1934–1935
William Marrion Branham heiratete Amelia Hope Brumbach am Freitag, dem 22. Juni 1934. Bill war 25, Hope beinahe 21 Jahre alt. Sie mieteten ein kleines Haus in der Graham Straße 434, nicht weit vom Branham Tabernacle entfernt. Das Häuschen hatte nur zwei Zimmer. Das eine nutzten sie als Wohn- und Schlafzimmer, das andere als Küche. Im Haus gab es kein fließendes Wasser. Hope musste es von einem öffentlichen Brunnen einen Block entfernt holen. Eigentlich war es kein richtiges Haus, aber es war mit einem Preis von $4,00 pro Monat das einzige, was sie sich leisten konnten. Die Jungvermählten starteten ihr Eheleben mit sehr geringen Mitteln. Bill besaß eine abgenutzte Ledercouch und seinen alten Ford. Bills Mutter schenkte ihnen ein schmales eisernes Bettgestell. Jemand gab ihnen ein altes Klappbett. Auf einem Schrottplatz kaufte Bill einen gebrauchten Ofen für 75 Cent und ein neues Rost für $1,25. Hope arbeitete in der Hemdenfabrik Fine’s Shirt Factory, um ein wenig Geld für weitere Möbel zu verdienen. Bald hatten sie genügend Geld gespart, um für $3,98 eine unlackierte Essgruppe von Sears zu erstehen. Bill strich sie gelb an und versah die Tischplatte und die Sitzflächen der Stühle mit einem großen grünen Kleeblatt, weil Hope ihn immer mit seiner irischen Abs tammung neckte. Der Tisch und die Stühle verschönerten ihr Heim beträchtlich. Aber zum Ausruhen waren die steifen, hölzernen Stühle nicht geeignet. Bill hatte tagsüber zwei Jobs und ging abends seinen Verpflichtungen als Pastor nach. Abends war er daher immer sehr müde. Er wünschte, er könnte sich dann in einen gemütlichen Sessel sinken lassen, die Beine hochlegen und entspannt die Bibel lesen.
Da Hope arbeitete, dachte Bill, dass sie sich vielleicht ein bequemes Möbelstück würden leisten können. Sie fuhren zusammen über den Fluss nach Louisville, um sich dort nach einem gut gepolsterten Sessel umzusehen. Sie fanden einen Morris Sessel zum Preis von nur $16,98. Dieser Preis schien erschwinglich. Mit jener Aufregung, die stets eine neue Erfahrung begleitet, überreichte Bill dem Verkäufer die Anzahlung von $3,00 und fuhr stolz mit dem wunderschönen, grünen Sessel nach Hause. Sie stellten ihn in eine Ecke des Schlafzimmers. Bill ließ sich in den samtweichen Sessel sinken und atmete tief den erfrischenden Geruch des neuen Stoffes ein. Ihm fiel nur ein Wort ein, das seine Gefühle beschrieb: Himmlisch.
Dieser bequeme, verstellbare Hochlehnsessel war mit Abstand der größte Luxus, den Bill bis dahin besessen hatte. Nachdem er den ganzen Tag über die Stromleitungen kontrolliert und am Abend in der Stadt gepredigt hatte, hieß der Sessel mit den weichen Kissen seine müden Muskeln willkommen. Während des nächsten Monats schlief Bill häufig in dem Sessel ein, die Bibel noch aufgeschlagen auf seinem Schoß. Liebevoll drängte Hope ihn dann aufzustehen und ins Bett zu gehen. Aber die Anschaffung verursachte bald ein Problem, mit dem Bill nicht gerechnet hatte. Vertragsgemäß waren Ratenzahlungen von einem Dollar pro Woche fällig. Es stellte sich heraus, dass er dieses Geld anderswo dringend benötigte. Während die Wochen ins Land gingen, verschlechterten diese regelmäßigen Zahlungen von einem Dollar sein auf unsicheren Füßen stehendes Budget zusehends. In der siebten Woche konnte Bill zum ersten Mal die Rate nicht mehr bezahlen. Er konnte ganz einfach nicht den einen Dollar erübrigen. In der folgenden Woche sah es nicht besser aus. Als Bill die dritte Rate in Folge nicht zahlen konnte, bekam er einen Anruf von der Finanzierungsgesellschaft. Bill entschuldigte sich und schlug schweren Herzens vor, dass der Sessel abgeholt werde.
Ein paar Tage später, als Bill von der Arbeit nach Hause kam, duftete die ganze Küche nach frischgebackenem Kirschkuchen, seinem Lieblingskuchen. Nach dem Abendessen aß er zwei Stücke Kuchen mit einer dicken Schicht heißem Zuckersirup. Er neckte Hope und fragte sie: „Warum verwöhnst du mich heute Abend so?“
Sie lächelte, als ob sie etwas zu verbergen hätte. „Bill, ich habe den Nachbarsjungen gebeten, heute Nachmittag nach ein paar Würmern zu graben. Warum gehen wir nicht noch ein bisschen runter an den Fluss und angeln ein Weilchen?“
Das machte Bill stutzig, weil Hope im Allgemeinen dem Angeln nicht viel abgewinnen konnte. „Komm, gehen wir erst ein wenig ins Wohnzimmer, damit sich der Kirschkuchen setzen kann!“
„Nein, Bill, lass uns sofort zum Angeln gehen!“ Ihre Worte hörten sich fast flehentlich an.
„Liebling, was ist heute passiert?“
Hope sagte: „Nichts.“, doch ihre Augen waren feucht.
Bill ahnte, was passiert war und sagte nochmals: „Lass uns zuerst in das andere Zimmer gehen!“ Als sie den Blick senkte, wusste Bill, dass er recht hatte. Er legte den Arm um sie und sie gingen zusammen in das angrenzende Zimmer. Der Sessel war nicht mehr da.
Hope legte ihren Kopf an Bills Schulter und schluchzte: „Oh Bill, ich hab versucht ihn für dich zu behalten, ich hab es wirklich versucht.“ Bill umarmte sie zärtlich. „Ich weiß, Liebling. Du kannst nichts dafür. Wir konnten nichts dagegen tun. Aber eines Tages werden die Dinge anders stehen. Gott wird uns helfen, dann werden wir einen schönen Sessel besitzen.“ Sie blickte in die zuversichtlichen Augen ihres Ehemannes. „Ich hoffe es, Bill.“
Trotz der unvermeidlichen Härten der Armut waren Bill und Hope Branham sehr glücklich miteinander. Sie schätzten einander und ihre grenzenlose Liebe glich die Schlaglöcher auf ihrem Weg aus. Im Dezember 1934 wurde Hope schwanger. Sie waren beide begeistert von der Vorstellung bald ein Baby zu haben. Da Bill irischer und Hope deutscher Abstammung war, neckte er sie, indem er sagte: „Wenn es ein Junge wird, werden wir ihn Heinrich Michael nennen.“
Hope war entsetzt: „Oh Bill, das klingt ja schrecklich.“ Am 13. September 1935 setzten die Wehen bei Hope ein. Es war eine schwere Geburt, die Hope beinahe nicht überlebte. Bill legte einige Kilometer beim Auf- und Abgehen im Warteraum des Krankenhauses zurück. Um drei Uhr nachmittags hörte man das Baby schreien. In dem Moment rief Bill: „Danke, Herr! Es ist ein Junge und sein Name soll Billy Paul sein.“
Nach ein paar Minuten kam der Arzt aus dem Kreissaal heraus und sagte lächelnd: „Reverend Branham, ich sollte Ihnen den Linoleumboden in Rechn ung stellen, den Sie uns abgelaufen haben. Aber das ist es wert. Sie haben einen Jungen.“
Nachdem Bill sich vergewissert hatte, dass es seiner Frau gut ging, konnte er sich einen Scherz nicht verkneifen. „Liebling, ich habe meine Hope Branham Meinung geändert. Ich glaube nicht, dass wir ihn Heinrich Michael nennen sollten. Da er an einem Freitag, dem 13. geboren wurde, sollten wir ihn Jinx nennen.“
Sie lachte: „Aber Bill, ich wollte ihn nach seinem Vater nennen.“ „Dann werden wir ihn nach seinem Vater und nach dem großen Apostel Paulus nennen. Er soll Billy Paul heißen.“
Im Oktober 1935 veröffentlichten die Zeitungen den Einmarsch Mussolinis in Äthiopien. Italien war mit seiner modernen Kriegs maschinerie in das rückständige Land eingerückt und hatte jeglichen äthiopischen Widerstand schnell zerschlagen. Europa brachte seine Empörung wegen dieses unerwarteten Einmarsches umgehend durch das Verhängen wirtschaftlicher Sanktionen gegen Italien zum Ausdruck. Bill las diese Neuigkeiten mit starkem Interesse. Er konnte nicht verstehen, welch sonderbare Kraft es ihm gestattete, in die Zukunft zu sehen; aber was es auch war, die Ereignisse, die er sah, geschahen immer. Er fragte sich wiederum, wie eine solche Gabe vom Teufel kommen konnte, wie seine Predigerfreunde behaupteten. Es verwirrte ihn. Eines Sonntags nach der Versammlung hörte Bill Walt Johnson sagen: „Ihr hättet diese „Holy Roller“ gestern Nacht hören sollen ... “ Bill platzte in die Unterhaltung hinein: „Wovon redest du, Bruder Walt?“ Walt kaute auf einem Stück getrockneter Orangenschale herum. „Pfingstler, Billy. So etwas hast du noch nicht gesehen. Sie sprangen auf und ab und wältzten sich auf dem Fußboden. Und sie sagten, wenn man nicht in einer Art unbekannter Sprache redete, dann wäre man nicht errrettet.“ „Wo ist das?“
„In einem Zelt auf der anderen Seite von Louisville. Die Gruppe nennt sich selbst Das Haus Davids, und sie nennen diese Versammlungen Die Schule der Propheten. Farbige natürlich.“
„Ah, das erklärt es“, sagte Bill, der wusste, wie fanatisch manche Farbige ihre Religion ausübten.
„Es waren auch viele Weiße da.“
„Wirklich? Und haben die da auch mitgemacht?“
„Ja, auch sie haben sich so benommen.“
„Das ist ja komisch. Dass Leute sich auf so etwas einlassen!“ Bill schüttelte den Kopf. „Nun, auch so etwas muss es wohl geben.“ Aber der Bericht weckte Bills Neugier und am Montagabend fuhr er hinüber nach Louisville, um es selbst zu prüfen. Obwohl er niemanden sah, der sich auf dem Fußboden wälzte, war die Menge eindeutig von etwas ergriffen und sie schien einige sonderbare Lehren zu vertreten. Während des Gottesdienstes stand ein ungewöhnlicher Mann mittleren Alters auf, um ein Zeugnis zu geben. Mit seinem ergrauten, schulter langen Haar und seinem lockigen Bart, der ihm bis zur Brust reichte, erinnerte er Bill an einen alttestamentlichen Propheten. Sein Zeugnis war genauso beeindruckend wie seine Erscheinung. Er stellte sich selbst als John Ryan aus Dowagiac, Michigan vor. Er sagte, der Herr habe ihm gesagt, hierher nach Louisville zu kommen, um bei dieser Versammlung Zeugnis abzulegen. Er sprach über die Kraft Gottes, das Pfingstfeuer und die Taufe des Heiligen Geistes. Sein Zeugnis vermittelte eine solche Energie und Überzeugung, dass Bill beschloss diesen ungewöhnlichen Mann zu treffen.
Nach dem Gottesdienst sprachen sie lange miteinander. John Ryan erzählte, dass er als junger Mann Akrobat in einem Zirkus gewesen war. Jahrelang hatte er der katholischen Kirche angehört, aber nachdem er sein Herz Jesus Christus übergeben hatte, wurde er Pfingstler. Nun reiste er, wohin ihn der Herr führte, und wo immer er auch hinkam, legte er Zeugnis ab von der Kraft Gottes.
Bill erzählte ihm von seiner 7-teiligen Vision, die er im Juni 1933 gesehen hatte. Als John Ryan hörte, dass ein Teil davon den Einmarsch Mussolinis in Äthiopien vorausgesehen hatte, konnte er seine Begeisterung kaum noch zügeln und fragte, ob sie später noch ausführlicher darüber reden könnten. Bill war das recht und so lud er den älteren Mann ein die Nacht bei ihm zu Hause zu verbringen.
Am Morgen saßen sie lange am Küchentisch, während Bill einige seiner übernatürlichen Erlebnisse erzählte. Im Gespräch mit diesem Fremden spürte er größere Freiheit als er sie in den Unterredungen mit Predigern erlebt hatte, die er seit Jahren kannte.
John Ryan ermunterte Bill seinen Visionen genaue Beachtung zu schenken, da sie Gottes Stimme sein könnten, die zu ihm spräche. Dann begann er über etwas zu sprechen, das er die Pfingsterfahrung nannte, welche, wie er sagte, die Macht Gottes als dynamische, lebendige Kraft im Leben eines Christen war. Bill konnte nicht verstehen, wovon der Mann sprach. Er benutzte ungewöhnliche Begriffe wie Taufe des Heiligen Geistes, in Zungen sprechen und Auslegung der Zungen. Aber eines war klar: John Ryan glaubte fest an das, was er sagte. Er wurde immer lebhafter, während er sprach. Mit einem Mal warf er die Arme hoch und begann in einer fremdartigen Sprache zu reden. Nach einer Weile hörte er wieder auf. Er stand auf, ging um den Tisch herum, legte Bill die Hand auf die Schulter und sagte: „Bruder Billy, dies ist die Auslegung: Du bist jetzt nur ein junger Bursche und viel Jugendliches steckt noch in dir. Aber eines Tages wird sich das legen, und der Allmächtige Gott wird dich dazu gebrauchen, die Nationen aufzurütteln.“