1947
Im Mai 1947 begegnete William Branham dem außergewöhnlichsten Wunder, das er bis dahin gesehen hatte. Er hielt eine einwöchige Zelt versammlung in Vandalia (Illinois). Wie gewöhnlich war das Zelt überfüllt, und die Menge stand bis hin zum Parkplatz. Am ersten Abend ließ Bill die gleiche Herausforderung ergehen, die er seit der spanischen Versammlung in Phoenix vor einem Monat in jeder Stadt machte. Er sagte: „Bringt mir den schlimmsten Fall, den ihr finden könnt und gebt mir genügend Zeit, um für die Person zu beten, und ich garantiere euch, dass Jesus Christus sie heilen wird, ehe sie die Plattform verlässt.“ Eine Frau führte einen 16-jährigen Jungen nach vorn. Sie lehnte sich vor und flüsterte Bill etwas ins Ohr. Bill wandte sich dem Mikrofon zu und gab bekannt: „Die Mutter sagt, ihr Sohn sei blind geboren.“ Ein spannungsgeladenes Gemurmel erhob sich im Publikum, als ob sich alle gleichermaßen fragten: „Verlangen wir nicht zu viel von Gott?“ Bill glaubte, dass Gott es tun würde. Er hatte so viele Wunder im vergangenen Jahr gesehen, dass er wusste, dass bei Gott wahrhaftig alle Dinge möglich sind für diejenigen, die glauben. Er legte seine Hände auf die Schultern des blinden Jungen und betete im Namen Jesu für ein Wunder. Die Minuten verstrichen zu einer halbe Stunde ... dann zu einer Stunde ... dann eineinhalb Stunden ... und kein Ergebnis. Regen trommelte auf das Zeltdach nieder. Die Menge wurde unruhig. Zweifellos fragten sich viele, wie lange dieser Evangelist angesichts einer solchen offensichtlichen Unmöglichkeit weiter beten würde. Schließlich war der Junge blind geboren. Doch weder wankte Bills Glaube, noch ließ er in seinem einfachen Gebet nach. Er behielt die Worte des Engels im Gedächtnis: „Wenn du aufrichtig sein wirst und erreichst, dass die Menschen dir glauben, wird nichts deinem Gebet widerstehen, nicht einmal Krebs.“ Nach einer Stunde und fünfundvierzig Minuten des Gebetes begann der Junge zu zittern. Er riss den Kopf nach links, dann nach rechts. Mit einem Schrei riss er sich von Bills Griff los und ließ sich in die Arme seiner Mutter fallen. Sie hielt ihn fest, während er vor Erregung unkontrolliert schrie und seine Arme in alle Richtungen schwang, indem er erst auf die Lichter zeigte, dann auf verschiedene Gegenstände um ihn herum. Er konnte sehen!
Der Glaube an die Heilungskraft Jesu Christi erfasste die Menschen gleich einer Brandung. Hunderte von Wundern fanden auf einen Schlag statt: Verkrüppelte entstiegen ihren Rollstühlen oder warfen ihre Krücken fort oder standen von ihren Tragbahren auf. Nichts schien unmöglich. Nach Abschluss des Gottesdienstes rollten die Ordner alle zurück gelassenen Rollstühle zusammen und warfen die Krücken dazu. Bill stand hinter dem Podium und beobachtete den Vorgang mit Freude und Zufriedenheit. Eine Frau und ein Junge kamen auf ihn zu. Es war der blindgeborene Junge. Jetzt führte er seine Mutter die Stufen zur Plattform hinauf.
Die Augen des Jungen wurden feucht vor Rührung. „Ich habe Mutti gesagt, ich möchte den Mann sehen, der meine Augen geöffnet hat.“ Bill lächelte: „Ich hoffe, du siehst Ihn eines Tages, denn es war der Herr Jesus Christus, der deine Augen geöffnet hat.“
Der Junge zog Bills Krawatte zu sich heran: „Diese Dinger hier quer durch, nennt man das Streifen?“ Die Mutter des Jungen, die hinter ihm stand, brach in Freudentränen aus.
Als Bill in sein Hotelzimmer zurückkam, war es zwei Uhr morgens. Er teilte sich ein Zimmer mit seinem Sohn Billy Paul und seinem Bruder Donny. Der 20-jährige Donny Branham, Bills jüngster Bruder, half in den Versammlungen, indem er vor jedem Gottesdienst Gebetskarten verteilte und mithalf, die Leute geordnet in die Gebetsreihe einzuweisen. Der 11-jährige Billy Paul war einfach nur aus Freude an der Reise mitgekommen. Da die Schule fast zu Ende war, wollte Bill seinen Sohn den Sommer über mitnehmen.
Das Hotelzimmer in Vandalia verfügte über zwei Doppelbetten. Donny und Billy Paul schliefen bereits in dem einen. Bill zog seinen Schlaf anzug an, schlüpfte in das andere Bett und schlief bald ein. Irgendwann im Laufe der Nacht riss ihn etwas aus dem Schlaf. „Ist es etwa schon morgens?“, fragte er sich, während er beobachtete, wie sich der Schein eines Lichts im dunklen Zimmer ausbreitete. „Mir ist, als wäre ich gerade erst eingeschlafen. Moment mal, das Fenster ist auf der anderen Seite des Zimmers. Da drüben ist nur eine Wand.“ Das Licht wurde größer. Jetzt sah es aus wie eine leuchtende Wolke, die keine klar abgegrenzten Enden hatte. Bill wusste, dass es ein Geist war, was für eine Art Geist jedoch, konnte er noch nicht sagen. Wenn er für die Kranken betete, lösten sich viele Dämonen von ihren Wirten, und es war nicht ungewöhnlich, dass manche dieser Geister ihm bis ins Hotel folgten, wenn der Gottesdienst beendet war. Manchmal spürte er sie in seinem Zimmer über Stunden; manchmal hörte er sie Geräusche machen, die wie Schellengeläut klangen.
Bill schlüpfte unter seinem Zudeck hervor, kniete sich an die Seite seines Bettes nieder, schloss die Augen und betete. Sein Herz pochte vor dem Schrecken des Übernatürlichen. Er fühlte den Druck des Geistes näher kommen. Als es die Fußseite des Bettes erreichte, wusste er, dass es der Engel des Herrn war – er wusste es, weil es dasselbe Gefühl war, das er im vergangenen Jahr in seiner Höhle erlebt hatte, als der Engel ihm begegnete und ihm seinen Auftrag übergeben hatte. Es war ein anderes Gefühl, als das der dämonischen Mächte, mit denen er in der Gebetsreihe kämpfte. Jene Geister fühlten sich böse und bedrohlich an. Dieser Geist vermittelte ein Gefühl der Heiligkeit und Ehrfurcht.
Bill sagte: „Oh, himmlischer Vater, wozu hast Du Deinen Engel gesandt; was soll er mir sagen? Dein Diener hört.“
Eine Antwort kam nicht sofort. Bill wartete. Nach fünf Minuten spürte Bill den Engel näher gleiten, bis er über dem Bett vor ihm schwebte. Dann, so klar, wie er jedermann sonst in seinem Leben hatte sprechen hören, hörte Bill die tiefe wohlklingende Stimme des Engels sagen: „Dein Auftrag bestand darin, für die Kranken zu beten. Du grenzt die Gabe der Heilung zu sehr auf das Vollbringen von Wundern ein. Wenn du das beibehältst, wird es geschehen, dass die Menschen dir nicht glauben werden, es sei denn, sie haben zuvor ein Wunder gesehen.“ Diese Worte waren nicht scharf ausgesprochen, und doch drangen sie wie ein Messerstich in Bills Herz. Er dachte an die Herausforderungen, die er in den vergangenen Monaten in seinen Versammlungen gegeben hatte: „Bringt mir den schlimmsten Fall, den ihr finden könnt, und ich garantiere, dass Jesus Christus ihn heilen wird ... “ Bill hatte nicht gewusst, dass er dem Herrn missfiel, wenn er solche Herausforderungen aussprach. Er hatte nur die Kraft Jesu Christi vor den Menschen erheben wollen. Doch gute Absichten machten eine Sache nicht richtig. Demütig sagte Bill: „Ich tue es nie wieder, so wahr mir Gott helfe.“
Er spürte, wie sich der Engel von ihm wegbewegte. Er öffnete die Augen und sah, dass er mitten im Zimmer stehen geblieben war, zwischen dem Bett und dem kleinen Waschbecken in der Ecke. Es hing in der Luft und kreiselte und pulsierte mit allen Farben des Regenbogens. Bill beobachtete es eine Weile. Er fühlte sich erleichtert, als wäre seine Sünde vergeben. Dann, einer plötzlichen Regung folgend, sagte er: „Macht es meinem Herrn etwas aus, wenn mein kleiner Junge dich sieht?“ Das war keine absichtslose Bitte. Von Anfang an, seit Bill begann, quer durch die Vereinigten Staaten zu reisen, wurde Billy Paul von der Möglichkeit gequält, seinen Vater zu verlieren. Oftmals beim Abschied nehmen bettelte Billy Paul: „Papi, fahr nicht weg. Mutti ist nicht mehr da, und was habe ich sonst noch auf der Welt außer dir? Ich habe solche Angst, dass du fortgehst und nie mehr zurückkommst.“ Natürlich versuchte Bill jedes Mal, ihn zu beruhigen. Dennoch hatte Bill stets nagende Gedanken über sein Fortgehen. Dann dachte er gewöhnlich an das, was Jesus sagte: „Und wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, ... ist meiner nicht wert ... der kann nicht mein Jünger sein.“ – und so ging Bill dennoch. Es war nicht leicht, seinen Sohn in solcher Pein zu verlassen. Jetzt, da er an der Seite seines Bettes in Vandalia (Illinois) kniete, mit dem übernatürlichen Licht mitten im Raume, und da Billy Paul im Bett nebenan fest schlief, kam Bill der Gedanke, dass wenn sein Sohn den Engel des Herrn nur ein einziges Mal sehen könnte, Billy Paul vielleicht begreifen würde, wie wichtig es für seinen Vater war, ihn zu verlassen, um das Werk des Herrn zu tun.
Obgleich der Engel Bills Frage nicht direkt beantwortete, so entschwand er auch nicht. Bill wertete das als Zustimmung. Bill wollte nicht im Zimmer umhergehen, so versuchte er Billy Paul durch lautes Flüstern zu wecken, „Billy. Psst ... Billy!“ Der Junge bewegte sich nicht, und so versuchte Bill es bei seinem Bruder. „Donny! Donny!“ Keine Antwort. Bill nahm sein Kissen und warf es auf das nebenstehende Bett. Es traf Donnys Kopf, und er schob es sich im Halbschlaf vom Gesicht. „Donny!“, flüsterte Billy noch einmal. Er bekam ein gemurmeltes „Ja, was ist denn?“ zur Antwort.
„Donny, wecke Billy für mich auf.“
Verschlafen richtete sich Donny halb im Bett auf, sodass er Billy Paul rütteln konnte. „Billy, wach auf. Dein Vater will etwas von dir.“ Billy Paul drehte sich um und hob die Augenlider halb. „Was ist los, Vater?“ Donny legte sich wieder hin, dann sah er das übernatürliche Feuer in der Luft brennen. Er schrie vor Schreck und rollte sich zur anderen Seite des Bettes, vom Engel weg. Das machte Billy Paul im Nu hellwach. Als der Junge das Licht sah, stieß auch er einen Schrei aus. Er krabbelte aus dem Bett, sprang in die Arme seines Vaters und schrie: „Lass es mich nicht kriegen, Papi! Lass es mich nicht kriegen.“
Bill drückte seinen zitternden Sohn fest an seine Brust und versicherte ihm: „Liebling, das wird dir nichts tun. Das ist der Engel des Herrn, der deinen Vater leitet. Er hat eben mit mir geredet, und als er fertig war, habe ich ihn gefragt, ob du ihn sehen könntest, damit du keine Angst mehr um deinen Papi hast, wenn er dich verlässt, um für den Herrn zu arbeiten.“
Billy Paul schaute noch einmal auf das übernatürliche Licht. Dieses Mal sah er einen Mann auf dem Boden stehen, gekleidet in einem weißen Gewand, der seine Arme verschränkt hatte, und dessen ernster Blick fest in seine Richtung gerichtet war. Plötzlich schrumpfte der Mann zu einem weißen Nebel zusammen, welcher in Sekundenschnelle aus dem Zimmer hinausschoss. Seltsamerweise schien ein regenbogen-ähnliches Nachglühen dort im Zimmer zu hängen, wo der Engel gestanden hatte. Am nächsten Morgen schaute Bill aus seinem Hotelfenster und beobachtete Polizeiautos, die eine Prozession Viehwagen anführten, die mit Rollstühlen, Krücken, Tragbahren und Beinschienen beladen waren – Überbleibsel der Heilungsversammlung der letzten Nacht. Hinter den Lastern marschierten die Leute, die diese Geräte weggeworfen hatten. Sie sangen Bills Leitgesang: „Glaube nur, glaube nur, alles ist möglich, glaube nur.“
Bill weinte vor Freude und dachte daran, wie der Glaube all jener Menschen am gestrigen Abend erweckt worden war, durch ein einziges Wunder: Ein Junge, der blind geboren war, empfing sein Augenlicht. Zugegeben, eine Stunde und fünfundvierzig Minuten war eine lange Zeit, um für eine einzige Person zu beten, während dort weitere Hunderte auf Gebet warteten. Aber zeigte nicht dieser Siegeszug, dass es die Mühe wert war?
In der letzten Nacht hatte Bill gedacht, er hätte die Ermahnung des Engels verstanden. Heute Morgen war er sich nicht so sicher, ob er es wirklich begriffen hatte.