Blaue Bücher

Übernatürlich

Übernatürlich – Buch 1

Gnadenlos zusammengeschlagen

1922–1923

Am 5. Mai 1923 wurde Ella Branham von ihrem achten Sohn ent bunden, den sie Howard Duffy nannte. Er folgte Charles jr. 4 Jahre, Jesse 7, Edgar 9, Melvin 11, Henry 12, Edward 13, und William, der jetzt gerade 14 Jahre alt war. Für Charles Branham wurde es immer schwieriger, seine acht Kinder zu ernähren, besonders in den kalten Monaten. Im Winter 1922/23 begann Billy, Fallen aufzustellen, um einen Beitrag zur Versorgung der Familie zu leisten. Der bewaldete Landbesitz von Herrn Wathen wimmelte nur so von Bisamratten, Opossums, Kaninchen, Bibern und Stinktieren. Um zwei Uhr morgens verließ Billy das Haus mit seiner Laterne, um die Fallen zu überprüfen, und häufig kam er gerade erst rechtzeitig nach Hause, um zur Schule zu gehen. Da er keine Kleidung zum Wechseln besaß, saß er häufig in der Klasse und verbreitete den Geruch des Stinktiers, das er am Morgen des gleichen Tages enthäutet hatte – sehr zum Ekel der anderen Schüler. Aber diese zusätzliche Mühe zahlte sich für die Familie aus. Wenn Billy ein Kaninchen fing, konnte er es für 15 Cent verkaufen; mit dem Geld konnte er sich dann eine Schachtel 22er Patronen leisten und drei oder vier weitere Kaninchen erlegen. Seine Mutter servierte dann stets eines der Kaninchen mit Maisbrötchen und Soße zum Abendessen. Die anderen Kaninchen würde Billy in der Stadt verkaufen und mit dem verdienten Geld Maismehl oder Weizenmehl kaufen.

Die Fahrt in die Stadt war für Billy häufig recht deprimierend. Die Branhams hatten einen schlechten Ruf in der Gegend um Jeffersonville, und es kam oft vor, dass jemand die Straßenseite wechselte, um Billy aus dem Weg zu gehen. Manche Leute redeten mit ihm, solange sie keiner dabei beobachtete; sobald sich jedoch jemand näherte, brachen sie das Gespräch mit Billy ab und gingen davon. Das tat weh. Billy wusste, dass sein Vater und seine Onkel raue Kerle waren – sie rauchten, kauten Tabak, spielten, tranken und schmuggelten Alkohol – aber Billy dachte verbittert: „Was habe ich denn damit zu tun? Daran trage ich doch keine Schuld. Ich habe in meinem Leben niemals einen Tropfen Alkohol angerührt. Warum muss ich mit ihnen in einen Topf geworfen werden?“ Nicht, dass Billy niemals versucht hatte, Alkohol zu trinken. Eines Sonntagmorgens im Frühling gingen er und Edward mit ihrem Vater und Herrn Dornbush, dem Nachbarn, der die Schweißarbeiten an Charles’ Destillen vorgenommen hatte, zum Fluss hinunter. Die beiden Jungen wollten mit ihrem alten undichten Ruderboot den Fluss auf- und abfahren, um weggeworfene Glasflaschen zu suchen. Charles brauchte immer Flaschen für seinen Selbstgebrannten, und zahlte gut für sie: Einen Nickel für ein Dutzend Flaschen. Herr Dornbush hatte eine gewisse Sympathie für Billy erkennen lassen, und so versuchte Billy, den Mann zu beeindrucken, in der Hoffnung, dass Herr Dornbush ihm für den Vormittag sein wasserdichtes Ruderboot leihen würde. Billys Boot hatte kein Steuerruder, sodass es schwierig war, es bei starker Strömung unter Kontrolle zu halten. Als Ruder musste Billy zwei alte Planken benutzen. Er paddelte gewöhnlich unbeholfen auf der einen Seite des Bootes, Edward auf der anderen.

In der Nähe des Flusses war ein Baum auf den Weg gekippt. Charles warf sein Bein über den Baum, doch anstatt darüber zu klettern, lehnte er sich auf einen Ast und sagte: „Lasst uns hier eine Pause für eine kleine Erfrischung einlegen!“ Er zog eine kleine, flache Whiskeyflasche aus seiner Tasche, trank daraus und gab sie an seinen Freund weiter. Herr Dornbush nahm einen Zug und gab die Flasche an Charles zurück, der sie in die Zweige eines Schösslings nahe der ausgerissenen Wurzeln platzierte.

Billy schien dies der geeignete Augenblick, um sein Anliegen vorzu bringen. „Herr Dornbush, könnten mein Bruder und ich heute Morgen Ihr Boot ausleihen?“

„Klar, Billy. Das könnt ihr.“

Vor Aufregung zitternd dachte Billy: „Hier ist mal jemand, der mich mag!“ Charles nahm einen weiteren Schluck von dem Whiskey und reichte die Flasche wiederum seinem Freund. Als Herr Dornbush seinen Durst gestillt hatte, reichte er die Flasche an Billy weiter und sagte: „Hier, Billy. Trink!“

Billy antwortete: „Nein, danke, ich trinke nicht.“

Herr Dornbush war äußerst überrascht. „Willst du mir weismachen, dass du als ein Ire und Branham nicht trinkst?“

Charles nickte angewidert und sagte „Ich ziehe eine Horde Jungen groß und nur einer davon ist ein Weichling, und das ist Billy.“ Billy fuhr auf. „Ich ein Weichling?“ Er wand sich bei dem bloßen Gedanken. „Ich bin es leid, ein Weichling genannt zu werden. Gib mir die Flasche!“ Herr Dornbush reichte ihm die Flasche. Billy riss sie dem Mann aus der Hand, entkorkte sie und presste sie mit wütender Entschlossenheit an die Lippen. Langsam hob er die Flasche an, aber noch bevor ein einziger Tropfen Whiskey seine Lippen benetzen konnte, hörte er ein Geräusch wie von Blättern, die im Wind aufwirbelten – whoossssh. Seine Hand erstarrte in der Bewegung, die Flasche noch an den Lippen. Whoossssh. Es war keine Einbildung; er hörte das Geräusch so klar und deutlich wie er die Unterhaltung um sich herum vernahm. Whoossssh. In Billy blitzte die Erinnerung an die Stimme in der Pappel auf, die ihm befahl: „Trinke oder rauche niemals, und beflecke deinen Leib in keiner Weise! Denn es wird ein Werk für dich zu tun sein, wenn du älter wirst.“ Vor Schreck ließ Billy die Flasche fallen und rannte unter Tränen des Frustes und der Scham so schnell er konnte durch die Felder davon. Charles spöttelte: „Siehst du, wie ich dir’s sagte. Dieser ist ein Weichling.“

Welcher Richtung sich Billy auch immer zuwandte, überall zeigte ihm das Leben die Zähne. Er blieb das gesamte siebte Schuljahr hindurch auf der Schule. Es war für ihn wie „Bergsteigen auf Krücken“. Das Schulsystem in den ländlichen Gebieten verlangte von den Schülern, sich ihre eigenen Bücher und Materialien zu kaufen. Billys Eltern hatten nicht genug Geld für Bleistifte und Papier, ganz zu schweigen von den Lehrbüchern; so musste Billy sich immer ein Buch von einem anderen Schüler ausleihen, wenn er etwas lernen wollte.

Der Lehrplan jener Zeit war darauf ausgerichtet, nicht nur den Intellekt der Kinder zu fördern, sondern auch ihren moralischen Charakter zu formen. Eine Lektion, die Billy tief berührte, war das Durchnehmen von Longfellows Gedicht: „Psalm of Life“. (Psalm des Lebens.) Psalm des Lebens Sagt mir nicht, ihr traurig Vielen, Das Leben sei ein leerer Traum!

Denn wer schlummert, gleicht den Toten, Und dem Äußren traue kaum.

Leben ist echt! Leben ist kostbar!

Und das Grab niemals sein Ziel; Staub du bist, zu Staub du wirst, Ward nicht gesagt von unsrer Seel’!

Nicht Vergnügen, nicht das Leid, Ist uns bestimmt als Weg und End, Doch zu handeln, dass das Morgen Uns des Weges weiter fänd!

Zeit verrinnt bei Müh und Plage, Und das Herz, trotz Mut und Kraft, schlägt, gleich dumpfem Trommelklange, Trauermärsche hin zum Grab.

Auf dem Schlachtfeld dieser Erde, In den Stürmen jeder Zeit Gleiche nicht gescheuchten Rindern, Sei ein Held in jedem Streit.

Schönster Zukunft trau mitnichten!

Und Vergangenes lasse ruh‘n!

Handle! Handle, hier und heute!

Unverzagt, mit Gottvertrau‘n.

Großer Männer Leben zeugen Von der Macht der Lauterkeit, Dass man, scheidend, hinterlasse Spuren in dem Sand der Zeit.

Spuren, die vielleicht ein andrer, Der auf dem Lebensmeer treibt, Ein einsamer, schiffsbrüch‘ger Bruder Sieht, und aufs Neu Mut gewinnt.

Lasst uns denn mit Fleiß am Werk sein, Was uns auch das Schicksal bringt, Ziele haben und verfolgen, Tatenvoll, doch mit Geduld.

Dieses Gedicht inspirierte Billy. Doch nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hätte er sich die tiefen Spuren vorstellen können, die sein eigenes Leben im Sand der Zeit hinterlassen würde. Jetzt, zu diesem Zeitpunkt, klang Longfellows Gedicht wie ein Lied der Hoffnung in einem trostlosen Land. Die erhabenen Worte sprachen direkt zu Billys Herzen und ermutigten den orientierungslosen 14-Jährigen, der verzweifelt versuchte, die Ungerechtigkeiten zu begreifen, die er in seinem eigenen Leben erfuhr. Die älteren Jungen verspotteten ihn bei jeder Gelegenheit und ließen ihm keine Ruhe. Sie verhöhnten ihn, weil er in Kentucky geboren war, weil er arm war und für sein Alter klein, weil er anders war.

Inzwischen hatte Billy verstanden, warum seine Familie arm war – es lag an dem Alkoholproblem seines Vaters. Eines Tages, nachdem die Kinder in der Schule sich wieder einmal über ihn lustig gemacht hatten, weil er in Lumpen gekleidet war, las Billy eine Episode über Abraham Lincoln in einem Geschichtsbuch. Abraham Lincoln landete mit einem Schiff in New Orleans und kam an einer Sklavenauktion vorbei. Es wird berichtet, dass Abraham Lincoln sah, wie weiße Männer einen großen, starken Farbigen ersteigern wollten, während die Frau und die Kinder des Sklaven weinend an der Seite standen. Lincoln schlug die Hände zusammen und sagte: „Das ist verkehrt! Und eines Tages werde ich es zerschlagen, selbst, wenn es mich mein eigenes Leben kosten sollte!“ Billy schob das Geschichtsbuch zurück und dachte: „Trinken ist auch verkehrt! Und eines Tages werde ich es bekämpfen, selbst, wenn es mich mein Leben kosten sollte!“

Nichts regte jedoch seine Fantasie mehr an als das, was er in seinem Geografiebuch über die Wüste Arizonas las. Er sehnte sich danach, dorthin zu fahren, sehnte sich danach, über die weite mit Kakteen übersäte Ebene zu reiten. Es hörte sich so romantisch, so friedlich, so idyllisch an. Der Dichter in ihm regte sich, aber er hatte nichts, worauf er seine Gedanken niederschreiben konnte; also lieh er sich ein Stück Papier von dem Schüler, der neben ihm saß und schrieb:

Der weit entfernte Südwesten Mich verlangt’s, oh mich verlangt’s Nach des Südwests fernen Weiten, Wo die Schatten fallen lang Über mächt’ger Berge Seiten.

Ich kann seh’n den lauernden Kojoten In dem roten Abendsonnenschein, Ich kann hör’n den Lobo brüllen, Wo die Longhorns grasen fein.

Und irgendwo in einem Canyon Höre ich den Puma schrein, In den fernen Catalina Bergen, An der Arizona-Line.

Leider ging die Quälerei durch die älteren Jungen über das bloße Gespött und die Verhöhnung hinaus. Nach der Schule umzingelten und schlugen sie ihn immer wieder. Auch wenn Billy für sein Alter klein war, hatte er genügend Mumm und Temperament, um bis aufs Blut zu kämpfen. Wenn die Jungen ihn niederschlugen, stand er immer wieder auf. Sie schlugen ihn dann immer und immer wieder, bis er nicht mehr die Kraft hatte, aufzustehen. Oft musste er sein Abendessen durch einen Strohhalm trinken, da sein Mund von den Schlägen so wund war, dass er keine feste Nahrung zu sich nehmen konnte.

Eines Tages im Frühjahr 1923 begleitete Billy ein Mädchen nach Hause und trug ihr die Bücher. Auf dem Rückweg zu seiner Hütte wurde er plötzlich von fünf Raufbolden umringt. Sie stießen ihn in den Dreck. Einer grinste höhnisch: „Warum begleitest du das Mädchen?“ Ein weiterer stimmte ein: „Genau, wir wollen nicht, dass du sie begleitest, du dreckiger Kentucky-Squab.“ Sie wussten, dass Billy in Kentucky geboren war und dass seine Mutter Halbindianerin – also eine Squaw – war, deshalb nannten sie ihn mit Verachtung Squab.

Bei dieser Beleidigung sprang Billy auf die Beine und griff an, wild mit den Fäusten um sich schlagend. Aber fünf waren zu viele. Die Raufbolde rangen mit ihm, bis sie seine Arme festhalten konnten. Dann hielten vier der Typen ihn in diesem wehrlosen Zustand fest, während einer der Jungen einen Stein in die Faust nahm und Billy ins Gesicht schlug, bis er fast besinnungslos zusammenbrach.

Billy flehte sie an: „Wenn ihr mich nur gehen ließet, werde ich direkt nach Hause gehen. Versprochen.“

Da er sowieso beinahe bewusstlos war, ließen die Jungen von ihm ab. Doch vorher stießen sie ihn um, schleiften ihn mit dem Gesicht über den harten Boden und traten ihn noch ein paar mal zum Abschluss. Dann verschwanden sie.

Billy ging auf direktem Weg nach Hause – aber nicht, um zu bleiben. Er nahm die 22er Winchester-Büchse, die über der Tür der Hütte hing, füllte sie mit 16 Kugeln und nahm eine Abkürzung durch ein Robinien-Dickicht zu einer Stelle der Straße, von der er wusste, dass die Jungen dort vorbeikommen würden. Er versteckte sich am Rande der Straße und wartete. Bald hörte er Stimmen.

„Das wird dem „Corncracker“ (Schimpfwort für einen Einwohner von Kentucky) eine Lehre sein, ein Mädchen nach Hause zu begleiten“, sagte einer der Jungen. Ein anderer fiel ein: „Habt ihr gesehen, wie ängstlich er aussah?“ Ein weiterer fügte hinzu: „Ja, dieser Squab aus Kentucky wird von nun an wissen, wo er steht.“

Da trat Billy hinter den Büschen hervor, das Gewehr im Anschlag und den Hahn gespannt und versperrte ihnen den Weg. Ruhig sagte er: „Wer von euch möchte zuerst sterben, damit er nicht sehen muss, wie die anderen sterben?“ Die fünf Jungen erbleichten und schrien in panischer Angst und Fassungslosigkeit. Billy sagte: „Jammert nicht, denn ihr werdet alle sterben, einer nach dem anderen“ – er richtete den Gewehrlauf auf den Jungen, der mehrmals mit dem Stein auf ihn eingeschlagen hatte – „und du machst den Anfang.“

Er drückte ab. Klick. Die Waffe versagte. Schnell riss Billy den Bolzen zurück und ließ eine neue Kugel in die Kammer. Klick. Wieder kein Schuss. Zu dieser Zeit rannten die fünf Jungen bereits laut schreiend davon, sprangen über Gräben und rannten um Bäume herum, um so schnell wie möglich zu entkommen. Billy, in der festen Absicht, sie zu töten, legte eine Patrone nach der anderen ein und drückte ab, so schnell er konnte – klick, klick, klick, klick ... aber keine der Kugeln ging los. Die fünf Jungen waren längst verschwunden. Neben Billy lagen 16 Kugeln auf dem Boden. Er hob sie auf, blies den Staub ab und legte sie wieder in die Waffe ein. Dann zielte er mit dem Gewehr auf einen Baum und drückte ab – peng, peng, peng, peng ...

Dieses Mal ging jede Patrone los, grub sich tief in den Stamm ein und ließ die Rinde in alle Richtungen abspringen. Billy stand vor Wut kochend in der Mitte des Weges. Dann begann er plötzlich zu lachen – ein hartes, irres Lachen, das aus der Tiefe seiner Frustration herauskam. Er lachte so sehr, dass ihm die Tränen über seine geschwollenen Wangen liefen.

Mit Beginn der Sommerferien in jenem Jahr verließ Billy die Schule und kehrte niemals wieder dahin zurück.

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