1933
William Branhams neugefundener Glaube war für ihn keine Nebensache, kein „Extra“ wie Butter oder Marmelade auf Brot. Es war sein Brot! Vierundz wanzig Jahre lang war er ziellos durch seine eigene geistliche Wildnis gewandert, hungrig, ja fast verhungert; im geistlichen Sinne Rinde, Blätter und Gras essend, um am Leben zu bleiben. Und nun nahm er zum ersten Mal in seinem Leben echte Nahrung zu sich, voller geistiger Nährstoffe, labte sich an Jesus Christus, dem Brot des Lebens, der vom Himmel herabgekommen war, um sterbenden Menschen ewiges Leben zu schenken. Bill fühlte seine geistliche Stärke Woche um Woche wachsen. Plötzlich hatte die Welt ihm mehr zu sagen als nur Schweiß und Schwielen, Ablehnung und Verwirrung. Jetzt hatte Bill Hoffnung und Liebe und ein ewiges Ziel. Sein Glaube an Jesus Christus wurde schnell zum Mittelpunkt seines Lebens, der Dreh- und Angelpunkt, um den all sein Denken und Tun kreiste.
Bill hörte seinen Pastor predigen, dass der Allmächtige Gott Seine Gedanken deshalb in der Bibel mitgeteilt hatte, damit jeder Christ den Willen des Herrn für sein eigenes Leben erkennen könne. Das Einzige, was man dazu tun brauchte, war die Bibel zu lesen und zu beten. Für Bill machte das Gesagte Sinn, und so verschlang er die Bibel geradezu, begierig sein Wissen bezüglich des Wortes Gottes zu vergrößern, damit er es täglich umsetzen konnte. Ihm erschien die Bibel wie ein Haus voller Schätze, das er plötzlich geerbt hatte. Er wollte in jedes einzelne Zimmer gehen, die Schubladen herausziehen, die Schränke öffnen und die Fächer durchsuchen, um zu sehen, was genau er jetzt eigentlich besaß. Er hatte nicht sehr viele Bücher gelesen, seit er vor zehn Jahren die Schule nach der siebten Klasse verlassen hatte, weshalb seine Lesekünste eingerostet waren und er las langsam. Er konnte dem allgemeinen Sinn recht gut folgen, aber die schwierigen Namen im Alten Testament nicht aussprechen: Artahsastas, Nebukadnezar, Serubabel und Benaja. Häufig kämpfte er auch mit dem eigenartigen Satzbau des King James Englisch, das so weit von seinem eigenen Kentucky Dialekt entfernt war. Als er Anfang des Jahres 1933 seine erste Predigt hielt, traute Bill seiner Zunge nicht zu, laut aus der Bibel vorzulesen. Stattd essen überredete er Hope auf dem Podium hinter ihm zu sitzen und seinen Text für ihn zu lesen, wenn er ihr ein Zeichen gab. Sein Thema war die Gnade und Fürsorge Gottes im turbulenten Leben Simsons. Hope las Bills Text aus dem Buch der Richter und Bill begann den Text auszulegen. Bald wollte er der Gemeinde vorlesen, was Jesus in Johannes 14 sagt. Er nickte Hope zu und sie begann: „Euer Herz erschrecke nicht –“ Und Bill unterbrach sie: „Ihr habt gehört, was geschrieben steht: Erschreckt nicht.“ Er nickte Hope wiederum zu und sie fuhr fort: „Ihr glaubet an Gott, glaubet auch an mich! –“ Wiederum unterbrach Bill: „Tut ihr das? Glaubt ihr wirklich?“ Und so verliefen seine ersten, etwas mühsamen Versuche zu predigen – unbeholfen und abgehackt, gewiss, aber durchdrungen von einer intensiven Aufrichtigkeit, die seiner Rede Überzeugungskraft verlieh.
Im Publikum sitzend dachte Ella Branham sorgfältig über die Worte ihres Sohnes nach. Der dramatische Wandel in Bills Leben und auch seine wunderbare Heilung hatten etwas Geistliches tief in ihrer eigenen Seele geweckt. Sie antwortete darauf, indem sie mit 39 Jahren ihr Leben Jesus übergab. Von Glück überwältigt taufte Bill seine Mutter auf den Namen des Herrn Jesus Christus.
Ermutigt von der Reaktion seiner Mutter begann Bill auch seinen Vater zu drängen, zur Gemeinde zu kommen. Charles Branham weigerte sich jedoch, und trotz aller Anstrengungen, die Bill unternahm, war er nicht in diese Richtung zu bewegen. Das belastete Bill. Er konnte seine Sorge um die Verlorenen aufgrund jenes schrecklichen Erlebnisses, das er während seiner Operation im Alter von 14 Jahren gehabt hatte, nicht abschütteln. Damals war er anscheinend in die Region der verlorenen und umherirrenden Seelen hinabgesunken. Jetzt betete Bill oft: „Teurer Gott, lass meinen Papa nicht an einen solchen Ort kommen. Bitte lass ihn Deine Gnade erfahren und Deine Vergebung annehmen.“
Eines Abends, nachdem die Familie schon zu Bett gegangen war, lag Bill auf einer Pritsche im Wohnzimmer und betete für seinen Vater, der in einer örtlichen Schänke trank. Während Bill betete, hatte er den Eindruck, eine Stimme spräche zu ihm: „Erhebe dich!“ Bill stand auf und ging, ohne zu wissen warum, zur Tür hinaus. Er hatte das bestimmte Gefühl, er werde zu etwas hingezogen.
Hinter dem Haus führte ein Fußweg durch mehrere verlassene Grund stücke, die mit Besensalbei, einem rötlichen, kniehohen Gras, das für diese Gegend typisch ist, überwuchert waren. Bill folgte dem Pfad im Sternenlicht. In der Mitte des Feldes angekommen, kniete er nieder, beugte sein Haupt, faltete seine Hände und fuhr fort für seinen Vater zu beten. Plötzlich öffnete er seine Augen und war bestürzt etwa drei Meter vor ihm einen Mann stehen zu sehen. Einen äußerst ungewöhnlichen Mann – klein und schmal gebaut, mit Haaren, die bis auf die Schultern herabreichten, kurzgeschnittenem Bart und weißem Gewand, das im Sternenlicht deutlich hervorstach. Der Mann stand seitlich von Bill und blickte gen Osten. Er war eine friedliche Gestalt. Seine Hände waren gefaltet und ein Fuß leicht vor den anderen gestellt. Bill sah noch einmal auf diese Füße. Unglaublicherweise berührten sie den Boden nicht! „Halt mal“, dachte Bill, während er so fest auf seine Fingerknöchel biss, dass es weh tat, „ich schlafe nicht. Nein, ich war dort drinnen und habe für Vater gebetet und etwas sagte, ich solle nach draußen gehen ... und hier steht dieser Mann!“
Es schien alles sehr wirklich: Die gleiche Brise, die durch das hohe Gras fuhr, ließ die weiße Robe des Mannes wehen. Bill brach ein Stück Besensalbei ab und steckte es sich als Zahnstocher in den Mund. Er dachte: „Es sieht aus, als sei es der Herr Jesus. Ich frage mich, ob Er es ist.“ Bill trat vom Pfad zur Seite und stellte sich so, dass er ein wenig mehr vom Gesicht des Mannes erkennen konnte. Er räusperte sich „Äh – hm.“ Der Mann bewegte sich nicht. Bill dachte: „Ich glaube, ich werde ihn rufen.“, und laut sagte er: „Jesus?“
Der Mann drehte sich herum und streckte seine Arme aus.
Und das war das Letzte, woran sich Bill erinnern konnte. Er verlor das Bewusstsein und stürzte vornüber, doch hatte sich das Gesicht bereits für immer fest in sein Gedächtnis eingeprägt – ein Gesicht so reich an Charakter, dass kein Künstler der Welt es jemals würde malen können. Es war ein Gesicht, das höchste Autorität ausstrahlte – Er sah aus, als würde die Welt enden, wenn Er spräche – und doch strahlten Seine Augen so viel Güte und Mitgefühl und Liebe aus.
Bei Tagesanbruch kam Bill wieder zu sich. Er lag noch immer auf der Wiese und zitterte in der kalten Nachtluft und seiner Schlafanzugjacke, die offensichtlich von seinen eigenen Tränen durchnässt war. Er ging nach Hause, zog sich an und machte sich dann, übersprudelnd vor Aufregung, auf den Weg zu seinem Pastor, um ihn um seine Meinung zu bitten. Dr. Davis war jedoch keinesfalls begeistert von dem Ereignis! „Bill, das wird dich verrückt machen. Das ist der Teufel. Spiel bloß nicht mit so etwas herum!“
Das waren entmutigende Worte eines Mannes, den Bill sehr schätzte. Er verließ das Haus des Pastors erschrocken und verwirrt – und wollte eine zweite Meinung einholen. Also besuchte Bill als Nächsten seinen guten Freund, Reverend McKinney und erzählte dem älteren Prediger alles, was vorgefallen war. „Bruder McKinney, was denkst du darüber?“ Reverend McKinney strich nachdenklich über sein Kinn. „Nun, Bill, ich sag’ dir etwas. Ich glaube, wenn du dein Leben rein hältst und nur das predigst, was hier in der Bibel steht – über die Gnade Gottes und dergleichen – ich glaube, das wäre besser für dich. Ich würde an deiner Stelle nicht irgendeiner Einbildung hinterherlaufen.“
„Ich habe doch gar nicht vor einer Einbildung hinterherzulaufen. Ich versuche doch einfach nur herauszufinden, was es ist.“
Reverend McKinney nickte. „Bill, vor Jahren hatte man diese Art von Erfahrungen in der Gemeinde. Aber als es keine Apostel mehr gab, hörten auch diese Dinge auf. Und heute sind die Einzigen, die solche Phänomene aufweisen, Dämonen und Spiritisten.“
„Oh, Bruder McKinney, meinst du das wirklich?“
„Oh ja!“
Bill schauderte bei dem Gedanken. „Oh Gott, sei mir gnädig! Bruder McKinney, würdest du mit mir darum beten, dass so etwas nie wieder mit mir geschieht? Du weißt, ich liebe Ihn und ich möchte in diesen Dingen keinen Fehler machen.“
„Ja, das werde ich, Bruder Billy.“
Die beiden Männer knieten auf dem Fußboden nieder. Reverend McKinney betete: „Himmlischer Vater, ich möchte Dich bitten zu verhindern, dass diese dämonischen Vorkommnisse das Leben dieses jungen Christen plagen.“
„Ja, himmlischer Vater“, stimmte Bill in das Gebet ein, „bitte lass diese Dinge nie wieder mit mir geschehen!“
Aber diese Dinge geschahen immer wieder – und zwar regelmäßig. Manchmal fühlte er einen seltsamen Druck an seiner Haut, als stünde etwas (oder jemand) Unsichtbares neben ihm und hauchte ihn an. Seine Haut prickelte dann. Es war unheimlich. Ein anderes Mal, während er seiner Arbeit nachging, fand er sich plötzlich einige Minuten lang an einem anderen Ort wieder und beobachtete ein Geschehen so klar, als säße er in der ersten Reihe eines Theaters und betrachte eine Aufführung. Dann befand er sich wieder dort, wo er vorher war, die Vision war vorbei, das Leben ging weiter, als ob nichts vorgefallen sei. Aber das Bild blieb in seinem Gedächtnis haften. Er war dort gewesen. Er hatte etwas gesehen, und er konnte es nicht vergessen oder einfach ignorieren, selbst wenn er nicht wusste, was es zu bedeuten hatte.
Er dachte wieder an die Worte seines Pastors: „Wenn du den Willen Gottes für dein eigenes Leben erkennen möchtest, dann lese die Bibel und bete.“ Bill fand einen Ort unter einer alten Eiche und betete bis spät in die Nacht über dem Problem. Irgendwann nach Mitternacht klopfte er den Staub von seinen Kleidern und ging nach Hause. Seine Mutter hörte ihn hereinkommen, rief ihn und sagte ihm, dass seine Schwester krank sei. Bill huschte kurz in das Zimmer, in dem Delores schlief, kniete sich nieder, betete für seine drei Jahre alte Schwester und ging dann nach oben in sein eigenes Zimmer. Sobald er die Tür geschlossen hatte, hörte er ein Knistern, als ob zwei ungeschützte elektrische Drähte einen Lichtbogen schlugen. Hatte es einen Kurzschluss in seinem Zimmer gegeben? Seine Augen wanderten zu den einzelnen Steckdosen, als sich das Zimmer mit einem merkwürdigen, gelblich grünen Licht füllte. Einen Augenblick später verschwand das Zimmer vollständig.
Bill schien in der Luft zu stehen. Panische Angst erfasste sein Herz. Was ging hier vor? Starb er? Oder war er bereits tot? Dieses Licht, das überall um ihn herum glühte, kam von einer Quelle irgendwo über ihm her. Er sah hoch und starrte mit weit aufgerissenen Augen, wie ein riesiger, leuchtender Stern auf ihn zuschoss. Bills Herz raste wie eine Kesselpauke. Es schnürte ihm die Brust ab und ihm stockte der Atem. Er versuchte zu schreien, konnte aber keine Luft aus seinen Lungen pressen. Eigenartigerweise schrumpfte der Flammenball, während er näher kam, bis er nicht größer aussah als seine Faust. Er traf ohne spürbaren Aufprall seine Brust und grub sich in sein Herz ein.
Genau in diesem Augenblick änderte sich die Szene. Bill fand sich auf einem Grashügel wieder. Auf dem Boden vor ihm stand ein altmodisches Bonbonglas, eines jener Art, die einen quadratischen Boden und einen runden Deckel haben. Aber statt Pfefferminzstangen befand sich eine große Tabakmotte darin, die in dem Versuch, sich zu befreien, wie wild gegen das Glas schlug. Bill wollte sich die Landschaft ansehen und drehte sich nach rechts. Dort sah er einen Engel stehen, gebieterisch und furchteinflößend, gekleidet in eine weiße Robe, die ihr eigenes Licht auszustrahlen schien. Bill blinzelte, als er versuchte, das Gesicht des Engels zu erkennen, aber es gelang ihm nicht. Die Gesichtszüge des Engels schienen einem Lichtschleier gleich.
Der Engel sagte: „Sei vorsichtig! Schau, was ich dir zu zeigen habe!“, und deutete auf das Glas.
Bill sah gerade rechtzeitig auf das Glas zurück, um zu sehen, wie eine Hand einen Stein warf, der das Glas traf und das Gefängnis der Motte zertrümmerte. Die fette Tabakmotte versuchte wegzufliegen, konnte aber nicht vom Boden abheben, ihr Körper war viel zu schwer für ihre kurzen Flügel. Die Motte öffnete ihren Mund und Fliegenschwärme quollen heraus und füllten die Luft mit ihrem wütenden Summen. Die Fliegen breiteten sich in alle Richtungen aus. Eine davon flog in Bills Ohr. Bill zuckte zusammen.
Der Engel sagte: „Sei vorsichtig! Die Fliegen symbolisieren böse Geister, Geister, wie die der Zukunftsprophezeiung und der Wahr sagerei. Sei vorsichtig!“
Bill wusste nicht, wie er wieder nach Hause gelangt war. In einem Augenblick stand er noch auf dem Grashügel und im nächsten Moment befand er sich wieder in der Dunkelheit seines eigenen Zimmers. Dazwischen lag nicht einmal ein Wimpernschlag. Wo war er gewesen? Wie war er dorthin- und wie wieder zurückgekommen? Das Erlebnis hatte ihn ausgelaugt und so kroch er in sein Bett. Aber in dieser Nacht fand er keinen Schlaf. Immer und immer wieder wälzte er in Gedanken die Warnung des Engels und fragte sich, was sie zu bedeuten hatte. Am nächsten Tag war Bill bei der Arbeit übervorsichtig, ja nervös. Ständig erwartete er, dass etwas Dramatisches passieren würde. Während seiner Mittagspause ging er zu dem Lebensmittelladen, in dem George DeArk und dessen Bruder Ed arbeiteten. Bill befand sich im hinteren Raum und erzählte George gerade die Vision, als eine Frau durch die Vordertür den Laden betrat. Ein eigenartiger Druck berührte Bill, das gleiche Gefühl, das er erlebt hatte, als er in jenen Greyhound Bus eingestiegen war, in welchem er zum ersten Mal von einer Astrologin angesprochen worden war. Er erwähnte es seinem Freund gegenüber: „George, mit dieser Frau stimmt etwas nicht.“
An der Kasse blieb die Frau stehen und sagte zu Ed DeArk: „Ich suche nach einem Mann namens Branham. Mir wurde gesagt, er sei ein Mann Gottes.“
„Sie haben Glück. Er ist gerade hier im Laden.“ Ed rief nach hinten: „Bill, hier ist jemand, der dich sehen möchte.“
Als Bill sich näherte, fragte die Frau: „Sind Sie William Branham, der Prophet Gottes?“
„Ich bin William Branham.“
„Sind Sie derjenige, der im Krankenhaus das Wunder an William Merrill vollbracht hat und der auch Mary Der Ohanion geheilt hat, nachdem sie 17 Jahre lang verkrüppelt war?“
Bill schüttelte den Kopf. „Gute Frau, Sie irren sich. Ich bin William Branham und ich war dabei, als diese beiden Dinge geschahen, aber ich habe sie nicht geheilt. Jesus Christus hat diese Wunder vollbracht.“ Die Antwort stellte sie zufrieden. „Ich habe Grundbesitz verloren und ich möchte, dass Sie ihn für mich ausfindig machen.“
Bill verstand nicht, was sie damit sagen wollte, aber er wusste, dass es diese Situation war, vor der ihn die Vision der letzten Nacht gewarnt hatte. Er sagte: „Sie sind zu der falschen Person gekommen. Sie suchen anscheinend nach einem Wahrsager oder einem Medium.“
Sie schien überrascht. „Sind Sie denn kein Medium?“
„Nein. Medien sind vom Teufel. Ich bin Christ und ich habe den Geist Gottes.“
Ihr Blick wurde eisig. Plötzlich wurde Bill klar, dass sie selbst ein Medium war. Er fuhr fort: „Letzte Nacht schickte mir der Herr in einer Vision einen Engel, der mich vor Ihrem Kommen warnte und mir sagte, ich solle vorsichtig sein. Die Arbeit, die Sie tun, ist vom Teufel und betrübt den Geist Gottes.“
Die Frau griff sich an die Brust. „Ich – ich brauche meine Medizin.“ „Frau, hören Sie mit diesen Dingen auf und Ihr Herz wird wieder in Ordnung kommen.“
Sie drehte sich auf dem Absatz um und stürmte aus dem Laden. Noch in Sichtweite hielt sie inne und griff sich noch einmal ans Herz. Mit einem durchdringenden Schrei brach sie auf dem Bürgersteig zusammen. Als Ed und Bill sie erreichten, war sie bereits tot.
Weitere Botschaften kamen in Form von Visionen, wenn auch deren Bedeutung nicht immer so klar war. In einer Vision sah sich Bill, wie er eine Straße im schwindenden Abendlicht herunterhüpfte. Er fühlte sich unbeschwert und glücklich – so, wie er sich an dem Tag gefühlt hatte, als er sein Herz dem Herrn Jesus Christus übergeben hatte – und in der Vision sprang er schattenboxend umher, um seiner Freude Ausdruck zu verleihen. Plötzlich rannte ein großer schwarzer Schatten auf ihn zu, als ob es ein Hund wäre, der ihn beißen wollte. Erschrocken trat Bill nach ihm und rief: „Verschwinde, Hund!“
Die Schattengestalt erhob sich. Zu Bills Überraschung sah er, dass es überhaupt kein Hund war, sondern ein großer Mann, der ganz in schwarz gekleidet war. Der Mann knurrte: „Du hast mich einen Hund genannt.“ „Es tut mit leid, mein Herr“, entschuldigte sich Bill. „Ich dachte, Sie wären ein Hund, weil Sie auf Ihren Händen und Knien waren.“ Der Mann knurrte: „Mich einen Hund nennen, ja? Dafür werde ich dich töten.“ Der Mann zog einen langen Säbel aus seinem Gürtel und kam mit langsamen, entschlossenen Schritten auf Bill zu. Seine Augen verrieten Mordabsicht.
„Bitte“, bat Bill, während er zurückwich, „bitte verstehen Sie! Ich wusste nicht, dass Sie ein Mensch sind. Ich dachte wirklich, Sie seien ein Hund.“ Der verrückte Mann zögerte kein bisschen. Mit jedem Schritt glich er mehr und mehr einem Dämon. „Ich werde dich lehren, mich einen Hund zu nennen. Ich werde dich töten.“
Plötzlich stieß Bill mit dem Rücken gegen einen Wall. Er saß in der Falle. „Ich habe keine Angst zu sterben, weil ich Jesus in meinem Herzen trage. Ich möchte nur, dass Sie verstehen, dass ich Sie irrtümlich einen Hund genannt habe.“
Die dunkle Gestalt brummte nur stumpfsinnig: „Ich werde dich töten.“ Er hob den geschwungenen Säbel, zum Zuschlagen bereit.
Bill schrie auf. In diesem Augenblick hörte er ein Geräusch von oben, das ihn aufschauen ließ. Aus dem Himmel stieß ein Mann in einer weißen Robe herab. Er stellte sich entschlossen an Bills rechte Seite und sah Bills Angreifer mit einem strengen, unerschütterlichen Blick an. Der Angreifer wich zurück. Sein Messer, das er immer noch in die Luft reckte, zitterte und fiel aus seinen Händen. Die dunkle Gestalt drehte sich um und rannte so schnell sie konnte davon.
Der Mann in Weiß wandte sich Bill zu und lächelte – zumindest hielt Bill es für ein Lächeln. Bill strengte sich an, das Gesicht klar zu erkennen, aber die Züge des Engels waren verschwommen und nicht erkennbar. Der Engel zog die weiße Robe eng um sich und entflog zurück in den Himmel. Dann endete die Vision.
Was konnte das bedeuten? Bill war sich nicht sicher, aber solange er keinen genaueren Hinweis erhielt, schloss er daraus, dass Gott einen Engel senden würde, um ihn vor jeder Falle zu bewahren, die der Teufel für ihn auslegte.
William Branham nahm seinen neuen Dienst ernst. Getreu seinem Versprechen predigte er das Evangelium bei jeder Gelegenheit, indem er seinen Glauben an die Liebe und an die Güte Jesu Christi alten Freunden, zufälligen Bekannten und vollkommen Fremden mitteilte. Einer der ersten, den er zum Herrn führte, war Herr Short, der stellvertretende Sheriff, der Bills Jagdhund Fritz vergiftet hatte. Viele andere folgten. Bill legte ständig Zeugnis von Jesus ab. Er fürchtete sich auch nicht in unkonventioneller Umgebung, wie Bushaltestellen, Kfz-Reparaturwerkstätten, Straßenecken und Stadtparks öffentlich zu sprechen – überall, wo er eine Gruppe von Menschen antraf, die bereit war, ihm lang genug zuzuhören. Die Folge war, dass sein Glaube ständig herausgefordert wurde.
Eines Samstags predigte Bill in einem Park vor einer kleinen Gruppe von Leuten, als ein Mann, der in der Nähe des Parks wohnte, mit einem Beutel voller Lebensmittel unterm Arm vorbeiging. Bill kannte ihn. Er hatte einmal studiert, um röm.-kath. Priester zu werden, war aber der Religion im Allgemeinen überdrüssig geworden und nun ein bekennender Atheist. Der Mann blieb stehen, um eine Minute zuzuhören und sog dabei an einem großen Stück Kautabak, das er sich in die Wange gestopft hatte. Schließlich sagte er: „Prediger, Sie sprechen über die Bibel, als wäre sie etwas Gutes. Die Bibel ist das ekelhafteste Buch, das jemals geschrieben wurde. Sie ist so irreführend, dass sie sich nicht einmal unter der öffentlichen Literatur befinden sollte.“
Bill entgegnete: „Dies ist ein freies Land. Sie haben ein Recht auf Ihre Meinung.“
Der ehemalige Priester spie braunen Tabaksaft aus und verfehlte dabei knapp Bills Schuhe. „Prediger, glauben Sie wirklich daran, dass es Gott gibt?“
„Ja, das tue ich.“
„Glauben Sie, dass dieser Bursche Jesus ein menschlicher Gott war?“ „Jawohl. Ich glaube, dass Jesus Christus Mensch war, und dass Er Gott zugleich war.“
„Glauben Sie, dass Er in jenem menschlichen Leib von den Toten auferstand?“
„Ja, das glaube ich.“
Der Mann nahm eine weitere Prise Tabak und stopfte sie sich in die Wange. „Wenn ich Ihnen beweisen könnte, dass es keinen Gottmenschen gibt, würden Sie das akzeptieren?“
„Ja, das würde ich.“
Die Lippen des Mannes verzogen sich zu einem verschlagenen Grinsen. „Nun denn, Prediger. Sagen Sie mir, wie viele Sinne hat der menschliche Körper?“
„Ach, Sie wissen doch selbst, wie viele es sind.“
„Ja, aber ich möchte, dass Sie sie aufzählen.“
Bill legte los: „Sehen, schmecken, riechen, fühlen und hören.“ „Nun gut, wenn Jesus ein Mensch gewordener Gott wäre, wie Sie das sagen, dann sollte einer dieser Sinne Ihn wahrnehmen, stimmt’s?“ Die Menschenmenge um ihn herum hörte mit gebannter Aufmerksamkeit zu. Bill antwortete vorsichtig: „Hört sich vernünftig an. Warum?“ „Haben Sie ihren Gott jemals gesehen?“
„Nun, ja. Eines Nachts, vor nicht allzu langer Zeit ... “ „Dann lassen Sie mich Ihn sehen“, unterbrach ihn der Mann. „Ich spreche hier nicht über den Glauben. Ich habe die gleiche Sinnesfunktion zum Sehen wie Sie.“
Bill sagte: „Ich sah Ihn in einer Vision.“
„Dann lassen Sie mich die Vision sehen.“
„Das kann ich nicht. Nur Gott kann – “
„Die Wahrheit ist, Sie sind noch nie mit Ihm durch einen ihrer fünf Sinne in Berührung gekommen.“
„Ich fühle Ihn.“
„Wenn Sie Ihn fühlen, dann lassen Sie mich Ihn fühlen. Mein Gefühlssinn ist genauso gut wie der Ihre. Bringen Sie Jesus hierher, sodass ich Ihn fühlen kann. Dann werde ich an Ihn glauben.“
Entnervt sagte Bill: „Ich fühle Ihn in meinem Herzen.“
Der Mann entgegnete: „Dann lassen Sie mich Ihn mit meinem Herzen fühlen.“
„Wenn Sie glauben würden –“
„Nein, ich will nichts von Ihrer Psychologie hören. Ich möchte die Wahrheit wissen.“ Der Mann spuckte noch einmal Tabak vor Bills Füße. Bill sagte: „Bitte spucken Sie mir nicht vor die Füße.“
Der ehemalige Priester grinste hämisch. „Prediger, jetzt wissen Sie nicht mehr weiter, nicht wahr? Sie haben Ihn nie gesehen, nie gefühlt, nie geschmeckt, nie gerochen, nie gehört. Wenn also die fünf Sinne Ihn nicht feststellen können, dann gibt es so etwas wie einen Gott nicht und Sie sollten damit aufhören, diese Leute mit Ihrem Unsinn zu verführen.“ Der Mann hatte ein starkes Argument und Bill betete in seinem Herzen um Weisheit. „Ich glaube, Sie haben da einige gute Argumente.“ Der Mann schmunzelte. „Jetzt werden Sie langsam vernünftig, nicht wahr?“
„Kann sein“, antwortete Bill. „Sie sind wirklich ein schlauer Mensch. Sie haben eine Menge Verstand.“
Der Kerl spie noch einmal aus und kicherte vergnügt: „Klar habe ich eine Menge Verstand. Meine Mutter hat keine Dummköpfe großgezogen.“ „Moment mal. Sagten Sie gerade, Sie hätten Verstand?“
„Klar hab ich Verstand. Gilt das nicht für jeden?“
„Menschlichen Verstand?“, fragte Bill.
Der Mann schaute verwirrt drein. „Was ist denn mit Ihnen los? Sie müssen Ihren verloren haben. Natürlich habe ich menschlichen Verstand.“ Bill fuhr fort: „Nun, wenn es ein menschlicher Verstand ist, sollte einer der menschlichen Sinne ihn wahrnehmen können, nicht wahr?“ „Äh, ich nehme an ...“
„Haben Sie Ihren Verstand jemals gesehen?“
Nun war es an der Reihe des Atheisten, nervös zu werden. „Ich denke, Ärzte könnten –“
„Nicht das Gehirn, das meine ich nicht“, sagte Bill, „den Verstand. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Gehirn und dem Verstand. Das Gehirn ist der Teil, den Sie sehen können, wenn Sie unter die Schädeldecke schauen, der Verstand, das sind die Gedanken, die das Gehirn denkt. Und Sie haben Ihren Verstand niemals gesehen, oder?“
„Nein, ich denke, das habe ich nicht.“
„Haben Sie Ihren Verstand jemals gerochen, gefühlt, geschmeckt oder gehört? Nein, das haben Sie nicht, nicht wahr? Gemäß Ihrer eigenen Argumentation haben Sie also keinen Verstand.“
„Ich weiß, dass ich Verstand habe“, sagte der Mann wütend. „Und ich weiß auch, dass ich Gott habe“, sagte Bill, zufrieden, dass er seinen Standpunkt hatte klarmachen können. Dann dachte er über einen intelligenten Abschluss nach. Unter den Zuschauern war ein junger Bursche, der eine Rose im Knopfloch hatte. Bill borgte sich die Nadel und fragte: „Verstehen Sie was ich meine?“ – und stach den ehemaligen Priester in den Arm.
„He!“
„Haben Sie das gefühlt?“, fragte Bill.
„Natürlich“, sagte er bissig und rieb finster blickend seinen Arm. Bill schmunzelte. „Komisch, ich habe überhaupt nichts gefühlt.“ Auch die Leute um ihn herum lachten.
„Geben Sie mir die Nadel, dann werden Sie es schon fühlen!“ Jetzt hatte Bill seinen Gegner genau da, wo er ihn haben wollte. „Das ist genau mein Punkt. Wenn Sie denselben Christus annehmen würden, den ich angenommen habe, dann würden Sie Ihn genauso fühlen, wie ich Ihn fühle.“
Der Ungläubige stampfte davon, wütend, aber nicht überzeugt. Bill war nicht überrascht. Obwohl er erst seit einigen Monaten Christ war, hatte er bereits genügend Menschen Zeugnis abgelegt, um zu wissen, dass er die Gesinnung eines Menschen nicht mit ein paar guten Argumenten ändern konnte. Glaube ist eine Offenbarung, die von Gott kommt.