1923–1924
William Branham verbrachte seinen vierzehnten Sommer – im Jahr 1923 – damit, seinem Vater bei der Garten- und Feldarbeit zu helfen. Charles hatte zwei Pferde. Ein altes Ackerpferd, das ihm selbst gehörte, und ein jüngeres Pferd, das er von Herrn Wathen geliehen hatte. Da er zwei einseitig ausgerichtete Streichbrettpflüge besaß, setzte Charles die beiden Pflüge immer gleichzeitig ein. Im Juni pflügten Billy und sein Vater zwischen den Maisreihen, als die Pferde plötzlich schnaubten und nervös mit den Hufen stampften. Billy hatte Mühe, sein Pferd zwischen den Reihen zu halten und zu verhindern, dass der Streichbrettpflug zwischen die Maisstengel geriet. Er rief: „Papa, was ist mit dem Pferd los?“
Charles’ Pferd tänzelte ebenfalls unruhig hin und her. Charles hielt an, wischte sich mit seinem rot-weiß-karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn und betrachtete den Horizont. „Mein Sohn, es kommt ein Sturm auf.“
Billy blickte in den klaren, blauen Himmel. „Sturm? Ich sehe nicht einmal ein Anzeichen eines Sturms, Papa.“
„Davon verstehst du nichts. Gott hat den Pferden einen Instinkt gegeben. Sie können den Sturm schon aus großer Entfernung riechen.“ Sie fingen wieder an zu pflügen, waren aber nur zwei Reihen weiter gekommen, als dunkle Wolken am Horizont aufzogen. Sie hatten gerade noch Zeit die Pferde in die Scheune zurückzubringen, bevor das Gewitter losbrach. Billy dachte selten an Gott, denn das war ein Thema, das nur wenig Raum in den Gesprächen des Hauses einnahm; aber an diesem Tag dachte er an Ihn und er fragte sich, welch weitere kluge Instinkte Gott den Tieren verliehen haben mochte. Und während Billy über all die wunderbaren Dinge nachdachte, die er unter den Tieren des Waldes gesehen hatte, stellte er fest, dass Gott doch ein recht schlauer Kerl sein müsse.
An einem Samstagmorgen bat Billy darum, den Tag über in der Stadt verbringen zu dürfen. Charles zahlte ihm einen Dime (10 Cent-Stück) als Wochenlohn für seine Hilfe und sagte: „Aber gib nicht alles an einem Ort aus, mein Sohn.“
Billy fuhr per Anhalter nach Jeffersonville und ging zum Haus seines Cousins Jimmy Poole. Dann schlenderten er, Jimmy und Earnest Fisher in die Stadt, um dort ihr Geld unter die Leute zu bringen. Billy spielte auf dem Weg mit dem Dime in seiner Tasche. Er kam sich so reich vor. Zuerst kaufte er sich ein Hörnchen Eiscreme für einen Penny. Nachdem er das Eis aufgegessen hatte, kaufte er sich noch zwei weitere. Dann ging er in Schimpffs Süßwarenladen und beäugte die zahlreichen Reihen von Bonbongläsern. Billy war nicht zum ersten Mal hier und wusste darum schon, was er am liebsten mochte. Er zahlte zwei Cent für ein halbes Pfund rote, scharfe Bonbons. Dann hatte er noch einen Nickel übrig – gerade genug für den Langzeit-Spielfilm im Kino „Leo’s Theater“.
Nachdem er stundenlang Western angeschaut hatte, stellte sich Billy in seiner Fantasie vor, wie es wäre, im Westen zu leben und der Hauptdarsteller auf einer Freizeit-Ranch zu sein. Der Höhepunkt seines jugendlichen Ehrgeizes bestand darin, ein richtiger Cowboy zu sein, mit allem, was dazugehört: Lederbesetzten Reithosen, Stiefeln, einem Cowboyhut und einem störrischen Pferd, das keiner außer ihm zu reiten vermochte. Er hatte seinen Vater häufig darüber reden hören, wie er in jungen Jahren wilde Mustangs zugeritten und an Rodeos von Kentucky bis Texas teilgenommen hatte. Billy dachte: „Oh, wenn ich doch nur ein wenig älter wäre, dann würde ich in den Westen ziehen und ein richtiger Reiter werden.“
Billy „übte“ auf dem alten Ackerpferd. Wenn er mit seinem Vater einen Tag auf dem Feld verbracht hatte, kam Billy immer ein wenig früher nach Hause, um seinen lästigen häuslichen Pflichten nachzukommen. Er führte den alten Gaul hinter die Scheune an die Tränke, die aus einem ausgehöhlten Baumstamm geschnitzt war. Das Pferd tauchte seine Schnauze durstig ins trübe Wasser, während Billy das Zaumzeug abnahm und in die Scheune trug. Bienen summten über der Tränke. Billys jüngere Brüder versammelten sich um die Tränke herum. Sie hatten aus dem Haar, das man aus der Mähne und dem Schweif des Pferdes heraus gekämmt hatte, eine „Schlange“ geflochten, die sie nun auf dem Wasser schwimmen ließen. Während das Pferd trank, schlug das Wasser Wellen, sodass sich die „Schlange“ darin wie eine sich windende Mokassin-Schlange bewegte.
Billy schleppte einen Sattel aus der Scheune herbei und warf ihn dem Pferd auf den Rücken. Um die Tränke herum wuchsen dicke Spitzkletten. Billy sammelte eine Handvoll der stechenden Köpfe, stopfte sie unter den Sattel und zog dann den Sattelgurt fest. Seine Brüder reihten sich am Zaun für die Show auf. Billy sprang auf den Rücken des Pferdes, rammte ihm seine Fersen in die Seite und versuchte, es zum Bocken zu bewegen. Das arme alte Pferd, müde von der Arbeit des Tages, wieherte nur auf und drehte sich herum, hob aber kaum die Hufe. Billy wiegte sich auf dem Sattel nach vorn und nach hinten und tat so, als ob das Pferd ein wilder, bockiger Mustang sei. Er rief: „Seht mich an, ich bin ein Cowboy“, und schlug dem Pferd dabei mit dem Strohhut auf das Hinterteil. Seine Brüder lachten und klatschten Beifall.
In diesem Herbst verbrachte Billy nach der Ernte immer mehr Zeit in den Wäldern, wo er fischte und mit Fritz, seinem Jagdhund, auf die Jagd ging. Billy liebte seinen Hund und prahlte, dass Fritz in der Lage sei, jedes Tier einen Baum hochzujagen, das in der Lage war, zu klettern. Nicht einmal ein Stinktier konnte den Hund in seiner Treue entmutigen. Fritz jagte ein Stinktier in das Unterholz, umkreiste das Dickicht dann bellend, um das Stinktier daran zu hindern, zu entkommen. Wenn Billy schließlich ankam, musste er einfach nur das Dickicht anheben und sagen: „Such ihn, Junge.“ Ohne zu zögern stürzte sich Fritz dann in das Gehölz und schnappte das Stinktier, wobei er den schrecklichen Gestank, den das Stinktier auf ihn spritzte, völlig ignorierte. Billys Mutter war von dieser Praxis natürlich weniger begeistert. Jagen und Fischen wurde immer mehr zum Zeitvertreib für Billy. Seine Stunden in den Wäldern wurden für ihn zur Zuflucht vor der Außenwelt, eine friedliche Unterbrechung in einem Leben, das ihn sonst viel zu sehr durch unerträgliche Umstände einengte. In den Wäldern fühlte sich Billy nicht wie ein Ausgestoßener. Er hatte das Gefühl, ein Teil der Natur zu sein, ein Teil des Rhythmus der Jahreszeiten, ein Teil der natürlichen Ordnung des Universums. Er hatte das Gefühl: Hier gehöre ich hin. Billy begann, sich immer weiter von zu Hause zu entfernen und entdeckte dabei Tunnel Mill, ein ländliches Gebiet etwa 25 Kilometer nordöstlich von Jeffersonville in der Nähe von Charlestown, Indiana. Das Gebiet hatte seinen Namen von einer bemerkenswerten Kornmühle, die direkt an den Bach Fourteen Mile Creek gebaut war. Anfang des 19. Jahrhunderts suchte ein Mann namens John Work nach einem geeigneten Ort für den Bau einer Mühle. Es war nicht einfach, den idealen Ort ausfindig zu machen. Das Wasser musste mit ausreichender Geschwindigkeit und in ausreichender Menge fließen, um das riesige Wasserrad der Mühle in möglichst vielen Monaten des Jahres anzutreiben. John Work bemerkte, dass an einer Stelle der Fourteen Mile Creek sich beinahe vollständig um einen großen Felshügel wand und dabei ungefähr acht Meter Gefälle hatte. Er berechnete scharfsinnig, dass wenn er die Mühle an der stromabwärts gelegenen Seite des Hügels baute und einen Tunnel direkt durch den Fels zur stromaufwärts gelegenen Seite freisprengte, der steile Abfall des Tunnels die erforderliche Wasserkraft gewährleisten würde. Die Mühle und der Tunnel wurden im Jahre 1820 fertiggestellt und so erhielt die Gegend den Namen Tunnel Mill (Tunnelmühle). Dreißig Jahre später verkaufte John Works Sohn die Kornmühle an Wilford Green, dessen Familie sie seit dieser Zeit betrieb. Aus diesem Grund wurde die Gegend von den Einheimischen auch gelegentlich Green’s Mill genannt.
Von der Zivilisation abgeschnitten, bot das Gebiet um Tunnel Mill überreichlich Fische, Wild, Opossums, Stinktiere, Waschbären, Bisam ratten, Biber, Eichhörnchen, Bäume, Hügel, Felsen, Bäche, Stille und Behaglichkeit – kurz, alles, was Billy sich vom Leben wünschte. Er besuchte die Gegend häufig, indem er auf den Lieferwagen mitfuhr, die zwischen Charlestown und Jeffersonville hin- und herpendelten. Manchmal konnte er seine zwei Kameraden Jimmy Poole und Sam Adair überreden, ihn zu begleiten. Manchmal nahm er auch Edward oder Henry mit. In der Regel schlief er auf diesen Ausflügen in einer verlassenen Wildhüterhütte und fing sich sein Frühstück direkt aus dem Bach. An einer Stelle war der Fourteen Mile Creek drei Meter tief und zwölf Meter breit – ein idealer Ort zum Schwimmen und Baden. Billy nannte diesen Ort das „Biberloch“. Er packte ein langes Seil ein und band dieses an einen Ast, der weit über das Wasser ragte. Vom Ufer aus konnten die Jungen in hohem Bogen über den Bach schaukeln und loslassen, wenn sie genug Schwung hatten. Das Seil brachte den Jungen unzählige Stunden voller Spaß.
Wenn Billy niemanden dazu überreden konnte, ihn zu begleiten, trampte er allein nach Tunnel Mill. Er verbrachte Tage damit, zu jagen und zu fischen und die zerklüfteten Waldgebiete zu erkunden. Während einer seiner Erkundungstouren entdeckte er zufällig seinen späteren geheimen Rückzugsort. Er kam um einen Hügel herum und fand sich am Fuße einer Kalksteinklippe. Unter ihm fiel das Land steil in eine ungefähr 27 Meter tiefe Schlucht ab. Die ganze Gegend war stark bewaldet und mit großen Kalksteinbrocken übersät, die von den darüber aufragenden Klippen gefallen waren. Billy bewegte sich vorsichtig am Fuß der Klippen entlang, als er plötzlich ein ungefähr dreiviertel Meter breites, fast vollständig im dichten Unterholz verborgenes Loch zu seinen Füßen bemerkte. Zuerst nahm er an, dass es sich um einen Fuchsbau handelte – einen Riss im Felsen, der Tiere vor dem Wetter schützte. Eine genauere Untersuchung jedoch ergab, dass es der Eingang zu einer Höhle war. Billy ließ sich, mit den Füßen vortastend, in die Öffnung hineingleiten. Das Loch war ungefähr einen Meter tief. Von dort senkte sich der Boden nach hinten in den Hügel hinein, bis er in einen engen Gang mündete, der hoch genug war, um darin stehen zu können. Die Luft war kühl und feucht. Billy tastete sich ein kurzes Stück den Gang entlang, bis er Angst bekam. Was würde passieren, wenn er in ein Loch fiele? Er wagte es nicht, zu weit in die Dunkelheit vorzudringen. Aber er würde später besser vorbereitet zurückkehren.
Das nächste Mal, als Billy in der Gegend war, brachte er einige Kerzen mit, um auch den hinteren Teil der Höhle erforschen zu können. Er zwängte sich durch die Öffnung und rutschte die glitschige Schräge hinunter bis zu der Stelle, wo er aufrecht stehen konnte. Der Gang war ungefähr einen halben Meter breit. Obwohl die Wände fast rechtwinklig waren, betonte das Flackern des Kerzenlichts die vielen Winkel im Kalkgestein. Der Gang führte leicht nach rechts und wurde ein wenig breiter. An dieser Stelle waren sowohl der Boden als auch die Decke recht eben, als ob dieser Teil der Höhle als menschliche Behausung geschaffen worden sei. Es gab sogar einen flachen Vorsprung an einer Wand, der genau die richtige Größe für ein Bett hatte. Nach weiteren vier Metern verengte sich der Gang wieder, und Boden und Decke wurden uneben. Die Decke war jetzt von eckigen und kantigen Kalksteinbrocken geprägt, die eng ineinander verkeilt waren, aber dennoch den Eindruck vermittelten, dass sie jeden Augenblick fallen könnten. Bisher hatte er vom Eingang aus etwa acht Meter zurückgelegt. Plötzlich hielt er an und pfiff vor Erstaunen. Vor ihm weitete sich die Höhle zu einem kleinen Raum aus. In der Mitte des Raumes befand sich ein Tisch aus einem einzigen massiven Kalksteinblock. Der Tisch war rechteckig, ungefähr ein Meter hoch, ein Meter breit und eineinviertel Meter lang. Die Tischplatte war bemerkenswert flach und eben, und die vier Kanten sahen vollkommen rechtwinklig aus. Der auffälligste Gegenstand in dem Raum war jedoch ein scharfkantiger, dreiseitiger Felsbrocken, der wie eine umgekehrte Pyramide aus der Decke herunterragte. Dieser Stein hing direkt über dem Tisch; die Spitze der Pyramide befand sich nur wenige Zentimeter über der Tischfläche.
Billy war sehr zufrieden mit seinem Fund. Es schien ein perfektes Versteck zu sein. Er beschloss, weder seinen Brüdern noch seinen Kameraden etwas davon zu erzählen. Es sollte sein besonderes Geheimnis bleiben. Als er die Höhle verließ, tarnte er den Eingang, sodass kein anderer Jäger oder Wanderer ihn zufällig entdecken konnte.
Dies waren die besseren Zeiten seiner Jugend, die später zu den guten Erinnerungen zählen würden – das Wandern durch die Wälder, das Schlafen unter freiem Himmel, das Angeln für das Frühstück, das Jagen mit der 22er Büchse für das Abendessen. Billys Schießkünste verbesserten sich, bis er Eichhörnchen auf eine Entfernung von knapp 50 Metern erlegen konnte und sie jedesmal direkt zwischen die Augen traf. Es wurde für ihn zu einem richtigen Sport, und er drückte nicht eher ab, bis dass das Eichhörnchen in seine Richtung sah. Genauso gut konnte er mit der Schrotflinte umgehen, mit der er jeden Wildvogel spielend mitten im Flug herunterholte.
Eines Abends im Herbst des Jahres 1923 ging der 14-jährige Billy mit seinem Cousin Jimmy Poole nach Hause. Die zwei hatten während des Nachmittags auf Vögel geschossen, waren aber jetzt mit ihren Gedanken schon ganz woanders; sie scherzten, lachten und ärgerten sich gegenseitig. Unglücklicherweise hatte Jimmy es versäumt, seine Schrotflinte zu entladen. Plötzlich ging die Flinte los und traf Billys Beine aus nächster Nähe. Billy brach vor Schmerzen schreiend zusammen. Jimmy fiel auf die Knie und stammelte: „Es tut mir leid, Billy, es tut mir so leid. Es war ein Unfall. Ich wollte nicht ... “ Dann sah er sich die Beine seines Freundes genau an. Jimmy wurde leichenblass. „Billy, beweg dich nicht. Ich hole Hilfe.“
„Nein, lass mich nicht allein“, schrie Billy. Aber Jimmy rannte schon flink wie ein Hase davon. Als Billy auf seine Beine herunterblickte, sah er mit Schrecken, dass sie beinahe entzwei geschossen waren. Er ließ seinen Kopf wieder auf den Boden sinken und zitterte vor Angst. „Oh Gott, sei mir gnädig“, stöhnte er. „Du weißt, dass ich niemals –“ und dann hielt er inne und versuchte, etwas Gutes in seinem Leben zu finden, etwas, das Gott dazu bewegen könnte, ihm gnädig zu sein. Das Einzige, was ihm einfiel war: „Oh Gott, sei mir gnädig. Du weißt, dass ich niemals die Ehe gebrochen habe.“
Bald kam Jimmy mit einem Nachbarn namens Frankie Eich zurück, der Billy in das Clark County Memorial Krankenhaus brachte. Billy schrie vor Schmerzen, während die Schwestern mit Scheren große Stücke Fleisch aus der Wunde herausschnitten und die klaffenden Wunden bestmöglich säuberten. Herr Eich hielt Billys Hand. Als die Schwestern ihre Arbeit beendet hatten, mussten sie Billys Finger gewaltsam von Herrn Eichs Handgelenk lösen. Eine Röntgenaufnahme zeigte, dass Schrotkugeln so dicht an beiden Seiten der Arterien lagen, dass schon ein kleiner Kratzer die Venen öffnen und eine Blutung verursachen könnte. Zu dieser Zeit gab es noch keine Bluttransfusionen. Wenn Billy zu viel Blut verlor, würde es tödlich enden.
In dieser Nacht schlief Billy schlecht. Manchmal wimmerte er nur leise, manchmal stöhnte er vor Schmerzen. Irgendwann nach Mitternacht wachte er durch ein plätscherndes Geräusch auf. Er fühlte an seinen zerschossenen Beinen herunter und seine Hände tauchten in eine Blutlache. Er läutete nach der Schwester, aber alles, was sie tun konnte, war, das Blut mit Handtüchern aufzuwischen und die Verbände fester zu wickeln.
Am nächsten Morgen rollten die Schwestern Billy in den Operationssaal und verabreichten ihm Äther als Narkosemittel. Dr. Reeder tat, was in seiner Macht stand, um die verletzten Beine zusammenzuflicken, aber da Billy so schwach war, glaubte der Arzt nicht, dass Billy überleben würde. Außer Billys Mutter und Vater standen Billy noch zwei weitere Frauen in seiner Qual bei: Frau Stewart, eine Freundin der Familie, und Frau Roeder, deren Mann der Werksleiter der ortsansässigen Autofirma war.
Billy schlief nach der Narkose acht Stunden lang. Als er schließlich seine Augen öffnete, sah er Frau Roeder neben seinem Bett sitzen und weinen, weil er dem Tod so nahe war. Er sank in den Schlaf zurück und in der nächsten Stunde schwankte er zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit hin und her. Dann geschah etwas – einem Traume gleich und doch weit realer; glasklar, als sei er tatsächlich dort ... und in diesem Bewusstsein fühlte er, dass er fiel – durch lose Wolkendecken in eine dunkle Ewigkeit; sinkend tiefer, tiefer, tiefer ... Es schien, als hätte jene Welt kein Fundament, nichts, was sein Fallen stoppen könnte. Er schrie: „Papa!“ Das Wort schien flach und leblos. „Mama!“, schrie er, „Mama!“ Seine Mutter war nicht da. „Gott!“, schrie er, „fang mich auf!“ Seine mitleiderregenden Schreie verhallten in der endlosen Leere. War denn die Finsternis unendlich? War er bereits jenseits der Welt, außerhalb der Reichweite Gottes? Vielleicht würde er auf ewig so weiter fallen. Entsetzen ergriff ihn.
Dann hörte er schwach, ganz schwach Geräusche, spukhafte, stöhnende Geräusche. Während er fiel, wurden die Geräusche immer lauter, bis sie ihn ganz und gar umgaben – ein Stöhnen und Ächzen. Jetzt erschienen Gesichter in der Dunkelheit, Frauengesichter, abscheuliche Fratzen mit grünen bösartigen Wundmalen um die Augen und verzerrten Mündern, die stöhnten: „Uh ... uh ... uh ... uh ... “
Billy schrie auf: „Oh Gott, sei mir gnädig! Erbarme Dich meiner! Wenn Du mich nur zurückkehren und leben ließest, verspreche ich Dir, ein braver Junge zu sein!“
Augenblicklich befand er sich wieder im Krankenzimmer. Sein verschwommener Blick nahm langsam die dunklen, tiefliegenden Augen seiner Mutter wahr. Ihr Gesicht hellte sich auf und sie nahm ihren Sohn weinend in den Arm, „Oh, Billy, Billy, wir dachten, du seist tot. Gott sei Dank, du lebst.“
Er lebte, ja, aber nur so eben. Zu jener Zeit gab es kein Penicillin und die schweren Wunden waren glühend rot infiziert. Sein Aufenthalt im Krankenhaus erstreckte sich über mehrere Wochen. Die Branhams hatten kein Geld für die Krankenhausrechnungen, und so rief Frau Roeder zu einer Spendensammlung für Billy auf. Alle Arzt- und Behandlungskosten wurden schließlich von ihrer Kirchengemeinde, den Freimaurern, dem Ku Klux Klan und Privatspendern beglichen.
Schließlich sagten die Ärzte, Billy sei wieder so weit hergestellt, um nach Hause entlassen werden zu können. Doch seine Leidenszeit war noch lange nicht vorüber. Auch zu Hause musste er noch ständig das Bett hüten. Monate vergingen, und es wurde nicht besser mit seinen Beinen. Billy warf sich zahllose dunkle und schmerzhafte Stunden auf seiner Strohmatratze hin und her und dachte über das seltsame Erlebnis nach, wo er in eine solch schreckliche Finsternis versunken war. Alles hatte so real, so lebendig gewirkt. Wo war er gewesen? Die Ärzte hatten ihm später seinen physischen Zustand zu diesem Zeitpunkt beschrieben: Sein Puls war kontinuierlich abgefallen, sodass sie sich sicher waren, dass er stürbe. Billy fragte sich, ob er vielleicht in die Hölle gefallen war. Es beschäftigte ihn. Er dachte: „Oh, lass mich niemals an diesen Ort gehen, lass niemals irgendein menschliches Wesen an einen solchen Ort gehen müssen.“ Dann dachte er daran, was er Gott versprochen hatte: „Wenn Du mich nur leben ließest, verspreche ich Dir, ein braver Junge zu sein.“ Was bedeutete das „ein braver Junge zu sein“ und wer war Gott überhaupt? Das ganze Erlebnis beunruhigte ihn.
Als der kalte Winter schließlich in das Frühjahr des Jahres 1924 überging, wurde es offensichtlich, dass Billys Wunden nicht abheilten, sondern immer schlimmer wurden. Seine Waden waren derart angeschwollen, dass sie doppelt so dick waren wie normal, sodass er seine Beine nicht mehr ausstrecken konnte. Dr. Reeder diagnostizierte Blutvergiftung, verursacht durch die Rückstände in seinen Wunden. Billys Leben war wiederum in Gefahr. Der Arzt empfahl, beide Beine an den Hüften zu amputieren. Billy konnte den Gedanken nicht ertragen, seine Beine zu verlieren. Wie sollte er jemals wieder jagen und durch die Wälder wandern? Da konnte er lieber gleich sterben. Mit absoluter Entschlossenheit weigerte er sich, seine Beine amputieren zu lassen und sagte unter Tränen: „Nein, Herr Doktor, dann sollten sie noch etwas höher ansetzen und die Beine hier abschneiden“ – und fuhr sich mit der flachen Hand über den Hals.
„Es gibt eine Chance, wie du es auch ohne Amputation schaffen könntest“, antwortete Dr. Reeder. „Wir könnten versuchen, die Fremdkörper aus den Wunden herauszuoperieren. Es ist eine kleine Chance, aber es könnte funktionieren.“
Das war eine kleine Chance, auf die sich Billy gern einließ. Also lag Billy sieben Monate nach dem Unfall mit der Schrotflinte wiederum auf dem OP-Tisch. Dr. Reeder und Dr. Pearl, ein Spezialist aus Louisville, öffneten seine Wunden und suchten sorgfältig in seinem Fleisch nach Rückständen und entfernten kleine Stückchen fettiger Jagdkleidung, Teile des Ladepropfens der Schrotflinte und so viel Bleischrot, wie sie finden konnten. Dann nähten sie die Wunden wieder zu und hofften das Beste.
Billy schlief viele Stunden unter der Narkose. Als er nach diesem Dämmerzustand in das helle Licht des Bewusstseins zurückkehrte, hatte er ein weiteres besonderes Erlebnis, das genauso lebendig und real wie das vorherige war, aber dennoch ganz anders. Dieses Mal wusste er, dass er hellwach war, da er im Krankenhausbett lag und seinen Vater direkt anschaute. Das Krankenzimmer verschwamm plötzlich, und er schien mit einem Mal in der Prärie im Westen zu stehen. Kakteen und Grasbüschel wuchsen in allen Richtungen so weit das Auge blickte. Ein riesiges goldenes Kreuz hing vor ihm im Himmel, das wie die Sonne glänzte und Strahlen von Licht aussandte. Als Billy seine Hände in Richtung dieses Kreuzes ausstreckte, schienen einige dieser Lichtstrahlen direkt in seine Brust zu fließen. Dann endete dieses Erlebnis und Billy fand sich im Krankenzimmer wieder, seinen Vater vor sich.
Die Operation war erfolgreich.