1927–1929
Als William Branham in Phoenix (Arizona) ankam, zahlte ihm Herr Francisco drei Dollar dafür, dass er einen Teil der Strecke gefahren war. Das war alles, was Billy auf der ganzen Welt besaß, aber er machte sich keine Sorgen. Er war sicher, dass sich ihm Möglichkeiten bieten würden, dies zu ändern. Man schrieb Dezember des Jahres 1927. Er war 18 Jahre alt und voller Begeisterung angesichts dieser neuen Chance in seinem Leben.
Nachdem er seiner Mutter einen Brief geschickt hatte, in welchem er ihr sein Verhalten erklärte, begann Billy die Stadt zu erkunden. Er stieß bald auf ein inoffizielles Rodeo und überlegte sich: „Ich bin ein wirklich guter Reiter. Warum sollte ich nicht versuchen, bei diesem Rodeo an leichtverdientes Geld zu kommen, wo ich ohnehin pleite bin? Aber ich muss mir zunächst eine Cowboyhose besorgen, bevor ich mich vor all den Cowboys blicken lassen kann.“
Er suchte das nächste Bekleidungsgeschäft auf und probierte eine Cowboyhose aus Leder an. Sie war großartig: Das Wort Arizona war in den Gürtel eingeprägt und in jedes Hosenbein war ein Stierkopf mit Augen aus Messingknöpfen eingearbeitet. Aber sie war viel zu lang, die ledernen Hosenbeine schleiften über den Boden. Billy sah sich im Spiegel an und dachte: „Ich sehe aus wie ein Gockel – ganz Flaum und Federn.“ Der Verkäufer sagte: „Diese kostet 25 Dollar, mein Herr.“ Billy war froh, dass er eine Ausrede hatte, um abzulehnen. „Mehr als drei Dollar kann ich nicht ausgeben.“
Der Verkäufer schlug vor: „Dann sollten Sie vielleicht einen Kompromiss eingehen und eine Levi Jeans nehmen.“
Billy kaufte eine Levis und einen Cowboyhut und kehrte zum Rodeo zurück. Auf einem Zaun saß eine Reihe O-beiniger, verwegener Cowboys, die aussahen, als ob sie an so manchem Viehtreiben und an so manchem Wettkampf teilgenommen hatten. Billy dachte bei sich: „Da gehöre ich hin.“ Er kletterte neben sie auf den Zaun. Jeder um ihn herum war in gespannter Erwartung. Billy war genau in dem Moment angekommen, als ein berühmter Reiter einen berüchtigten wilden Hengst bestieg. Das Pferd war in einer nahen Box eingesperrt. Billy beobachtete den langbeinigen Reiter, wie dieser auf den Sattel sprang und dachte: „Wenn dieser Kerl das Pferd nicht reiten kann, mach ich es.“ In dem Augenblick, in dem das Tor geöffnet wurde, schnaubte das Pferd und sprang – alle vier Hufen in der Luft – aus der Box. Als es wieder auf den Boden kam, sprang es sofort wieder hoch, verrenkte seinen Körper und schlug gleichzeitig mit seinen Hinterhufen aus. Der Reiter segelte wie eine Vogelscheuche aus dem Sattel, landete mit einem dumpfen Knall auf dem Boden und lag bewegungslos in der Mitte des Pferchs. Blut rann aus seiner Nase. Während die Helfer den Hengst wieder einfingen und ihn in den Stall zurückbrachten, wurde der bewusstlose Cowboy in einen Krankenwagen geladen und weggebracht.
Ein Mann ritt langsam den Zaun entlang, auf dem Billy mit all den in Leder gekleideten Cowboys saß. Er sagte: „Ich zahle jedem, der auch nur 30 Sekunden auf dem Pferd sitzenbleibt, 50 Dollar.“ Der Mann blieb immer wieder stehen, um jedem Cowboy in die Augen zu blicken und sein Angebot zu wiederholen. Aber keiner nahm sein Angebot an. Der Mann machte vor Billy halt und fragte: „Bist du ein Reiter?“ „Nein!“, antwortete Billy.
Billy ließ sich auf einer Ranch in der Nähe einer kleinen Stadt mit dem Namen Wickenburg im Nordwesten von Phoenix anheuern. Seine Reitkünste verbesserten sich schnell, bis er sein Aufgabengebiet auf der Ranch ausführen konnte – als richtiger Cowboy, genau so, wie er es sich erträumt hatte.
Die Schönheit der Prärie überstieg seine wildesten Fantasien. Um ihn herum stiegen zerklüftete Berge aus der Ebene der Prärie empor. Riesige Saguaro-Kakteen übersäten die Wüstenebene und die Abhänge der tiefen Bergschluchten. Die Wüste bot ein Bild der Vielfalt: Überall gab es Prickly Pear, eine kleine Kakteenart, die aussah wie ein Biberschwanz mit langen, bösartigen Stacheln; den Nadelkissen-Kaktus, der so dicht mit Stacheln übersät war, dass er aussah wie ein Fell; den Tonnen-Kaktus, der aussah wie ein Fass, mit dünnen Längsrippen und die niedrigen, buschigen Bäume, bekannt unter ihrem spanischen Namen Palo Verde, welches bedeutet: Grüner Stab. Das vereinzelte Tierleben faszinierte ihn ebenso – das Gilatier, die sich seitlich windenden Klapperschlangen, Känguru-Ratten, Javelinaschweine. Alles war so exotisch, so völlig anders als im Waldland der Ohio-Flussniederung. Oh – unfassbar! Hier war er inmitten dieser prachtvollen Schönheit, wirbelte mit einem Pferd den Präriestaub auf, und arbeitete mit Cowboys und Langhornrindern. Das war das richtige Leben! Was könnte jemals besser sein? Er fühlte sich, als sei er geradewegs in einen dieser romantischen Westernfilme eingestiegen, die er als Kind so häufig gesehen hatte.
Aber nach eineinhalb Jahren auf der Ranch begann die Illusion der Vollkommenheit zu schwinden. Je weiter der Sommer des Jahres 1929 voranschritt, desto unzufriedener wurde Billy. Er fragte sich häufig, woran das lag. Er war in die Wüste gekommen, um hier Frieden und Erfüllung zu finden, aber irgendwie entschwanden sie ihm. Er war nicht glücklich, zumindest nicht vollkommen. Irgendetwas fehlte noch immer in seinem Leben. Aber was?
Schließlich war die Zeit für das herbstliche Viehtreiben gekommen. Während des Sommers ließen viele Rancher ihre Herden auf den gleichen Ländereien hoch in den Bergen weiden, wo das Gras dicht zwischen den hohen Kiefern wuchs. Im Herbst arbeiteten dann alle vereint, um das verstreute Vieh zusammenzutreiben und hinunter auf die Ranchen im Tal zu bringen, wo es dann nach den Brandzeichen getrennt wurde. Im vergangenen Jahr hatte Billy das Viehtreiben im Herbst als das Aufregendste empfunden, das er jemals in seinem Leben getan hatte. Aber dieses Jahr spürte er diese stetige Unruhe, die ihn den ganzen Sommer lang gequält hatte. Was war nur los?
Als es Abend wurde, nahm Billy den Sattel von seinem Pferd und legte ihn in der Nähe des Lagerfeuers als Kissen hin. Nach dem Abendessen lehnte er sich dann gegen den Sattel, um den Sonnenuntergang hinter den Bergen zu beobachten, welcher leuchtende Streifen in Orange, Pink und Rot auf den Himmel zauberte. Ein alter Texaner mit dem Namen Slim stimmte seine Gitarre. Jede Nacht ließ Slim die Wüste mit seinen Cowboy-Balladen erklingen, begleitet von einem weiteren Cowboy, der durch einen Kamm blies, um damit ein Stück Papier im Einklang zur Musik summen zu lassen. Slim sang:
Des Cowboys Seligkeit Gestern Nacht lag ich wach auf dem Farmland Und erblickte das Sternengezelt.
Und ich frug mich, ob jemals ein Cowboy Wird Erbe der himmlischen Welt.
Einen Weg gibt es zu jenem Lande Und der Pfad ist recht dunkel, so heißt’s Doch der breite, der führt zur Verdammnis, In strahlendem Lichte ergleißt.
Man erzählt von ’nem anderen Rancher, Dem niemals an Arbeit es fehlt, Er schaffet stets Raum für den Sünder, Der tapfer den schmalen Weg wählt.
Man sagt, er verlässt einen niemals Und er kennt jeden Schritt, den wir tun, Wir werden wohl besser gebrandmarkt, Und erscheinen im Abrechnungsbuch.
Denn es heißt, es gibt einst einen Roundup, Wo Cowboys wie Diebe dann steh’n.
Und furchtlose Reiter des Himmels Nach Brandmal ein’ jeden anseh’n.
Ich glaub’ dort gleich ich einem Jährling, Bin ein Mann, der zum Tode verdammt, Werd’ gestohlenem Vieh gleich geschlachtet, Wenn der Boss jener Reiter erscheint.
Billy verstand, was die Worte der Ballade zum Ausdruck brachten. Streunende Jährlinge waren Vieh ohne Brandzeichen, die im Suppentopf landeten. Und was war das mit dem großen Besitzer mit seinem Abrechnungsbuch? Billy fragte sich, ob das der Grund seiner Unruhe war. Hatte es etwas mit Gott zu tun?
Slim stimmte eine weitere Melodie an, diesmal handelte es sich um ein altes Kirchenlied:
Am Fuße des Kreuzes, da Jesus starb, Wo um Befreiung von Sünd’ ich bat, Dort ich dem Heiland mein Herze gab, Ehre seinem Namen.
Tiefer Schmerz durchfuhr Billys Herz, als er dieser langsamen, getragenen Melodie zuhörte. Er drehte sich um und zog die Decke über seinen Kopf, sodass gerade noch genügend Platz für seine Augen und seine Nase blieb. Die Sterne schienen so nah, als ob sie ganz knapp über den Bergen festgeklebt seien. Während Billy das ewige Flüstern des Windes in den Kiefern vernahm, meinte er Gott ihn rufen zu hören, gleichwie dieser einstmals Seinen ersten vom Wege abgekommenen Sohn gerufen hatte: „Adam, Adam, wo bist du?“
Nach drei Wochen endete das Viehtreiben. Die Cowboys zogen zurück auf ihre Ranch, um ihren Lohn abzuholen und ihre Post zu lesen. Auf Billy wartete ein Brief von seiner Mutter, mit einem Datum auf dem Poststempel, das schon einige Wochen zurücklag. Unter anderem berichtete sie, dass Edward sehr krank war. Billy nahm es nicht ernst und glaubte, sein Bruder habe eine Erkältung oder eine Grippe. An diesem Nachmittag fuhren alle Cowboys nach Phoenix hinunter, um zu feiern. Obwohl Billy nicht so sehr nach Feiern zu Mute war wie den anderen, ging er mit, um etwas Abwechslung zu haben. Während die Rancharbeiter in den Saloon gingen, wanderte Billy allein durch die Straßen. Sein Herz war immer noch voller Kummer. Was war nur los? Er hatte mit Sicherheit kein Heimweh. Er liebte Arizona, liebte die Wüste und seine Arbeit machte ihm Spaß. Aber irgendwie fühlte er sich innerlich leer, unvollständig, und konnte nicht herausfinden, woran das lag. Er saß eine Weile da und beobachtete den Verkehr. Eine hübsche junge Spanierin schlenderte vorbei, klimperte mit den Augenlidern und ließ ihr weißes Taschentuch fallen. Billy, der mit seinen Gedanken ganz woanders war, sagte: „He, du hast dein Taschentuch verloren.“ Das Mädchen hob das Tuch auf und ging weiter.
Billy hörte Musik von weiter unten auf der Straße. Er folgte der Musik, bis er eine alte, verlassene Rodeo-Arena erreichte. Dort, nahe der Pferdeboxen spielte ein alter Cowboy auf seiner Gitarre und sang:
Am Fuße des Kreuzes, da Jesus starb, Wo um Befreiung von Sünd’ ich bat, Dort ich dem Heiland mein Herze gab, Ehre seinem Namen.
Doch dieser Cowboy sang mit mehr Gefühl als Slim in der Prärie. Dieser Mann sang das Kirchenlied, als ob er es auch so meinte. Tränen rannen ihm über seine pockennarbigen Wangen. Am Ende des Refrains drehte er sich zu Billy um und sagte: „Bruder, du weißt nicht, was es ist, bis du diesen wunderbaren Jesus Christus angenommen hast.“ Und er fing noch einmal mit dem Refrain an: „Ehre seinem Namen.“ Billy zog seinen Hut tiefer in die Stirn und ging weg. Unaussprechliche Gefühle wühlten sein Herz auf.
Als Billy zum Saloon zurückkehrte, lachten seine Kollegen bereits lauthals, schossen sich gegenseitig nach den Zehen, um einander zum Tanzen zu bewegen und setzten jeweils fünf Dollar darauf, dass sie noch schnurstracks geradeaus gehen konnten, waren aber schon so betrunken, dass sie Mühe hatten, auch nur auf dem Bürgersteig zu bleiben. Billy trieb sie alle zum Auto und fuhr sie zurück nach Wickenburg. Am nächsten Morgen, als Billy den Speisesaal betrat, wurde ihm eine Notiz übergeben, die besagte: „Billy, komm auf die Nordweide, sehr wichtig.“ Pop, ein alter Lone Star Ranger, wartete am Tor der Weide auf ihn. „Ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten für dich“, sagte Pop. Er übergab Billy ein Telegramm mit dem folgenden Wortlaut: „Dein Bruder Edward ist letzte Nacht verstorben. Komm sofort nach Hause.“
Wie betäubt stand er da, die Nachricht in den Händen. Es war der erste Todesfall, den er im engsten Familienkreis erlebte. Er wandte sich von Pop ab und sah hinaus auf die gelbe, sonnenverbrannte Prärie. Tränen liefen ihm die Wangen hinab. Er dachte daran, wie hart das Leben für sie als Jungen gewesen war. Der Schulbesuch ohne geeignete Kleidung, ohne Schulbücher, Papier und Stifte; manchmal sogar ohne ausreichende Nahrung. Dann erinnerte sich Billy daran, wie er seinem Bruder jene Handvoll Popcorn gestohlen hatte. Ach, wenn er doch nur die Zeit zurückdrehen und sie noch einmal leben könnte, niemals wieder würde er einer solchen Köstlichkeit wegen einen armen hungrigen Freund bestehlen. Aber er konnte die Uhr nicht zurückdrehen. Jetzt konnte er nicht einmal mehr um Verzeihung bitten. Edward war tot. Billy fragte sich, ob Edward bereit war, Gott zu begegnen. Dann traf ihn der Gedanke: Wie sah es denn bei ihm selbst aus? War er bereit, Gott zu begegnen?
Billy kehrte zur Beerdigung nach Jeffersonville zurück. Am Ende der Predigt sagte Reverend McKinney: „Es mag hier einige geben, die Gott nicht kennen. Wenn das der Fall ist, nehmt Ihn jetzt an.“ Billy hielt sich an seinem Sitz fest, um nicht aufzustehen. Etwas Sonderbares schien an seinem Herzen zu ziehen – eine Art magnetischer Anziehungskraft, die er nicht verstand. Aber was auch immer es war, es machte ihn elend. Nach der Beerdigung plante Billy, nach Arizona zurückzukehren, doch seine Mutter bat ihn inständig, in Indiana zu bleiben, sodass Billy schließlich einwilligte – vorausgesetzt, er fände Arbeit. Schon bald fand er eine bei den öffentlichen Versorgungsbetrieben, für die er dann Gräben für Gasleitungen zog. So entschloss er sich, vorerst in Jeffersonville zu bleiben.
Der Schnee kam spät im Herbst des Jahres 1929. Als Billy eines Tages aufwachte und sah, dass der Boden mit Schnee bedeckt und gefroren war, nahm er eine der Decken seiner Mutter, fuhr hinaus auf den Friedhof, fegte den Schnee von Edwards Grab und legte die Decke über den frischen Erdhügel. Er wollte, dass Edward es warm hatte.