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Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 2

Das Wunder von M-i-i-i-lltown

1940

Einige Wochen nach der Heilung von Frau Nales Tochter, verbrachte William Branham wieder einmal eine Nacht im Hause seiner Mutter. Obwohl es schon sehr spät war, schien er keinen Schlaf finden zu können. Er stand auf und begann in dem Gästezimmer im Dunkeln hin und her zu gehen, wobei er eine unbestimmte Last auf seinem Herzen spürte. Er dachte: „Vielleicht ist irgendwo jemand krank und braucht mein Gebet!“

Bill kniete an der Seite seines Bettes nieder und betete lange Zeit, ohne jedoch Erleichterung zu verspüren. Aufblickend bemerkte er einen weißen Fleck in der Ecke, in der seine Mutter Wäsche auf einem Stuhl aufgetürmt hatte. Seltsamerw eise schien er milde zu glühen. Als der weiße Fleck sich auf ihn zu bewegte, wusste Bill, dass es der Engel des Herrn war. Er sah aus wie eine kleine, lichta usstrahlende Wolke. Der weiße Nebel schwebte auf ihn zu und plötzlich sah Bill sich selbst durch eine schattige Wildnis wandern. Irgendwo in der Ferne hörte er ein Lamm blöken. „Bä-ä-ä-ä-äh. Bä-ä-ä-ä-äh.“ Es klang so hilflos. Bill sagte: „Das arme kleine Ding. Ich werde sehen, ob ich es finden kann.“ Er bewegte sich in Richtung des mitleiderregenden Blökens und hielt hinter Bäumen und Büschen nach einem zitternden Wollbündel Ausschau. Als er der Quelle des Geräuschs näher kam, wurde das Blöken lauter und schien sich auch in der Tonhöhe und im Ton zu ändern, bis es sich fast menschlich anhörte. Bill hielt inne und hörte genau hin. Das Lamm schien zu blöken „M-i-i-i-lltown, ... M-i-i-illtown.“ Dann verließ ihn die Vision.

Bill hatte niemals zuvor von einem Ort namens Milltown gehört. Also fragte er seine Gemeinde am nächsten Abend beim Gottesdienst, ob irgendjemand wüsste, wo dieser Ort liege.

George Wright sagte: „Ich weiß es, Bruder Branham. Es ist eine kleine Stadt ungefähr 60 Kilometer westlich von hier, nicht weit von meinem Wohnort.“ „Ich werde nächsten Samstag dorthin fahren“, erklärte Bill. „Irgend jemand ist dort in Not“, und er erzählte seiner Gemeinde von der Vision. „Ich werde dich dort hinbringen“, bot George Wright an.

Es stellte sich heraus, dass Milltown eine typische Landgemeinde in Indiana war. Der Lebensmittelladen in der Stadtmitte war samstags der geschäftigste Platz, weil alle Bauern dorthin kamen, um ihren wöchent lichen Einkauf zu erledigen. Als Bill die Hauptstraße hinunterfuhr, dachte er: „Ich frage mich, was der Herr von mir will?“ Da er keine bessere Idee hatte, beschloss er an der Ecke des Marktes zu predigen. Er ging in den Laden hinein, kaufte eine hölzerne Kiste, stellte sie umgedreht an die Straßenecke und stieg mit der Bibel in der Hand hinauf, um allen vorbeigehenden Passanten zu predigen. Aber auch wenn er diese Art der Straßenevangelisation schon hundert Mal in Jeffersonville durchgeführt hatte, fand er aus irgendeinem Grund kein Thema, über das er predigen konnte. Es wurde schnell deutlich, dass die Menschen nicht anhalten und seiner stockenden, improvisierten Predigt zuhören würden. George Wright sagte: „Bruder Branham, ich werde auf den Hügel hinauffahren, um einem Mann, den ich dort oben kenne, ein paar Eier zu verkaufen. Willst du mitkommen?“

„Warum nicht? Ich kann hier sowieso nichts ausrichten.“

Kurz vor der Hügelkuppe kamen sie an einer großen weißen Kirche vorbei. Bill bemerkte: „Ist das nicht ein schönes Gebäude?“ „Ja“, antwortete George. „Weißt du, es ist eine Schande. Dieses Gebäude war einmal eine Baptistenkirche, aber der letzte Pastor geriet in Schwierigkeiten. Die gesamte Gemeinde ging weg und schloss sich anderen Gemeind en in der Stadt an, und die Stadt hat das Gebäude übernommen.“Bruder George, warum hältst du nicht kurz und lässt mich hier heraus? Ich fühle, dass mich irgendetwas zu dieser Kirche zieht.“ „Gut, Bruder Bill. Ich werde dich auf meinem Rückweg wieder abholen.“ Nachdem der Wagen weitergefahren war, stieg Bill die Stufen hoch und versuchte die Tür zu öffnen. Sie war verschlossen. Er setzte sich auf die Eingangsstufen, faltete die Hände, beugte das Haupt und betete: „Herr, wenn Du möchtest, dass ich in diese Kirche komme, dann öffne bitte die Tür für mich!“

Bald kam ein Mann herüber und sagte: „Hallo. Ich sah Sie hier sitzen und fragte mich, ob ich Ihnen behilflich sein könnte.“

„Ich bin Prediger“, erklärte Bill, „und ich interessiere mich für die Kirche, aber sie ist verschlossen.“

Der Mann sagte: „Ich habe den Schlüssel.“

„Danke, Herr“, flüsterte Bill.

Der Fremde öffnete die Eingangstür und führte ihn durch einen kleinen Eingangsbereich in einen großen Gemeinderaum, der fast vierhundert Menschen Platz bot. „Wem gehört das Gebäude?“, fragte Bill. „Der Stadt. Ich verwalte es. Wir benutzen es nur noch für Hochzeiten und Beerdigungen.“

„Wäre es möglich, dass ich hier Erweckungsversammlungen abhalte?“ „Da müssen Sie sich an die Stadtverwaltung wenden.“

Als George Wright zurückkehrte, machten die beiden den Bürgermeister ausfindig. Der sagte: „Klar, wenn Sie eine Stromuhr dort einbauen. Im Augenblick gibt es dort keinen Strom.“

„Das ist kein Problem“, sagte Bill. „Ich arbeite für das Stromversorgungs unternehmen in Jeffersonville. Ich werde einfach meine eigene Stromuhr dort einbauen.“

Am nächsten Samstagmorgen installierte Bill seine Stromuhr in der alten Kirche und besuchte Leute in der Gegend, um ihnen von den Erweckungs versammlungen zu erzählen, die am folgenden Mittwochabend beginnen würden. Sein erster Kontakt war nicht sehr vielversprechend. „Guten Tag. Mein Name ist Billy Branham.“

„Guten Morgen, mein Name ist J–“

„Herr J–, wir werden am nächsten Mittwochabend in der alten, weißen Kirche auf dem Hügel eine Erweckungsversammlung abhalten. Werden Sie kommen?“

Herr J– stellte sich als harte Nuss heraus. „Ich züchte Hühner. Ich habe keine Zeit in irgendeine Kirche zu gehen.“

Bill blieb hartnäckig: „Aber könnten Sie die Hühner nicht für eine kurze Zeit unbeaufsichtigt lassen und zu den Versammlungen kommen?“ „Hör mal, Bursche“, fuhr der Mann auf „warum kümmerst du dich nicht um deine eigenen Angelegenheiten und ich kümmere mich meine?“ „Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, Verzeihung.“

Und so verlief der Rest des Tages. Der überwiegende Teil der Leute war etwas höflicher als Herr J–, aber jeder, mit dem er sprach, lehnte die Idee einer Erweckung ab. Bill wäre entmutigt gewesen, hätte er nicht gewusst, dass er aufgrund eines Wortes des Herrn hier war. Irgendwo in Milltown blökte eines der Lämmer Gottes um Hilfe. Da die Vision ihm nur ein kleines Detail vermittelt hatte – den Namen der Stadt – wusste Bill, dass er es einfach so lange probieren musste, bis das bedürftige Lamm auftauchte.

George Wright inserierte die kommende Erweckung in der Lokalpresse und kündigte seinen Pastor als „einen zweiten Billy Sunday“ an, wodurch er Bill mit jenem berühmten, 1935 verstorbenen Erweckungs prediger verglich, der vormals ein bekannter Baseballspieler gewesen war, ehe er zu predigen begann. Dieser Kniff hätte funktionieren und eine kleine Gruppe Neugieriger anziehen können, hätte die Anzeige nicht auch „Göttliche Heilung“ erwähnt und angekündigt, dass Reverend Billy Branham für die Kranken beten werde. Milltowns konservative Haltung war gegenüber solch radikalen Vorstellungen sehr ablehnend. Am Sonntag rieten die Prediger ihren Gemeinden dazu, sich von solchen Torheiten fernzuhalten. Die örtliche Kirche Christi ging sogar so weit ihren Mitgliedern mit dem Entzug der Mitgliedschaft zu drohen, sollten sie es wagen, an der Erweckungsvers ammlung teilzunehmen. Vor dem Hinterg rund einer solchen Opposition war es nicht überraschend, dass am folgenden Mittwoch nur vier Menschen auf den Kirchenbänken der alten Baptistenkirche von Milltown Platz nahmen: George Wright, seine Frau, sein Sohn und seine Tochter. Bill brachte seine Botschaft dessen ungeachtet, als wäre die Kirche voll.

Der Donnerstagabend schien auf eine Wiederholung des Mittwochs hinauszulaufen. Aber fünf Minuten vor Beginn des Gottesdienstes kam ein Mann mit einer Maispfeife im Mund die Stufen zur Kirche hinauf und blickte durch die geöffnete Tür hinein. Als George Wright den Mann dort stehen sah, eilte er nach hinten, um ihn hineinzubitten. „Hallo, Herr Hall, es ist schön, Sie zu sehen“, begrüßte ihn George.

Die Haare des Mannes waren zerzaust, seine Kleider verschmutzt und ihm fehlten mehrere Zähne. Er drehte seine Pfeife um und schlug sie gegen die Mauer des Gebäudes, sodass die Asche auf die Stufen fiel. „Wo ist dieser kleine Billy Sunday, mit dem Sie prahlen? Ich möchte mir den mal ansehen.“

Herr Hall glitt in die letzte Bankreihe, nachdem er durch die Tür getreten war, während George nach vorne ging, um seinen Pastor zu warnen. „Bruder Bill, gerade ist einer der hartgesottensten Kerle dieses Landstriches durch die Tür gekommen. Sein Name ist William Hall. Er leitet einen Steinbruch oben auf dem Hügel. Der ist wirklich ein harter Brocken.“

Bill saß in einem Stuhl hinter der Kanzel und las in seiner Bibel. Er legte das Lesezeichen hinein und stand auf. „Vielleicht ist er es, den der Herr retten will.“

Als Bill mit seiner Predigt begann, ging George Wright in den hinteren Teil der Kirche zurück und lud Herrn Hall ein, weiter nach vorne zu kommen.

„Nein, danke! Ich werde mich um die Dinge hier hinten kümmern und ihr passt mal schön da vorne auf!“

Aber als Bill seine Predigt beendet hatte, war Herr Hall nicht nur durch den Mittelgang nach vorne gekommen, sondern kniete bereits an den Stufen vor der Kanzel und rief Gott an, seiner Seele gnädig zu sein. Bis zum Freitagabend hatte ein umgewandelter William Hall ein Dutzend seiner Nachbarn und Angestellten dazu gebracht, mit ihm zu der Erweckungsversammlung zu gehen. Am Ende des Gottesdienstes bot Bill an, für alle Kranken zu beten. Einige kamen nach vorne und wurden geheilt.

Nachher sagte Herr Hall: „Weißt du, Bruder Branham, als ich heute in der Stadt von den Versammlungen erzählte und Leute einlud, habe ich von einem Mädchen gehört, das nach dir gefragt hat. Sie heißt Georgie Carter und leidet schon seit einigen Jahren an Tuberkulose. Georgie ist fast 27 Jahre alt, und wenn ich mich richtig erinnere, sagte man mir, dass sie bereits seit neun Jahren und acht Monaten bettlägerig sei. Jetzt ist sie in einer äußerst schlechten Verfassung – nur noch Haut und Knochen. Es geht ihr so schlecht, dass man sie nicht einmal hochheben kann, um ihr die Bettpfanne unterzuschieben. Anschein end hat sie ein kleines Buch gelesen, das du über Jesus geschrieben hast. Darin hast du dargelegt, dass Er heute derselbe ist, der Er gestern war, und sie hat inständig darum gebeten, dass du zu ihr kommst, um für sie zu beten.“

Bills Gespür sagte ihm, dass dies das blökende Lamm in seiner Vision war. „Worauf warten wir? Gehen wir, um für sie zu beten!“ „Ich fürchte, das ist nicht so einfach. Ihre Eltern gehören der Kirche Christi an und wollen nichts mit dir zu tun haben. Sie sind der Meinung, dass du ein Betrüger bist.“

„In diesem Fall“, sagte Bill, „werde ich es einfach dem Herrn im Gebet bringen.“

Die Heilungen, die am Freitagabend geschehen waren, entfachten eine Debatte in der Ortschaft, als hätte man in ein Wespennest gestochen. Unmut machte sich bemerkbar und viele spotteten, aber einige wurden von Neugierde gep ackt. Am Samstagabend saßen 30 neue Gesichter in den Kirchenbänken der alten weißen Kirche, und ein weiteres Dutzend Heilungen goss Brennstoff in das Feuer der lokalen Debatte. Nach dem Gottesdienst überbrachte Herr Hall Bill gute Nachrichten. „Die Carters haben ihre Meinung geändert und werden dich heute für ihre Tochter beten lassen, unter der Bedingung, dass kein Elternteil im Haus sein muss, wenn du kommst. Ich vermute, Georgie hat so lange nach dir geweint, dass die Eltern hoffen, dass sie dies zufrieden stellen wird.“

„Ich nehme an, sie mussten die Erlaubnis ihres Pastors einholen, bevor sie mich kommen lassen konnten“, bemerkte Bill. „Aber wie dem auch sei, lasst uns gehen!“

Was Bill sah, als er das Zimmer der jungen Frau betrat, erschütterte ihn bis in die Tiefen seines Mitgefühls. In den neun Jahren ihrer Krankheit war Georgie Carter dahingesiecht, bis sie jetzt wie ein mit Haut überzogenes Skelett in ihrem Bett lag. Ihre Arme sahen aus wie Besenstiele. Sie konnte nicht mehr als 50 Pfund wiegen. Auf dem Laken neben ihr lag ein Exemplar von Bills Buch „Jesus Christus, derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“.

Georgies Lippen bewegten sich, aber Bill konnte nicht hören, was sie sagte. Er ging zu ihrem Bett hinüber und beugte sich näher zu ihr hinunter. Sie flüsterte: „Bruder Branham, ich habe fest daran geglaubt, dass du kommen würdest und dass Jesus mich heilen wird.“ „Schwester, wenn Er das tut, wirst du Ihm mit ganzem Herzen dienen?“ Sie nickte kaum wahrnehmbar und wiederholte: „Mit meinem ganzen Herzen!“ Dann hustete sie. Ihre Krankenschwester hielt ihr eine Tasse an den Mund, aber das arme Mädchen war so schwach, dass sie nicht genug Kraft hatte, um zu spucken.

Um ihren Glauben zu stärken, erzählte Bill ihr wie Frau Nales Tochter geheilt wurde. Georgie fragte: „Warum kannst du für mich nicht das Gleiche tun wie für das Mädchen der Nales?“

„Schwester, das war eine Vision. Ich muss die Vision zuerst sehen. In zwei Wochen werde ich eine weitere viertägige Erweckungsversamm lung hier in der Stadt abhalten. Vielleicht zeigt mir Gott bis dahin etwas Genaueres. Jetzt kann ich nur für dich beten – das ist alles, was ich weiß. Wenn der Herr mir mehr zeigt, werde ich zurückkommen. Aber ich glaube immer noch, dass du gesund wirst, wenn wir gemeinsam beten.“

Als sich zwei Wochen später die Türen der alten Baptistenkirche in Milltown wieder öffneten, predigte Bill über die rettende Gnade und die Heilungskraft Jesu Christi vor doppelt so vielen Menschen als zuvor. Jeden Abend vergrößerte sich die Menschenmenge und die Anzahl derjenigen, die sich bekehrten, sodass sich Bill veranlasst sah den Samstagnachmittag für einen Taufgottesdienst vorzusehen. Am Samstag, den 1. Juni 1940, trafen sie sich in Totem Ford am Blue River. Es überraschte Bill, dass wesentlich mehr Menschen am Flussufer standen, als je an einem Abend an den Erweckungsversamm lungen teilgenommen hatten. Als er dies William Hall gegenüber erwähnte, sagte dieser, dass einer der örtlichen Prediger seine gesamte Gemeinde ermutigt hatte hierher zu kommen und zuzuschauen. Bill watete in das kalte, fließende Wasser, bis er bis zur Taille im Wasser stand und forderte die neuen Gläubigen auf, zu ihm hinauszukommen und ihr Zeugnis mit der Taufe zu besiegeln. Nahezu fünfzig Menschen folgten dem Aufruf. Einen nach dem anderen taufte Bill auf den Namen des Herrn Jesus Christus. Als Bill zur letzten Person in der Reihe kam, betete er: „Oh Gott, wie du Johannes sandtest, Jesus zu taufen, so gebot uns Jesus:

Gehet hin in alle Welt und verkündigt die Heilsbotschaft der ganzen Schöpfung! Wer da gläubig geworden ist und sich hat taufen lassen, wird gerettet werden; wer aber ungläubig geblieben ist, wird verurteilt werden. Denen aber, die zum Glauben gekommen sind, werden diese Wunderzeichen folgen: In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden, werden Schlangen aufheben und, wenn sie etwas Todbringendes trinken, wird es ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen und sie werden gesund werden.“ An dieser Stelle begann die Menge zu jauchzen und zu schreien, sich hin und her zu bewegen und in die Hände zu klatschen, als ob der Geist Gottes sich von einem zum anderen bewegte. Fast jeder, der noch trockene Kleider anhatte, stellte sich ebenfalls zur Taufe an, einschließlich des Predigers, der seine Gemeinde mitgebracht hatte. Einer nach dem anderen wateten diese Leute in den Fluss hinein – Männer in Anzügen und Krawatten, Frauen in Seidenkleidern, Eltern mit ihren Kindern. Bill taufte bis in den späten Nachmittag hinein. Als er fertig war, waren seine Beine so kalt und taub, dass zwei Männer ihn aus dem Wasser heraustragen mussten.

George Wright fuhr Bill zu seinem Haus, damit dieser vor dem Abend gottesdienst essen und etwas ruhen konnte. Als sie ankamen, hatten sie noch eine Stunde Zeit, bevor das Abendessen fertig war. Bill sagte seinem Freund: „Ich werde in den Wald hinausgehen, um zu beten. Irgendetwas liegt mir schwer auf dem Herzen.“

„Gut“, sagte George, „aber wenn ich die Glocke zum Abendessen läute, musst du sofort kommen, denn wir müssen uns beeilen und zügig essen, wenn wir rechtzeitig in der Kirche sein wollen.“

Bill suchte sich seinen Weg durch das dichte Unterholz und kniete nahe eines Hartriegelbusches nieder. Die Sonne ging gerade unter, die Schatten wurden immer länger. Trotz seines bedrückten Herzens hatte er Schwierigkeiten, seine Gedanken auf das Gebet zu konzentrieren. Die Luft war kühl und er konnte keine bequeme Stellung finden. Dornen stachen ihn durch die Hosenbeine und er machte sich Sorgen, dass er zu spät zur Kirche käme. Aber er blieb beharrlich, bis die Flügel seines Gebetes den Wind des Geistes Gottes unter sich spürten und Bill hoch über die kleinen Unannehmlichkeiten, wie Dornen und Kälte, emporhoben. Die Glocke zum Abendessen läutete, aber Bill war zu tief im Gebet versunken, um sie zu hören. Die Glocke läutete und läutete ohne Ergebnis. Schon bald suchten die Wrights mit Taschenlampen den Wald ab und riefen nach ihrem Pastor.

Als Bill die Augen öffnete, erschrak er vor einem bernsteinfarbenen Licht, das aus einer gewissen Entfernung von oberhalb des Hartriegel strauchs auf ihn herabschien. Eine tiefe Stimme dröhnte durch den Wald und sagte: „Gehe zu den Carters und Georgie wird geheilt werden!“ Mit einem Freudenschrei sprang Bill auf die Füße und rannte auf den Hof der Wrights zu. Er rannte über ein Feld, um die Ecke des Gebäudes herum und lief George Wright direkt in die Arme.

„Bruder Billy, wo bist du gewesen? Überall sind Leute draußen, die den ganzen Hügel nach dir absuchen. Mutter wartet schon seit einer Stunde mit dem Essen.“

„Bruder Wright, ich werde heute nicht zu Abend essen. Georgie Carter wird vollständig geheilt werden. Es ist: So spricht der Herr!“ George Wrights Augenbrauen hoben sich so hoch sie konnten. „Du meinst, sie wird aufstehen?“

„Sie wird in den nächsten Minuten normal und gesund werden, sobald ich zu ihr kommen kann.“

„Dann beeil dich!“, sagte George, „Ich werde den Wagen holen, während du hineingehst und Mutter sagst, dass du wieder da bist. Sie kann es dann den anderen sagen.“

Herr Brace war im Haus. Als Bill ihm die gute Nachricht erzählte, konnte er es nicht glauben. „Meinst du diesen Haufen Knochen? Kann ich mitkommen und es sehen?“

„Natürlich.“

George fuhr mit dem Wagen vor, und die drei rasten die knapp 15 Kilometer unbefestigter Wegstrecke hinunter, die sie nach Milltown brachte.

Zu eben diesem Zeitpunkt lief Frau Carter voller Sorge in ihrem Heim auf und ab. Früh am Morgen hatte sie am Bett ihrer Tochter gesessen, während Georgie mit Gott zu verhandeln versucht hatte. Georgie hatte Gott versprochen, wenn sie an diesem Tag geheilt werden würde, werde sie nach Totem Ford hinausgehen und sich mit den anderen taufen lassen. Als der Nachmittag ohne Wunder vergangen war, hatte Georgie sich in tiefe Emotionen hineingesteigert und bis zur Erschöpfung geweint. Frau Carter war über die gesamte Situation aufgebracht. Sie ging in die Küche, kniete nieder und betete: „Teurer Gott, sei Georgie gnädig! Das arme kleine Ding liegt dort, dem Tod so nahe. Und nun ist dieser Hochstapler in unsere Gegend gekommen und behauptet etwas zu sein, was er nicht ist. Er hat mein Kind ganz verwirrt und innerlich zerrissen. Gott, sei gnädig!“

Sie hob ihren Kopf und wischte sich die Augen. Die untergehende Sonne warf ein intensives rotes Licht durch das Küchenfenster auf die gegenüberliegende Wand. Frau Carter sah den Schatten eines Mannes an der Wand entlanggehen. Zunächst dachte sie, es sei ihr Ehemann, der außen um das Haus herumging. Aber als die Umrisse sie gerade erreichten, sah es aus wie der Schatten Jesu Christi.

Sie stammelte „Wer – wer sind Sie?“

Der Schatten drehte sich um und blickte auf die Tür. Frau Carter drehte sich ebenfalls um und sah mit Schrecken den Prediger, Billy Branham, ohne zu klopfen durch die Eingangstür kommen. Sie wusste, dass es Branham war, weil sie sein Bild in dem kleinen Buch gesehen hatte, das ihre Tochter so aufgewühlt hatte. Branham hielt eine Bibel gegen sein Herz gepresst und hatte zwei Männer im Gefolge – einer davon war ein Einheimischer, George Wright; den anderen kannte sie nicht. Diese drei Männer gingen an ihr vorbei auf Georgies Schlafzimmer zu, aber bevor sie dorthin gelangten, verschwanden sie.

Frau Carter schlug sich die Hand vor den Mund und rief: „Oh, Gnade! Ich muss träumen!“ Sie rannte in das Schlafzimmer ihrer Tochter und stammelte: „Georgie! Georgie! Du errätst nie, was gerade passiert ist. Ich war in der Küche und betete und –“

Sie hörte wie ein Auto vorfuhr und vor dem Haus hielt. Autotüren schlugen zu. Frau Carter blickte durch die offene Schlafzimmertür in die Küche und sah den jungen Reverend Branham mit seiner Bibel an die Brust gedrückt durch die Tür kommen. Zwei Männer folgten ihm. Es war zu fantastisch, als dass sie es fassen konnte. Ihre Augen rollten nach hinten, sie wurde ohnmächtig und kippte um wie ein Mehlsack.

Als Bill vor dem Haus der Carters aus dem Wagen stieg, fühlte er die Unbeschwertheit absoluter Zuversicht durch seinen Körper strömen. Nichts konnte ihn jetzt noch aufhalten. Er hatte die Vision gehabt. Er wusste, wo er stand. Als er die Stufen der Veranda hinaufstieg, schien es, als trennte sich sein Geist von seinem Körper. Er beobachtete sich selbst, wie er die Eingangstür öffnete und ohne zu klopfen das Haus betrat. Dort im Bett lag die mitleiderregende junge Frau, Georgie Carter, dünn und zusammengeschrumpft wie eine ägyptische Mumie. Ihre Mutter, die an der Seite ihres Bettes kniete, warf nur einen Blick auf ihn und verlor das Bewusstsein. Bill sah, wie er zum Bett hinüber ging. Dann kehrte sein Geist in seinen Körper zurück.

Er sah hinab auf das zerbrechliche Mädchen unter den Decken und sagte: „Schwester Georgie, der Herr Jesus Christus, den du geliebt und dem du all diese Zeit hindurch vertraut hast, dieser Herr Jesus ist mir heute Abend im Wald begegnet und hat mir durch eine Vision gezeigt, dass du gesund werden wirst. Daher nehme ich dich bei der Hand und sage im Namen Jesu Christi, stehe auf und sei gesund!“

Bill ergriff ihre knochige Hand und zog sanft. Aber es war nicht notwendig, sanft zu sein. Georgie schrie auf, als übernatürliche Kraft ihren Körper durchfuhr. Sie warf ihre Decken zurück und sprang von ihrem Gefängnis auf, so lebendig wie ein Schulkind am Weihnachts morgen.

Georgies jüngere Schwester kam aus einem anderen Zimmer herbei gerannt, um festzustellen, was das für ein Tumult war. Sie sah ihre ältere Schwester, die, solange sie sich zurückerinnern konnte, bettlägerig gewesen war, jetzt wie ein Skelett durch das Zimmer tanzen. Die jüngere Schwester erlitt einen derartigen Schock, dass ihr Verstand kurzzeitig aussetzte. Sie schrie auf, riss an ihrem Haar, rannte aus der offenen Eingangstür hinaus und schrie: „Es ist etwas passiert! Es ist etwas passiert!“

Herr Carter kam gerade mit einem Eimer Milch aus der Scheune. Er hörte die Schreie, befürchtete das Schlimmste, ließ den Eimer fallen und rannte zum Haus – nur um am Eingang stehen zu bleiben und in höchstem Erstaunen seine Tochter Georgie am Klavier sitzen und eine Hymne spielen zu sehen, die sie als kleines Mädchen gelernt hatte:

Jesus, zieh zum Kreuze mich, wo die Quelle fließet, die zum Heil der Sünder sich, dort so frei ergießet.

Anschließend fuhr George Wright den Hügel hinauf zur Kirche, um der wartenden Menge zu berichten, warum Reverend Branham nicht rechtzeitig gekommen war. Alle wollten das Wunder mit eigenen Augen sehen. Als sie das Haus der Carters erreicht hatten, kroch Georgie auf ihren Händen und Knien im Vorgarten herum und küsste die Blumen und das Gras. Verständlicherweise war die alte weiße Kirche am nächsten Tag gerammelt voll. Nach Ende des Gottesdienstes fragte William Hall: „Bruder Branham, was hast du hier als Nächstes vor?“

„Ich weiß es nicht. Ich hatte an nichts weiter gedacht, als das verlorene Schaf aus der Vision zu finden.“

George Wright bemerkte: „Es wäre eine Schande, diese Leute sich selbst zu überlassen, ohne ihnen eine gründliche Unterweisung in der biblischen Lehre zu geben.“

Bill stimmte zu. „Ich nehme an, ich könnte regelmäßig zurückkommen, bis Gott jemand einsetzt diese Arbeit zu tun.“

Herr Hall, der später Pastor der Baptistenkirche in Milltown wurde, drückte seine Zustimmung aus. „Es wäre gut diese hübsche alte Kirche auch für etwas anderes zu nutzen als für Beerdigungen. Davon scheint es ohnehin zu viele zu geben. Schon am Montag werden wir eine weitere haben.“

„Ach, irgendjemand, den ich kenne?“, fragte George.

„Ich nehme an, Sie kannten Herrn J–.“

George und Bill sahen sich an. George sagte: „Ich vermute, er wird nun keine Hühner mehr züchten.“

Bill fügte hinzu: „Es ist zu schade, dass er nicht ein wenig Zeit finden konnte, sich um seine Seele zu kümmern.“

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