1946
Viele Stunden lang lief William Branham im Wartezimmer des Krankenhauses auf und ab. Im nahen Entbindungsraum lag seine Frau Meda in Wehen, um ihr erstes Kind auf die Welt zu bringen. Es war keine leichte Geburt. Am Ende musste der Arzt das Kind durch Kaiser schnitt auf die Welt holen. Es war der 21. März 1946 – fünf Tage vor Medas 27. Geburtstag.
Im Verlauf des Tages gab der Arzt Bill den Rat keine weiteren Kinder mehr zu haben. Gemäß seiner fachmännischen Meinung würde Meda die Strapazen einer zweiten Geburt nicht überstehen. Bill nahm diesen Rat gelassen entgegen. Er war fast 37 Jahre alt. Noch vor ein paar Jahren hatte er gedacht, dass sein Sohn Billy Paul alles sei, was er an Familie haben würde. Jetzt schätzte er nicht nur eine Frau sein Eigen, sondern hatte auch noch eine kleine Tochter. Wenn Gott bestimmt hatte, dass dies die Anzahl seiner Kinder sein sollte, konnte er sich nicht beklagen. Meda und Bill nannten ihre neugeborene Tochter Rebekah. Obwohl sie das Zweizimmerhaus noch weiter einengte, machte Rebekah diese Unan nehmlichkeit für Bill dadurch wett, dass sie frischen Wind in sein Leben brachte, das andernfalls durch Zeiten der Niedergeschlagenheit und des Selbstz weifels unerträglich geworden wäre.
Bills Niedergeschlagenheit hatte tiefe Wurzeln. Seit er vor fast zehn Jahren die Chance abgelehnt hatte, innerhalb der Pfingstgemeinden zu predigen, war Bill nur sehr selten mit seiner Beziehung zu Gott zufrieden gewesen. So sehr Bill auch während der Jahre gebetet, die Bibel studiert, gepredigt und Zeugnis abgelegt hatte, schien es ihm doch, als ob er nichts erreichte. Gewiss hatte es einige Visionen und zahlreiche Heilungen gegeben, einige davon wirklich herausragend. Aber widersinnigerweise beunruhigten und verwirrten diese Ereignisse Bill eher, statt das Gegenteil zu bewirken, denn sie wurden von fast jedem Prediger in der Gegend beständig kritisiert. Die härteren Pastoren verurteilten Bill als einen vom Teufel besessenen Betrüger und skrupellosen Scharlatan, die wohlwollenderen stempelten ihn als einen Mann mit guten Absichten ab, der sich einer Täuschung hingegeben hatte. Aber alle waren sich darin einig, dass die Visionen, die Bill sah, und die Wunder, die darauf folgten, sämtlich von dämonischen Mächten stammten. Gott tat so etwas ganz einfach nicht mehr.
Am Anfang seines Gläubigseins hatte diese verurteilende Einstellung Bill durcheinander gebracht. Schließlich erfüllten sich die Visionen, die er über die Zukunft sah, nicht nur jedesmal, sondern halfen auch immer jemandem und zeigten oftmals den Weg zu einer wunderbaren Heilung im Leben eines Menschen auf. Wie konnte etwas, das so gute Auswirkungen hatte, vom Prinzen des Bösen inspiriert sein? Doch im Laufe der Jahre hatte die anhaltende Kritik seiner Kollegen Bills Meinung in andere Bahnen gelenkt. Wenn so viele kenntnisreiche Männer – seine Mitstreiter am Evangelium von Jesu Christus – sich einig waren, dass die Visionen dämonisch inspiriert waren, so mussten diese aus einer falschen Quelle stammen. Dies quälte Bills Seele unsäglich. Weil er Jesus Christus mit ganzem Herzen liebte, machte Bill der Gedanke, dass der Teufel eine merkwürdige, unerklärliche Macht über sein Leben habe, unglücklich. Lange Zeit hatte er nun immer wieder gebetet, von solchen außergewöhnlichen Ereignissen befreit zu werden, indem er bat: „Bitte, Gott, nimm diese Sache von mir! Ich möchte sie nicht mehr sehen, niemals. Himmlischer Vater, ich bin nun ein Christ. Ich gehöre nicht Satan, ich gehöre Dir. Bitte lass diese sonderbaren Dinge mir nicht nochmals widerfahren! Lass mich nicht so weiterleben wie jetzt! Ich möchte so sein wie andere christliche Pastoren, einfach nur dem Studium des Wortes hingegeben, wie es mir gelehrt wurde.“
Doch alle seine Gebete in diese Richtung wurden nicht beantwortet. Kurz nach der Geburt seiner Tochter hatte er eine weitere Vision, in der er sich selbst auf einer Straße nach Nordosten wandern sah. Der Geist Gottes drehte ihn herum und wies ihn nach Westen. Bill sah eine große Ebene, dann einen Berg sich aus dem Präriegrund erheben, einen Berg mit einem hochragendem Kirchturm auf dem Gipfel.
Rechts hinter Bill stand außer Sichtweite ein Engel. Der Engel befahl: „Gehe nach Westen auf diesen Berg zu.“
Bill gehorchte. Als er näher kam, sah er eine Tür am Fuße des Berges. Er ging hinein und traf auf eine wunderschöne Frau in einem Hochzeitskleid. Das kunstvolle Gewand, vormals gewiss so weiß wie Schnee, war nun beschmutzt und voller Flecken. Die Frau sagte: „Hallo, ich bin Frau Methodist. Bist du Bruder Billy Branham?“
„Ja, das bin ich. Sag mal, warum ist dein Kleid so fleckig?“ „Oh das“, sagte sie, hob eine Hand und machte eine wegwerfende Hand bewegung. „Ich war so beschäftigt.“
„Das ist richtig“, stimmte Bill zu. „Ihr Methodisten habt so viele Organisationen und Gesellschaften in eurer Kirche, ihr habt nicht viel Zeit für den Herrn gehabt.“
Frau Methodist sagte: „Mir wurde gesagt, dass du mir geschickt würdest. Vielleicht sollte ich meinen Ehemann aufwecken.“ Sie eilte in einen Seitengang und kam nicht zurück.
Bill blickte nach links und bemerkte einen kleinen Haufen Brotlaibe mit hart gebackener Kruste, um die sich eine Schar weißer Hühner drängte. Die gackernden Hühner hielten ihren Kopf seitlich, um das Festessen zu betrachten, einige pickten an dem Haufen herum, aber im Wesentlichen blieb das Brot unberührt.
Der Engel fragte: „Erkennst du sie?“
„Nein“, sagte Bill.
„Das ist deine Versammlung und sie werden das Brot des Lebens nicht mehr essen. Ich sende dich weiter nach Westen.“
Bill folgte dem Weg nach Westen, verließ den Berg und gelangte in eine ausgedehnte Wüste, in welcher er ein Bauwerk sah, das wie ein Zelt oder eine gewölbte Kathedrale aussah. Bill ging durch die offene Seite hinein und stieg auf eine erhobene Plattform, wo er schließlich vor einem riesigen Vorhang stehen blieb.
Der Engel befahl: „Zieh den Vorhang zurück!“
Als Bill an einer herunterhängenden Leine zog, glitt der Vorhang mühelos zur Seite und enthüllte einen riesigen Haufen Brot des Lebens. Der Engel sagte: „Gib dies den Leuten zu essen!“
Bill wandte sich um und sah, wie ganze Scharen weißgekleideter Menschen aus allen Richtungen herbeiliefen und sich unter dem Pavillon versammelten, sodass sie eine riesige Zuhörerschaft bildeten. Dann verblich die Vision.
Diese Vision beunruhigte Bill mehr als gewöhnlich. Er hatte in der letzten Zeit wahrhaft ernstlich gebetet, um von diesen unerwünschten Ablenkungen befreit zu werden, und doch kam hier wieder eine. Warum erlaubte Gott es Satan, ihn so sehr zu quälen? Und was es noch schlimmer machte: Die Vision schien so geistlich zu sein, und doch: Alles, was sie ihm hinterließ, waren Fragen. Warum war die Richtung der Westen? Warum war der Berg mit dem Brot des Lebens so groß? Woher kamen all diese Leute? Und schließlich, wie konnte er all diese Menschen mit dem Brot des Lebens speisen? Letztendlich war er doch nur ein armer, ungebildeter Kleinstadtprediger. Warum würden so viele Menschen kommen, um seiner Predigt des Evangeliums zuzuhören? Aber bis auf den heutigen Tag waren die Visionen niemals falsch gewesen. Das war wahrscheinlich die verwirrendste Frage, die Bill sich stellte: Warum sollte ihm der Teufel Visionen geben, die sich als wahr herausstellten? Warum? Warum? Warum? Alles schien so verwirrend zu sein. Am Dienstag, dem 7. Mai, parkte Bill gegen Mittag seinen Dienstwagen vor seinem Haus an der East 8th Straße 922, gleich gegenüber dem Branham Tabernacle. Als er ausstieg, kam Roger Gibbs, ein Mitglied seiner Gemeinde, und parkte hinter ihm.
Roger sagte: „Billy, wirst du heute Nachmittag mit mir nach Madison fahren?“
„Tut mir leid, Bruder Roger, aber ich kann nicht. Heute Nachmittag muss ich nach Henryville hinaus auf Streife. Komm einen Augenblick mit ins Haus! Meine Frau hat das Essen fertig.“
„Nein, es ist besser, ich fahr gleich los. Wir sehen uns dann am Sonntag in der Gemeinde.“
„Alles klar. Bis Sonntag.“
Bill rollte seine Ärmel hoch und wusch sich die Hände unter dem Wasser hahn vorne im Hof. Dann ging er um das Haus herum und schnallte dabei seinen Waffengurt ab, damit er diesen auf der Veranda ablegen konnte. Ein großer Ahornbaum gab diesem Bereich Schatten. Bill war gerade eben unter seine Zweige getreten, als er einen Wind über sich rauschen hörte. Er schaute nach oben und sah mit Schrecken einen Wirbelwind, der geradewegs auf ihn zukam. Er schien das Dach des Hauses und den Baum wegzufegen und alle Dachschindeln und Blätter gegen seine Brust zu schleudern. Bill schwankte und fiel rückwärts auf die Veranda, wobei er beinahe ohnmächtig wurde.
Roger Gibbs sprang aus seinem Auto und rannte an die Seite seines Pastors. „Bruder Bill, was ist los?“
Langsam blickte sich Bill um, ohne zu verstehen, was gerade geschehen war. Der Wirbelwind war verschwunden. Es war ein ruhiger und warmer Tag. Er schaute hinauf in die Zweige des Ahornbaums, dann wieder auf das Dach seines Hauses. Zu seinem Erstaunen waren beide unversehrt und unbeschadet. Dann erkannte er, was geschehen war. „Mir geht es gut“, sagte er in einer fremd klingenden Stimme. „Bruder Roger, fahr ruhig weiter! Es ist alles gut.“
Meda kam mit einem Glas Wasser aus dem Haus gerannt. „Bill, bist du ohnmächtig geworden?“
Bill schob das Wasser beiseite und antwortete. „Nein, mir geht’s gut.“ Nachdem Roger abgefahren war, drängte Meda ihn Einzelheiten zu erzählen. „Was ist wirklich geschehen, Billy? Bist du krank?“ „Nein, Liebling. Es ist schon wieder passiert.“
Sie half ihm hoch. „Komm mit herein! Das Essen ist fertig.“ „Meda, Liebling, ich bin das leid.“ Seine Stimme klang gepresst vor Qual ob seiner innersten Zweifel und Niedergeschlagenheit. „Ich weiß tief in meinem Herzen, dass ich Jesus Christus liebe. Ich will nicht, dass der Teufel irgendetwas mit mir zu tun hat. Ich habe gebetet und Gott angefleht, das es sich nicht wiederholt und trotzdem geschieht es. Ich kann so nicht weitermachen, dass jeder mir sagt, ich sei vom Teufel geplagt, wo ich versuche ein christliches Leben zu führen. Ich bin ein Gefangener!“
„Billy, du solltest nicht auf das hören, was die Leute dir erzählen.“ „Aber Liebling, schau dir die anderen Prediger an. Sie werden nicht von so etwas geplagt.“
Meda konnte in den tiefliegenden Augen ihres Ehemannes sehen, wie sich der Entschluss formte und es machte ihr Angst. „Was willst du tun?“ „Ich will, dass du meinen Chef anrufst und ihm sagst, dass ich heute Nachm ittag nicht zur Arbeit kommen werde. Vielleicht bin ich morgen wieder zurück, vielleicht komme ich auch gar nicht mehr zurück. Sag ihm, dass er einen anderen für mich einstellen soll, wenn ich bis Freitag nicht zurück bin. Meda, ich habe $17,00 bei der Bank gespart. Das reicht für euch so lange ich weg bin.“
„Billy, wohin gehst du? Was willst du tun?“
„Ich werde in meine Höhle bei Tunnel Mill gehen, um es mit Gott ein für allemal auszutragen. Ich weiß nicht, wann ich wieder zurückkomme, vielleicht in zwei Tagen, vielleicht in zwei Wochen. Meda, ich werde nicht eher aus den Wäldern herauskommen, bis Gott mir versprochen hat, dass Er diese Visionen von mir nehmen wird und dass sie nie wieder geschehen.“
Bill fuhr in die Gegend von Tunnel Mill und parkte seinen Wagen an der Stelle, an der die Straße eine scharfe Kurve durch eine Senke macht. Er drückte die Drähte eines Stacheldrahtzauns weg, schlüpfte hindurch und machte sich, beständig betend, auf den Weg zu seinem Versteck. Als er seine Höhle erreichte, warf er sich in die Gabel des umgestürzten Baumes vor der Höhle, schlug seine Bibel auf, und verbrachte den Rest des Nachmittags lesend und betend.
In 1. Korinther blieb ihm besonders ein Teil des 14. Kapitels im Gedächtnis. In Vers 32 und 33 stand geschrieben: „Und die prophetischen Geister sind ja auch den Propheten gehorsam – denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens ...“ Das war es, wonach sich Bill in seinem Herzen sehnte: Frieden. Schon seit er ein kleiner Junge war, seit seiner allerersten Vision, war er beständig in Verwirrung gefangen. Als er gläubig geworden war, legte sich seine Verwirrung eine Zeit lang, aber sie verschwand nie vollständig. Wo war dieser Friede, den Gott versprochen hatte? Und was meinte die Bibel damit: „Die prophetischen Geister sind den Propheten gehorsam.“
Nach Sonnenuntergang ging er in die Höhle hinein. Dort, während er im dunklen, engen Gang vor- und zurückschritt, setzte er seine verzweifelte Suche nach einer Antwort fort. „Vater, warum lässt Du mir diese seltsamen Dinge widerfahren? Du weißt, dass ich Dich liebe. Ich will nicht vom Teufel besessen sein. Ich will nicht, dass mir diese Dinge geschehen. Bitte, Gott, lass es mir nie mehr widerfahren! Ich will nicht zur Hölle gehen. Was ist der Sinn meines Predigens und all meiner Anstrengungen, wenn ich verkehrt bin? Und ich bringe nicht nur mich in die Hölle, ich verführe auch Hunderte andere.“
Stunde um Stunde breitete er seine Qual vor dem Herrn aus. Er betete mit Inbrunst, bat und weinte, bis seine Augen geschwollen waren und seine Kehle heiser war. Dann saß er im Dunkeln in Andacht vor dem Allmächtigen Gott, lenkte seine Gedanken hinaus über den Mond und die Sterne und die Dimensionen der Zeit und Ewigkeit, auf der Suche nach jenem Ort, an dem er schließlich seinem Schöpfer begegnen könnte. Nach einer Weile stand er auf, wanderte erneut hin und her und ließ seine Stimme die Gefühle seines verzweifelten Herzens äußern.
Irgendwann spät nachts setzte er sich auf den Felsvorsprung, den er als Bett benutzte. Aber an Schlaf war nicht zu denken. „Gott, bitte befreie mich! Du kennst mein Herz. Du weißt, dass ich Dich liebe. All die Geistlichen sagen mir ständig, dass der Geist, der mich umgibt, vom Teufel ist. Warum lässt Du es zu, dass mein Leben so geplagt wird? Warum befreist Du mich nicht davon? Gott, ich werde hier bleiben, bis ich sterbe, wenn Du mir nicht begegnest und mich aus meinem Gefängnis befreist. Warum befreist Du mich nicht von diesen Dingen, sodass ich sein kann wie alle anderen Prediger?“
Er fühlte diesen seltsamen Druck wieder, als hätte irgendeine unsichtbare Macht gerade die dunkle Höhle betreten. Seine Haut kribbelte und seine Nackenhaare sträubten sich. Vielleicht würde der Herr ihm jetzt Antwort geben. Still saß er in der pechschwarzen Dunkelheit und wartete darauf, die Stimme Gottes zu hören. Während er wartete, traf ihn ein ganz neuer Gedanke: Was wäre, wenn all die Prediger Unrecht hätten? Bill hatte eine solche Möglichkeit nie zuvor in Erwägung gezogen. Aber wenn sie es doch wären? Was wäre, wenn Gott und nicht Satan diese übernatürlichen Vorkommnisse hervorbrachte? Aber wenn das der Fall wäre, wie könnten dann vom Teufel Besessene wie Wahrsager, Astrologen und Medien eine Gabe in seinem Leben erkennen, von der diese christlichen Prediger überhaupt nichts bemerkten?
Sobald er diese Fragen in Worte gefasst hatte, kam die Antwort mit der Kraft einer Flut auf ihn zu. Als Jesus geboren wurde, sahen nur die Sternseher – die ja Astrologen waren – Seinen Stern im Osten und folgten diesem nach Bethlehem. Nicht ein einziger heiliger Mann in Palästina sah ihn. Könnte das der gleiche Stern gewesen sein, der im Jahr 1933 über dem Ohio zu sehen gewesen war, als er die Menschen nach seiner ersten Erweckungsversammlung getauft hatte? Er konnte sich so deutlich an diesen Tag erinnern – das kristallklare Wasser, den blauen, wolkenlosen Himmel, den wirbelnden Feuerball über seinem Kopf, die Stimme, die verkündete: „Wie Johannes der Täufer dem Ersten Kommen Jesu Christi vorausgesandt wurde, so bist du mit einer Botschaft gesandt, Seinem Zweiten Kommen vorauszugehen.“ Bill erinnerte sich daran, wie eine Gruppe von Geschäftsleuten im Laufe des Nachmittags zu ihm gekommen war und ihn gefragt hatte, was das alles zu bedeuten habe. Er wusste es damals nicht; über all die Jahre hindurch hatte er es nicht gewusst. Aber jetzt ... jetzt im Dunkel der Nacht, nachdem er sich die Augen ausgeweint hatte, jetzt, nachdem er gefleht hatte, bis seine Kehle trocken und wund war, jetzt, nachdem er Gott angefleht hatte ihm diese Visionen zu nehmen und sie nie wieder geschehen zu lassen, jetzt, zum allerersten Mal in seinem Leben, fragte er sich, ob er nicht um genau das Falsche gebetet hatte!
Das Bild, das so viele Jahre lang dunkel und verschwommen gewesen war, wurde nun erstaunlich klar. Bill fiel ein, dass zu dem Zeitpunkt, als Jesus auf der Erde war, Israel überschwemmt war von religiösen Männern – Pharisäern, Sadduzäern, Rechtsgelehrten, Schriftgelehrten, Priestern und Rabbis. Viele dieser Männer waren Gelehrte, gut geschult in der Schrift. Und doch, befremdend genug, als Jesus seinen öffentlichen Dienst begann, lehnten die meisten dieser Männer Ihn rundweg ab, nannten Jesus einen Teufel, Beelzebub, den König der Wahrsager, das beste Medium von allen. Erstaunlicher noch war die Tatsache, dass die vom Teufel Besessenen Jesus richtig erkannten, indem sie sagten: „Er ist der Sohn Gottes!“ Bill zitterte, während sich die vielen Schriftstellen in seinem Verständnis zusammensetzten. Die Prediger sagten, dass Jesus ein Teufel sei, die Teufel jedoch sagten, dass Jesus der Heilige Israels sei. Könnte dieses Muster auch auf Bills eigenes Leben zutreffen? Ja, ja, es könnte, denn dieses Muster beschränkte sich nicht allein auf das Leben Christi. Als Paulus und Silas das Evangelium in Kleinasien predigten, bezeichneten heilige jüdische Männer sie in allen Städten als Lügner und Betrüger; doch in Philippi bezeichnete eine von Dämonen besessene Wahrsagerin Paulus und Silas als Männer Gottes, die gekommen waren ihnen den Weg der Rettung zu zeigen. Dann erinnerte sich Bill daran, wie Jesus und Paulus mit diesen Teufeln umgegangen waren, indem sie sie zurechtwiesen und ihnen befahlen still zu sein. Sie brauchten die Hilfe des Teufels nicht. Jesus und Paulus wussten selbst genau, wer sie waren.
„Vielleicht habe ich die ganze Zeit Unrecht gehabt“, dachte Bill. „Vielleicht hätte ich die Visionen annehmen sollen, anstatt sie zu bekämpfen.“ Er betete laut: „Gott, wenn ich einen Fehler begangen und etwas von Dir abgelehnt habe, weil ich es nicht verstand, wenn ich verkehrt war, dann vergib mir bitte!“
Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, bemerkte Bill das Flimmern eines Lichtes. Es erschreckte ihn. Was war denn das? Kam da jemand mit einer Taschenlampe? Nein, es kam nicht von draußen. Es war im Innern der Höhle – ein kleiner Lichtpunkt, der in der Luft hing und mit Energie pulsierte und größer und heller wurde, bis er zu einem wirbelnden, rauschenden Feuerball geworden war, der seinen Lichtschein auf die Wände und den Boden warf. Bill blinzelte und riss seine Hand hoch, um die Augen vor dem gleißenden Licht zu schützen. Dann hörte er den Klang schwerer Schritte auf dem Boden der Höhle. Genau unter dem bernsteinfarbenen Feuerball erblickte Bill einen nackten Fuß und eine weiße Robe. Dann trat ein Mann aus diesem Licht.
Ein Mann, wie Bill ihn noch nie zuvor gesehen hatte! Er war stattlich – etwa 1,90 Meter groß und wog vielleicht 200 Pfund. Er hatte muskulöse Arme, die er vor der Brust verschränkt hielt. Sein dunkles Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Er schien ungefähr 30 Jahre alt zu sein. Sein bartloses Gesicht hatte einen dunklen, beinahe olivgrünen Teint. Seine Augen waren dunkel und durchdringend.
Der Mann ging auf Bill zu. Das bernsteinfarbene Licht wurde kleiner, während es sich zur Höhlendecke hinaufbewegte und genau über dem Kopf des Besuchers verharrte, immer noch kreiselnd und voll Energie. Bill wollte fliehen, aber es gab keinen Ausweg. Der Mann versperrte den engen Gang, der nach draußen führte. Bill wartete mit Entsetzen. Er biss sich so fest in einen seiner Finger, dass er blutete.
Als der Mann nur noch wenige Schritte entfernt war, blieb er stehen und sah mit freundlichem Gesichtsausdruck auf Bill nieder. Bill würde sich für immer an dieses Gesicht erinnern, obwohl er niemals in der Lage sein würde, es vollends zu beschreiben – so sanft, so friedlich, und doch lag ihm ein Bewusstsein von Macht und Autorität zugrunde, das Bill in Furcht versetzte.
Mit tiefer, volltönender Stimme sagte der Mann: „Fürchte dich nicht ...“ Sobald Bill diese Stimme hörte, verschwand all seine Angst. Er war es. Da gab es keinen Zweifel. Das war dieselbe Stimme, die aus der Pappel zu ihm gesprochen hatte, als er noch ein kleiner Junge war, die sagte: „Trinke oder rauche niemals und beflecke deinen Leib in keiner Weise! Denn es wird ein Werk für dich zu tun sein, wenn du älter wirst.“ Bill konnte diese Stimme niemals vergessen. Er hatte sie in den vergangenen Jahren so oft gehört. Dieser Mann musste der Engel sein, der in all den Visionen zu Bill gesprochen hatte. Bill war es zuvor nie möglich gewesen, sich ihn genau anzusehen. Manchmal hatte der Engel rechts hinter Bill gestanden, gerade außerhalb seines Gesichtsfeldes. Zu anderen Zeiten, wenn der Engel sich in einer Vision gezeigt hatte, war er immer verschwommen gewesen, sodass Bill seine Züge nie genau hatte erkennen können. Aber jetzt sah Bill ihn ganz klar. Das war keine Vision! Diesen Mann nahmen Bills Sinne ebenso deutlich wahr wie die Bissabdrücke und den Blutstropfen an seinem Finger.
Der Engel fuhr fort: „Ich bin aus der Gegenwart des Allmächtigen Gottes gesandt, um dir zu sagen, dass deine sonderbare Geburt und dein missverstandenes Leben ein Hinweis darauf sind, dass du eine Gabe der göttlichen Heilung den Völkern der Welt bringen sollst. Wenn du aufrichtig sein wirst beim Beten und erreichst, dass die Menschen dir glauben, wird nichts deinem Gebet widerstehen, nicht einmal Krebs. Du wirst in viele Teile der Erde gehen und für Könige und Herrscher und Machthaber beten. Du wirst zu Menschenm engen auf der ganzen Welt predigen und Tausende werden dich um eines Rates willen aufsuchen. Du musst ihnen sagen, dass ihre Gedanken im Himmel lauter zu hören sind als ihre Worte.“
Bill hörte die Botschaft des Engels so klar, als ob er seinem Chef zuhörte, der ihm seine Tagesaufgaben bei dem öffentlichen Versorgungsbetrieb Indianas zuwies; aber er konnte sich nicht vorstellen, wie er jemals einen solchen hochgesteckten Auftrag erfüllen konnte. „Ich bin ein armer Mann und wohne unter armen Menschen. Wie könnte ich in alle Welt gehen? Und wie kann ich mich verständlich machen? Alles, was ich habe, ist eine Volksschulbildung. Vielleicht sollte jemand mit ausreichender Bildung zu den Menschen sprechen. Sie würden nicht auf mich hören.“
Das Gesicht des Engels wurde ernst. „Wie dem Propheten Mose zwei Zeichen gegeben wurden als Beweis, dass er von Gott gesandt war, so werden auch dir zwei Zeichen gegeben. Erstens, wenn du die rechte Hand einer Person in deine linke Hand nimmst, wird es dir möglich sein, jede durch Keime verursachte Krankheit anhand von Vibrationen festzustellen, die in deiner linken Hand auftreten werden. Dann musst du für die Person beten! Wenn deine Hand wieder normal wird, kannst du die Person für geheilt erklären. Wenn sie es nicht wird, bitte nur um einen Segen und gehe davon. Versuche unter der Salbung Gottes nicht, deine eigenen Gedanken zu denken; es wird dir gegeben, was du sagen sollst.“
„Aber was ist, wenn sie mir immer noch nicht glauben?“, fragte Bill. „Das zweite Zeichen ist größer als das erste. Wenn du demütig und aufrichtig bleibst, wird es geschehen, dass du in der Lage sein wirst, selbst die Geheimnisse ihrer Herzen durch Vision kundzutun. Dann werden dir die Menschen glauben müssen. Dies wird das Evangelium in Kraft ausweisen und das Zweite Kommen Christi einleiten.“ Diese Worte trafen einen empfindlichen Nerv, der seit Monaten – nein, seit Jahren des Zweifels und der Niedergeschlagenheit offenlag. Seine Qual loderte heiß und schmerzhaft auf in seiner Brust. „Das ist genau der Grund, warum ich heute hier bete. Geistliche sagen mir, dass diese Visionen von einem bösen Geist kommen.“
„Verstehst du denn nicht“, sagte der Engel, „dass es ebenso in den Tagen Jesu Christi, unseres Herrn war?“
Bills Verständnis der geistlichen Welt änderte sich so schnell, dass er Schwierigk eiten hatte, das Gleichgewicht zu wahren. „Nun denn, welche Art von Geist ist es, der mir diese Visionen gibt?“
„Es ist der Heilige Geist Gottes. Und von nun an werden sich diese Visionen in deinem Leben vervielfachen.“
Das Hören dieser Worte veränderte Bills Verständnis für immer. Er hatte sich lange genug von den Meinungen anderer Menschen hin- und herzerren lassen. Jetzt wurde ihm bewusst, wie persönlich der Weg mit Jesus Christus für jeden Einzelnen ist.
Die Arme des Engels blieben noch immer verschränkt, sein Gesicht regungslos. Er unterwies Bill, wobei er beim Zitieren der Bibel das King James Englisch benutzte, von dem er wusste, dass Bill es mühelos als die Sprache der Heiligen Schrift erkennen würde. Der Engel sprach: „Betrachte das Leben Jesu Christi! Als Nathanael zum ersten Mal in Seine Gegenwart kam, sprach Jesus: Siehe da, in Wahrheit ein Israelit, in dem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Noch ehe Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen. Wie konnte unser Herr Nathanael sehen? Er sah ihn in einer Vision. Denke daran, wie der Sohn Gottes erklärte: Der Sohn vermag von sich selbst aus nichts zu tun, als was er den Vater tun sieht; denn was jener tut, das tut in gleicher Weise auch der Sohn. Hast du dich jemals gefragt, was das bedeutet? Es bedeutet, dass der Vater dem Sohn Visionen gezeigt hat, um ihn wissen zu lassen, was Er tun solle. Er hat das am Teich von Bethesda bewiesen, als Er durch eine große Menge Kranker und Bedürftiger ging, um allein einen bestimmten Menschen zu heilen. Die Visionen haben unserem Herrn Jesus im Voraus gezeigt, was geschehen würde. Erinnerst du dich, wie Er wusste, dass Petrus eine Münze im Mund eines Fisches finden würde? Und bedenke, wie unser Herr Jesus, als Er sich Jerusalem nahte, zu Seinen Jüngern sagte: Gehet in das Dorf, das vor euch liegt! Ihr werdet dort sogleich eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und bringt sie mir her! Und wenn euch jemand etwas sagen sollte, so antwortet ihm: Der Herr hat sie nötig, wird sie aber sofort zurückschicken. Und ist es nicht genauso geschehen, wie es unser Herr beschrieben hat? Er wusste, dass es so sein würde, denn Er sah es zunächst in einer Vision vom Vater.
Und des Weiteren wird eine Zeit in deinem Dienst kommen, dass die Visionen dir die Geheimnisse verraten, die in den Herzen der Menschen verborgen sind und sie daran hindern geheilt zu werden. Betrachte die Frau am Brunnen in Samaria! Jesus sprach mit ihr, bis Er den Kontakt mit ihrem Geist hergestellt hatte; dann sah Er in einer Vision, wo ihre Schwierigkeiten lagen. Er sagte: „Gehe hin, rufe deinen Mann und komm dann wieder her!“ Als die Frau antwortete: „Ich habe keinen Mann“, entgegnete Jesus: „Du hast mit Recht gesagt: Ich habe keinen Mann, denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Ehemann.“ Das bewirkte, dass sie ausrief: „Herr, ich sehe, du bist ein Prophet.“ So soll es auch in deinem Dienst geschehen, wenn du aufrichtig sein wirst.“
Hier machte der Engel eine Pause und gab Bill die Gelegenheit seine Zweifel zu wiederholen. „Ich weiß nicht, wie das alles in meinem Leben geschehen kann. Ich bin arm und ungebildet und – “
Der Engel unterbrach ihn. „Vergiss niemals, dass Jesus Christus derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit, wie es die Schrift verkündet. Du wirst es nicht sein, der irgendetwas davon vollbringen wird; es wird der Herr Jesus Christus sein. Bedenke, dass Jesus seinen Anhängern versprochen hat: „Wer an mich glaubt, der wird die Werke, die ich tue, auch vollbringen, ja er wird größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater ... Nur noch eine kurze Zeit, dann sieht mich die Welt nicht mehr; ihr aber seht mich, dass ich lebe, und ihr sollt auch leben. An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.“ Was konnte Bill noch sagen? Vor ihm stand ein Botschafter Gottes mit dem unglaublichen Auftrag, dass er, Billy Branham, dazu berufen sei, den Völkern der Welt eine Gabe der göttlichen Heilung zu bringen. Es schien fast unmöglich. Er war überwältigt, und doch, irgendetwas tief in seinem Herzen regte sich bei dem Gedanken an all die Schriftstellen, die der Engel so meisterlich angeführt hatte – Schriftstellen, die Bills bislang so ungewöhnlichem Leben einen Sinn verliehen. Dennoch zögerte er. „Ich werde bei dir sein“, sagte der Engel.
Das war für Bills Entscheidung ausschlaggebend. „Ich werde gehen.“ Der Engel lächelte nicht. Er nickte kaum merklich und sagte: „Wann immer du das Gefühl erlebst, das du jetzt in meiner Gegenwart verspürst, wirst du wissen, dass ich in der Nähe stehe.“ Der Feuerball über dem Kopf des Engels begann sich auszudehnen, er knisterte und brauste, während er sich drehte und Flammenzungen hinausschleuderte. Der Engel schien sich inmitten des ausdehnenden Lichtes aufzulösen. Dann entschwand die Feuersäule nach oben durch die Kalksteindecke.
Plötzlich war die Höhle stockfinster und friedhofstill, was Bills Nerven anspannte. Er fühlte die Versuchung an seinem eigenen Verstand zu zweifeln. Er biss sich fest auf einen Finger, um zu beweisen, dass er nicht träumte. Das bedeutete, dass der Engel den er gerade gesehen hatte, so real war, wie der Geschmack des Blutes an seiner Fingerspitze. Nein, er würde nicht eins der Worte anweifeln, die der Engel gesagt hatte. Bill kniete auf dem Boden nieder, faltete seine Hände und betete: „Himmlischer Vater, ich danke Dir dafür, dass Du mir Deinen Engel gesandt hast, um mir diese Dinge zu erklären. Es scheint unglaublich, dass mir das alles geschehen soll – dass ich zu den Menschenmengen in der ganzen Welt predigen und für Könige und Herrscher und andere beten werde. Ich bin so arm. Wie könnte ich mir das alles jemals leisten? Ich weiß, von mir selbst aus kann ich es nicht; aber ich weiß ebenso, dass Du alles vermagst. Herr, ich werde gehen. Ich verspreche Dir, dass ich so lange auf dem Evangelisationsfeld bleiben werde, wie Du für meine Bedürfnisse sorgst, sodass ich niemals um Geld betteln muss.“ An diesem Mittwochmorgen, dem 8. Mai 1946, ging William Branham als neuer Mensch nach Hause.