1937–1939
Der Ohio hatte während der Überschwemmung im Jahre 1937 tatsächlich einen Pegel von 22 Fuß in der Spring Straße erreicht, genauso, wie es der Engel William Branham gezeigt hatte. Das Branham Tabernacle, das nicht weit von der Spring Straße entfernt lag, hatte ebenfalls eine Taufe erhalten. Das steigende Flutwasser hatte die Fenster herausgebrochen und innen alles, was nicht befestigt war, herumschwimmen lassen, einschließlich der Kanzel und der Kirchenstühle. Als das schlammige Flusswasser endlich sank, lagen die Kirchenstühle kreuz und quer in einem heillosen Durcheinander. Die Kanzel hatte sich jedoch fast genau an der Stelle wieder gesenkt, an der sie auch vorher gestanden hatte – und sie stand immer noch aufrecht und der Gemeinde zugewandt. Am Abend vor der Flutkatastrophe hatte Bill die Bibel offen auf der Kanzel liegenlassen. Als er schließlich zurückkehrte, um den Schaden zu untersuchen, fand er seine Bibel wie er sie zurückgelassen hatte, noch auf der gleichen Seite aufgeschlagen. Bill nahm dies als ein Zeichen Gottes: Selbst wenn die äußeren Umstände seines Lebens durcheinander geraten waren, blieb das Wort Gottes, das er predigte, immer noch wahr und unveränderlich.
Das war ermutigend – und Bill brauchte jede noch so kleine Ermutigung, die er bekommen konnte, um sein Leben zu ertragen. Er konnte einfach nicht darüber hinwegkommen, dass er seine Frau und seine Tochter verloren hatte. Er fühlte sich, als ob er eine Gefängnisstrafe zu verbüßen hätte, ohne Hoffnung auf Bewährung. Traurigkeit sperrte ihn ein wie die Gitterstäbe einer Zelle, Einsamkeit bewachte ihn gleich einem Gefängnis wächter und Hoffnungslosigkeit schien wie ein strenger Aufseher jede seiner Bewegungen zu regeln. Die Strafe erschien unerträglich hart. Manchmal schöpfte er ein wenig Trost aus seinem Traum über Hope und Sharon im Himmel. Er wusste, dass es ein Traum gewesen war, weil er eingeschlafen war (Visionen kamen nur, wenn er hellwach war). Aber es war solch ein denkwürdiger Traum gewesen – so lebendig und anschaulich, bis hin zu der Maserung des Holzes, aus dem der Prärieschoner gemacht war, und die Fußspuren, die seine Stiefel im Sand hinterließen. Außerdem erschien er so bedeutungsschwer, als ob Gott ihm viele Dinge hatte sagen wollen. Einige Punkte schienen ganz offensichtlich: Das zerbrochene Rad stellte mit Sicherheit seine auseinandergebrochene Familie dar; und es stimmte, dass Hope und Sharon nun an einem Ort waren, der besser war als die Erde. Andere Symbole waren jedoch nicht so klar. Warum spielte sich der Traum im Westen ab? Hatte die untergehende Sonne eine Bedeutung? Am verwirrendsten von allem: Was meinte Hope damit, als sie sagte, er verausgabe sich im Gebet für die Kranken? Auf diese Fragen konnte er keine passenden Antworten finden.
Bill schöpfte seine größte Kraft aus der Bibel. Er las in Römer 8, Vers 28, wo der Apostel Paulus sagt: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten mitwirken, nämlich denen, welche nach seinem Vorsatz berufen sind.“ Bill bemühte sich, das zu glauben, aber es war so schwer es einzusehen. Wie konnte etwas Gutes daraus erwachsen seine Frau und Tochter zu verlieren? Er markierte Johannes 14, wo Jesus sagt: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubet an Gott und glaubet an mich. In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen ... ich gehe hin, die Stätte zu bereiten ... ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen ... euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht!“
Bill versuchte diesen Rat zu praktizieren und dennoch war sein Herz gleichermaßen betrübt. Obwohl er fortfuhr in seiner Gemeinde zu predigen, hatte er viel von seiner ehemaligen Energie und seinem Tatendrang eingebüßt. Er kümmerte sich genauso um die Menschen wie vorher, aber irgendwie fühlte er sich nicht in Ordnung mit Gott. Wann immer er betete, konnte er den Thron Gottes nicht mehr so berühren, wie er es vorher gekonnt hatte. Er fühlte sich elend.
Seine Mutter wohnte noch immer nur ein paar Häuser von ihm entfernt. Nach dem Tod von Charles sen. hatte sie ihr Haus in eine Pension umgewandelt, wodurch sie ein regelmäßiges, wenn auch bescheidenes Einkommen hatte. Jeden Tag bereitete Ella das Frühstück und das Abendessen für ihre Gäste. Bill ging abends häufig zum Essen vorbei. Eines Abends, als er seiner Mutter dabei half, das schmutzige Geschirr abzuräumen, fragte Ella ihn, was er von der neuen Brücke halte, die gerade zwischen Louisville (Kentucky) und Jeffersonville (Indiana) über den Ohio gebaut wurde. „Kommt dir das nicht bekannt vor?“, fragte sie.
„Merkwürdigerweise ja – fast so, als ob ich mich irgendwie daran erinnern könnte.“
Ella nickte. „Vor vielen Jahren kamst du eines Tages ganz aufgeregt ins Haus gerannt und plappertest etwas von einer Brücke, die du gesehen hast, obwohl es dort gar keine Brücke gab. Zunächst dachte ich, dass das alles Quatsch ist. Aber dann kam ich ins Grübeln – und habe alles aufgeschrieben und gut weggelegt.“
Sie reichte ihm ein gefaltetes Stück verblichenen Papiers. Bill wusste, was darauf stand, noch bevor er es gelesen hatte. Seine Kindheitser innerung meldete sich zurück. Er erinnerte sich an den Apfelbaum, an das Murmelspiel, das merkwürdige Gefühl, das ihn überkam; er erinnerte sich daran, wie der Fluss plötzlich viel näher schien und wie die Brücke sich zügig über dem Wasser zusammengesetzt hatte, Stück für Stück, bis jener große Träger in der Mitte plötzlich brach und herunterstürzte. Er öffnete den alten Zettel und las das Geschreibsel seiner Mutter. Dann dachte er an die im Bau befindliche Brücke. Das war es. Es war genauso eingetroffen, wie er es als Junge gesehen hatte. „Mama, was glaubst du, was das bedeutet?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Wie sollte ich das wissen? Aber Billy, im Laufe der Zeit habe ich mich oft gefragt, ob du nicht zu einem bestimmten Zweck geboren wurdest. Ich denke immer noch, dass es so sein könnte.“
Bill stellte sich die gleiche Frage, als er sich an diese Vision – seine erste – erinnerte und plötzlich erkannte, dass sie sich bereits erfüllt hatte. Könnte sein Leben wirklich auf einen einzigartigen Zweck zusteuern? Im Augenblick fühlte sich sein Leben so trocken, so leer an, so bedeutungslos, dass es schwer war sich vorzustellen, wie Gott ihn zu etwas Besonderem gebrauchen könnte. Aber er konnte niemals vergessen, wie er als 7-jähriger Junge voller Schrecken eine tiefe Stimme aus einem Wirbelwind in einem Baum zu sich hatte sprechen hören: „Trinke oder rauche niemals und beflecke deinen Leib in keiner Weise! Denn es wird ein Werk für dich zu tun sein, wenn du älter wirst.“ War das der Grund, warum Gott ihn noch nicht sterben ließ? Gab es noch etwas, das er ausführen musste?
Eine kleine Flamme der Hoffnung flackerte in seiner Brust.
Am 1. September 1939 befahl Adolf Hitler seinen Truppen in Polen einzumarschieren. Zwei Tage später erklärten Frankreich und Großbritannien Deutschland den Krieg. Die Franzosen griffen sofort entlang des Rheins an; ihrer gemeinsamen Grenze mit Deutschland, hatten jedoch Schwierigk eiten, die starke deutsche Verteidigungslinie zu durchbrechen. In der Zwischenz eit wurde die polnische Kavallerie hoffnungslos von den deutschen motorisierten Divisionen überrannt. Nach nur 18 Tagen verheerenden Kampfes floh Polens Regierung und Militärführung in das angrenzende Rumänien. Von da an brach der polnische Widerstand schnell zusammen, sodass Deutschland seine Kräfte auf den Einmarsch in Frankreich konzentrieren konnte. Obschon sich die Franzosen überstürzt von deutschem Boden zurückz ogen, schien es den meisten politischen Beobachtern offensichtlich, dass der Krieg in Europa keineswegs beendet war, sondern gerade erst begonnen hatte. Wie jeder andere, der Zugang zu einem Radio oder zu Zeitungen hatte, verfolgte William Branham das Geschehen in Europa mit ernster Aufmerksamkeit. Sein Interesse an dem Krieg entsprang jedoch einem völlig anderen Blickpunkt. Dies war, was er im Juni 1933 gesehen hatte, als er in Trance fiel und sieben Ereignisse in einer panoramaartigen Vision der Zukunft vor sich hatte entfalten sehen. Es war unheimlich. Welche Macht gestattete ihm Dinge zu sehen, bevor sie geschahen? Und zu welchem Zweck? Da war dieses Wort schon wieder: Zweck. Vielleicht hatte Gott wirklich einen bedeutsamen Zweck für sein Leben geplant. Wenn das der Fall war, warum zeigte Er ihm nicht deutlicher, was Er beabsichtigte?
An diesem Punkt seiner Überlegungen kehrten Bills Gedanken unver meidlich zu seiner Begegnung mit den Pfingstleuten in Mishawaka, Indiana, vor drei Jahren zurück. Bill wusste, dass er Gottes Plan für sein Leben verfehlt hatte, als er die Einladungen der Pfingstprediger ausge schlagen hatte in ihren Gemeind en zu evangelisieren. Aber wie konnte er jetzt wieder in den Willen Gottes zurückkehren? Natürlich konnte er einfach damit beginnen, Pfingstgemeinden zu besuchen, in der Hoffnung, dass ihn einige erneut darum bitten würden, für sie zu predigen. Aber da war immer noch die eine bohrende Frage, die wie eine unüberwindliche Straßensperre vor ihm stand und ihn davon abhielt solch einen direkten Weg zu beschreiten: Die Frage über die Gaben des Heiligen Geistes, und besonders die Frage über die Zungen und die Auslegung der Zungen.
Mittlerweile war Bill davon überzeugt, dass das Sprechen in Zungen und die Auslegung der Zungen beides wahre Gaben des Geistes Gottes waren; die Bibel schien in dieser Hinsicht klare Aussagen zu machen. Was Bill Mühe machte, war seine Erfahrung in Mishawaka mit diesen beiden Männern, die besonders emsig die Gaben des Zungenredens und der Auslegung betätigt hatten. Beide hatten die gleiche kraftvolle Bekundung des Geistes Gottes während des Gottesdienstes demon striert. Aber später, als Bill jeweils mit einem der beiden Männer allein gesprochen hatte, hatte er direkt in ihr Privatleben hineingesehen. Obwohl einer der Männer ein durch und durch geweihter Christ war, war der andere Mann eindeutig ein Heuchler. Bill wusste, dass dies die Wahrheit war, die Visionen logen nie. Und das beunruhigte ihn im Zusammenhang mit der gesamten Pfingstidee: Dass man zuließ, die Gaben des Geistes offen in den Gemeindezusammenkünften zu betätigen. Wenn das wirklich der Geist Gottes war, der in der Pfingstversammlung in Mishawaka gefallen war, wie konnte der Heilige Geist dann diesen offensichtlichen Heuchler segnen? Das schien nicht sehr wahrscheinlich. Aber konnte der Geist Satans die Werke Gottes hervorbringen? Auch das schien zweifelhaft. War es dann also möglich, dass beide Geister in derselben Versammlung am Werk waren? Eine solche Vorstellung ergab Schwierigkeiten. Wenn der Geist Gottes und der Geist Satans die gleichen Ergebnisse hervorbrachten, wie konnte man jemals wissen, was die Wahrheit war?
Über dieses Rätsel hatte er sich in den letzten drei Jahren so manches Mal den Kopf zerbrochen. Aber jetzt, nachdem er sah, dass seine Vision über den Krieg in Europa Realität geworden war, spürte Bill die Dring lichkeit wieder aufleben eine Antwort zu finden, damit er seinen Fehler hinter sich lassen und erneut den Weg beschreiten konnte, der ihn zu der Bestimmung führte, die Gott für ihn vorgesehen hatte – wo immer diese auch liegen mochte.
Bill nahm sich ein paar Tage frei und fuhr nach Norden auf dem Highway 62, bis er das Gebiet um Tunnel Mill erreichte. Er parkte seinen Wagen abseits der Straße, watete durch den Fourteen Mile Creek und marschierte in den Wald. Der Herbst zeigte seine volle Pracht. Orangefarbene, braune und rote Blätter raschelten über ihm und knisterten unter seinen Füßen, während er ging. Vögel erfüllten die Luft mit ihren sanften Konzerten. Schließlich erreichte Bill die Stelle, wo sich die 25 Meter tiefe Bergschlucht von der steilen Kalkstein-Felswand absenkte. Er suchte sich seinen Weg durch das Gebüsch und die Felsblöcke entlang des Fußes des Abhanges, bis er den Eingang seiner Höhle erreichte. Dort war ein kleiner, spitzer Felsen, der wie ein Zahn vor dem Loch aufragte. Er zündete seine Kerze an und schob sich dann mit den Füßen voran durch die Öffnung. Er folgte dem gewundenen Gang etwa acht Meter in den Berg hinein, hielt an und starrte wiederum den auf dem Kopf stehenden pyramidenförmigen Fels an, der sich über dem rechteckigen Kalksteintisch befand. Er war jedes Mal erstaunt, wenn er ihn sah. Er legte seinen Mantel und ein paar zusätzliche Kerzen auf den Vorsprung, den er als Bett benutzte. Dann nahm er seine Bibel und ging wieder nach draußen, um Gott im warmen Sonnenlicht des Herbstes zu suchen.
Eine umgestürzte Eiche lag nicht weit vom Eingang der Höhle entfernt auf dem Boden. Die Stelle, an welcher der Stamm des alten Baumes sich verzweigte, bildete nun einen natürlichen Sessel. Bill machte es sich in dieser Baumgabel gemütlich und verbrachte den ganzen Nachmittag mit dem Lesen seiner Bibel und im Gebet. Schließlich dämmerte es und die Sterne erschienen am Himmel. Eine leichte, aber kühle Herbstbrise zwang ihn im Innern der Höhle Schutz zu suchen.
Am nächsten Morgen verließ er die Höhle nicht, bevor die Sonne hoch genug stand, um seinen Lieblingsplatz zu erwärmen. Er hatte die Bibel offen in den Zweigen der toten Eiche liegenlassen, und der Wind hatte die Seiten zu Hebräer Kapitel 6 umgeschlagen. Bill saß rittlings auf dem Baumstamm und las:
„Denn es ist unmöglich, solche, die einmal die Erleuchtung empfangen und die himmlische Gabe geschmeckt haben und des heiligen Geistes teilhaftig geworden sind und das köstliche Gotteswort und die Kräfte der zukünftigen Welt gekostet haben und dann doch abgefallen sind, noch einmal zur Sinnesä nderung zu erneuern, weil sie für ihre Person den Sohn Gottes von neuem kreuzigen und ihn der Beschimpfung preisgeben. Denn wenn ein Acker den oftmals auf ihn fallenden Regen in sich eingesogen hat und denen, für die er bestellt wird, nützlichen Ertrag hervorbringt, so macht er sich den von Gott kommenden Segen zu eigen, bringt er dagegen Dornen oder Disteln hervor, so ist er unbrauchbar und geht dem Fluch entgegen, dessen Ende zum Feuerbrand führt.“
Das ergab für ihn keinen Sinn. Er wendete die Seiten und suchte nach einer bestimmten Schriftstelle in 2. Timotheus, mit der er sich gedanklich beschäftigt hatte. Als er die Hände von der Bibel nahm, kam ein Windstoß und blies die Seiten wieder zurück zu Hebräer 6. Er dachte: „Eigenartig!“ Versuchte Gott ihm mit dieser Schriftstelle etwas zu sagen? Er las das 6. Kapitel noch einmal, aber es ergab für ihn immer noch keinen Sinn. Er machte sich auf den Weg zu seiner Höhle, kletterte durch das Loch und ging durch den engen Gang zu der Stelle, wo die umgekehrte Kalk steinpyramide über dem rechteckigen Felstisch hing. Bill kniete nieder und betete: „Herr, was bedeutet Hebräer Kapitel sechs? Was versuchst Du mir zu sagen?“
Plötzlich wurden seine Finger taub – nicht von der Kälte in der Höhle; es war das taube Gefühl, das häufig einer Vision vorausging. Seine Arme und Beine fühlten sich schwer an und seine Lippen fühlten sich so dick an, als ob ein Zahnarzt ihm gerade eine Ladung Novocain gespritzt hätte. Als er seine Augen öffnete, sah er eine Welt, die sich um ihre Achse drehte. Der Boden sah aus wie ein frisch gepflügtes Feld. Vom Rand dieses sich drehenden Planeten kam ein Mann in Weiß gekleidet, der einen großen Sack an seiner Seite trug. Alle paar Schritte entnahm der Mann seinem Sack eine Handvoll Samen und streute sie mit einer schwungvollen Armbewegung über den Boden. Sobald er hinter der Erdkrümmung verschwand, sah Bill einen weiteren Mann – dieser jedoch ganz in Schwarz gekleidet –, der hinter dem ersten herschlich. Dieser zweite Mann hatte ebenfalls einen Sack an seiner Seite, und er streute Samen aus, während er auf Zehenspitzen durch das Feld ging. Aber er bewegte seinen Kopf ständig von einer Seite auf die andere, als ob er etwas Falsches täte und Angst hätte, dabei ertappt zu werden. Nachdem der Mann in Schwarz hinter der Krümmung der Welt verschwunden war, sah Bill, dass die Samen keimten und schnell auf ihre volle Höhe heranwuchsen. Jetzt wurde klar, um was es sich bei den Samen handelte: Ein Teil war Weizen, der andere Teil war Spitzkletten, Disteln und Unkraut. Die Sonne kam heraus, brannte auf das Feld und entzog dem Boden sämtliche Feuchtigkeit. Sowohl der Weizen als auch das Unkraut ließen die Köpfe hängen, darbten und beteten verzweifelt um Regen. Tiefer und tiefer sanken die Pflanzen auf die ausgetrocknete Erde. Dann sah Bill eine große dunkle Wolke am Horizont heraufziehen. Als der Regen fiel, richtete sich der Weizen auf und schrie: „Ehre sei Gott! Preis dem Herrn!“ Gleichzeitig sprangen auch die Spitzkletten und das Unkraut auf und riefen: „Ehre! Halleluja! Preis sei dem Herrn!“ Die ganze Welt lebte plötzlich auf, Pflanzen sprangen im Regen auf und ab und alle schrien immer wieder die gleichen Worte: „Preis sei dem Herrn!“ Dann verblasste die Vision.
Bill fühlte sich belebt. Jetzt verstand er Hebräer 6: „Denn es ist unmöglich, solche, ... und des heiligen Geistes teilhaftig geworden sind ... und dann doch abgefallen sind, noch einmal zur Sinnesänderung zu erneuern ... Denn wenn ein Acker den oftmals auf ihn fallenden Regen eingesogen hat ... so macht er sich den von Gott kommenden Segen zu eigen; bringt er dagegen Dornen und Disteln hervor, so ist er unbrauchbar ...“ Das war seine Antwort: Der gleiche Regen, der den Weizen wachsen ließ, begoss ebenfalls die Spitzkletten und das Unkraut. Und der gleiche Heilige Geist, der die Christen segnet und nährt, kann ebenfalls einen Heuchler segnen; nur wird der Heuchler eine andere Frucht hervorbringen. Es hing alles von der Art des gesäten Samens ab. Bill dachte über etwas nach, das Jesus gesagt hatte: „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel, denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Und so wie es im Natürlichen war, war es auch im Geistlichen. Das erklärte auch, warum Jesus verkündigt hatte: „Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr! Herr! haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben, haben wir nicht in deinem Namen viele Wundertaten getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie erkannt; weichet alle von mir, ihr Übeltäter!“ Selbst wenn diese Leute äußerlich Zeichen der Kraft Gottes zeigten, waren ihre inneren Motive falsch oder korrupt.
Bill verließ seine Höhle schließlich mit dem Verständnis, dass es zwei Geister gab, die innerhalb der Gemeinde am Werk waren, die ihr Leben aus der gleichen Quelle bezogen, jedoch in unterschiedliche Richtungen unterwegs waren. Wie beim Einpfropfen fremder Äste in einen Baum konnten sie ihr Leben alle aus dem gleichen Stamm beziehen. Ein Orangenbaum konnte daher die Zweige eines Zitronen- oder Limonenoder Pampelmusenbaumes nähren. Alle fremden Zweige konnten so aussehen, als ob sie zum Orangenbaum gehörten, aber wenn sie dann ihre Frucht hervorbrachten, trug der Zitronenbaumzweig Zitronen, der Limonenbaumzweig Limonen. Ebenso würde es immer Menschen in der christlichen Gemeinde geben, die ihr Leben aus dem Stamm des Heiligen Geistes beziehen würden, aber ihre Frucht wäre Eigennutz, politische Ziele, selbstgerechte Gesetzlichkeit oder Heuchelei – alles Mögliche, nur nicht die Frucht des Heiligen Geistes. Dennoch, wenn aus dem Mutterbaums tamm ein neuer Zweig hervorsprösse, trüge dieser Orangen. Jesus sagte in Johannes 15:5: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, und in wem ich bleibe, der bringt reichlich Frucht, dagegen ohne mich könnt ihr nichts vollbringen.“ Paulus schrieb: „Die Frucht des Geistes dagegen besteht in Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Beständigkeit.“ Jesus betonte: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Jetzt, da er den Unterschied zwischen diesen beiden Männern in Mishawaka erkannte, die das Sprechen in Zungen und deren Auslegung so mächtig demonstriert hatten, begann Bill sich in seiner Einstellung gegenüber den Gaben des Geistes und den äußeren Erscheinungsformen der Gefühle zu entspannen. Am 31. Dezember 1939 hielt er einen Silvestergottesdienst in seiner Gemeinde ab, um den Übergang in das Jahr 1940 zu begehen. Er hatte eine Tafel auf dem Podium aufgebaut und zeichnete eine biblische Zeitenfolge des Zweiten Kommens Christi nach bestem Wissen auf. Eine Gruppe Pfingstleute war über den Fluss aus Louisville gekommen, um an dem Gottesdienst teilzunehmen. Als Bill das Lehren für eine Weile unterbrach, wollten einige Frauen dieser Gruppe ein besonderes Lied singen. Es stellte sich heraus, dass es eine ziemliche Jazz-Gruppe war. Eine Frau spielte die Zimbel, eine andere schlug auf Blechdosen, eine weitere Frau spielte mit Metallringen an den Fingern auf einem Waschbrett und die vierte Frau hämmerte auf dem Klavier herum. Sie spielten ein schnelles Lied und die Gemeinde sang: „Es wird ein Treffen dort sein in der Luft, in dem schönen Himmelsland. Wir werden uns sehen, uns dort treffen in dem Land der Ewigkeit. Ein Singen wirst du hören, das kein sterblich Ohr gehört, es wird einfach herrlich sein; und Gott, der Herr, wird unser Führer sein, bei dem Treffen in der Luft.“ Im Rausch der Musik sprang ein junges, blondes Mädchen von ihrem Sitz auf und tanzte auf dem Gang.
Bill saß auf dem Stuhl des Verächters, kritisierte sie in seinem Herzen und dachte: „Darin ist nichts Göttliches. Sie zieht hier nur eine Show ab. Sie will gesehen werden. Sie verwandelt meine Gemeinde in eine Kneipe.“
Ein weiteres Mädchen schloss sich dem ersten an, dann ein weiteres. Bill dachte: „Moment mal. Gibt es eigentlich eine Schriftstelle, die das Tanzen befürwortet?“ Er erinnerte sich daran, wie Mirjam, als sie sah, wie die Armee des Pharaos im Roten Meer ertrank, ein Tamburin ergriff und vor Freude über den Sieg am Ufer getanzt hatte, und die Töchter Israels folgten ihr im Reigen. Dann erinnerte er sich daran, wie König David, als die Lade Gottes nach Jerusalem zurückkehrte, mit all seiner Kraft vor dem Herrn tanzte. Bill dachte: „Vielleicht habe ich nicht genug Sieg auf meiner Seite.“ Während er nun auf der Plattform saß, ließ er seinen steifen Baptistenfuß im Takt der Musik wippen. Bald klatschten seine Hände. Noch bevor das Lied endete, tanzte er mit den anderen in den Gängen auf und ab.
Bill lernte aus dieser Erfahrung und betete: „Gott, nimm mich aus den Reihen der Verächter! Von nun an lass mich alles mit Feingefühl betrachten, bevor ich ein Urteil fälle!“ Es war ein einfaches Gebet, aber eines, das weitreichende Folgen haben sollte. Er befand sich wieder auf dem Wege, seiner Bestimmung entgegen.