1912–1916
Charles Branham hatte dem Brief genügend Geld beigelegt, sodass Ella einen Umzugswagen mieten konnte. Sie hatte außer den drei lebhaften Jungen nur wenig Besitztümer aufzuladen. New Albany lag mehr als 150 Kilometer nördlich von Burkesville. Da die errechnete Zeit der Entbindung immer näher rückte, hatte Ella Angst vor der Reise. Für den dreijährigen Billy, der niemals aus seiner Berghütte herausgekommen war, war die Fahrt jedoch ein aufregendes Abenteuer. Er war besonders beeindruckt von der engen, flachen Holzbrücke, die zwischen Louisville in Kentucky und New Albany in Indiana, den Ohio überspannte. Weitere 15 Kilometer in nördlicher Richtung führten die vier dann in ihre neue Heimatstadt Utica in Indiana.
Am 27. Mai 1912 wurde Ella von ihrem vierten Sohn entbunden, den sie Melvin nannte. In diesem Sommer arbeitete Charles für einen Bauern am Ort. Es war eine unglaublich schwere Arbeit. Manchmal musste er schweißgebadet in sengender Hitze zwölf Stunden am Tag hinter einem Pferd und einem Pflug hergehen. Mehr als einmal kam er zurück, und sein Hemd war so stark in seinen Rücken eingebrannt, dass Ella es vorsichtig mit der Schere von seinem Rücken lösen musste. Während der Zeit, in der der Mais wuchs, verbrachte Charles seine Tage, indem er mit einer Hacke die Schlingpflanzen und das Unkraut aus den Reihen entfernte. Zuerst bildeten sich Blutblasen an seinen Händen, später Hornhaut so hart wie Leder. Er ertrug dies alles für nur 75 Cent am Tag.
Im Herbst des gleichen Jahres begann Charles wieder als Holzarbeiter, denn bei dieser Arbeit fühlte er sich wohler als bei der Landarbeit. Er war in den Wäldern aufgewachsen und hatte bereits früh mit der Holzarbeit begonnen. Obwohl er nur 150 Pfund wog, war Charles ein kraftstrotzendes Muskelpaket und als Holzarbeiter so geübt, dass er einen 900 Pfund schweren Baumstamm allein auf einen Wagen laden konnte. Als jedoch der Winter näher rückte, wurde Charles unruhig. Die sechsköpfige Familie lebte in einem Einzimmer-Schuppen, der nicht größer und nicht einmal so gut gebaut war wie die Holzhütte, die sie in Kentucky zurückgelassen hatten. Die Arbeit würde ihn zwingen, seine Familie wochenlang allein zu lassen. Da er nicht wollte, dass seine Frau noch einmal so leiden musste wie im letzten Winter, suchte Charles nach einer besseren Arbeit.
Doch erst im Frühjahr 1913 fand Charles eine feste Anstellung in Jeffersonville, Indiana, bei dem Multimillionär Herrn Wathen, dem Besitzer der Wathen-Brennerei und Teilhaber eines professionellen Baseball-Teams, den Louisville Colonels. Charles wurde als Privat kutscher angestellt, da er gut mit Pferden umgehen konnte. Die Arbeit war nicht gut bezahlt, bot aber erhebliche Vorteile – namentlich einen Bereich auf Herrn Wathens Grund und Boden, wo sie mietfrei wohnen durften. Das Grundstück umfasste eine Holzhütte mit zwei Räumen, eine alte Scheune, einen großen Garten und ein kleines Feld, das Charles zu seinem eigenen Nutzen bebauen konnte. Außerdem hatte Herr Wathen eine Molkerei in der Nähe und Charles konnte jeden Abend einen Eimer Milch mit nach Hause nehmen – ein nicht zu unterschätzender Vorteil für einen Vater von vier heranwachsenden Söhnen.
Jeffersonville lag sieben Kilometer nordöstlich von New Albany, an einer entlang des Ohios verlaufenden Landstraße, welche die Einheimischen Utica Pike nannten. Herr Wathen lebte zwölf Kilometer außerhalb der Stadt auf einem großen Landsitz. Die Hütte, die Charles nun bezog, lag auf einem Hügel mit Blick auf den Ohio. Verwitterte Bretter bedeckten das Gebäude von außen; innen füllte Lehm die Ritzen zwischen den Holzstämmen. Die Hütte hatte einen Lehmboden, zwei Räume und einen Schlafboden im Dachgebälk über einem der Räume. Die Leiter zum Dachboden war aus zwei jungen Bäumen gearbeitet. In die Mitte des einen Raumes hatte man einen abgesägten Baumstumpf gerollt und mit flachen Steinen bedeckt. Auf dem Baumstumpf befand sich ein Holzofen, der aus einem alten Ölfass gefertigt worden war. Zum Kochen benutzte Ella einen kleinen Ofen. Sie hatten sogar eine Öllampe zur Beleuchtung. Alles in allem war es eine ungeheure Verbesserung im Vergleich zu der schäbigen Baracke, die ihnen in Utica als Unterkunft gedient hatte.
Auf dem Hügel vor der Hütte breitete ein Apfelbaum seine Zweige über einer kleinen Quelle aus. Das kühle Quellwasser diente während des Sommers als Kühlschrank. Metallkannen mit Milch, Buttermilch und Butter wurden dort hineingestellt und so vor schnellem Verderb geschützt. (Charles konnte dort keine Sahne aufbewahren, zu viele kleine Branhams hätten sie gierig stibitzt.) Die Quelle versorgte die Hütte bis Mitte August mit Wasser, dann versiegte sie. Die Branhams mussten dann ihr Wasser aus dem Brunnen heraufholen, der sich nahe der Scheune befand, und es bergauf zum Haus tragen.
Billy liebte die murmelnde Quelle. Eine Kürbisflasche hing an einem Nagel am Stamm des Apfelbaumes, doch benutzte Billy sie selten. Er liebte es, sich flach im warmen Gras auszustrecken und direkt aus der Quelle zu trinken, bis sein Bauch voll war. Anschließend füllte er einen Krug und trug diesen zu seinem Vater aufs Feld.
Wenn Charles vom Feld nach Hause kam, war er immer ausgehungert. Da die Familie keinen Wasseranschluss im Haus hatte, wusch er sich hinter der Hütte, wo eine Waschbank gegen einen Apfelbaum gebaut worden war. Die Bank bestand nur aus einem Scheunenbrett, das am Stamm angebracht war, mit einem weiteren Brett an jeder Seite und einem schräg stehenden Brett darunter zur Festigung. Alle vier Jungen standen dann hinter ihrem Vater in einer Reihe, um sich zu waschen. Wenn Charles die Ärmel seines selbst genähten Hemdes hochrollte, um sich einzuschäumen, spielten seine Muskeln. Billy beobachtete seinen Vater mit Stolz und dachte: „Das ist mein Vater. Er ist stark. Er wird hundert Jahre alt werden. Wenn ich selbst ein alter Mann bin, werde ich immer noch meinen Vater mit seinen starken Muskeln ansehen.“ Charles war nur ca. 1,70 m groß. Billy hatte das dunkle, gewellte Haar seines Vaters und dessen gutes irisches Aussehen geerbt, aber nicht dessen kräftige Statur. Billy war eher schlank und drahtig wie seine Mutter.
Dann war Billy an der Reihe, sich zu waschen. Er war sehr vorsichtig, um zu verhindern, dass die hausgemachte Laugenseife in die Augen geriet. Das war einmal passiert und ihm eine Lehre gewesen. Er trocknete sich mit einem Handtuch ab, das seine Mutter aus einem leeren Maismehlsack hergestellt hatte. Das Handtuch war rau und unbequem und Billy tupfte sich nur leicht ab. Über der Waschbank wurde ein zerbrochener Spiegel durch fünf zurechtgebogene Nägel festgehalten. Billy kletterte auf die Bank, um sich selbst sehen zu können, während er mit dem Blechkamm versuchte, die unbändigen Locken zu zähmen.
Charles hatte den Esstisch und die Bänke aus alten Scheunenbrettern gebaut. Die Bänke sahen wie Kirchenbänke aus. Billy saß während des Abendessens immer neben seinem Vater. Zum Abendessen gab es normalerweise Bohnensuppe mit Maisbrot, gekochte Zwiebeln und Butterm ilch. Ella buk das Maisbrot in einer Pfanne, legte es dann auf einen Teller und reichte den Brotteller um den Tisch herum, sodass sich jeder ein Stück Brot abbrechen konnte. Billy nahm immer eine Ecke, denn sie hatte mehr Kruste, und er liebte es, krosses Maisbrot in seine Suppe zu tunken.
Am 14. Mai 1914 bekam Billy einen weiteren Bruder, Edgar Lee Branham. In den nächsten Jahren verlief Billys Leben sehr angenehm. Jeden Samstagnachmittag borgte sich sein Vater ein Maultier und einen Planwagen von Herrn Wathen, lud seine Familie auf und fuhr zwölf Kilometer zur Stadt, um Lebensmittel einzukaufen. Die vier jüngsten Branhams hüpften hinten auf einem Strohhaufen auf und ab, Billy aber durfte mit seinem Vater und seiner Mutter vorn auf dem Kutschbock sitzen. Billy fand es immer sehr aufregend, in den Laden zu fahren, weil er genau wusste, was passieren würde. Charles, der $3,50 pro Woche verdiente, gab meistens $3,00 davon im Lebensmittelladen aus. Ab und zu verschwendete er sogar Geld für einen Beutel braunen Zucker oder gesalzene Cracker; meistens jedoch kaufte er nur Grundnahrungsmittel wie Bohnen, Kartoffeln und Maismehl – Nahrungsmittel, die lange vorhalten. Nachdem Charles seine Rechnung bezahlt hatte, gab Herr Grover, der Lebensmittelhändler, ihm üblicherweise eine Tüte Zuckerstangen mit Pfefferminzgeschmack für die Kleinen.
Wieder auf dem Wagen, beobachteten fünf Augenpaare gespannt, wie Papa die vier Zuckerstangen gerecht zwischen den fünf Jungen aufteilte. Die vier jüngsten Branhams leckten die Pfefferminzstangen sofort auf. Billy jedoch war schlauer. Er leckte eine ganze Weile, rollte die Stange dann in ein Stück braunes Papier ein und steckte sie in die Tasche. Er hatte später noch Verwendung für sie.
Samstagabends wurde der große Waschbottich aus Zedernholz für das wöchentliche Bad mit heißem Wasser gefüllt und alle badeten nacheinander, ohne das Wasser zu wechseln. Ella schrubbte Billy mit der Laugenseife hart ab und sagte dabei: „Ich möchte dich so sauber haben wie eine frisch geschälte Zwiebel.“ Dann rieb sie ihn mit einem aus einem Mehlsack hergestelltem Handtuch trocken, bis er das Gefühl hatte, seine ganze Haut sei abgerieben. Ella wusste, dass Billy keine ausgewogene Ernährung bekam, und so gab sie ihm nach dem Bad einen Löffel Lebertran, von dem sie annahm, dass es gegen Erkältungen schütze. Billy blickte auf den großen Löffel mit Lebertran und bettelte: „Oh Mama, bitte zwing mich nicht. Mir wird schlecht. Ich kann es nicht ausstehen.“
Sie antwortete: „Wenn Medizin nicht bitter schmeckt, dann hilft sie nicht.“ Billy hielt sich die Nase zu, steckte den Löffel in den Mund, versuchte zu schlucken, würgte, schüttelte sich und schaffte es schließlich, das Öl herunterzuschlucken.
Sonntags kochte Ella „Mulligan Stew“, einen Eintopf aus Rüben, Möhren, Kohl, Kartoffeln, Bohnen, Maismehl und einem Stück Rindfleisch. Die Reste gab es in den nächsten zwei oder drei Tagen. Am Montag wusch Ella draußen vor der Hütte die Kleidung in einem großen eisernen Kessel, der über einem offenen Feuer erhitzt wurde. Billy als der Älteste musste Zweige vom Johannisbrotbaum hacken. Es wurde auch von ihm erwartet, den Kessel mit Wasser zu füllen – eine schwere Aufgabe für einen Jungen seiner Größe und seines Alters. „William“, rief sie.
„Ja, Mama.“
„Geh zur Quelle und hole mir einen Eimer Wasser.“
Billy dachte daran, wie sehr der schwere Zederneimer auf seiner Schulter lastete, auch wenn dieser nur halb gefüllt war. Er tastete in seiner Tasche nach dem Stück Pfefferminzstange, das er in Papier gewickelt hatte. Dann suchte er seinen Bruder Edward und sagte: „Humpy“ – Billy nannte seinen Bruder häufig Humpy – „weißt du was? Ich lass dich an der Stange lutschen, bis ich bis zehn gezählt habe, wenn du dafür den Eimer Wasser für mich holst.“ Edward holte das Wasser gern und Billy belohnte ihn mit der Pfefferminzstange. Billy fing an zu zählen: „Eins, zwei, drei ... “ Edward, der so schnell lutschte, wie er konnte, beschwerte sich: „Nicht so schnell. Du zählst zu schnell. Fang noch einmal von vorne an.“ Billy fing noch einmal an und Edward durfte noch etwas länger lutschen. Dann wickelte Billy die Stange wieder ein und steckte sie in seine Tasche. Es gab montags noch andere Hausarbeiten zu erledigen, aber so lange die Zuckerstange hielt, konnte Billy die Freizeit genießen. Am Waschtag benutzte Ella eine lange, flache Stange aus Hickoryholz zum Umrühren der Kleidung im Waschkessel und zum Herausholen, wenn diese fertig gewaschen war. Sie bewahrte die Stange an einem Nagel innen an der Tür der Hütte auf. Die Stange hatte mehrere Funktionen. Ella benutzte sie zum Ausklopfen der Strohmatratzen und der Bettdecken. Charles nutzte sie auch zur Züchtigung. Manchmal, wenn einer der Jungen nicht brav gewesen war und eine Tracht Prügel erwartete, verschwand der Stab auf unerklärliche Weise. Charles schaffte es immer, auch ohne ihn auszukommen. Er benutzte statt dessen seinen Rasierriemen, der aus einem alten Gürtel gefertigt war oder aber den Ladestock seiner Flinte. Alle kleinen Branhams erhielten ihre „Erziehung“ im Holzschuppen, wo sie so schnell wie möglich um ihren Vater herumliefen, während dieser ihnen den Hosenboden versohlte. Charles nannte es „den Teufel aus ihnen heraustreiben“.
Einmal brütete Edward einen schelmischen Plan aus. „Billy“, sagte er, „Mama und Papa hacken im Garten. Wenn du reingehst und ein bisschen Zucker holst, hole ich die Cracker, und wir treffen uns dann in der Scheune.“ Für Billy hörte sich der Vorschlag ganz gut an. Ella bewahrte ihren braunen Zucker in einer Schachtel in der Hütte auf. Sie mischte ihn häufig mit Wasser, um Sirup für die Pfannkuchen zum Frühstück herzustellen. Billy huschte in die Hütte, holte eine große Handvoll Zucker heraus und bewegte sich in Richtung Scheune. Der Garten lag unten auf halbem Weg zwischen Haus und Scheune. Charles richtete sich von seiner Hacke auf und wischte sich die Stirn mit seinem rot-weiß-karierten Taschentuch. Er bemerkte, wie sein ältester Sohn daherkam, einen Arm in einer unnatürlich steifen Haltung, als ob er etwas verbergen würde.
Charles fragte: „Wohin gehst du, William?“
„Ich gehe in die Scheune.“
„Was hast du in deiner Hand?“
Billy dachte: „Oh nein“. Er versuchte sich herauszureden. „Welche Hand?“
Charles sagte: „Komm her.“
Billy hatte danach lange Zeit keine Lust mehr auf Zucker.
Ende August 1916 stopfte Ella alle ihre Matratzen mit neuem Stroh aus, nachdem eine dampfbetriebene Dreschmaschine die Getreideernte beendet hatte. An diesem Abend, kurz nachdem die Jungen in ihr Bett auf dem Dachboden geschickt worden waren, schrie Billy, wie von einer Tarantel gestochen, auf. Ella stürzte zur Leiter und rief: „Billy, was ist denn los?“
„Mama, da ist etwas bei mir im Bett.“
„Es ist nur ein Grashüpfer in dem neuen Stroh. Leg dich hin und schlaf.“ „Mama, ich kann nicht schlafen, wenn dieses Tier unter mir herumhüpft.“
Ella nahm ihre Öllampe in die Hand und stieg auf den Dachboden, sodass Billy genügend Licht hatte, um die Matratze zu öffnen, in dem frischen Stroh herumzuwühlen und den Übeltäter zu finden. Er ließ die Heuschrecke durch einen Spalt im Dach ins Freie.
Später lachte Ella über diese Episode, als sie sie Charles erzählte. Sie konnte ihrem Ehemann jedoch nicht mitteilen, wie sehr sie sich um Billy sorgte. Der Junge war in der letzten Zeit sehr gereizt und vertrug sein Essen nicht. Mehr als einmal hatte er sich im letzten Monat darüber beklagt, dass sein Magen nach dem Abendessen verstimmt war und dass er Magensäure aufstieß. War er nervös, weil er schon bald in die Schule kommen sollte? Oder beunruhigte ihn etwas anderes? Könnte es etwas mit dem Trinken seines Vaters zu tun haben?
Im September kamen Billy und Edward gemeinsam in die Schule. Billy war siebeneinhalb. Auch wenn er elf Monate älter war als sein Bruder Edward, hätten sie aufgrund ihrer Größe als Zwillinge durchgehen können; Edward war nur unmerklich kleiner als sein Bruder. Billy hatte keine Kleidung für die Schule. Den Sommer über war er barfuß und ohne Hemd herumgelaufen und hatte lediglich ein Paar geflickte und gestopfte Latzhosen getragen. Die Familie konnte sich keine neue Kleidung leisten, und so musste Ella improvisieren: Sie nahm den Mantel, den Charles zu ihrer Hochzeit getragen hatte, schnitt ihn zurecht und nähte daraus eine Hose. Charles kam mit weißen Socken und einem Paar gebrauchter Tennisschuhe nach Hause, die Billy kaum passten, und so war Billys Garderobe fertig.
Als Ella ihn für das neue Abenteuer fertig gekleidet hatte, sagte sie: „Fertig. Nun lass dich anschauen.“ Sie ging ein Stück zurück, um ihn besser sehen zu können. Seine nackten Rippen ließen ihn so klein und mager aussehen; und er sah so rückständig aus mit seinem zotteligen Haar, das ihm bis in den Nacken hing, seinen selbstgemachten Hosen und den Tennisschuhen, die bereits abgetragen waren, als er sie erhielt. Ella lächelte und sagte: „Na, wenn du nicht aussiehst wie ein ‚windiger‘ Kentuckianer.“ Sie hatte alles getan, was in ihrer Macht stand. Dennoch würde ihr ältester Sohn ohne Hemd in die Schule gehen müssen.
Also marschierten an einem kühlen Septembermorgen des Jahres 1916 Billy und sein Bruder Edward die Fluss-Straße entlang zur Utica Pike Schule, einem typisch ländlichen Schulhaus mit nur einem Raum, das inmitten der Hügel und mit Sicht auf den Ohio errichtet worden war. Frau Temple würde nun viele Jahre ihre Lehrerin sein. Sie unterrichtete alle acht Klassen, deren Schüler im Alter zwischen sechs und fünfzehn waren.
In der Schule lernte Billy mehr als Lesen, Schreiben und Rechnen. Plötzlich erweiterte sich sein Horizont. Als er in der Klasse saß, hatte er Zeit genug, sich mit den anderen Kindern zu vergleichen. Die Unterschiede waren himmelschreiend. Es waren Landkinder wie er selbst, aber die meisten hatten schöne Kleidung und passende Schuhe. Und sie alle hatten ein Hemd. Zum Mittagessen brachten die anderen Kinder Butterbrote mit und hatten Kuchen oder Kekse als Nachtisch dabei. Billy aß Bohnen, und manchmal hatte er gar kein Mittagessen. Er begann zu spüren, dass seine Familie arm war.
Von Anfang an wurde Billy von den älteren Jungen als Außenseiter gebrandmarkt. Sie nannten ihn den Maisfresser und zogen ihn wegen seines Hinterwäldler Akzents auf, der so typisch für die Bergbewohner von Kentucky ist; und sie lachten ihn aus, weil er so abgerissen aussah. Ein paar Wochen, nachdem die Schule angefangen hatte, beschlossen Billy und einige andere Jungen, einen Nachmittag damit zu verbringen, im „Eisteich“ hinter der Hütte der Branhams zu fischen. Sie nannten den Teich „Eisteich“, weil Herr Wathen jeden Winter Eisblöcke herausschnitt, diese in Sägemehl aufbewahrte und sie im Sommer dazu benutzte, seine Kühlboxen in der Molkerei zu kühlen. Billy war begeistert, dass ihn die anderen in ihre Pläne einweihten. Er war nicht nur ein begeisterter Angler, sondern er sehnte sich auch danach, „dazuzugehören“.
Nach der Schule rannte Billy nach Hause, um seine selbstgemachte Angel vom Dachboden zu holen. Seine Tennisschuhe passten nicht richtig, und er hatte ein schmerzhaftes Hühnerauge auf seinem großen Zeh. In der Schule hatte er sich ständig mit dem Hühnerauge beschäftigt. Jedesmal, wenn er den Fuß bewegte, schmerzte es so sehr, dass er seine Gedanken nicht auf die Schularbeit konzentrieren konnte. Jetzt jedoch, in seinem Eifer und seiner Begeisterung vergaß er seinen Schmerz. Er stürzte in die Hütte und hatte gerade einen Fuß auf die Leiter gesetzt, als er eine kräftige Hand auf seiner Schulter spürte. Sein Vater drehte ihn herum.
„Billy, ich habe heute Nachmittag eine wichtige Arbeit für dich. Ich möchte, dass du die Destille für mich mit Wasser füllst.“ Billys Herz und Glieder erstarrten. „Aber Papa, ich wollte heute Nachmittag mit meinen Freunden fischen gehen.“
„Du kannst morgen fischen gehen. Ich will heute Nacht eine Ladung Whiskey brennen und ich bin schon spät dran. Ich brauche genug Wasser, um die Spulen kühl zu halten. Du bist alt genug, um zu arbeiten, und ich brauche deine Hilfe. Die Eimer sind unten bei der Scheune, neben der Pumpe. Jetzt beeile dich und zieh dich um. Ich bin draußen beim Schuppen und bereite die Destillen vor.“
Langsam stieg Billy die Leiter hoch, wobei er den Kopf so drehte, dass sein Vater seine Tränen nicht sehen konnte.
„Und denk dran“, fügte Charles hinzu, „halte deinen Mund. Nicht ein Wort darüber zu irgendjemandem!“
„Ja, Papa.“
Obwohl die Prohibition erst 1919 offiziell in Kraft trat, hatten einige Staaten bereits seit 1906 Gesetze gegen den Alkoholkonsum. 1916 war Indiana bereits „trocken“. Charles konnte ohne seinen Whiskey nicht leben. Da er nicht genug Geld hatte, um ihn auf dem Schwarzmarkt zu erwerben, stellten er und sein Nachbar Dornbush illegal Whiskey im Schuppen hinter dem Haus her. Durch den Verkauf ihrer Restbestände an durstige Nachbarn sprang ein wenig Geld heraus, und sie hatten beschlossen, eine zweite Destillieranlage zu bauen. Heute wollten sie beide Destillen in Betrieb nehmen, und dafür musste alles bereit sein. Billy saß lange auf seiner Strohmatratze und spürte das Hühnerauge an seinem Fuß mit jedem Herzschlag pulsieren. Schließlich raffte er all seine Kraft zusammen. Mit großer Erleichterung riss er seine Schuhe von den Füßen. Dann schlüpfte er aus seiner Schulhose in seine alte Latzhose. Die Schulterriemen fehlten, und die Latzhose wurde jetzt von einer Schnur zusammengehalten; Nägel dienten als Knöpfe. Die Nägel schlüpften leicht durch die Knopflöcher im Latz, lösten sich jedoch nicht, wenn man sie seitwärts umbog. Dann „stützte“ er seinen Zeh ab, das heißt, er nahm einen Maiskolben und band ihn unter dem schmerzenden Zeh fest, um ihn aus dem Dreck herauszuhalten. Langsam kletterte er die Leiter hinunter und machte sich auf den Weg bergab zum Brunnen beim Schuppen. Zwei Sirupeimer warteten bereits neben der Pumpe. Billy pumpte sie beide voll. Jeder Eimer fasste eine halbe Gallone (ca. 2 Liter) Wasser, und er brauchte all die Muskeln seiner sieben Jahre, um sie an ihren wackeligen behelfsmäßigen Griffen hochzuheben.
Der Nachmittag war warm und absolut ruhig. Nicht ein Lüftchen bewegte das trockene gelbe Gras. Während Billy den Pfad hinaufging, hörte er Gelächter vom „Eisteich“ in der Nähe. Seine Kameraden waren bereits dort, angelten, alberten herum, hatten Spaß. Billys Enttäuschung entlud sich in einer Flut von Tränen.
Halben Weges, in der Nähe des Gartens, setzte Billy sich hin, um unter dem Schatten einer großen Silberpappel auszuruhen. Auf seinen staubigen Wangen hatten Tränen ihre Spuren hinterlassen. Er stöhnte: „Ist es nicht schrecklich? Alle anderen Jungen dürfen dort unten angeln, und ich muss zu Hause bleiben und Wasser schleppen!“ Er hörte ein Geräusch, als ob der Wind in den Blättern rausche – whoossssh. Aber Billy konnte keinen Lufthauch spüren. Er dachte: „Was ist das?“ – und sah sich um. Die Blätter, die sich gerade herbstlich färbten, standen absolut unbeweglich. Nirgendwo war auch nur der leiseste Windhauch zu spüren. Er schmollte weiter. „Die Väter der anderen tun so etwas nicht. Warum muss ausgerechnet ich Wasser zu diesen geheimen Destillen schleppen!“
Er hörte die Blätter wieder rauschen, stand auf und blickte in die Zweige hinauf, konnte aber keinerlei Bewegung erkennen. Er stieß noch einige Klagen hervor, nahm dann seine Eimer auf und machte sich wieder auf den Weg. Sein „hochgelegter“ Zeh hinterließ dabei eine merkwürdige Spur auf dem staubigen Pfad. Er hatte erst eine kurze Strecke zurückgelegt, als er das Geräusch wieder hörte – whoossssh – diesmal lauter als zuvor. Billy drehte sich um, und jetzt sah er es: Ein Wirbelwind bewegte sich in den Zweigen in halber Höhe des Baumes. Das war an sich nicht ungewöhnlich. Wirbelwinde waren im Herbst recht häufig. Er hatte sie schon oft durch die Felder rasen sehen, beobachtet wie sie trockenes Laub aufwirbelten und vor sich her trieben. Aber solche Wirbelwinde jagten immer in eine bestimmte Richtung, bewegten sich immer auf dem Boden. Dieser Wirbelwind schien an einem Ort gefangen zu sein. Fasziniert beobachtete Billy, wie sich die grünen, braunen und gelben Blätter bewegten und drehten. Plötzlich erscholl eine Stimme aus dem Baum – eine tiefe, klangvolle Stimme, die sagte: „Trinke oder rauche niemals, und beflecke deinen Leib in keiner Weise! Denn es wird ein Werk für dich zu tun sein, wenn du älter wirst.“
Billy hörte diese Worte so klar, als ob sein Vater sprechen würde; aber es war nicht die Stimme seines Vaters. Er hatte eine so ehrfurchtgebietende Stimme nie zuvor gehört. Er ließ die Eimer fallen, rannte in die Hütte und schrie dabei aus voller Kehle.
Ella fing ihn in ihren Armen auf. „Billy, was ist los? Hat dich eine Schlange gebissen?“ Sie dachte, dass ihr Sohn im Garten vielleicht auf eine Mokassin-Schlange, eine in diesem Landstrich häufig anzutreffende Giftschlange, getreten sei.
„Nein, Mama“, stammelte er und deutete nach unten in den Garten. „Da ist ein Mann in dem Baum dort unten.“
„Oh, Billy, Billy, hör auf! Hast du dich ausgeruht und bist eingenickt?“ „Nein Mama, dort ist ein Mann in dem Baum und er sagte mir, nie zu trinken oder zu rauchen.“ Ella lachte darüber. Sie umarmte ihren Sohn, küsste ihn auf die Stirn und versuchte, seine Nerven zu beruhigen. Aber Billy blieb hysterisch und wollte sich nicht beruhigen. Sie brachte ihn ins Bett und eilte dann zum nächsten Nachbarn, der ein Telefon hatte und rief einen Arzt. Nachdem er die Geschichte gehört hatte, sagte der Arzt: „Der Junge ist nur nervös. Er wird darüber hinwegkommen.“ Billy wiederholte seine Geschichte beim Abendessen. „Dort ist ein Mann in diesem Baum, und ich habe gehört, was er mir gesagt hat. Ich werde niemals wieder dort vorbeigehen.“ Und daran hielt er sich. Von diesem Tage an vermied er es an der Pappel vorbeizugehen, wenn er zur Scheune musste, und ging außen um den Garten herum.
Zwei Wochen später spielten Billy und Edward vor der Hütte mit Murmeln unter dem Apfelbaum, als Billy plötzlich etwas Sonderbares über sich kommen spürte – einen Druck, der seine Haut in Schwingung versetzte, als ob eine Art unsichtbarer Energie ihn umgäbe. Er schaute nach oben. Irgendwie schien der Ohio näher zu sein als zuvor. Als Billy flussabwärts nach Jeffersonville blickte, änderte sich die wilde Landschaft vor seinen Augen. Eine Brücke formte sich vom Ufer aus und überspannte den Fluss Stück für Stück, als werde sie im Zeitraffer erbaut. Nicht etwa eine Brücke, wie die flache, niedrige, die sie auf ihrem Weg nach Indiana überquert hatten. Es war eine gewaltige Brücke mit einem großen eisernen Überbau. Billy hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Als er genauer hinsah, bemerkte er, dass hoch oben auf den Aufbauten Männer arbeiteten. Dann sah er, wie ein Brückenbogen brach. Die Männer fielen im Zeitlupentempo von der Strebe. Billy zählte sie, als sie fielen. Er sah 16 Männer in dem trüben Wasser verschwinden. Billy ließ seine Murmeln fallen und rannte, unkontrolliert schreiend ins Haus. Ella bemühte sich nach Kräften, ihn zu beruhigen. Als er schließlich seine Geschichte erzählen konnte, sagte sie: „Billy, das hast du nur geträumt.“
Aber Billy bestand darauf: „Nein, Mama. Ich hatte dieses komische Gefühl, und dann sah ich zum Fluss und habe es genau gesehen. Ich habe es gesehen. Oh Mama, ich habe Angst!“
Charles äußerte seine Meinung: „Der Junge ist nur nervös, wie der Arzt gesagt hat.“
Aber Ella war sich nicht so sicher. Sie erinnerte sich an den Tag vor vier Jahren, als Billy ihr mit kindlicher Stimme gesagt hatte, dass sie in der Nähe von New Albany leben würden. Und das war seltsamerweise wahr geworden. Eine Brücke über den Fluss? Sechzehn Männer kommen ums Leben? Was wäre, wenn dies eines Tages wahr werden würde? Ella schrieb diesen Vorfall auf und dachte dabei: „Wir werden sehen.“