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Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 2

Krumme Beine werden gerade

1940

Eines Sonntagabends im Frühjahr des Jahres 1940 schaute William Branham nach dem Gottesdienst noch bei seiner Mutter vorbei. Er saß mit ihr am Küchentisch und sie unterhielten sich bis tief in die Nacht. Meda Broy hatte sich bereit erklärt, den vierjährigen Billy Paul über Nacht bei sich zu behalten, sodass Bill keinerlei Eile hatte nach Hause zu kommen. Als er schließlich aufstand, um nach Hause zu gehen, sagte Ella: „Es scheint ziemlich kalt zu sein, Billy. Warum bleibst du nicht einfach über Nacht hier?“

Draußen wirbelte ein scharfer Nordwind Schnee gegen die Fenster scheiben. Bill dachte an die zwei kalten Zimmer, die zu Hause auf ihn warteten. „Klar, Mutter, ich werde über Nacht bleiben“, sagte er erfreut. Nachdem Bill sich in das Gästezimmer seiner Mutter zurückgezogen hatte, legte er sich auf die Seite und betete. Den ganzen Tag über hatte er eine unerklärliche Last auf seinem Herzen gefühlt und nun hatte er die Gelegenheit mit dem himmlischen Vater darüber zu sprechen. Nach etwa einer Stunde schlief er ein.

Gegen zwei Uhr morgens wurde er wach und fühlte immer noch die unerklärliche Schwere, die seine Seele niederdrückte. Vom Nickerchen erfrischt, kniete er an der Bettseite nieder und setzte sein Gebet fort. Der Raum war so dunkel, dass er seine Augen nicht schließen musste, um sich zu konzentrieren. Nach einer Weile bemerkte er etwas Weißes, das schwach in einer Ecke des Zimmers leuchtete. Zunächst dachte er, es sei die Wäsche seiner Mutter, die auf einem Stuhl aufgestapelt lag. Doch während er noch schaute, schien es sich zu bewegen und emporzu steigen. Jetzt ähnelte es eher einer weißen Wolke, und sie schien auf ihn zuzukommen.

Im nächsten Augenblick war er von einem lichtausstrahlenden Nebel umhüllt. Plötzlich befand Bill sich nicht länger in dem Schlafzimmer, sondern irgendwo draußen. Vor ihm befand sich ein kleines, schmales Haus – eines jener Art, die er immer „Shotgun-Haus“ nannte. Er ging durch die Eing angstür und befand sich in einem kombinierten Schlaf- und Wohnraum. Die Wände waren mit einer roten gespundeten Holzvertäfelung verkleidet. Ihm direkt gegenüber führte eine Tür in eine Küche, die – wie bei seiner eigenen Mietwohnung – das einzige andere Zimmer in der Wohnung war. Eine dunkelhaarige Frau, Anfang zwanzig, lehnte weinend ihren Kopf gegen die Küchentür. Zu Bills Linken saß eine ältere Frau weinend in einem roten, gepolsterten Stuhl. Sie hatte ihre Brille abgenommen und putzte sie mit einem Taschentuch. Als er nach rechts blickte, sah Bill einen jungen Mann auf einem roten, gepolsterten Sofa sitzen. Der Mann hatte sein Gesicht dem Fenster zugewandt, sodass alles, was Bill von ihm sehen konnte, das gewellte, blonde Haar seines Hinterkopfes war. Etwas abseits zu Bills Linken lag ein kleiner, braunhaariger Junge in einer blauen Cordlatzhose in der Mitte eines Eisenbettes auf dem Bauch. Der Junge war entsetzlich verkrüppelt: Seine Beine waren wie Korkenzieher in sich verdreht und gegen seine Hüften zurückgekrümmt. Ebenso waren seine Arme verdreht und gegen seine Seite gepresst. Ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann, den Bill für den Vater hielt, stand neben dem Bett und schaute auf das Kind herab. „Ist das nicht seltsam?“, dachte Bill. „Eben war ich noch bei meiner Mutter, und nun bin ich hier in diesem Haus.“

Schon bald spürte er eine ehrfurchtgebietende Gegenwart hinter seiner rechten Schulter. Bill versuchte hinzuschauen, aber irgendetwas hinderte ihn daran, seinen Kopf zu drehen. Dann hörte er dieselbe Stimme, die immer in seinen Visionen zu ihm sprach.

Der Engel fragte: „Kann dieses Kind leben?“

„Herr, ich weiß es nicht“, antwortete Bill.

Der Engel sagte: „Lass den Vater den Jungen zu dir bringen, sodass du für ihn beten kannst, und er wird leben!“

Der Vater nahm den Jungen vom Bett und trug ihn hinüber zu Bill, der seine Hände auf den Bauch des Jungen legte und betete. Überraschender weise entglitt der Junge den Armen seines Vaters. Er traf mit seinem linken Bein auf dem Boden auf, worauf dieses gerade und normal wurde. Sofort machte er einen weiteren Schritt und indem er es tat, wurde auch sein rechtes Bein gerade. Während er den dritten Schritt machte, wurden auch die Arme gerade. Dann legte der Junge seine Hände in Bills Hände und sah zu ihm auf. Ein Milchbart bedeckte seine Oberlippe. Er sagte: „Bruder Bill, ich bin vollkommen gesund.“

„Na, Preis sei dem Herrn!“, erwiderte Bill.

Der Engel, der sich immer noch außerhalb Bills Sichtfeld hinter ihm befand, sagte: „Nun werde ich dich woanders hinbringen.“ Er hob Bill empor, brachte ihn weit weg und setzte ihn auf einem Friedhof in der Nähe einer ländlich gelegenen Kirche wieder ab. Der Engel deutete auf einen der Grabsteine und sagte: „Merke dir den Namen und die Daten dieses Grabsteins! Er wird dir als Wegweiser dienen.“ Dann brachte er Bill geschwind an einen anderen Ort, wo zwei Läden, eine Tankstelle und ein paar Häuser sich um eine Kreuzung gruppierten. Einer der Läden hatte eine gelbe Fassade. Aus diesem Gebäude trat ein Mann, der einen blauen Arbeitsanzug und eine gelbe Cordmütze trug. Er hatte weißes Haar und einen weißen Schnurrbart. Der Engel sagte: „Er wird dir den Weg zeigen.“

Noch einmal wurde Bill von dem Schauplatz fortgerissen. Als seine Füße wieder den Boden berührten, folgte er einer jungen stämmigen Frau in ein Haus. Bill befand sich nun in einem Zimmer mit gelber Tapete und rotem Muster. Über der Tür hing ein Schild: „Gott segne unser Haus“. An der linken Wand stand ein Holzofen und an der rechten Wand befand sich ein Messingbett. Ein Jugendlicher lag im Schlafanzug auf den Laken, an den Folgen einer Krankheit leidend, die Kinderlähmung hätte sein können – beide Beine waren verkrümmt und unter den Körper gewunden, und ein Arm war hoffnungslos verkrümmt. Bill konnte nicht sagen, ob es sich um einen Jungen oder um ein Mädchen handelte. Irgendwie schien das Gesicht männliche Züge zu haben, aber das lange Haar und die herzförmigen Lippen deuteten das Gegenteil an.

Der Engel fragte: „Kann diese Person gehen?“

Bill antwortete: „Herr, ich weiß es nicht.“

Der Engel befahl: „Gehe und lege deine Hände auf den Bauch dieser Person und bete!“

Als Bill tat, wie ihm geheißen, schrie die Gestalt auf dem Bett „Preis sei dem Herrn!“, während die verdorrte Hand sich plötzlich kräftigte und die beiden verkrüppelten Beine gerade und stark wurden. Der Jugend liche setzte sich in seinem Bett auf, wobei ein Hosenbein sich hob und ein Knie zum Vorschein kam. Jetzt war sich Bill des Geschlechts sicher. Es war nicht das knochige Knie eines Jungen, sondern das weiche, runde Knie eines Mädchens. Bill hörte jemanden in der Nähe rufen: „Oh, Dank sei Gott!“

In der Ferne hörte er jemand anders laut rufen: „Oh, Bruder Branham! Bruder Branham!“ Auf einen Schlag befand sich Bill wieder im Haus seiner Mutter, wo er in der Mitte des Schlafzimmers stand. Er schüttelte den Kopf, fühlte sich verwirrt und orientierungslos. Seine Mutter rief aus dem Nebenzimmer: „Billy, da ist jemand an der Tür und ruft nach dir.“ „Ich höre es, Mutter.“ Er stolperte durch den Flur und öffnete die Tür. Ein erregter junger Mann stand mit rot verweinten Augen im Eingang. Sofort erkannte Bill ihn als den Mann, den er am Anfang seiner Vision gesehen hatte, denjenigen, der den kleinen Jungen hatte fallen lassen. „Kommen Sie herein!“, drängte Bill, „Was ist los?“

Der Mann trat aus dem eisigen Wind herein. „Bruder Branham, erkennen Sie mich?“

„Nein, ich glaube nicht.“

„Ich bin John Himmel. Vor ungefähr vier Jahren tauften Sie mich und meine Familie hier oben in Powder Plains.“

„Ja, ich erinnere mich“, sagte Bill, während ein kleiner Funke der Erinnerung langsam stärker wurde. „Sie haben vor ein paar Jahren einen Mann getötet, nicht wahr?“

„Ja, ich habe ihn in einem Kampf mit meiner Faust getroffen und sein Genick gebrochen. Ich rannte dann vor dem Gesetz davon und auch vor Gott. Letztes Jahr starb mein ältester Sohn an Lungenentzündung. Ich habe noch einen weiteren Sohn, und nun liegt auch er mit einer doppelseitigen Lungenentzündung im Sterben. Der Arzt hat gerade unser Haus verlassen, weil er nichts mehr tun kann. Und da kamen Sie mir in den Sinn. Würden Sie mit mir kommen, um für meinen Sohn zu beten?“ „Selbstverständlich. Ich zieh mich nur schnell an und mache meinen Wagen startklar.“

„Sie brauchen Ihren Wagen nicht, Sie können mit mir fahren. Ich werde Sie auch wieder zurückbringen. Ich wohne ungefähr 20 Kilometer von hier entfernt, nur ein paar Kilometer hinter Utica. Während Sie sich anziehen, hole ich schnell Graham Snelling. Er ist mein Cousin und ich möchte, dass auch er für meinen Sohn betet.“

Als Bill auf dem Weg zu seinem Zimmer war, um sich anzuziehen, rief Ella ihn, als er an ihrer Tür vorbeiging. „Billy, was ist mit dem Mann?“ „Mutter, es ist etwas geschehen. Ich hatte vor nur wenigen Minuten eine Vision.“

„Ach, tatsächlich?“, fragte sie fast beiläufig, „Ist es etwas Gutes?“ „Ja, der Sohn des Mannes wird geheilt werden. Ich erzähle dir mehr, wenn ich zurückkomme.“

Nach zehn Minuten war John Himmel mit seinem Cousin zurück. Bill kannte Graham Snelling – ein junger Mann seines Alters, der vor kurzem Christ geworden war. Sobald Bill in den Wagen stieg, erkannte er in Graham Snelling den blonden Mann, den er in seiner Vision gesehen hatte, denjenigen, der auf der Couch gesessen und aus dem Fenster gestarrt hatte. Bill brannte vor Erwartung, da er wusste, dass Gott ein Wunder vollbringen würde.

Sie fuhren auf dem Utica Pike in Richtung Norden. „Herr Himmel, Sie wohnen in einem weißen Haus, nicht wahr?“, fragte Bill.

„Ja, das stimmt.“

„Ihr Haus liegt auf einer Anhöhe und der Eingang zeigt nach Süden.“ „Auch das ist richtig.“

„Das Haus hat zwei Zimmer. In einem Zimmer reicht eine rote Wand vertäfelung bis zur Hälfte der Höhe des Zimmers. Dort steht eine rote Couch und ein Stuhl und ein Eisenbett. Ihr kranker Junge ist – ich würde sagen, ungefähr drei Jahre alt. Er hat braunes Haar und trägt eine blaue Latzhose. Seine Mutter hat schwarzes Haar.“

John Himmel starrte seinen Beifahrer mit offenem Mund an. „Sind Sie schon einmal in meinem Haus gewesen, Bruder Branham?“

„Als Sie bei mir an die Tür klopften, hatte ich Ihr Haus gerade verlassen.“ Das Gesicht des Mannes verzog sich vor Verwirrung. „Das ist merk würdig, ich habe Sie dort nicht gesehen.“

„Ich war im Geiste dort. Herr Himmel, da ich Sie getauft habe, haben Sie mich vielleicht auch davon erzählen hören, dass ich manchmal Dinge sehe, bevor sie geschehen.“

„Ja, daran erinnere ich mich. Ist so etwas gerade geschehen?“ „So ist es. Was immer es ist, das mir diese Dinge erzählt, es hat mir noch niemals eine Lüge erzählt. Herr Himmel, Ihr Sohn wird geheilt werden, wenn ich zu ihm komme.“

Bei diesen Worten trat John Himmel auf die Bremse und hielt an, warf sich über das Lenkrad, vergrub sein Gesicht in den Händen und rief aus: „Oh Gott, ich schäme mich meiner. Wenn Du mir vergibst, verspreche ich den Rest meines Lebens für Dich zu leben.“

Als sie an ihrem Ziel ankamen, sah das Haus genauso aus, wie Bill es in seiner Vision gesehen hatte. Zuversichtlich ging er zur Tür. Dort war die rote Couch und der Stuhl, die schwarzhaarige Mutter, das Eisenbett, der kleine kranke Junge. John fragte seine Frau: „Atmet er noch?“ Die Lungen des Jungen arbeiteten zu schwach, um es wahrzunehmen, sodass die Mutter dem Jungen ein Stück Papier vor die Nase hielt, um zu prüfen, ob er noch atme. „Ja, er lebt noch“, antwortete sie, „aber kaum noch.“

Jetzt wusste Bill, dass diese entsetzlich verdrehten Arme und Beine, die er in seiner Vision gesehen hatte, die Lungenentzündung symbo lisierten, die den Jungen tötete. „Bringen Sie den Kleinen zu mir!“, befahl er.

Der Vater brachte seinen Sohn zu ihm und hielt ihn, während Bill betete. Aber anstatt, dass es dem Jungen besser ging, wurde es augenblicklich schlimmer mit ihm. Durch die Bewegung hatte er das Bewusstsein wiedererlangt. Jetzt erstickte er fast an dem Schleim, der sich in seinem Hals festgesetzt hatte und hörte vollständig auf zu atmen. In Panik schüttelten die Eltern ihren Sohn und schlugen ihm mehrmals auf den Rücken, bis sich seine Lungen wieder mit Luft füllten. Doch jeder Atemzug hörte sich an, als könnte er sein letzter sein – er hustete und spuckte und kämpfte, und manchmal ließ er zwischen seinen verzwei felten Anstrengungen Luft zu bekommen, ein schwaches, halbherziges Weinen hören.

„Irgendetwas stimmt nicht“, dachte Bill. Als er sich im Raum umsah, wusste er, was es war. Die Umgebung war nicht genauso, wie er sie in seiner Vision gesehen hatte. Die Mutter lehnte nicht an der Küchentür, Graham Snelling saß nicht auf der Couch und schaute aus dem Fenster, und eigentlich sollte eine ältere Frau auf dem roten, gepolsterten Stuhl sitzen und ihre Brille putzen.

Während die verzweifelte Mutter ihrem Sohn Medizin unter die Nase rieb, setzte sich Bill tief beschämt auf die Couch. In seiner Aufregung hatte er der Vision vorgegriffen und dadurch Gott verfehlt. Er konnte den Himmels nicht einmal sagen, was verkehrt gelaufen war. Das Einzige, was er nun tun konnte, war, hier zu sitzen und zu warten ... und zu hoffen dass die Gnade Gottes seinen Fehler begradigte. Eineinhalb Stunden lang saß Bill still auf der Couch und betete, während das Kind verzweifelt um sein Leben rang. Als der erste Strahl der Morgendämmerung den Horizont erhellte, sagte Graham Snelling: „Meine Arbeit beginnt um 8:00 Uhr, ich muss jetzt gehen.“ „Ja gut“, antwortete John Himmel, „ich werde dich zurückfahren. Bruder Branham, möchten Sie auch gehen?“

„Nein, ich werde hier bleiben.“

Sinkenden Mutes sah Bill zu, wie die beiden Männer draußen an der Eingangstür ihre Mäntel anzogen. Er wusste, dass Graham Snelling der blonde Mann in seiner Vision war. Wenn Graham jetzt ging, wann würde er wiederkommen? Heute Abend? Der Vision zufolge konnte der Junge nicht geheilt werden, wenn Graham nicht zugegen war. Bill fragte sich, wie der kleine kranke Junge den Tag überleben sollte.

Bill blickte aus dem Fenster und sah eine ältere Frau den Weg zum Haus hinaufkommen. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass sie eine Brille trug. Bill dachte: „Oh Gott, wie ich Dir danke. Wenn nur die beiden Männer nicht gehen.“

John Himmel knöpfte den letzten Knopf an seinem Mantel zu, wandte sich dann seiner Frau zu und sagte: „Ich bin gleich wieder da. Ich werde heute nicht zur Arbeit gehen.“

Graham zog sich gerade seine Mütze über die Ohren, als es am Hinter eingang klopfte. Die Mutter rannte durch die Küche, um die Hintertür zu öffnen. Die ältere Frau kam schnell herein, vor Kälte zitternd. „Wer ist da?“, fragte John.

„Es ist Mama“, antwortete die junge Mutter und schloss die Tür wieder. „Mama, konntest du ein wenig schlafen?“

„Ein paar Stunden“, sagte die alte Frau. „Wie geht es dem Jungen? Geht es ihm besser, seit ich gegangen bin?“

„Nein“, antwortete die junge Mutter mit zitternder Stimme. „Mama, er stirbt“ –, dann brach sie in Tränen aus. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und lehnte ihren Kopf gegen die Küchentür. „Das ist es“, dachte Bill mit steigender Erregung. „Genauso sah sie in der Vision aus. Nun muss nur noch die Großmutter auf dem Stuhl sitzen und ihre Brille putzen, und Bruder Snelling muss hier sitzen, wo ich jetzt bin.“

Bill stand auf, um die Couch freizugeben. Graham Snelling nahm die Mütze ab, setzte sich auf den Platz, den Bill gerade verlassen hatte und starrte aus dem Fenster.

„Oh“, dachte Bill. Nur noch eins muss geschehen.

Die Großmutter kam in das vordere Zimmer und setzte sich auf den roten Stuhl. Von draußen aus der Kälte in ein warmes, feuchtes Zimmer gekommen, war ihre Brille beschlagen, und so nahm sie diese von der Nase und begann sie zu putzen ... genau so, wie sie es in der Vision getan hatte.

In dem Augenblick, da sich das Bild zusammengefügt hatte, spürte Bill diesen eigenartigen Druck auf seiner Haut, als ob jemand oder etwas Machtvolles in seiner Nähe stand. Bill sagte: „Bruder Himmel, hast du immer noch Vertrauen in mich als einen Diener Gottes?“

„Gewiss, Bruder Branham.“

„Dann bring den Jungen zu mir!“

Die Eltern hatten den Jungen hingelegt, weil er jedes Mal, wenn sie ihn hochnahmen, einen Hustenanfall bekam und die Atmung aussetzte. Jetzt jedoch ergriff der Vater seinen Sohn ohne einen Gedanken des Zweifels oder der Furcht und brachte ihn zu Bill.

Bill legte seine Hände auf die blaue Haut des Kindes und betete: „Himmlischer Vater, vergib die Dummheit Deines Dieners der Vision vorzugreifen. Heile dieses Baby im Namen Jesu Christi!“

Der Junge begann sich zu regen. Seine blauen Wangen gewannen Farbe und seine teilnahmslosen Augen begannen sich zu bewegen und wurden dann klar: „Daddy!“, rief er. „Oh, Daddy, Daddy!“ –, und schlang seine Arme um den Hals seines Vaters.

Jeder im Raum eilte gleichzeitig auf den Jungen zu und stellte die gleiche Frage: „Geht es ihm gut?“ Der Junge sagte zwar, es gehe ihm gut, aber Bill fügte hinzu: „Herr Himmel, es wird drei Tage dauern, bevor es das Kind völlig verlässt, denn in der Vision tat er drei Schritte, bevor sich seine verdrehten Glieder völlig entwirrten.“

John Himmel brachte Bill und Graham rechtzeitig zur Arbeit zurück nach Jeffersonville.

Am Mittwochabend erzählte Bill seiner Gemeinde von der Vision und der Heilung und sagte: „Ich möchte, dass ihr alle morgen Nachmittag mit mir dort hinaufgeht und durch die Fenster schaut. Überzeugt euch selbst, ob der kleine Junge nicht mit einem Milchbart auf der Oberlippe durch das Zimmer gelaufen kommt. Er wird seine Hand in meine Hand legen und sagen: „Bruder Bill, ich bin völlig gesund.“

Am Donnerstagnachmittag folgte die ganze Gemeinde Bill zu dem kleinen „Shotgun-Haus“ auf dem Lande. Die Menschenmenge versammelte sich an den Fenstern, andere standen direkt hinter Bill, als er an der Eingangstür klopfte. Die Mutter arbeitete in der Küche hinten im Haus. Bill konnte hören, wie sie über den Holzboden rannte, um die Tür zu öffnen.

„Ach, Bruder Bill. Komm herein und schau dir die Veränderung bei unserem Sohn an!“

Bill ging wortlos hinein. Durch die offene Küchentür konnte er den Jungen in einer Ecke sitzen und mit seinen Bauklötzen spielen sehen. Das Kind stand auf und kam bedächtig durchs Zimmer. Seine Ober lippe zierte ein Kakao-Milchbart. Er legte seine kleinen Hände in Bills Hände und sagte: „Bruder Bill, ich bin völlig gesund.“

Beim nächsten Gottesdienst erzählte Bill den Rest seiner Vision, von dem Mädchen mit dem verdorrten Arm und zwei hochgezogenen Beinen, das geheilt wurde. Er betonte: „Ich weiß nicht, was diese Dinge bedeuten. Ich kann euch nur erzählen, was ich sehe.“

Zwei Wochen später, als Bill morgens zur Arbeit kam, sagte Herr Scott, der Vorarbeiter, zu ihm: „Für Sie ist ein Brief angekommen, Billy. Ich habe ihn in Ihr Fach gelegt.“

Als Bill seine Arbeitszuweisungen für den Tag abholte, sah er sich den Absender des Briefes an. Der Brief kam von einer Frau Harold Nale in South Boston (Indiana). Er hatte niemals von einem Ort mit dem Namen South Boston (Indiana) gehört.

Er riss den Briefumschlag auf, faltete den Brief auseinander und las: Sehr geehrter Herr Branham, mein Name ist Frau Harold Nale. Ich lebe in South Boston, Indiana. Ich habe eine verkrüppelte, junge Tochter, die aufgrund ihres Leidens bettlägerig ist. Ihre Gelenke sind voller Arthritis und sie weint Tag und Nacht vor Schmerzen. Ich bin Methodistin.

Bei einem Gebetstreffen vor einigen Wochen ... (Bill wurde es innerlich flau, als er das Datum sah. Es war genau der Tag, an dem er die Vision der Heilung des verkrüppelten Mädchens gesehen hatte) ... gab mir jemand Ihr kleines Buch mit dem Titel Jesus Christus, derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Nachdem ich Ihr Buch gelesen hatte, bewegte etwas mein Herz Ihnen zu schreiben und Sie zu bitten zu kommen, um für meine Tochter zu beten.

Mit freundlichen Grüßen Frau Harold Nale An dem Abend las Bill der Gemeinde den Brief vor, nachdem er an seine Vision erinnert hatte. „Ich bin sicher, dass es sich um das Mädchen aus der Vision handelt, aber ich habe noch nie von diesem Ort gehört. Weiß jemand von euch, wo South Boston liegt?“

George Wright sagte: „Bruder Branham, ich glaube, dieser Ort liegt südlich von New Albany.“

Einige Gemeindemitglieder wollten Bill begleiten, um zu sehen, wie sich die Vision erfüllte: Jim Wiseheart, Bills älterer Diakon, die 21 Jahre alte Meda Broy und Herr und Frau Brace, ein Paar, das erst kürzlich in die Gegend gezogen war, um nahe am Branham Tabernacle zu wohnen, nachdem Frau Brace durch Bills Gebete auf wunderbare Weise von Tuberkulose genesen war. An diesem Wochenende, als sich alle in Bills Auto quetschten, übergab Bill Herrn Brace ein Stück Papier, auf dem ein Name und zwei Daten aufgeschrieben waren.

„Wofür ist das?“

„Irgendwo auf dem Weg werden wir an einem Friedhof vorbeikommen. Du wirst das auf einem der Grabsteine geschrieben finden.“ „Ich dachte, du hättest gesagt, du bist noch nie zuvor in South Boston gewesen.“

„Bin ich auch nicht. Diese Daten sind mir durch den Engel des Herrn gegeben worden. Wenn wir sie sehen, werden wir wissen, dass wir auf dem rechten Weg sind.“

Sie fuhren nach Süden, nur um festzustellen, dass George Wright einen Ort mit dem Namen New Boston und nicht South Boston im Kopf gehabt hatte. Sie fragten an einer Poststation und erfuhren, dass South Boston ein kleines Dorf war, das nördlich von Jeffersonville lag, nur oberhalb von Henryville. Sie erkundigten sich in Henryville noch einmal nach dem Weg und man zeigte ihnen die ungefähre Richtung.

Zehn Kilometer lang folgten sie einer verschlungenen, schlammigen Straße, vorbei an kleinen Höfen, Maisfeldern, bewaldeten Hügeln und Dickichten aus Lorbeergewächsen. Seitenstraßen (oder waren es Hauptstraßen?) zweigten häufig ab, sodass es schwierig war zu erkennen, ob sie noch in die richtige Richtung fuhren. Plötzlich packte etwas Bills Inneres mit solcher Gewalt, dass es ihm den Atem nahm. Er fuhr den Wagen abrupt an den Straßenrand und hielt.

„Was ist los?“, fragte Jim Wiseheart.

Bill zitterte leicht und Schweiß rann ihm von den Schläfen. „Ich weiß nicht. Irgendetwas stimmt nicht. Ich muss einen Augenblick allein sein.“ Er stieg aus und ging hinter den Wagen. Er stellte einen Fuß auf die Stoßstange und betete: „Himmlischer Vater, was möchtest Du Deinem Diener mitteilen?“ Die kühle Frühlingsluft war erfrischend, und schon bald verschwand das beengende Gefühl um seine Lungen und seine Luftröhre. Als er sich umsah, bemerkte er eine Kirche, die weit ab der Straße stand. Neben der Kirche lag ein kleiner Landfriedhof. „Bruder Brace“, rief er aufgeregt, „bring mir das Stück Papier!“ Alle stiegen aus dem Wagen und folgten Bill auf den Friedhof. Gleich hinter der Pforte stand ein großer Grabstein aus Marmor. Der Name und die Daten, die in die glatte weiße Oberfläche eingraviert waren, stimmten mit dem Namen und den Daten auf dem Stück Papier überein, das Herr Brace in der Hand hielt.

„Ich bin nie zuvor in diesem Landstrich gewesen“, sagte Bill, „aber ich weiß, wir sind auf dem rechten Weg. Es war der Engel des Herrn, der mich anhielt. Er wollte nicht, dass ich dieses Zeichen übersehe.“ Zehn Kilometer weiter erreichten sie eine Anhöhe und blickten hinab auf ein kleines Dorf an einer Kreuzung.

„Da ist es!“, sagte Bill. „Und dort ist auch die gelbe Ladenfassade. Nun gebt acht! Wenn wir vorfahren, wird ein Mann mit einem weißen Schnurrbart aus dem Laden kommen und uns die Richtung weisen. Er wird einen blauen Arbeitsanzug und eine gelbe Cordmütze tragen. Wartet’s ab!“

Frau Brace sagte: „Bruder Branham, ich komme immer noch nicht über den Grabstein hinweg. Ich habe so etwas noch nie zuvor erlebt. Wenn dieser Mann auftaucht, so wie du es vorhergesagt hast, weiß ich nicht, was ich tun werde.“

„Wenn er nicht auftaucht“, entgegnete Bill, „bin ich nur ein großer Geschichtene rzähler.“

Als der Wagen abbremste, um an der Kreuzung zu halten, öffnete sich die Tür des Ladens und ein Mann kam heraus – weißer Schnurrbart, blauer Arbeitsa nzug, gelbe Cordmütze samt allen Einzelheiten. Frau Brace, die auf dem Schoß ihres Mannes saß, wurde ohnmächtig.

Bill sagte: „Nun passt auf – er wird sich wirklich merkwürdig benehmen, weil die Kraft des Herrn so nahe ist.“ Er kurbelte das Fenster hinunter und sagte: „Verzeihung, Sie sollen mir sagen, wo Harold Nale wohnt.“ Der Mann sah überrascht aus. Dann, während er sprach, bewegten sich seine Augen schnell hin und her, als sei er nervös. „Sie müssen diese Straße hier ungefähr einen Kilometer hinauffahren und an der ersten Straße links abfahren! Es ist das zweite Haus auf der linken Seite. Sie werden eine große rote Scheune auf einem Hügel sehen. Warum?“ „Er hat eine leidende Tochter, nicht wahr?“

„Ja, das ist richtig. Was ist mit ihr?“

„Der Herr Jesus wird sie heilen.“

Bill folgte der Wegbeschreibung des Mannes zum Ortsausgang von South Boston, während Herr Brace auf dem Rücksitz das Gesicht seiner Frau rieb. Gerade als sie in die Einfahrt der Nales einbogen, kam Frau Brace wieder zu sich. Bill parkte den Wagen im Hof und alle stiegen aus. Eine stämmige Frau öffnete die Tür des Hauses. „Guten Tag. Ich bin Bruder Branham.“

„Das dachte ich mir. Ich bin Frau Harold Nale, die Ihnen den Brief geschickt hat.“

„Freut mich Sie kennenzulernen, Frau Nale. Diese Leute sind mit mir gekommen, um für Ihre Tochter zu beten. Sie wird geheilt werden.“ „Was?“ Die Frau öffnete ihre Tür weit. „Kommen Sie herein!“ Sobald er im Haus war, wartete Bill nicht darauf, dass Frau Nale den Weg wies, sondern ging zielsicher durch den Flur in das Zimmer des Mädchens. Die anderen folgten dicht hinter ihm. Das Zimmer, das sie betraten, sah genauso aus wie in der Vision: Dort war der Holzofen, die gelbe Tapete mit dem roten Muster, das Schild über der Tür mit dem Spruch „Gott segne unser Haus“, das Messingbett und dort auf dem Bettzeug lag das schwache Mädchen mit dem jungenhaften Gesicht – mit ihrem verdorrten Arm und den unter dem Körper hochgezogenen Beinen.

Als Frau Brace das Zimmer und das Mädchen so sah, wie Bill es ihnen beschrieben hatte, wurde sie zum zweiten Mal ohnmächtig. Ihr Ehemann eilte an ihre Seite, richtete sie etwas auf und klatschte ihr leicht auf die Wangen, um sie wieder zu sich zu bringen.

Und hier geschah etwas, was Bill später niemals erklären konnte. Es schien, als ob sich sein Geist von seinem Körper trennte und in einer Ecke über der Gruppe schwebte. Aus dieser Vogelperspektive beobachtete er sich selbst (oder zumindest seinen Körper), wie er zu dem Bett hinüberschritt und sagte: „Schwester, so spricht der Herr: Du wirst wieder gesund werden!“ Er beobachtete, wie er dem Mädchen seine Hände auf den Bauch legte, genauso wie er es in der Vision getan hatte. Dann kehrte sein Geist in seinen Körper zurück. Er hielt seine Augen geschlossen und betete: „Herr, ich tue das gemäß dessen, von dem ich glaube, dass es Dein Befehl ist.“

Das Mädchen schrie auf. Bill öffnete seine Augen und sah, dass ihre verkrüppelte Hand nun normal war. In heller Aufregung gebrauchte das Mädchen ihren wiederhergestellten Arm, um sich im Bett aufzusetzen. Ihre Beine wurden gerade und dabei rutschte ein Hosenbein ihres Schlafanzugs hoch, sodass ihr rundes Knie sichtbar wurde und sich die Vision buchstäblich erfüllte.

Herr Brace hatte seine Frau wieder soweit zu sich gebracht, dass sie aufstehen konnte. Das bettlägerige Mädchen rief: „Mutter! Mutter!“, während sie ihre geheilten Beine über die Bettkante schwang, sie auf den Boden setzte und aufstand. Frau Brace warf einen Blick auf das Wunder und fiel erneut in Ohnmacht, direkt in die Arme ihres Ehemannes. Kurze Zeit später, als sie im Wohnzimmer warteten, trat das junge Mädchen ein. Sie hatte ein Kleid angezogen, ging auf zwei kräftigen Beinen und bürstete ihr Haar mit der Hand, die jahrelang verkrümmt und unbrauchbar gewesen war. Dieses Mal gelang es Frau Brace, bei Bewusstsein zu bleiben.

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