1947
Im November 1947 eröffnete William Branham seine Pazifik-Nordwest-Tour mit einem viertägigen Heilungsfeldzug in Vancouver (British Columbia). Die Zusammenarbeit zwischen den örtlichen Predigern verschiedener konfessioneller Gemeinden übertraf alles, was Vancouver bisher gesehen hatte. Jeden Abend war die große Stadthalle bis auf den letzten Platz gefüllt. Abend für Abend fanden erstaunliche Heilungsversammlungen statt. Ein ortsansässiger Evangelist, Ern Baxter, war so beeindruckt, dass er – wie Jack Moore und Gordon Lindsay – all seine eigenen Verpflichtungen absagte, damit er den Branham-Feldzügen von Stadt zu Stadt folgen konnte.
Die nächste Station war Portland (Oregon). Wie in Vancouver kooperierten hunderte von lokalen Predigern, um die Versammlungen in Portland zum Erfolg zu führen. Am ersten Abend passierten 7.000 Menschen die Pforten des Auditoriums, ehe der Chef der städtischen Feuerwehr die Türen schließen ließ. Tausende standen noch draußen. Am dritten Abend von Bills Portland-Gottesdiensten versuchte Satan ihn zu vernichten. Gordon Lindsay leitete die Zuhörer in Bills Leitlied – „Glaube nur, glaube nur, alles ist möglich, glaube nur“ – während Bill auf die Bühne trat. Nachdem er die Zuhörerschaft begrüßt hatte, ermutigte Bill sie, Gott für Heilungen und Wunder zu glauben. Während er sprach, bemerkte er einen großen Mann in einem grauen Anzug, der rasch durch den Mittelgang nach vorne kam. Als der Mann die Stufen zur Bühne hinaufstieg, kam Bill zu dem Schluss, es müsse ein Ordner sein, der eine wichtige Botschaft brachte. Vielleicht war jemand in Ohnmacht gefallen, oder jemand hatte einen Herzanfall erlitten und benötigte augenblicklich Gebet. Als der Mann die Bühne erreichte, konnte Bill sehen, dass etwas anderes nicht stimmte ... ganz und gar nicht stimmte.
Der stämmige Mann hielt inne. Seine Augen rollten wild hin und her, zuerst auf das überfüllte Auditorium gerichtet, dann auf die 300 Prediger, die auf der Bühne saßen. Schließlich konzentrierte er sich ganz auf den kleinen Prediger hinter dem Podium. Der große Mann blickte finster drein. Sein Kinnladen bewegte sich vor und zurück, und er knirschte mit den Zähnen. Beide Fäuste waren geballt, als wollte er zuschlagen. Er stampfte vorwärts und grollte: „Du Heuchler! Du Schlange im Gras. Ich werde dir beibringen, wie sehr du ein Mann Gottes bist. Ich breche dir jeden Knochen deines kleinen, mickrigen Körpers!“
Ohne ein Wort zu sagen, wandte sich Bill, um der Bedrohung ins Auge zu sehen. Der stämmige Mann schien wirklich in der Lage, seine Drohung wahrzumachen. Er war etwa 1,90 Meter groß und wog mindestens 115 Kilogramm. Im Vergleich dazu war Bills Gewicht auf knapp 55 gesunken. Die Arme des verstörten Mannes sahen dicker aus als Bills Oberschenkel.
Langsam kam der Mann näher. Zwei Polizisten traten aus der Menge heraus, um ihm Einhalt zu gebieten, aber Bill, seine eigene Angst ignorierend, winkte ab, indem er sagte: „Dies ist keine Angelegenheit von Fleisch und Blut. Es betrifft geistige Mächte.“
Widerstrebend zogen sich die zwei Beamten zurück und beobachteten, wie der Wahnsinnige seinen Weg langsam und bedächtig fortsetzte. Der Hühne knurrte: „Du Betrüger. Du gibst vor, ein Diener Gottes zu sein. Ich werde den Leuten zeigen, dass du nichts als ein Lügner bist. Ich schlag dich zusammen, bis du vor ihren Füßen liegst.“ Der Mann kam auf etwa zwei Meter an Bill heran und blieb stehen. Er war so groß, dass Bill hochschauen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen.
Still betete Bill: „Treuer Gott, die einzige Hoffnung, die ich habe, liegt in Dir.“ Er hörte das vertraute Geräusch eines rauschenden Windes – whoossssh, dann spürte er die Gegenwart des Engels des Herrn näher kommen. Augenblicklich verschwand Bills Furcht, ersetzt durch eine tiefe Liebe.
Der Wahnsinnige wiederholte seine Drohung: „Du Verführer, ich brech dir jeden Knochen deines klapprigen kleinen Körpers.“ Seine Muskeln spannten sich, als seine Fäuste sich noch fester ballten. Bill dachte: „Armer Kerl, er hat den Verstand verloren. Er weiß nicht, was er tut.“ Dann öffnete Bill seinen Mund in der Absicht zu sagen: „Freund, ich würde das nicht tun“, aber die Worte, die aus seinem Mund kamen, waren anders. Ohne es zu beabsichtigen, sagte Bill: „So spricht der Herr: ‚Weil du den Geist Gottes herausgefordert hast, wirst du heute Abend auf meine Füße fallen, und dich vor dem Namen des Herrn Jesus Christus niederbeugen‘.“
Der große Mann saugte Speichel und Schleim in seine Wangen und spuckte es Bill direkt ins Gesicht. Dann knurrte er: „Du Heuchler. Ich werde dich lehren, auf wessen Füße ich falle.“ Er machte einen Schritt vorwärts, holte mit einer Faust aus, bereit zuzuschlagen. Sanft sagte Bill: „Satan, komm aus dem Mann heraus.“
Der Arm des Wahnsinnigen, ausgestreckt zum Schlag, wurde starr wie der einer Statue. Seine Augen traten hervor, sein Mund öffnete sich, und seine Zunge zuckte unkontrolliert umher. Er winselte wie ein geschlagener Hund, während seine Augen in ihre Höhlen zurückrollten und er bewusstlos vornüber stürzte. Sein Kopf landete auf Bills Schuhen, während gleichzeitig ein Arm so eng hinter seine Füße plumpste, dass Bill sich nicht bewegen konnte.
Beide Polizisten eilten nach vorn und knieten bei dem Bewusstlosen nieder. Ein Polizist blickte auf und fragte: „Was ist passiert? Ist er tot?“ „Nein“, sagte Bill. „Gott hat nur Seine Macht gezeigt, dass Er den Dämon zwingen kann, sich vor Ihm niederzubeugen. Das ist alles.“ „Wird der Mann hier oben wieder in Ordnung kommen?“ Der Polizist zeigte auf seinen Kopf.
„Nein“, antwortete Bill. „Wenn er willens wäre, diesen Geist aufzugeben, würde er nicht zurückkommen. Aber er glaubt, er ist im Recht. Er verehrt diesen Geist, also wird er ihn sofort wieder aufnehmen. Würden Sie ihn mir von den Füßen nehmen?“
Die Beamten lösten den Arm des Mannes und zogen ihn zurück. Mehrere Männer halfen ihn von der Bühne zu tragen. Bevor sie die Bühne verließen, sagte einer der Polizisten: „Ich kenne diesen Mann. Er ist mehrmals eingesperrt worden, weil er in religiöse Veranstaltungen eingedrungen ist und sie aufgelöst hat. Man hat ihn in eine Anstalt gesteckt, aber er ist ausgebrochen. Wir haben einen Haftbefehl gegen ihn. Erst gestern hat er einem Mann den Kiefer gebrochen, ihn bewusstlos geschlagen und auf der Straße liegenlassen. Es sieht so aus, als hätte er heute Abend endlich seinen Meister gefunden.“
Bill ging zum Podium zurück und richtete das Wort an die Zuhörerschaft: „Wie ihr seht, hat unser himmlischer Vater alle Macht im Himmel und auf Erden ... “
Ein kranker Mann, der vorne auf einer Trage lag, rief: „Ja, das hat Er! Er hat mich geheilt!“ – und sprang von seiner Trage auf. Am anderen Ende des Gebäudes stand ein Mann auf Krücken und rief aus: „Mich hat Er auch geheilt!“ Und fort flogen seine Krücken, und er lief auf zwei gesunden Beinen den Gang hinunter. Ein anderer Mann entstieg seinem Rollstuhl und schrie: „Und mich auch!“ Von da an flammte die Kraft Gottes durch das Gebäude und berührte ein jedes Herz, das sich im Glauben erhob, dem Allmächtigen für Heilung oder ein Wunder zu glauben.
Bills stürmische Reise durch den am Pazifik gelegenen Nordwesten endete in Ashland (Oregon), 15 Tage nach ihrem Beginn. Gordon Lindsay schrieb darüber: „In den 14 Tagen des Dienstes mit einer nur verhältnismäßig geringen Bekanntmachung in den Zeitungen, haben gut 70.000 Menschen das Evangelium der Heilung gehört, und darunter befanden sich mindestens 1.000 Prediger.“ Ende November 1947 flog Bill nach Phoenix (Arizona) für drei Versammlungen am Freitag-, Samstag- und Sonntagabend. Dort angekommen, erfuhr Bill, dass die Prediger, welche die Versammlungen finanziell trugen – beeindruckt von den Berichten aus Calgary – ihre eigene „Wunderreihe“ für Sonntagabend angesetzt hatten. Da er es schon einmal gemacht hatte, fand Bill nichts dabei, es wieder zu tun. Eine Stunde, bevor der Gottesdienst am Freitagabend begann, betete Bill in einem kleinen Raum hinter der Bühne, als plötzlich der Engel des Herrn erschien. Wie stets, hatte der Engel seine Arme über der Brust verschränkt, und über ihm kreiste das übernatürliche Feuer. Der Engel bewegte sich nicht und sprach nicht. Sein Antlitz sah immer ernst aus, aber dieses Mal runzelte er finster die Stirn und starrte ihn mit stechendem Blick an. Entsetzt schrie Bill auf vor Furcht und fiel kopfüber zu Boden. Gordon Lindsay hörte den Schrei und stürzte in den Raum, um nachzusehen, was passiert war. Augenblicklich verflüchtigte sich der Engel wie ein Nebel und war fort.
In den nächsten zwei Tagen zermürbte sich Bill über diese Erschei nung. Warum hatte er den Engel seit sieben Monaten nicht gesehen? Warum war der Engel jetzt erschienen? Und warum hatte der Engel nicht geredet? War er zornig? Bill konnte den finsteren Blick des Engels nicht vergessen.
Jeden Abend in Phoenix predigte Bill eine halbe Stunde lang, ehe er die Gebetsreihe aufrief. Sein Thema war das Volk Israel, das durch die Wüste in Richtung des verheißenen Landes zog. Am Sonntagabend, während die Menge gespannt darauf wartete, die „Wunderreihe“ zu sehen, nahm Bill seinen Text aus 4. Mose 22, wo Gott dem falschen Propheten Bileam sagte, nicht mit dem König Balak mitzugehen, um Israel zu fluchen. Bileam bat Gott immer wieder, ob er nicht doch gehen dürfe, bis Gott es ihm schließlich erlaubte. Daraufhin traf der Engel des Herrn Bileam auf dem Wege und hätte ihn getötet, wenn Bileams Esel nicht dreimal sein Leben gerettet hätte, indem er auswich.
Als Bill Bileam brandmarkte, weil er Gottes ursprünglichem Befehl nicht gehorchte, ging es Bill plötzlich auf, dass er desselben Verbrechens schuldig war. Hatte Gott ihm nicht bereits gesagt, dass er zu große Betonung auf die Wunder legte? Könnte das der Grund sein, warum ihm der Engel vor zwei Abenden erschienen war? War es, um ihn zu warnen, dass er dem Herrn ungehorsam war, indem er es zuließ, dass diese „Wunderreihen“ fortgesetzt wurden? Bill fühlte sich inwendig so schwach, dass er fürchtete, seine Knie werden nachgeben. Er hielt sich an der Kanzel fest und versuchte, seine Predigt fortzusetzen, doch überführte ihn sein schlechtes Gewissen so mächtig, dass er aufhören musste. Während die „Wunderreihe“ sich im Seitengang der Gemeinde aufstellte, betete Bill still: „Himmlischer Vater, wenn ich verkehrt gehandelt habe und es nicht Dein göttlicher Wille ist, dass ich mich auf Wunder konzentriere, zeige es mir deutlich. Wenn irgendeine Person, die heute abend durch die Reihe kommt, nicht geheilt wird, dann werde ich wissen, dass ich mich außerhalb Deines Willens befinde, und werde niemals wieder zulassen, dass jemand die schlimmsten Fälle zuerst bringt oder nochmals eine Wunderreihe bildet.“
Eine Mutter und ihre Tochter kamen zuerst. Bill fragte das kleine Mädchen, wo sie wohne, aber sie antwortete nicht. „Sie ist schwerhörig“, erklärte die Mutter. „Deshalb habe ich sie heute hierher gebracht.“ Bill sprach lauter und fragte das Mädchen noch einmal, wo es wohne. Diesmal antwortete es: „Kalifornien.“
Bill ergriff die rechte Hand des Mädchens und fühlte die Vibrationen in seiner linken Hand kribbeln. Entweder war ein Trommelfell durch eine Infektion zerstört oder ein Gewächs behinderte die Gehörfunktion, weil die Vibrationen bedeuteten, dass ihre Schwierigkeit irgendwie durch ein dämonisches Leben verursacht wurde. Als Bill dem Dämon im Namen Jesu Christi gebot, hörten die Vibrationen auf.
Bill ließ die Hand des Mädchens los und sagte: „Das Kind ist geheilt.“ Dann versuchte er zu ihr zu sprechen. Sie antwortete nicht. Das war seltsam. Bill sprach lauter, bekam jedoch keine Erwiderung. Er musste dreimal in die Hände klatschen, ehe sie schließlich nickte, dass sie ihn hören konnte. Anstatt dass sie besser hörte, schien sie schlechter zu hören. Alarmiert nahm Bill ihre Hand erneut. Schon pochten die Vibrationen stärker als zuvor.
Ein zweites Mal trieb Bill den Dämon im Namen Jesu Christi aus. Er schien widerwilliger zu gehen, als beim ersten Mal. Bill wusste, dass er gewichen war, weil die Schwellung in seiner Hand zurückging und die Vibrationen aufhörten. Aber sobald er versuchte, zu ihr zu sprechen (er berührte noch immer ihr Handgelenk) schwoll Bills linke Hand wieder an und die Vibrationen kehrten stärker denn je zurück. Das Schlimmste war, dass sie jetzt gar nichts mehr hören konnte, ganz gleich, wie laut Bill auch rief. Dies unglückliche Mädchen war jetzt nicht nur schwerhörig, sondern völlig taub! Erschüttert und verwirrt, wusste Bill nichts anderes zu tun, als das Mädchen in Ruhe zu lassen und sich dem nächsten Fall zuzuwenden.
Der Nächste in der Reihe war ein älterer Mann, der sagte, er sei ebenfalls schwerhörig. Bill hob seine Stimme. „Glauben Sie?“ Der Mann nickte und beugte seinen Kopf. Bill ergriff die Hand des Mannes. Da waren keine Vibrationen, was bedeutete, dass sein Problem nicht durch einen Dämon hervorgerufen wurde – vielleicht nur abgestorbene Nerven. Nachdem Bill im Namen Jesu für die Heilung des Mannes gebetet hatte, fragte Bill in normaler Lautstärke: „Können Sie mich jetzt hören?“ Der Mann, der noch immer seinen Kopf gebeugt hielt und seine Augen geschlossen hatte, reagierte nicht. Bill erhob seine Stimme und fragte erneut. Dennoch kam keine Erwiderung. Bill klatschte so laut er konnte in seine Hände. Der Mann zuckte nicht einmal. Er war komplett taub geworden!
Mit blankem Entsetzen erkannte Bill, dass die Gabe der Heilung nicht wie gewöhnlich wirksam war. Was konnte er aus sich selbst heraus tun? Ohne die Gegenwart des Engels des Herrn neben ihm auf der Plattform war er genauso hilflos wie jeder andere. War es das, was Simson fühlte, nachdem Delilah ihm sein Haar abgeschnitten hatte, was ihn schwach und hilflos vor den Philistern machte? Vor dieser erwartungsvollen Menge stehend, fühlte Bill sich töricht ... und beschämt ... und verurteilt. Die einzige Sache, die er jetzt tun konnte, war, seine Sünde den Zuhörern zu bekennen und den Gottesdienst zu beenden.
In jener Nacht konnte Bill nicht schlafen. In der Dunkelheit zermarterte er sich ob seiner Torheit. Wie hatte er nur so dreist sein können, die Menschen herauszufordern: „Bringt mir die schwersten Fälle, und ich garantiere euch, dass Jesus Christus ein Wunder vor Euren Augen vollbringen wird.“ Jesus hatte nie eine solche Herausforderung gegeben. Tatsächlich sagt die Bibel sogar, dass Jesus keine großen Wunder in Sein er Heimatstadt tun konnte, wegen des Unglaubens der Menschen. Wenn das für den Sohn Gottes galt, wieviel mehr dann für Seine Nachfolger? Jetzt erkannte Bill, wie wenig schriftgemäß er sich verhalten hatte, als er behauptete, dass jeder geheilt werden könne, ob diese Person glaubte oder nicht. Zwar hatte er diese Herausforderung nach der Warnung des Engels in Vandalia (Illinois) unterlassen, doch hatte er seinen Mitarbeitern weiterhin gestattet, die schlimmsten Fälle an den Anfang der Gebetsreihen zu schleusen, damit das Publikum am Anfang eines jeden Gottesdienstes sah, wie Wunder vollbracht wurden. Er hatte ihnen auch erlaubt, ihre sogenannten „Wunderreihen“ aufzustellen. Bill hatte nicht widersprochen, weil er wusste, dass Gott Menschen von jeder Sache heilen konnte. Aber nur weil Gott etwas tun kann, bedeutet es nicht, dass es Sein Wille ist, es auch zu tun. Das Erscheinen des Engels am letzten Freitagabend war eine zweite Warnung gewesen. Bill hatte Bileam so scharf verurteilt – und selbst hatte er die ganze Zeit in Bileams Schuhen gestanden. Bileam war Gott ungehorsam gewesen aus Liebe zum Geld. Bill wusste, dass es in seinem Fall nicht die Liebe zum Geld war, die ihn zum Ungehorsam bewogen hatte, es war sein Mitgefühl für die Menschen. Dennoch ist es immer verkehrt, Gott ungehorsam zu sein, ganz gleich aus welchem Grund.
Am Morgen bestieg Bill verschlafen und niedergeschlagen ein Flugzeug zu seiner nächsten Verpflichtung in Long Beach, Kalifornien. Seine Gedanken quälten ihn noch immer und zwar sichtbar. Die Stewardess kam den Gang entlang und fragte: „Was ist los, verehrter Herr?“ Bill konnte es ihr nicht sagen. Wie hätte sie es verstehen können? Weil er versagt hatte, dem Herrn zu gehorchen, sorgte sich Bill nun, dass Gott ihm die Gabe der Heilung entzogen hatte.
Als Bill in Long Beach landete, brachten ihn mehrere Prediger umg ehend in sein Hotelzimmer. Die Männer benötigten nicht allzulange, bis sie seine Schwermut bemerkten. Bill teilte seine unerträgliche Last und Sorge mit ihnen.
Einer dieser Prediger war Ern Baxter, der sich nun in der merkwürdigen Situation wiederfand, den Mann zu ermutigen, für den er so weit gefahren war, um ihn zu sehen. „Bruder Branham, ich kann dir versichern, dass die „Gabe der Heilung“ nicht von dir gewichen ist. Römer 11:29 sagt: ‚denn unwiderruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes‘, was bedeutet, dass sie nicht von unseren Taten abhängig sind. Gott wäre Seiner Verheißung untreu, wenn Er die Gabe von dir nähme. Sie kann dir nicht genommen werden. Simson schlief die ganze Nacht mit einer Hure, und doch hat ihn seine Kraft nicht verlassen. Am nächsten Morgen riss er die Tore der Stadt aus und trug sie auf den Gipfel eines Berges. Und selbst als die Philister Simsons Haar abschoren und seine Kraft ihn eine zeitlang verließ, wuchs sein Haar wieder nach und seine Kraft kehrte zurück. Erinnere dich, wie Mose den Felsen schlug, als Gott ihm aufgetragen hatte, nur zu ihm zu sprechen. Das Wasser strömte dennoch hervor. Bruder Branham, welchen Fehler du auch gemacht haben magst – Gott wird darüber persönlich mit dir verhandeln – aber die ‚Gabe der Heilung‘ ist immer noch da.“
Baxters Argumente klangen gut, aber irgendwie hatte Bill Mühe zu glauben, dass sie auf ihn zutrafen. Er fühlte sich so leer, so allein, so durch und durch von Gott verlassen. Es war wie die Hölle auf Erden. Was wäre, wenn ihn die Gabe der Heilung für immer verlassen hätte? Wie könnte er das ertragen? Wie könnte er weiterleben, in dem Wissen, dass er Gott so erbärmlich enttäuscht hatte? Es gab nur einen Weg herauszufinden, ob er verurteilt war oder nicht, und der bestand darin, den nächsten Heilungsgottesdienst wie geplant abzuhalten. Der Feldzug in Long Beach war für drei aufeinanderfolgende Abende festgelegt, beginnend mit Mittwoch, dem 3. Dezember. Am Mittwoch abend erklärte Bill den Zuhörern, wie er dem Herrn ungehorsam gewesen war, indem er Wunder stärker als Heilungen betont hatte. Er sagte ihnen, dass er nicht sicher sei, ob die Gabe der Heilung noch immer bei ihm war oder nicht, aber dass er dies bald herausfinden werde. Während er die Gebetsreihe rief, wurden seine Handflächen und sein Kragen nass vor Schweiß, und ein Knoten bildete sich in seiner Magengrube. Eine Frau kam nach vorne, mit einem 10-jährigen Mädchen an ihrer Seite. Bills Nerven waren vor Erwartung angespannt, als er die rechte Hand des Mädchens in seine linke Hand nahm. Die Vibrationen trafen ihn stark und deutlich, machten seine Hand taub wie von Strom und weiteten sich auf seinen Arm aus, bis hinauf zu seinem Herzen. Bill war erleichtert, dass zumindest so viel von seiner Gabe noch wirkte. Die Frage blieb: Würde Gott sein Gebet für das bedürftige Kind erhören? Bill beobachtete das Muster von weißen Beulen auf dem Rücken seiner geschwollenen Hand. „Das Mädchen ist sowohl taub als auch stumm“, sagte er, „und sie hat auch Tuberkulose. Beugt nun alle eure Häupter und betet mit mir.“ Sanft betete Bill: „Teurer Jesus, bitte vergib mir meine Dummheit. Bitte lass meine Fehler der Heilung dieses Mädchens nicht im Wege stehen.“ Dann, all seinen Mut zusammennehmend, erklärte er: „Du tauber und stummer Geist und Dämon der Tuberkulose, komm aus dem Mädchen heraus im Namen Jesu Christi.“
Dies war der wirkliche Test. Bill hielt den Atem an. Ja, es geschah! Zu Bills großer Erleichterung und Freude hörten die Vibrationen auf und seine geschwollene Hand wurde normal. Obgleich er wusste, dass die Tuberkulose nun weg war, konnten die Zuhörer es nicht sehen. Deshalb fragte Bill das Mädchen: „Kannst du mich hören?“ Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen, und er wusste, dass sie es konnte. Bill sagte langsam: „Amen.“ Das Mädchen versuchte, die Lautfolge nachzusprechen, aber es kam eher wie „Ah-aaa“ heraus. Bill sagte ein kurzes: „Amen!“ Das Mädchen versuchte es erneut: „Ah-zi.“ Bill sagte „Daddy!“ Das Mädchen wiederholte die Lippenbewegung mit einem Geräusch, das nach „dooddii“ klang.
Glaube ergriff das Publikum wie ein um sich greifendes Feuer. In den folgenden Stunden geschahen überall im Gebäude Heilungen und Wunder. Ein Lehrer einer örtlichen Schule für Gehörlose brachte fünf Kinder in die Reihe, die taubstumm geboren waren. Alle fünf Kinder empfingen ihr Gehör und ihre Stimme. Ein Mann auf einer Trage mit Schüttellähmung hörte auf zu zittern. Viele Krüppel ließen ihre Krücken fallen, und andere stiegen aus ihren Rollstühlen, um anschließend durchs Gebäude zu rennen und Jesus Christus zu preisen. Hoher Blutdruck, grüner Star, Asthma, Geschwüre und Krebs – all dies wurde durch den Glauben der Menschen vertrieben.
Am Donnerstagabend, als Bill die Gebetsreihe aufrief, humpelte ein Junge nach vorne, dessen Beine aufgrund von Kinderlähmung in schweren Stützen festgeschnallt waren. Die Mutter begleitete ihn und sagte: „Bruder Branham, wenn du nur für ihn betest.“
„In Ordnung, Schwester. Und du möchtest nicht – “
Sie unterbrach ihn. „Ich verlange kein Wunder. Ich möchte nur, dass du betest. Ich kann Gott glauben für die Heilung meines Sohnes.“ In einem einfachen Gebet bat Bill Jesus Christus, den verkrüppelten Jungen zu heilen. Am Freitagabend kam derselbe Junge in der Gemeinde nach vorne, mit seinen Beinstützen über seinen Schultern baumelnd. Der Junge hob die ungenutzten Stützen hoch, damit die Zuhörer sie sehen konnten, und bezeugte, dass Jesus immer noch Wunder wirkte. An jenem Abend, Bills letztem in Long Beach, wollte er für so viele Menschen wie möglich beten. Anstatt also die Leiden durch die Gabe in seiner Hand zu erkennen, hielt er eine „schnelle Reihe“ ab, in welcher er ein kurzes, allgemeines Gebet sprach, während die Menschen einer nach dem anderen an ihm vorbeig ingen. Auf diese Weise konnte er für hunderte von Menschen in einer Stunde beten. So schnell sich die Reihe auch vorwärts bewegte, dauerte es dennoch zu lang für einen Mann, der sich eineinhalb Jahre schonungslos vorwärts getrieben und seit mehreren Tagen nicht viel geschlafen hatte. Nachdem er für fast 3.000 Menschen gebetet hatte, und noch hunderte warteten, bis sie an der Reihe waren, brach Bill bewusstlos zusammen.
Am Samstagmorgen nahm Bill, immer noch schwach und zittrig, den Bus zurück nach Phoenix. Er wollte den Menschen mitteilen, dass Gott ihm vergeben hatte. Am Sonntag in der Gemeinde sagte er: „Beim letzten Mal, als ich hier hinter dieser Kanzel stand, war ich ein verurteilter Mann. Ich fühlte, wie Seine Gegenwart mich verließ, und mir wurde bewusst, wie hilflos ich ohne Ihn bin. Heute ist der große Test vorbei. Ich werde dies als eine Stufe betrachten (anstelle eines Stolpersteins), die mich die Wege Gottes besser lehrt, auf dass ich enger mit Ihm leben kann. Und während ich näher bei Ihm lebe, kann ich euch mehr helfen und durch den Geist geleitet sein. Ich möchte Gott dafür danken, dass Er mir die Gabe der Heilung wiedererstattet hat, und für den größeren Erfolg (seit dem vorletzten Sonntag) im Gebet für die Kranken, als es seit Monaten der Fall gewesen ist. Sie ist segensreicher zurückgekehrt, als sie es vorher war.“ Dann erklärte Bill, warum seine Herausforderung falsch gewesen war. „Ich habe die Aussage gemacht, dass es keine Krankheit gäbe, ganz gleich welche es sei, die dem Gebet standhalten könnte, und kein Leiden, ganz gleich, wie schlimm die Verkrüppelung wäre, das nicht geheilt würde, wenn ich mir für die Person Zeit nähme. Ihr habt mich das überall erwähnen hören. Und das ist auch immer noch wahr ... Aber ich war derjenige, der alles tat. Ich habe es von den Menschen weggenommen. Auch Ihr müsst etwas tun. So wie Jesus Maria und Martha auftrug, den Stein wegzunehmen. Ihr müsst selbst etwas tun – geht selbst, glaubt selbst, und ihr werdet geheilt.