessionell, er hielt zudem seine Predigten bewusst einfach, um bei all den vielen Predigern unterschiedlicher Glaubensrichtungen, die seine Feldzüge unterstützten, keinen Anstoß zu erregen. Er predigte stets über Errettung und Heilung durch den Tod, das Begräbnis und die Auferstehung Jesu Christi – Themen, bei denen zumindest die meisten Christen weitgehend zustimmen konnten. Wann immer er eine Last verspürte, etwas zu predigen, das darüber hinausging, tat er das in seiner Heimatgemeinde in Jeffersonville (Indiana). Doch in einem internationalen Dienst wie dem seinigen – da es nun einmal unmöglich war, es jedem recht zu machen – war es auch schwer die Fallstricke der Gemeindepolitik zu meiden. Sein Erlebnis bei dieser Voice of Healing Konferenz machte das auf schmerzhafte Weise deutlich.
William Branham war kaum aus Chicago nach Hause gekommen, als er erfuhr, dass George Wright im Sterben lag. Ohne sich die Zeit fürs Auspacken zu nehmen, sprang er ins Auto und machte sich auf nach Milltown. George Wright war ihm seit den frühen Tagen seines Dienstes ein Freund gewesen. Über die Jahre hatte Bill viele angenehme Stunden auf der Farm der Wrights verbracht, war über die bewaldeten Hügel gestapft und hatte Eichhörnchen und Hasen gejagt. Sie hatten viele gute Mahlzeiten zusammen genossen und in der Runde am Küchentisch der Wrights oft biblische Fragen diskutiert. Gemeinsam hatten sie manches Abenteuer geteilt. George hatte Bill sogar an dem Abend begleitet, als Georgia Carter von Tuberkulose geheilt wurde, nachdem sie neun Jahre im Bett verbracht hatte. Als Bill auf den altbekannten Feldweg abbog, der zur Wright-Farm führte, hatte Nostalgie sein Inneres bereits völlig eingehüllt. George Wright war dermaßen erfreut, Bill zu sehen, dass er zu schnell zu sprechen begann und einen Hustenanfall bekam, bei dem er Blut spuckte. Als seine Stimme wiederkehrte, sagte er langsam: „Ach, Bruder Branham, wir haben versucht, dich in Chicago zu erreichen. Hast du unser Telegramm erhalten?“ „Nein, Bruder George. Es hat mich nicht erreicht. Wie ist dein Zustand?“ „In meinen Beinen haben sich Blutgerinnsel gebildet, und sich dann in den Knien festgesetzt. Ein Spezialist aus Louisville war da, um mich zu untersuchen. Er sagte, ich hätte nur noch drei oder vier Tage zu leben. Er sagte, wenn diese Klumpen sich lösen, gelangen sie entweder ins Gehirn und lähmen mich oder sie gelangen ins Herz und töten mich auf der Stelle.“
Bill warf sich übers Bett und flehte Gott an, George leben zu lassen. Er blieb noch einige Tage auf der Wright-Farm und fuhr fort, für seinen alten Freund zu beten. Jeden Morgen in der Früh schulterte er sein Gewehr und stapfte den verschneiten, bewaldeten Hügel hinter dem Haus hinauf und ging auf Hasenjagd. Am dritten Morgen zählte Bill bei seiner Rückkehr vom Hügel zehn parkende Autos im Hof. Er wusste, was das bedeutete. Die Öffentlichkeit hatte entdeckt, dass er hier war und Leute kamen, um für sich beten zu lassen. Er konnte unmöglich noch länger auf der Wright-Farm bleiben. Frau Wright konnte in einer anstrengenden Zeit wie dieser keine Herde Fremder vor ihrer Haustür gebrauchen.
Als er seine Sachen packte, rief Meda an. „Bill, du musst sofort nach Hause kommen. Frau Baker, die jüdische Witwe, die christliche Missionsarbeit hier in der Stadt verrichtet, möchte, dass du für ihre Tochter betest.“ Er kannte Frau Bakers Tochter. Ihr erster Sohn wurde mit Klumpfüßen geboren und dann geheilt, nachdem Bill für ihn gebetet hatte. Frau Baker kannte er dem Namen nach, weil sie ab und zu in der lokalen Zeitung erwähnt wurde. Ehemals eine überzeugte Jüdin, konvertierte sie zum Christentum, besuchte das Moody Bible Institute in Chicago, schloss es mit Auszeichnung ab, zog nach Louisville (Kentucky), und war seit vielen Jahren eine aktive Missionarin unter der jüdischen Bevölkerung in der Gegend.
„Ich bin sowieso gerade dabei, hier aufzubrechen“, sagte Bill. „Was ist denn mit Frau Bakers Tochter?“
„Sie hat gerade entbunden und es haben sich einige Komplikationen ergeben. Frau Baker nennt es Septikämie. Ich vermute, das wird Blutvergiftung bedeuten. Das Kind ist wohl auf, aber die junge Mutter ist in einem kritischen Zustand. Sie liegt drüben im baptistischen Krankenhaus.“
„Ich werde dort vorbei fahren, bevor ich nach Hause komme“, sagte Bill. Shelby Wright, Georges 40 Jahre alter Sohn, trug Bills Koffer zum Wagen, der unter einem mächtigen Weidenbaum im Vorgarten stand. Shelby sagte: „Bruder Branham, ich weiß, du hast versucht, Mutter Hoffnung zu machen. Aber was denkst du wirklich über Papa? Wird er sterben?“
„Ja, Shelby, ich glaube, dein Vater wird sterben. Er ist 72 Jahre alt. Gott hat ihm nur 70 Jahre verheißen. Ich habe Gott gebeten, ihn zu verschonen, doch Gott hat mir darauf mit keinem Wort geantwortet. George ist ein Christ, also ist er bereit zu gehen. Ich vermute, dass Gott ihn jetzt nach Hause nimmt.“ „Ach, ich weiß, dass Papa bereit ist zu gehen. Aber weißt du, was mich am meisten bedrückt? Papa hat jahrelang jedem in der Gegend von Milltown bezeugt, dass Gott ein Heiler ist. Jetzt verhöhnen ihn manche dieser Leute und sagen, wenn Gott doch so ein Heiler ist, warum löst Er diese Blutklumpen nicht einfach auf? Und der Mann, der am lautesten lacht, ist der Prediger der Church of Christ.“
Am Nachmittag kam Bill zum baptistischen Krankenhaus. Frau Baker stand im Flur vor dem Zimmer ihrer Tochter und stritt mit einer anderen Frau und einem katholischen Priester. Als Bill näher trat, sagte die Frau zu Frau Baker: „Aber sie ist meine Schwiegertochter und ich will nicht, dass sie in die Hölle kommt. Ich will, dass mein Priester sie für den Tod salbt.“
„Einen Augenblick, bitte“, warf Bill ein. „Sie sollten mich zuerst hineingehen lassen. Ich bin Bruder Branham und ich bin gekommen, um das Mädchen fürs Leben zu salben.“ Das brachte die Schwiegermutter nun gänzlich aus dem Häuschen. Bill schlug vor: „Warum lasst ihr nicht ihren Ehemann entscheiden?“ Der Ehemann, ein Mann in seinen Zwanzigern, zog entschieden vor, dass Bill zuerst hineinging und seine Frau fürs Leben salbte. Murrend ging die Schwiegermutter zur Seite, um Bill vorbeizulassen.
Die junge Mutter lag im Koma, ihre Seele pendelte zwischen Leben und Tod. Bill kniete an ihrem Bett und bat Jesus Christus zehn Minuten lang, Erbarmen zu erweisen und sie leben zu lassen. Schließlich stand er auf, wischte sich eine Träne aus den Augen und nahm seinen Mantel und seinen Hut auf. Ehe er gehen konnte, erschien die Feuersäule über dem Bett der jungen Mutter. Augenblicklich zog ihn das Licht in eine Vision. Er sah dieselbe junge Mutter in ihrer Küche stehen und einen Topf Suppe umrühren. Sie blickte auf einen lärmenden kleinen Jungen hinunter, legte ihren Finger auf die Lippen und sagte: „Schhh. Das Baby schläft.“ Dann verließ ihn die Vision.
Voller Zuversicht lächelnd, schritt Bill auf den Flur hinaus. Dort standen der Mann, der Arzt, der Priester und die beiden Großmütter alle in einer Gruppe beisammen. Bill sagte zum Ehemann: „Ich habe ein paar gute Neuigkeiten für dich, Junge. So spricht der Herr: ,Deine Frau wird ganz in Ordnung kommen.‘ Heute Abend wird es schlimmer mit ihr werden, doch am Morgen wird es anfangen, ihr besser zu gehen. Innerhalb von 36 Stunden wird sie gesund genug sein, um nach Hause zu gehen. Wenn nicht, bin ich ein falscher Prophet.“ Während Frau Baker und ihr Schwiegersohn frohlockten, warf der Priester einen musternden Blick auf den Arzt, welcher seinen Kopf schüttelte und fortging. Finsteren Blickes versetzte die Schwiegermutter: „Junge, haben wir jetzt nicht genug von diesem Unfug? Es wird Zeit, dass mein Priester sie für den Tod salbt.“
Der junge Mann verwehrte dem Priester den Zugang. Er sagte zu seiner Schwiegermutter: „Erinnerst du dich, als mein erster Junge mit Klumpfüßen geboren wurde? Ich brachte ihn zum Gebet zu Bruder Branham ins Haus. Bruder Branham sah eine Vision und sagte, dass die Füße meines Babys binnen 24 Stunden gerade würden. Am nächsten Morgen eilten wir zu seinem Bettchen und es war genau, wie Bruder Branham es gesagt hatte. Wenn Bruder Branham sagt: ,So spricht der Herr: In 36 Stunden geht meine Frau gesund nach Hause‘, dann: Auf Wiedersehen! Ich gehe nach Hause, um das Haus für sie herzurichten.“ Als Bill das baptistische Krankenhaus verließ, begegnete ihm Charlie McDowell auf den Eingangsstufen, und flehte ihn an, mit ihm nach Frankfurt (Kentucky) zu fahren und für seine Mutter zu beten. Ärzte hatten die 61-jährige Frau gerade an Krebs operiert. Sie fanden in ihrem Körper so viele bösartige Gewächse, dass sie sich nicht einmal die Mühe machten, sie wieder zuzunähen. Sie klebten den Schnitt einfach zu, da sie in ein paar Stunden ohnehin tot sein würde. Es war spät des Nachts, als Charlie McDowell und Bill in Frankfurt ankamen. Im Krankenhaus legte Bill Frau McDowell einfach nur die Hände auf und bat um ihre Heilung im Namen Jesu Christi. Dann brach er auf, und traf gegen 5 Uhr Morgens zu Hause ein. Etliche Fremde schliefen auf seinen Treppenstufen, warteten auf ihn. Bereitwillig betete er für jeden von ihnen und fiel dann erschöpft ins Bett.
Ein paar Stunden später weckte ihn das Sonnenlicht auf. Es war neun Uhr, Montagmorgen, der 28. Dezember 1953. Er warf sich den Bademantel über und ging den Flur entlang auf das Badezimmer zu. Als er am Eingang vom Wohnzimmer vorbei ging, war er überrascht, eine attraktive junge Frau dort stehen zu sehen. Er sagte: „Guten Morgen. Was machen Sie hier drinnen?“ Sie sprach nicht mit ihm. Stattdessen wandte sie den Kopf und sprach mit jemandem in der Küche. Bill schaute nach, wer das sein mochte. Und da bemerkte er, dass dies eine Vision war, denn die Küche, die er sah, war nicht seine Küche. Frau McDowell stand dort, lehnte gegen irgendeinen Küchenschrank und unterhielt sich am Telefon. Bill dachte bei sich: „Das ist die Frau, für die ich gestern Abend gebetet habe.“
Da hörte er plötzlich ein ungewöhnliches Geräusch hinter sich. Fragend blickte er nach hinten, um zu sehen, was es sei. Dort stand mit einmal eine Trauerweide. Gelbe Lehmklumpen fielen aus dem Himmel und machten ein plop-plop-Geräusch während sie ein großes, rechteckiges Loch am Fuße des Baumes auffüllten. Die Weidenzweige hatte irgendetwas an sich, das ihm bekannt vorkam. Ja, es war der Weidenbaum, der bei George Wrights Haus stand. Er hörte den Engel des Herrn etwas über „Gräber“ sagen, aber er erfasste nicht, was es war, und so bat er Gott, die Vision zu wiederholen. Plötzlich stand er hinter dem Pult seiner Gemeinde in Jeffersonville. George Wright kam durch die Haupttüre hinein, ging den Gang hinunter und schüttelte Bills Hand. Der Engel sagte: „So spricht der Herr: George Wright wird die Gräber derjenigen graben, die ihn auslachen.“ Jetzt verstand Bill, dass mit George alles in Ordnung kommen würde.
Nach dem Frühstück rief er Charlie McDowell an, um ihm zu sagen, dass seine Mutter vom Krankenhaus heimkommen werde. Dann rief er die Wrights an. Shelby nahm das Telefonat entgegen. „Bruder Branham, Papa ist heute Morgen beinahe gelähmt.“
„Das macht nichts. Er wird in Ordnung kommen. Geh und sage deinem Vater, dass ich das ‚So spricht der Herr‘ für ihn habe. Er wird die Gräber derjenigen graben, die ihn auslachen.“
„Bruder Branham, wusstest du, dass mein Vater manchmal am Friedhof als Totengräber arbeitet?“
„Nein, Shelby, das wusste ich nicht.“ Jetzt aber, wo er es wusste, ergab die Vision mehr Sinn.
Detail für Detail wurden diese Visionen Wirklichkeit. Frau McDowell fühlte sich augenblicklich besser. Ihr Arzt untersuchte sie erneut und war erschüttert, als er keinen Krebs mehr finden konnte. Tatsächlich stellte ihr Fall das gesamte Krankenhauspersonal vor ein Rätsel. Eine Woche nachdem für sie gebetet worden war, ging sie nach Hause und nahm ihre normale Hausarbeit wieder auf. Tagtäglich erfreute sie sich eines ausgiebigen Telefongesprächs mit ihrer Tochter, genauso wie Bill es sie in der Vision hatte tun sehen.
Zwei Tage nachdem Bill George Wright das ,So spricht der Herr‘ mitgeteilt hatte, lösten sich die Blutklumpen in seinen Knien auf, ohne Schäden zu verursachen. Danach gewann er zügig seine Gesundheit wieder. Eines Sonntagmorgens öffnete er die Tür des Branham Tabernacles, schritt den Gang entlang nach vorne und schüttelte Bills Hand, genau wie Bill es ihn in der Vision hatte tun sehen. Von denen, die während seiner Krankheit über ihn gespottet hatten, weil er bezeugt hatte, dass Jesus Christus ein Heiler ist, sah er binnen eines Jahres fünf beerdigt werden, einschließlich des Predigers der Church of Christ. George Wright wurde weit über 90 Jahre alt.
Bei der jungen Mutter, die an Blutvergiftung im Sterben lag, ergab die Blutuntersuchung am nächsten Morgen, dass ihr Blut frei von Giftstoffen war. Am Morgen darauf nahm sie ihr neugeborenes Baby vom Krankenhaus mit nach Hause. Frau Baker jauchzte vor Freude. Bei ihrer Missionstätigkeit bezeugte sie mit Feuereifer, wie Jesus Christus ihre Tochter geheilt hatte. Bald zog die christliche Organisation, die sie unterstützt hatte, ihre finanzielle Unterstützung zurück. Ein Angestellter der Organisation begründete dies: „Wir haben nichts gegen William Branham, doch wollen wir nicht, dass unser Programm in die Kontroverse um göttliche Heilung verwickelt wird.“
Als Bill dies hörte, sagte er: „Dann stehen sie außerhalb des Programms Gottes. Zeichen und Wunder werden das Programm Gottes immer bestätigen. Solange es eine Welt gibt, wird es hier einen übernatürlicher Gott geben, der die Dinge unter Kontrolle hat, und Er wird immer jemanden haben, auf den Er Seine Hand legen kann. Heute Abend hat Er eine Gemeinde auf der ganzen Welt. Seine Gemeinde hat eine Menge Dinge an sich, die ausgebügelt werden müssen. Ich kann sie nicht ausbügeln, kein Mensch kann das. Das ist Gottes Sache. Er wird sich darum kümmern. Ganz gleich, wie viele menschengemachte Programme sich erheben, jedes von ihnen wird zunichte. Gott wird Sein Programm höchstpersönlich aufstellen. So weit ich weiß, ist es Sein Programm für die Menschen, hineingetauft zu werden in Jesus Christus und geleitet zu werden durch den Heiligen Geist, frei von jeglicher Verurteilung.“