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Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 3

Eine Waschfrau hält sein Flugzeug am Boden

1950

Nachdem er einen Monat in Texas zugebracht hatte, wünschte er sich nichts sehnlicher als zu seiner Frau und den Kindern zurück zukehren. Bedauerlicherweise überzogen an dem Nachmittag, an welchem er aus Dallas abflog, gefährliche Gewitter den Südosten, die das Flugzeug zu einer außerplanmäßigen Landung in Memphis (Tennessee) zwangen. Die Fluggesellschaft brachte ihre Passagiere im Peabody Hotel unter, wo sie den Sturm abwarteten. Bill rief zu Hause an, um Meda mitzuteilen, was geschehen war. Dann verbrachte er den Rest des Abends damit, Briefe zu schreiben.

Draußen gingen schwere Regenfälle auf Memphis nieder. Die Nacht hellte sich regelmäßig durch Blitze auf, gefolgt von Donnerschlägen. Kurz vor Mitternacht hörte es auf zu regnen. Bill schaute aus dem Fenster und sah die Flecken der Sterne zwischen den grollenden Gewitterfronten. Es sah aus, als ob der Sturm sich legte.

Um sechs Uhr morgens rief ein Flugbegleiter an, um Bill wissen zu lassen, dass das Flugzeug um Punkt acht Uhr abheben werde. Bill stand auf und zog einen hellbraunen Anzug an. Er schaute auf die Uhr und fand, dass er noch reichlich Zeit hatte, einen Briefkasten zu finden und seine Briefe einzuwerfen.

Es versprach ein warmer Tag zu werden. Nach dem reinigenden Regen der Nacht war die Luft erfüllt vom intensiven Duft der Blumengärten. Überall zwitscherten Vögel und erweckten in Bill den Wunsch mit einzu stimmen. Er summte eine christliche Melodie, während er die Schönheit der Welt seines himmlischen Vaters genoss.

Nachdem er zwei Häuserblocks entlang spaziert war, fand Bill einen Briefkasten vor einer Bank. Er warf seine Briefe durch den Schlitz und wandte sich gerade zum Gehen, als er das Geräusch eines Wirbelwindes hörte – whoossssh. Er bekam eine Gänsehaut im Nacken, als er spürte, wie die Gegenwart des Engels sich nahte. Bill trat in den Schatten einer Säule zurück, neigte sein Haupt und sagte: „Vater, was möchtest Du, dass es Dein Diener tue?“

So deutlich wie er die Vögel singen hörte, hörte er den Engel des Herrn sagen: „Gehe los und halte nicht an.“ Mit nur dieser Anweisung machte sich Bill in Richtung des Hotels auf den Weg. Als er sich dem Hoteleingang nahte, wollte er wie selbstverständlich hineingehen. Doch die tiefe Stimme des Engels sagte wieder: „Gehe weiter.“ Bill schaute auf seine Uhr. In einer Stunde würde sein Flugzeug abheben. Dennoch ging er am Hotel vorüber, ohne zu wissen, wohin oder zu welchem Zweck der Herr ihn führte.

Er wanderte einige Kilometer weit, summte vor sich hin und erfreute sich der regenfrischen Luft, die nach Geißblatt und Rosen duftete. Es war ein schönes Gefühl, zu leben. Trotzdem war er etwas nervös wegen der Zeit. Er schaute wiederholt auf die Uhr, und das immer häufiger, je näher acht Uhr heranrückte. Jedes Mal, wenn er auf die Uhr schaute, drängte der Engel: „Gehe weiter.“ Als der Stundenzeiger an acht vorüber war, fand Bill sich mit der Tatsache ab, dass er andere Vorkehrungen treffen musste, um nach Hause zu kommen. „Herr, ich weiß nicht, warum ich hier bin, aber Du sagtest: ‚Gehe‘, und so gehe ich. Was hat es hiermit auf sich?“

Mittlerweile war er in einen der ärmeren Stadtteile von Memphis gelangt. Die Schotterstraße war mit Schlaglöchern übersät. Er ging einen Hügel hinunter, wo neben der Straße ein Bach rann. Etwas weiter vorne sah er eine große, stämmige, farbige Frau, die in ihrem Vorgarten stand, mit beiden Ellbogen auf eine Pforte gelehnt. Sie hatte ein Männerhemd wie ein Kopftuch um ihren Kopf gewickelt. Als Bill näher kam, sagte die Frau: „Guten Morgen, Parson.“ Bill tippte an seinen Hut und sagte, „Guten Morgen, Auntie.“ Dann hielt er abrupt inne, als ihm bewusst wurde, wie merkwürdig das war. Sie hatte Parson gesagt. Er wandte sich zu der farbigen Frau und fragte: „Weißt du, wer ich bin?“

„Nein.“

„Woher wusstest du dann, dass ich ein Parson bin?“

Sie grinste. „Ich wusste, dass du kommst.“

Bill ging zur Pforte hinüber. „Wie konntest du wissen, dass ich komme? Ich wusste es selbst nicht.“

Sie erklärte: „Parson, hast du jemals in der Bibel über die Sunamitin gelesen, die keine Kinder bekommen konnte? Sie versprach Gott, dass wenn Er ihr ein Kind schenken würde, sie es für den Herrn aufziehen würde. Nun, ich bin eine solche Frau, und ich habe dem Herrn dasselbe versprochen. Er gab mir das Kind, und ich habe mein Bestes versucht, es für den Herrn zu erziehen. Doch vor ein paar Jahren ist er in schlechte Gesellschaft geraten. Er hat einen Weg eingeschlagen, der verkehrt ist, und hat sich eine Geschlechtskrankheit zugezogen. Es ist Syphilis. Bis er erkannte, dass er infiziert ist, war es schon zu weit fortgeschritten. Er liegt jetzt sterbend auf meinem Bett. Gestern hat der Arzt – er kam vorbei und schaute nach – , da hat der Arzt gesagt: ,Es gibt für ihn keine Hoffnung. Er hat ein Loch im Herzen, und sein Blut ist voller Eiter. Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst‘.“

„Parson, ich könnte es nicht ertragen, meinen Jungen in diesem Zustand sterben zu sehen. Ich möchte, dass er gerettet wird. Also habe ich gestern den ganzen Abend gebetet und gebetet und gesagt: ,Herr, wenn ich wie diese Sunamitin bin, wo ist dann Dein Elisa?’“

„Irgendwann in der Nacht bin ich auf meinem Stuhl eingeschlafen und träumte, dass ich hier nach draußen ging und an dieser Pforte stand. Ich träumte, dass ein Parson vorbei kam, der einen braunen Anzug und einen Hut trug. Als ich bei Tagesanbruch aufwachte, bin ich hier herausgekommen und habe hier seither gestanden und auf dich gewartet. Parson, glaubs t du, dass es möglich ist vom Heiligen Geist geleitet zu werden?“ Bills Herz bebte, seine Nerven kribbelten. Dies musste es sein, wohin ihn der Herr schicken wollte. „Auntie, mein Name ist Branham. Hast du je von mir gehört?“

„Nein, Parson Branham, von dir habe ich noch nie gehört.“ „Mein Dienst ist es, für kranke Menschen zu beten. Möchtest du, dass ich reinkomme und für deinen Sohn bete?“

„Ja bitte, Parson Branham. Bitte tue das.“

Bill öffnete die Pforte. Die rostige Spitze eines Pflugs, die an eine Kette geschraubt und über einen Flaschenzug gelegt war, schloss die Pforte hinter ihm. Die Frau führte Bill in eine schmale weißgetünchte Hütte. Der Boden war aus gelbem Pappelholz, glänzend sauber geschrubbt. In einer Ecke stand ein metallener Waschbottich, gegen den ein Waschbrett gelehnt war. Ohne Zweifel bestritt sie damit ihren Lebensunterhalt. Über der Tür hing ein Schild: „Gott segne unser Haus.“ Bill war in Königspalästen geladen gewesen und in einigen der feinsten Häuser im Land, doch nirgendwo hatte er sich so willkommen gefühlt wie in dieser bescheidenen Hütte.

In einer anderen Ecke stand ein altes Eisenbett. Auf ihm lag ihr Sohn. Er war ein großer Junge, ungefähr 1,85 Meter groß und mindestens 85 Kilogramm schwer. Er hatte die Decke in seine Fäuste gewickelt, lag gekrümmt auf der Strohmatratze und stöhnte: hnn ... nnn ... es ist dunkel hier ... oh, Mama! Es ist so dunkel ... ich weiß nicht, wohin ich gehe ... “ „Er ist jetzt seit zwei Tagen nicht mehr bei klarem Verstand“, sagte seine Mutter. „Er glaubt, er sei auf einem Ruderboot, verloren in der Dunkelheit draußen auf dem Ozean. Das ist, was ich nicht ertragen kann, Parson: Zu wissen, dass mein Junge verloren ist.“ Sie tätschelte ihn liebevoll an der Schulter. „Liebes Kind, erkennst du deine Mutter?“

Er schüttelte sich und stöhnte. „Nnn ... nnn ... es ist so kalt hier draußen ... so kalt.“

Sie küsste ihn auf die Stirn. „Mamas armes Baby.“

„Ja“, dachte Bill, „das ist Mutterliebe. Ganz gleich, was er auch getan haben mag, ist er für sie dennoch ‚Mamas Baby‘.“ Er sagte: „Auntie, lass uns beten. Du zuerst.“

Als sie am Bett knieten, schüttete diese einfache Waschfrau ihr Herz vor Gott so innig aus, dass Bill die Tränen in die Augen schossen. Sie endete ihr Gebet mit: „Herr, wenn Du meinen Jungen nur zu mir sagen lässt, dass er bei Jesus sein wird, werde ich glücklich sein.“

Bill legte seine Hände auf die Füße des Jungen die sich so kalt anfühlten wie der Nordatlantik. „Teurer Gott, ich weiß nicht, was hier vor sich geht, aber Du hast mich heute Morgen auf der Straße umgedreht und mich zu dieser kleinen Hütte gesandt. Ich weiß, dass die Abflugzeit meines Flugzeugs längst überschritten ist, aber das macht nichts – im Gehorsam zur Leitung des Geistes lege ich meine Hände auf diesen Jungen im Namen Deines Sohnes Jesu Christi.“

Der Junge regte sich. „Oh, Mama, es wird hell hier drinnen.“ Er rollte mit den Augen, dann schienen sie sich auf das Gesicht seiner Mutter zu richten. „Aber Mama, was machst du hier?“ Er hob seinen Kopf von der Strohmatratze. „Wer ist dieser Mann?“

Bill wartete weitere fünf Minuten – lange genug, um den Jungen auf der Bettkante sitzen zu sehen und zu hören, dass er sich anziehen möchte. Dann entschuldigte sich Bill und eilte aus der Tür.

Nach ein paar Häuserblocks winkte er ein Taxi herbei, das ihn bald am Flughafen absetzte. Zu seiner Überraschung und Erleichterung war sein Flugzeug noch auf der Rollbahn. Es hatte zwei Stunden Verspätung und ließ gerade die Motoren zum Start warmlaufen. Bill staunte, was Gebet vermochte, wenn es sich mit reinem Glauben vereinte. Er war überzeugt, dass es die Gebete dieser Waschfrau waren, die seinen Flug 18 Stunden auf dem Boden festgehalten hatten. „Ja, Auntie“, dachte er, „ich glaube an die Leitung des Heiligen Geistes.“

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