1937
Das Hochwasser hielt William Branham drei elende Tage lang auf der winzigen Insel fest. Er verbrachte den größten Teil der Zeit damit, sich selbst zu quälen, indem er sich das Schlimmste vorstellte, sich ausmalte, wie seine Frau und seine Kinder mit den Gesichtern nach unten im Fluss trieben, irgendwo an einem Busch hängenblieben. Derlei Gedanken zerrissen ihm schier die Seele. In seiner Qual betete er zu seinem Herrn um Hilfe. Aber ganz gleich, wie sehr er auch betete, er konnte keinen Trost im Herrn finden. Es schien, als ob Gott ihm den Rücken zugewandt hatte und sich einfach weigerte, ihm zuzuhören. Jedesmal, wenn Bill betete, wanderten seine Gedanken zurück zu den Pfingstleuten, die er in Mishawaka getroffen hatte. Waren das wirklich die Ausges toßenen der anderen Gemeinden? Oder hatten sie die anderen Gemeind en verlassen, weil sie etwas Echtes gefunden hatten? Stunde um Stunde in seinem Gefängnis auf der Insel sitzend hatte Bill genügend Zeit zu überlegen, ob diese emotionalen Pfingstleute Gesindel waren oder nicht, und ob er die Meinung seiner Schwiegermutter über die Leitung des Heiligen Geistes hätte stellen sollen oder nicht.
Am zweiten Tag seiner Gefangenschaft hörte es auf zu regnen, und die Wolkend ecke lockerte sich auf; gelegentlich kam sogar die Sonne durch. Ein Flugzeug entdeckte ihn und warf etwas Nahrung ab. Am dritten Tag ließ der Wind nach und Bill beschloss noch einmal zu versuchen das andere Ufer zu erreichen.
Er schaffte es, sein Boot einen weiteren Kilometer entlang des überflu teten Flusses bis zu einer kleinen Ortsgemeinde namens Ford Fulton zu lenken, die etwas höher lag, sodass das Wasser nur ein paar Türschwellen überspült hatte. Er blieb sieben Tage lang in Ford Fulton, sehnsüchtig wartend, dass das Hochwasser zurückging und die Strömung nachließ. Schließlich konnte er das Warten nicht mehr ertragen. Er unternahm einen weiteren Versuch, das andere Ufer zu erreichen und diesmal gelang es ihm.
Er befestigte sein Boot an einem Baum und ging an der Straße entlang auf Charlestown zu. Als er die Stadtgrenze erreichte, fragte er jeden, den er traf, ob er etwas über einen Zug wisse, der aus Jeffersonville angekommen war, kurz bevor die Flut die Gleise weggespült hatte. Keiner, den er fragte, wusste etwas davon. Mutlos ging Bill schweren Schrittes auf den Bahnhof zu.
Ein Auto fuhr langsam an seine Seite und hielt. „Hallo, Billy Branham, was führt dich nach Charlestown?“ Es war Colonel Hayes, ein alter Freund der Familie. Nachdem Bill ihm seine hoffnungslose Lage erklärt hatte, sagte Colonel Hayes: „Steig ein, Billy, ich werde dir helfen sie zu finden.“
Schon bald standen sie im Eingang des Büros des Bahnhofvorstehers. Bill zitterte als er fragte: „Vor zehn Tagen – in der Nacht, in der der Deich in Jeffersonville brach – ist da gegen Mitternacht ein Zug eingefahren? Es müsste ein Zug aus lauter Viehwaggons gewesen sein, aber die Wagen waren voller Menschen – kranker Menschen.“
„Wie sollte ich diesen Zug vergessen?“, antwortete der Bahnhofs vorsteher. „Es war der letzte Zug, der durchkam, bevor die Gleise weggespült wurden.“
Bill fühlte eine Welle der Erleichterung. „Was ist mit den Menschen geschehen?“, fragte er hastig.
„Das kann ich ihnen nicht sagen. Der Zug hat hier gar nicht angehalten. Ich weiß nicht, wo er geblieben ist, aber der Lokführer des Zuges kommt hier gleich vorbei. Bleiben Sie hier.“
Der Lokführer war hilfreicher. „Eine Mutter mit zwei kleinen Kindern? Ja, ich erinnere mich an den Fall. Sie waren alle drei ernstlich krank. Wir haben sie in Columbus, Indiana, abgesetzt. Junger Mann, da können Sie unmöglich hinfahren. Das Hochwasser hat alle Züge von Columbus abgeschnitten und die Straßen sind ebenfalls blockiert.“ Als Bill und der Colonel den Bahnhof verließen, war Bill vor Sorge ganz nervös, rieb seine Hände aneinander und zog an seinen Fingern. Colonel Hayes legte seine Hand fest auf Bills Schulter und sagte: „Ich kann dich dort hinbringen. Ich kenne einen Weg über abgelegene Feldwege, der ständig in den Hochlagen verläuft. Ich bin ziemlich sicher, dass wir am Wasser vorbeikommen können.“
„Dann lass uns aufbrechen!“
Columbus, Indiana, lag 80 Kilometer weiter nördlich. Sie kamen in der Abendd ämmerung dort an und erfuhren bald von einer Baptisten gemeinde, die in ein provisorisches Krankenhaus umfunktioniert worden war, um die kranken und verletzten Hochwasseropfer aufzunehmen. Als sie am Eingang des Gebäudes vorfuhren, stürzte Bill die Treppen stufen hinauf, drei Stufen auf einmal nehmend. Der Gemeindesaal war voller Menschen. Die Kirchenstühle waren gegen eine Wand gestapelt und jetzt waren viele Reihen Feldbetten aufgestellt. Lärm und Durcheinander beherrschten den großen Raum – Menschen gingen in den Gängen umher und redeten, Patienten stöhnten und husteten. Außer sich rief Bill: „Hope! Hope! Wo bist du?“ Gesichter wandten sich ihm zu. Bill war das egal. Er rannte zwischen den Feldbetten entlang, suchte nach dem einen Gesicht, das mehr für ihn bedeutete als jedes andere. „Hope, wo bist du, Liebling?“
Ganz am anderen Ende des Saales sah Bill, wie sich eine schmale Hand in die Luft reckte. Er rannte die Reihe entlang, bis er an ihrem Bett ankam. Der erste Blick auf seine geliebte Frau ließ ihn unwillkürlich erschaudern. „Lieber Gott, sei mir gnädig!“, dachte er. Hopes Haut war so weiß wie Baumwolle, ihre Arme so dünn, sie musste 25 Pfund abgenommen haben. Ihre Augen waren tief eingesunken und die Wangen waren so eingefallen, dass die Konturen der Wangenknochen deutlich erkennbar waren.
Hope blickte zu ihm auf und lächelte schwach: „Bill, es tut mir leid, dass ich so aussehe.“
Bill sank auf seine Knie und warf seine Arme um sie. Bemüht, seine Stimme unter Kontrolle zu halten, sagte er: „Liebling, du siehst ganz gut aus. Es tut mir leid, dass du so krank bist. Wo sind Billy Paul und Sharon?“
„Jemand kümmert sich dort drüben im Raum um sie. Man lässt sie nicht zu mir.“
Eine Hand berührte Bills Schulter. „Sind Sie Reverend Branham?“ „Ja.“
„Ich bin einer der Ärzte hier. Könnte ich Sie ein paar Minuten allein sprechen?“
Sobald sie außer Hopes Hörweite waren, sagte der Arzt: „Reverend Branham, es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Ihre Frau hat sich eine tuberkulöse Lungenentzündung zugezogen. Ich glaube, es gibt nichts, das ihr jetzt noch helfen könnte.“
Die Worte des Arztes drangen gleich Messerstichen in Bills Brust. „Nein, Herr Doktor, das kann nicht sein. Gott kann sie retten.“ „Nun, das mag wahr sein; aber vom medizinischen Standpunkt aus kann sie nichts mehr retten. Wir können nichts mehr für sie tun. Ich kümmere mich auch um Ihre Kinder. Ihrem kleinen Jungen geht es recht gut, aber Ihre kleine Tochter ist ebenfalls sehr schwer an Lungenentzündung erkrankt. Sie können sich glücklich schätzen, wenn sie durchkommt.“
Bill schluchzte: „Oh Gott, hab Erbarmen!“
„Brechen Sie nicht vor Ihrer Frau zusammen!“, warnte ihn der Arzt. „Das macht es für sie nur noch schwerer. Sie weiß nicht, dass sie sterben wird.“ Bill kämpfte seine Angst nieder. „Wann kann ich sie und die Kinder wieder mit nach Jeffersonville nehmen?“
„Sobald die Straßen frei sind.“
Bill ging zu Hopes Bett zurück und sagte: „Liebling, der Arzt hat gesagt, dass ich dich in ein paar Tagen nach Hause bringen kann. Wir werden dann Doktor Sam Adair bitten, sich um dich zu kümmern.“
Hopes dünne Lippen formten sich flüchtig zu einem mitleiderregenden Lächeln. „Das ist gut, Bill. Vielleicht wird Gott Gnade schenken und mich leben lassen.“ Bemüht, seine Stimme ruhig klingen zu lassen, sagte Bill: „Das hoffe ich von ganzem Herzen.“
Fünf Monate lang war Hope an das Krankenhaus in Jeffer sonville gefesselt. Dr. Adair wandte alle Mittel ärztlicher Kunst an, um die ständige Verschlechterung aufzuhalten. Nichts half.
Als Hope schließlich begann Blut zu spucken, war Bill außer sich vor Sorge. Dr. Adair konnte ihm aber nur wenig Zuversicht geben und lediglich erklären, was geschah: „Die Tuberkelbazillen, die ihre Lunge infiziert haben, fressen sich durch die Blutgefäße in die Bronchien. Daher kommt das Blut.“
„Doktor, gibt es gar nichts mehr, was wir noch versuchen können? Ich bin einfach verzweifelt.“
„Ich kenne einen Dr. Miller, der im Sanatorium in Louisville arbeitet. Er hat sehr viel Erfahrung mit TB; vielleicht hat er einige Vorschläge. Ich werde ihn anrufen.“
Dr. Miller kam über den Fluss herüber, um Hope zu untersuchen, bevor er seine Meinung äußerte. „Die Krankheit ist schon sehr weit fortgeschritten. Das Einzige, was vielleicht noch wirkt, ist ein künstliches Pneumothorax.“
Bill war verdutzt. „Was ist ein Pneumothorax?“
„Pneumo bedeutet Lunge und Thorax ist der Brustraum, in dem sich die Lungen und das Herz befinden. Pneumothorax ist ein Zustand, in dem Luft oder Gas zwischen die Lungen und die Brustwand gelangt ist, was den Druck in diesem Bereich erhöht und die Lungen einfallen lässt. Das passiert bei einigen Lungenkrankheiten und ist in der Regel sehr schlimm. Bei einem Pneumothorax bringen wir eine Lunge absichtlich zum Einfallen. Da die Bakterien, die die Tuberkulose verursachen, große Mengen Sauerstoff zum Überleben benötigen, können wir die Bazillen manchmal dadurch ersticken.“
„Das hört sich vielversprechend an. Was genau bedeutet das?“ „Wir führen eine Nadel zwischen die Rippen in den Brustraum ein. Dann spritzen wir bestimmte Mengen an Luft ein, sodass jeweils nur eine Lunge zusammenklappt. Die Lungen nehmen nach und nach diese Luft auf, sodass wir während der Behandlung in regelmäßigen Abständen zusätzlich Luft einspritzen müssen.“
Bill war sich nicht mehr so sicher. „Das hört sich sehr gefährlich an.“ „Es gibt keinerlei Garantien“, sagte Dr. Miller.
Bill besprach die Sache mit Hope und sie war damit einverstanden diese Chance zu nutzen. Das Krankenhaus in Jeffersonville hatte kein Pneumothorax-G erät, also lieh Bill sich Geld, um die notwendige Ausrüstung vom Krankenhaus in Louisville zu mieten. Er hielt Hopes Hand, während die Ärzte ihre Seite betäubten und eine Nadel in den Raum zwischen Rippen und Brustraum einführten. Während der gesamten Prozedur biss sich Hope auf die Lippen und drückte Bills Hand so sehr, dass sie weiß wurde. Sie litt fürchterlich. Als Dr. Miller fertig war, musste Bill Hopes Finger gewaltsam von seiner Hand lösen. Nach der Behandlung ließ Dr. Miller Röntgenaufnahmen von beiden Lungen machen. Er untersuchte sie sorgfältig und rief Bill in das Sprechzimmer. „Reverend Branham, ich fürchte, wir haben versagt. Die Lungen Ihrer Frau sind bereits zu sehr geschädigt. Es gibt nichts auf dieser Welt, was wir noch für sie tun könnten. Der Allmächtige Gott ruft nach ihr. Ich fürchte, sie hat nur noch ein paar Tage zu leben.“ Unsäglich zerrissen ging Bill zurück in Hopes Krankenzimmer. Sie glich einer großen Porzellanpuppe, wie sie da so blass und zerbrechlich im Bett lag. Wie sehr er sie liebte! Was würde er nur ohne sie tun? Und die Kinder – Billy Paul war noch nicht einmal zwei Jahre alt und Sharon Rose war gerade einmal neun Monate – was würden sie ohne Mutter tun?
Hope fragte: „Hat dir der Doktor irgendetwas gesagt?“
Bill schüttelte den Kopf. „Frag mich nicht, Schatz. Ich muss jetzt zur Arbeit, ich werde aber alle paar Stunden kommen, um nach dir zu sehen.“ Er hasste den Gedanken von ihrer Seite zu weichen, aber in den letzten paar Monaten waren die Arztrechnungen auf hunderte von Dollar angestiegen und er musste arbeiten, um sie abzuzahlen.
Am Donnerstag, dem 22. Juli, war Bill auf Kontrollgang 50 Kilometer weiter nördlich in der Nähe von Scottsburg, Indiana, als die gefürchtete Nachricht schließlich über Funk kam: „Nachricht für William Branham. Ihre Frau liegt im Sterben. Wenn Sie sie noch lebend sehen möchten, müssen Sie jetzt kommen.“
Bill fuhr seinen Wagen an den Straßenrand und stieg aus. Er löste seinen Pistolengurt und legte ihn auf den Sitz. Dann nahm er seinen Hut ab und kniete am Straßenrand nieder. Sein Haupt vor Gott gebeugt, betete er: „Himmlischer Vater, ich habe alles getan, was ich tun kann. Du weißt, dass Du Deinem Diener das Herz zerreißt; aber ich habe wahrscheinlich an Deinem Herzen gerissen, als ich auf meine Schwiegermutter gehört habe anstatt auf Dich. Ich habe Dir bereits gesagt, dass es mir leid tut. Herr, bitte lass Hope nicht sterben, bevor ich sie noch einmal gesehen habe!“
Er kletterte wieder in sein Fahrzeug, schaltete seine Sirene an und raste zum Krankenhaus so schnell es der Lkw zuließ. Er rannte die Treppen hoch und stürmte durch die Eingangstür. Er sah Sam Adair durch die Halle in seine Richtung kommen. Dr. Adair warf einen Blick auf Bill, senkte den Kopf und ging durch eine Seitentür, damit er ihm nicht gegenüber treten musste. Bill rannte durch die Halle zu dieser Tür und riss sie auf.
Sam legte seinen Arm um ihn und sagte voller Mitgefühl: „Billy, Junge.“ „Sag mir, Doktor, lebt sie noch?“
„Ich denke ja, Billy. Aber nicht mehr lange.“
„Doktor, geh mit mir in ihr Zimmer, bitte!“
Doktor Adair senkte den Blick. „Oh, Bill, bitte mich nicht mitzu kommen. Hope hat mir so oft Kuchen gebacken. Sie ist mir wie eine eigene Schwester. Ich ertrage es nicht, noch einmal in dieses Zimmer zu gehen.“
Eine Krankenschwester öffnete die Tür und betrat den Raum. „Reverend Branham, ich möchte, dass Sie diese Medizin einnehmen, sie wird Ihre Nerven beruhigen.“
Bill schob die Medizin beiseite und ging auf Hopes Zimmer zu. Die Schwester sagte: „Ich werde mit Ihnen gehen“, und folgte ihm. Doktor Adair rief ihm noch nach: „Bill, sie ist bewusstlos.“ Hope lag auf dem Bett mit einem Laken über ihrem Gesicht. Bill zog das Laken zurück. Ihre Augen waren geschlossen und ihr Mund geöffnet. Ihr Körper war auf unter hundert Pfund abgemagert. Bill legte ihr seine Hand auf die Stirn; sie fühlte sich kalt und klebrig an. Er fasste sie bei der Schulter und schüttelte sie sanft. „Hope, mein Schatz, antworte mir. Ich liebe dich von ganzem Herzen. Sprich bitte nur noch einmal mit mir!“ Da war keine Antwort, keine Regung. Laut betete Bill: „Gott, ich weiß, dass ich verkehrt war, aber bitte lass sie noch einmal zu mir sprechen –“ Bevor er sein Gebet beendet hatte, flackerten Hopes Augenlider und öffneten sich dann. Sie versuchte, ihre Arme auszustrecken, aber sie war zu schwach. Ihre Lippen bewegten sich, hauchten Worte. „Es ist so leicht“, sagte sie. „Warum hast du mich zurückgerufen.“
Bill lehnte sich über ihr Bett, um sie besser hören zu können. „Was meinst du, Liebling?“
„Bill, du hast darüber gesprochen, du hast darüber gepredigt, aber du hast keine Vorstellung davon, wie schön es ist.“
„Wovon sprichst du?“
„Ich war auf dem Weg nach Hause. Da waren zwei Menschen in Weiß gekleidet, auf jeder Seite von mir einer. Wir gingen zusammen einen Pfad hinunter, der von prachtvollen Blumen und wunderschönen Palmen gesäumt war. Überall waren schöne Vögel, die singend von Baum zu Baum flogen. Es war so friedlich. Dann hörte ich dich weit in der Ferne rufen und ich bin zurückgekommen, um dich zu sehen.“ Hope bemerkte die Schwester, die hinter ihrem Ehemann stand. „Louise, wenn du heiratest, hoffe ich, dass du einen Ehemann haben wirst, der so nett ist, wie meiner. Er war so gut zu mir, so verständnisvoll.“
Die Schwester verbarg ihr Gesicht hinter einem Taschentuch und eilte hinaus.
„Nein, Liebling“, sagte Bill. „Es war mir nicht möglich für dich so zu sorgen, wie ich es gern getan hätte.“
„Du hast alles getan, was du tun konntest, Bill, und ich liebe dich dafür. Aber ich muss mich beeilen, sie warten auf mich. Bevor ich gehe, möchte ich dir noch ein paar Dinge sagen. Du weißt, warum ich gehe, nicht wahr?“
Er versuchte ja zu sagen, aber er konnte das Wort nicht herausbringen. Also nickte er nur.
„Wir hätten niemals auf Mutter hören sollen“, flüsterte Hope. „Die Pfingstleute haben recht. Versprich mir, dass du irgendwann zu diesen Leuten gehst! Erziehe unsere Kinder so!“
„Ich weiß, dass ich niemals auf deine Mutter hätte hören sollen. Ach, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich es anders machen. Aber eines Tages werde ich das gutmachen.“
„Bill, erinnerst du dich an das Gewehr, das du so gern kaufen wolltest, und für das wir nicht genug Geld für die Anzahlung hatten?“ „Ja, Liebes, ich weiß, welches du meinst.“
„Ich wollte unbedingt, dass du dieses Gewehr bekommst. Ich habe meine Nickel und Dimes von dem wöchentlichen Haushaltsgeld, das du mir für Kleidung gabst, gespart. Wenn du nach Hause kommst, schau oben auf dem Klappbett nach. Dort wirst du einen Umschlag mit dem Geld finden. Versprich mir, das Gewehr zu kaufen!“
Er schluckte und versprach es. „Um deinetwillen werde ich es kaufen.“ „Und noch etwas – ich möchte mich entschuldigen, weil ich dir etwas verheimlicht habe. Erinnerst du dich an den Tag, als wir nach Fort Wayne gefahren sind und du mir die Strumpfhosen gekauft hast?“ „Ja, ich erinnere mich.“
„Bill, du hast mir die falschen gekauft. Jene Strumpfhosen waren für ältere Frauen. Ich habe sie deiner Mutter gegeben. Ich habe dir nichts davon gesagt, weil ich dir nicht weh tun wollte.“
Mit einmal durchfuhr Bill ein ganz anderer Schmerz. Wegen seiner Gedankenlosigkeit an jenem Tag hatte er Hopes Bedürfnisse gering geschätzt. Wie konnte er bloß so gedankenlos, so gefühllos sein? Seine Qual erschien ihm unerträglich.
Hopes Gesicht wurde ganz friedvoll. „Sie kommen zurück. Ich kann fühlen, wie sie näher kommen. Bill, es ist so leicht. Dieser wunderbare Heilige Geist, den wir empfangen haben, Er bringt mich hindurch. Versprich mir, die Taufe mit dem Heiligen Geist zu predigen, bis du stirbst! Es ist real und im Tode ist es wunderbar.“
„Ich verspreche es!“
Hope gelang ein schwaches Lächeln. „Ich möchte, dass du mir auch versprichst, nicht allein zu bleiben!“
„Hope, das kann ich nicht. Dafür liebe ich dich zu sehr.“ „Bill, wir haben zwei Kinder. Ich möchte nicht, dass sie von Pontius zu Pilatus geschleppt werden. Finde ein gutes christliches Mädchen und heirate sie – jemand, der unsere Kinder lieben und ihnen ein Zuhause geben wird!“
„Hope, bitte, verlang nicht von mir, das zu versprechen.“ „Bitte, Bill! Du möchtest doch nicht, dass ich unglücklich sterbe, oder?“ Mit zerissenem Herzen murmelte Bill: „Ich verspreche, ich werde mein Bestes tun.“
Ihre letzten Worte zu ihm waren: „Bill, bleibe auf dem Missionsfeld!“ Bill sagte: „Liebling – ich werde dich oben auf dem Walnut Ridge beerdigen. Und wenn ich entschlafen sollte, werde ich an deiner Seite liegen. Falls Jesus kommt, bevor ich sterbe, werde ich irgendwo auf dem Schlachtfeld stehen und das Heilig-Geist-Evangelium predigen. An jenem großen Tag, an dem Jesus den Himmel zerteilt und das Neue Jerusalem vom Himmel herabkommt, werde ich Billy Paul und Sharon bei mir versammeln und wir werden dich am Osttor treffen, bevor wir hineingehen.“
Hope lächelte ein letztes Mal und drückte seine Hand. Dann schloss sie ihre Augen, um auf jenem Weg zwischen den Palmen der Stadt Gottes entgegen zu schreiten. In Bills Gedanken würde sie immer 24 bleiben.