Blaue Bücher

Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 3

Geisteskrankheit herausgefordert

1946

Im Anschluss an Camden hielt William Branham einen einwöchigen Heilungsfeldzug in Pine Bluff (Arkansas). Dann brach er nach Little Rock auf, der Hauptstadt des Staates. Reverend Brown hatte ein großes Auditorium unweit des Regierungssitzes gemietet. Mittler weile hatte sich Bills Ruf durch Mundpropaganda so weit verbreitet, dass die Menschenmenge, welche die Little Rock Versammlungen besuchte, größer war als die in Camden. Das Auditorium war bald bis auf den letzten Platz besetzt, und viele blieben draußen stehen. Am ersten Abend erklärte Bill den Auftrag des Engels und berichtete über die Wunder, die er in Camden und Pine Bluff gesehen hatte. Dann bat er all jene, die Gebet wünschten, eine Reihe zu seiner Rechten zu bilden. Augenblicklich erhoben sich hunderte von Menschen und bildeten nach anfänglichem Durche inander allmählich eine Reihe. Wieder und wieder spielte der Organist das Lied „Glaube nur“, während die Menschen einzeln zum Gebet nach vorne kamen.

Wenn jemand an der Reihe war, nahm Bill die rechte Hand der Person in seine linke. Hatte sie eine Krankheit, fühlte Bill augenblicklich Vibrationen wie Schwachstrom seinen Arm hinaufpochen. Seine linke Hand schwoll dann rot an, als wäre sie entzündet, und eine Anzahl weißer Beulen erschien auf seinem Handrücken. Anhand des Musters dieses Ausschlags konnte Bill sagen, welche Krankheit die Person hatte. Er sprach über Mikrofon, damit das Publikum zuhören konnte, während er die Krankheit benannte: Geschwüre, Tuberkulose, Krebs, usw. Seine Diagnose war stets richtig. Dann betete er und gebot den Dämonen im Namen Jesu Christi. Sobald der Dämon den Menschen verlassen hatte, nahm Bills Hand wieder ihre ursprüngliche Farbe und Größe an. Daraufhin erklärte er den Menschen für geheilt und wandte sich dem Nächsten in der Reihe zu.

In solchen Momenten entfuhr den Lippen der Zuhörer oftmals spontan ein erstauntes Raunen. So etwas hatten sie noch nie zuvor gesehen. Hier in ihrer Mitte war ein sichtbarer Beweis Gottes. Viele waren so berührt, dass sie Tränen der Ehrfurcht weinten.

Seine Gabe versetzte Bill ebenso in Erstaunen wie jeden anderen auch. Bevor er seinen Auftrag erhalten hatte, war es ihm nicht bewusst, dass Keime voller Leben vibrierten. Jetzt konnte er nicht nur die Schwingungen fühlen, er konnte sogar die körperlichen Auswirkungen beobachten, die sie in seiner linken Hand hervorriefen – sowohl die rote Schwellung als auch die weißen Beulen, die ein Muster gemäß der jeweiligen Krankheit formten. Je mehr Bill diese Gabe gebrauchte, desto mehr lernte er über das Wesen der Dämonen. Zum Beispiel wusste er mittlerweile, dass sich der Ausschlag deshalb auf seinem Handrücken bewegte, weil das dämonische Leben der Krankheit aufgrund der Gegenwart des Engels nervös wurde.

Die geistliche Bedeutung dieser durch Keime oder Viren verursachten Vibrationen wurde gleichfalls klarer. In der freien Zeit zwischen den Gottesdiensten las Bill wieder und wieder das Neue Testament und versuchte den Heilungsdienst Jesu, des Petrus und Paulus – und damit auch seinen eigenen – zu verstehen. Indem er die Schriftstellen unter Zuhilfenahme seiner eigenen Ansichten über die moderne Medizin zusammenbrachte, schien es ihm, dass Krankheiten zwei Seiten haben: Eine körperliche und eine geistige. Die körperliche Ebene betrifft den tatsächlichen Keim oder Virus, den ein Medizinforscher durch das Mikroskop wahrnehmen kann. Doch woher kommen diese Keime oder Viren? Sicherlich nicht von Gott. Keime und Viren beziehen ihr Leben von dem gottgegebenen Leben der Person, die sie befallen. Beim Lesen der biblischen Berichte über den Heilungsdienst Jesu entdeckte Bill, dass Keime und Viren die körperliche Seite von dämonischen Mächten sind. Wie jedes Lebewesen eine leibliche und eine geistige Seite hat, so auch jede Krankheit. Ärzte beschäftigten sich mit der leiblichen Erscheinungsform der Krankheit, während Bill sich mit dem dämonischen Bereich befasste.

Das Zeichen in seiner Hand griff die Schwingungen des dämonischen Lebens auf, das das gottgegebene Leben eines Menschen angriff. Bill wusste, dass das Anschwellen seiner Hand niemanden zu heilen vermochte, aber es konnte Glauben aufbauen. Zu sehen, wie eine Krankheit übernatürlich sichtbar offenbart wurde, konnte den Glauben einer Person in dem Maße emporheben, dass sie Gott für die Heilung glaubte. Jesus sagte: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Es war Jesus, der die Heilung vollbrachte – sowohl damals als auch heute. Selbstverständlich bedurfte es nicht jedesmal eines übernatürlichen Zeichens, um das Leiden eines Menschen zu enthüllen. Manche Probleme waren offensichtlich. Ein Mann hatte zum Beispiel einen großen roten, hervorstehenden Kropf. Sobald Bill im Namen Jesu für die Heilung des Mannes gebeten hatte, wurde der Kropf weiß, fiel auf den Boden und rollte zwischen Bills Füße. Ein Zeitungsreporter schoss ein Foto und am nächsten Tag erschien ein Bild des Wunders auf der Titelseite. Ein verkrüppelter alter Mann, der seit Jahren an Krücken umherge humpelt war, wurde vor aller Augen geheilt und ging von der Plattform, indem er seine Krücken hoch hielt und Jesus laut verherrlichte. Am nächsten Abend saß dieser Mann zu Beginn des Gottesdienstes ganz vorne mit einem Schild auf seinem Rücken, auf dem stand: Jesus Christus derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.

Als Bill zum Podium schritt, stand dieser Mann auf und rief: „Hören Sie mal, Prediger, ich möchte Sie etwas fragen.“

Bill erkannte den Mann: „Worum geht es?“

„Ich bin Nazarener, und als ich Sie das erste Mal predigen hörte, dachte ich, Sie seien auch Nazarener. Als ich dann bemerkte, wie viele Pfingstler in den Versammlungen sind, glaubte ich, Sie müssten bestimmt ein Pfingstler sein. Dann hörte ich Sie sagen, Sie seien Baptist. Das verstehe ich nicht.“

„Das ist einfach“, entgegnete Bill. „Ich bin ein Pfingst-Nazarener-Baptist.“ Nachdem das Gelächter der Menge über diese kleine Erheiterung abge klungen war, sagte Bill: „Im Ernst, ich repräsentiere lediglich den Herrn Jesus Christus in Seiner Gnade. Die Schrift sagt, dass wir alle durch einen Geist in einen Leib hineingeboren und zu einem Volk geworden sind. Jesus wird uns nicht fragen, ob wir Methodisten oder Baptisten sind. Er wird uns richten aufgrund dessen, was in unseren Herzen ist.“ Abend für Abend strömten Hunderte von Menschen zum Gebet nach vorne. Trotz der körperlichen Belastung, fuhr Bill fort, für die Kranken und Leidenden zu beten, bis es ein, zwei und manchmal gar drei Uhr morgens wurde. Reverend Brown führte ihn dann taub und benommen, wie Bill vor Erschöpfung war, auf sein Hotelzimmer, wo er gewöhnlich sechs Stunden unruhigen Schlaf bekam.

Eines Morgens weckte Reverend Brown ihn wegen eines Notfalls. „Unten steht ein Herr Kinney aus Memphis (Tennessee). Es sieht so aus, als liege sein Freund Herr D-, ein Postamtvorsteher in Memphis, mit asthmatischer Lungenentzündung im Sterben. Mr. Kinney ist hierher geflogen, um dich zu bitten, für Mr. D- zu beten. Mr. Kinney hat bereits einen Flug für dich gebucht, damit du noch heute Morgen nach Memphis gelangst. Du müsstest es eigentlich schaffen, rechtzeitig zu den Abendversammlungen zurück zu sein. Ich werde nach unten gehen und ihn heraufbringen.“

Bill kleidete sich an und hatte gerade seinen Mantel angezogen, als er das Geräusch eines starken Windes hörte. Er nahm an, es käme von draußen, und dachte: „Ist das aber windig heute.“ Dann sah er das übernatürliche Licht in seinem Zimmer in der Luft hängen, das vor Energie rotierte und pulsierte. Bill kniete am Bett nieder. Und bald hörte er die Stimme des Engels sagen: „Fahre nicht dorthin. Seine Zeit ist gekommen.“ Dann entschwand das Licht. Bill stand auf und legte seinen Mantel ab.

Ein paar Minuten später kehrte Reverend Brown mit einem Mann zurück, der gestresst und besorgt aussah. „Bruder Branham, mein Name ist Kinney. Mein Freund, Herr D- ist jetzt bewusstlos, aber ich glaube, dass Gott – “

Bill unterbrach ihn. „Herr Kinney, der Heilige Geist ist mir gerade vor ein paar Minuten begegnet und warnte mich, nicht mit Ihnen zu gehen. Denn so spricht der Herr: Der Mann wird sterben.“

„Sie meinen, es gibt keine Hoffnung mehr?“

„Er mag bereits tot sein, wenn Sie zurück sind, aber ich werde weiter für ihn beten, bis ich von Ihnen höre. Rufen Sie mich morgen früh an und berichten Sie mir, wie es um ihn steht. Heute Abend brauchen Sie es nicht zu versuchen, da ich ohnehin bis zwei, drei Uhr morgens im Gottesdienst sein werde.“

In jener Nacht, nachdem er mehrere Stunden ununterbrochen für die Kranken gebetet hatte, sagte Reverend Brown: „Bruder Branham, sag mir, wenn du eine kleine Verschnaufpause brauchst. Ich möchte dir im Kellergeschoss des Gebäudes etwas zeigen. So einen Fall hast du noch nicht gesehen.“

Müde von der Belastung, kam es Bill sehr gelegen, sich ein wenig zu entspannen. „Ich kann jetzt eine Pause gebrauchen“, sagte er. Während die Leute in der Gebetsreihe an ihren Plätzen warteten, führte Reverend Brown Bill in den Keller, wo sie einem jungen Mann begegneten, der auf der letzten Stufe des Treppenaufgangs stand. Er sah wie ein typischer Arkansas-Farmer aus, in seinem verblichenen blauen Hemd und der Latzhose. Der Mann starrte mit glasigen, niedergeschlagenen Augen in den Keller hinein. Bill schaute ebenfalls, und was er sah, erschütterte ihn. In seinem ganzen Leben hatte Bill etwas Derartiges noch nicht gesehen. In der Mitte des großen Raumes lag ausgestreckt auf dem bloßen Fußb oden eine große, kräftige Frau, bekleidet mit einem weißen T-Shirt und einer kurzen schwarzen Hose. Bill schätzte sie auf 30 bis 35 Jahre. Sie lag auf dem Rücken, mit ihren Armen und Beinen in die Luft gestreckt. Ihre Beine waren durch zahlreiche Schnittwunden blutverschmiert.

Bill schaute zurück auf den Mann auf der Treppe und fragte ungläubig: „Bruder, ist das deine Frau?“

„Ja, Bruder Branham.“

„Was ist mit ihr?“

Der Arzt meint, die Wechseljahre sind nach der Geburt des letzten Kindes zu früh eingetreten. Er gab ihr Spritzen, aber sie halfen ihr nicht, und sie drehte durch. Sie ist seit zwei Jahren in einer psychiatrischen Anstalt. Ich habe meinen Hof verkauft, damit ich genug Geld hätte, um ihr zu helfen, aber nichts wirkte, was immer der Arzt auch versuchte. Bruder Branham, ich habe vier Kinder zu Hause. Als ich von der geisteskranken Frau aus Mississippi hörte, die in einer deiner letzten Versammlungen geheilt wurde, verkaufte ich mein Maultier, um genügend Geld zu haben, meine Frau in einem Krankenwagen hierher bringen zu können.“

„Warum bluten ihre Beine?“

„Die Anstalt erlaubte uns, sie für nur einen Abend mitzunehmen. Aber als sie versuchten, sie in den Krankenwagen zu bringen, schafften sie es nicht. So nahm ich vier Brüder aus unserer Gemeinde, und gemeinsam gelang es uns, sie in ein Auto zu bekommen. Auf dem Weg hierher vermochten alle vier es nicht, sie ruhig zu halten, und sie trat sämtliche Scheiben auf der Rücksitzbank ein. Als wir sie ins Gebäude brachten, schleuderte sie uns hin und her. Schließlich bekamen wir sie in den Keller und legten sie auf den Rücken. Seitdem ist sie so liegen geblieben, mit ihren Händen und Füßen in die Luft gestreckt.“

Voller Mitgefühl schaute Bill auf die geisteskranke Frau, die rücklings mitten auf dem Fußboden lag, ihre blutigen Arme und Beine der Decke entgegeng estreckt. Bill sagte zu ihrem Mann: „Ich werde zu ihr gehen und sie bei der Hand nehmen und nachsehen, ob ich irgendwelche Vibrationen fühlen kann.“

Panische Angst trat in die Augen des Mannes. „Bruder Branham, geh dort ja nicht hin! Sie wird dich umbringen.“

Die Warnung ausschlagend, ging Bill zu der wahnsinnigen Frau herüber, die sein Näherkommen intensiv mit berechnenden Augen verfolgte. „Guten Abend“, sagte Bill und griff nach ihrer rechten Hand. Gerade als seine Hand ihr Handgelenk umfassen wollte, drehte sie plötzlich ihre Handfläche um und ergriff stattdessen sein Handgelenk und zog ihn mit einem heftigen, kraftvollen Ruck, der ihn fast von den Füßen holte. Sie mochte keine 80 Kilogramm gewogen haben, doch schien sie viermal kräftiger zu sein als eine gewöhnliche Frau. Während sie ihn näher zu sich herunterzog, befürchtete Bill, sie würde ihm sämtliche Knochen brechen. Er riss seinen Fuß hoch, trat zu und traf ihre Brust. Seine Hand kam frei, und er rannte zurück zum Treppenaufgang.

Die wahnsinnige Frau verfolgte ihn, immer noch auf dem Rücken liegend, indem sie ihren Körper zügig über den Betonboden gleiten ließ. Sie glich dabei einer Riesenschlange, und sie stieß fortwährend unmenschliche glucksende Geräusche aus. Auf halbem Wege zur Treppe änderte sie ihre Richtung und steuerte auf eine hölzerne Bank zu, die an der Wand stand. Sie schlug so hart mit ihrem Kopf auf die Ecke der Bank, dass das Holz in Stücke splitterte. Ihr Haar verfärbte sich mit Blut. Sie hob ein Stück Holz auf und warf es nach ihrem Ehemann. Sie verfehlte ihn nur um Zentimeter und traf die Wand hinter ihm, aus der ein Stück Putz herausbrach.

„Bruder Branham“, schluchzte der Mann „gibt es noch Hoffnung für sie?“ „Schau, Bruder“, sagte Bill und legte dem Mann seinen Arm um die Schulter. „Das Einzige, das ich dir sagen kann, ist – als jener Engel mir begegnete, sagte er mir, wenn ich aufrichtig sein würde und die Menschen dazu bringen könnte, zu glauben, dann würde Er die Kranken heilen. Hast du den einfachen Glauben, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, die Teufel austreibt?“

Der Mann nahm all seinen Mut zusammen und antwortete: „Ja.“ Als die besessene Frau das hörte, kreischte sie: „William Branham, du hast mit mir nichts zu schaffen. Ich habe sie hierher gebracht.“ Dann begann die Frau rücklings auf Bill zuzukriechen.

„Was ist denn das?“, fragte der Mann erstaunt. „Die Frau kennt nicht mal ihren eigenen Namen! Sie hat seit zwei Jahren nicht ein einziges Wort gesagt.“

„Das war nicht sie“, sagte Bill. „Das war der Dämon, der sie in seiner Gewalt hält. Er weiß, dass er die Frau verlassen muss, wenn du dem Herrn Jesus Christus jetzt glaubst. Lass uns eins werden im Gebet.“ Die Frau kreischte erneut: „Du hast mit mir nichts zu schaffen!“, als Bill sein Haupt beugte und zu beten begann: „Himmlischer Vater, im Namen Deines Sohnes Jesu Christi: Zwinge diesen Teufel, sie zu verlassen.“ Die Frau verstummte. Im nächsten Augenblick brach sie wie leblos auf dem Fußboden zusammen. Ihr Ehemann fragte: „Was soll ich jetzt tun?“ „Sobald der Gottesdienst vorüber ist, bringe sie zurück in die Anstalt. Wenn du glaubst, dann muss es geschehen. Lass mich wissen, wie die Sache ausgeht.“

Am nächsten Morgen weckte helles Sonnenlicht Bill aus dem Schlaf. Er drehte seinen Kopf auf dem Kissen, um aus dem Fenster zu schauen, und war erschreckt, eine Frau neben seinem Bett sitzen zu sehen. Sie trug ihr graues Haar straff in einem Knoten und hatte ein hellbraunes Kostüm mit einer weißen Bluse an. Sie beobachtete ihn nicht, sondern starrte seitwärts zur Wand, sodass er ihr Profil sehen konnte. Sie sah traurig aus.

Verwirrt dachte Bill: „Wie ist diese Frau in mein Zimmer gekomm en? Die Tür ist verschlossen, und hier liegt der Schlüssel auf dem Nacht tisch.“ Er stützte sich auf seinen Ellenbogen und sagte unsicher: „Gnädige Frau?“

Dann sah Bill einen Mann an der Wand sitzen, direkt hinter der Frau. Er war ein großer grauhaariger Mann, und er trug einen hellbraunen Anzug, den eine kräftige rote Krawatte zierte. Auch er sah traurig aus. Die Frau drehte ihren Kopf, um den Mann anzuschauen, und beide lächelten sich zu.

„Was ist das?“, dachte Bill. Er setzte sich vollends im Bett auf. Mit einem Mal lag er überhaupt nicht mehr in einem Bett, sondern stand auf dem Podium einer Gemeinde, die er nicht kannte. Er biss sich fest auf die Finger, um zu sehen, ob er träumte. Der Schmerz versicherte ihm, dass er hellwach war. Dann erkannte er, dass es eine Vision war. Das Bild der Gemeinde entschwand, und er befand sich wieder in seinem Bett. Er beobachtete den grauhaarigen Mann und die Frau. Sie lächelten ihm zu, nickten und schienen leise in sich hineinzulachen, als ob sie jetzt glücklich wären. Dann verblasste ihr Bild.

Bill schloss die Augen und flüsterte: „Gott, ich verstehe dies nicht, zeige mir bitte, was es bedeutet.“ Er vermutete, dass die beiden am Abend in der Gebetsreihe auftauchen würden. Das war schon mehrmals zuvor geschehen: Er sah eine Vision über jemanden vor dem Gottesdienst, und später am Abend, wenn er die Person in der Gebetsreihe dann wieder erkannte, wusste er bereits, dass Gott etwas Besonderes in dem Leben dieses Menschen tun würde. Gewöhnlich zeigte eine Vision dieser Art Bill genau, was im Gebetsgottesdienst stattfinden würde. Diese Vision endete jedoch in einem Geheimnis.

Bill nahm seine Bibel vom Nachttisch und fragte: „Herr, wo möchtest Du, dass ich heute Morgen aus Deinem Worte lese?“ Dann öffnete er die Bibel aufs Geratewohl. Die Seiten teilten sich bei 2. Könige 20. Bill las wo der Herr den Propheten Jesaja zum König Hiskia sandte, um ihm zu sagen, dass seine Zeit gekommen sei; dass seine Krankheit ihn töten werde.

König Hiskia wandte sein Gesicht zur Wand und betete inbrünstig um mehr Zeit. Der Herr erhörte Hiskias Gebet und sprach zu Jesaja: „Geh, sage meinem Knecht Hiskia, dass ich ihm weitere 15 Jahre gewähren werde.“

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Bill nahm ab und dachte, es müsse Pastor Brown sein. Stattdessen stellte sich heraus, dass es Herr Kinney aus Memphis war. Der Fall war Bills Gedanken völlig entfallen, doch jetzt erinnerte er sich. „Nun, Bruder Kinney, welche Neuigkeiten hast du für mich?“

Herr Kinneys Stimme klang vor Niedergeschlagenheit matt. „Bruder Branham, wir haben die ganze Nacht bei ihm gewacht. Er wird uns jeden Augenblick verlassen.“

„Sag mal, Bruder Kinney, trägt Herr D- manchmal einen hellbraunen Anzug und eine Krawatte in einem kräftigen Rot?“

„Aber ja, er zieht sich immer so an. Warum?“

„Und trägt Frau D- schon mal ein hellbraunes Kostüm mit einer weißen Bluse?“

„Sie hat das Kostüm gerade an. Woher wusstest du das? Bruder Branham, kennst du sie?“

„Ja. Bitte doch Frau D- ans Telefon zu kommen.“

Mr. Kinney zögerte. „Ich habe ihr bereits mitgeteilt, was du gesagt hast.“ „Ich möchte mit ihr sprechen“, beharrte Bill. Bald erklang eine zittrige, aufgelöste Frauenstimme in der Leitung. Bill sagte: „Schwester D-, so spricht der Herr: ‚Dein Ehemann wird leben‘. Glaubst du das?“ Frau D- antwortete nicht. Bill hörte einen Tumult im Hintergrund, und dann war Herr Kinney wieder am Apparat. „Was hast du ihr gesagt, Bruder Branham? Die Frau ist in Ohnmacht gefallen.“

„Ich sagte, dass ihr Mann leben wird. Ich habe ihn beschrieben, weil ich ihn vor wenigen Augenblicken in einer Vision gesehen hatte. Ich fliege mit dem nächsten Flugzeug nach Memphis. Hol mich am Flugh afen ab.“ Als Bill im Krankenhaus von Memphis ankam, traf ihn Herrn D-s Schwester in der Eingangshalle. Sie war eingeschnappt und verärgert und stieß frech hervor: „Allein der Gedanke! Da kommt ein Holy Roller Prediger herüber, um für meinen sterbenden Bruder zu beten. Es ist eine Schande!“

Bill ging weiter und dachte: „Satan kann nicht genug Teufel aus der Hölle schicken, um es jetzt noch aufzuhalten. Es ist geschehen, denn es ist ‚so spricht der Herr‘. Er traf eine Krankenschwester, die eben aus dem Zimmer trat. „Sind noch Ärzte oder Schwestern im Zimmer?“ „Ja“, sagte sie, „zwei Ärzte.“

„Seien Sie doch so freundlich und bitten Sie sie zu gehen.“ Griesgrämigen Blicks verließen die Ärzte das Zimmer. In dem Mann, der dort in dem Sauerstoffzelt dahinsiechte, erkannte Bill augen blicklich denjenigen, den er morgens in der Vision gesehen hatte. Herr D- lag auf dem Rücken und schaute mit trüben, starren Augen nach oben. Bill langte ins Sauerstoffzelt und ergriff die Hand des Mannes. Seine eigene Hand schwoll im rhythmischen Pochen der Vibrationen der Lungenentzündung an. „Bruder D- kannst du mich hören?“ Frau D- sagte: „Mein Mann ist seit zwei Tagen bewusstlos, Bruder Branham.“

Bill schaute auf die ältere Frau. Auch sie sah genauso aus, wie er sie in der Vision gesehen hatte. „Du zweifelst doch nicht an dem, was ich dir sagte, oder?“

„Nein, ich zweifle nicht.“

Bill wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Sterbenden zu und betete: „Teurer Gott, ich weiß, dass dies die Leute sind, die ich heute Morgen in einer Vision gesehen habe. Im Namen Jesu Christi, bitte heile diesen Mann jetzt.“

Selbst mit geschlossenen Augen wusste er, dass die Schwellung in seiner Hand zurückging, da das Pochen aufgehört hatte. Dann spürte er, wie der Mann seine Hand drückte. Bill öffnete die Augen und sah, wie Herr D- seine Lippen mit seiner Zunge befeuchtete.

Frau D- stand mit geschlossenen Augen am Fußende des Bettes, noch immer im Gebet.

Bill sagte: „Herr D- kennen Sie mich?“

Der Mann hob leicht den Kopf und sagte: „Ja, Sie sind Bruder Branham.“ Jetzt riss seine Frau erstaunt den Kopf hoch. Dann, als die Realität sie traf, fuhr sie ins Sauerstoffzelt und schrie: „Daddy, Daddy!“ und überhäufte ihn mit Umarmungen und Küssen.

Ohne ein weiteres Wort schlüpfte Bill aus dem Zimmer und nahm das nächste Flugzeug zurück nach Little Rock.

Zwei Tage später aß Herr D- Schinken und Eier zum Frühstück und verließ das Krankenhaus. Am folgenden Tag nahm er seine Arbeit als Amtsvorsteher bei der Post wieder auf und überwachte die lokale Postzustellung.

Lädt…
Impressum · Legal notice · Datenschutz · Privacy