Blaue Bücher

Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 4

Wunder in schwarz und weiß

1951

Willie Upshaw hatte 66 Jahre auf diesen Abend gewartet. „Jetzt oder nie“, dachte er ängstlich. „Wenn ich nur rechtzeitig dort ankomme …“ Er wünschte, das Taxi führe schneller, doch zwang der Stoßverkehr den Fahrer langsamer zu fahren. Willie blickte auf seine Uhr. William Branhams Gottesdienst würde bald beginnen. Wenn er nicht früh genug ankam, um eine Gebetskarte zu erhalten, war diese Reise vielleicht vergeblich. Ohne Gebetskarte konnte er nicht in die Gebetsreihe, und wenn er nicht in die Gebetsreihe gelangte, wie könnte er dann je seinen Traum verwirklichen?

Über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg hatte er einen unvorstellbaren Traum in seinem Herzen schwelen lassen, einen winzigen glühenden Funken eines Wunsches, den er nicht verlöschen ließ. Willie Upshaw wollte ohne Hilfe gehen können. Es war so einfach – und so kompliziert. Beim letzten Mal als er eigenständig hatte laufen können, war er 18 Jahre alt gewesen. Dann hatte er sich das Rückgrat bei einem Unfall auf dem Lande gebrochen. Durch all die schwierigen Jahre, die darauf folgten, hatte er gerungen, getreu seinem Motto zu leben: „Lass nichts dich entmutigen und gib niemals auf.“ Da er an einen Gott glaubte, der über unbeschränkte Kraft verfügte, hatte Willie ernstlich darum gebetet, wieder laufen zu können. Gott hatte ihn von verschiedenen Leiden geheilt, einschließlich eines inoperablen Krebs in seinem Gesicht. Ungeachtet der vielen Jahre, die er für den benötigten Glauben gebetet hatte, war er irgendwie nicht in der Lage gewesen, jenes Maß an Glauben zu erreichen, dessen es bedurfte, um aufzustehen und zu gehen – bis jetzt, vielleicht … Am Tag zuvor waren Willie Upshaw und seine Frau Lily auf einer Konferenz von Baptistenpredigern nahe seinem Wohnort in Santa Monica (Kalifornien) gewesen. Dort hatten sie Dr. Roy Davis getroffen, jenen Prediger, der William Branham 1932 ordiniert hatte. Willie Upshaw hatte Dr. Davis gefragt, ob all die sagenhaften Berichte, die er über William Branham hörte, wahr seien. Roy Davis hatte ihm von einem Wunder erzählt, das er selbst gesehen hatte. Ein Diakon seiner Gemeinde namens Frank Shoemaker hatte die Funktion seiner Beine eingebüßt, als er sich zehn Jahre zuvor das Rückgrat gebrochen hatte. An einen Rollstuhl gefesselt, hatte er sich nützlich gemacht, indem er im Gemeindebüro gearbeitet hatte. Im vorigen Jahr hatte Shoemaker einen Branham-Heilungsfeldzug besucht und an jenem Abend hatte William Branham gesagt, er sehe in einer Vision wie Frank Shoemaker läuft. Shoemaker war sofort aufgestanden und von seinem Rollstuhl fortgegangen. Davis hatte gesagt, dass Frank Shoemaker seither ganz normal gehe.

Diese Geschichte hatte die Glut aus Willies Traum zu lodernder Flamme entfacht. Wenn er nur erreichte, dass William Branham für ihn betete, vielleicht würde auch er dann wieder gehen können. Dann hatte er erfahren, dass William Branham gerade einen Heilungsfeldzug in Los Angeles beendete. Plötzlich war Willies alter Traum wieder lebendig geworden. Er war sofort nach Hause gefahren, hatte seine Koffer gepackt und den nächsten Flug nach Los Angeles gebucht. Dies war sie! Dies war vielleicht seine letzte Chance. Und deshalb musste er früh genug beim Branham-Gottesdienst eintreffen, um eine Gebetskarte zu erhalten. Zu allem Überfluss wurde der Verkehr nun dichter und sein Taxi musste noch langsamer fahren. Nervös stocherte er an einer Niete seiner Rückenstütze herum. „Willie“, sagte seine Frau, „richte deinen Blick fest auf den Herrn. Gott hat dich bereits durch so viele Prüfungen siegreich hindurch gebracht. Bedenk nur, wie viel mehr es Ihn ehren wird, wenn du den Kontinent durchquerst und ohne Krücken für Ihn Zeugnis gibst und Ihn nicht nur als den Erretter deiner Seele, sondern auch als den großen Arzt verkündest, der deinen Körper geheilt hat.“ Willie wusste, dass sie recht hatte, doch versuchte eine Decke des Zweifels immer noch, sein Feuer zu ersticken. Er dachte daran, wie lange es her war, seit er das letzte Mal ohne Krücken gelaufen war. Sein Unfall passierte 1884. Jetzt war es 1951 – sechsundsechzig Jahre später.

So viel war seit jenem schicksalhaften Sommertag im Jahre 1884 geschehen. Die sieben Jahre, die er im Bett verbracht hatte, schienen einem Albtraum gleich zu sein, und doch zogen ihn dieselben qualvollen Jahre näher zu Gott. Von seinem Leidensbett aus schrieb er das inspirative Buch Earnest Willie oder Echos von einem Einsiedler. Dieses Buch eröffnete seine lange Karriere im öffentlichen Dienst. Die Einnahmen aus Earnest Willie bescherten ihm das nötige Geld, eine Hochschule besuchen zu können. Später gründete er die Zeitschrift The Golden Age, welche er 13 Jahre lang herausgab.

Dann stürzte er sich in die Politik. 1919 gewann er einen Sitz im Kongress der Vereinigten Staaten, gewählt von den Bürgern in Georgia. Auf die acht Jahre, die er im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten tätig war, blickte er mit besonderem Stolz zurück. Für viele seiner Freunde war er immer noch der Kongressmann Upshaw. 1932 hielt er als Kandidat der Prohibition Partei Wahlkampf-Veranstaltungen ab, um Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Nach seiner Niederlage ums Präsidentenamt, arbeitete er unentgeltlich im christlichen Bildungswesen, indem er benachteiligten Kindern half, eine Hochschule zu besuchen. Er bereiste Schulen in 42 Bundesstaaten, hielt Vorlesungen vor zehntausenden von Studenten und ermutigte sie, einen Zweck zu verfolgen, der mit Gott in Verbindung stand. 1938, im Alter von 72 Jahren, wurde er zum Baptistenprediger ordiniert und war späterhin zwei Amtsperioden Vize-Präsident der Southern Baptist Convention. Er arbeitete sogar zeitweilig als Vize-Präsident des Linda Vista Baptist College and Seminary in San Diego (Kalifornien).

Jetzt, mit 84 Jahren, war Willie Upshaw stolz auf seine glänzende Karriere, besonders im Hinblick auf seine Behinderung. Durch all jene schwierigen Jahre hatte er seinen Traum nie aufgegeben, eines Tages wieder so frei wie andere Menschen laufen zu können. Er hatte immer geglaubt, dass alles möglich wäre, wenn er nur den notwendigen Glauben ergreifen könnte.

Während sich der Taxifahrer mühte, im dichten Verkehr voranzukommen, zog Willie einen Zeitungsausschnitt aus seiner Tasche und las ihn nochmals zu seiner Ermutigung. Der Artikel berichtete über ein Wunder, das letztes Jahr an Florence Nightingale Shirlaw geschehen war, einer Verwandten von Florence Nightingale, der berühmten englischen Krankenschwester des 19. Jahrhunderts. Florence Shirlaw lebte in Südafrika. Obgleich erst in ihren 30ern, hatte ihr Leben im Würgegriff eines bösartigen Krebs gestanden, der über ihren Zwölffingerdarm gewachsen war und der sie gehindert hatte, Speise zu verdauen. Da der Krebs inoperabel war, schien ihr Zustand hoffnungslos. Ihr Arzt hatte sie mehrere Monate lang intravenös ernährt, währenddessen sich ihre Muskeln zurückbildeten und sich ihre Haut um die Knochen zusammenzog. Schließlich fiel ihr Gewicht auf 25 Kilogramm, so dass sie aussah wie Haut und Knochen. Alle um sie herum glaubten, sie sei am Ende, doch Florence Nightingale Shirlaw hatte noch nicht aufgegeben.

Sie hatte über William Branham gelesen und über den erstaunlichen Erfolg, den er beim Gebet für die Kranken hatte. Im Jahre 1946, so sagte William Branham, habe ein Engel ihm einen Auftrag von Gott gegeben, eine Gabe der göttlichen Heilung den Völkern der Erde zu bringen. Der Engel sagte ihm, dass wenn er aufrichtig sein werde und die Menschen dazu bringen könnte, ihm zu glauben, wenn er betet, nichts seinem Gebet widerstehen könnte, nicht einmal Krebs. Frau Shirlaw schickte William Branham ein Flugticket und flehte ihn an, nach Südafrika zu fliegen, um für sie zu beten. Unglücklicherweise standen für den Evangelisten gerade feste Zusagen nach Schweden, Finnland und Norwegen im Terminkalender. Als Florence Nightingale Shirlaw hörte, dass Bruder Branham in England zwischenlanden würde, um für König George VI zu beten, mietete sie ein Flugzeug nach London. Es landete nur wenige Minuten nach dem Flugzeug, das den amerikanischen Evangelisten befördert hatte. Zu dem Zeitpunkt war Florence fast tot. Ihre Venen waren eingefallen, sodass ihre Krankenschwester keine Nadel mehr für die intravenöse Ernährung einführen konnte. Ihre Stimme war ein Flüstern, ihr Atem flach, ihr Puls langsam und schwach. William Branham bat Gott, sie im Namen Jesu Christi zu heilen und dann weissagte er: „So spricht der Herr: Du wirst leben und nicht sterben.“ So unglaublich sich diese Prophetie auch anhörte, erfüllte sie sich. Der Artikel zeigte ein aktuelles Bild von Florence Nightingale Shirlaw, auf dem sie 75 Kilogramm wiegt und lächelt, ein Bild voller Leben und Energie.

Willie Upshaw steckte den Zeitungsausschnitt in seine blaue Anzugjacke. Sein Glaube brannte wie ein Reisigfeuer, das von einem frischen kalifornischen Wind angefacht wird. Lass ihn jetzt nur in die Gebetsreihe kommen ... Sein Taxi, im Verkehr stecken geblieben, bremste bis zum Stillstand ab und ließ die Gebetskarte damit in weite Ferne rücken. Willie murmelte bei sich: „Lass nichts dich entmutigen und gib niemals auf!“

Howard Branham klopfte vorsichtig an die Hotelzimmertür seines Bruders. „Billy“, sagte er leise, „die Versammlung fängt gleich an. Wenn wir nicht voranmachen, werden wir uns verspäten.“

Er lauschte auf eine Antwort. Es kam keine. Howard hob seine Hand, um lauter zu klopfen, entschied sich jedoch dagegen. Dies war ihr vierter Tag in Los Angeles und er wusste, dass sein Bruder die Belastung des Gebets für die Kranken spürte. Dennoch hatte Howard nie erlebt, dass sein Bruder vor einer Versammlung eingeschlafen wäre. Sicherlich war er im Gebet vertieft. Howard ging nach unten in ein Restaurant, bestellte sich einen Malzmilchshake und sog ihn langsam durch einen Strohhalm. Nachdem er seinen Malz beendet hatte, ging er wieder hoch, um erneut zu klopfen. Diesmal war die Tür angelehnt.

Während sie zum Calvary Temple fuhren, sprach William Branham nicht mit seinem Bruder. Seine Gedanken waren auf den Heiligen Geist zentriert. In seinem Hotelzimmer hatte ihn der Engel des Herrn besucht. Selbst wenn Bill den Engel nicht sehen konnte, vermochte er stets zu sagen, wann der Engel sich nahte. Ein Druck berührte dann seine Haut wie eine Brise, die von Elektrizität aufgeladen war. In der Gegenwart dieses übernatürlichen Wesens wurde Bill taub vor Scheu und Furcht. Obgleich der Engel ihm hunderte Male begegnet war, war es Bill bei seinem Kommen immer ängstlich zumute. Diese Furcht ließ jedoch nach, wenn der Engel sprach. Oftmals folgten Visionen. Bill hatte keine Kontrolle über diese Visionen. Zu solchen Zeiten konnte er nicht einmal seine eigene Stimme kontrollieren. Deshalb sprach er auch nicht mit seinem Bruder Howard auf dem Weg zur Gemeinde. Er wollte die auf ihm ruhende Salbung des Heiligen Geistes nicht stören, weil er wusste, dass seine Gabe unter jener Salbung automatisch tätig wurde und seine Kraft aufzehrte – und er musste seine Kräfte für die Versammlung heute Abend aufsparen.

Da sie am Calvary Temple später als geplant ankamen, war Bill nicht überrascht, seinen Manager W.J. Ern Baxter predigend hinter der Kanzel vorzufinden. Als er Bill sah, beendete Ern Baxter seine Kurzpredigt und führte die Menschen im Leitgesang der Branham-Feldzüge:

Glaube nur, glaube nur, Alles ist möglich, glaube nur … Nachdem er seine Zuhörer begrüßt hatte, fragte Bill, ob sie ihn hinten gut verstehen konnten. Es gingen nicht genügend Hände hoch, um ihn zufrieden zustellen, und so bat er den Tontechniker, die Lautstärke zu erhöhen. Dies war eine häufig zu beobachtende Anpassung, die vom Größenunterschied zwischen Bill und seinem Manager herrührte. Obwohl fast gleichaltrig, waren die beiden Männer Gegensätze nach Erscheinung und Auftreten. Ern Baxter war ein Bär von einem Mann, über 1,85 Meter groß, mit einem gewaltigen Brustkorb, dem seine dröhnenden Bariton-Predigten entsprangen. Baxters Haar wuchs dicht und unbändig auf einem kantigen Kopf, von dem sich eine Brille mit Metallfassung abhob. Im Gegensatz dazu war William Branham nur 1,70 Meter groß und wog 75 Kilogramm. Im Alter von 42 Jahren lichtete sich Bills Haar bereits und wich an den Schläfen zurück, was seine hohe, gewölbte Stirn hervortreten ließ. Er hatte tiefsitzende Augen, die den Eindruck intensiver Konzentration vermittelten – gleich einem Adler auf hohem Felsvorsprung, der das Tal unter sich durchspäht und sich keine Bewegung entgehen lässt.

Seit Beginn seines nationalen Dienstes im Juni 1946 bis zu dieser Veranstaltung in Los Angeles im Februar 1951 hatte William Branham den Großteil seiner Kräfte darauf konzentriert, für kranke Menschen zu beten. Falls er predigte, bevor er eine Gebetsreihe aufrief, war es gewöhnlich eine kurze Predigt über die biblischen Grundlagen göttlicher Heilung. Aber auch wenn er nicht predigte, nahm er sich stets ein paar Minuten Zeit, um seinen ungewöhnlichen Dienst zu erklären. So sagte er beispielsweise:

„Teure christliche Freunde, bevor wir mit der Gebetsreihe beginnen, möchte ich jedem von euch klar zu verstehen geben, dass ich nicht beanspruche, ein göttlicher Heiler zu sein. Das Einzige, das ich für euch tun kann, ist, für euch zu beten. Kein Mensch kann heilen. Gott allein ist der Heiler. Ich bin nur ein Mensch, euer Bruder, mit einem Dienst, der von einem übernatürlichen Wesen bestätigt ist, dem Engel des Herrn, der von Gott ausgegangen ist, um euch mit diesen Segnungen zu dienen. Sagt etwa der Draht, durch den der Strom zu dieser Lampe geleitet wird: ‚Schau, was für ein großartiger Draht ich bin!‘ Nein, der Draht hat mit der Erzeugung des Lichts nichts zu tun. Es ist der Strom in dem Draht, der das Licht erzeugt. Ich bin wie der Elektrodraht. Ich habe aus mir selbst kein Licht, bis es von irgendwoher eingeschaltet wird. Erkennt ihr, dass ich Jesus Christus die Ehre gebe? Es ist nicht aus mir selbst, es kommt von Ihm.

Manch einer denkt, im Neuen Testament gebe es keine Engel und dass nur der Heilige Geist die Urgemeinde führte. Es ist zwar wahr, dass der Heilige Geist die Gemeinde führte, doch Engel sind immer dienstbare Geister, in allen Zeitaltern. Denkt nur an Apostelgeschichte Kapitel 8, wo der Engel des Herrn Philippus erscheint und ihm aufträgt, in die Wüste bei Gaza zu gehen und jenem Eunuchen aus Äthiopien Zeugnis abzulegen. Und als Petrus im Gefängnis war, schien der Engel des Herrn wie ein Licht über ihm, berührte ihn, löste seine Ketten und führte ihn hinaus. Und vergesst den Apostel Paulus nicht. Nach 14 Tagen und Nächten im Sturm auf dem Meer, als alle Hoffnung auf Rettung verloren war, sagte Paulus: ‚Männer, seid guten Mutes, denn der Engel Gottes, dessen Diener ich bin, stand letzte Nacht bei mir und sagte mir, dass keiner sein Leben verlieren werde. Deshalb glaube ich Gott, dass es so sein wird, wie es mir gezeigt wurde.‘ Johannes, an den das Buch der Offenbarung erging, schrieb im letzten Kapitel der Bibel: ‚Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, solches euch zu bezeugen in den Gemeinden.‘ Seht ihr, das Buch der Offenbarung wurde Johannes durch den Engel des Herrn gezeigt. Und Johannes fiel nieder, um jenen Engel anzubeten und der Engel wehrte ihm und sagte: ‚Siehe zu, tu es nicht! Ich bin dein Mitknecht und deiner Brüder, die das Zeugnis Jesu haben.‘ Der prophetische Geist, der durch all die Zeitalter hindurch auf den Propheten lag, weissagte dort durch Johannes, indem er ihm die Zukunft durch einen Engel zeigte. Derselbe Geist ist heute Abend hier in diesem Gebäude. Er ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Versucht nicht, es herauszutüfteln, nehmt es einfach an.“

An diesem Abend im Februar 1951, während Bill seinen Dienst der Zuhörermenge in Los Angeles erklärte, fühlte er, wie der Engel des Herrn von seiner Seite wich und sich hinaus über die Zuhörer bewegte. Das in sich selbst war nicht ungewöhnlich bei seinen Versammlungen – außer, dass der Engel das sonst nicht tat, ehe die Gebetsreihe begonnen hatte und der Glaube allgemein angestiegen war. Vielleicht war jemand da, der bereits jetzt ungeheuren Glauben besaß. Bill beobachtete die Menschen, während er sprach. Dann sah er sie: Eine Feuersäule, die so grell wie ein Fotoblitz brannte. Sie hing über einem dünnen alten Mann, der im hinteren Teil des Gotteshauses am Gang saß. Bill beobachtete das übernatürliche Licht, bis es zu einer Vision wurde. Obgleich seine Augen weit offen blieben, konnte er den gefüllten Gemeindesaal des Calvary Temple nicht mehr sehen. Stattdessen sah er einen Jungen, der an einem Sommertag einen Wagen zu einem Heuhaufen zog. Der Junge erklomm die Kuppe des Heuhaufens und begann, Heu in den Wagen hinabzuwerfen. Ein Teil von Bills Verstand war sich dunkel bewusst, dass er noch immer im Calvary Temple in Los Angeles war und zu tausenden von Menschen sprach. Doch der aktive Teil seines Verstandes war dort bei dem Heuhaufen und beobachtete, wie sich ein Schauspiel entfaltete. Es war, als befände man sich an zwei Orten zugleich.

Während er zuschaute, sprach er weiterhin ins Mikrofon: „Ich sehe einen Jungen oben auf einem Heuhaufen herumturnen. Er ist sehr seltsam gekleidet. Oh, er fällt vom Heuhaufen herunter und schlägt mit dem Rücken auf dem Wagen auf. Ich sehe, wie ihn ein Mann aufhebt und zu einem Arzt bringt. Der Arzt hat einen weißen Schnurrbart und trägt eine Brille, die ihm bis zur Nasenspitze hinunterrutscht. Ich sehe, wie der Doktor sich um den Jungen bemüht, aber es ist zwecklos. Nichts kann getan werden. Der Arzt schickt ihn heim ins Bett. Mit dem Jungen wird es so schlimm, dass er noch nicht einmal die Vibration ertragen kann, wenn jemand über den Fußboden des Schlafzimmers geht. Ich sehe, wie man Löcher in den Holzboden bohrt, um die Vibrationen abzuschwächen. Jetzt arbeitet der Junge an irgendetwas … ach, er schreibt. Jetzt wird er ein berühmter Mann. Ich sehe, wie man ihn im Rollstuhl herumschiebt und er kann sogar laufen, wenn er Krücken und eine Rückenschiene benutzt. Ich sehe ihn auf einer Regierungsbank sitzen und Menschen applaudieren seinen Reden. Und Leute, ich weiß nicht warum, aber ich sehe das Weiße Haus in Washington D.C. Jetzt ist es von mir gegangen.“

Die rasche Abfolge der Szenen verblasste und Bill blickte wieder auf die Menschen im Calvary Temple. Er konnte das Licht des Engels hinten im Gemeindesaal nicht mehr sehen, und so betrachtete er die Gesichter derjenigen, die dort in der Nähe saßen, wo das Licht gewesen war. „Dort ist er“, sagte Bill, auf ihn zeigend. „Es ist der alte Mann, der dort hinten sitzt mit den Krücken, die im Gang neben seinem Sitz liegen.“

Während jedermann hinblickte, fragte Bill Howard, wie viele Gebetskarten er verteilt hatte. Normalerweise gab Howard an jedem Abend eines Feldzuges 100 neue Karten heraus. Auf jeder Karte waren ein Buchstabe und eine Zahl gedruckt. Bill wählte dann irgendeine Zahl, z.B. 85, und bat dann diejenigen mit den Zahlen von 85 bis 100, sich für die Gebetsreihe aufzustellen. Da jeden Abend ein anderer Buchstabe des Alphabets gewählt wurde, war jede Nummer 85 nur an einem Gottesdienst gültig. So blieb der Auswahlprozess fair: Jeder, der Gebet wünschte, hatte jeden Abend dieselbe Chance in die Gebetsreihe zu gelangen. Während Howard die Menschen im Seitengang aufstellte, kam Ern Baxter zu Bill und fragte: „Bruder Branham, weißt du, wer der Mann ist, über den du die Vision gesehen hast?“

„Nein, das weiß ich nicht.“

„Es ist William Upshaw, ein früherer Kongressabgeordneter der Vereinigten Staaten. Er möchte mit dir reden und ich habe schon ein Nebenmikrofon dorthin verlegt.“

Ein Ordner schloss das Mikrofon an die Verstärkeranlage an. Herrn Upshaws Stimme drang durch die Lautsprecher. „Mein Junge, woher wusstest du, dass ich als Jugendlicher gestürzt bin und mich verletzt habe?“

Bill antwortete: „Ich habe noch nie von Ihnen gehört. Alles was ich sagen kann, ist das, was ich in der Vision gesehen habe.“

„Und das ist genau, was passiert ist. Mein Name ist William Upshaw und acht Jahre lang war ich Kongressabgeordneter von Georgia. 1932 kandidierte ich für das Präsidentenamt der Vereinigten Staaten, doch ich unterlag, weil ich gegen die Legalisierung von Whisky stand. Dagegen bin ich heute noch. Ich war 18 Jahre alt, als ich mich verletzte. Ich bin seit 66 Jahren ein Invalide – sieben Jahre im Bett und 59 Jahre im Rollstuhl und mit Krücken. Dutzende Male wurde für mich gebetet, doch ohne Erfolg. Vor nur ein paar Tagen gab mir Dr. Roy Davis den Rat, hierher zu kommen und dich für mich vor Gott eintreten zu lassen. Mein Junge, werde ich je geheilt sein?“

„Das kann ich dir nicht sagen, mein Bruder. Ich weiß es nicht. Das Einzige, das ich dir sagen kann, ist, was ich in der Vision gesehen habe. Und jetzt ist es von mir gegangen.“

Bill blickte hinüber zum Seitengang. Howard gab ihm das Zeichen, dass mit der Gebetsreihe begonnen werden konnte.

Obgleich der Gemeindesaal dicht besetzt war, durften nur wenige Leute hinter Bill auf der Plattform sitzen. Aus Erfahrung wusste er, dass es so am besten war. Unter der Salbung wurde er Geistern gegenüber äußerst empfindsam. Wenn die Plattform mit Leuten voll war, konnte er jeden Skeptiker unter ihnen spüren und ihre Zweifel machten es ihm schwerer, seine Aufmerksamkeit auf die Anliegen in der Gebetsreihe zu konzentrieren. Dies war nicht nur seine eigene Ansicht, es gab dafür Beispiele in der Schrift. Bevor Jesus die Tochter des Jairus von den Toten auferweckte, veranlasste er, dass jeder Zweifler den Raum verließ. Petrus tat das Gleiche bevor er für Tabitha betete. Doch es gab noch einen weiteren Grund, weshalb Bill keine Skeptiker hinter sich haben wollte: Wann immer eine Person mit Epilepsie in die Nähe des Engels des Herrn kam, löste der Dämon einen Anfall aus. Wenn Skeptiker in der Nähe waren, fütterte ihr Unglaube jenen Dämon und machte es Bill schwieriger, die Kontrolle zu behalten. Manchmal ließ Bill dennoch Prediger hinter sich auf der Plattform sitzen, wenn er sicher war, dass sie an seine Gabe glaubten. Er konnte ihren Glauben spüren und das half ihm.

Wenn die erste Person einer Gebetsreihe vor ihn trat, sprach Bill gewöhnlich ein wenig mit ihr, um mit dem Geist der Person Kontakt herzustellen, genau wie Jesus es tat, als er zu der Samariterin am Jakobsbrunnen sprach. War die Person ein Christ, konnte Bill einen herzlichen Geist des Willkommens fühlen. Oft sah er einen Lichtschimmer um den Kopf eines Christen herum. Es bedurfte keines langen Gesprächs, ehe Bill spürte, wie die Salbung auf ihn herabkam. Das war der Zeitpunkt, an dem sich gewöhnlich eine Vision zeigte. Er sah dann, wie die Person in die Luft gehoben und kleiner wurde, beinahe als bewege sie sich mit Überschallgeschwindigkeit von ihm fort. Ein Schauplatz formte sich dann in Miniatur und zeigte häufig etwas Aufschlussreiches aus der Vergangenheit, jedoch immer auch etwas Bezeichnendes über die Schwierigkeit der Person. Die Visionen waren einem Traume vergleichbar, nur dass Bill hellwach war und die Szenen, die er beobachtete, klar und deutlich waren. Er mochte beispielsweise die Adresse einer Person an einer Hauswand sehen oder einen Namen auf einem Postkasten. Oftmals wusste er, was mit einer Person nicht stimmte, indem er hörte, wie ein Arzt eine Diagnose stellte. Während er die Vision verfolgte, erzählte er den Zuhörern, was er gerade sah, doch entsprangen diese Worte nicht seinem eigenen Willen. Wenn die Vision ihn verließ, mochte ihm nur vage in Erinnerung bleiben, was er gesehen und nur wenig von dem, was er gesagt hatte. Doch die Menschen in der Gebetsreihe bestätigten stets, dass das, was er ihnen unter der Salbung erzählt hatte, wahr sei. Wenn Bill ein grelles Licht um den Kopf der Person herumwirbeln sah, wusste er, dass ein Wunder stattgefunden hatte. Zu anderen Zeiten sah Bill Menschen in der Vision geheilt. Es verfehlte die Wahrheit nie.

Es gab einen deutlichen Unterschied zwischen der Salbung zu predigen, und der Salbung, Visionen zu sehen. Die erste gab Bill Kraft, die zweite erschöpfte ihn. Bill war kein schwächlicher Mann. Wenn er auf Jagd ging (was er oft tat), konnte er etwa 60 Kilometer am Tag in zerklüftetem Gelände zurücklegen, und dann am nächsten Tag aufstehen und es wiederholen. Das Sehen einer einzigen Vision hingegen ermüdete ihn mehr, als wenn er eine Stunde einen Vorschlaghammer geschwungen hätte. Während der Gebetsreihen kamen die Visionen eine nach der anderen. Wenn eine Vision endete, verließ ihn die Salbung zeitweilig, schwebte wie eine Taube über ihm und wartete darauf, dass die nächste Person vortrat. Wenn sie das nicht getan hätte, wäre Bill binnen Minuten zusammengebrochen. Sein Körper hätte der Belastung nicht standhalten können. So jedoch konnte er sich 20, vielleicht 30 Minuten halten, ehe die Erschöpfung ihn gefühllos machte.

An jenem Abend im Calvary Temple traten die 15 Personen, die für die Gebetsreihe ausgewählt waren, einer nach dem anderen vor, ein jeder mit seiner einzigartigen Schwierigkeit, welche durch die Visionen präzise unterschieden wurde. Als es an der Zeit war, dass die letzte Person der Gebetsreihe vor ihn treten sollte, taumelte Bill, als würde er fallen. Ern Baxter trat vor, um ihn aufzufangen, doch Bill gewann sein Gleichgewicht zurück. Er rieb sich das Gesicht. Seine Lippen fühlten sich dick an und seine Haut kribbelte, als mangele es ihr an Durchblutung.

Plötzlich erschien eine weitere Vision. Bill schaute auf einen jungen Arzt in einem weißen Medizinerkittel. Der Arzt trug eine Brille mit dicken Gläsern und hatte einen Kreisreflektor an seiner Stirn festgeschnallt. Indem er seine Arme verschränkte, blickte er auf den Boden und schüttelte entmutigt den Kopf. Bill folgte dem Blick des Doktors und sagte: „Ich sehe einen jungen Arzt, dünn und hochgewachsen. Er trägt eine Brille mit oranger Fassung. Er operiert ein kleines farbiges Mädchen, das ungefähr fünf oder sechs Jahre alt ist. Er nahm ihre Mandeln heraus, doch etwas ist schief gelaufen und nun ist sie von ihren Schultern abwärts gelähmt.“

Im selben Augenblick als ihn die Vision verließ, hörte Bill eine Frau schreien. Von weit hinten im Gemeindesaal hatte sich eine große farbige Frau aufgemacht, um nach vorne zu kommen. Sie zog eine Trage mit Rollen und schrie unentwegt: „Herr, erbarme dich! Das war mein Kind!“ Mehrere Ordner versuchten sie aufzuhalten. Wie ein Football-Spieler seine Angreifer abschüttelt, stieß diese große Frau die Ordner zur Seite und schritt voran. Schließlich versperrten ihr genügend Männer den Weg, sodass sie stehen bleiben musste, doch sie schrie weiterhin: „Parson, das war mein Kind! Und genauso hat der Arzt ausgesehen. Vor zwei Jahren ist das passiert, und seither ist sie nicht mehr gelaufen. Ist sie geheilt?“

„Ich weiß es nicht, Auntie. Wie ich schon dem Kongressabgeordneten vorhin sagte: Ich kann nur sagen, was ich in einer Vision sehe. Ist das dein Mädchen auf der Trage?“

„Ja, ich habe für ihre Heilung gebetet und gebetet.“

„Ich kann für sie beten, Auntie, und vielleicht wird der Herr Jesus sie heilen. Doch zu sagen, dass es geschehen wird – das kann ich nicht aus mir selbst.“ Er schaute zu seinem Bruder. „Howard, ist das die letzte Person in der Reihe?“ Howard nickte und bedeutete der letzten Person vorzutreten. Bill bemerkte etwas wie einen dunklen Streifen, der sich knapp über den Köpfen der Leute bewegte. Während er noch zuschaute, weitete sich der Streifen zu einer Straße in einer Stadt aus. Dann sah er ein kleines farbiges Mädchen die Straße hinunterhüpfen und eine Puppe in ihren Armen schaukeln.

Bill sagte zu der Mutter: „Auntie, Jesus Christus hat dich für deinen Glauben belohnt. Dein kleines Mädchen ist geheilt.“

Von Gefühlen überwältigt, beugte sich die Mutter bebend über die Trage und küsste ihre Tochter. Dann blickte sie auf und fragte: „Parson, wann wird mein Kind gesund werden?“

„Sie ist bereits gesund, Auntie.“

Während die Mutter auf den Evangelisten geblickt hatte, war ihre Tochter leise von der Trage geschlüpft. Sobald das Mädchen sich sicher war, dass ihre Beine sie tragen würden, schrie sie. Die Mutter fuhr herum, um nachzusehen und schrie ebenfalls laut auf und fiel dann rückwärts in die Arme der Ordner. Eine Minute später marschierten Mutter und Tochter Hand in Hand durch den Hauptgang und priesen Gott. Überschwänglich stimmten die Zuhörer in deren Freude mit ein. Bill beobachtete sie, bis Mutter und Tochter zur Tür hinausgegangen waren. „Seht, was der Herr Jesus vermag“, sagte er, seine Worte undeutlich aussprechend, weil er so schwach war. Er wollte sich gerade der letzten Frau in der Gebetsreihe zuwenden, um zu ihr zu sprechen, als er erneut eine Bewegung aus dem Augenwinkel auffing. Genauer hinschauend, sah Bill den ehemaligen Kongressabgeordneten auf derselben Straße über den Köpfen der Zuhörerschaft hinwegspazieren. Kongressmann Upshaw hatte einen schokoladenbraunen Anzug mit weißen Nadelstreifen an und einen Stetson Hut, wie ihn die Südstaatler tragen. Er lächelte höflich und tippte beim Gehen an den Hut, wenn Leute vorbeikamen.

Bill blickte dorthin, wo Herr Upshaw in einem Stuhl am Mittelgang saß. Hier in der Gemeinde trug der ältere Staatsmann einen blauen Anzug mit einer roten Krawatte.

„Kongressabgeordneter, hast du einen dunkelbraunen Anzug mit dünnen, weißen Streifen?“

Der alte Herr hielt noch immer das Nebenmikrofon. „Ja, mein Junge. Ich habe mir vorgestern so einen gekauft.“

Jetzt wusste Bill, was geschehen würde. „Mein Bruder, du bist ein ehrfürchtiger Mann gewesen und hast Gott all diese Jahre geehrt. Gott belohnt dich nun, indem Er deine letzten Tage glücklich macht. Du kannst jetzt laufen, Kongressmann. Der Herr Jesus Christus hat dich geheilt.“

Herr Upshaw wusste nicht, was er tun sollte. Er sagte: „Ehre sei Gott. Mein Junge, wenn Jesus Christus mich ohne Krücken gehen lässt, werde ich den Rest meiner Tage zu Seiner Ehre verwenden.“

„Kongressmann …“, Bill hielt inne und wankte. Er fühlte seine Kräfte dahinschwinden. Ern Baxter und Leroy Kopp stützten ihn und begannen, ihn fortzuführen. Bill flüsterte: „Kongressmann, im Namen Jesu Christi: Stehe auf und gehe! Gott hat dich geheilt. Es ist: ‚So spricht der Herr‘!“ Pastor Leroy Kopp ging zurück ans Mikrofon und sagte: „Bruder Branham sagt, der Kongressabgeordnete ist geheilt.“

Willie Upshaw spürte, wie sein Herz einen Sprung machte. Er sagte sich: „Bruder Branham kennt die Gedanken Gottes, ich muss also einen Glaubensschritt machen und Jesus Christus als meinen Heiler annehmen.“

Er fühlte, wie etwas Kühles durch seinen Körper hinabströmte. Seine Krücken zur Seite stoßend, stand er auf und trat in den Gang. Nerven in seinen Beinen, die schon lange abgestorben waren, kribbelten plötzlich vor Leben. Blut füllte seine eingeschrumpften Muskeln. Wundersamerweise trugen ihn seine Beine. Er tat noch einen Schritt, dann einen weiteren. Er schaffte es! Er ging ohne Hilfe!

Während die Zuhörerschaft Gott überschwänglich anbetete, schritt Willie Upshaw den Gang hinab nach vorne und schüttelte einem verblüfften Leroy Kopp die Hand. Dann, als er dort stand, wo ihn jeder sehen konnte, bückte sich Willie Upshaw und berührte seine Zehen.

Lädt…
Impressum · Legal notice · Datenschutz · Privacy