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Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 3

Der Schock zu Hause

1946

In Jonesboro blieb William Branham in jenem Herbst 1946 an acht aufeinander folgenden Tagen und Nächten auf der Plattform und betete für einen anhaltenden Strom Kranker und Bedürftiger. Er nahm seine Mahlzeiten auf der Plattform ein und machte gelegentlich ein kurzes Nickerchen hinter der Kanzel, während jene in der Gebetsreihe stehen blieben und geduldig darauf warteten, dass er aufwachte und seine Arbeit fortsetzte. Am Ende der Woche pochte es in Bills Stirn vor Übermüdung. Die Handrücken waren dort wund geworden, wo er sich die Härchen ausgerissen hatte, um sich selbst wach zu halten. Dennoch wollte er nicht aufhören. Er wollte dort stehenbleiben, bis er für jede kranke Person gebetet hatte, die durch die Tür kam – aber es ging nicht. Die Nachrichten von den Heilungen und Wundern zogen wie ein Magnet weitere Tausende im Laufe der Woche nach Jonesboro. Als Bill schlussendlich am achten Abend den Heilungsfeldzug beendete, war die Gebetsreihe länger als zu Beginn.

Bill war erschöpft, sowohl körperlich als auch geistig. Pastor Reed brachte ihn ins Bett, aber Bill war so überreizt, dass er nicht schlafen konnte. Er warf sich stundenlang unter der Bettdecke hin und her. Dann gab er auf und beschloss, heim nach Jeffersonville zu fahren und sich in sein eigenes Bett fallen zu lassen, wo er hoffentlich tagelang ungestört würde schlafen können. Nach ein paar Stunden Autofahrt konnte er kaum noch seine Augen offenhalten. Um nicht am Lenkrad einzuschlafen, stieß er sein Bein gegen die Tür bis die Verkleidung ganz verbeult war. Einmal nickte er ein. Eine gellende Hupe riss ihn aus dem Halbschlaf. Er hatte gerade noch genügend Zeit, den Wagen wieder auf seine Straßenseite zu lenken. Zitternd fuhr er rechts ran, um sich wieder zu sammeln. Meda schlief noch immer auf dem Rücksitz. Bill stieg aus in der Hoffnung, dass ein Spaziergang ihn erfrischen würde. Irgendwie übermannte ihn die Erschöpfung. Als er schließlich wieder zu sich kam, fand er sich auf einer Kuhweide wieder, die Hand ausgestreckt und murmelnd: „Glaube nur, Schwester. Das ist alles, was du tun musst. Glaube nur.“ Er schüttelte heftig den Kopf und dachte: „Was ist nur los mit mir? Ich komm noch ganz durcheinander.“

Als sie Jeffersonville am späten Abend erreichten, fuhren sie erst zu Medas Eltern, um ihre Kinder abzuholen. Rebekah war nun fünf Monate alt. Bill hatte sie seit drei Monaten nicht gesehen und so war es verständlich, dass sie ihn nicht erkannte. Als er sie auf den Arm nehmen wollte, fing sie an zu weinen und wehrte sich, um wieder zu ihrer Mutter zurückzukommen. Das tat weh. „Sie kennt mich nicht mehr“, beklagte er sich.

Meda wiegte sie beruhigend in ihren Armen und zeigte auf ein Foto von Bill, das am Kopfende eines Tischchens aufgestellt war. „Ich habe das gleiche Bild von dir auf unserer Frisierkommode stehen. Jeden Tag habe ich es ihr gezeigt und gesagt: „Das ist dein Papa.“ Bill schaute auf das Bild und dann in den Spiegel in der Diele. „Kein Wunder, dass sie mich nicht erkennt. Ich habe 20 Pfund abgenommen, einen Teil Haare verloren und meine Schultern hängen. Ich sehe über haupt nicht mehr so aus.“

Ein weiterer Schock wartete auf sie, als sie zu ihrem eigenen Haus fuhren: Einige Häuserblocks entlang parkten Autos zu beiden Seiten der Straße, und nahezu 200 Menschen warteten auf seinem Grundstück auf ihn.

„Was geht hier vor?“, fragte Meda.

Bill errötete. „Überall, wo ich hinkam, habe ich unsere Adresse bekannt gegeben und den Leuten gesagt, wenn sie in der Gegend von Jeffersonville seien und Gebet benötigten, könnten sie vorbeischauen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so schnell kommen würden.“ Bis spät in die Nacht betete Bill für die Menschenmenge in seinem Vorgarten. Schließlich fuhr auch der letzte davon. Meda half Bill ins Bett. Es war zwei Uhr morgens. Er lag ruhig im Bett und dämmerte im Halbschlaf vor sich hin. Plötzlich wurde er wieder hellwach. Er hatte Krämpfe in den Beinen.

Meda setzte sich auf. „Bill, weißt du, was du gemacht hast?“ „Ich denke, ich habe geschlafen.“

„Du hattest deinen Arm um das Kissen gelegt und gemurmelt: ‚Wer ist der Nächste? Wenn du nur glaubst – denn der Engel sagte mir, wenn ich erreiche, dass die Menschen glauben ... ‘ Bill, ich mache mir Sorgen um dich.“

Draußen fuhr ein Auto vor. Es hörte sich nach einem alten Auto an. Der Motor lief ungleichmäßig im Leerlauf und die Kotflügel schepperten von den Vibrationen. Jemand klopfte an die Eingangstür. Meda legte ihre Finger auf Bills Augenlider und schloss sie sanft. Sie sagte: „Ich werde ihnen sagen, sie sollen morgen wiederkommen. Und du, Liebling, schlaf!“

Bill hörte die Stimme eines Mannes in der Küche sagen: „Unser Baby ist seit langem krank. Es hört nicht auf zu schreien. Es schreit Tag und Nacht. Der Arzt kann nicht herausfinden, woran es liegt.“ Bill hörte, wie das Baby merkwürdige Geräusche machte – eine Art Keuchen, als ob es schreien wollte, jedoch keine Kraft mehr dazu hatte. Das Geräusch hörte sich unmenschlich an. Bill hörte Meda sagen: „Bill ist gerade erst eingeschlafen, und ich möchte ihn nicht sofort wieder wecken.“ Dann hörte Bill eine andere Frauenstimme: „Wir sind aus dem Norden Ohios. Wir sind den ganzen Tag und die ganze Nacht gefahren, um hierher zu kommen.“

Bill dachte: „Wie kann ich schlafen, während das arme Baby im anderen Raum leidet und ein Gebet ihm vielleicht helfen kann?“

Er wankte in seinem Schlafanzug hinaus. Ein zehn Wochen altes Baby lag eingewickelt in eine Decke auf dem Küchentisch. Sein kleines Gesicht verzerrte sich, als es schwach versuchte zu weinen. Bill bat alle niederzuknien, und gemeinsam wandten sie sich an den Einen, der die Kraft hatte, dieses leidende Kind zu befreien – Jesus Christus. Das Baby hörte auf zu weinen, das Gesicht entspannte sich. Als das Paar zehn Minuten später ging, gluckste und lächelte das Baby.

Bevor Bill Zeit hatte wieder ins Bett zu kriechen, fuhr das nächste Auto vor. Bill hörte Fußtritte aufs Haus zulaufen. Jemand hämmerte an die Eingangstür. Bill ließ einen aufgeregten jungen Mann in die Küche. Er sagte: „Bruder Branham, meine Schwester hat eine Blinddarment zündung. Es ist schlimm um sie bestellt. Am Vormittag soll sie in Louisville operiert werden, aber ihr Zustand hat sich derart verschlech tert, dass Vater glaubt, sie wird den Weg zum Krankenhaus nicht überstehen. Es ist eine sehr holprige Bergstraße. Wir wohnen etwa 60 Kilometer westlich von hier nahe Milltown. Wir wissen, was Gott für Georgie Carter getan hat, und so hat Vater mich geschickt, um zu fragen, ob du für meine Schwester beten würdest. Kommst du mit?“ Ohne eine Sekunde zu zögern sagte Bill: „Ja, ich zieh mich schnell an, dann folge ich dir in meinem Auto.“

Meda begann zu weinen: „Liebling, du wirst unterwegs einschlafen.“ „Nein Liebes, mach dir keine Sorgen“, versicherte Bill ihr. Doch nachdem er eine Strecke gefahren war, schwand seine Zuvers icht. Seine Augen wurden schwer wie Blei. Manchmal kniff er sich, manchm al biss er sich in die Finger, ja, er rieb sich die Augen mit Spucke, um den Schlaf zu vertreiben. Der junge Mann hatte recht, was den schrecklichen Zustand der Straße anbelangte, besonders der letzten paar Kilometer, auf denen sich die Straße zu zwei Reifenspuren verengte, die sich zwischen Zäunen durch das bergige Land schlängelte. Zumindest brauchte er jetzt keine Angst vor dem Einschlafen zu haben, da er jedesmal durchgerüttelt wurde, wenn er durch ein Schlagloch fuhr. Die beiden Autos parkten vor einem Bauernhaus. Nachdem Bill den Vater und die Mutter begrüßt hatte, folgte er ihnen zum Bett eines Mädchens von ungefähr 18 Jahren. Ihre blasse Haut glänzte von den Schweißp erlen um ihre Schläfen. Sie zeigte Bill ihre geschwollene Seite.

Der Vater des Mädchens sagte: „Sie hat seit drei Tagen nichts gegessen. Heute konnte sie nicht einmal Wasser bei sich behalten. Sie soll heute Vormittag operiert werden. Ein Krankenwagen soll sie in ein paar Stunden abholen, aber ihr Zustand hat sich heute Nacht derart verschlechtert, dass ich fürchte, sie wird die Fahrt nicht überstehen.“

Bill kannte sich mit Blinddarmentzündungen aus. Er hatte einige Male zugeschaut wie sein Freund Sam Adair Patienten operierte. Wenn der Blinddarm dieses Mädchens vor dem Durchbruch stand – und es sah tatsächlich danach aus – dann würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach die 60 Kilometer bis New Albany nicht überleben. Allein die ersten paar Kilometer würden sie umbringen.

Ängstlich fragte das Mädchen: „Oh Bruder Branham, glaubst du, dass ich am Leben bleibe?“

Bill wählte seine Worte sorgfältig: „Ja, das glaube ich, wenn du genügend Glauben hast. Glaubst du, dass Jesus Christus dich heilen kann?“ Ihre Antwort sprudelte in einem ängstlichen Schwall heraus. „Oh ja, ich glaube. Meine Gemeinde sagt, die Tage der Wunder seien vorbei, aber ich gebe nichts darum, was meine Gemeinde sagt: Ich glaube. Georgie Carter wurde gesund, und ich werde auch wieder gesund. Ich habe Angst vor der Operation.“

Bill, der Tausende von Heilungen und Wundern in den vergangenen sechs Monaten gesehen hatte, sah durch das nervöse Glaubensbe kenntnis des Mädchens hindurch die Zweifel und Ängste, die darunter lagen. „Schwester, ich möchte dir nicht weh tun, aber du glaubst nicht. Normalerweise hätte ich genügend Zeit, um dich mit dem bisschen Glauben, den du hast, versuchen zu lassen, für deine Heilung zu glauben. Doch dies ist ein Notfall. Du wirst hier und jetzt glauben müssen, oder – ich will ehrlich mit dir sein – du wirst das Krankenhaus nicht lebend erreichen.“

Weder das Mädchen noch seine Eltern waren von seiner Freimütigkeit angetan, doch konnte Bill darauf keine Rücksicht nehmen. Die Situation war dringlich. Er entschloss sich, etwas Drastisches zu versuchen, damit sie begriff, worum es ging. Bill saß auf der einen Seite ihres Bettes – der Seite, die der Mitte des Raumes am nächsten war. Ihre Eltern und ein paar Freunde standen auf der anderen Seite des Bettes – der Seite, die der Zimmerwand am nächsten war. In der Mitte der Zimmerdecke befand sich eine elektrische Lampe. Eine Kordel hing vom Lampenschirm herunter, an deren Ende, auf halber Höhe zwischen Decke und Boden, ein rotweißes Armband hing. Bill wusste nicht, warum dieses Armband dort hing; vielleicht, um damit das Baby im Haus zu unterhalten. Er fand, dass das Armband seinem Vorhaben dienen würde. Bill sagte: „Ihr Erwachsenen müsst euch alle mit dem Gesicht zur Wand drehen.“ Dann sagte er zu dem Mädchen: „Wie weit ist das Armband deiner Meinung nach entfernt?“

„Ungefähr fünf Meter, warum?“

„Du sagst mir, du hättest Glauben für alle Dinge. Ich möchte, dass du mir das beweist. Ich möchte, dass du auf das Armband schaust und es an der Kordel herumschwingen lässt; dann möchte ich, dass du es vor- und zurückschwingen lässt, dann halte es an. Wenn du das kannst, dann weiß ich, dass du genügend Glauben für ein Wunder hast.“ Die Überraschung des Mädchens mischte sich mit Enttäuschung.

„Oh, Bruder Branham, nein! Warum verlangst du so etwas von mir? Niemand kann das.“

„Oh, doch“, sagte Bill. „Jeder kann das, wenn er glaubt. Jesus sagt: ‚Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubt‘.“

Sie blieb skeptisch. „Aber Jesus sprach über geistliche Dinge. Dies ist materiell. Kannst du es?“

„Ja.“

„Kann ich das mal sehen?“

„Wenn du möchtest. Richte deine Augen einfach auf das Armband.“ Bill heftete seine eigenen Augen auf den Gegenstand und konzentrierte seinen Glauben. Mittlerweile hatte er Gott so viele Wunder vollbringen sehen, dass er wusste, dass durch den Glauben tatsächlich alle Dinge möglich sind. Im Nu begann das Armband am Ende der Kordel herum zuschwingen. Dann begann es, wie ein Pendel hin und her zu schwingen. Dann stand es still.

Das Mädchen schnappte nach Luft. „Bruder Branham, das ist Spiritismus!“

„Ich dachte mir, dass du vielleicht so etwas sagen würdest. Nein, es ist nicht Spiritismus, es ist Glaube. Nun, Spiritisten benutzen dies oft, indem sie Tricks zur Belustigung vorführen – sie lassen Gläser zerspringen, verbiegen Löffel und so weiter, aber es ist dennoch lediglich Glaube.“ Das Mädchen vermochte nicht zu erfassen, was er meinte. „Ich gehöre zur Church of Christ. Wir sprechen, wo die Bibel spricht, und wir schweigen, wo die Bibel schweigt. Und so etwas findet man nicht in der Bibel.“ „Aber sicher, es ist in der Bibel“, sagte Bill. „Erinnere dich an jenen Morgen, an dem Jesus zu einem Feigenbaum ging, um nach Früchten zu suchen. Als Er keine fand, verfluchte Er den Baum. Der Baum begann zu verdorren. Als Er am Abend zurückkam, war der Baum vollständig verdorrt. Petrus bemerkte, wie schnell das geschehen war, und Jesus antwortete, dass man nicht nur das tun kann, was Er mit dem Feigenbaum getan hatte, sondern wenn man zu diesem Berge spricht: Erhebe dich – und im Herzen nicht zweifelt –, so würde es geschehen. Hat Er das nicht gesagt? Sicher tat Er das. Ich weiß, dein Pastor versucht, seinen Unglauben zu rechtfertigen, indem er sagt, das war der Berg der Sünde, über den Jesus sprach, aber es war der Ölberg. Er sagte, es bedarf allein eines Glaubens wie ein Senfkorn. Nun, wenn ein so kleines bisschen unverfälschter Glaube einen Berg versetzen kann, wie viel weniger Glauben benötigt man, um das Armband zu bewegen?“

Das Mädchen lag nachdenklich da. Bei jedem schmerzhaften Atemzug zuckte sie. Bill entschloss sich, die Sache anders anzugehen: „Schau Schwester, ein Engel kam vor fünf Monaten zu mir und sagte mir, dass Gott mich, noch ehe ich geboren wurde, dazu bestimmt hatte, eine Gabe der göttlichen Heilung den Menschen zu bringen. Ich stand von Angesicht zu Angesicht einem übernatürlichen Wesen gegenüber, und er sagte mir, wenn ich erreichen könnte, dass die Menschen mir glauben und ich aufrichtig wäre, wenn ich bete, dass nichts meinem Gebet widerstehen könnte. Wenn du mit deinem ganzen Herzen glauben wirst, das wird Gott bewegen. Dein Glaube wird dich retten. Nicht das, was du dir in deinem Verstand zurechtgelegt hast, sondern was du wirklich glaubst.“ Das Mädchen antwortete: „Bruder Branham, ich weiß, dass es noch etwas jenseits dessen gibt, das ich bisher erfasst habe. Gott sei mir gnädig. Ich werde mit meinem ganzen Herzen versuchen, Ihm zu glauben.“ Bill nahm ihre rechte Hand und beobachtete, wie seine linke Hand vom Pochen der unsichtbaren Vibrationen anschwoll. Er war bereits mit Blind darmentzündungen in Berührung gekommen und kannte das Muster der weißen Beulen, die sich auf seinem Handrücken formten. Allein anhand der intensiven Vibrationen wusste er, dass dieser Fall ernst war. Während er den Herrn Jesus bat einzugreifen, wurde das Pochen in seinem Arm schwächer und verschwand dann völlig. Seine linke Hand kehrte in ihren Normalzustand zurück. Bill sagte: „Gott segne dich, Schwester. Dein Glaube hat dich gerettet.“

Inmitten der Freude und Erleichterung, die durch das Zimmer ging, setzte sich Bill hin und schlief augenblicklich ein. Ein paar Stunden später erwachte er, als die Sonne ihm bereits ins Gesicht schien. Der Vater sagte: „Guten Morgen“, und schüttelte Bills Hand über schwänglich vor Dankbarkeit. „Ich habe angerufen und ihnen Bescheid gegeben, dass sie nicht mehr mit dem Krankenwagen kommen brau chen, da meine Tochter vollständig geheilt ist.“

Das Mädchen war nicht mehr im Bett, sondern saß am Küchentisch und aß Eiscreme. „Ich fühle mich großartig, Bruder Branham. Die Schwellung an meiner Seite ist völlig weg, und ich habe nicht die geringsten Schmerzen. Und ich habe solchen Hunger!“

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