1936
In den nächsten sechs Monaten lud Bill John Ryan mehrmals zu sich ein und lernte ihn so immer besser kennen. Ryans Gewohnheit in Zungen zu reden, verunsicherte Bill, aber er respektierte auf jeden Fall den Glauben des älteren Mannes in Jesus Christus. John Ryan betete oft um die tägliche Führung des Herrn und achtete mit seinem geistlichen Gehör auf die Antwort. „Vom Heiligen Geist geführt sein“ nannte er das.
John Ryan lebte in Dowagiac, Michigan, einer kleinen Stadt ungefähr 500 Kilometer nördlich von Jeffersonville, gleich hinter der Grenze des Staates Indiana. Er lud Bill ein ihn zu besuchen und lockte ihn mit Berichten über die wunderbaren Angelmöglichkeiten im nahegelegenen Papaw See.
Bill war versucht die Einladung anzunehmen. Obwohl er seit Jahren keinen Urlaub gemacht hatte, machten ihm die Kosten einer solchen Reise zu schaffen. Hope hatte $8,00 von ihrem Lohn in der Hemdenfabrik zurückgelegt. Wie konnte er es rechtfertigen, das schwer verdiente Geld seiner Frau für Urlaub auszugeben, wo es so viele andere Dinge gab, die sie benötigten. Hope war anderer Meinung. Da sie es war, die dieses Geld verdient hatte, war sie der Ansicht, dass sie auch das Recht hatte zu bestimmen, wofür dieses Geld ausgegeben werden sollte – und sie wollte, dass ihr Ehemann das Geld dazu nutzte, sich eine Pause zu gönnen. Bill stimmte schließlich zu, wollte aber, dass sie mit ihm käme. Hope lehnte ab und sagte, sie bliebe lieber zu Hause, um den neun Monate alten Billy Paul zu versorgen. Außerdem war Hope nun im dritten Monat schwanger mit ihrem zweiten Kind und fühlte sich morgens oft müde und lustlos. Sie war der Meinung, die Reise ohnehin nicht genießen zu können. Also tankte Bill im Juni 1936 seinen Ford Modell T und fuhr in Richtung Norden in Ferien. Als er Dowagiac (Michigan) erreichte, hieß ihn Frau Ryan herzlich willkommen. Zu Bills Überraschung war John Ryan nicht anwesend. Frau Ryan erklärte: „Der Herr hat ihn gerufen, irgendwo in die Nähe von Indianapolis zu gehen.“
Bill sah sich in der kleinen Hütte mit zwei Räumen um. Die Küchen schränke hatten keine Türen und er konnte sehen, dass sie leer waren. „Wollen Sie mir sagen, Sie haben Ihren Ehemann gehen lassen, obwohl Sie nichts zu essen im Haus haben?“
„Aber Bruder Bill, er ist Gottes Diener!“, sagte sie.
Bill dachte: „Gott segne dein gutes altes Herz, Schwester. Wenn du so hoch von deinem Ehemann denkst, werde auch ich ihn nicht kritisieren.“
Nachdem Bill einen ganzen Tag am Papaw See geangelt hatte, brachte er seinen Fang zu Frau Ryans Haus. Sie hatte nicht einmal Fett, um den Fisch zu braten, so fuhr Bill in die Stadt und brachte ihr einige Lebensmittel.
Am Samstagmorgen fuhr Bill nach Hause zurück. Als er die kleine Stadt Mishawaka in Indiana durchquerte, sah er ein Auto mit einem großen Schild an der Seite mit der Aufschrift „Jesus Only!“ (nur Jesus) Bill dachte: „Was bedeutet das?“ Und da sah er auch schon ein weiteres Auto mit der Aufschrift „Jesus Only!“, und dann noch eins und noch eins. Das Schild schien überall zu sein, auf Cadillacs, Buicks, Fords und sogar auf Fahrrädern. Neugierig folgte Bill einem der Wagen bis zu einem großen Gemeindehaus am Rande der Stadt. Die angrenzenden Straßen und einige leere Grundstücke waren mit Autos zugeparkt, wovon die meisten das faszinierende Schild mit der Aufschrift „Jesus Only!“ trugen. Als Bill an dem Gemeindehaus vorbeifuhr, konnte er aus den offenen Fenstern Gesang hören, der von Freudenschreien und Zwischenrufen der einzelnen Gläubigen begleitet wurde. Es glich dem Anbetungsgottesdienst, der Gruppe namens Das Haus Davids, dem Bill in Louisville beigewohnt hatte. Er dachte bei sich: „Hier werde ich nun sehen, was „Holy Roller“ sind.“
Er parkte seinen Wagen und ging in die Gemeinde hinein. Das Gotteshaus war bis zum letzten Platz gefüllt mit etwa zweitausend Menschen, sowohl Weißen als auch Farbigen. Bill musste hinten stehen und über die Menge hinwegblic ken, um zu sehen, was vor sich ging. Irgendwo vorne klimperte ein Klavier. Die Menge klatschte und sang mit Schwung: „Einer von ihnen, einer von ihnen, ich bin so froh, dass ich sagen kann, ich bin einer von ihnen ... “ Frauen schrien, dass Bill Schauer über den Rücken liefen. Dann begann einer mit aller Kraft im Gang zu tanzen. Bald folgten andere seinem Beispiel. Schon bald schien die ganze Menge sich zum Takt der Musik hin und her zu wiegen.
Zuerst dachte Bill: „Unglaublich! Wie benehmen die sich denn im Gottes dienst! Was, um alles in der Welt ist nur mit diesen Menschen los?“ Aber je länger er dort stand, um so besser fühlte er sich. Er dachte: „Mit diesen Menschen ist nichts verkehrt. Sie sind nicht verrückt, sie sind nur von etwas ergriffen.“
Als die Predigt begann, erfuhr Bill, dass es sich um eine Landes konferenz der Pfingstler handelte. Diese musste im Norden abgehalten werden, weil im Süden immer noch die Rassentrennung herrschte. Ein junger Prediger sprach über die Taufe des Heiligen Geistes und wies mit seinem Zeigefinger beständig zur Bekräftigung in die Zuhörerschaft. Bill schien es, als zeige er direkt auf ihn. Der Prediger zitierte immer wieder die Heilige Schrift, wie zum Beispiel Apo stelgeschichte 2:4: „Und sie wurden alle mit heiligem Geist erfüllt und begannen in anderen Zungen zu reden, wie der Geist es ihnen gab auszusprechen.“ Und Kapitel 2:38: „Tut Buße und lasst euch ein jeder auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden taufen, dann werdet ihr die Gabe des heiligen Geistes empfangen!“ Ebenso Kapitel 10:44 und 46: „Während Petrus noch in dieser Weise redete, fiel der heilige Geist auf alle, die seine Ansprache hörten ... denn sie hörten sie mit Zungen reden und Gott preisen.“
„Das ist ein Teil der Bibel“, dachte Bill. „Ich habe es zuvor noch nie so gesehen. Vielleicht ist ja doch etwas daran.“ Je länger er zuhörte, um so mehr gefiel ihm, was er da hörte. Als der Gottesdienst sich dem Ende zuneigte, dachte Bill: „Etwas muss man diesen Menschen zugute halten: Sie schämen sich ihrer Religion nicht. Ich denke, ich werde heute Abend wiederkommen.“
Bill beschloss, länger dort zu bleiben, um herauszufinden, was es mit der Taufe des Heiligen Geistes auf sich hat. Er ging zu seinem Auto und zählte sein Kleingeld. Er hatte noch ungefähr $1,75. Abzüglich der Benzinkosten für die Heimfahrt, blieben ihm noch ungefähr 20 Cent. Das reichte nicht um ein Zimmer zu mieten, aber es machte ihm nichts aus in einem Maisfeld zu übernachten. Bill fuhr in die Stadt und kaufte eine Tüte altbackener Brötchen für einen Nickel und war sicher, dass er mit Leichtigkeit zwei Tage davon leben könnte. Er aß eins und fuhr zum Abendgottesdienst zurück.
Bevor der Gottesdienst begann, stand ein Mann auf und sagte: „Heute möchten wir alle Prediger, gleich welcher Konfession, bitten, hier auf der Rednerbühne Platz zu nehmen.“ Mehr als zweihundert Prediger machten sich auf den Weg nach vorn, unter ihnen auch Bill. Sie nahmen in den Stuhlreihen hinter dem Rednerpult, gegenüber der Gemeinde, Platz. Dann sagte der Mann: „Die Zeit reicht nicht aus alle Prediger sprechen zu lassen, aber wir möchten, dass ein jeder sich hier vorne am Mikrofon kurz vorstellt, sagt wer er ist und woher er kommt.“
Das Mikrofon hing an einem Kabel von der Decke herab und baumelte ein paar Fuß über dem Rednerpult. Bill hatte noch nie zuvor ein Mikrofon gesehen. Er schaute es neugierig an, als er nach vorne ging und sagte: „William Branham, Evangelist, Jeffersonville, Indiana.“
An diesem Abend sah Bill befremdende und faszinierende Dinge, die er sein Lebtag nicht vergessen würde. In der Gemeinde saßen zwei Männer, die scheinbar besonders von Gott gebraucht wurden. Sie waren ihm bereits am frühen Nachmittag aufgefallen, und da waren sie wieder: Einer von ihnen stand auf und sprach wie ein Maschinengewehr in einer unbekannten Sprache, dann stand der andere auf und brachte die Auslegung dessen, was der erste Mann gesagt hatte, in englischer Sprache. Nach einer Weile wiederholten sie es, diesmal jedoch in umge kehrter Reihenfolge. Erstaunt darüber, wie geistlich diese beiden Männer doch sein mussten, beschloss Bill vor seiner Abreise am nächsten Tag unbedingt mit beiden zu reden.
Als die Zeit für die Predigt gekommen war, humpelte ein alter, farbiger Mann auf die Plattform. Er trug einen langen schwarzen Mantel mit einem Samtkragen. Ein Kranz weißer Haare zierte seinen Hinterkopf. Er wirkte schwach und zerbrechlich. Bill fragte sich: „Die werden diesen alten Mann doch nicht etwa predigen lassen?“
Aber genau das hatten sie vor. Der alte Herr ging zum Mikrofon und begann: „Meine lieben Kinder, ich nehme meinen Text heute Abend aus Hiob 38:4-7. Er öffnete seine Bibel und las: „Wo warst du, als ich die Erde baute? ... während die Morgensterne allesamt frohlockten und alle Gottessöhne jauchzten?“ Anstatt davon ausgehend nun die Erschaffung der Erde zu seinem Thema zu machen, ging der alte Prediger zeitlich 10 Millionen Jahre zurück und beschrieb, was droben im Himmel geschah, als die Erde noch ein bloßer Gedanke Gottes war. Dann ging er zur Zeitepoche über, umfasste die unterschiedlichen Heilsabschnitte, folgte dem ausgespannten Regenbogen geradewegs ins Tausendjährige Reich und weiter in den Neuen Himmel und die Neue Erde. Dort angelangt, war er so glücklich, dass er ausrief: „Ehre sei Gott! Denkt ihr, ich hätte eine neuartige Religion bekommen? Bruder, das hier ist ein brandneuer Fall altertümlicher Religion! Juchhei!“ Er sprang in die Luft, schlug seine Fersen zusammen und rief: „Halleluja! Hier oben ist nicht genug Raum für mich zu predigen!“ Und schon sprang er von der Bühne, so behände wie ein kleines Kind.
Bill staunte mit offenem Mund. Er dachte bei sich: „Wenn die Taufe des Heiligen Geistes das bei einem alten Mann bewirkt, was wird erst mit mir geschehen, wenn ich sie empfange?“
Nach der Versammlung hielt Bill an einem öffentlichen Wasserhahn an, um sich dort mit etwas Wasser zu versorgen. Er aß einige seiner Brötchen und fuhr dann hinaus auf das Land und parkte an einem Maisfeld. Seine gute Hose war hoffnungslos zerknittert, und so versuchte er, seine grob gewebte Seersucker-Hose ein wenig zu glätten. Er legte sie auf dem Vordersitz seines Autos aus, hob dann den Rücksitz heraus und legte ihn darauf, in der Hoffnung, dass das Gewicht des Sitzes die Falten seiner Hose bis zum Morgen glätten würde. Dann legte er sich unter einen Kirschbaum ins Gras und betete: „Herr, in was bin ich hier hineingestolpert? Ist es das, was John Ryan die Pfingsterfahrung genannt hat? Herr, hilf mir zu begreifen, worum es hier geht! Ich habe nie in meinem Leben solch’ religiöse Menschen gesehen. Ich weiß nicht genau, was sie haben, aber ich fühle, dass es das ist, wonach mein hungriges Herz gesucht hat. Gott, schenke mir irgendwie das Wohlwollen dieser Leute!“
Irgendwann lange nach Mitternacht rollte er sein Hemd zu einem behelfsmäßigen Kissen auf und döste ein.
Am Morgen begutachtete Bill seine Seersucker-Hose. Sie sah nicht viel besser aus als am Tag zuvor, aber sie war immer noch besser als seine andere Hose. Sein gutes Hemd aber war völlig zerknüllt. Gemäß seiner baptistischen Prägung empfand Bill, dass er ein Gotteshaus nur in seiner besten Kleidung betreten sollte. Er fragte sich, ob er es über sich bringen konnte, in Seersucker-Hose und T-Shirt zur Gemeinde zu gehen. Dann aber dachte er: „Warum nicht? Hier kennt mich niemand. Es wird schon in Ordnung sein.“
Er kam früh in der Gemeinde an. Während das Gotteshaus sich mit Menschen füllte, setzte sich ein Farbiger auf die eine Seite und eine weiße Frau auf die andere neben ihn. Nach dem Gesang trat ein Mann an das Mikrofon und sagte: „Gestern Abend war der jüngste Prediger, den wir auf der Bühne hatten, ein Evangelist mit dem Namen William Branham aus Jeffersonville, Indiana. Wir möchten ihn bitten nach vorne zu kommen und heute Morgen zu predigen!“
Bill glaubte sich verhört zu haben. Er schaute auf seine zerknitterte Kleidung und sank unbewusst noch ein wenig tiefer in seinen Sitz. Der Mann wiederholte: „Weiß hier irgendjemand, wo William Branham, ein Evangelist aus Jeffersonville, ist? Er stand gestern Abend hier auf dem Podium. Wir möchten ihn bitten heute Vormittag zu predigen!“ Bill versank noch ein wenig tiefer in seinem Sitz. Der Farbige auf dem Platz neben ihm lehnte sich zu Bill herüber und fragte: „Sag mal, kennst du ihn?“
Er wollte den Mann nicht anlügen und so flüsterte Bill: „Ja, ich kenne ihn.“ „Ist er hier?“
„Äh – ja, er ist hier, aber – “
„Dann geh und hol ihn!“
Jetzt saß Bill wirklich in der Klemme. „Nun – äh – schau, Bruder, ich, ich sag dir was: Ich bin es.“
Der Farbige lächelte und nickte. „Ich dachte mir schon, dass du dich hier aus irgendeinem Grund ein bisschen zu tief in deinem Sitz verkrochen hast. Geh rauf und predige!“
„Nein, in dieser Kleidung kann ich mich da unmöglich blicken lassen.“ Bill hielt einen Zipfel seines weißen T-Shirts hoch.
„Diese Leute kümmern sich überhaupt nicht darum, wie du angezogen bist. Nun geh schon!“
„Nein, das kann ich wirklich nicht.“
Aus dem Mikrofon erklang noch einmal: „Hat jemand Reverend William Branham gefunden?“ Der Farbige hob seine Hand, zeigte mit dem Finger auf Bill und rief: „Hier ist er! Hier ist er!“
Bill stand langsam auf. Jedes Auge im Gebäude wandte sich in seine Richtung. Er errötete bis zu den Ohren. Mit der Bibel unterm Arm ging er den Mittelgang entlang und stieg auf das Podium. Verlegen stellte er sich hinter das Rednerpult. Die Menge machte ihn nervös, seine Kleidung machte ihn nervös, selbst das vor ihm hängende Mikrofon machte ihn nervös. Aber vor allem war er nervös, weil ihm nichts einfiel, worüber er predigen könnte.
Also fing er einfach an zu reden. „Nun, Leute, ich weiß nicht viel über die Art und Weise wie ihr alle predigt. Ich kam einfach nur zufällig hier vorbei und ... “ Er setzte den Einband seiner Bibel auf das Pult und ließ die Seiten sich aufs Geratewohl öffnen. Während er sprach warf er einen Blick auf den ersten Vers der Seite. Es war Lukas 16, Vers 23: „Als er nun in der Hölle war, hob er in seiner Qual die Augen auf ... und er schrie ... “ Sofort erkannte Bill die Geschichte des reichen Mannes, der es unterlassen hatte, einem Bettler namens Lazarus zu helfen. Der reiche Mann starb und ging zur Hölle.
Bill hatte seine Predigt. Er las die Geschichte der Gemeinde vor und predigte dann: „Dort sitzt also der reiche Mann in der Hölle. Warum litt er Qualen? Er sah, dass es dort keine Blumen gab, und er weinte. Er sah, dass es dort keine Kinder gab, und er weinte. Er sah, dass es dort keine Lieder gab, und er weinte ... “ Bill machte in diesem Stil weiter, zeigte die Tragödie am Ende eines Lebens, das das Evangelium abgelehnt hatte. Je länger er predigte, um so mehr wurden die Pfingstleute von dem Thema erfasst, bis die Menge völlig mitgerissen war. „Es gab dort keinen Frieden, und er weinte. Es gab dort keine Liebe, und er weinte. Es gab dort keine Christen, und er weinte. Es gab dort keinen Gott, und er weinte.“ Schließlich weinte Bill.
Die Menge erhob sich und schrie zu Gott um Gnade. An dieser Stelle verblasste Bills Wahrnehmung der Versammlung und er verlor sich irgendwo in dem emotionalen Gewoge der Menschen. Als Nächstes fand er sich draußen auf dem Versammlungshof wieder. Ein großer, kräftiger Mann kam auf ihn zu und fragte: „Du sagtest, du bist Evangelist?“ „Ja.“
„Ich heiße Johnson und bin Gemeindeältester in Texas. Würdest du nach Texas kommen und bei mir eine Erweckung abhalten?“
Bill betrachtete die hochhackigen Cowboystiefel des Mannes und seinen riesigen Cowboy Hut. „Sind Sie ein Prediger?“
„Aber ja.“
Genau in dem Augenblick kam ein kleinerer Mann heran, gekleidet in karierten Hosen wie altmodische Golfspieler sie trugen. „Ich bin Reverend Smith aus Miami, Florida. Ich habe eine Gemeinde mit 500 Gläubigen. Ich möchte, dass du kommst, um auch bei mir eine Erweckung abzuhalten.“
Bill zog die Augenbrauen hoch und dachte: „Meine Seersucker-Hosen und mein T-Shirt scheinen gar nicht so sehr aus der Rolle zu fallen.“ Eine Frau kam heran und sagte: „Ich leiste Missionarsarbeit bei den Indianern im nördlichen Michigan. Während du gepredigt hast, sagte mir der Herr dich zu bitten mir bei der Arbeit mit den Indianern zu helfen.“ „Moment mal“, sagte Bill, „lasst mich ein Blatt Papier holen!“ Während er Namen und Adressen aufschrieb, kamen immer mehr Prediger mit der gleichen Bitte auf ihn zu – bis Bill genügend Einladungen hatte, um ein ganzes Jahr zu reisen. Bill war begeistert. Sein Leben würde sich ändern. Er konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und Hope davon zu erzählen.
Bevor er jedoch nach Hause fuhr, gab es noch zwei weitere Männer, die Bill gerne treffen wollte. Er suchte die Menge vor der Gemeinde ab, bis er einen der Männer erblickte, die ihn gestern während der Versammlungen mit einer solch’ machtvollen Demonstration des Zungenredens und deren Auslegung beeindruckt hatte. Bill ging hinüber und stellte sich vor. „Sag mal, du bist doch der junge Mann, der heute Morgen gepredigt hat“, fragte der ältere Mann. „Hast du die Taufe des Heiligen Geistes empfangen?“
„Ich bin Baptist.“
„Aber hast du den Heiligen Geist empfangen, seitdem du zum Glauben gekommen bist?“
„Nun, Bruder, ich habe nicht das, was ihr alle habt.“
„Hast du jemals in Zungen gesprochen?“
„Nein.“
„Dann kann ich dir sofort sagen, dass du den Heiligen Geist nicht hast.“ Bill zuckte die Achseln. „Wenn das notwendig ist, um den Heiligen Geist zu empfangen, dann habe ich ihn nicht.“
Während sie sprachen, beobachtete Bill den Mann genau und versuchte den Geist des Mannes zu ergründen. Obwohl Bill die einzigartige Gabe, die er besaß, selbst nicht verstand, lernte er diese Gabe zu nutzen, um seinen Zweck zu erreichen. Er hatte entdeckt, dass er, wenn er wirklich etwas über jemanden wissen wollte, dies normalerweise dadurch herausfinden konnte, dass er lange genug mit der betreffenden Person sprach, bis er deren Geist erfasste. Jetzt schien der ältere Christ zu spüren, dass etwas Seltsames vor sich ging, denn seine Augen bewegten sich nervös hin und her. Bill machte die Versammlungen zum Brennpunkt der Unterhaltung und schon bald kam die Vision. Bill war zufrieden – dieser Mann war ein echter, wahrer Christ.
Davon überzeugt auf der richtigen Spur zu sein, war Bills Seele entflammt mit Verlangen nach mehr von Gott. Auf dem Weg zurück zu seinem Wagen traf er den zweiten Mann, der ihn während der Versammlung beeindruckt hatte. Bill stellte sich vor.
Der Mann fragte: „Welcher Gemeinde gehörst du an?“
„Ich bin Baptist.“
„Hast du schon den Heiligen Geist?“
„Ich weiß nicht. Ich weiß, dass ich nicht das habe, was ihr alle habt.“ „Hast du jemals in Zungen geredet?“
„Nein.“
„Dann hast du ihn auch nicht.“
Während sie so sprachen, versuchte Bill auch den Geist dieses Mannes zu erfassen. Als die Vision schließlich kam, ließ sie das Leben des Mannes wie die Schale eines verfaulten Eies aufplatzen. Bill sah, dass dieser Mann mit einer dunkelhaarigen Frau verheiratet war, jedoch zur Zeit mit einer blonden Frau zusammenlebte und zwei Kinder mit ihr hatte. Die Vision ging in schockierende Einzelheiten hinein. Hier war ein dreister Heuchler. Dieser Mann war nicht: Nur Jesus, er war nur Sonntags. In der Vision sah Bill ihn in einer Kneipe sitzen, trinken und fluchen; und dann sah er ihn sonntags in der Gemeinde sitzen, in Zungen reden und prophezeien! Bill schreckte in Horror zurück. „Herr, vergib mir. Der Geist unter diesen Leuten muss falsch sein oder wie sonst könnte dieser Heuchler in der Gemeinde stehen und weissagen?“ Bill entschuldigte sich und ging schnell zu seinem Wagen. Als er von Mishawaka wegfuhr, sprangen seine Gedanken genauso in seinem Kopf herum wie sein altgedienter Ford auf der Straße auf- und abhüpfte. „Herr, ich verstehe das nicht. Wie konnte der echte Heilige Geist auf diesen wahren Christen fallen und gleichzeitig auch auf diesen Heuchler? Das kann nicht sein! Vielleicht täusche ich mich, aber ich kann das nicht mit der Bibel in Einklang bringen. Ich denke, ich sollte die ganze Angelegenheit um das Zungenreden und Weissagen auf sich beruhen lassen.“
Dann erinnerte sich Bill daran, was Jesus in Markus 16 gesagt hatte: „Wer da gläubig geworden ist und sich hat taufen lassen, wird gerettet werden; wer aber ungläubig geblieben ist, wird verurteilt werden. Denen aber, die zum Glauben gekommen sind, werden diese Wunderzeichen folgen: In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden ... “ Bill dachte: „Das ist die Heilige Schrift. Was mache ich jetzt damit?“
Das Puzzle wollte sich nicht von selbst zusammenfügen, so ließ er es liegen und wandte seine Gedanken den Einladungen zu, die er in seiner Tasche trug. Seine Lebensgeister wurden neu belebt. Beflügelt von seinem Traum schwebte er gleich einem Adler hoch über den Wolken in den Lüften und schaute voller Erwartung hinunter auf seinen zukünftigen Weg. Er erinnerte sich daran, was ihm der Herr an jenem Tag gesagt hatte, an welchem er den Eckstein seines Gemeindehauses gesetzt hatte: „Tu die Arbeit eines Evangelisten ... “ Es sah so aus, als ob Gott ihm nun den Weg bahnte genau dies zu tun.
Als Bill zu Hause ankam, war er so begeistert, dass er bereit war, seine Sachen zu packen und gleich am nächsten Tag wieder loszufahren. Hope rannte aus dem Haus heraus, um ihn zu begrüßen; ihre langen schwarzen Haare wehten im Wind. Sobald sie sich umarmten, spürte Hope seine Begeisterung. „Bill, worüber bist du so glücklich?“
„Liebling, ich habe die beste Gemeinde der Welt gefunden!“ „Wo warst du?“
„In der Nähe von Mishawaka. Liebling, ist das eine Gemeinde! Diese Leute lobpreisen Gott und jauchzen; sie schämen sich ihrer Religion nicht.“ Hope hob skeptisch ihre Augenbrauen. „Das sind doch keine „Holy Roller“, oder?“
„Ich weiß nicht, welche Art Roller sie sind, aber die haben etwas, das ich brauche. Ich habe einen 90-jährigen wieder jung werden sehen. Einige der Menschen sprachen in unbekannten Sprachen und andere legten aus, was diese gesagt hatten. Und die Predigt! Sie predigen, bis sie außer Atem sind, fallen auf die Knie, kommen wieder hoch, halten den Atem an und beginnen wieder von vorn. So etwas habe ich mein Lebtag noch nicht gehört. Und schau her ... “ Bill winkte mit dem Papier, auf dem die Namen und Adressen standen. „All diese Pastoren möchten, dass ich zu ihnen komme und für sie predige, von Michigan bis hinunter nach Texas. Ich werde meine Arbeit aufgeben, meine Gemeinde verlassen und beginnen vollzeitlich unter diesen Menschen zu predigen. Ich habe genügend Einladungen für ein ganzes Jahr. Wirst du mit mir kommen?“
Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, sagte Hope: „Bill, als ich dich heiratete, habe ich versprochen bei dir zu bleiben, bis dass der Tod uns scheidet. Natürlich werde ich mit dir kommen. Außerdem, wenn diese Leute so glüc klich sind, wie du sagst, möchte ich auch dieses Erlebnis haben. Wie nennen sie es?“
„Sie nennen es die Taufe des Heiligen Geistes. Lass uns Jesu so erleben!“
Als Nächstes mussten sie es ihren Eltern sagen. Als Bill damit zu seiner Mutter kam, sagte Ella: „Billy, ich erinnere mich an einen Traum, den ich ein paar Tage nach deiner Bekehrung hatte. Ich sah dich auf einer weißen Wolke stehen und der ganzen Welt predigen.“
Vage erinnerte sich Bill, dass sie ihm vor Jahren diesen Traum erzählt hatte. Bill zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wie es mit der ganzen Welt aussieht, aber ich werde mit Sicherheit in ganz Amerika predigen. Und Mama, du solltest sehen, wie begeistert diese Menschen von Jesus sind. Sie schämen sich nicht ein bisschen Seinen Namen laut zu bekennen.“
„Vor langer Zeit hatten wir in Kentucky das, was wir die Baptisten alten Stils nannten. Sie waren genauso: Sie priesen und jauchzten. Das ist echte Herzensreligion, Billy.“
„Ich glaube an Herzensreligion, Mama.“
Sie tätschelte seinen Arm. „Ich weiß, Billy. Ich vertraue darauf, dass Gott dich segnen wird.“
Hopes Mutter jedoch reagierte auf ihren Bericht völlig anders. Herr und Frau Brumbach hatten sich bereits getrennt. Charlie Brumbach war nach Fort Wayne, Indiana gezogen. Frau Brumbach lebte weiterhin in ihrem Haus in Jeffersonville. Als Bill mit Hope und ihrer Mutter auf der Veranda saß, sagte er: „Frau Brumbach, ich habe eine wunderbare Gruppe von Menschen gefunden. Hope und ich haben vor aufzubrechen und unter ihnen zu reisen.“
Dann berichtete er ihr von den Erlebnissen in Mishawaka. Frau Brumbachs Blick verfinsterte sich. „William, damit das klar ist, ich werde meiner Tochter niemals die Erlaubnis geben mit einem Haufen Gesindel „Holy Roller“ herumzuziehen.“
„ Aber Frau Brumbach, das ist die glücklichste Gruppe von Menschen auf der ganzen Welt. Sie schämen sich ihrer Religion nicht und mir gefällt das.“
„Gesindel“, beharrte sie, „sie sind nichts weiter als Gesindel. Siehst du denn nicht, dass dies nur Menschen sind, die andere Gemeinden herausgeworfen haben? Ich werde dir niemals die Erlaubnis geben meine Tochter unter solchen Abschaum zu bringen. Allein der Gedanke!“ „Aber Frau Brumbach, tief in meinem Herzen spüre ich, dass der Herr will, dass ich zu diesen Menschen gehe.“
„Gesindel“, wiederholte sie. „William, warum bleibst du nicht bei deiner Gemeinde, bis sie abbezahlt ist? Dann beschaff dir eine eigene Pfarrei und handle wie jemand, der ein bisschen Verstand hat. Meinst du, ich könnte glücklich sein in dem Wissen, dass du meine Tochter durch das Land schleifst – heute hat sie zu essen, morgen nicht, niemals Kleidung zum Wechseln oder ein gutes Kostüm?“
„Frau Brumbach, hier geht es nicht um Kleider. Die Sache ist die, ich fühle, das ist der Wille Gottes für mich.“
„Nein, wirklich. Niemals werde ich zulassen, dass meine Tochter unter solches Gesindel gerät!“ Hier wandte sich Frau Brumbach zu ihrer Tochter und starrte sie anklagend an: „Und wenn sie doch geht, wird ihre Mutter gebrochenen Herzens ins Grab gehen.“
Hope rang nach Luft. „Mutter, meinst du das wirklich?“
„Genau das meine ich.“
Hope weinte. Bill legte den Arm um sie. „Aber, Frau Brumbach, sie ist meine Frau.“
„Aber sie ist meine Tochter!“
Bill sagte: „In Ordnung!“ Er stand auf, verließ die Veranda und ging zu seinem Wagen.
Hope rannte hinter ihm her. „Billy, egal, was Mutter sagt, ich stehe zu dir.“
„Ach, ist schon gut, lass es uns vergessen!“
„Aber Bill, wenn du empfindest, dass Gott will, dass du gehst, dann solltest du gehen.“
Bill seufzte. „Liebling, ich glaube, es ist schwer eine Entscheidung zu treffen, aber ich möchte deiner Mutter nicht weh tun. Wenn ihr irgend etwas zustoßen würde, während wir unterwegs sind, was dann? Dann wirst du dich den Rest deines Lebens fragen, ob du das Herz deiner Mutter gebrochen hast. Lass es uns vorerst aufschieben!“ Bill ignorierte also Gottes ersten Ruf zu einem landesweiten evange listischen Dienst. Es stellte sich heraus, dass dies der größte Fehler war, den er je in seinem Lebens begehen sollte – ein Fehler, der schon bald verheerende Folgen haben würde.