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Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 3

Ein Adler auf der Troublesome River Fährte

1950

Als der sommer des Jahres 1950 in den Herbst über ging, konnte William Branham seine wachsende Erregung nicht unterdrücken. Sein Lieblingsmonat nahte heran. Bill liebte den Oktober leidenschaftlich, denn Oktober bedeutete Jagdsaison. Und die Jagdsaison brachte Abwechslung, Herausforderung und eine Zeit der Freiheit. Die Jagd bedeutete Bill mehr als nur eine Auszeit von seinem dichten Terminplan. Das Jagen ließ ihn zu seinen Wurzeln zurückk ehren. Als Junge hatte ihn die Wildnis emotional getragen. Sie war sein Tröster, seine Freude gewesen und hatte ihn geistig gesund erhalten. Sie war der einzige Ort in seiner schwierigen Kindheit gewesen, wo er Seelenruhe erfahren hatte. Die Wildnis gab ihm noch immer Frieden. Das Jagen gab ihm Gelegenheit, den anhaltenden Forderungen seines öffentlichen Dienstes zu entkommen und in Ruhe mit seinem Schöpfer Gemeins chaft zu haben – in der Schönheit der makellosen Schöpfung Gottes. Das Zelten gab ihm Zeit zu entspannen, nachzudenken, tief in sich nach dem wahren Zweck seines Lebens zu suchen. Es gab ihm Zeit, seine Ziele und Motive zu überprüfen und zu erkennen, ob er immer noch auf der richtigen Spur war. Die frische Bergluft belebte ihn neu nach Geist, Seele und Leib. Bill ging jeden Herbst jagen. Selbst seine Hochzeit mit Meda im Oktober 1941 hatte diese Tradition nicht durchbrochen. Er hatte einfach seine Hochzeitsreise mit seiner Jagdreise verbunden. Nach diesem einen Ausflug entschied Meda, dass sie so spartanisch nicht leben konnte, und ging niemals wieder mit ihrem Ehemann auf die Jagd. Folglich haben Bill und Meda ihren Hochzeitstag in all den Jahren ihrer Ehe nie zusammen verbracht, weil Bill am 23. Oktober stets in der Wildnis zeltete. Als Bill jünger war, jagte er nahe seinem Zuhause. Doch in den letzten paar Jahren – seitdem sein Leben sich auf dem ganzen norda merikanischen Kontinent abspielte – hatte Bill seine Jagdferien in den Colorado Rockies verbracht. Dorthin war er auch in diesem Oktober 1950 unterwegs. Er jagte Wapiti. Die Saison hatte eine Woche zuvor begonnen, und so hatten die Wapitiherden die unteren Täler bereits verlassen, doch dies war in Bills Plan. Er wusste, dass sobald die ersten Schüsse der Saison abgefeuert wurden, die Wapiti hoch in die Berggipfel zogen, wo es schwerer war, sie zu erreichen. Die meisten Jäger hatten weder die Zeit noch die Kraft, die Herden so weit in die Wildnis zu verfolgen. Bill hatte beides. Er und ein Freund ritten mit ihren Pferden das Troublesome River Tal entlang und schlugen ihr Lager auf, wo der Fluss sich gabelte, mindestens 320 Kilometer von der nächsten Stadt und 60 Kilometer vom nächsten Außenposten der Zivilisation entfernt.

Am nächsten Morgen trennten sich die beiden Männer. Bill folgte einem Arm des Flusses in die Hochebene, während sein Freund den anderen Arm nahm. Sie gedachten einen bestimmten Berg zu umkreisen und sich in ein paar Tagen wieder zu treffen.

Bill bahnte sich seinen Weg durch das dichte Unterholz und das Dickicht der Zitterpappeln, die den Troublesome River eingrenzten. Als der Weg unpassierbar wurde, verließ Bill den Fluss und folgte einer Bergschlucht, indem er einen steilen Abhang hinaufritt, der mit Fichten, Lärchen, Zedern und Kiefern bedeckt war. Als er schließlich die Baumgrenze erreichte, entschied er sich abzusitzen. Es hatte in dieser Saison noch nicht geschneit, und so würden die Wapitiherden hier zwischen den Berggipfeln verstreut sein. Pferde würden draußen in der offenen Landschaft zu viel Aufmerksamkeit erregen. Er würde eine bessere Chance haben, einen Wapitibock zu schießen, wenn er zu Fuß jagte. Bill pflockte seine Pferde an und gab ihnen genügend Leine, damit sie in seiner Abwesenheit nach Futter suchen konnten. Dann, mit dem Gewehr in der Hand, verbrachte er den Rest des Tages damit, sich seinen Weg durch die Felsblöcke entlang der Baumgrenze sorgfältig auszusuchen, nach Möglichkeit immer in Deckung der Nadelbäume.

An jenem Nachmittag brauste eine Gewitterfront über den gezackten Horizont. Blitze erfüllten die Luft mit Elektrizität, und Donner krachten so laut, dass es klang, als ob die Berge sich entzweiteilten. Regen begann zu fallen. Bill nahm Zuflucht unter einer buschigen Konifere mit ausladenden Ästen, die ihn so trocken hielten, als wäre er unter einem Regenschirm. Er stellte sein Gewehr gegen den Stamm, blickte ins Tal hinunter und dachte daran, wie groß und gut sein Herr und Schöpfer ist. Nach 20 Minuten hörte es auf zu regnen. Ein kalter Wind blies von den Berggipfeln herab, gefror die Regentropfen, während sie von den Zweigen fielen, und kleidete die Bäume im Tal mit tausenden von winzigen Eiszapfen. Die Sonne senkte sich Stück für Stück hinter den Wolken, bis sie die westlichen Berggipfel berührte und die Welt in einem orangenen Licht badete, das die Schatten verstärkte und die zerklüfteten Linien einer jeden Gebirgsspalte und eines jeden Gebirgstals klar abzeichnete. Ein vollständiger Regenbogen überspannte das Tal. Bills Freude stieg bis zu dem Scheitelpunkt jenes Bogens. Er sagte laut: „Oh, großer Jehova Gott, dort ist Dein Regenbogen am Himmel, jener schöne alttestamentliche Bund mit Deinem Volk, mit dem Du versprochen hast, die Erde niemals wieder durch eine Flut zu zerstören.“

Dann dachte Bill an Offenbarung Kapitel 10, wo geschrieben steht, dass ein Regenbogen das Haupt Christi umhüllt – ein Sinnbild des neutesta mentlichen Bundes. Das war der schönste Bund von allen – ein Blut-Bund, in welchem Gott verheißen hat, all jene zu erretten, die auf das Opfer Seines Sohnes Jesus Christus schauen. Tränen liefen Bill die Wangen hinunter, als er darüber nachdachte.

Die Wapitiherde musste sich während des Sturms verstreut haben. In der Ferne konnte Bill die Böcke einander zuröhren hören. Von irgendwo hoch in den Berggipfeln, nicht zu weit entfernt, hörte Bill einen Grauwolf heulen. Sein Gefährte antwortete ihm von weiter unten. Bill fühlte das Erbgut seiner Großmutter sich in seinem Inneren erheben – jenes cherokeeindianische Blut, von dem Bill glaubte, dass es der Grund für seine tiefe Liebe zur Natur war. Die Berge atmeten mit der Kraft Gottes; es schien, als ob sein Schöpfer ihm von jeder Kiefernnadel und jedem Felsblock aus zurief. Bill konnte nicht länger an sich halten. Wieder und wieder rannte er um den Baum so schnell seine Beine die Kurve nehmen konnten, und rief Lobpreis zu Gott, so laut seine Stimme schreien konnte. Schließlich hielt er inne und lehnte sich gegen den knorrigen Baumstamm, um zu Atem zu kommen.

Fünfzig Meter weiter unten am Hang saß ein Eichhörnchen auf einem Baumstumpf und schnatterte unaufhörlich.

„Worüber bist du so aufgeregt, kleiner Matz?“, fragte Bill. „Ich tu dir nichts.“ Er bemerkte, dass das Männchen nicht einmal in seine Richtung schaute. Bill folgte dem starren Blick des Eichhörnchens den Abhang diagonal hinunter zu einer Stelle, an der einige abgestorbene Bäume umgestürzt waren und er erkannte, was die Aufmerksamkeit des Eichhörnchens gefangen genommen hatte. Der Sturm hatte einen großen Weißkopf seeadler hinabgezwungen. Der Adler tappte zwischen einigen Büschen hervor und stand in der Lichtung und blickte zwischen dem Menschen und dem Eichhörnchen hin und her.

Bill sagte: „Gott, ich sehe Dich in den Nadelbäumen und in den zerklüf teten Bergspitzen, ich sehe Dich in dem Gewitter: Dem Wind, dem Donner, dem Blitz und im Regen, ich sehe Dich im Sonnenuntergang und in dem Regenbogen, aber ich sehe Dich noch nicht in diesem Adler. Er ist nur ein Aasfresser. Warum lenkst Du meine Aufmerksamkeit auf diesen Vogel hin?“

Er bemerkte, wie gelassen und kaltblütig der Adler wirkte. Er dachte: „Ich weiß, dass Gott Christen will, die mutig sind, wenn es darum geht, das Wort Gottes zu glauben. Ich frage mich, ob Gott mich diesen Adler sehen lassen möchte, weil er furchtlos ist. Ich glaub, ich werde mal sehen, wie mutig er wirklich ist.“ Laut sagte er: „Warum fürchtest du dich nicht vor mir? Weißt du nicht, dass ich dich erschießen könnte?“ Sobald Bill zu reden anfing, ignorierte der Adler das Eichhörnchen und schaute nur noch auf ihn. Bill täuschte einen Griff nach seinem Gewehr vor. Der Adler rührte sich nicht. „Du fürchtest dich immer noch nicht, stimmt’s? Ich frag mich, warum.“ Dann bemerkte er, wie der Adler seine Flügel in langsamen, anmutigen Schlägen spielen ließ. „Jetzt sehe ich, warum du so mutig bist. Gott gab dir diese beiden Schwingen, damit du der Gefahr enteilen kannst, und du vertraust der Gabe, die Gott dir gegeben hat. Ganz gleich, wie schnell ich mein Gewehr ergreifen würde, du würdest in die Büsche fliegen, ehe ich zum Schießen käme. Solange du diese Schwingen fühlst, weißt du, dass du in Ordnung bist. Und so lange ich fühlen kann, wie der Heilige Geist sich in meinem Leben bewegt, weiß auch ich, dass ich in Ordnung bin.“

Der Adler und der Mann beobachteten einander für eine lange Zeit mit gegenseitigem Respekt. Schließlich schaute der große Vogel zurück auf das Eichhörnchen, das noch immer ununterbrochen schnatterte. Dem Adler schien dieses anhaltende Geschnatter zuwider zu sein. Er stieß sich mit einem Satz in die Luft ab, schlug zweimal mit seinen Schwingen und richtete sie dann so aus, dass der Wind sie erfasste. Er schlug seine Flügel kein weiteres Mal; der Luftstrom hob ihn einfach höher und höher in den Sonnenuntergang hinein.

Bill beobachtete, wie der Adler emporstieg, bis er nur ein Bleistiftpunkt oben am Himmel war. Die Sonne, die mittlerweile in den Sattel zwischen zwei Bergspitzen gesunken war, erinnerte Bill an das große, allsehende Auge Gottes, das wohlgefällig auf Seine Schöpfung blickt. Bill erhob seine Hände und betete an: „Himmlischer Vater, wie wunderbar ist Deine Welt. Hilf mir zu sein wie dieser Adler. Hilf mir, all dieses erdgebundene Schnattern-Schnattern-Schnattern zurückzulassen. Lehre mich, meine Schwingen in der Kraft Gottes auszurichten und mich im Geiste zu erheben, zu welchen Höhen Du mich auch immer berufen hast.“ An jenem Abend, mit überkreuzten Beinen am Lagerfeuer sitzend, nahm Bill seine abgegriffene Bibel aus seiner Satteltasche, schlug 2. Mose 19 auf und las: „Die Kinder Israel lagerten sich in der Wüste, und zwar dem Berg gegenüber. Als Mose dann zu Gott hinaufstieg, rief der Herr ihm vom Berge herab die Worte zu: So sollst du zum Hause Jakobs sprechen und den Kindern Israel verkündigen: Ihr habt selbst gesehen, was ich an den Ägyptern getan und wie ich euch auf Adlersflügeln getragen und euch hierher zu mir gebracht habe. Und nun, wenn ihr meinen Weisungen willig gehorcht und meinen Bund haltet, so sollt ihr aus allen Völkern mein besonderes Eigentum sein; denn mir gehört die ganze Erde.“ Wie bemerkenswert es schien, dass Gott Seinen Propheten Mose mit den Schwingen eines Adlers verglich. Doch nachdem, was Bill heute gesehen hatte, war er nicht überrascht. Er wusste, dass der Adler die schärfsten Augen aller Kreaturen im Königreich der Tiere hatte, was bedeutete, dass er höher fliegen und weiter sehen konnte als jeder andere Vogel. Und ist das nicht, wozu ein Prophet berufen wurde: Weiter zu sehen als jeder andere, entweder in die Vergangenheit oder in die Zukunft oder selbst in die Gedanken Gottes?

Bill dachte über die Visionen nach, die es ihm ermöglichten, in die Vergangenheit und die Zukunft zu sehen. Er wusste, dass solch eine Gabe nicht für seinen eigenen Gebrauch, sondern zur Unterstützung der weltweiten Gemeinde Jesu Christi bestimmt war. Er erinnerte sich an die Stimme am Fluss, die sagte: „Wie Johannes der Täufer gesandt war, dem Ersten Kommen Jesu Christi vorauszugehen, so bist du mit einer Botschaft gesandt, Seinem Zweiten Kommen vorauszugehen.“ Was genau bedeutete das? Legte sein Dienst das Fundament für etwas Gewaltiges? Nahte das Kommen Jesu Christi heran?

Emporgehoben durch diese Gedanken, schwang Bill sich höher hinauf als ein Adler, hoch in die Himmel hinein, wo die Atome sich aus dünnten, vorbei am Mond und den Planeten, vorbei an der Milchstraße, bis er zwischen den unzähligen Galaxien in einem so gewaltigen Universum entlangglitt, dass seine irdischen Sinne nutzlos wurden. Es war schade, dass er zur Erde zurückkehren musste, doch das Lagerfeuer war heruntergebrannt, und er zitterte in der kühlen Bergluft. Er schürte die glühenden Kohlen, bis die Flammen erneut hervorschlugen; dann warf er ein weiteres Scheit hinein. Bald brannte das Lagerfeuer wieder heiß und glühend.

Während Bill das Feuer und die Funken beobachtete, dachte er über das übernatürliche Feuer nach, das seinen Versammlungen folgte. Wie unterschied es sich doch von diesem Lagerfeuer. Wie oft hatte er versucht, den Menschen diese Erscheinung zu beschreiben, doch reichten seine Beschreibungen nie an die Wirklichkeit heran. In der Größe konnte dieses Licht irgendwo zwischen einem und mehreren Fuß im Durch messer variieren. Manchmal war es kugelförmig wie ein Stern, manchmal sah es eher zylindrisch aus und stand aufrecht wie eine Feuersäule, zu anderen Zeiten war es schmaler, lag waagerecht und drehte sich wie die Milchstraße in Miniatur. Manchmal sah seine Farbe bernsteinfarben aus, doch zu anderen Zeiten glühte es wie ein Smaragd oder gelbgrün. Gelegentlich schimmerte es in allen Farben des Regenbogens. Am Abend, während der Heilungsfeldzüge, wenn es sich von Bills Seite und hinaus in die Zuhörerschaft fortbewegte, sah es so grell wie ein Fotoblitz aus, der nicht verlöschen wollte. Dann rotierte und pulsierte es, als sei es voller Lebenskraft, und erzeugte unaufhörlich ein Geräusch, einem mächtigen Wirbelwinde gleich. Es hatte noch weitaus mehr mit dem Licht auf sich als Größe, Farbe und Abmessung. Selbst wenn Bill es nicht sehen konnte, wusste er, wenn es nahe war. Er konnte fühlen, wie es eine Gegenwart ausstrahlte, die mit menschlichen Worten nicht zu beschreiben war.

Der Engel des Herrn schien mit dem übernatürlichen Licht eng verbunden zu sein. Bill fand den Engel des Herrn gleichermaßen unbeschreibbar. Zwar gab es manche Äußerlichkeiten, die er beschreiben konnte, solche wie das schulterlange Haar des Engels und seinen dunklen Teint. Doch wenn Bill versuchte, den Charakter des Engels, dieses übernatürliche Antlitz zu umschreiben, fehlten ihm die Worte. Wie könnte er solchen Frieden und eine solche Güte beschreiben, die gleichzeitig neben solch überwältigender Kraft bestanden? Dieses Paradox gab ihm Rätsel auf ... und doch war es nur eines von vielen Dingen, die Bill über das übernatürliche Wesen nicht verstand. Er kannte den Namen des Engels nicht. Obgleich er wusste, dass der Engel nicht der Herr Jesus Christus war, verstand Bill die Verbindung zwischen dem Engel und jenem übernatürlichen Licht nicht, das über ihm wirbelte. Vor allem: Warum kam dieser Engel zu ihm? Wohin sollte das alles führen? Bill kroch in seinen Schlafsack und zog den Stoff über die Schultern. Auf seinem Rücken liegend starrte er in den sternklaren Himmel. Um ihn herum zeigten hohe, schwarze Kiefern gen Himmel. Das Orion-Sternbild verzierte den östlichen Himmel. Über dem Orion funkelte der kleine Kasten an Sternen, die als Siebengestirn bekannt sind. Bill dachte daran, dass der Prophet Hiob vor fünftausend Jahren auf dieselben Sternkonstellationen geschaut hatte. Als Bills Blick hinüber zum Nordstern wanderte, bemerkte er die blinkenden Positionslichter eines ostwärts fliegenden Flugzeugs. Der Gedanke an das Flugzeug ließ ihn Heimweh verspüren. Wie er seine Frau und Kinder doch vermisste! In diesem Oktober 1950 waren er und Meda neun Jahre verheiratet. In fünf Monaten erwarteten sie ein weiteres Baby. Es wäre gut, seine Familie wiederzusehen, selbst wenn er wusste ... Hier seufzte er. Wie eigenartig seine Gefühle in dieser Hinsicht waren. Wann immer er reiste, verlangte es ihn, zu Hause bei seiner Familie zu sein, doch nach ein paar Wochen zu Hause sehnte er sich, wieder auf Reisen zu sein. Ohne Zweifel hatte ihm der Herr diesen Persönlichkeits-Wesenszug gegeben, um ihm zu helfen, das Werk eines Evangelisten zu tun. Er erinnerte sich an die Vision, die ihm Gott an dem Vormittag gezeigt hatte, als er den Eckstein des Fundaments vom Branham Tabernacle gelegt hatte. In der Vision hatte er das fertigg estellte Gebäude voller Menschen gesehen, was ihn natürlich ganz aufgeregt gemacht hatte. Dann hatte ihn der Engel schockiert, indem er sagte: „Dies ist nicht dein Tabernakel.“ Der Engel hatte ihn daraufhin hochgenommen und ihn unter einen klaren blauen Himmel gestellt und ihm gesagt: „Dies wird dein Tabernakel sein.“ Schritt für Schritt war es wahr geworden. Von seinen einfachen Anfängen als Pastor einer Kleinstadt-Gemeinde war sein Dienst gewachsen, bis er den ganzen nordamerikanischen Kontinent abdeckte, und jetzt weitete er sich auf Europa, Afrika und darüber hinaus aus.

Ein weiteres Flugzeug erschien am Nachthimmel, dieses auf dem Weg nach Westen. Während Bill sich fragte, woher es wohl käme, schweiften seine Gedanken zurück zu seinen Anfängen. Er entsann sich des kleinen barfüßigen Jungen, der gezwungen war, Wasser einen Hügel hoch zu seines Vaters Schwarzbrennerei zu schleppen. Ein Schock hatte jenen Tag für immer in sein Gedächtnis eingeprägt. Er erinnerte sich an seine Niederg eschlagenheit und seine Tränen, an die Stille, die Pappel, den Wirbelwind, jene Stimme, die sagte: „Trinke oder rauche niemals und beflecke deinen Leib in keiner Weise! Denn es wird ein Werk für dich zu tun sein, wenn du älter wirst.“ Bill hatte über diese Worte oft während seiner schwierigen Kindheit und Jugend nachgedacht. Bei einer Gelegenheit, wo er versucht hatte, Whisky zu trinken, und einer anderen, wo er versucht hatte, eine Zigarette zu rauchen, hatte das Geräusch eines Wirbelwindes diese Worte wieder auf ihn einstürzen lassen und ihn davon abgehalten, die Fehler seines Vaters zu wiederholen. Es war eine schwierige Kindheit gewesen, voller Armut, Ablehnung und Verwirrung. Er fand keinen Frieden, bis er als junger Mann sein Leben schließlich dem Herrn Jesus Christus übergab. Die Verwirrung verschwand nicht, ehe er dem Engel des Herrn von Angesicht zu Angesicht begegnet war. Jene Nacht am 7. Mai 1946 war so unaus löschlich in sein Gedächtnis eingeprägt – die Höhle, die Dunkelheit, seine geistige Qual und Verzweiflung, das Licht, die Schritte, der Mann, der aus dem Licht hervortrat, Bills Furcht, die sich in Frieden auflöste, als der Engel sagte: „Fürchte dich nicht“, und seine Botschaft – niemals könnte Bill die Worte des Engels vergessen: „Ich bin aus der Gegenwart des Allmächtigen Gottes gesandt, um dir zu sagen, dass deine sonderbare Geburt und dein missverstandenes Leben anzeigen sollen, dass du eine Gabe der göttlichen Heilung den Völkern der Welt bringen sollst.“ Es geschah genauso, wie es der Engel gesagt hatte. 1946 war Bill ein unbekannter Kleinstadt-Prediger. 1950, nur vier Jahre später, war er so bekannt, dass Könige und hohe Staatsbeamte sein Gebet wünschten. Prediger aus vielen verschiedenen Konfessionen richteten dieselbe Anfrage an ihn: „Komm in unsere Stadt und halte einen Heilungsfeldzug für uns.“ Er hatte mehr Anfragen von Predigern, als es Abende in einem Jahr gab. Die Nachfrage nach seinen Gottesdiensten schien unersättlich. Er wusste, warum. Genau wie der Engel es verheißen hatte, hatte das Zeichen in seiner Hand den Weg für die Unterscheidung durch Visionen bereitet und Millionen von Menschen für die Realität Jesu Christi als den allwissenden Gott wachgerüttelt.

Das Dröhnen des Flugzeugs wurde lauter. Wie fehl am Platz hörte es sich in diesem abgelegenen Wald an. Hoch oben hatte das Flugzeug, das nach Westen flog, jetzt einen Punkt mitten zwischen den beiden Horizonten erreicht. Bill dachte daran, dass sein eigenes Leben vielleicht seine Mitte erreicht hatte. Hatte sein Dienst den Zenith erreicht? Bis jetzt hatte er in seinem Dienst gesehen, wie Jesus Christus die Blinden, Tauben, Stummen, Lahmen und jede erdenkliche Krankheit heilte, ja selbst die Toten auferweckte. Welch größere Dinge konnten geschehen? Natürlich erwartete er, dass ihm ähnliche Wunder in Südafrika folgen würden, weil der Herr ihn durch die außergewöhnliche Heilung von Florence Nightingale Shirlaw gezielt auf dieses Land gestoßen hatte. Und da Satan ihm schon eine Falle ausgelegt hatte: Was könnte Satan möglicherweise tun, um ihn zu Fall zu bringen, besonders jetzt, nachdem er vorgewarnt war?

Regungslos beobachtete Bill das blinkende Positionslicht über ihm, während das Flugzeug auf den westlichen Horizont hinüberwechselte. Er fragte sich, wohin das Flugzeug flog – Tucson (Arizona), Los Angeles (Kalifornien)? Bill dachte daran, wie sehr er diese westlichen Staaten liebte. Dann erinnerte er sich, wie ihm vor Jahren eine Astrologin, eine Fremde, seinen Geburtstag gesagt, seine Aura beschrieben und ihm gesagt hatte, dass seine Bestimmung im Westen läge. Das war merkwürdig, weil viele seiner Visionen etwas mit dem Westen zu tun hatten. Als 14-jähriger Junge, als er die Operation hatte, in der ihm die Schrotflinten-Patronenpfropfen und die Bleikugeln aus seinen geschwollenen Beinen entfernt wurden, hatte er eine Vision über sich selbst gesehen, wie er draußen im Westen auf einer Prärie stand mit seinen Händen zu einem Kreuz erhoben, das Licht in seine Brust und Seele ausstrahlte. Nachdem Hope und Sharon Rose gestorben waren, hatte er geträumt, dass er im Westen an einem alten Planwagen vorbeiging. Sharon Rose begegnete ihm als junge Frau an dem gebrochenen Wagenrad und wies ihn in Richtung eines Herrenhauses, wo Hope auf ihn wartete. Im Traum ging die Sonne gerade unter und sandte orangene Lichtstrahlen in den Himmel. Später, nachdem er Meda geheiratet hatte, sah er eine Vision, in welcher er nordostwärts ging und der Engel des Herrn ihn umdrehte, sodass er gen Westen unterwegs war. Er überquerte einen Berg zu einer großen Wüste, wo er ein riesiges Zelt oder eine gewölbte Kirche vorfand, die einen gewaltigen Berg an Brot des Lebens überdeckte. Der Engel trug ihm auf, dieses Brot den tausenden von Menschen zu essen zu geben, die aus allen Richtungen durch die Wüste herzugelaufen kamen. Bill erinnerte sich sogar an den Traum seiner Mutter über die sechs Tauben, die vom Himmel in der Form des Buchstabens „S“ herunterk amen und auf seiner Brust landeten. In ihrem Traum baute Bill ein Haus im Westen. Für Bill schien es durch diese Hinweise klar, dass seine Bestimmung im Westen auf ihn wartete. Was könnte möglicherweise die Visionen, Heilungen und Wunder übertreffen, die sich bereits in seinem Dienst ereignet hatten?

Das Flugzeug geriet über dem westlichen Horizont außer Sichtweite. Bill konnte auch über seinen eigenen Horizont nicht hinwegschauen. Er konnte nicht sehen, wie listig Satan jene Falle in Südafrika ausgelegt hatte und um welche Haaresb reite sie ihn zerstört hätte. Genausowenig konnte er die Zeit voraussehen, wo es keine anhaltende Nachfrage nach seinen Gottesdiensten mehr geben würde. Er konnte nicht wissen, dass Gott ihn in einen noch höheren Dienst als den der Verkündigung des Evangeliums berufen würde. An diesem kühlen Oktoberabend 1950 hätte William Branham sich unmöglich die Fährte der übern atürlichen Geschehnisse vorstellen können, die ihn nach Westen zum Sunset Mountain in Arizona führen würde. Dort würde er schließlich seiner Bestimmung begegnen und mit Ehrfurcht vor ihrem Ausmaß erbeben, denn es würde donnern mit einer Stimme, die die Erde erschüttern würde.

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