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Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 2

Der Mörderstier

1945

Der verheerende Krieg in Europa neigte sich seinem Ende zu, die deutsche Armee wurde durch die alliierten Streitkräfte von zwei Seiten in die Zange genommen. Im Januar 1945 rückte die russische Armee unter General Schukow bis an die Oder vor, nur 60 Kilometer östlich von Berlin. Kurze Zeit später kamen die russischen motorisierten Divisionen im Morast der Frühjahrschmelze und angesichts des hartnäckigen deutschen Widerstands zum Stillstand. Gleichzeitig kamen die West-Alliierten durch Frankreich und Belgien gut voran, wobei die Amerikaner am weitesten auf das von den Deutschen gehaltene Territorium vordrangen. Anfang März erreichte die 3. Armee unter General Patton bei Koblenz den Rhein. Einige Tage später eroberte die 1. Armee unter General Hodge eine Brücke weiter stromaufwärts bei Remagen. Die amerikanischen Generäle wollten unbedingt weiter vordringen, um den Russen in Berlin zuvorzukommen, aber es wurde ihnen befohlen zu warten, bis General Montgomery mit den 25 britischen Divisionen zu ihnen gestoßen war.

Bis zum 25. April hatten die Russen nicht nur Berlin eingekreist, sondern waren auch 70 Kilometer weiter westlich an der Elbe auf die amerikanischen Truppen gestoßen. Zur gleichen Zeit brach der deutsche Widerstand in Italien zusammen, sodass die westlichen Alliierten rasch über Italien nach Norden vordringen konnten. Am 28. April wurde der italienische Diktator Benito Mussolini von seinen eigenen Leuten gefangen und hingerichtet, als er versuchte vor den näherrückenden Alliierten zu fliehen. Der Faschismus war als politische Macht tot und der Nationalsozialismus hauchte gerade sein Leben aus. Der Kommunismus dagegen spross und breitete sich nach allen Seiten aus und verschlang alles, was in seine Reichweite kam. Als die Kommunisten und die Nazis in den Straßen Berlins kämpften, ernannte Hitler Karl Dönitz zum deutschen Staatschef. Am 30. April verschwand Adolf Hitler lautlos von der Erdoberfläche. Dönitz leitete sofort die einseitige Kapitulation ein, die offiziell am 8. Mai 1945 abgeschlossen wurde. Der Krieg in Europa war beendet.

Angesichts dieser folgenschweren Weltereignisse konnte Bill nur zusehen und staunen, denn es bedeutete, dass von den sieben Visionen der Zukunft, die er an jenem Junimorgen im Jahr 1933 gesehen hatte, sich nun drei buchstäblich erfüllt hatten: Mussolini war einen schändlichen Tod gestorben, Hitler war zu einem mysteriösen Ende gekommen und der Kommunismus erstarkte zu einer dominierenden politischen Macht. Zweifellos würden auch die anderen vier Visionen zu der von Gott bestimmten Zeit folgen. Dies gab Bill einen Grund, auch in Bezug auf seine persönliche Zukunft optimistisch zu sein. Der Herr musste sicherlich ein bestimmtes Ziel mit seinem Leben verfolgen, warum sonst sollte der Allmächtige ihm eine so ungewöhnliche Gabe zuteil werden lassen?

Bill brauchte jedes bisschen Brennstoff, dessen er habhaft werden konnte, um das kleine Feuer seines Optimismus aufrecht zu halten, weil er unter den gegebenen Umständen keinerlei Möglichkeit sah, sich je aus seiner Armut soweit hochzuarbeiten, dass er irgendetwas Großes für das Königreich Gottes würde leisten können. Er hatte immer noch drei Arbeitsstellen gleichzeitig, zwei davon, ohne einen Lohn dafür zu beziehen. Obwohl er immer knapp bei Kasse zu sein schien, zog er es niemals in Betracht, für seine Dienste als Pastor Geld zu verlangen. Dafür hatte er mehrere Gründe. Erstens erkannte er schon zu Beginn seines Predigtdienstes durch das Lesen der Bibel und das Beobachten anderer Prediger um ihn herum, dass die Liebe zum Geld eine der tödlichsten Fallen für einen Prediger sein konnte, und Bill beabsichtigte diese zu meiden. Zweitens: Wenn auch einige in seiner Gemeinde bis zu $3,00 pro Stunde verdienten, waren die meisten doch genauso arm oder noch ärmer als er, und Bill konnte es nicht über sich bringen diese armen Leute zu bitten noch mehr zu opfern, als sie es ohnehin schon taten. Er predigte den Grundsatz der Bibel den Zehnten zu geben, und jedes Mitglied seiner Gemeinde legte ein Zehntel seines Einkommens in einen Kasten, der speziell zu diesem Zweck im hinteren Teil des Gebäudes angebracht war. Aber Bill verwendete nicht einen einzigen Cent dieses Geldes für sich selbst. Das gesamte Geld wurde für die monatlichen Darlehnszahlungen verwendet, und es blieb gerade genug übrig, um das Gebäude instand zu halten. Sein dritter Grund war ein Anflug von Stolz und Unabhängigkeitsbestreben. Da er kräftig war und in der Lage zu arbeiten, meinte er: „Warum soll ich nicht arbeiten?“

An einem Zahltag teilten Meda und er nachmittags seinen wöchent lichen Gehaltsscheck von $28,00 für seine Arbeit bei dem öffentlichen Versorgungsb etrieb Indianas auf. Zunächst wurde der Zehnte Teil abgezweigt. Dann wies Meda auf die Rechnungen hin, die unbedingt bezahlt werden mussten. Ganz egal wie die verbleibenden $25,20 aufge teilt würden, sie konnten einfach nicht allen unmittelbaren Zahlungs verpflichtungen nachkommen. Es fehlten ungefähr $10,00. Bill hielt eine Rechnung hoch und sagte: „Liebling, wir können hier nicht einmal eine Teilzahlung leisten.“

„Aber wir müssen sie bezahlen“, sagte sie. „Oh Bill, was machen wir jetzt?“ Bill hatte eine Idee. „Weißt du was, heute Abend werde ich während dem Gottesdienst ein Opfer einsammeln.“

Medas anfängliche Überraschung löste sich in Belustigung auf. „Es wird mir ein Vergnügen sein, dir bei deinem Versuch zuzuschauen.“ An diesem Abend sagte Bill nach dem Gesang und vor Beginn der Predigt: „Nun, Freunde, heute Abend – äh, ich bitte euch ungern darum ... “ Meda warf ihm einen belustigten Blick zu, sie wusste, wie unwohl er sich fühlte. Bill versuchte nicht zu ihr hinüberzuschauen, als er nach Worten suchte. „Ich habe das noch nie zuvor getan ... es sind diese schweren Zeiten, wisst ihr, und ... ich kann kaum auskommen ... wenn ihr alle einen Nickel oder einen Dime habt, den ihr in meinen Hut werfen möchtet, wenn er herumgereicht wird ... Bruder Wiseheart, könntest du herkommen und meinen Hut holen?“

Diakon Wiseheart kam nach vorne und schaute genauso verlegen drein wie jeder andere auch – nicht etwa, weil er seinen Pastor nicht liebte, er tat es. Sie alle taten es, und sie waren selbstverständlich bereit Bill zu helfen, so gut sie konnten. Sie waren nur überrascht, weil dies in den letzten zwölf Jahren noch nie vorgekommen war.

Bruder Wiseheart reichte den Hut die erste Reihe entlang. Bill sah zu, wie Frau Weber in eine Tasche ihrer karierten Schürze langte und eine Kleingeldbörse mit Schnappverschluss herausnahm. Als sie einen Nickel herausfischte, wurde Bills Herz schwer wie Blei. Er wusste, die Zeiten waren für fast alle hart, nicht nur für ihn. Er konnte es nicht über sich bringen. „Warte einen Augenblick, Schwester Weber, du brauchst den Nickel dort nicht hineinlegen. Ich habe das nicht ernst gemeint. Ich habe nur einen kleinen Spaß gemacht, um zu sehen, was ihr tun würdet.“

Jetzt war der ältere Diakon Wiseheart noch verblüffter als vorher. Er fragte: „Bruder Branham, und was mache ich jetzt?“

„Leg einfach meinen Hut zurück, Bruder Wiseheart. Ich werde mit dem Gottesdienst fortfahren.“

Meda hielt sich die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf. An ihren Augen erkannte Bill, dass sie lachte.

John Ryan, Bills alter Freund aus dem Norden, war in dieser Woche zu Besuch in Jeffersonville gewesen. Der unerschrockene alte Mann war mit seinem alten, abgenutzten Fahrrad den ganzen langen Weg aus Michigan hinuntergeradelt, 400 Kilometer weit. Aber das Fahrrad hatte ihm auf dem Weg so viel Ärger bereitet, dass er beschloss, es nicht länger zu behalten und per Anhalter nach Hause zurückzukehren. Mit seiner typischen Freigebigkeit überließ John Ryan das Fahrrad Bill, der es gleich reparierte und mit einer Dose Farbe für 10 Cent wieder ansehnlich machte. Bill brauchte selbst eigentlich kein Fahrrad, aber er dachte, dass er es vielleicht verkaufen könnte, um das Geld zu bekommen, das er benötigte.

Bills zweiter unbezahlter Job als Wildhüter im Bundesstaat Indiana fiel so eng mit seiner Arbeit bei dem öffentlichen Versorgungsunternehmen zusammen, dass er für ihn kaum zusätzliche Arbeit bedeutete. Das war ein Glück, denn seine Arbeit als Leitungsarbeiter war so anstrengend, wie es normalerweise zwei Arbeitsplätze sind. Eine seiner Hauptaufgaben für den öffentlichen Versorg ungsb etrieb Indianas war die Kontrolle der Hochspannungsleitungen, die sich über hunderte von Kilometern durch die zerklüfteten Wälder Indianas zogen. Die meisten dieser Leitungen waren weitab der Straßen, sodass Bill häufig zu Fuß unterwegs war, 45 Kilometer pro Tag wanderte und das alles an sechs Tagen der Woche für nur 60 Cent die Stunde. Doch es gab andere Entlohnungen außer Geld. Die Arbeit führte ihn aus der Stadt heraus in die Wildnis, die er liebte. Gelegentlich konnte er in seiner Eigenschaft als Wildhüter einen Wilderer überzeugen und dadurch die heimische Tierwelt schützen. Außerdem blieb er immer bei den Bauern stehen, die auf den Feldern arbeiteten, um mit ihnen zu sprechen. Unweigerlich kam das Gespräch auf Gott und Bill hatte die Gelegenheit ihnen von der Liebe Jesu Christi zu erzählen. Manchmal ging ein Bauer in sich und übergab sein Herz Jesus Christus. Bill nahm ihn dann direkt mit zum nächstgelegenen Bach und taufte ihn auf den Namen des Herrn. Mit tropfnassen Kleidern verabschiedeten sich die beiden dann und gingen voller Freude an ihr jeweiliges Tagewerk.

Eines Tages war Bill oben in der Nähe von Henryville (Indiana), und setzte für das Ministerium für Fischerei und Wild einige Fische in einem Bach aus. Er befand sich nahe einer Farm eines Freundes, von dem er zufällig wusste, dass er krank war. Bill dachte, dass es schön wäre, wenn er vorbeischauen und für den Mann beten würde. Da die Farm nur hinter ein paar Zäunen lag, machte sich Bill nicht die Mühe, über die Straßen dorthin zu fahren. Er schnallte seinen Waffengürtel ab und warf sein Schießeisen auf den Vordersitz seines Wagens, schloss die Tür und stieg über den ersten Zaun – und hatte dabei völlig vergessen, dass an jeder Ecke der Weide ein Schild mit der Warnung angebracht war: Gefahr! Vorsicht Stier!

Bill summte ein christliches Lied, während er über das Grasfeld schlenderte. In der Mitte der Weide standen auf einem kleinen Flecken einige buschartig gewachsene Eichen – spindeldürre kleine Bäume, ungefähr drei Meter hoch. Bill näherte sich diesen Bäumen, als plötzlich der mächtige Stier aufstand und schnaubte. Er hatte bis dahin ruhig im Schatten der knorrigen Eichenzweige gelegen und war daher nicht zu sehen gewesen. Bill erkannte augenblicklich die Gefahr, denn dieser besondere Guernsey-Bulle war allseits bekannt. Er war ein preisgekrönter Zuchtbulle, der vorher auf der Burk-Farm nahe Jeffersonville gewesen war. Aber er hatte schon immer ein bösartiges Temperament gezeigt und schließlich seinen Pfleger zu Tode getrampelt, was seinen Besitzer gezwungen hatte ihn loszuwerden. Da es sich um einen solch ausge zeichneten Bullen handelte, hatte Burk ihn nach Henryville verkauft, in der Hoffnung, dass es für ihn in diesem isolierten Landstrich nicht möglich war weiteres Unheil anzurichten.

Bill hatte das alles gewusst, aber es war ihm entfallen. Jetzt schätzte er verzweifelt seine Chancen ab. Die Eichenbüsche waren zu schwach und standen in der falschen Richtung. Die Zäune waren zu weit weg. Es blieb nur seine Waffe. Möglicherweise musste er das Tier erschießen und den Bauern für seinen Verlust entschädigen.

Der Mörderstier senkte seinen Kopf, schnaubte und scharrte mit seinen Hufen auf dem Boden. Seine langen spitzen Hörner sahen in der Tat wie tödliche Waffen aus. Bill griff nach seiner Waffe. Sie war nicht da. Und da fiel es ihm ein: Er hatte sie auf dem Vordersitz seines Wagens gelassen!

„Herr – wenn meine Zeit gekommen ist zu sterben, so will ich es wie ein Mann tun.“ Er straffte die Schultern und blickte seinem Feind gefasst in die Augen. In diesem Augenblick geschah etwas Unglaubliches in seinem Innern. Seine Angst schwand, verdrängt von einer Liebe, die aus Sympathie und Verständnis geboren war und weit über alles hinausging, das er je erlebt hatte. Er dachte: „Dieser arme Stier lag hier draußen auf dem Feld und ich kam und habe ihn gestört. Er weiß es nicht besser, als sich selbst zu beschützen.“

Der Stier schnaubte lauter und schneller, scharrte mit seinen Hufen auf dem Boden und warf den Dreck hinter sich, wie Stiere es tun, bevor sie zum Angriff übergehen. Bill sagte laut: „Bulle, es tut mir leid, dass ich dich gestört habe. Ich möchte nicht, dass du mich tötest. Ich bin ein Diener Gottes und auf dem Weg für einen kranken Mann zu beten. Ich habe die Warnschilder vergessen.“

Der Stier ging mit gesenktem Kopf zum Angriff über, seine gebogenen Hörner genau auf sein Ziel gerichtet. Erstaunlicherweise spürte Bill überhaupt keine Angst, nur Liebe. Er sagte: „Im Namen Jesu Christi, gehe hinüber und lege dich unter diese Bäume!“

Der Stier griff jedoch weiter mit all seiner Kraft und Wut an. Als er nur noch drei Meter entfernt war, stemmte er seine Vorderbeine gegen den Boden und kam in einer Staubwolke zum Stehen. Ein überaus eigen artiger Ausdruck überflog sein Gesicht, als er seinen Kopf nach rechts schwang, dann nach links. Dann drehte sich das Tier herum und zeigte Bill seinen Schwanz. Es ging langsam zurück zu den Eichenbüschen, legte sich nieder und beobachtete Bill, wie dieser den Rest des Weges quer über die Weide schlenderte.

Für den Rest des Tages – und auch an so manchen folgenden Tagen – verwunderte Bill, was auf der Weide zwischen ihm und dem Stier geschehen war. Angesichts seines fast sicheren Todes war er irgendwie über seine eigenen Belange hinausgewachsen, um den Herzschlag eines anderen Wesens zu empfinden. Irgendwie hatte er die Erregung des Stieres verstanden und Zuneigung für das Tier empfunden. Als Pastor setzte er sich häufig für andere ein, sorgte und half, wann immer er konnte. Aber diese Erfahrung war anders, war tiefer. Für ein paar Minuten seines Lebens hatte ihn jegliche Angst verlassen und er hatte vollkommene Liebe gefühlt.

Ungefähr zu dieser Zeit erfuhr Bill, dass eine Nachbarin, Frau Reed, die am Ende seines Wohnviertels wohnte, mit Tuberkulose im Sterben lag. Sie war in das Sanatorium nach Louisville verlegt worden, um ihre vier kleinen Kinder vor der hochansteckenden Krankheit zu schützen. Da Tuberkulose der Dämon war, der Hope getötet hatte, empfand Bill tiefe Sorge um Frau Reed. Er konnte sie nicht aus seinen Gedanken bannen – eine so junge Mutter, die so sehr litt und diese armen kleinen Kinder zurücklassen musste.

Eines Nachts fuhr Bill hinüber zu dem Sanatorium und betete für sie. Zwei Tage später, während Bill auf der Veranda saß, zeigte der Herr ihm eine Vision von Frau Reed als grauhaarige Großmutter, die ihren erwachsenen Kindern die Hand schüttelte. Bill ging in das Sanatorium zurück und sagte ihr: „So spricht der Herr: Sie werden leben!“ Frau Reed rief aus: „Oh, Dank sei dem Herrn!“

Bill fragte sie: „Möchten Sie aufstehen und auf den Namen des Herrn Jesus Christus getauft werden, Ihn anrufen und Ihn bitten Sie von Ihren Sünden rein zu waschen?“

Sie antwortete: „Ich werde alles tun, was Gott von mir verlangt.“ Einige Tage später war Bill auf dem Bürgersteig vor seinem Haus und machte sich fertig, um mit seinem Fahrrad, das er nun besaß, zum Lebens mittelhändler zu fahren. Er hatte gerade sein Bein über die Stange geschwungen und wollte sich abstoßen, als ihn sein Nachbar von nebenan rief: „Warten Sie einen Augenblick, Prediger. Wohin fahren Sie?“ „Guten Morgen, Herr Andrews, ich bin auf dem Weg zum Lebensmittel laden. Kann ich Ihnen etwas mitbringen?“

„Nein, ich wollte Sie nur etwas fragen.“ Seine Stimme nahm einen vorwurfsvollen Ton an. „Schämen Sie sich nicht?“

„Was meinen Sie?“

„Dieser armen sterbenden Mutter zu erzählen, dass sie leben wird und ihrer Familie falsche Hoffnungen zu geben.“

Jetzt verstand Bill, worum es ging. Herr Andrews war fast immer ein netter Nachbar, aber er hatte sich stets unverschämt gegenüber Bills Glauben an Gott verhalten. Herr Andrews arbeitete mit Herrn Reed im Depot der Regierung und musste von diesem von der Vision gehört haben. „Herr Andrews, sie wird leben!“, beharrte Bill.

„Tausende von Menschen sterben jedes Jahr an Tuberkulose. Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass Frau Reed überleben wird?“

Bill gab ihm die einzige Erklärung, die er geben konnte. „Weil Jesus es gesagt hat. Er hat mir eine Vision darüber gezeigt.“

Herr Andrews schnaubte vor Entrüstung. „Ich würde mich schämen, wenn ich Sie wäre, herumzugehen und Leute so zu täuschen. Ich weiß, dass ich Ihnen hart zusetze, aber – “

„Das ist schon in Ordnung, Herr Andrews. Sie haben ihre Ansichten und ich die meinen“, und damit stieg Bill auf sein Fahrrad und fuhr davon. In der Zwischenzeit hatte sich Frau Reeds Zustand so bemerkenswert verbessert, dass ihre Ärzte eine weitere Röntgenaufnahme ihrer Lungen machten. Zu ihrem Erstaunen konnten sie keine Spur der Krankheit in ihrem Körper finden. Es gab keinen Grund mehr, sie noch länger im Sanatorium zu behalten. Mit großer Freude und unter großem Jubel kehrte sie zu ihrer Familie zurück.

Zwei Tage später sagte Meda: „Billy, ich habe heute erfahren, dass Frau Andrews sehr krank ist. Du solltest hinübergehen und nach ihr sehen.“ „Ja, gut, ich werde gehen, aber ich muss ihrem Ehemann gegenüber vorsichtig sein. Er hält nicht gerade viel von mir.“

Bill ging nach nebenan und klopfte. Herr Andrews öffnete die Tür. „Guten Tag Herr Andrews, ich habe gehört, dass Ihre Frau krank ist. Kann ich irgendetwas für Sie tun?“

„Hören Sie“, sagte der Nachbar schroff, „wir haben einen guten Arzt und wir brauchen Ihre Hilfe nicht. Sie hat nur eine Blinddarmentzündung. Wir werden ihn herausnehmen lassen und damit ist ihr geholfen. Wir brauchen hier kein Gebet um sie herum.“

„Herr Andrews, ich habe nicht gefragt, ob ich für Ihre Frau beten könne. Ich wollte nur meine Hilfe anbieten. Ich könnte Ihnen ein Abendessen bringen oder Ihnen Lebensmittel holen oder sonst irgendwie helfen.“ „Danke, nein danke!“, sagte Herr Andrews frech. „Alles ist unter Kontrolle.“

„Das hoffe ich aufrichtig“, sagte Bill. „Wenn ich irgendetwas tun kann, so lassen Sie es mich einfach wissen.“

Sein Nachbar grunzte und warf die Tür ins Schloss.

Am nächsten Morgen ging Bill wie üblich zur Arbeit, um die Hoch spannungsleitungen des Energieversorgungsbetriebes zu kontrollieren. Er stieg aus seinem Lkw aus, schnallte sich den Waffengurt um und machte sich auf den Weg. Er war noch nicht weit gekommen, als er den starken Eindruck hatte, dass er umdrehen und nach Hause gehen sollte. Nieselregen fiel aus einem schiefergrauen Himmel, aber nicht genug, um ihn an der Arbeit zu hindern. Daher schüttelte er den Drang ab und ging weiter. Der Eindruck kehrte jedoch zurück, diesmal noch fordernder als vorher. Bill ging zu seinem Lkw zurück und funkte seinem Vorarbeiter, dass er an diesem Tag nicht arbeiten werde. Dann fuhr er nach Hause. Meda war überrascht, ihren Ehemann mitten am Vormittag durch die Tür kommen zu sehen. „Was machst du denn schon hier?“

„Ich weiß es nicht genau. Der Herr sagte mir zurückzukommen, und so habe ich es getan.“

Er legte seine Waffe auf den Küchentisch, nahm sie auseinander und begann sie zu ölen und die Einzelteile zu polieren. Durch die Tür sah er Herrn Andrews an der Seite des Hauses entlanggehen. Kurz darauf klopfte er an die Tür und rief: „Frau Branham, ist der Prediger da?“ Meda, die in der Küche arbeitete, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und entgegnete: „Ja. Kommen Sie herein, Herr Andrews!“ Der Nachbar trat ein. Er sah aus wie ein begossener Pudel. Seine Augen waren gerötet und aufgequollen und seine Nase lief. Sein Hut saß schief auf seinem Kopf. „Guten Tag, Prediger“, sagte er zerknirscht. „Hallo, Herr Andrews, setzen Sie sich doch!“

Herr Andrews setzte sich neben Bill. Seine Gesichtszüge spiegelten einen inneren Kampf wider. „Haben Sie schon von Frau Andrews gehört?“ „Nein, was ist los?“

„Nun, Prediger“ – seine Stimme zitterte – „sie wird sterben.“ „Es tut mir leid, das zu hören, Herr Andrews, obwohl ich weiß, dass Sie einen guten Arzt haben.“

„Ja“, sagte er und putzte sich die Nase, „aber es handelte sich nicht um eine Blinddarmentzündung. Es hat sich herausgestellt, dass es ein Blutgerinnsel ist, welches in wenigen Stunden ihr Herz erreicht. Wir haben einen Spezialisten aus Louisville ins Krankenhaus bestellt. Er sagt, wenn das Blutgerinnsel ihr Herz erreicht, wird sie sterben.“ „Das ist furchtbar“, sagte Bill. „Es tut mir leid, das zu hören. Aber ich bin froh, dass Sie den Fall einem guten Arzt übertragen haben.“ Herr Andrews stotterte und kämpfte um seine nächsten Worte. „Nun – äh – es geht ihr sehr schlecht, wissen Sie, und, – äh – ich fragte mich, ob – äh – glauben Sie, Sie könnten ihr helfen?“

„Ich?“ Bill verschränkte seine Hände über seiner Brust. „Ich bin doch kein Arzt. Wie sollte ich wissen, was da zu tun ist?“

„Nun – äh – wissen Sie – ich dachte, vielleicht können Sie ihr ein wenig helfen, wie der Frau an der Ecke, Frau Reed.“

„Das war nicht ich“, erklärte Bill. „Es war der Herr Jesus Christus, der Frau Reed geholfen hat. Ich dachte, Sie glauben nicht an Ihn.“ Herr Andrews zuckte die Achseln. „Wissen Sie, eine meiner Tanten war Christ und lebte draußen in den Bergen. Eines Tages versprach sie Gott einem Wanderprediger am Ende des Jahres fünf Dollar zu geben. Sie wusch anderen Leuten die Kleidung und versuchte das Geld anzusparen, aber als das Jahr zu Ende ging, hatte sie es einfach nicht zusammen. Am Tag bevor der Prediger kam, kaufte sie für einen Nickel ein neues Stück Seife. Sie stand über ihrem Waschbottich und weinte, weil sie ihr Versprechen nicht würde einhalten können. Sie trocknete ihre Tränen an ihrer Schürze, ließ die Hände dann wieder in das Wasser sinken und rieb das Stück Seife über das Waschbrett, um Schaum zu erzeugen. Die Seife machte ein komisch klingendes Geräusch. Als sie ein wenig genauer hinsah, fand sie ein goldenes 5-Dollar-Stück in der Seife. Und so konnte sie ihr Versprechen Gott gegenüber doch noch halten.“

„Wie kam das Goldstück dorthin?“, fragte Bill, obwohl er die Antwort bereits kannte. Herr Andrews schüttelte seinen Kopf. „Ich weiß nicht. Das habe ich mich selbst schon oft gefragt.“

„Ich werde Ihnen sagen wie. Der auferstandene Jesus hat es getan. Die Frau hatte ihr Versprechen in gutem Glauben und reinen Herzens gegeben. Sie dachte, sie könnte es schaffen. Gott bereitete ihr einfach einen Weg, dass sie ihr Versprechen halten konnte.“

Herr Andrews nickte. „Ich habe oft darüber nachgedacht. Es warf in mir sogar die Frage auf, ob es einen Gott gibt.“

„Herr Andrews, es gibt Gott.“

Der Mann senkte sein Haupt. „Glauben Sie, Er könnte meiner Frau helfen?“

„Sicher, ich weiß, dass Er es kann.“

„Werden Sie für sie beten?“, bat Herr Andrews.

„Lassen Sie uns am Anfang beginnen! Sie müssen erst einmal in Ihrem eigenen Herzen Klarheit schaffen. Was halten Sie davon, wenn Sie hier mit mir niederknien und wir zusammen beten?“

„Nun, ich – ich weiß kaum, was ich sagen soll.“

„Ich werde Ihnen helfen.“

Und so schoben sie die Stühle vom Tisch weg und knieten nieder, die Ellbogen auf den Sitzflächen ihrer Stühle. Bill gab Anweisungen. „Sagen Sie aus ganzem Herzen: Oh Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Sie beteten weiter, bis der verhärtete Atheist sich seinen Weg zu Jesus Christus erweinte. Dann wischte sich Herr Andrews die Augen und fragte: „Nun, Prediger, werden Sie jetzt in das Krankenhaus gehen?“ „Ja, ich werde gehen.“

Meda begleitete ihn. Als sie im Krankenzimmer ankamen, ging es Frau Andrews so schlecht, dass ihre Augen farblos waren. Ihr Gesicht war so angeschwollen, dass sie kaum noch als der Mensch zu erkennen war, der jahrelang neben ihnen gewohnt hatte. Meda weinte über ihren Anblick. Bill kniete am Bett nieder und betete: „Treuer Gott, bitte hilf Frau Andrews! Wir alle sind hilflos. Der Arzt hat alles getan, was in seiner Macht stand und doch stirbt sie. Jesus, wir wissen, dass Du von den Toten auferstanden bist und mit Deiner Kraft die alles vermag, lebendig unter uns bist. Wir bitten Dich dieser armen Frau Barmherzigkeit zu erweisen und sie leben zu lassen!“

Bill stand eine Weile lang da und hielt die geschwollene Hand von Frau Andrews. Meda fragte: „Siehst du irgendetwas?“

„Nein, Liebling.“

Sie verließen das Zimmer und gingen den Flur entlang zur Entbindungs station, um sich die Säuglinge durch die Glasscheibe anzusehen. Dann gingen sie wieder zurück zu Frau Andrews Zimmer. Gerade als Bill über die Schwelle trat, sah er Frau Andrews in ihrer eigenen Küche einen Apfelkuchen aus dem Ofen nehmen. Dann sah Bill sich selbst auf der Veranda seines Hauses sitzen. Frau Andrews kam um die Ecke ihres Hauses und bot ihm den ganzen Kuchen an. Nachdem er den Kuchen in Stücke geschnitten hatte, nahm Bill ein Stück heraus und aß es. Im nächsten Augenblick befand er sich wieder im Krankenzimmer. Er wandte sich Meda zu und sagte: „Liebling, alles wird gut. Keine Sorge, Gott hat unsere Gebete erhört.“

Eine Krankenschwester hatte seine Bemerkung mitgehört. Sie fragte: „Reverend Branham, was meinen Sie?“

Bill erklärte: „Frau Andrews wird mir in drei Tagen einen Apfelkuchen backen. Wenn das nicht geschieht, gebe ich meinen Predigtdienst auf.“ Als Bill zu Herrn Andrews Haus zurückkehrte, sagte er ihm: „So spricht der Herr. Ihre Frau wird wieder gesund werden. Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Andrews!“

„Wie können Sie sich dessen so sicher sein?“

„Gott hat es so gesagt durch eine Vision, wie jene, die Frau Reed gesagt hat, dass sie leben wird, und sie ist zu Hause und fühlt sich wohl.“ Den Teil mit dem Apfelkuchen erwähnte Bill nicht.

Bill und Meda fuhren nach Hause. Zwei Stunden später klopfte Herr Andrews noch einmal an Bills Tür. „Prediger, der Arzt sagt, dass sie gerade jetzt stirbt. Das Todesröcheln ist in ihrer Kehle.“ „Aber der Herr Jesus hat gesagt, dass sie leben wird“, entgegnete Bill in dem Versuch ihn zu ermutigen. „Glauben Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe?“

„Nun, Prediger, ich möchte es schon, aber die Ärzte sagen, dass sie nicht einmal mehr eine Stunde zu leben hat.“

„Was die Ärzte sagen, ändert überhaupt nichts. Wenn Gott etwas sagt, muss es geschehen.“

Nervös und ohne die geringste Zuversicht fuhr Herr Andrews ins Krankenhaus. Meda, die sich daran erinnerte, wie schrecklich Frau Andrews ausgesehen hatte, fragte ihren Ehemann: „Bill, was glaubst du wirklich?“

„Mach dir keine Sorgen! Gottes Vision hat es gesagt und damit ist die Sache klar. Die Frau wird mir in drei Tagen einen Apfelkuchen backen und ich werde auf der Veranda sitzen, wenn ich das erste Stück esse. Wenn es nicht so geschieht, dann spricht Gott nicht zu mir.“ Innerhalb einer Stunde war Herr Andrews wieder da, ganz aufgeregt und rief aus: „Prediger, wissen Sie, was passiert ist?“

Bill war gerade dazu gekommen, seinen Revolver wieder zusammenzu setzen. Er drehte den Zylinder, ließ ihn einrasten und steckte die Waffe wieder in den Halfter zurück. „Was ist geschehen, Herr Andrews?“ „All das Wasser ist aus ihr herausgekommen. Sie hat sich in ihrem Bett aufgerichtet und hat gesagt: „Ich sterbe vor Hunger.“ Als eine der Schwestern ihr eine Hühnerbrühe vorsetzte, sagte sie: „Ich will keine Brühe, ich will Würstchen und Sauerkraut.“ Prediger, sie sagten, ich könne sie in ein paar Tagen schon wieder nach Hause holen.“ Drei Tage später, als Bill auf seiner Veranda saß, kam Frau Andrews um die Ecke des Hauses mit einem Kuchen in der Hand. Bill legte die Füße hoch und genoss das beste Stück Apfelkuchen, das er jemals gegessen hatte.

Am nächsten Tag verkaufte Bill das wieder hergerichtete Fahrrad für $10,00, also für den Betrag, den er benötigte, um seine Zahlungs verpflichtungen für den Monat zu erfüllen. Er wusste, dass der Herr für ihn sorgte.

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