1950
Am Morgen nach der Diskussion in Houston (Texas) kam Fred Bosworth zu William Branham ins Hotelzimmer, um ihm einen Brief zu bringen. Meda warf einen flüchtigen Blick über Bills Schulter. „Er ist aus Durban (Südafrika). Mach ihn auf, Bill.“
Bill entfaltete den Brief und begann zu lesen. Er kam von der privaten Krankenschwester, einer Frau, namens Florence Nightingale Shirlaw, die behauptete, eine Verwandte der berühmten englischen Krankenschwester Florence Nightingale aus dem 19. Jahrhundert zu sein. Frau Shirlaw lag mit Krebs im Sterben und flehte Bill an, so schnell wie möglich nach Durban (Südafrika) zu fliegen, um für sie zu beten. Sie war zu schwach, um nach Amerika zu kommen. Der Krebs war in ihrem Magen über den Zwölffingerdarm gewachsen und verhinderte die Verdauung jeglicher Nahrung. Seit Monaten ernährte eine Krankenschwester sie täglich über eine Kanüle, die in eine Vene eingesetzt war. Langsam schwand sie dahin. Ihre Ärzte gaben ihr nicht mehr lange zu leben. Sie benötigte ein Wunder von Jesus Christus.
Um ihre verzweifelte Situation hervorzuheben, legte Frau Shirlaw ein Foto von sich bei. Meda hielt die Luft an, Bill starrte sprachlos und erschüttert auf das Bild. Nie zuvor hatte er ein menschliches Wesen derart ausgezehrt gesehen. Ihre Arme sahen wie Besenstiele aus, mit Ausnahme der hervorstehenden Ellbogengelenke. Bill konnte mit Leichtigkeit ihre Rippen zählen. Die arme Frau sah aus wie ein hautüberzogenes Skelett. Florence Nightingale Shirlaw hatte dem Brief mit dem Foto ein Flugticket beigelegt. Bill blickte auf das Ticket und sah dann fragend seinen Manager an.
Fred Bosworth wusste, was er dachte. „Bruder Branham, es ist völlig ausg eschlossen, dass du jetzt nach Südafrika fliegst. Du musst in ein paar Tagen in Beaumont sein, dann fährst du nach Pensacola (Florida), danach hast du mehrere Verpflichtungen in Arkansas, anschließend in Carlsbad (New Mexico) – du bist bis April durchgehend in den Vereinigten Staaten ausgebucht und dann gehst du nach Europa. Im Mai, wenn du aus Skandinavien zurückkommst, hast du ein bisschen unverplante Zeit. Dann könntest du gehen.“
„So wie der Brief klingt“ – Bill hielt das Foto hoch, um es noch einmal anzuschauen – „ und nach diesem Foto zu urteilen, wird sie wahrscheinlich bis Mai tot sein.“
„Vielleicht“, stimmte Bosworth zu, „aber Bruder Branham, du bekommst ständig Briefe von Menschen auf ihren Sterbebetten. Du kannst nicht zu jedem Sterbenden fliegen, der dir ein Flugticket schickt, um für ihn zu beten. Würdest du das machen, wärst du allein damit beschäftigt. Du musst vom Geist geleitet sein.“
„Genau das ist es“, sagte Bill. „Der Geist sagt mir, dass es mit dieser Frau etwas Bedeutsames auf sich hat. Vielleicht ruft mich der Herr nach Südafrika.“
Bosworth antwortete nicht. Bill sagte: „Lasst uns jetzt zumindest für Frau Shirlaw beten.“
Sie legten den Brief und das Foto auf den Boden, knieten nieder, und Bill betete: „Himmlischer Vater, als ich die Worte „Durban, Südafrika“ auf dem Brief sah, regte sich etwas in meinem Innern. Möchtest Du, dass ich nach Durban gehe und dort Versammlungen halte? Vater, hier ist eine arme, sterbende Frau, die in Dir ihre letzte Hoffnung auf Leben sieht. Ich bitte Dich, Florence Nightingale Shirlaw zu heilen im Namen Deines Sohnes Jesus. Und Herr, wenn Du sie heilst, werde ich das als ein Zeichen nehmen, dass ich einen Heilungsfeldzug in Südafrika anberaumen soll.“
Während er in Florida im Februar 1950 predigte, erhielt Bill ein Ferngespräch von Frau Reece. Ihr Mann, ein alter Freund von Bill, hatte gerade einen Schlaganfall erlitten und lag nun im Krankenhaus, dem Tode nahe. Alles, was Bill tun konnte, war, für seinen Freund über das Telefon zu beten und Gott zu bitten, gnädig zu sein. Am nächsten Tag rief Frau Reece zurück mit der guten Nachricht, dass der Zustand ihres Mannes sich während der Nacht gebessert habe. Die Ärzte schienen sich nun sicher zu sein, dass er überleben werde. Bill dankte dem Herrn, dass Er das Leben seines Freundes verschont hatte.
Im März hielt Bill einen Feldzug in Carlsbad (New Mexico). Nach einem Gottesdienst sah er Herrn Reece aus der Gemeinde kommen. Bill ging zu seinem Freund hinüber, um ihn zu begrüßen, und war schockiert, als er sah, wie sehr sein Freund gealtert war, seitdem er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Ein Arm hing schlaff und nutzlos herunter, den anderen bewegte er unnatürlich mühsam. Seine Frau und sein Chauffeur mussten ihm beim Gehen helfen.
„Bruder Branham“, sagte er langsam und undeutlich: „Gestern Abend war meine Gebetskarte so nah dran. Du hast die Nummern 25 bis 35 aufgerufen und meine war 36. Ach, wenn ich doch nur in die Gebetsreihe hätte kommen können – “
„Bruder Reece, in der Gebetsreihe zu sein allein hätte dich nicht geheilt.“ „Ich weiß, Bruder Branham. Aber ich möchte wissen, womit ich das verdient habe. Wenn ich etwas falsch gemacht habe – Gott weiß, dass es mir leid tut. Ich freue mich, dass ich lebe, aber warum muss ich den Rest meines Lebens so verbringen?“
„Bruder Reece, ich weiß nicht, warum diese Dinge geschehen. In den Versammlungen greife ich zufällig eine Startnummer heraus, um jedem die gleiche Chance zu geben. Wenn Gott beabsichtigt hätte ... “ „Ist schon gut, Bruder Branham. Es ist nicht deine Schuld. Ich werde deinen Versammlungen folgen und es solange weiter versuchen, bis Gott mir zeigt, ob ich je wieder gesund werde oder nicht.“
Voller Mitleid sah Bill auf seinen hinfälligen Freund, der in einem blauen Anzug mit weißem Hemd und roter Krawatte auf dem Bürgersteig stand. Plötzlich sah Bill einen anderen Herrn Reece in einem braunen Anzug mit weißem Hemd und brauner Krawatte unter einer Palme stehen – aufrecht und kräftig und mit erhobenen Händen Gott preisen. Als die Vision ausklang, sagte Bill: „Bruder Reece, so spricht der Herr: ,Du wirst ein gesunder Mann sein‘. Ich weiß nicht wo, aber ich weiß, dass es nicht hier ist, weil es hier keine Palmen gibt. Eines Tages wirst du neben einer Palme stehen, in einem braunen Anzug und einem weißen Hemd mit einer braunen Krawatte. Du wirst mich sehen, und dann wirst du geheilt sein. Ob es dieses Jahr ist, nächstes Jahr oder in zehn Jahren, weiß ich nicht. Aber vergiss es nicht, Bruder Reece, es ist ,so spricht der Herr‘.“
Am 6. April 1950 bestiegen William Branham, Ern Baxter, Jack Moore, Gordon Lindsay und Howard Branham ein Flugzeug mit Ziel London. Bill fand, dass es gut war, seinen 41. Geburtstag auf diese Weise zu feiern: Seine Flügel auszubreiten und hinaufzusteigen in einen weltweiten Dienst. Als sein Flugzeug in London landete, war Bill überrascht, tausende von Leuten zu sehen, die zu seiner Begrüßung gekommen waren. Er hatte keine Versammlungen auf den britischen Inseln angesetzt, dies war lediglich ein Zwischenstopp auf seinem Weg nach Finnland, damit er für Englands König Georg VI beten konnte. Bill kämpfte sich durch die dichtgedrängte Menge, als er hörte, wie sein Name über die Lautsprecher des Flughafens ausgerufen wurde. Reverend Baxter bot sich an, in Erfahrung zu bringen, worum es ging. Zehn Minuten später kehrte Ern Baxter mit einer weiteren Überraschung zurück. „Bruder Branham, du wirst es kaum glauben, aber diese Frau aus Südafrika, Florence Nightingale Shirlaw, hat irgendwie erfahren, dass du heute hier landen wirst, und da hat sie riskiert, in einer letzten verzweifelten Anstrengung selbst hierher zu kommen, damit du für sie persönlich beten kannst. Ihr Flugzeug ist nur wenige Minuten vor unserem gelandet. Es ist dort drüben, und sie ist noch an Bord.“ Ern Baxter deutete auf ein Flugzeug auf der anderen Seite der Landebahn. „Bruder Branham, Frau Shirlaw möchte, dass du sofort für sie betest. Sie glaubt, sie wird jeden Moment sterben.“
Bill betrachtete die Situation unschlüssig. Zwischen ihm und Florence Shirlaws Flugzeug schoben sich Tausende von Menschen. Er wandte sich an einen der gastgebenden Geistlichen, einen anglikanischen Bischof, und schlug vor: „Warum nehmen Sie Frau Shirlaw nicht mit zu sich nach Hause? Ich gehe zum Buckingham Palace und bete für den König. Später komme ich dann in Ihre Pfarrei und bete für sie. Sie können mich im Piccadilly Hotel anrufen, um eine Zeit zu vereinbaren.“
„Aber Bruder Branham“, protestierte der Bischof, „vielleicht lebt sie nicht mehr so lange.“
„Ich komm hier nicht zu ihr durch. Sie sehen ja die Menschenmenge.“ Der Bischof nickte. „In Ordnung, das ist das Beste, was wir tun können. Sie haben Recht, Sie werden nicht zu ihrem Flugzeug durchkommen.“ Die Obliegenheiten des Tages dauerten länger als Bill erwartet hatte. Nachdem er für den König im Buckingham Palace gebetet hatte, nahmen Bills Gastgeber ihn zum historischen Haus von John Wesley, jenem berühmten Evangelisten des 18. Jahrhunderts, der die Methodisten Gemeinde begründet hatte. Bill kniete nieder und betete in dem Zimmer, in welchem der große Mann selbst jeden Morgen um fünf Uhr gebetet hatte, wenn er zu Hause war. Dann legte Bill sich Wesleys Mantel um, ging in dessen Kirche und stand hinter dessen Kanzel. Bill dachte daran, wie John Wesley eine Botschaft der Heiligung gepredigt hatte, indem er darauf Nachdruck legte, dass die Menschen Jesus nicht nur als ihren Erretter annehmen, sondern auch ein heiliges Leben führen sollten. Er dachte darüber nach, wie Gott John Wesley dazu gebraucht hatte, eine Erweckung zu entfachen, die ganz England erfasste und sich auch in viele andere Teile der christlichen Welt ausgebreitet hatte. Bill fragte sich, was die Geschichte wohl über die Erweckung sagen würde, die sich jetzt von seinem eigenen Dienst ausbreitete.
Es war schon spät am Tag, als ihn die Gastgeber nach Westminster Abbey führten, wo eine große Gruppe von Predigern darauf wartete, ihn zu sehen. Sie brachten ihn erst um zwei Uhr morgens zurück zum Piccadilly Hotel.
Am nächsten Morgen hüllte dichter Nebel die Stadt ein. Bill und seine Gruppe nahmen ein Taxi zum Haus des Bischofs. Er lebte in einem wunderschönen Pfarrhaus, das sich an eine große anglikanische Kirche anschloss. Der Bischof empfing sie an der Tür und führte sie dann eine Wendeltreppe hoch in ein Appartement im oberen Stockwerk. Bills erster Anblick von Florence Nightingale Shirlaw machte ihn vorübergehend sprachlos. Sie lag auf dem Rücken mit einem weißen Laken umhüllt, was sie wie eine Mumie aussehen ließ. Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen tief in ihre Höhlen gesunken. Ihr Mund war so straff gezogen, dass Bill die Form ihrer Zähne durch die Haut sehen konnte. Die arme Frau sah aus, als wiege sie etwa 25 Kilogramm. Bill erinnerte sich an Georgie Carter, die auch auf 25 Kilogramm herunter geschwunden war, ehe sie der Herr von Tuberkulose geheilt hatte. Selbst Georgie hatte nicht so schlimm ausgesehen. Georgie Carter war eine kleine Frau, Florence Nightingale war fast 1,85 Meter groß.
Ein Arzt stand in der Nähe des Türeingangs. Bill fand seine Stimme wieder und fragte leise: „Gibt es für sie noch eine Chance?“ Der Arzt schüttelte den Kopf: „Nicht die geringste. Sie hat seit zwei Monaten keine feste Nahrung zu sich genommen. Jetzt ist sie so dünn, dass die Venen in ihren Armen und Beinen zusammengefallen sind und wir keine Injektionskanüle hinein bekommen, um sie zu ernähren.“ „Das ist schlimm“, flüsterte Bill. Er ging hinüber zum Bett und sagte: „Guten Tag, Frau Shirlaw, ich bin Bruder Branham.“
Ihre Augen flackerten und ihre Lippen bewegten sich, aber Bill konnte ihr Wispern nicht deuten. Die Krankenschwester beugte sich hinüber, um zuzuhören und sagte dann: „Bruder Branham, sie möchte Ihre Hand schütteln.“
Die Schwester zog die Hand ihrer Patientin unter dem Betttuch hervor und legte sie in Bills Hand. Sie fühlte sich kalt an wie der Tod. Die Haut war so straff um die Knochen gespannt, dass Bill das Gefühl hatte, er hielte ein Skelett in den Fingern.
„Bruder Branham“, sagte die Schwester, „Florence hat Ihren Dienst aufmerksam verfolgt. Sie betete so ernstlich und lange darum, Sie zu sehen, in dem Glauben, dass wenn sie nur in Ihre Nähe gelangte, Jesus Christus sie heilen würde. Aber ich fürchte, sie hat die Hoffnung schlussendlich aufgegeben. Ich glaube, sie wird jeden Augenblick sterben, Bruder Branham, weil sie Sie sehen wollte, ehe sie stirbt.“ Tränen sickerten von Frau Shirlaws Augenwinkeln, als sie kaum hörbar einen Satz formte. Bill fragte sich, wo sie genügend Flüssigkeit fand, um zu weinen. „Sie möchte, dass Sie ihren Körper sehen“, sagte die Schwester. Als sie die Betttücher wegzogen, fühlte Bill erneut eine Welle des Mitgefühls, vermischt mit aufsteigender Übelkeit. Ihre Arme und Beine waren nicht dicker als die Knochen selbst und von tiefblauen Linien ihrer eingefallenen Venen durchzogen. Ihre Brüste und der Bauch waren eingesunken und ihre Rippen ragten in allen Einzelheiten heraus. Selbst der Ring ihres Hüftgelenks war auf der Haut abgezeichnet. Sie sah aus wie ein lebendes Skelett.
Wieder bewegte Florence ihre Lippen. Die Schwester beugte sich hinunter, um die Laute aufzufangen, und wiederholte dann die Worte ihrer Patientin. „Lass Bruder Branham Gott bitten, mich sterben zu lassen.“ Bill war im tiefsten Herzen betroffen. „Lasst uns alle beten“, sagte er. Gordon Lindsay, Ern Baxter, Jack Moore, drei englische Geistliche, zwei Krankenschwestern und ein Arzt versammelten sich an Florence Shirlaws Bett. Bill betete das Vaterunser: „Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde Dein Name ... “ Während er betete, landete eine Taube auf dem Fensterbrett des offenen Fensters direkt hinter und über seinem Kopf. Ruhelos schritt die Taube hin und her und gurrte: „Kruuu, kruuu, kruuu.“ Als Bill das Vaterunser beendet hatte, fuhr er fort: „Allmächtiger Gott, ich bitte Dich, dass Dein Segen auf dieser armen und vergehenden Sterblichen ruht. Ich kann nicht um ihren Tod bitten, wo sie so ernstlich um ihr Leben gebetet hat. Sei ihr bitte gnädig, Vater. Ich bitte dies im Namen Deines Sohnes Jesus, Amen.“
Die Taube flog fort. Als Bill die Augen öffnete, sah er, dass die Prediger nicht mitgebetet, sondern den Vogel beobachtet hatten.
„Haben Sie die Taube bemerkt?“, fragte einer von ihnen.
Bill öffnete den Mund, um: „Das habe ich“ zu sagen, als er überrascht sich selbst verkünden hörte: „So spricht der Herr: ‚Diese Frau wird leben und nicht sterben‘.“
Jeder im Raum sah verwundert aus. Es schien völlig unmöglich. „Bruder Branham, bist du sicher?“ fragte Ern Baxter.
„Ich hatte gar nicht vorgehabt, dies zu sagen“, antwortete Bill. „Es war nicht ich, der gesprochen hat. Es war Er und deshalb wird es geschehen. Und wenn es geschehen ist, wird es als ein Zeichen stehen, dass ich nach Durban (Südafrika) gehen soll.“