1916–1917
In der Schule erweiterte sich Billys Horizont in vielerlei Hinsicht. Er lernte die Welt jenseits der grünen Hügel von Indiana und Kentucky kennen – eine Welt im Krieg. Er hörte die Namen von Ländern, von denen er nicht einmal wusste, dass es sie gab – Deutschland, Österreich, Ungarn – und er erfuhr, dass diese Länder sich gegen Frankreich, Großbritannien und Russland verbündet hatten. Auch wenn die Vereinigten Staaten in diesem Herbst des Jahres 1916 noch nicht in den Krieg eingegriffen hatten, informierte Frau Temple ihre Schüler ständig über die Außenpolitik. Sie brachte häufig eine Zeitung mit in die Schule, aus der sie den Kindern Kriegsberichte vorlas. Billys Fantasie wurde durch die Berichte von Infanteriesoldaten und befehlshabenden Generälen, erbitterten Schlachten und romantischen Helden angeregt. Er verbrachte manchmal die Hälfte seiner Mittagspause damit, die Bilder der Soldaten anzuschauen, die in der Zeitung abgedruckt waren. Gelegentlich sah er sogar Soldaten in Jeffersonville. Ihre schmucken Militäruniformen spornten die Fantasie des siebenjährigen Billy noch mehr an, und ließen in ihm die Sehnsucht erwachen, ebenfalls Soldat zu werden.
Lloyd Ford, ein Schulfreund Billys, hatte sich durch den Verkauf der Pfadfinderzeitschrift Pathfinder während der Sommermonate eine Pfadfinderuniform verdient. Lloyd trug diese Uniform häufig zur Schule und erregte damit Billys Neid. Mit dem Rangabzeichen vorn, den Streifen am Ärmel, dem militärisch anmutenden Hut und dem einfachen Streifen außen an jedem Hosenbein entsprach Lloyd Fords Pfadfinderuniform genau Billys Vorstellungen von einem Anzug. Er wusste, wenn er jemals eine solche Uniform tragen könnte, würde er sich sehr wichtig vorkommen. Eines Tages nahm Billy all seinen Mut zusammen und fragte: „Lloyd, wenn du aus der Uniform herauswächst, überlässt du sie dann mir?“
Und Lloyd antwortete: „Klar, Billy, ich geb’ sie dir dann.“ Gegen Ende Oktober wurde es kalt. Jeden Morgen lag der Frost wie ein Teppich über den Feldern, und schmolz selten vor zehn Uhr. Billy, der immer noch kein Hemd hatte, zitterte, als er am Utica Pike entlang lief. Wenn er früh genug in die Schule kam, konnte er seine Gänsehaut am gusseisernen Ofen aufwärmen, bevor der Unterricht begann und er auf seinen Platz gehen musste. Frau Wathen, die Frau von Charles’ Chef, musste ihn einmal mit nackter Brust auf dem Weg zur Schule gesehen haben, denn eines Tages gab sie ihm einen getragenen Mantel mit einem Adleraufnäher am Ärmel. Billy liebte den Luxus der Wärme und trug den Mantel jede Minute, die er außerhalb der Hütte arbeitete oder spielte. In der Schule trug er den Mantel hochgeschlossen, sodass keines der anderen Kinder sah, dass er kein Hemd darunter anhatte. Billy und seine jüngeren Brüder schliefen nachts oben auf dem Dachboden und konnten die Sterne durch die Dachschindeln sehen. Als es zu schneien begann, deckte Ella ihre Jungen mit einer Segeltuchdecke zu, um sie während der Nacht trocken zu halten. Morgens war die Decke mit Schneeflocken bedeckt.
Ella hatte das Frühstück stets fertig, ehe die Jungen aufwachten – warme Brötchen und Sirup. Eines Morgens ging sie zur Leiter und rief: „Billy! Komm mit Edward zum Frühstück.“
Billy antwortete: „Mama, ich kann nichts sehen. Ich habe etwas in meinen Augen!“ Durch die kalte Luft, die während der ganzen Nacht durch den Dachboden zog, waren seine Augenlider verklebt. Ella sagte: „Du hast Eiter in deinen Augen. Warte eine Minute, ich hole das Waschbärfett.“
Immer wenn Charles einen Waschbär erlegte, trennte er das Fett vom Fleisch, und Ella kochte das Fett und hob es in Dosen auf. Waschbärfett war das Allheilmittel der Familie. Bei einer Erkältung gab Ella den Kindern das Fett mit ein wenig Pfefferminzöl vermengt. Bei Halsschmerzen mussten sie das Waschbärfett pur schlucken. Jetzt massierte Ella warmes Waschbärfett in die Augenlider des Jungen, bis er die Augen öffnen konnte.
Billy und Edward stapften durch den Schnee zur Schule; manchmal indem sie einer Wagenspur folgten, doch oft mussten sie sich durch Schneewehen erst hindurchkämpfen. Sie kamen bis zu den Knien durchnässt in der Schule an. Glücklicherweise trockneten ihre nassen Schuhe und Hosen bis zur Mittagszeit.
Sie brachten ihr Mittagessen immer gemeinsam in einem fast zwei Liter fassenden Sirupeimer mit in die Schule. In den Eimer hatte ihre Mutter ein kleines Glas Gemüse, ein weiteres Glas Bohnen, zwei Stücke restliches Maisbrot vom Frühstück und zwei Löffel eingepackt. Billy konnte das im Ofen gebackene Brot der anderen Kinder riechen; es roch so gut. Er wusste bereits, dass ihr Mittagessen aus Butterbroten und Keksen bestand und schämte sich, seine armseligen Bohnen und das Maisbrot in ihrer Gegenwart zu essen. Aus diesem Grund gingen er und Edward hinunter zum Fluss, setzten sich auf einen Baumstamm und stellten die Gläser zwischen sich, sodass sie für sich allein essen konnten. Zuerst nahm Billy einen Löffel voll Bohnen, dann tauchte Edward seinen Löffel ein, dann wieder Billy, und so wechselten sie sich immer ab, darauf achtend, dass die beiden Gläser gerecht zwischen ihnen geteilt wurden.
Kurz vor Weihnachten des Jahres 1916 ließ Frau Temple ihre Schüler aus rotem, weißem und blauem Papier Streifen ausschneiden und zu Ketten zusammenkleben, die sie an den Weihnachtsbaum hängen konnten. Charles hatte nie zuvor einen Weihnachtsbaum in der Hütte gehabt, aber als Ella den Weihnachtsschmuck ihrer Söhne sah, war sie fest entschlossen, dass sich das in diesem Jahr ändern würde. Sie ging mit einer Axt in den Wald und brachte eine buschige kleine Zeder nach Hause. Dann schmückte sie die Äste mit den beiden Papierketten, doch sah der Baum noch immer zu nackt aus. Charles hatte im Sommer etwas Puffmais im Garten angebaut, und Ella beschloss, dass jetzt der ideale Zeitpunkt dafür gekommen sei, ihn zu verbrauchen. Sie bereitete ihn in einem geschlossenen Kochtopf über dem offenen Feuer zu und fädelte dann das Popcorn mit Nadel und Faden auf. So entstand eine lange Kette, die sie mehrmals um die Zeder wickelte, bis sie der Meinung war, dass der Baum wie ein richtiger Weihnachtsbaum aussah. Nach dem Schmücken des Baumes hatte Ella noch etwas Popcorn übrig. Sie füllte es in einen Sirupeimer und gab Billy und Edward den Eimer als besondere Leckerei zur Mittagspause mit in die Schule. Die zwei Jungen setzten den Eimer in der Garderobe auf einem Regal über den Kleiderhaken ab, auf denen die anderen Kinder ihre Mäntel aufhingen. (Billy trug seinen Mantel immer noch den ganzen Tag über, selbst im Klassenraum.) Gegen zehn Uhr morgens wanderten Billys Gedanken zu dem Popcorn. Wie würde es wohl schmecken? Und dann dachte er: „Ob es wohl möglich wäre, dass ich schon vor dem Mittagessen eine Handvoll probiere?“ Er hob seine Hand und bat Frau Temple um Erlaubnis zur Toilette zu gehen. Sie gestattete es ihm. Als Billy durch die Garderobe ging, öffnete er den Eimer, nahm eine große Handvoll Popcorn heraus und setzte den Deckel wieder fest auf den Eimer. Er ging hinaus hinter den Ziegelschornstein und aß das köstliche Popcorn Stückchen für Stückchen. Bevor er wieder nach drinnen ging, wischte er sich Hände und Gesicht sorgfältig ab, sodass keine Spuren seine Schwindelei verraten würden.
Zum Mittagessen gingen Billy und Edward zum Fluss hinunter, um wie üblich auf ihrem Baumstamm zu essen. Sie wollten beide zuerst das Popcorn verputzen. Als sie den Eimer öffneten, konnten sie sehen, dass ein Drittel des Popcorns verschwunden war. Edward blickte mit unschuldigem Staunen auf Billy und sagte: „He, etwas ist mit unserem Popcorn passiert.“
Billy versuchte, genauso erstaunt auszusehen wie sein Bruder: „Ja, tatsächlich!“ Edward hatte nicht den leisesten Verdacht. Am Heiligen Abend hingen die Jungen ihre Strümpfe auf. Am nächsten Morgen fand jeder eine Orange und drei Stücke Süßigkeiten in den Strümpfen. Billy dachte, „Oh, welch ein feiner Kerl der Weihnachtsmann doch ist, dass er kommt, um mir dies zu bringen!“ Er aß seine Orange am Weihnachtstag, hob aber die Schalen auf, trocknete sie und trug sie wochenlang mit sich in seiner Manteltasche umher und lutschte sie wie Süßigkeiten.
Im Januar des Jahres 1917 bemerkte Billy, dass Lloyd Ford seine Uniform seit den Weihnachtsferien nicht mehr getragen hatte. Er fragte: „Lloyd, was ist mit dem Pfadfinderanzug?“
Lloyd antwortete: „Tut mir leid, Billy, ich habe vergessen, dass du ihn haben wolltest. Ich werde meine Mutter fragen.“ Am nächsten Morgen hatte Lloyd enttäuschende Neuigkeiten. „Meine Mutter hat eine Hundedecke aus der Jacke gemacht, Billy. Und mit der Hose hat sie die Hosen meines Vaters geflickt. Ich habe nur noch ein Hosenbein übrig.“
Billy sagte unverzagt: „Dann bringe mir das Hosenbein.“
Nun war Billy der stolze Besitzer eines Hosenbeins einer abgetragenen Pfadfinderuniform mit einem Streifen auf einer Seite und einem Kordelband an einem Ende. Er wollte dieses Hosenbein so gern zur Schule tragen, doch er wusste nicht wie er das anstellen sollte. Also steckte er das Hosenbein in die Tasche seines Mantels, wo es bereitlag, sollte sich eine Gelegenheit ergeben, es einzusetzen. Er musste nicht lange warten. Ein gewaltiger Wintersturm hinterließ seine weiße Spur über der Landschaft von Indiana. Einige Schneewehen waren mehr als fünf Meter hoch. Dann kamen Graupelschauer, die auf den Baumspitzen und dem Schnee eine Eisschicht hinterließen und perfekte Bedingungen zum Schlittenfahren schufen. Die Schüler der Utica Pike Schule verbrachten ihre Mittagspause damit, auf einem großen Hügel in der Nähe Schlitten zu fahren. Alle Kinder hatten richtige Schlitten, die im Geschäft gekauft worden waren – alle, mit Ausnahme von Billy und Edward. Billy erinnerte sich an eine alte Metallwanne in einer wilden Müllkippe unten am Fluss. Er holte sie und bald waren er und Edward bei den anderen Kindern auf dem Hügel zu finden. Sie kletterten in die Wanne – Billy hinten, Edward, von Billys Beinen umschlungen, vorn – und schon sausten sie den Hügel hinunter, wobei sie sich immer wieder im Kreise drehten. Es machte riesigen Spaß, aber schlussendlich fiel der rostige Boden der Wanne auseinander, und sie mussten etwas anderes finden, das sie als Schlitten benutzen konnten. Diesmal fanden sie einen Baumstamm und bearbeiteten ihn so lange, bis der vordere Teil entfernt einem Schlitten glich. Der Schnee war genügend gefroren, dass es funktionierte, und so rutschten die beiden Jungen auf ihrem behelfsmäßigen Schlitten mit hoher Geschwindigkeit die steilsten Abhänge des Hügels hinunter.
Bei einer der Schlittenfahrten stürzten die Jungen böse am Fuße des Hügels. Billy stand auf, den Mantel voller Schnee, und spürte einen dumpfen Schmerz in seinem Bein. Die anderen Kinder umringten sie und fragten, ob er sich weh getan hätte. „Oh, mein Bein tut weh“, stöhnte er. Dann hatte er plötzlich eine Idee. „Wartet mal, ich habe ein Hosenbein meiner Pfadfinderuniform in der Tasche. Das kann ich als Verband nehmen.“ Er nahm das Hosenbein aus seiner Tasche, zog es über seinen Tennisschuh und deckte damit das schmerzende Bein ab und befestigte es mit einem Kordelband. Gerade in diesem Augenblick läutete die Schulglocke und rief die Kinder wieder zum Unterricht zurück. An diesem Nachmittag rief Frau Temple Billy nach vorn an die Tafel. Während er die Aufgabe löste, stand er seitlich zur Klasse gedreht und hoffte, dass die anderen Schüler nicht sehen konnten, dass er nur an einem Bein die Uniform trug. Aber natürlich bemerkte es jeder. Unterdrücktes Kichern steigerte sich schon bald zu hellem Gelächter. Billy begann zu weinen und Frau Temple schickte ihn früher nach Hause.
Im April brachte Frau Temple eine Ausgabe der Zeitung von Louisville mit in die Schule, in der eine Schlagzeile verkündete: „Die Vereinigten Staaten erklären Deutschland den Krieg“. Sie las den Artikel laut vor und erläuterte, wie am 18. März 1917 deutsche U-Boote drei Schiffe der amerikanischen Handelsflotte versenkt hatten, wodurch sich Präsident Woodrow Wilson gezwungen sah, die neutrale Position Amerikas aufzugeben. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren in den Krieg eingetreten.
Vor dem Schulhaus standen die Eichen gerade in Blüte. Die Tage wurden zunehmend wärmer. Nachmittags schwitzte Billy in seinem dicken Wintermantel. Seine Zehen blickten jetzt durch Löcher aus seinen Tennisschuhen hervor.
Eines Tages bemerkte Frau Temple, dass alle Schüler im hinteren Teil des Klassenraums saßen, Gesichter zogen und sich die Nasen zuhielten, als ob etwas stänke. Sie fragte sich, ob das etwas mit dem jungen William Branham zu tun habe. Warum bestand der Junge darauf, an einem solch warmen Nachmittag den Mantel zu tragen? Sie sagte: „William, warum ziehst du nicht deinen Mantel aus? Ist es dir nicht warm?“
Billy hatte das Gefühl, sein Herz bliebe stehen. Er konnte den Mantel nicht ausziehen, er hatte doch kein Hemd an! „Nein, Frau Temple, mir ist ein bisschen kalt.“
Sie war überrascht. „An einem solchen Tag ist dir kalt?“ „Ja, Frau Temple.“
Sie sagte: „Du kommst dann besser hier hinüber und setzt dich näher ans Feuer.“ Billy hatte den ganzen Winter über sein Geheimnis bewahrt, und er wollte es auch jetzt nicht preisgeben. Widerstrebend rückte er näher an den Ofen, während Frau Temple eine weitere Schaufel Kohlen hineingab. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn und liefen dann langsam sein Gesicht herunter.
Frau Temple fragte: „Billy, ist dir immer noch kalt?“
„Ja, Frau Temple.“
Sie schüttelte den Kopf: „Du musst krank sein. Vielleicht gehst du besser nach Hause.“
Billy blieb mehrere Tage lang zu Hause und fragte sich, wie er an ein Hemd kommen und somit in die Schule zurück könne. Seine Tante, die Schwester seines Vaters, lebte auf der anderen Seite des Berges. Sie hatte eine Tochter, die ungefähr genau so alt war wie Billy. Erst vor kurzem waren sie zu Besuch gekommen, und seine junge Cousine hatte ein Kleid vergessen. Das Kleid war vorn und hinten verziert, doch beschloss Billy trotzdem, dass er das Kleid in ein Hemd verwandeln könne. Er schnitt den größten Teil des Rockes ab und steckte den Rest in seine Hose. Dann warf er einen prüfenden Blick in den zerbrochenen Spiegel, der draußen am Apfelbaum hing. Er schüttelte den Kopf und drückte die Daumen. Als die Schulkinder die Verzierungen auf seiner Brust sahen, zogen sie ihn auf: „Das ist ein Mädchenkleid.“
„Nein, ist es nicht“, insistierte Billy, „das ist mein Indianeranzug!“ Sie lachten nur noch mehr über diese Bemerkung und zogen ihn gnadenlos auf. „Billy Branham trägt ein Mädchenkleid. Was für ein Weichling!“
Doch trotz des Gespötts trug Billy das Hemd jeden Tag bis die Sommerferien begannen. Er hatte keine andere Wahl. Ein anderes Hemd besaß er nicht.