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Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 2

Der tückischste Moment seines Lebens

1937

Ella Branham drängte ihren Sohn in der ersten Nacht nach Hopes Tod bei ihr zu bleiben. Sie wusste, dass Frau Broy auf die Kinder aufpasste, und Ella wollte nicht, dass Bill allein war. Aber Bill lehnte ab, er wollte nach Hause gehen. Selbst wenn nicht viel dort war – $10,00 hätten die gesamte Einrichtung beider Zimmer kaufen können –, war dieses kleine Haus dennoch ihr Haus. Hope hatte es sauber gehalten, sie hatte es mit ihrer Liebe gepflegt und es von einer beengten gewöhnlichen Mietwohnung in ein warmes, einladendes Heim verwandelt.

Sobald Bill durch die Tür schritt, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Dieser Ort hatte kein Willkommen, kein Leben, keine Kraft, ihn aufzuheitern. Er ging ins Schlafzimmer und schaute oben auf dem Klappbett nach. Dort, unter einer Zeitung verborgen, lag der Umschlag, den Hope erwähnt hatte. Bill schüttete das Kleingeld auf der Bettdecke aus und zählte sie. Es waren insgesamt $2,80 – 20 Cent fehlten also noch an der Anzahlung, die er für die .22er Büchse benötigte, die er sich seit mehr als einem Jahr gewünscht hatte. Bill beschloss in seinem Herzen mit diesem Geld das Gewehr anzuzahlen und gelobte sich trotz der Schulden von mehreren hundert Dollar an Arztrechn ungen, die monatlichen Ratenzahlungen zu leisten, bis er das Gewehr vollständig schuldenfrei besaß – im Gedenken an seine treue Frau.

Er legte sich auf das Bett und wünschte, er könnte in den Schlaf flüchten. Eine Maus hatte ihren Weg in den Küchenherd gefunden und raschelte nun im Papier, das zum Feueranzünden auf dem Rost lag. Für Bill hörte es sich an, als ob Hope das Papier der Bonbons öffnete, die sie auf dem Küchenregal aufbewahrte. Er stand auf und schloss die Küchentür mit dem Fuß. Da hing Hopes Morgenmantel an einem Haken hinter der Tür. Jetzt wurde ihm bewusst, dass er im Haus seiner Mutter hätte bleiben sollen. Alles hier erinnerte ihn daran, dass seine Frau nun in der Leichenhalle lag. Bill vergrub seine feuchten Wangen in der Matratze und ließ seinem Kummer freien Lauf.

Eine Faust hämmerte heftig an seine Tür. Bill sprang auf und ließ Frank Broy und dessen Sohn Fletcher herein. Frank sagte: „Bill, ich habe schlechte Nachrichten für dich.“

„Ich weiß, Frank. Ich war bei Hope, als sie starb.“

„Das ist nicht alles. Dein Baby liegt ebenfalls im Sterben.“ „Sharon?“, sagte Bill entsetzt. „Niemals!“

„Doch. Dr. Adair hat sie ins Krankenhaus gebracht. Sie hat Hirnhautent zündung. Der Arzt sagt, sie wird sterben. Komm, ich fahr dich hinüber.“ Anstatt sich zu bewegen, brach Bill auf dem Boden zusammen. Frank und Fletcher halfen ihm hoch und nach draußen in Franks Lieferwagen. Als Bill im Krankenhaus ankam, führte ihn Dr. Adair in das Labor und ließ ihn durch das Mikroskop die Flüssigkeitsproben betrachten, die er aus Sharons Rückgrat entnommen hatte. „Es ist tuberkulöse Hirnhaut entzündung“, sagte Dr. Adair traurig. „Sie hat sich bei ihrer Mutter angesteckt. Normalerweise setzt sich der Tuberkelbazillus in den Lungen fest, aber manchmal wandert er in den Blutkreislauf und erreicht die Haut, die das Gehirn schützt. Das ist hier bei deiner Tochter der Fall. Es tut mir leid, Bill, aber in diesem Stadium gibt es absolut nichts mehr, was wir für sie tun können.“

„Wo ist sie, Doktor? Ich möchte sie sehen.“

„Sie ist unten in Quarantäne, du kannst nicht zu ihr. Sie steckt dich an.“ „Es ist mir egal, ob ich sterbe, ich muss Sharon noch einmal sehen.“ Obwohl es Dr. Adair schwer fiel, blieb er bei dem Verbot. „Das darfst du nicht, Bill. Hirnhautentzündung ist hoch ansteckend. Du könntest sie durch die Kleidung auf Billy Paul übertragen.“

Bill setzte sich und vergrub schluchzend das Gesicht in den Händen. „Bring mir einfach etwas Chloroform und lass mich mit ihr sterben. Was bedeutet mir jetzt noch mein Leben? Alles, was ich liebe, ist mir genommen.“

Dr. Adair fühlte die Qual seines Freundes, als wäre es seine eigene. „Bill, bleib hier! Ich werde eine Schwester bitten dir etwas zu bringen, das deinen Schmerz lindert.“

Sobald Dr. Adair das Zimmer verlassen hatte, schlüpfte Bill durch eine andere Tür und suchte sich seinen Weg in den Keller. Sharon Rose lag wimmernd in einem Kinderbettchen und zuckte unter Muskel krämpfen. Ein Stück indischer Baumwolle war als Moskitonetz über ihren Körper gebreitet, aber durch ihr Strampeln und Treten hatte sie das Netz abgeworfen, und jetzt saugten zwei Fliegen die Feuchtigkeit rings um ihre Augen. Bill scheuchte die Fliegen weg und zog das Netz wieder zurecht.

„Sharon“, sagte er sanft.

Als sie ihren Kopf wandte, um ihn anzuschauen, begannen ihre Lippen zu zittern. Sie hatte so schwer gelitten, dass sie schielte. Bill fiel auf seine Knie, schloss die Augen und presste die Hände zusammen. „Oh, treuer Gott“, betete er, „Du hast meine geliebte Frau genommen und nun nimmst Du mein Baby. Bitte nimm nicht mein kleines Mädchen! Ich bin derjenige, der verkehrt gehandelt hat, Du solltest mich nehmen. Mir tut es leid, dass ich auf jemand anderen gehört habe anstatt auf Dich. Ich werde versuchen, es niemals wieder zu tun. Herr, ich werde zu diesen Leuten gehen, die man Gesindel und Abschaum nennt und es ist mir egal, wenn man mich einen „Holy Roller“ nennt. Ich werde alles tun, was Du von mir verlangst, aber bitte lass mein Baby nicht sterben!“

Als er seine Augen wieder öffnete, sah er, wie sich etwas gleich einem schwarzen Tuch zwischen Sharon und ihn senkte. Er hatte das schon einmal gesehen, als er am letzten Weihnachtsfest für Hope gebetet hatte. Er wusste, dass Gott sein Gebet abgelehnt hatte.

Dieser Augenblick war der heimtückischste seines Lebens. Während er auf dem harten Boden der Quarantänestation im Keller kniete und seine neun Monate alte Tochter vor seinen Augen im Sterben lag, kam der Versucher zu ihm und flüsterte: „Du sagst, dass Gott Liebe ist. Ist das Liebe? Wo du so oft Sein Wort gepredigt hast, und dich so sehr bemüht hast für Ihn zu leben, jetzt, da es das Leben deines eigenen Babys gilt, wendet Er sich von dir ab! Was ist denn das für ein Gott, dem du da dienst?“

An einem Scheidepunkt seines Lebens angekommen, schwankte Bill einen Moment lang bedenklich. Dann kam seine Antwort, sprudelte empor aus einer verborgenen Quelle der Stärke tief in seiner Seele: „Wie Hiob im Alten Testament sage ich: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt. Oh, Gott, ich weiß nicht, warum Du mich derart zerreißt, aber das ändert nichts an meinem Glauben zu Dir. Selbst wenn Du mich tötetest, würde ich Dir vertrauen. Ich glaube an Dich!“

Er stand auf und beugte sich ein letztes Mal über das Bettchen seiner Tochter. „Sharon, sobald die Engel deine Seele genommen haben, damit du drüben deiner Mutter begegnest, werde ich dich hier in den Armen deiner Mutter begraben.“

Amelia Hope Branham wurde am Samstag, dem 24. Juli 1937, auf dem Friedhof von Walnut Ridge auf einem Stück Land beigesetzt, das ihr Vater für sich selbst und seine Frau gekauft hatte. Sharon Rose starb am nächsten Tag.

Am Montag öffnete der Leichenbestatter Hopes Grab und ließ Sharons winzigen Sarg auf den Sarg ihrer Mutter herab. Bill hatte sein Versprechen gehalten: Er hatte Sharon Rose in den Armen ihrer Mutter beerdigt.

Die nächsten Wochen durchlebte Bill in einem Sumpf unerträglichen Kummers. Seine Tage schienen endlos, seine Nächte oft eine schlaflose Folter. Jeden Werktag zwang er sich, morgens zur Arbeit zu gehen. Er wusste, dass er verpflichtet war, seine Arztschulden zu bez ahlen, und das gab ihm einen Grund weiterzuleben. Nachmittags holte er Billy Paul im Haus der Broys ab, bereitete das Abendessen zu und lief dann stundenlang durch die Straßen, seinen Sohn auf seinen Schultern.

Eines Tages nach der Arbeit setzte Bill seinen Sohn auf den Eingangs stufen ab und ging Richtung Hinterhof, um nach seinem Jagdhund zu sehen, den er im hinteren Teil seines Grundstücks an eine Eiche gebunden hatte. Billy Paul fragte: „Daddy, wo ist Mama?“ Bill hatte die Frage schon hunderte Male beantwortet, aber der zwei Jahre alte Billy Paul war einfach noch nicht alt genug, um zu verstehen. „Sie ist im Himmel. Sie ist zu Jesus gegangen.“

„Wann kommt sie zurück? Ich will sie.“

„Sie kommt nicht zurück, Billy, aber du und ich, wir werden eines Tages gehen, um sie wiederzusehen.“

Bill setzte seinen Weg zur Rückseite des Hauses fort.

Billy Paul deutete mit seinem kleinen Finger hinauf zum Himmel. „Daddy, schau! Ich habe Mama dort oben auf der Wolke gesehen.“ Das war zu viel für Bill. Er fiel vornüber auf den Weg und lag dort eine Stunde lang totenstill, während Billy Paul auf den Stufen saß und nach seiner Mutter weinte. Als Bill schließlich die Kraft aufbrachte wieder aufzustehen, brachte er Billy Paul zurück zum Haus der Broys und ließ ihn dort für die Nacht, während er selbst hinüber nach Walnut Ridge wanderte. Bevor er den Friedhof erreichte, fuhr ein Auto heran und hielt. Herr Isler, ein Senator aus Indiana, der hier wohnte, stieg aus seinem Wagen. „Wohin gehst du, Billy? Hinauf zum Friedhof?“ „Ja.“

„Es ist nicht das erste Mal, dass ich dich sehe, wie du diesen Hügel hinaufgehst. Was tust du dort oben?“

„Ich sitze am Grab meiner Frau und meines Babys und höre, wie der Wind in den Bäumen musiziert.“

„Und welche Art von Musik ist das?“

Bill zitierte die erste Strophe eines Kirchenliedes. „Es gibt ein Land am anderen Ufer, das man das süße Wonneland nennt und erreicht wird’s nur durch Gottvertrauen. Einer nach dem anderen erreichen wir die Pforte, um dann dort mit den Unsterblichen zu leben. Eines Tages werden sie die goldenen Glocken läuten für dich und mich.“ Senator Isler nahm Bills beide Hände in die seinen. „Billy, ich möchte dich etwas fragen. Ich habe gesehen, wie du an den Straßenecken gestanden und gepredigt hast, bis es so aussah, als ob du auf der Stelle tot umfallen würdest. Ich habe dich gesehen, wie du die Straßen auf und ab gingst, um Krankenb esuche zu machen, selbst mitten in der Nacht. Nach all dem Kummer, den du hattest, was bedeutet dir Christus jetzt?“ „Er ist alles, was ich noch habe, Herr Isler. Er ist mein Leben, mein Alles, das Endgültige. Er ist das einzig Beständige in meinem Leben, an dem ich mich festhalten kann.“

Herr Isler schüttelte den Kopf. „Nachdem Er dir deine Frau und dein Baby genommen hat, willst du Ihm immer noch dienen?“

„Selbst wenn er mich tötete, vertraute ich Ihm dennoch.“ Früh am nächsten Morgen wurde Bill damit beauftragt, eine beschä digte Hilfsleitung am Highway 150 in der Nähe von New Albany zu reparieren. Er legte Steigeisen und Sicherheitsgurt an und kletterte den Strommast hinauf, bis er kurz unter dem Querträger angelangt war. Hope und Sharon Rose lagen schwer auf seinem Gemüt. Er konnte verstehen, warum Gott seine Frau genommen hatte, aber das Baby? Warum hatte Gott sein kleines Mädchen genommen?

Während er arbeitete, sang er das alte Evangeliumslied: „Auf dem Hügel weit weg stand verwittert ein Kreuz als Zeichen der Schande und Pein. Doch ich liebe das Kreuz, denn mein treuester Freund für verlo rene Sünder einst starb.“ Gerade da stieg die Sonne über den Bäumen am Horizont auf, tauchte Bill in Sonnenlicht und bildete einen Schatten am Hang neben ihm – den Schatten eines an einem Kreuz hängenden Mannes.

„Das ist wahr“, schluchzte er, „meine Sünden brachten Dich ans Kreuz, Herr Jesus. Ich bin genauso schuldig wie jeder andere.“ Plötzlich schoss ihm ein wirrer Gedanke durch den Kopf. Diese Verwirrung ausnutzend drängte ihn der Teufel, sein eigenes Leben zu beenden. Bill schaute auf seine schweren Isolierhandschuhe, dann blickte er auf die 2.300-Volt-Leitung, die gleich neben der Hilfsleitung verlief. Er überdachte die Möglichkeiten. Es war verkehrt – völlig verkehrt; aber irgendwie schien das Verkehrte in diesem Augenblick, da sein Denken durch Verzweiflung verdunkelt war, richtig zu sein. Er riss sich einen seiner Schutzhandschuhe von der Hand und sagte: „Teurer Gott, ich hasse es, dies jetzt zu tun, aber ich bin ein Feigling. Ich kann einfach nicht ohne sie weiterleben.“ Er streckte seine bloße Hand aus, um die 2.300-Volt-Leitung zu berühren, in dem Wissen, dass der Strom sofort bei der Berührung sein Blut zum Kochen und seine Knochen zum Bersten bringen würde. „Sharon, Daddy wird dich und Mama besuchen kommen.“

Er hat nie erfahren, was als Nächstes passierte. Als er wieder zu sich kam, saß er auf dem Boden, mit seinem Sicherheitsgurt noch immer an dem Strommast befestigt, schweißgebadet und unkontrolliert zitternd. Er war nicht mehr in der Lage weiterzuarbeiten, warf seine Werkzeuge in seinen Lkw und fuhr nach Hause.

Der Briefkasten an der Eingangstür war mit Briefen vollgestopft. Bill ergriff den ganzen Stapel, nahm ihn mit ins Haus und breitete ihn dann auf dem Küchentisch aus. Neben den üblichen monatlichen Rechnungen war ein Brief dabei, der völlig unerwartet war. Er kam von seiner Bank und war adressiert an: „Miss Sharon Rose Branham.“

Bills Hände zitterten, als er den Umschlag öffnete. Dann verstand er plötzlich. Die Bank schickte ihr die 80 Cent zurück. Bill hatte das Sparkonto, das er ein paar Tage vor Weihnachten für Sharon eröffnet hatte, völlig vergessen. Das war gerade bevor ...

Die schrecklichen Erinnerungen überfluteten sein Gemüt und er brach zusammen. Er betete: „Jesus, als ich noch ein Kind war, litt ich häufig unter Hunger und Kälte. Jeder lachte über mich und nannte mich einen Weichling. Ich habe mich so allein gefühlt. Nachdem ich Christ geworden war, hast Du mir ein Heim und eine eigene Familie geschenkt. Ich habe versucht recht zu leben. Jetzt hast Du mir alles genommen. Ich leide solche Qual; ich kann so nicht mehr weitermachen. Oh Gott, warum nimmst Du nicht auch mich?“

Wieder kam der Teufel herein wie ein Nebel und verdunkelte Bills Geist und gesunden Menschenverstand. Einen Augenblick lang verlor Bill die Sicht auf Gottes leitende Hand. In diesem tückischen Augenblick drängte Satan ihn den schlimmsten Weg zu beschreiten, den es gab. Bill bewahrte seinen Revolver, den er als Wildhüter hatte, in einem Pistolenhalfter auf, der an einem Nagel hinter der Küchentür hing. Er nahm die Waffe in die Hand, kniete neben dem Armeefeldbett nieder, das nahe am Ofen stand, hielt sich den Lauf an den Kopf, spannte den Hahn und drückte den Abzug, während er laut betete: „Vater Unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe ... “ Er drückte noch kräftiger und immer kräftiger auf den gut geölten Abzug, aber der bewegte sich nicht. Er versuchte es mit aller Kraft, die er hatte, aber die dünne Stahlsichel bewegte sich nicht. Schließlich gab er auf und warf die Waffe beiseite. Als sie auf dem Boden aufprallte, löste sich ein Schuss und die Kugel durchschlug die Wand. Bill fiel über das Feldbett: „Oh Gott, Du reißt mich in Stücke. Du lässt mich nicht einmal sterben.“

Schließlich weinte er sich in einen Erschöpfungsschlaf – und träumte. Es war kein typischer Traum mit unscharfen Bildern und verschwommenem Bewusstsein. Die Umrisse waren scharf und deutlich und sie blieben so klar in seinem Gedächtnis, als habe er alles tatsächlich erlebt. Er träumte, dass er sich irgendwo in der Prärie im Westen befand und eine Wüstenstraße entlangging, während er eine bekannte Westernballade sang: „An dem Wagen ist ein Rad gebrochen, und das Schild an der Ranch besagt: Zum Verkauf ... “ Bill kam an einem alten Planwagen vorbei, einem von der Art, den die frühen Siedler Prärieschoner nannten. Ein Vorderrad war gebrochen, sodass der Wagen an einer Seite so schief hing, dass die Achse den Boden berührte. Neben der Stelle, an dem das zerbrochene Holzrad gegen den Wagen lehnte, stand eine hübsche junge Dame und beobachtete ihn. Der Wind spielte mit ihrem langen, blonden Haar. Ihre blauen Augen leuchteten in der Sonne. Als Bill vorbeikam, nahm er seinen Cowboyhut ab und grüßte sie fröhlich: „Guten Morgen!“ Sie antwortete: „Guten Morgen, Daddy.“

Bill hielt inne und starrte diese weißgekleidete wunderschöne Frau an. Sie sah aus, als sei sie mindestens 20 Jahre alt. „Aber Fräulein, ich kann nicht Ihr Daddy sein, wo Sie fast genauso alt sind wie ich.“ Ihr Lächeln wurde noch breiter, wobei perfekte Zähne sichtbar wurden. „Daddy, du weißt nur nicht, wo du bist. Auf der Erde war ich deine kleine Sharon Rose.“

„Sharon? Aber – aber du warst doch erst ein kleines Baby.“ „Hier gibt es keine Babys, Daddy. Wir sind alle gleichaltrig, wir sind unsterblich. Wo ist mein Bruder Billy Paul?“

„Ich habe ihn vor kurzem bei Frau Broy gelassen.“

Sharon sagte: „Ich werde hier auf Billy Paul warten. Warum gehst du nicht zu Mutter? Sie wartet in deinem neuen Heim auf dich.“ „Neues Heim? Die Branhams haben niemals Häuser gehabt, wir waren immer arme Vagabunden.“

„Hier hast du ein Haus, Daddy. Schau!“

Sie deutete die Straße hinauf. Dort, am Ende des Weges, stand ein wunderschöner Palast auf dem Gipfel der Anhöhe. Die Sonne hatte das Dach des Herrenhauses gerade erreicht und die Sonnenstrahlen schossen in alle Richtungen, gleich Leuchtfeuern, die müde Reisende in den Hafen weisen. Bill ging die Straße entlang, mit erhobenen Händen singend: „Mein Heim, mein trautes Heim ... “ Eine lange Treppe führte vom unteren Teil des Hügels bis zur Eingangstür. Hope wartete in der geöffneten Tür, in Weiß gekleidet; ihr langes schwarzes Haar wehte offen im Wind. Bill rannte die Treppe hinauf, indem er drei Stufen auf einmal nahm. Als er den Treppenabsatz erreichte, fiel er zu ihren Füßen. Hope drängte ihn sanft aufzustehen. Bill sagte: „Hope, ich habe unten auf der Straße Sharon getroffen. Sie ist so eine wunderschöne junge Dame geworden.“

„Ja, Bill, das ist sie. Bill, du solltest dir keine Sorgen mehr um mich und Sharon machen.“

„Liebling, ich kann nicht anders. Ich habe mich so sehr nach euch gesehnt. Und Billy Paul weint ständig nach dir. Ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll.“

„Sharon und mir geht es viel besser als euch. Versprich mir, dass du dir keine Sorgen mehr um uns machen wirst!“ Hope legte einen Arm auf seine Schulter und tätschelte seinen Rücken, genauso wie sie es häufig auf der Erde gemacht hatte. „Bill, du siehst so geschafft aus. Du verausgabst dich im Gebet für die Kranken. Komm mit mir herein! Jetzt kannst du dich hinsetzen und ausruhen.“

Er betrat mit ihr das Herrenhaus und dort stand ein grüner Lehnstuhl, genau wie der, den sie an die Finanzierungsgesellschaft verloren hatten, weil sie ihre Zahlungen nicht leisten konnten.

Hope fragte: „Erinnerst du dich an den Sessel?“

Bill hatte einen Kloß im Hals. „Und wie gut ich mich daran erinnere!“ „Diesen werden sie uns nicht nehmen“, versicherte sie. „Er ist bereits bezahlt.“

„Ich verstehe nicht.“

„Du gehst jetzt zurück, Bill. Versprich mir, dass du dir um mich und Sharon keine Sorgen mehr machen wirst!“

„Hope, ich kann das nicht versprechen.“

Aber Hope war plötzlich verschwunden und Bill erwachte. Er kniete immer noch über dem Feldbett in der Dunkelheit der Küche. Er stand auf und sah sich in dem dunklen Raum um. Es war ihm, als ob er einen unsichtbaren Arm auf seiner Schulter spürte. „Hope, bist du das?“ Es schien, als spürte er, wie sie seine Schulter tätschelte. „Hope, bist du hier in diesem Zimmer?“ Bildete er sich das nur ein? Oder konnte er ihre Stimme flüstern hören: „Versprich mir, dich nicht zu sorgen!“ Bill sagte: „Hope, ich verspreche es.“

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