1941
Das Lied klang aus. Voller Eifer stellte sich Billy Paul vor seinen Kuchen, holte so tief Luft, wie er nur konnte und pustete, bis alle sechs Kerzen erloschen waren. Freudestrahlend stürzte er sich auf seine Geschenke. William Branham lächelte, erfreut, dass sein Sohn seinen Geburtstag so sehr genoss – dank Meda Broys Umsicht. Sie hatte Billy Paul einen Kuchen gebacken und die Feier sorgfältig geplant, weil sie wollte, dass dieser Tag, Samstag, der 13. September 1941, ihrem Schützling lange in Erinnerung bliebe! Mittlerweile war Meda beinahe fünf Jahre lang an jedem Wochentag Billy Paul Branhams Babysitter. Es war für sie selbstverständlich, dass sie eine Geburtstagsfeier für ihn organisierte. Doch nicht jeder in der Gegend betrachtete Medas und Bills Situation so arglos. Zahlreiche Klatschmäuler verbreiteten boshafte Gerüchte über „den jungen Prediger und seine Haushälterin“. Bill empörten diese unschönen Anspielungen gegen Medas guten Charakter, aber er konnte verstehen, warum die Leute redeten: Hier war eine schöne, junge Frau im heiratsfähigen Alter, die mit ihrem Leben nichts anfing als nur seine Wäsche zu waschen, sein Haus zu putzen und auf seinen Sohn aufzupassen. Es war wirklich nicht fair Meda gegenüber, dass er so viel ihrer Zeit für sich beanspruchte. Bill entschied, dass er um Medas willen das Beschäftigungsverhältnis beenden würde. Er hatte vor, ihr das irgendwann einmal nachmittags mitzuteilen, wenn er Billy Paul nach der Arbeit bei ihr abholte. Aber immer, wenn sich eine Gelegenheit bot, konnte er kein Wort herausbringen. Wie konnte er diesem empfindsamen Mädchen, das beinahe fünf Jahre lang auf seinen Sohn aufgepasst hatte, jetzt sagen, dass er einen neuen Babysitter haben wollte? Er konnte es nicht über sich bringen. Aber um ihretwillen musste er es tun – irgendwie. Meda musste von den Fesseln befreit werden, die sie vorübergehend an ihn banden, damit sie eine lebenslange Beziehung mit jemand anderem aufbauen konnte.
Schließlich verfiel er auf den Plan es ihr durch die Blume zu sagen. Er überlegte, wenn er sich mit einer anderen Frau verabredete, würde Meda so wütend auf ihn sein, dass sie von selbst kündigen würde. Der Plan funktionierte jedoch nicht. Meda war nicht im Geringsten wütend, ihr Herz war gebrochen. Sie weinte tagelang.
Auch Bill fühlte sich schrecklich. Er hielt so große Stücke auf Meda und wollte das Beste für sie, aber stattdessen hatte er nur alles verdorben. Zumindest schuldete er ihr eine Erklärung. „Meda, kannst du das nicht verstehen? Ich raube so viel deiner Zeit. Du bist ein viel zu gutes Mädchen, um dein Leben bei mir zu vergeuden.“
„Aber, Bill – ich liebe dich. Ich habe dich immer geliebt. Und mehr noch, du bist der einzige Mann, den ich jemals lieben werde.“ „Ich schätze das, Meda, ich liebe dich auch. Aber weißt du, ich werde wie ein Einsiedler leben. Ich werde nicht wieder heiraten, niemals! Wie kann ich da weiter deine Zeit in Anspruch nehmen?“
Das war ein Argument, das Meda einfach nicht akzeptieren konnte. Als sie wieder allein war, legte sie ihre geschlossene Bibel auf den Schoß und betete: „Herr, wenn es das ist, was Du willst, will ich Dir nicht ungehorsam sein ... und doch liebe ich Bill. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Herr Jesus, wirst Du mir helfen? Ich habe Dich nie zuvor in meinem Leben um Derartiges gebeten, Herr, und ich hoffe, dass ich Dich auch nie wieder darum bitten muss; aber ich bitte Dich jetzt – wenn ich diese Bibel öffne, gib mir bitte ein Schriftstelle, die mich leitet und tröstet.“ Sie schloss die Augen, öffnete die Bibel in der Mitte und legte ihren Zeigefinger auf einen Punkt in der Mitte einer Seite. Dann öffnete sie die Augen. Der Finger lag auf einem Vers in Maleachi, Kapitel 3: „Wisset wohl, ich sende euch den Propheten Elia, ehe denn der große und furchtbare Tag des Herrn kommt ... “ „Das ist eine merkwürdige Schriftstelle als Trost“, dachte sie. „Ich frage mich, warum der Herr“ – und dann fiel es ihr wieder ein ... Vor Jahren hatte sie am Flussufer gestanden, und Bill war draußen im Wasser und taufte, als um die Mittagszeit ein Stern erschienen war. Sie hatte den Feuerball nicht gesehen, weil sie ihre Augen im Gebet geschlossen hatte, aber sie würde niemals die Stimme vergessen, die erklärte: „Wie Johannes der Täufer dem Ersten Kommen Jesu Christi vorausgesandt wurde, bist du mit einer Botschaft gesandt Seinem Zweiten Kommen vorauszugehen.“
Nun wurde ihr klar, warum der Herr ihr diese besondere Schriftstelle als Trost gegeben hatte. „Wisset wohl, ich sende euch den Propheten Elia ...“ Meda stand auf und ging ihres Weges mit Frieden im Herzen, überzeugt, dass sie und Bill heiraten würden.
Bill selbst war auch nicht mehr weit von der gleichen Schlussfolgerung entfernt. Eines Tages nach der Arbeit hielt er vor dem Haus der Broys, um seinen Sohn abzuholen. Billy Paul spielte im Sand. Bill sagte: „Billy, komm mit Daddy nach Hause!“
Billy Paul drehte seinen Kopf zu ihm und fragte: „Daddy, wo ist mein Zuhause?“
Bill war schockiert. Er lebte seit kurzem in einem kleinen Hausboot, das unten am Fluss festgemacht war, weil er es hasste, in seinem gemieteten Haus zu sein – ohne Hope schien es so leer zu sein. Jetzt blickte er auf seinen 6-jährigen Sohn und dachte: „Irgendwann, wenn sie ihn zum elektrischen Stuhl führen, wird er sich vielleicht zu mir umdrehen und sagen: Daddy, wenn du getan hättest, worum Mutter dich gebeten hat, und wieder geheiratet und mir ein gutes Heim geboten hättest, anstatt mich von Pontius zu Pilatus zu schleppen, wäre es nicht so weit gekommen.“ Als Bill den Sand von den Hosen seines Sohnes abklopfte, dachte er: „Vielleicht hat Hope in ihrer Sterbestunde recht gehabt.“ In dieser Nacht weckte Bill etwas aus tiefem Schlaf. Er lag ruhig im Dunkel und hörte die Wellen sanft an das kleine Hausboot schlagen. Da war noch ein anderes Geräusch. Stand jemand dort in der Tür? Seine Nackenhaare sträubten sich vor Angst. Dann hörte Bill eine tiefe, volltönende Stimme sagen: „Nimm Meda Broy und heirate sie am dreiundzwanzigsten Oktober dieses Jahres!“
William Branham und Meda Broy reichten sich am 23. Oktober 1941 die Hand zum Ehebund. Für die Flitterwochen schlug Bill eine Reise zu den Niagarafällen vor, von wo aus sie in östlicher Richtung an der Nordgrenze der Vereinigten Staaten entlang zu den Adirondack Bergen im Norden des Bundesstaates New York weiter fahren wollten. Bill war schon mehrmals in diesem Gebiet gewesen und kannte einen der Wildhüter dort. Vor zwei Jahren hatte er gemeinsam mit dem Wildhüter Denton in der Nähe der Hurricane Mountains, oben an der kanadischen Grenze, drei Bären erlegt. Wenn es Bill in diesem Herbst möglich wäre, auf die Jagd zu gehen, könnte er vielleicht einen weiteren Bären schießen, sodass sie genügend Fleisch für den Winter hätten. Meda fand den Vorschlag vernünftig. Sie wusste, wie arm sie ihr Eheleben begannen. Sie hatte Bill geholfen abends Brombeeren zu pflücken, um damit genügend Geld für die Winterkohle zu verdienen. Ein Vorrat an Fleisch wäre eine willkommene Hilfe angesichts ihres knappen Budgets. Bill schrieb: „Herr Denton, ich komme im Herbst in den Norden. Ich möchte wieder ein paar Bären mit Ihnen jagen.“ Herr Denton erwiderte: „Okay, Billy, komm einfach! Ich werde in der Hütte am Ende der Hurricane-Mountain-Straße sein ... “, und er gab einen Tag im November an. „Du kannst mir helfen die Telefonleitung wieder abzubauen, die wir im Frühling aufgebaut haben, und dann können wir Bären jagen.“
Ein Feuerwachturm befand sich auf der Spitze des Hurricane Mountain. Im Frühling dieses Jahres hatte Bill dem Wildhüter geholfen, eine Telefonleitung acht Kilometer entlang jenes Weges zu verlegen, der den Wachturm mit einer Hütte am Ende der Straße verband. Es würde mindestens einen Tag dauern, diese Leitung für den Winter wieder einzurollen, aber dafür das Privileg zu haben, mit einem so vortrefflichen Führer auf die Jagd gehen zu können, schien Bill ein fairer Handel zu sein. Bill, Meda und Billy Paul kamen ein paar Tage früher an. Die Hütte des Wildhüters war fest verschlossen, aber es gab etwas weiter oben am Weg eine kleine Hütte, die sie vor dem Wind schützen würde. Zwar hatte es bisher noch nicht geschneit, doch es sah aus, als ob es jederzeit anfangen könnte. In dieser Nacht fiel die Temperatur auf unter Null. Um Billy Paul vor dem Erfrieren zu schützen, legten Bill und Meda den kleinen Jungen in der Nacht zwischen sich.
Meda Branham Am nächsten Morgen sagte Bill: „Liebling, es wäre gut, wenn wir außer dem Bären auch einen großen Bock mit heimnehmen könnten. Wenn ich heute ein wenig jagen gehe, bekommen wir auf alle Fälle unser Fleisch für den Winter.“
Meda blickte auf die dunklen Wolken und fragte: „Glaubst du, es ist sicher genug, ohne den Wildhüter jagen zu gehen? Was ist, wenn du dich verirrst?“
„Ich? Mich verirren?“ Bill fand das amüsant.
„Niemals. Mich könntest du nirgends verlieren. Vergiss nicht, meine Mutter ist Halbindianerin. Ich habe genügend Instinkt, um stets zu wissen, wo ich bin. Ich bin wie mein Großvater Harvey. Er war nicht nur Schullehrer, sondern auch der beste Jäger und Fallensteller im Süden.“ Meda warf ihm einen resignierten Blick zu, der besagte: „Da wäre ich mir nicht so sicher.“ Sie bat: „Bleib nicht so lange weg, Bill! Du weißt, ich bin noch nie in den Wäldern gewesen. Ich verstehe nichts davon.“ „Ich bin gegen zwei Uhr wieder da“, versprach er.
Er schulterte seine Flinte und wanderte die Straße wieder hinab, bis er an eine Stelle kam, die vor ein paar Jahren gerodet worden war. Zwischen den Baums tümpfen und den aufgehäuften Ästen und Zweigen war der junge Wald bereits wieder bis zu einer Höhe von fünf Metern emporgewachsen. Es schien ein idealer Lebensraum für Rotwild zu sein – reichlich Nahrung und gute Deckung. Bill verließ die Straße und bog in den Wald ab. Während der nächsten Stunde sah er viele Wildspuren, aber sie kamen alle von spitzen Hufen, was bedeutete, dass sie von Hirschkühen stammten. Er benötigte jedoch einen Bock.
Als Bill einen Kamm überquerte und in die nächste Bergschlucht einstieg, hörte er, wie sich etwas in den Büschen bewegte. Er blieb wie angewurzelt stehen und lauschte. Er konnte deutlich hören, wie Pfoten über trockene Fichtenn adeln liefen – keine Hufe, das waren weiche Pfoten. Dann jagte das Tier davon. Bill sah einen ausgewachsenen Berglöwen durch das Dickicht jagen. Er legte seine Flinte an, um zu zielen, aber die Großkatze war zu schnell. Bevor Bill schießen konnte, war sie verschwunden.
Bill verfolgte den Berglöwen etwa einen Kilometer durch die Schlucht. Eine Zeit lang konnte er ihn durch das dichte Untergehölz brechen hören. Aber schon bald hatte die Katze einen zu großen Vorsprung, und er musste sich auf seine Künste des Fährtenlesens verlassen und nach Spuren und umgeknickten Zweigen Ausschau halten. Schließlich kletterte der Löwe in die hohen Bäume, in denen er behände von einem Baumwipfel zum anderen sprang. Bill verlor die Spur und gab auf. Er machte sich auf den Rückweg die Schlucht hinauf, hielt jedoch inne, als er den verräterischen Geruch eines männlichen Bären wahrnahm. Aufgeregt kletterte er die steile Schluchtwand hinauf in den Wind, überquerte den Kamm und stieg auf der anderen Seite wieder hinab. Einige Male verlor er die Fährte, doch es gelang ihm, sie immer wieder aufzunehmen. Der Boden wurde eben. Bill ging weiter und suchte dabei das Gelände nach Spuren, wie zerstörte Ameisenh ügel oder Kratzspuren an Bäumen, ab. Er erreichte einen Kamm und bewegte sich wieder hinunter in eine flache Schlucht. Als er unten ankam, sagte ihm der Geruch, dass seine Beute nahe war. Bill suchte zwischen den Steinen und Spalten, bis er die Höhle des Bären fand. Er konnte sich nicht irren; der Gestank trieb ihm Tränen in die Augen. Vorsichtig näherte er sich der dunklen Öffnung, seine Flinte entsichert und schussbereit. Die flache Höhle war leer.
Bill blickte auf seine Uhr. Die Zeiger näherten sich 12:30 Uhr. Er würde bald zurückkehren müssen, wenn er sein Versprechen gegenüber Meda halten wollte. Aber es machte ihm nichts aus, die Jagd abzubrechen. Jetzt, da er die Jagdgründe des Bären kannte, könnte er zurückkehren, sobald Herr Denton und er mit dem Abbau der Telefonleitung auf dem Hurricane Mountain fertig waren.
Er begann die Schlucht hinaufzusteigen, hatte aber erst ein kleines Stück des Weges zurückgelegt, als er eine Bewegung in einem Busch in der gegenüberliegenden Schlucht bemerkte. „Da ist er“, dachte Bill. Er warf eine Patrone ins Patronenlager ein und stand still. Statt eines Bären trat ein majestätischer Hirsch in sein Blickfeld. Bill legte sein Gewehr an und drückte den Abzug. Der Hirsch brach auf der Stelle zusammen. Bis Bills Beute ausgeblutet war und er sie ausgeweidet hatte, war es schon nach ein Uhr. Er hing den Hirsch mit den Hinterläufen an einen Ast und stieg die Schlucht hinauf, so schnell es in dem Untergehölz möglich war. Er bemerkte, dass die Wolkendecke sich senkte. Der Hurricane Mountain war schon eingehüllt. Er dachte: „Ich werde mich beeilen müssen. Der Sturm kommt näher.“ Er wusste, wenn Nebel aufkam, würde er seine Erkennungsmerkmale nicht mehr sichten können.
Dreißig Minuten lang streifte er durch die Gegend auf der Suche nach der Stelle, an der er in diese Schlucht eingestiegen war. Er hielt an, um sich auszuruhen und zog ein Taschentuch aus der Tasche, um sich den Schweiß vom Gesicht zu wischen. „Puh, das war ein langer Weg“, dachte er, „ich hätte nicht gedacht, dass ich so weit gegangen bin.“ Und er fing wieder an zu laufen. Nach ein paar Minuten hielt er völlig entgeistert an. Da hing sein Hirsch!
„Was hab ich denn gemacht?“, murmelte er. „Irgendwo habe ich die Abzweigung verpasst. Aber wie bin ich dann umgedreht und wieder hierher zurückgekommen?“
Er lief wieder los und dachte: „Diesmal schaffe ich es. Ich habe einfach nicht genug aufgepasst.“ Kräftig ausschreitend suchte er sorgfältig nach der Stelle, an der er den steilen Abhang hinunter gekommen war. Die Wolken hingen jetzt dicht über den Bäumen. Es wurde immer schwieriger, irgendetwas zu erkennen. Nach vierzig Minuten erreichte er eine Stelle, die ihm bekannt vorkam. Nach einer weiteren Minute wusste er auch, warum: Dort hing sein Hirsch im Baum.
Als Bill sich ein drittes Mal auf den Weg machte, dachte er: „Dreimal hintereinander werde ich den gleichen Fehler kaum machen können.“ Aber eine Stunde später befand er sich wieder an dem Ort, an dem seine Beute hing.
Müde und verwirrt setzte er sich hin, um sich auszuruhen und sich zu sammeln. Er wusste, was hier vor sich ging. Die Indianer nannten es den Todespfad – ein Mann verirrt sich in den Wäldern und läuft im Kreis, bis er an Unterkühlung stirbt. Wäre Bill allein in den Wäldern gewesen, hätte er sich keine Sorgen gemacht. Er wäre einfach zu der Bärenhöhle zurückgegangen und hätte sich dort verschanzt, bis der Sturm abklang und sich die Wolkendecke wieder auflöste. Sobald seine Erkennungsmerkmale dann wieder sichtbar wären, wäre es ein Leichtes, zur Hütte zurückzukehren. Aber unter den gegebenen Umständen war das unmöglich. Meda war niemals zuvor allein in den Wäldern gewesen. Sie wusste nicht einmal, wie man Feuer macht. Wenn Bill nicht zum Lager zurückkehrte, könnte sie und Billy Paul in der Nacht leicht erfrieren. Und außerdem würde sie im Dunkeln Ängste ausstehen. Was würde sie tun, wenn sie ein Tier schreien hörte? Sie würde vielleicht denken, dass er es sei und hinausgehen, um ihn zu suchen – und sich dabei selbst verirren. Und dann dachte Bill an den Berglöwen auf der Pirsch in den Wäldern, in der Nähe ihrer Unterkunft ...
Außer sich vor Sorge sprang Bill auf und rannte durch das Dickicht. Schon kurze Zeit später hielt er wieder an und dachte: „Moment mal, William Branham. Was ist denn mit dir los? Bist du verrückt geworden?“ Er war von Kindheit an ein Mann der Wälder. Er wusste, was die größte Gefahr in einer Situation wie dieser war: Ein Mann wird erregt und stürmt unbesonnen durch den Wald und dann findet irgendjemand im Frühling sein Gerippe am Fuß einer Klippe. Er holte tief Luft, um seine zitternden Nerven zu beruhigen. „Ich muss mich selbst unter Kontrolle halten“, dachte er. „Ich habe mich nicht wirklich verirrt. Ich bin nur ein wenig desorientiert. Ich muss nur meine Fassung wiedergewinnen.“ Der Nebel hatte sich jetzt völlig verdichtet und alles wirkte fremd. Zudem hatte es auch noch angefangen zu schneien. Und obendrein ging die Sonne unter, die Dunkelheit brach schnell herein. Wenn er nicht bald seinen Weg heraus fände, würde er ihn niemals finden. Dann würden sie alle drei in dieser Nacht umkommen.
In seinem Ringen Ruhe zu bewahren dachte Bill: „Ich kann mich nicht verirrt haben. Ich kenne mich in den Wäldern zu gut aus, um mich wirk lich zu verirren. Denk einen Moment nach. Als ich hier hineinging, blies mir der Wind ins Gesicht. Das ist es: Ich muss einfach nur darauf achten, den Wind im Rücken zu behalten, und ich komme hier heraus.“ Er ging in die dem Wind entgegengesetzte Richtung. Alles was er um sich herum wahrnahm, waren die schattenhaften Umrisse nahestehender Bäume und Büsche, die im Nebel und Schnee schwankten. Und immer wieder wechselte der trügerische Wind seine Richtung. Schon bald wurde es offensichtlich, dass der Wind, der sich um die Bergspitzen drehte, als Kompass nicht geeignet war.
Um sich selbst Mut zu machen und seine Ruhe zu bewahren, sagte Bill laut: „Du hast dich nicht verirrt. Du weißt, wo du bist.“ Aber sein Gewissen erwiderte seinem Bluff: „Billy, du weißt genau, dass du dich verirrt hast.“
Er antwortete sich selbst: „Ich? Ich doch nicht! Ich kann mich nicht verirren.“
Dann kam er an einem riesigen Baumstumpf vorbei, von dem er wusste, dass er ihn vorher nicht passiert hatte. Er begann zu zittern. Schweiß rann ihm über das Gesicht. „Du brauchst dir nichts mehr vorzumachen“, dachte er. „Du hast dich verirrt. Gib es zu!“
Es war nicht der Schlag gegen seinen Stolz, der ihn schmerzte, sondern die Angst um seine Frau und seinen Sohn. „Ich habe mich wirklich verirrt“, sagte er sich selbst. „Ich kann nicht einmal Ost von West unterscheiden. Ich muss eine Richtung wählen und einfach nur geradeaus gehen, denn so wie ich es im Augenblick mache, gehe ich einfach nur im Kreis. Also werde ich es so versuchen.“
Er wählte aufs Geratewohl eine Richtung, lief los und achtete genau auf die paar Bäume, die er sehen konnte, wobei er versuchte, von Baum zu Baum in einer geraden Linie zu gehen. Während er ging, schien es, als ob er eine Stimme flüstern hörte: „Der Herr ist uns Zuflucht und Stärke, als Hilfe in Nöten wohlbewährt erfunden.“ Bill dachte: „Jetzt werde ich verrückt. Ich fange an, irgendwelche Dinge zu hören.“
Er ging weiter und konzentrierte sich so gut er konnte auf seine Aufgabe. Schon bald hörte er es wieder, ein bisschen lauter als vorher. „Der Herr ist uns Zuflucht und Stärke, als Hilfe in Nöten wohlbewährt erfunden.“ Bill ging weiter, seine Flinte hinter sich herziehend; er war so erschöpft. Die hartnäckige Stimme wurde lauter. „Der Herr ist uns Zuflucht und Stärke ...“
Bill hielt an und sagte laut: „Herr Jesus, ich habe mich verirrt. Ich habe keinen Kompass und keine Wegweiser, aber ich habe immer noch Dich. Herr, ich bin es nicht wert zu leben, aber bitte lass meine Frau und meinen Sohn nicht sterben!“
Dann hörte er die Stimme noch einmal. Es war keine Einbildung, er hörte sie ganz deutlich in seinen Ohren: „Der Herr ist uns Zuflucht und Stärke, als Hilfe in Nöten wohlbewährt erfunden.“
Bill lehnte seine Flinte gegen einen Baum, zog seinen Hut vom Kopf, warf ihn in den Schnee und kniete darauf nieder. Er blickte nach oben und betete: „Himmlischer Vater, ich dachte, ich wüsste alles über die Wälder, aber ich habe mich geirrt. Ich weiß, dass ich in die falsche Richtung gehe, aber ich weiß nicht, wohin ich mich wenden soll. Ich bin ein solcher Angeber gewesen, ich habe es verdient, verirrt zu sein. Ich hätte es verdient, tagelang hier draußen herumzuirren und von Stachel schweinen zu leben. Aber, Herr, meine arme Frau ist unschuldig. Sie und mein Sohn werden heute Nacht sterben, wenn ich hier nicht herausfinde. Vater, es ist schon fast dunkel, und ich bin verloren – völlig verloren. Bitte hilf mir! Sei mir Kompass und Führer!“
Er stand auf, schüttelte den Schnee von seiner Kappe und sagte dann: „Herr, ich glaube, dass die Stimme, die mir zuflüsterte, Deine Stimme gewesen ist. Ich glaube, dass hier irgendwo ein Engel Gottes ist, der mir durch diesen Wald folgt. Herr, ich habe Dich um Deine Führung gebeten. Das ist alles, was ich tun kann. Ich werde jetzt auf diesem Weg losgehen.“
Er ging in die gleiche Richtung, in der er vorher auch gegangen war. Plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter, die an ihm zog, als wolle sie ihn anhalten. Erschreckt drehte Bill seinen Kopf, um zu sehen, wer das sei. Seltsamerw eise war da niemand. Doch gerade, als er sich umsah, klärte sich der Nebel einen Augenblick lang auf, und er sah den Hurricane Mountain hinter sich auftauchen. Das war der Weg in die Sicherheit. Und er war geradewegs in die entgegengesetzte Richtung unterwegs gewesen. Er hatte gerade Zeit genug umzuschwenken und sich an dem Berg zu orientieren, bevor der Nebel wieder alles einhüllte.
Bill hob die Hand und rief aus: „Oh großer Jehovah Gott, Du bist mir so nah, dass Du mir Deine Hand auf meine Schulter legst. Du bist wahrhaft meine Hilfe in Zeiten der Not.“
Bill stieg durch die nebelige Dämmerung so geradlinig wie möglich in Richtung des Hurricane Mountain, stets darauf achtend, dass er nicht vom Weg abkäme. Im Wald wurde es Nacht. Während Bill ging, hielt er immer einen Arm hoch, damit er die Telefonleitung berühren würde, die über acht Kilometer lang am Rand des Berges von Baum zu Baum führte. Wenn er eine dieser beiden Leitungen fand, konnte er dieser Leitung den Berg hinab bis zur Hütte folgen. Wenn er aber diese Leitungen verfehlte, würden er, seine Frau und sein Sohn alle umkommen.
In den nächsten drei Stunden blieb er auf seinem Kurs, manchmal musste er dabei seinen Weg über kleine, felsige Böschungen suchen. Das Schneetreiben hatte sich zu einem heftigen Schneesturm ausgeweitet. Der Wind heulte und riss mit Wucht Baumäste ab. Bill trug seine Flinte in einer Hand und hielt den anderen Arm über seinen Kopf, bis dieser zu schwer wurde. Dann wechselte er die Arme, ging aber vorsichtshalber ein paar Schritte zurück, bevor er weiter voranschritt, um sicher zu sein, dass er beim Armwechseln die Telefonleitung nicht verfehlt hatte. Manchmal stieß seine Hand gegen einen Gegenstand und er schrie: „Ich hab sie!“ Aber er hatte nur einen Ast erfasst. Seine Finger in den Handschuhen wurden taub. Schließlich wurde es so schlimm, dass er kaum noch einen Arm hochhalten konnte. Und dennoch musste er es tun. Drei Leben hingen davon ab.
Inzwischen war es rabenschwarze Nacht, sodass er kaum noch den Schnee sehen konnte, der vor seinem Gesicht herumwehte. Er wurde immer mutloser. Was wäre, wenn er durch eine Senke gegangen war, wo die verlaufenden Leitungen höher lagen, als er mit seinem ausgestrecktem Arm reichen konnte? Wenn das passiert war, waren sie alle dem Untergang geweiht.
Sein Arm stieß gegen etwas Federndes. Er zog den Arm tiefer, bis seine Finger sich um einen dünnen Draht schlossen. Er hatte die Leitung gefunden! Er war gerettet! Sie alle drei waren gerettet! Bill ließ sein Gewehr fallen, riss seinen Hut vom Kopf und dankte dem Herrn: „Oh Gott, welch ein Gefühl ist es, gefunden zu sein, wenn man verloren war. Wie kann ich Dir je genug danken? Am Ende dieser Leitung ist alles, was mir in diesem Leben lieb und teuer ist – meine Frau und mein Sohn. Diese Telefonleitung wird mich den Berg hinunter führen. Ich werde diese Leitung um nichts in der Welt wieder loslassen. Aber in Wirklichkeit, Herr Jesus, bist Du mein Führer. Und ich will mich bis an mein Lebensende an Dich halten, weil ich weiß, dass am Ende Wärme und Sicherheit und Ruhe ist.“