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Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 3

Der seltsame Traum eines blinden Mannes

1946

Inspiriert von den erstaunlichen Heilungen in St. Louis, verbreitete sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer durch die Staaten des Südens und des mittleren Westens, dass ein Engel einem unbekannten Prediger namens William Branham begegnet sei und ihn beauftragt habe, eine Gabe der göttlichen Heilung der leidenden Menschheit zu bringen. Schon bald nachdem Bill aus St. Louis nach Hause gekommen war, traf ein Telegramm eines anderen, ihm nicht bekannten, Predigers ein: Ein Reverend Adams aus Camden (Arkansas) wollte Bill einen einwöchigen Heilungsfeldzug in seiner Stadt finanzieren. Bill stimmte zu, und Vorkehrungen wurden für die erste Augusthälfte 1946 getroffen.

Da Bill keinen eigenen Anzug besaß, nahm er einen gebrauchten von einem seiner Brüder an. Dieser Anzug war bei einem Verkehrsunfall beschädigt worden. Meda besserte die Hose mit Flicken aus, während Bill einen großen und recht auffälligen Riss auf der rechten Jackentasche zunähte. Dann nahm Meda seine beiden weißen Hemden, trennte vorsichtig die verschlissenen Kragen ab und nähte sie umgedreht wieder an. Bill packte einen kleinen Koffer, warf ihn auf den Rücksitz seines alten Fords und fuhr gen Süden.

Als er in Camden ankam, begrüßte er Reverend Adams mit einem verkehrten Handschlag und sagte: „Entschuldige die linke Hand, aber sie ist meinem Herzen näher.“ In Wirklichkeit war er über die schludrige Ausbesserung beschämt, die er an seiner Anzugjacke vorgenommen hatte und wollte sie mit seiner rechten Hand verdecken. Dies machte er sich während der nächsten Monate zur Gewohnheit.

Das nahe der Südgrenze Arkansas gelegene Camden hatte die beschei dene Einwohnerzahl von 15.000 Seelen. Als die Versammlungen eröffnet wurden, war es bald offensichtlich, dass die Leute aus dem gesamten Süden herbeiströmten. Pastor Adams hatte die große Turnhalle einer Schule gemietet, und bereits am ersten Abend war sie bis auf den letzten Platz besetzt. Bill versuchte die Menschen zu ermutigen, Gott zu glauben und erinnerte sie daran, dass „bei Gott alle Dinge möglich sind.“ Doch die Menge blieb steif und wenig überzeugt. Offenbar waren sie aus Neugierde gekommen und saßen nun da mit einer Haltung, die ausdrückte: „Beweise es.“ Bill bat sie inständig ihre Gesinnung zu öffnen und sagte: „Teure Freunde, ich bin nur ein Mann. Aber ich versuche euch zu erklären, dass Gott Seinen Engel gesandt hat, der mit mir ist.“

Augenblicklich spürte Bill, dass sich die Atmosphäre veränderte. Er konnte dieselbe Gegenwart fühlen, die er in seiner Höhle nahe Tunnel Mill gefühlt hatte. Offensichtlich spürte die Zuhörerschaft es ebenfalls, denn die Menschen begannen sich verwundert umzuschauen. Dann sah Bill den wirbelnden Feuerball durch die hinteren Türen der Turnhalle hereinkommen. „Ich brauche darüber nicht weiter zu reden“, sagte Bill, „denn hier kommt es gerade.“

Das übernatürliche Feuer bewegte sich durch den Gang nach vorne, direkt über den Köpfen der Leute. Überall hielten Menschen den Atem an. Frauen und Kinder schrien, wurden ohnmächtig oder schreckten vor Furcht zurück. Ein verkrüppelter Baptisten-Prediger saß auf halber Höhe des Gangs in seinem Rollstuhl. Als die Feuersäule über ihm hinwegzog, sprang er aus seinem rollenden Gefängnis heraus, schob den Rollstuhl den Gang hinunter vor sich her und pries Gott so laut er konnte. Das rüttelte die Menge aus ihren Vorbehalten.

Mittlerweile hatte sich das bernsteinfarbene Licht nach vorne bewegt, wo es über Bills Kopf schwebend verharrte. Reverend Adams stand auf der anderen Seite des Rednerpults, als ein Zeitungsfotograf ein Foto schoss und das übernatürliche Licht auf Film festhielt. Reverend Adams schritt auf die Erscheinung zu, als wolle er sie berühren und rief: „Ich sehe es!“ Das Licht flammte heller auf und Pastor Adams taumelte zurück, vorübergehend geblendet. Dann verschwand der Stern.

Die Zweifel der Menge schmolzen dahin, und für den Rest des Abends Das Übernatürliche Licht, das in Camden (Arkansas) fotografiert wurde. schwoll der Glaube in mächtiger Weise an. Bill bat die Leute, die Gebet wünschten, sich längs der Seitenwand in einer Reihe aufzustellen. Hunderte standen auf und drängten sich zu einer ungeordneten Reihe zusammen. Bill wollte, dass die Menschen sich ihm von rechts nahten, weil er den Druck der Gegenwart des Engels des Herrn dort spürte. Er nahm dann die rechte Hand einer Person in seine linke. Litt die Person an einer Krankheit, die durch Keime verursacht wurde, schwoll seine Hand jedes Mal rot an. Wenn seine Hand nach dem Gebet wieder normal wurde, wusste er, dass die Menschen geheilt waren. Bei jenen, die andere Schwierigkeiten hatten, pochte der Glaube oft so mächtig in ihren Herzen, dass ein einfaches Gebet im Namen Jesu genügte, um das zu bewirken, was zuvor unmöglich schien.

An jenem Abend geschahen Wunder im Leben von Hunderten. Bill betete bis weit nach Mitternacht für jeden einzelnen der Kranken. Als er schließlich zum Ende kam, fühlte sich sein Arm so taub an, dass er ihn nach seiner Rückkehr ins Hotel eine halbe Stunde lang unter fließendes Wasser halten musste, um wieder Gefühl in seine Muskeln zu bekommen.

Am nächsten Vormittag nach dem Frühstück, während Bill gerade in seinem Zimmer betete, bekam er zufällig ein Gespräch vor seiner Türe mit. Ein Mann sagte: „Ich möchte nur kurz mit Bruder Branham sprechen. Ich bin Reporter und habe etwas, das ich ihm zeigen muss.“ Ein Hotelangestellter, der angewiesen war, auf Bills Tür aufzupassen, antwortete: „Wer auch immer Sie sein mögen: Meine Anweisung ist, niemanden dort hineinzulassen. Es ist Gebetszeit.“

Bill ging zur Türe und bat den Reporter herein. Aufgeregt trat dieser ein. Er holte eine Fotografie hervor und reichte sie Bill. „Bruder Branham, schauen Sie hier.“

Bill nahm das Foto und betrachtete das Motiv. Es war ein Schwarzweiß-Foto von der Versammlung des gestrigen Abends. Bill sah sich hinter dem Rednerpult stehen. Über ihm pulsierte das übernatürliche Licht, und links stand Reverend Adams.

„Bruder Branham“, sagte der Reporter „ich muss zugeben, dass ich gestern zu Anfang skeptisch war. Ich dachte, all das Gerede über einen Engel und Heilung sei bloß Psychologie. Aber hier ist es auf dem Foto! Beachten Sie die vier gleichmäßig angeordneten Lampen direkt unter halb der Empore. Das waren die einzigen Lichter hinter Ihnen. Das bedeutet, dass dieses Licht, das über und um Ihren Kopf herum leuchtet, etwas Übernatürliches ist.“

Bill nickte. „Das sieht eindeutig aus wie das Licht, das ich gesehen habe.“ Der Reporter sagte: „Ich selbst gehöre der Baptistengemeinde an, aber ich möchte den Heiligen Geist in der Weise empfangen, wie Sie ihn haben.“

Ehe Bill antworten konnte, klopfte jemand an die Tür. Bill vermutete ein Zimmermädchen und war überrascht, die Hoteldirektorin zu sehen. Sie trat ein, wobei sie nervös einen Schlüssel um ihren Finger drehte. Bill zeigte ihr das Bild vom Engel des Herrn.

„Deshalb bin ich gekommen“, sagte sie. „Bruder Branham, ich war gestern Abend dort, und auch ich habe das Licht gesehen. Wissen Sie ...“ Sie schien befangen, als hätte sie Schwierigkeiten, die rechten Worte zu finden. „Bruder Branham, ich – ich möchte wiedergeboren werden.“ Bill ging zum Fenster, zog die Jalousie hoch und zeigte auf einige Hügel außerhalb der Stadt. „Sehen Sie die Straße, die durch die Kiefernwälder hinabführt? Vor ein paar Tagen war ich ungefähr vier Stunden dort oben und betete inständig, Gott möge Seinen Engel diese Stadt besuchen lassen und die Herzen der Menschen wie nie zuvor aufrütteln. Jetzt ist es geschehen. Es ist nicht schwer wiedergeboren zu werden. Es bedarf einfach nur der vollständigen Übergabe des eigenen Lebens an Jesus Christus.“

Alle drei knieten im Hotelzimmer nieder und sowohl die Geschäfts führerin als auch der Reporter wurden neugeboren, hinein in die Familie Gottes.

Eine Stunde später kam ein Hoteldiener zur Tür mit einem Telegramm von einem Prediger, Reverend G. Brown, der Bill bat, zu ihm zu kommen und Vers ammlungen in Little Rock (Arkansas) zu halten. Der junge Mann, der das Telegramm überbrachte, sagte: „Mein Papa hatte seit Jahren Probleme mit seinem Rücken. Gestern Abend wurde er geheilt, und heute ist er wie verwandelt. Es ist, als hätte ich einen neuen Papa. Ich möchte Jesus auch kennenlernen.“

„Gott segne dein Herz, Junge. Komm herein und schließ die Tür. Du kannst Jesus gerade hier finden. Es ist gar nicht schwer.“ Der junge Mann kniete nieder, legte seine Mütze ab und gab sein Herz Christus. Während der restlichen Woche in Camden wuchs die Menge der Zuhörer beständig, weil Menschen ihren Freunden und Nachbarn von ihrer Heilung erzählten und sie drängten, doch mitzukommen, um sich selbst zu überzeugen, wie Gott ihre Stadt durch einen Engel besuchte. Abend für Abend betete Bill für eine nicht enden wollende Reihe von Menschen, bis weit über Mitternacht hinaus. Als Bill schließlich am Samstag die abschließende Heilungsv ersammlung der Woche hielt, fühlte er sich erschöpft.

Reverend Adams hatte Bill für den Sonntagmorgen-Gottesdienst in einer örtlichen Gemeinde eingeplant. Da er dort nur predigen und nicht für Kranke beten sollte, fühlte Bill sich dafür stark genug. Verständlicher weise kamen mehr Menschen zur Gemeinde, als hineinpassten. Nach dem Gottesdienst halfen vier kräftige Polizisten Bill und Reverend Adams sich den Weg durch die Menge zu dem roten Auto des Pastors zu bahnen. Menschen drängten sich vor, um Bill zu sehen, manche versuchten ihn zu berühren. Die Beamten hielten die Menge zurück. Bill brach es das Herz angesichts der Verkrüppelten und der Mütter mit ihren kranken Babys, die im Nieselregen standen, und danach hungerten, geheilt zu werden. Sein Wunsch war es, jeden Einzelnen zu berühren und für ihn zu beten, bis kein Odem mehr in ihm blieb, doch wusste er, dass er das nicht konnte. Nach einer kurzen Erholungspause hatte er Verpflichtungen in Little Rock einzuhalten.

Durch das Gemurmel der Menge hindurch hörte Bill jemanden schreien: „Erbarme dich, erbarme dich!“ Er schaute sich um und erblickte zwei alte Farbige, einen Mann und eine Frau, die auf einem kleinen Hügel hinter der Gemeinde standen – in angemessenem Abstand zu der nur aus Weißen bestehenden Menge. (Zu dieser Zeit galten im Süden noch die Jim Crow Gesetze, die es Farbigen untersagten, sich auf öffentlichen Plätzen unter Weiße zu mischen.) Der alte Farbige hielt seine Mütze in den Händen und ließ den Sprühregen auf den dünnen Kranz seiner grauen Haare fallen. Er fuhr mit seinem mitleiderregenden Singsang fort: „Gnade! Gnade! Erbarme dich!“

„Armer Kerl“, dachte Bill, als er weiter ging. Dann hielt er abrupt inne und blickte zurück auf den alten Mann. Etwas Ungewöhnliches ging vor sich. Bill konnte es spüren wie einen Druck gegen seine Haut, der seine Sinne kribbelig machte. Es war ein gutes, kein unangenehmes Gefühl, und Bill spürte, dass es irgendwie im Zusammenhang mit diesem Farbigen stand, der ihm von der Hügelkuppe aus zurief. Bill ging in Richtung des alten Mannes.

Einer der Polizisten, die ihn begleiteten, fragte: „Wohin gehen Sie, Reverend?“

„Der Heilige Geist möchte, dass ich dort hochgehe, wo der Farbige ist“, erwiderte Bill.

Der Beamte mahnte: „Mach das ja nicht, Junge. Bei all den Weißen, die an dir zerren, verursachst du einen Rassenaufruhr. Wir sind hier im Süden.“

Bill tat die Gefahr ab. „Ich kann nichts dafür, wie eure Gesetze sind. Der Heilige Geist sagt mir, ich soll mit diesem Mann sprechen.“ Die vier Polizisten folgten Bill hinauf auf den kleinen Hügel dorthin, wo die beiden Farbigen standen. Als Bill näher kam, hörte er die Frau zu dem Mann sagen: „Liebling, hier kommt der Parson.“ Bill trat nahe heran, während die Polizisten einen Kreis um sie schlossen, um die Menge zurückzuhalten. „Kann ich dir helfen, Uncle?“, fragte Bill.

Der Mann drehte seinen Kopf, blickte aber in die verkehrte Richtung um ihn anzuschauen. Bill erkannte, dass er blind war. Der Mann stammelte: „Bist – bist du das, Parson Branham?“

„Ja, Uncle.“

Der alte Mann hob seine Hände und fuhr sanft über Bills Gesicht. „Ach, du bist ein junger Mann.“

„Nicht allzu jung“, sagte Bill, „ich bin 37.“

„Parson Branham, hast du einen Augenblick Zeit, mir zuzuhören?“ „Sprich nur, Uncle.“

„Ich beziehe seit zehn Jahren eine Blindenrente. Ich wohne ungefähr 300 Kilometer von hier entfernt. Ich habe noch nie zuvor in meinem Leben von dir gehört – bis heute Morgen. Gegen drei Uhr wachte ich in meinem Zimmer auf – natürlich kann ich nichts sehen – aber ich schaute, und genau vor mir konnte ich meine alte Mutti stehen sehen. Sie ist jetzt seit vielen Jahren tot. Aber als sie noch lebte, hatte sie Religion, wie du sie hast. Meine Mutter hat mir in ihrem Leben nicht eine einzige Lüge erzählt. Heute Morgen stand sie dort und sagte: ‚Liebes Kind, steh auf, zieh dich an und geh nach Camden (Arkansas). Frage nach jemandem mit dem Namen Parson Branham, und du wirst dein Augenlicht bekommen‘. So, hier bin ich also, Parson. Kannst du mir helfen?“

Bill tat das Herz vor Mitleid weh. Er legte eine Hand über die Augen des alten Mannes und betete: „Himmlischer Vater, ich verstehe nicht, dass diese Mutter im Traum zu ihm kam, doch bitte ich Dich im Namen Jesu, ihm sein Augenlicht zurückzugeben.“

Die Menge drängelte und drückte. Die Polizisten hatten Mühe, sie zurückzuhalten. Bill wusste, dass er so schnell wie möglich zum Auto musste, und so wandte er sich zum Gehen.

Der alte Mann lächelte und nickte, dann sagte er ruhig und zufrieden gestellt: „Danke, Herr, danke.“

Seine Frau schaute ihn an, die Augen weit aufgerissen. „Liebling, kannst du sehen?“

„Natürlich sehe ich. Ich habe dir doch gesagt, dass wenn ich hier herkäme, ich sehen würde. Schau dort.“ Er zeigte auf das Auto, auf das Bill zuging. „Siehst du das Auto da? Es ist rot.“

Seine Frau schrie auf: „Oh, Jesus!“, während sie sich beide vor Freude in die Arme fielen.

Die vier Polizisten zogen den Schutzkreis enger um Bill und begleiteten ihn schnell durch die erregte Menge, hinein in die Sicherheit der roten Limousine.

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