1929
Im Oktober des Jahres 1929 gab es den großen Börsenkrach an der New Yorker Aktienbörse, der die Vereinigten Staaten in einen wirtschaft lichen Alptraum unbekannten Ausmaßes stürzte. Tausende von Banken schlossen ihre Eingangstüren, während die hilflosen Bankangestellten ihren Arbeitsplatz auf Zehenspitzen durch die Hintertür verließen, ihre wütenden Anleger im Nacken. Die große Depression erreichte bald alle Bereiche der Wirtschaft. Fabriken mussten ihre Produktion stark herunterfahren oder sogar ganz schließen. Bauern mussten den Gürtel enger schnallen oder gingen bankrott. Die Arbeitslosigkeit stieg derart stark an, bis schließlich ein Viertel der amerikanischen Arbeiter zur Untätigkeit verdammt war.
Auch wenn Billys Arbeit bei den Versorgungsbetrieben von Jeffers onville ihm nur 20 Cent pro Stunde einbrachte, schätzte er sich glücklich, über haupt Arbeit zu haben. Er plante immer noch, sein Leben eines Tages dem Fallenstellen in den Bergen des Westen zu widmen, aber gerade jetzt wurde sein Lohn zu Hause dringend benötigt. Sein Vater hatte aufgrund seines kontinuierlichen, starken Alkoholkonsums gesundheitliche Probleme. Charles Branham, der jetzt 38 Jahre zählte, war nicht nur arbeitslos, sondern seine Chancen, eine regelmäßige Arbeit zu finden und zu behalten, waren sehr gering. Am 2. November 1929 schenkte Ella Branham ihrem zehnten und letzten Kind das Leben. Schließlich, nach neun Söhnen, bekam sie eine Tochter. Ella nannte ihre Tochter Fay Delores Branham, doch sie rief sie immer bei ihrem Zweitnamen. Von den elf Mitgliedern der Branham-Familie, welche alle im gleichen Hause lebten, hatte nur Billy eine Vollzeitbeschäftigung. Billy selbst spürte die Verpflichtung, den Rest seiner Familie zu unterstützen – zumindest für ein paar weitere Jahre. Die Arbeit bei den Versorgungsbetrieben Indianas entsprach Billys Naturell. Durch seine Arbeit konnte er das ganze Jahr über draußen sein, und seine Aufgaben wechselten von Woche zu Woche, sodass er nur selten gelangweilt war. In mancher Woche hob er Gräben aus, in denen die Gashauptleitungen verlegt wurden, in anderen las er Zähler ab oder reparierte undichte Stellen in den Gasleitungen und dann wieder kletterte er auf Strommasten, um die elektrischen Überlandleitungen zu reparieren. Es gab nur einen Teil der Arbeit, den er nicht mochte, und das war das Abstellen der Stromversorgung bei Kunden, die ihre Rechnungen nicht bezahlen konnten. Und da die Wirtschaftskrise immer weiter fortschritt, passierte dies für seinen Geschmack zu häufig.
Billy war zwar sehr froh, diese Arbeit in dem öffentlichen Versorgungs unternehmen zu haben, doch mit einem Gehalt von acht Dollar pro Woche kam man in einem Haushalt mit elf Personen nicht weit. Als er das Angebot bekam, gelegentlich als stellvertretender Wildhüter für den Bundesstaat Indiana zu arbeiten, griff er deshalb sofort zu. Es bedeutete, dass er regelmäßig aus der Stadt herauskäme, um in den Wäldern auf Streife zu gehen. Es erschien ihm ideal, Lohn für etwas zu erhalten, das er sowieso liebte. Die Realität war jedoch anders. Sein Lohn sollte eine Provision für die Anzahl der Strafzettel sein, die er für die Übertretungen des Wildrechts ausstellte. Aber Billy konnte sich nie dazu durchringen, einen solchen Strafzettel auszustellen. Er hatte das Gefühl, dass er mehr Gutes tun könnte, wenn er sich mit dem Wilderer zusammensetzte und ihm die Vorzüge der Wilderhaltung und die Bedeutung der Einhaltung der Gesetze des Bundesstaates darlegte. Im Endeffekt verschenkte Billy seine Zeit, aber für ihn war die Befriedigung, die er daraus zog, aus der Stadt herauszukommen und Zeit in der bewaldeten Landschaft zu verbringen, Lohn genug.
Eines Tages sollte Billy gemäß seines Einsatzplans im Henryville State Park, 35 Kilometer nördlich von Jeffersonville, Streife gehen. Sobald er den Greyhound-Bus bestiegen hatte, überkam ihn ein eigena rtiges Gefühl – es war, als ob er einem Druck ausgesetzt sei, als presste sich eine unsichtbare Kraft gegen ihn. Der Bus war dicht besetzt. Alle Sitze waren von Passagieren belegt und viele standen im Gang. Billy schob sich zur Mitte des Busses vor und blieb zwischen einer kräftigen Frau mittleren Alters und einem Matrosen stehen. Die Frau schaute hoch und sagte: „Hallo“, als der Bus von der Haltestelle losrollte. Billy erwiderte den Gruß, starrte aus dem Fenster und beobachtete, wie die Häuser vorbeizogen. Die seltsame Kraft drängte jetzt stärker gegen ihn. Sie schien von dieser untersetzten Frau auszugehen. Aus den Augenwinkeln konnte Billy sehen, dass sie ihm direkt ins Gesicht starrte. Er fühlte sich unbehaglich. Schon bald begann sie eine Unterhaltung. „Sind Sie Beamter?“
Billy trug die Uniform eines Wildhüters und eine Pistole im Halfter an der Seite. „Ich bin ein Beamter im Dienste des Naturschutzes“, antwortete er. „Sie sind einsam, nicht wahr?“
Billy verbarg seine Überraschung. „Oh nein“, log er.
„Nun, Sie sind nicht in Ihrer Heimat“, sagte sie.
„Ich bin so weit daheim, wie ich eins besitze.“
Sie schüttelte ihren Kopf. „Nein, Sie wurden für den Westen geboren.“ Das schockte Billy so, als hätte ihm jemand einen Eimer Eiswasser über den Kopf geschüttet. „Sagen Sie mal, wovon sprechen Sie überhaupt?“ Sie sagte: „Vielleicht hätte ich mich vorstellen sollen. Sehen Sie, ich bin Astrologin.“
Billy stöhnte innerlich und dachte: „Wieder eine von diesen komischen Leuten.“ Er rückte von ihr weg, mehr zu dem Matrosen hin. Sie folgte ihm, schwankte ein wenig aufgrund des schaukelnden Busses. Sie sagte: „Ich würde gern ein paar Minuten mit Ihnen reden.“ Billy starrte weiterhin geradeaus und tat so, als ob er sie nicht gehört hätte. Sie war jedoch hartnäckig: „Könnte ich vielleicht einen Augenblick mit Ihnen reden?“
Billy ignorierte sie. Er dachte: „Ich lege kein gutes Benehmen an den Tag, aber ich möchte einfach nicht mit ihr reden.“
Doch die Frau ließ ihn nicht in Ruhe. „Hey Sie, Naturschutzbeamter, könnte ich eine Minute mit Ihnen reden?“
Schließlich drehte sich Billy um und sagte kurz angebunden: „Was wollen Sie?“
Sein Gewissen verklagte ihn, weil er so unhöflich war, aber er hatte nicht vor, sich mit einer Astrologin zu unterhalten. Er erinnerte sich daran, was diese Zigeuner-Wahrsagerin zu ihm auf dem Jahrmarkt gesagt hatte und die Erinnerung machte ihn unruhig.
Die Frau fragte: „Sind Sie Christ?“
„Nein“, fuhr er sie an, „und was geht Sie das an?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Oh, ich hielt es für wahrscheinlich. Wussten Sie, dass Sie unter einem Zeichen geboren wurden?“
Billy schluckte schwer. „Hören Sie, gute Frau, ich will nichts davon wissen, verstehen Sie? Ich weiß, dass ich kurz angebunden bin, aber ich meine das so. Ich will nichts davon wissen.“
Sie wich ein wenig zurück. „Oh, seien Sie nicht so hart!“ „Ich möchte Sie nicht verletzen, aber ich weiß nichts über religiöse Dinge und ich möchte auch nichts davon wissen.“
Billy wandte sich von ihr ab und starrte an dem Matrosen vorbei in den vorderen Teil des Busses.
„Du meine Güte, was haben Sie denn? Das hat nichts mit Religion zu tun. Ich bin auf dem Weg nach Chicago zu meinem Sohn, der ein Baptistenprediger ist. Ich arbeite im Weißen Haus. Wussten Sie, dass die Position der Sterne die Ereignisse hier auf Erden beeinflussen?“ „Ich verstehe davon nichts“, sagte Billy.
Sie sagte: „Fragen Sie doch den Matrosen vor Ihnen, ob der Mond die Gezeiten steuert.“
„Ich habe genug Verstand, um das selbst zu wissen“, raunzte Billy. Die Frau fuhr fort: „Nun, es gibt zahlreiche andere Himmelskörper, die eine Bedeutung für die Erde haben. Wenn ich genau sagen könnte, wann Sie geboren sind, würden Sie mir dann glauben?“
Billy runzelte unbehaglich die Stirn. „Das können Sie überhaupt nicht.“ Sie lächelte. „Oh doch, das kann ich. Sie wurden am 6. April 1909 um fünf Uhr morgens geboren.“
Billys ablehnende Haltung löste sich in Erstaunen auf. „Das stimmt. Aber nun sagen Sie auch diesem Seemann, wann er geboren wurde.“ Sie sagte: „Das kann ich nicht. Sehen Sie, Sie wurden unter einem Zeichen geboren. Haben Geistliche Sie niemals darauf angesprochen?“ „Ich habe nichts mit Predigern zu tun, nicht das Geringste.“ Die Augen der Frau schweiften einen Augenblick lang ab, als ob sie diesem Gedanken nachginge. „Ist es nicht eigenartig, dass Prediger das überhaupt nicht bemerken?“
Billy wiederholte: „Ich halte mich nicht dort auf, wo man Prediger findet.“
Sie konzentrierte ihren Blick wieder auf ihn. „Hören Sie, ich möchte Ihnen etwas sagen. Sie wurden unter einem Zeichen geboren als Geschenk für die Menschheit. Wenn Sie das nur erkennen könnten ... “ Er unterbrach sie. „Vielleicht werde ich ein neuer Daniel Boone. Ich liebe die Jagd und bin in Kentucky geboren.“
„Nein, das meine ich nicht.“
„Nun, dann werde ich vielleicht Geschäftsmann. Ich habe sogar Grundschulbildung!“
Sie schien das nicht lustig zu finden. „Auch das meine ich nicht. Ich weiß nicht, was Sie einmal werden, aber ich kann an Ihrer Aura sehen, dass Sie als Geschenk geboren wurden. Erinnern Sie sich an die Geschichte, wie die drei Weisen aus dem Morgenland von einem Stern zum Jesus-Kind geleitet wurden?“
„Ich verstehe nichts von Religion.“
„Aber Sie haben davon gehört, dass die drei Weisen auszogen, um Jesus zu sehen, nicht wahr?“
„Ja.“
„Nun, wer sind diese drei Weisen?“
„Oh, das sind einfach nur weise Männer, mehr weiß ich nicht darüber.“ Sie erklärte: „Die „drei Weisen“ waren genau das, was ich bin; sie waren Astrologen, Sterngucker. Wissen Sie, bevor Gott irgendetwas auf der Erde tut, kündigt Er es erst im Himmel an. Und das tat Er auch, als Jesus geboren wurde: Drei Himmelskörper kamen in eine Flucht und bildeten eine Konjunktion, welche die Aufmerksamkeit einiger Astrologen im Morgenland erregte. Der eine stammte aus der Linie Hams, der andere aus der Linie Sems und der dritte aus der Linie Japhets – der drei Söhne Noahs. Sie verkörperten alle Völker der Erde. Jeder dieser drei Männer reiste einzeln gen Westen, und sie wussten nicht, dass die anderen unterwegs waren, bis sie sich in Jerusalem trafen. Dann gingen sie nach Bethlehem und fanden dort das Jesus-Kind. Sie erkannten an der Farbe seiner Aura, dass Jesus der Auserwählte war. Sie wissen doch, was eine Aura ist, nicht wahr? Eine Aura ist das übernatürliche Licht der Seele. Jeder hat eine Aura. Es gibt Auren in unterschiedlichen Farben, und jede Farbe hat eine besondere Bedeutung. Gold bedeutet ein Geschenk Gottes. Und so beteten die drei „weisen Männer“ Jesus an und überbrachten Ihm Gaben. Sie gingen dann genau in dem Augenblick wieder, in dem diese drei Himmelskörper sich in ihre jeweiligen Umlaufbahnen trennten. In Erinnerung an das größte Geschenk, das Gott der Menschheit jemals gab – Seinen eigenen Sohn, Jesus – sendet Gott jedesmal, wenn diese drei Himmelskörper erneut in eine Flucht kommen, der Menschheit ein kleineres Geschenk. Sie wurden bei genau so einem Zusammentreffen geboren. Sie haben die Goldaura. Aus diesem Grund kenne ich den Tag und die Stunde Ihrer Geburt, und deshalb weiß ich auch, dass Ihre Bestimmung im Westen liegt.“
Aus Höflichkeit hatte Billy versucht, geduldig zuzuhören, aber jetzt hatte er genug gehört. „Gute Frau, alles, was ich weiß, ist, dass ich ein Wildhüter in Indiana bin und dass ich mein Bestes gebe. Ich bin nicht religiös, und ich möchte nichts mehr davon hören.“
Billy ging in den vorderen Teil des Busses, sodass der Matrose zwischen ihm und der Astrologin stand, was die Unterhaltung endgültig beendete.
Doch der Vorfall war nicht leicht zu vergessen und beschäftigte seine Gedanken mehr als einmal. Sein Leben schien so anders zu sein als das Leben der meisten Menschen, die er kannte – aber ein Geschenk? Was konnte das bedeuten? Und was an ihm zog diese merkwürdigen Menschen an? Die Wahrsagerin hatte gesagt, dass sie sah, dass ihm ein Licht folgte. Diese Astrologin hatte es eine Aura genannt. Billy hatte Mühe, diese Dinge in Zusammenhang zu bringen. Die Fragen überschlugen sich in seinem Kopf. Warum war er so anders? Warum hatte er diesen akuten Druck gespürt, kaum dass er den Greyhound-Bus bestiegen hatte? Und warum fühlte er sich jedesmal so elend, wenn das Thema Religion aufkam? Hatte er Angst? Vielleicht suchte Gott nach ihm, und er versuchte sich zu verstecken? Und was hatte die Frau gemeint, als sie sagte, dass seine Bestimmung im Westen liege?