1933–1934
Die Bauarbeiten auf dem Grundstück Ecke 8th/Penn Straße wurden Ende September 1933 fertig. Aus Liebe und Respekt zu ihrem Pastor beschloss die Gemeinde das Gebäude „Branham Tabernacle“ zu nennen. Es sah nicht aus wie ein typischer Kirchenbau. Es hatte keinen Kirchturm, kein großes Kreuz, kein stark abgeschrägtes Dach und kein Kirchengewölbe. Es war einfach nur ein Betonbau mit leicht abgeschrägtem Dach, verkleideter Fassade und einfachen rechteckigen Fenstern und Türen. Einige Bewohner der Gegend witzelten, es gliche mehr einer Werkstatt oder einem Lagerschuppen als einer Kirche. Für William Branham war das Gebäude jedoch wunderschön. Er stellte sein Rednerpult genau an den Platz, an dem er gekniet hatte, als Gott ihm die Inspiration gab dieses Grundstück zu kaufen. Er platzierte drei Kruzifixe im vorderen Bereich des Gemeindehauses: Eins am Rednerpult und eins an jeder Seite hinter dem Pult an der Wand, genauso, wie er es in der Vision gesehen hatte.
Die Fertigstellung des Gesamtprojektes kostete $2.000,00, worauf die Bank eine Hypothek mit 20 Jahren Laufzeit gewährte. Das war eine Menge Geld für eine arme Gemeinde inmitten der Weltwirtschaftskrise. Um sicherzustellen, dass das Branham Tabernacle seinen monatlichen finanziellen Verpflichtungen nachkommen konnte, verzichtete Bill darauf, etwas von dem Zehnten und dem Opfer der Gemeinde für seinen eigenen Lebensunterhalt zu verwenden und zog es vor, das Geld in das Gebäude zu investieren.
Bill behielt seinen Arbeitsplatz bei dem öffentlichen Versorgungsbetrieb Indianas, wenn er sich auch in eine andere Abteilung versetzen ließ. Jetzt war er Streckenarbeiter und verantwortlich für die Patrouille der Hochspannungsleitungen, die durch das bewaldete Land verliefen. Die Arbeit ließ sich gut mit seinen Aufgaben als Wildhüter verbinden, sodass er häufig beide Aufgaben gleichzeitig erledigen konnte. Das war ein glücklicher Umstand, weil er immer noch nichts bei seiner Arbeit als Wildhüter verdiente.
Unter anderem hatte Bill die Baukosten für das Branham Tabernacle dadurch gering gehalten, dass er es bei einem unbefestigten Boden beließ. Gefror nun draußen die Erde, gefror der Boden auch innen. An einem Mittwochabend kam Bill früher zum Gottesdienst, um das Feuer in den beiden Kohleöfen anzuzünden, damit es im Gebäude warm wurde, bevor die Gemeinde zum Gottesdienst eintraf. Die Leute schritten auf festgefrorenem Boden herein, aber gegen Ende des Gottesdienstes hatte sich dieser in eine zähe, schlammige Masse verwandelt. Großmütter und Enkelinnen versanken darin gleichermaßen bis zu den Knöcheln, während sie sich zum Ausgang durcharbeiteten. Obwohl alle nachher herzlich über diesen Vorfall lachen mussten, beschloss man den Boden mit Sägemehl abzudecken, damit so etwas nicht noch einmal geschehen konnte.
Bill ergriff seine Aufgabe als Pastor mit der Begeisterung der Jugend und dem Eifer eines jungen Mannes, der endlich seine Leidenschaft entdeckt hatte. Neben den vorausgesetzten Pflichten wie Predigt, Seelsorge und Gebet für die Kranken, leitete er ebenfalls das Singen, bezahlte die Schulden, entfernte die Asche aus dem Ofen, und was auch immer getan werden musste, Bill opferte seine Zeit.
Der Umstand, dass er sowohl junger Pastor als auch junger Christ war, brachte tägliche Lernerlebnisse mit sich – einige davon waren voraussehbar, andere hingegen recht ungewöhnlich. Als Bill eines Samstagnachts mit dem Auto nach Hause kam, sah er im Scheinwerfer licht einen Betrunkenen auf der Straße entlangschwanken. Es stellte sich heraus, dass es sich um Wayne Bledsoe handelte, einem jungen Mann, der mit Bills Bruder Edward befreundet gewesen war. Die Prohibition war noch in Kraft und so lud Bill den Betrunkenen in seinen Wagen und nahm ihn mit nach Hause, bevor er noch in die Hände des Gesetzes fiel. Er half Wayne ins Haus, legte ihn in sein eigenes Bett und richtete sich selbst einen Schlafplatz auf der Couch ein.
„Wayne, schämst du dich nicht?“, schalt Bill.
„Du – Billy – du – Billy – sag das nicht, Billy!“
„Trinken ist keine Lösung. Es wird dich vorzeitig umbringen. Was du tun solltest, ist, dein Leben Jesus übergeben! Das wird dir ewiges Leben geben.“
„Aah, Billy.“
Bill legte seine Hände auf Waynes Stirn und sagte: „Ich werde für dich beten, Wayne.“
Draußen fuhr ein Taxi vor. Die Autotür schlug zu und Bill hörte eilige Schritte auf dem Bürgersteig. Eine Frau hämmerte ungestüm an die Tür und rief: „Bruder Bill! Bruder Bill!“
Bill dachte: „Du liebe Zeit, da liegt jemand im Sterben.“ Er schaltete das Licht ein, zog sich an und lief zur Tür.
Die 18-jährige Nellie Sanders stand in der Tür, blass und mit roten, verweinten Augen.
„Nellie, komm herein!“
Nellie trat ein. „Oh, Billy. Ich bin verloren. Ich bin verloren.“ „Was ist los, Nellie. Hast du einen Herzanfall?“
„Nein, Bruder Bill. Ich ging die Spring Straße hinunter, und – ehrlich, Bruder Bill, ich wollte nichts Böses tun!“
Bill fragte sich krampfhaft, was er mit diesem hysterischen Mädchen machen sollte. „Nun, beruhige dich erstmal, Schwester! Erzähl’ der Reihe nach!“
Nellie selbst war eine junge Christin – eine, die sich in Bills Zeltversamm lungen im Juni bekehrt hatte. Bevor sie ihr Herz Jesus übergeben hatte, war sie eine der besten Tänzerinnen der Stadt und ihr Tanzpartner, Lee Horn, besaß noch die Trophäen, die das belegten.
Nellie holte tief Luft, um ihre zitternden Hände zu beruhigen. Sie versuchte langsam und deutlich zu sprechen, aber ihre Worte gewannen mehr und mehr an Geschwindigkeit, bis sie zuletzt kaum noch zu verstehen war. „Ich kam an der Redmans Halle vorbei und hörte Tanzmusik. Ich blieb einen Moment stehen, um zuzuhören. Die Musik klang immer besser. Ich sagte: „Herr, Du weißt, dass ich Dich liebe, aber ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, in denen Lee und ich all diese Preise und Trophäen gewannen. Vielleicht kann ich, wenn ich diese Stufen hochsteige, einigen der Leute dort Zeugnis geben.“ Also stieg ich die Stufen hoch und bevor ich wusste, was ich tat, befand ich mich auf der Tanzfläche in den Armen eines Jungen. Oh, Billy, bin ich nun endgültig verloren? Ich will nicht so enden wie Margie.“
Bill erinnerte sich an Margie, das Mädchen in dem knappen Badeanzug, das sich seiner Bitte verweigert hatte aus ihrem Ruderboot zu steigen, als er im Juni die Bekehrten seiner Erweckungsversammlungen getauft hatte. Als der geheimnisvolle Stern aus dem Himmel kam, war Margie ohnmächtig geworden. Später begann sie zu trinken. Während eines Streits in einer Schankstube schlug ihr jemand mit einer abgebrochenen Flasche ins Gesicht und entstellte sie schrecklich. Das letzte, was Bill von ihr hörte, war, dass sie sich in einer Fachklinik für Psychiatrie befand. Nellie war so aufgeregt, dass sie zitterte. Bill versuchte, sie zu trösten. „Nein, Schwester, du bist nicht verloren. Aber du hast einen Fehler gemacht, als du einen Augenblick verweilt hast, um auf die Stimme des Teufels zu hören, die dich zu dem zurückrief, was du warst, bevor du Jesus begegnet bist. Ich bin noch nicht lange Christ, aber soviel weiß ich bereits, dass der größte je gefochtene Kampf sich in den Gedanken des Menschen abspielt. Es ist der Kampf zwischen Glaube und Zweifel. Wirst du an Gottes Wort glauben oder es anzweifeln? Du musst deine eigene Wahl treffen.“
„Oh, Billy, ich möchte den Glauben an Jesus wählen.“
Wayne Bledsoe war in der Zwischenzeit ein wenig ausgenüchtert. Neugierig geworden durch die ganze Aufregung, saß er nun im Bett und beobachtete die beiden.
„Ich kenne die Bibel nicht sehr gut“, sagte Bill, „aber ich glaube, Jesus sagte dies: „In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben.“ Er legte die Hand auf Nellies Schulter und betete: „Teufel, ich weiß nicht, wer du bist, aber dies ist meine Schwester und du hast kein Recht von ihr Besitz zu ergreifen. Du wirst jetzt aus ihr herauskommen müssen! Hörst du?“
Die Tür begann sich wie von selbst schnell zu öffnen und zu schließen – bäng, bäng, bäng, bäng.
Nellies Augen weiteten sich. „Billy, schau da, was ist da los?“ Bill war ebenso überrascht. „Ich weiß es nicht.“ Er schaute wiederum auf Nellie und betete: „Verlasse sie, Satan, in Jesu Namen, komm aus ihr heraus.“
Sobald Bill den Namen Jesus erwähnte, erhob sich ein Schattengespenst hinter Nellie Sanders, das aussah wie eine riesige Fledermaus, von deren Flügeln und Füßen lange Haare herabhingen. Es stieß einen knurrenden Kehllaut aus „rrrrrrrrrrrr“ und kam auf Bill zu, der aufschrie: „Blut Jesu, beschütze mich!“ Der Dämon änderte seine Richtung und flog auf das Bett zu, auf dem Wayne saß. Er drehte sich einmal im Kreis und verschwand dann im Bett. Mit wildem Blick und stocknüchtern schrie Wayne auf, riss die Bettdecken von sich und sprintete ins nächste Zimmer.
Bill fuhr Nellie nach Hause. Als er zurückkam, nahmen seine Mutter und er das Bett auseinander und schüttelten die Laken aus. Da war nichts. Beunruhigt erwähnte Bill den Vorfall anderen Predigern gegenüber. Jeder sagte ihm im Grunde das gleiche: „Bill Branham, die Tage, in denen man Teufel ausgetrieben hat, sind vorbei. Und außerdem können Menschen sowieso keine Dämonen sehen. Du musst dir das eingebildet haben.“ Bill hätte es als Einbildung abtun können, aber Wayne und Nellie hatten die Erscheinung auch gesehen. War das der Dämon, der ihn ständig plagte? Folgte er ihm? War er ständig in seiner Nähe? War er verantwortlich für all die seltsamen Geschehnisse in seinem Leben, einschließlich der Visionen? Gedanken wie diese quälten ihn und führten dazu, dass Bill sich fragte, warum sein Leben so anders war als das der anderen Prediger, die er kannte.