1937
Während Billy Paul und Sharon Rose sich schnell von ihrer Erkältung erholten, hielt sich Hopes Lungenentzündung hartnäckig. Sie verbrachte den ganzen Januar bettlägerig im Haus ihrer Mutter, unfähig sich selbst zu helfen. Bill sorgte nach der Arbeit für die Kinder, musste sie aber tagsüber einem Babysitter überlassen. Er stellte dafür Meda Broy an. Meda war fast 18 Jahre alt. Sie hatte im Mai die High School absolviert und noch keine Vollzeitbeschäftigung gefunden. So war sie froh auf diese Weise etwas Geld verdienen und gleichzeitig ihrem Pastor aushelfen zu können.
In der zweiten Januarhälfte des Jahres 1937 zog eine Sturmfront über den nordöstlichen Teil der Vereinigten Staaten herauf. Zwei Wochen lang prasselte Regen auf die weite Landschaft westlich der Appalachen nieder und ergoss sich dann in den Ohio. Täglich stieg der Ohio zentimeterweise entlang der Deiche, die Jeffersonville und Louisville schützten. Und der Regen brach nicht ab – manchmal fiel er als Schnee, überwiegend jedoch als Graupel. Ohne Unterlass patrouillierten Männer an den Deichen. Sollte einer brechen, würden hunderte von Hektar Ackerland sowie die flacher gelegenen Bezirke der ufernahen Städte dieser Gegend überflutet. Die Schutzdämme waren gut gebaut, bestanden aber nur aus Erde und konnten solch’ hohen Pegelständen über einen längeren Zeitraum nicht standhalten. Tag um Tag wurden die Deiche schwächer. Schließlich kam Mitte Februar der Zeitpunkt, an dem die Behörden beschlossen, alle zu evakuieren, die in der Gefahrenzone lebten.
Den ganzen Tag über waren die Straßen überfüllt mit Menschen, die in höher gelegene Gebiete zogen. Sowohl Bills als auch Frau Brumbachs Haus lagen beide in den gefährdeten Gebieten, sodass Bill eine Bleibe für seine Frau finden musste. Zunächst versuchte es Bill bei den öffentlichen Krankenh äusern. Leider waren alle schon belegt. Bill musste Hope und die Kinder in ein behelfsmäßiges Krankenhaus bringen, das von der Regierung eingerichtet worden war. Dann schloss er sich den freiwilligen Rettungskräften an.
Trotz intensiver Warnungen blieben manche Menschen in ihren Häusern, oft, weil sie nicht genug Geld hatten, um woanders hinzugehen. Freiwillige arbeiteten fieberhaft bis in die Nacht, um solche Leute zu finden und sie herauszubringen, bevor es zu spät war. Gegen Mitternacht gab ein Teil des Schutzd ammes auf der Indiana zugewandten Seite des Flusses nach, wodurch sich eine gewaltige Wasserwand auf Jeffersonville zuschob. Alle Sirenen der Stadt heulten eine letzte dringliche Warnung hinaus – das Schlimmste war eingetreten.
Bill befand sich zu diesem Zeitpunkt mit seinem Lkw des Versorgungs unternehmens auf der anderen Seite der Stadt auf Streife. Er hatte ein Boot geladen, für den Fall, dass es benötigt würde. Per Funk erhielt er eine Nachricht: „Bill, der Deich ist auf unserer Seite gebrochen. Beeil dich und fahr mit deinem Boot in die Chestnut Straße! Wir werden deine Hilfe brauchen.“
Als Bill den angegebenen Ort erreichte, deuteten mehrere Männer über das brausende Wasser, das zwischen den Häusern einherschoss. „Da draußen sitzen eine Mutter und mehrere Kinder fest. Wir können sie nicht erreichen. Meinst du, du schaffst es mit deinem Motorboot?“ Bill starrte in den Graupelregen und konnte in der Dunkelheit eine Person auf der Veranda eines Hauses ausmachen, das nahe dem gebro chenen Deich stand. Wassermassen schossen durch das Loch in der Flut wehr und das Haus erbebte gewaltig unter dem Ansturm der Flut. Durch den Lärm des Windes und das Rauschen der Flut hörte Bill schwach, wie die Frau um Hilfe schrie. Die Strömung sah tückisch aus. „Ich werde tun, was ich kann. Helft mir, das Boot zu Wasser zu lassen!“ Bill startete den Motor und versuchte direkt auf die festsitzende Frau zuzuhalten, aber die Strömung war zu stark und er wurde immer wieder vom Kurs abgedrängt. Also richtete er den Bug seines Bootes gegen den Strom und öffnete das Drosselventil weit, um sich den Weg zur Quelle der Flut zu erkämpfen. Die kleine Schraube seines Motors kämpfte mühsam, um voranzukommen. Als er so nah an den eingebrochenen Damm herangekommen war, wie er es nur wagen konnte, riss er das Boot herum und schoß quer zur Strömung dahin, was ihn diagonal auf sein Ziel zutrug.
Er krachte gegen die Wand des Hauses und sicherte sein Boot schnell an einem der Pfeiler der Veranda. Die Mutter war ohnmächtig geworden. Sie sah bemitleidenswert aus, wie sie da so ausgestreckt auf der vereisten Veranda lag, mit am Körper klebenden nassen Haaren und Kleidern. Hinter ihr kauerten zwei total verängstigte kleine Mädchen in einem Türeingang. Bill gelang es ohne Zwischenfall alle drei von der glitschigen Veranda in sein schaukelndes Boot zu bringen.
Er steuerte mit seinem Boot geradewegs das höher gelegene Land an, auf dem der Lkw geparkt war, doch zwang ihn die starke Strömung etwa einen Kilometer unterhalb seines Ausgangspunkts zu landen. Eine Gruppe von Rettungsarbeitern half zunächst den Kindern aus dem Boot. Als sie die ohnmächtige Mutter aus dem Boot hievten, kam diese zu Bewusstsein und schrie hysterisch: „Mein Baby! Mein Baby! Lasst mein Baby nicht zurück!“
Entsetzt sah Bill die beiden kleinen Mädchen an, die er gerettet hatte. Die Jüngste war mindestens zwei Jahre alt. Panik ließ ihn frösteln, stärker noch als die Kälte des Graupelregens, der gegen sein Gesicht trommelte. Er hatte nicht im Haus selbst nachgesehen! Er musste ein kleines Baby im Innern des untergehenden Hauses zurückgelassen haben! Bill schrie den anderen Rettungsarbeitern zu: „Ich werde zurückfahren und ihr Baby holen.“ Die Männer nickten.
Bill warf das Boot herum und kämpfte sich seinen Weg zurück, gegen den Strom, auf den gebrochenen Damm zu. Als er sein Ziel erreichte, war ein Teil der Veranda bereits verschwunden und der Rest des Hauses sah so aus, als würde er bald folgen. Bill machte das Boot an einem der verbliebenen Verandapfeiler fest und rannte verzweifelt suchend von Zimmer zu Zimmer durchs Haus. Da war kein Baby. Was hatte das zu bedeuten? Dann wurde es ihm klar: Die Mutter war während des ganzen Rettungsvorgangs bewusstlos gewesen; sie wusste nicht, dass ihre beiden kleinen Mädchen in Sicherheit waren. Sie musste ihre jüngste Tochter gemeint haben, als sie schrie: „Mein Baby!“
Um ihn herum ächzte das Haus, während es sich zu Tode wand. Der Putz fiel wie Regen von der Decke und platzte wie Popcorn von den Wänden. Ein lautes Krachen hallte durch die Diele. Der Boden ruckte, als das Haus verschoben wurde und Bill wurde krachend gegen eine Schranktür geworfen. Ein weiteres Krachen folgte dem ersten, begleitet vom Geräusch zersplitternden Holzes. Das Gebäude wurde aus seinem Fundament gerissen.
Bill rannte durch die Diele, stürzte durch die Eingangstür, nicht ahnend, dass die Veranda gerade vollständig vom Haus weggerissen worden war. Er landete in eisigem Wasser. Durch die Gnade Gottes schaffte er es, sich an der Ecke der Veranda festzuklammern, während die Fluten sie davontrugen. Er zog sich selbst aus dem Wasser und kletterte über die kreuz und quer stehenden Bretter zu seinem Rettungsboot. Mit tauben Fingern löste er den Seemannsknoten. Augenblicke später löste sich das Haus vollständig aus seinem Fundament und wurde in die Nacht hinweggespült.
Bill wusste, dass er noch nicht in Sicherheit war. Der Motor war abgestorben, während er das Haus durchsucht hatte, und nun wurde sein winziges Boot steuerlos durch die überfluteten Straßen gejagt. Jeden Augenblick konnte das Boot in einer Welle oder durch einen Baum zum Kentern gebracht werden. Bill fasste das mit Eis überzogene Motorseil und legte das verknotete Ende in die Kerbe des Motorschwungrades. Er zog mit aller Kraft. Nichts. Er zog noch einmal. Wieder nichts. Er zog den Anlasser und zog noch einmal; aber es sprang nicht an. Mittlerweile war der Motor überflutet. Wieder und wieder riss Bill am Startseil, bis seine müden Muskeln nach einer Erholungspause schrien. Der Motor wollte nicht zünden.
In der Zwischenzeit hatte die Strömung ihn bis hinüber in die Market Straße getrieben, dann durch ein weiteres Loch im Schutzwall auf den Ohio selbst. Blankes Entsetzen ließ Bills Energie wieder erwachen. Nur Minuten entfernt donnerten stromabwärts die Ohio Fälle!
Fünf Meter hohe Wellen wogten um ihn. Bill kämpfte um sein Gleich gewicht, während er weiter den störrischen Motor bearbeitete. Zwischen seinen Versuchen, den Motor zu starten, schien es, als hörte er eine Stimme zu ihm sagen: „Was denkst du nun über deine Entscheidung, nicht unter die Gruppe der Pfingstleute zu gehen?“ Bill riss noch einmal am Startseil – nichts.
Er konnte die Ohio Fälle vor sich grollen hören. In dem eisigen Wasser kniend, das am Boden des Bootes hin und her schwappte, faltete Bill seine steifgefrorenen Finger und betete verzweifelt: „Herr, ich habe eine kranke Frau und zwei kranke Kinder, die drüben im Krankenhaus liegen. In nur wenigen Minuten werde ich die Wasserfälle hinabstürzen. Oh Herr, bitte hilf mir! Ich möchte hier nicht im Fluss sterben und meine Familie hilflos zurücklassen.“
Ein ganz anderer Gedanke unterbrach sein Gebet. Es schien, als ob er in diesem Moment seine Schwiegermutter hören konnte: „Gesindel. Sie sind nichts als Gesindel. Ich werde dir niemals die Erlaubnis geben, meine Tochter unter Abschaum wie diesen zu bringen.“
Vor Schuld zitternd betete Bill: „Teurer Gott, ich weiß, dass ich verkehrt gehandelt habe, aber bitte vergib mir! Jesus, bitte habe Erbarmen mit mir! Bitte starte diesen Motor!“
Die Wasserfälle donnerten mit jeder Minute lauter. Bill stand auf und zog noch einmal am Startseil. Dieses Mal stotterte der Motor, spuckte zweimal und sprang dann an. Bill drehte das Boot herum und gab so viel Gas wie möglich. Langsam konnte er den Abstand zwischen sich und den Wasserfällen vergrößern, bis er schließlich weit genug entfernt war, um seinen Bug auf das Ufer Indianas zu richten.
Er landete in der Gegend von Howards Park, Kilometer entfernt von dem Ort, wo er aufgebrochen war, fast schon in New Albany. Er band sein Boot an einen Baum und begann nach Jeffersonville zurückzugehen. Es war früh am Morgen, als er schließlich seinen müden Körper hinter das Lenkrad seines Wagens gleiten ließ. Er fuhr sofort los, um nach seiner Frau und den Kindern zu sehen, musste aber einen Umweg machen, da der direkte Weg durch die Flut versperrt war. Er versuchte es auf einem anderen Weg. Auch dieser war gesperrt. Nach fast einer Stunde frustrierender Versuche wurde es Bill klar, dass alle Straßen in dieser Richtung unpassierbar waren. Plötzlich erfasste eine neue Welle panischer Angst sein Herz. Stand etwa das staatliche Krankenhaus ebenfalls unter Wasser? Er raste zum Verwaltungsgebäude und fand einen Freund, Major Weekly.
„Major, ist das Krankenhaus weggerissen worden?“
„Billy, in dem Gebiet steht das Wasser fast sieben Meter hoch. Hattest du dort jemand?“
„Ja, meine kranke Frau und zwei kranke Kinder.“
„Mach dir keine Sorgen. Alle sind herausgekommen. Sie haben sie alle in einen Zug gesetzt und weiter nördlich nach Charlestown gebracht. Nicht sehr komfortabel, fürchte ich. Alles, was zur Verfügung stand, waren Viehwaggons.“
Jemand sagte: „Ich habe gehört, der Zug sei von den Gleisen gespült worden, drüben, wo die Brücke über den Lancassange Creek geht. Ich glaube, alle sind ertrunken.“
Alle Telefon- und Telegrafenleitungen zwischen Jeffersonville und Charlestown waren von der Flut weggespült worden und so gab es keine Möglichkeit, weitere Informationen einzuholen, ohne selbst dorthin zu fahren. Bill sprang in seinen Wagen und machte sich auf den Weg über den Utica Pike nach Charlestown, 20 Kilometer nördlich von Jeffersonville. Der Lancassange Creek stoppte ihn abrupt. Er hatte sich um einige Kilometer zurückgestaut, war über die Ufer getreten und hatte die Maisfelder in eine Sumpflandschaft verwandelt und die Straße meilenweit überflutet. Bill eilte zurück nach Jeffersonville, lud sein Boot auf, füllte den Tank und kehrte an die Stelle zurück, an welcher der Utica Pike und die Zuggleise unter den Wassermassen verschwanden. Der Schneeregen hatte sich in Hagel verwandelt und prallte vom Boden seines Bootes ab, als Bill es ins Wasser gleiten ließ. Er versuchte, den unter Wasser liegenden Gleisen zu folgen, was ihm auch etwa einen Kilometer lang recht gut gelang; aber je näher er an die Mitte des Flusses herankam, desto stärker arbeitete die Strömung gegen ihn, bis sie ihn schließlich völlig von seinem Kurs abbrachte. Bald war er hoffnungslos in einem Labyrinth aus sumpfigen Maisfeldern und vereinzelten Waldstücken verloren. Es wurde zu gefährlich weiterzufahren, sei es vorwärts oder rückwärts. So sehr es auch seinem Herzen weh tat, Bill wusste, dass er das Ende des Sturms würde abwarten müssen. Er zog sein Boot auf eine kleine Insel, baute sich selbst eine kleine behelfsmäßige Schutzhütte aus Geäst und zündete ein Feuer an. Dann setzte er sich nieder, um zu warten ... und sich Sorgen zu machen.